Rauschlos glücklich - Vlada Mättig - E-Book

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Vlada Mättig

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Beschreibung

Freiheit, Selbstbestimmtheit, Authentizität: Die Sobriety-Mentorinnen Vlada Mättig und Katharina Vogt über das Glück, ohne Alkohol zu leben und sich selbst treu zu sein. Weil wir das Leben auch ohne Alkohol feiern können! Ein Leben ohne Alkohol scheint heute für viele nicht vorstellbar: Trinken bedeutet Spaß haben. Alkohol schafft Entspannung. Und das Feierabendbier gehört nach einem stressigen Tag automatisch dazu. Oder? Doch wann schlagen die vermeintlich positiven Eigenschaften des Alkoholkonsums ins Gegenteil um? Wann wird "ein Gläschen" zur Sucht? Und wie befreit man sich von der Vorstellung, Alkohol gehöre zwangsläufig zu einem lustigen Abend dazu? Vlada Mättig und Katharina Vogt sind Freundinnen seit Kindheitstagen und kennen die Schattenseiten des Alkoholkonsums. Heute haben sie beide ihren Weg gefunden und leben ein nüchternes, befreites und vor allem selbstbestimmtes Leben. Als Sobriety-Mentorinnen beraten sie regelmäßig Menschen, die Abhängigkeit gegen Freiheit tauschen möchten. In diesem Buch erzählen sie von ihren eigenen Erfahrungen und machen Mut, sich auf das Abenteuer Nüchternsein einzulassen. Denn den Alkohol wegzulassen, bedeutet keinen Verzicht, es ist ein Schritt in ein neues, unabhängiges und vor allem freies Leben! Weil wir ohne Alkohol so viel freier und selbstbestimmter leben können!

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MOBI

Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Vlada Mättig / Katharina Vogt

Rauschlos glücklich

Auf die Freundschaft und das Leben ohne Alkohol

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Noch immer gilt Alkoholkonsum als cool, gesellig und als Ausdruck von Lebensfreude. Trinken bis zum Filmriss erfährt Anerkennung, Feiern ohne Alkohol hingegen wirkt verdächtig. Vlada Mättig und Katharina Vogt sind Freundinnen seit Kindheitstagen. Sie haben am eigenen Leib erfahren, was Alkohol anrichten kann. Dieses Buch erzählt die Geschichte ihrer Freundschaft, die den Alkohol bezwungen hat – und es macht Mut, sich Konventionen und Gruppenzwang entgegenzustellen und die eigene Freiheit zu verteidigen. Empowerment für alle, die selbstbestimmt und nüchtern leben wollen.

Inhaltsübersicht

Freundschaft

Vorwort

1. Auf die Freundschaft

2. Auf der Suche in anderen Ländern

3. Warum ich dachte, dass mir das niemals passieren könnte, oder: Ich bin keine Alkoholikerin

4. Beziehungsstatus: (Selbst-)Abhängig

5. Eltern sind auch nur Menschen

6. Wie wichtig es ist, Grenzen zu ziehen und Bedürfnisse zu äußern

7. Wo waren all die Jahre meine Gefühle?

8. Der schöne Schein – Partyjahre in Berlin

9. Brainfuck – was Alkohol in unserem Gehirn anstellt

10. Warum ich meine beste Freundin nicht auf ihren Konsum ansprach

11. Klinik und Entzug – eine krasse, aber heilsame Erfahrung

12. Wie bin ich eigentlich nüchtern geworden?

13. Elf Schritte, die du gehen kannst, um mit dem Trinken aufzuhören

14. Wie es sich anfühlt, nüchtern zu leben

15. Warum wir nicht viel vom »kontrollierten Trinken« halten

16. Warum mir heute noch Alkohol angeboten wird

17. Worum es uns bei unserer Arbeit geht

18. Emotionale Abhängigkeit – ein wichtiges Kapitel geht zu Ende

19. Wie du nüchtern bleibst und deinem Herzen folgst

Schlusswort

Danksagung

Buchempfehlungen

Freundschaft

 

In Knospen einer frühen Verbindung

verrann in unserer Kinderhand die Zeit.

Aus Knospen sollten später Blumen erblühen.

Lächelnd schmerzende Bäuche halten,

um zwischendrin die Tränen zu trocknen.

Im Wandel der Zeit beginne ich zu begreifen,

für dich verliere ich mich nicht.

Dein schönes Herz in meinen Händen haltend.

Der ständige Begleiter meiner Zeit.

Will dich für immer bei mir tragen,

in unserer begrenzten Ewigkeit.

 

Paris, 2013

Vorwort

Wir haben dieses Buch für dich geschrieben und natürlich auch für uns. Letztendlich haben wir es für uns alle geschrieben. Wir glauben an die Freiheit, an die Leichtigkeit, und vor allem glauben wir daran, dass wir leben dürfen, und zwar voll und ganz. Wir glauben daran, dass jeder Mensch Verbindung sucht und dabei in erster Linie eine Verbindung zu sich selbst. Leider suchen wir oftmals im Außen, denn wir haben vergessen, dass die Ruhe und Kraft in uns liegen. Wir definieren uns über Leistungen, über Abschlüsse, suchen uns in Partnerschaften, auf Partys, im Rausch und hoffen darauf, dass Alkohol uns Leichtigkeit verschafft, uns entspannt oder selbstbewusster macht und uns dabei unterstützt, eine Verbindung zu uns und anderen herzustellen oder etwas zu vergessen.

So ging es uns beiden zumindest eine gewisse Zeit lang. Uns hat niemand wirklich erzählt, was Alkohol so anrichten kann, und wir glaubten, er gehöre zu unserem Leben einfach mit dazu, zum Erwachsensein. Und dabei haben wir nach und nach die Verbindung zu uns selbst verloren, bis wir darauf gekommen sind, dass Alkohol einen erheblichen Anteil daran haben könnte. Das kann schneller passieren, als die meisten von uns meinen. Wir dachten, dass wir Verbindung und Nähe mithilfe von Alkohol herstellen können, indem wir feiern, bei einer Flasche (oder zwei) am Abend gemeinsam am Küchentisch sitzen und über Gott und die Welt philosophieren, um am nächsten Morgen die Hälfte unserer Geschichten wieder vergessen zu haben. Wir haben unsere ersten Küsse verpasst, weil wir einen sitzen hatten. Und wir haben geglaubt, wenn Alkohol zu unserer Gesellschaft gehört, unsere Eltern und unser Umfeld wie selbstverständlich Alkohol trinken, muss dieser auch zum Erwachsenwerden dazugehören. Schade war nur, dass wir uns dadurch oftmals von uns selbst abgeschnitten haben. Von unseren Gefühlen, von unserem Körper, von unseren Ängsten, aber auch von unseren Träumen.

Dieses Buch ist eine Liebeserklärung an die Nüchternheit. An die unendliche Freiheit, die wir dadurch gewonnen haben, auch wenn wir im gesellschaftlichen Kontext (noch) aus der Reihe tanzen. Das taten wir allerdings schon immer gern und das macht unser Leben, unsere Freundschaft und unsere Arbeit aus. Wir wünschen uns eine Veränderung. Wir wünschen uns, dass wir ein Bewusstsein dafür schaffen können, was Alkohol eigentlich wirklich ist und was er im eigenen Leben ganz schleichend anrichten kann. Aber noch viel mehr wünschen wir uns, dass wir als Gesellschaft lernen, Nüchternheit zu feiern und das eigene Leben wertzuschätzen, ohne das Gefühl zu haben, uns bei jeder sich bietenden Gelegenheit betäuben zu müssen. Wir glauben an dich, denn wir glauben an uns. Wir glauben aus tiefstem Herzen daran, dass ein nüchternes Leben Freiheit und Selbstbestimmtheit bedeutet. Woran wir dagegen nicht glauben, sind Labels und Stigmata. Wir glauben auch nicht daran, dass es die einen und die anderen Menschen gibt. Es gibt uns! Unsere Körper sind auch nicht dazu gemacht, permanent mit Ethanol vergiftet zu werden. Sie sind tatsächlich ein ziemlich krasses Meisterwerk und damit auch ein Geschenk an uns, denn sie halten ziemlich viel aus. Dafür sollten wir viel dankbarer sein. Wir sind auf die Welt gekommen, um zu leben, und zwar mit klarem Kopf und klarem Verstand. Das soll alles andere als platt klingen, vielmehr zum Nachdenken anregen.

 

Wir haben unzählige Kater erlebt. Du vielleicht auch. Und vielleicht ist es irgendwann einmal auch für dich ein Kater zu viel gewesen und du möchtest etwas ändern. Das ist wundervoll und es ist wundervoll, dass wir dich mit auf unsere Reise in ein nüchternes und selbstbestimmtes Leben nehmen dürfen. Wir erzählen unsere Geschichte(n), die so unterschiedlich, aber gleichzeitig auch so ähnlich sind. Dieses Buch soll dir deine Entscheidung offenhalten, denn du darfst wählen, wie du dein Leben lebst. Du musst dich nicht als Alkoholiker*in betiteln und du kannst auch aufhören, die Frage »Ab wann bin ich Alkoholiker*in?« in die Google-Suchmaske einzugeben, denn das ist wenig hilfreich. Niemand kann dir sagen, ab wann genau du abhängig bist, aber wenn dein Bauchgefühl dir sagt, dass du womöglich zu viel Alkohol trinkst, dann ist das auch so. Und das Gute an der ganzen Sache ist, dass du damit aufhören kannst. Du musst nicht erst warten, bis es richtig, richtig schlimm wird. Du musst auch nicht krampfhaft versuchen, deinen Alkoholkonsum zu kontrollieren. Du darfst einfach aufhören und dabei möchten wir dich gerne begleiten.

In diesem Buch schreiben wir darüber, wie wir angefangen haben zu trinken, was wir über uns gelernt haben und wie wir schlussendlich wieder damit aufgehört haben. Zwischen nicht trinken und abhängig werden oder sein liegen unendlich viele Graustufen. Nur, weil du vielleicht noch keine körperlichen Entzugserscheinungen hast, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass deine Beziehung zu Alkohol gesund ist. Wir möchten dir mitgeben, dass du dir selbst und deinem Bauchgefühl vertrauen darfst und dass du ein Leben wählen darfst, das dir voll und ganz entspricht und in dem du dich wohlfühlst. Falls du Bedenken haben solltest, dass ein nüchternes Leben stinklangweilig sein wird und du deinen kompletten Freundeskreis sowie jegliche sozialen Kontakte verlieren könntest, dann können wir dich auch hier beruhigen, denn genau diese Ängste hatten wir auch. Das nüchterne Leben, das wir heute leben, wäre für unser trinkendes Ich eine absolute Horrorvorstellung gewesen. Doch der Blick auf dein Leben ändert sich, sobald du wieder eine Verbindung zu dir selbst und deinen Wünschen aufbaust. Du wirst dich an dein nüchternes Leben gewöhnen und wirst dich bei dieser Gelegenheit auch gleich neu erfinden können.

Nüchternheit bedeutet für uns, das Leben zu leben, das wir geschenkt bekommen haben. Mit allen Höhen und Tiefen, denn Nüchternheit bedeutet auch, dass du dich auf dich und deine Gefühle einlassen darfst. Es bedeutet, dass du okay bist, so, wie du bist, mit allem, was du mitbringst.

Wir wollen in unserem Buch den Schleier heben, den der Alkohol oft hinterlässt und hinter dem wir uns häufig zu verstecken versuchen. Denn das, was Alkohol uns all die Jahre versprochen hat, hat er so gut wie nie gehalten. Es war immer nur eine Illusion und wir haben sie lange genug geglaubt, bis wir aufgewacht sind und erkannt haben, was Alkohol wirklich ist und was er aus unserem Leben macht. Wir sind nicht hier, um zu verurteilen und mit erhobenem Zeigefinger herumzulaufen. Wir haben unsere Geschichten und du hast deine. Jeder von uns ist einzigartig und wir maßen uns nicht an, mehr über dein Leben zu wissen als du selbst. Dies ist unsere Geschichte und wir können nur hoffen, dass sie dich zum Nachdenken anregt, dass sie dich berührt und dass du für dich eine Entscheidung triffst. Wir sind nicht anders als du, wir haben vielleicht nur eine andere Entscheidung getroffen und für uns einen anderen Weg gewählt. Wir haben uns entschieden, unsere Geschichte zu teilen, in der Hoffnung, dass wir einen Dialog beginnen können, dass wir Licht ins Dunkel bringen, dass wir das Thema missbräuchlicher Alkoholkonsum aus der Schmuddelecke bringen können, denn es betrifft so viel mehr Menschen, als wir zu glauben wagen. Es ist wichtig, schwierige Themen anzusprechen, vor allem wenn es um unsere Gesundheit und letztendlich unser Leben geht.

Vielleicht sind unsere Ansichten nicht sonderlich populär und sie werden sicherlich auch von einigen nicht gemocht, doch das ist okay. Denn dieses Buch ist für Menschen, die sich dieselben Fragen stellen, die wir uns gestellt haben, die mehr wissen wollen, die beginnen nachzufragen und hinzuschauen. Und vor allem ist dieses Buch für dich, wenn du eine Reise zu dir selbst antreten und dich auf das Wagnis Nüchternheit einlassen möchtest, denn du bist nicht allein. Es gibt so viele Menschen wie dich und uns, die genau dieses Thema haben, die glauben, etwas wäre falsch mit ihnen, weil sie Alkohol eben nicht vertragen, und die das Gefühl haben, dass ihr Konsum außer Kontrolle gerät. Denn schnell vergessen wir, dass Alkohol eine abhängig machende Substanz ist. Das sagt uns nur selten jemand.

Dieses Thema betrifft Jung und Alt, Reich und Arm, Dick und Dünn und zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Wir finden, es ist an der Zeit, ein Tabu zu brechen und genau darüber zu reden – in einer Art und Weise, die dir keinen Stempel auf die Stirn drückt, sondern dir vielmehr Mut macht und dir Stärke gibt, denn in jedem von uns stecken die Ressourcen, um ein nüchternes und freies Leben zu führen. Du bist die Expertin/der Experte für dein Leben und in dir steckt alles, was du brauchst, um dich für dich selbst und deine Freiheit zu entscheiden. Und wenn du das Label Alkoholiker*in nicht haben möchtest, dann nimm es nicht. Wir sind Katharina und Vlada, das ist alles, was wir für unsere Nüchternheit brauchen.

1. Auf die Freundschaft

Katharina und ich kennen uns seit der ersten Klasse. Das sind heute so um die 30 Jahre. Und genauso lange sind wir auch schon miteinander befreundet. Wir teilten sowohl die guten als auch die schlechten Zeiten und vor allem teilten wir gemeinsam viele Flaschen Wein. Eigentlich sind wir so unterschiedlich wie Tag und Nacht und vielleicht macht gerade das unsere Freundschaft aus. Ich hatte immer einen ziemlichen Zug drauf und musste mich bei Trinkgelagen selten übergeben. Katharina wollte mitziehen, schaffte es jedoch in den meisten Fällen nicht, was aus heutiger Sicht wohl eher von großem Vorteil war.

Der Tag unserer Einschulung: Unsere Zuckertüten liegen nebeneinander. Unsere Sitzplätze befinden sich in der Fensterreihe ganz hinten rechts vom Lehrertisch aus betrachtet. Doch erst Jahre später werden wir darüber nachdenken, dass wir uns eigentlich schon seit dem ersten Tag der ersten Klasse kennen. Wir feiern Kindergeburtstage gemeinsam, spielen im Hort miteinander, wachsen zu jungen Mädchen heran. Katharina trägt liebend gern einen mit weißen Rüschen besetzten Pullover mit Gänsemotiv, hat kurz geschorene Haare und einen Rattenzopf. Ich liebe meine weißen Lackschuhe und habe meinen zusammengebundenen Pferdeschwanz meist nicht unter Kontrolle, meine Haare stehen in alle Richtungen ab.

 

Wenn ich heute meine Augen schließe, sehe ich die kleine Vlada immer noch vor mir am Tag unserer Einschulung. Sie hatte ein gelbes Kleid an, die langen Haare zum Zopf gebunden und ihr Gesicht war gesäumt von kleinen kräuseligen Locken. Bis heute liebe ich ihr Haar, nur lässt sie es mich fast nie anfassen. Wir wuchsen in einem kleinen Dorf auf. Ein Mädchen namens Vlada fiel auf. Vladas Mama kommt aus Moskau, aus dem fernen Russland. Ich hatte als kleines Mädchen keine Vorstellung von Russland, aber es machte Vlada zu jemand Besonderem. Ich wollte auch besonders sein, nur war ich ein paar Kilometer weiter in einem kleinen deutschen Stadtkrankenhaus geboren. Vlada dagegen war etwas Besonderes, doch leider sahen manche Mitschüler das anders oder mochten sie genau deswegen weniger.

Wir flochten Bänder, erzählten uns Gruselgeschichten und hörten die Musik unserer Lieblings-Boybands. Vlada liebte The Kelly Family und ich Caught in the Act. Nach den ganz kurzen Haaren hatte ich einen Topfschnitt mit einer blonden rausgewachsenen Strähne und trug das Gesicht meines Lieblingssängers wie einen Talisman um meinen Hals. An Wochenenden verbrachten wir Mädels gemeinsame Abende und feierten Übernachtungspartys mit Gläserrücken und allem, was dazugehört. Uns war damals natürlich nicht klar, was das für Folgen haben könnte. Noch weniger war uns klar, dass uns Alkohol einmal gefährlich werden könnte. Wir waren eben ganz normale 90er-Kinder.

Wir schütteten uns gegenseitig unsere Herzen aus und eines Nachts machten wir einen Liebeszauber und schrieben zwei Jungennamen auf ein Pergamentpapier, das wir dann in einem nahe gelegenen Bach versenkten. Nur leider hatten wir ein paar Jahre später die Namen vergessen, die wir daraufgeschrieben hatten. Nichtsdestotrotz machten wir weiter und wurden erwachsen. Unabhängig voneinander probierten wir unseren ersten Schluck Alkohol.

 

Meinen ersten offiziellen Schluck Alkohol nahm ich, Katharina, zu mir, als ich so rund acht oder neun Jahre alt war. Meine Familie und ich waren im Urlaub an der Mosel. Die Mosel ist gesäumt von Weinhängen und somit tranken meine Eltern fast jeden Abend Wein aus der Region. Eines Abends saßen meine Eltern, meine Schwester und ich draußen in der Sonne zum Abendbrot zusammen und unsere Eltern ließen uns einen Schluck »Kröver Nacktarsch« probieren. Ich kann mich noch gut daran erinnern, denn der Name des Weines brachte meine Schwester und mich zum Lachen. Wir beide nippten am Weinglas unserer Eltern. Ich glaube, ich mochte den Wein nicht sonderlich. Meine Eltern haben nach diesem einen Schluck auch nicht mit uns über Alkohol gesprochen oder die Folgen davon aufgezeigt. Persönlich kann ich mich nicht daran erinnern, jemals mit meinen Eltern über Alkohol gesprochen zu haben, erst seitdem ich nüchtern lebe. Worüber meine Eltern mich aber durchaus aufgeklärt haben, ist das Rauchen, denn leider mussten beide mit ansehen, wie ihre Väter, meine Großväter, im Alter an den Folgen ihres jahrelangen Zigarettenkonsums litten. Für sie war klar, Rauchen ist gefährlich, bei Alkohol war ihnen das weniger klar. Es war damals einfach so, Alkohol ist für Erwachsene, wir waren noch Kinder und somit durften wir keinen Alkohol trinken.

Doch dieser Schluck war, um ehrlich zu sein, nicht mein erster wirklicher Schluck Alkohol, denn ein paar Jahre zuvor hatte ich schon einmal heimlich am Bier meines Papas genippt. Es war, glaube ich, an einem Sommertag am späten Nachmittag oder frühen Abend. Ich spielte mit Freunden auf der Terrasse unseres Hauses, als mein Papa mit einer Bierflasche in der Hand herauskam. Er trank früher gern ein Feierabendbier. Es war für mich also kein ungewöhnliches Bild. Er stellte das Bier auf der Terrasse ab und verschwand in seiner Werkstatt. Die Neugierde überkam sowohl mich als auch meine Freunde. Schnell huschten wir zu der Bierflasche, rochen daran und jeder nahm einen kleinen Schluck. Ich fand es einfach nur fürchterlich. Es schmeckte bitter und eklig. »Wie kann er das nur gern trinken?«, fragte ich mich damals. Auch meine Freunde verzogen das Gesicht: »Bäh, das schmeckt ja widerlich!« Ein paar Minuten später kam mein Papa zurück, nahm sein Bier in die Hand und verschwand wieder in seiner Werkstatt. Wir ließen uns nichts anmerken. Interessanterweise sollte Bier Jahre später auch mein alkoholisches Lieblingsgetränk werden. Ich weiß nicht, ob das Feierabendbier meines Vaters da einen Einfluss auf mich und meine spätere Vorliebe hatte.

 

Was mich, Vlada, betrifft: Ich für meinen Teil habe keine Erinnerung mehr daran, wie mir mein erster Schluck Alkohol geschmeckt hat, deswegen ist meine Erinnerung dahingehend weder positiv noch negativ besetzt. Ich habe sowohl meine Eltern als auch ihren Alkoholkonsum lange Zeit nicht infrage gestellt. Alkohol gehörte einfach mit dazu und machte Erwachsene manchmal eben etwas lustiger.

 

Die Jahrtausendwende feierten wir gemeinsam in unserer Mädelsclique, damals alle so um die 14 Jahre alt, bei Vlada zu Hause. Wir hatten sturmfrei und ich hatte mir fest vorgenommen, endlich einmal eine Nacht durchzufeiern, denn davor war ich bei Übernachtungspartys immer eingeschlafen. Natürlich war Alkohol mit dabei, so eine Jahrtausendwende muss schließlich ordentlich begossen werden. Wir verkleideten uns und schossen komische Bilder voneinander, noch auf Farbfilm, den wir Wochen später erst entwickeln ließen und der das Ausmaß des Abends erahnen lässt. Wir waren gut drauf. Ich glaube, ich landete mal wieder über der Kloschüssel. Am Ende bin ich doch wieder eingeschlafen, aber erst nachdem das neue Jahrtausend begann. Die Welt ging damals, wie wir heute wissen, nicht unter und Vlada und zwei andere Freundinnen rodelten freudig am 1. Januar in aller Herrgottsfrühe die Dorfstraße hinunter, während wir anderen noch unseren Rausch ausschliefen. Willkommen im 21. Jahrhundert.

 

Kathi fing das Rauchen an und hörte bald auch wieder damit auf. Ich zog auf einer Party an einer Zigarette, hatte davor süßen Sekt getrunken und übergab mich daraufhin jämmerlich. Das hinderte uns allerdings nicht am Weitertrinken. Heute stellen wir uns durchaus die Frage, warum wir das getan haben. Warum überhörten wir die Anzeichen unseres Körpers, der uns eigentlich ganz klar zu vermitteln versuchte, dass er an einer Vergiftung litt und das Zeug wieder aus seinem Inneren herausbekommen wollte?

 

Dabei müssen wir nicht mal elendig über der Kloschüssel hängen – jeder Rauschzustand ist an sich schon ein fortgeschrittenes Zeichen von Alkoholintoxikation (Vergiftung). Das gilt auch für die harmlos als Kater verkleidete Grübelei, wenn wir mal wieder morgens um drei Uhr schweißnass wach liegen und fieberhaft versuchen, die Bruchstücke des letzten Abends zusammenzubekommen. Wer hätte gedacht, dass diese Angst-/Panikreaktion oder generellen Depressionssymptome eigentlich nur die unverdaulichen Überreste einer gesellschaftlich anerkannten, öffentlich zelebrierten Alkoholvergiftung sind? Sogar die ja irgendwie noch als positiv oder erwünscht empfundenen Nebeneffekte des Beschwipst-unterwegs-Seins, bei dem sich plötzlich alles leichter anfühlt, alle Sinne irgendwie geschärfter wirken oder wir uns in ausgelassene Albernheit bis hin zur ausgewachsenen Euphorie hineinsteigern, sind eigentlich nur die hilflosen Zeichen eines vergifteten Organismus.1

Warum machten wir also einfach weiter damit, ohne die Substanz infrage zu stellen? Wir wären ja als 14-Jährige auch nicht auf die Idee gekommen, uns mal kurz eine Nase Koks reinzuziehen oder uns eine Spritze Heroin zu setzen. Klar ist das ein provokanter Vergleich und er mag vielleicht auch etwas hinken, denn wo hätten wir in dem Alter diese illegalen Drogen herbekommen sollen. Doch ganz so unrealistisch ist das Szenario gar nicht: So zeigt beispielsweise die Studie zur Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland von 2019, dass jeder zehnte Jugendliche zwischen 12 und 17 Jahren schon einmal illegale Drogen konsumiert hat. Bei Alkohol in derselben Altersklasse sind es übrigens 63,4 Prozent. Warum bewerten wir Alkohol anders?

Wenn man zum Beispiel morgens am Kiosk vorbeigeht und zufällig eine Schlagzeile liest, in der von 1400 Rauschgifttoten in Deutschland im Jahr 2019 die Rede ist, von denen mehr als die Hälfte Heroin im Blut hatte, kann man das weiße Zeug schnell als krass gefährlich abstempeln und will lieber nichts damit zu tun haben. Deutlich länger muss man dagegen nach den Zahlen suchen, wie viele Tote unser Alkoholkonsum in Deutschland jährlich fordert. Wer will schließlich so genau wissen, dass der Alkohol, den wir da alle so munter in uns hineinkippen, im Jahr 2019 zu 74 000 Todesfällen – das sind 203 täglich – geführt hat, die Opfer von Straßenverkehrsunfällen, bei denen Alkohol mit im Spiel war, sind da noch nicht einmal mit eingerechnet. Alkohol ist akzeptiert und legal. Er wird auch nicht als eine Droge betitelt, so wie beispielsweise Cannabis oder Ecstasy, obwohl er genauso gefährlich und abhängig machend ist. Vielleicht liegt die wahre Gefährlichkeit von Alkohol im Vergleich zu den sogenannten »harten« Drogen, wie Koks oder Heroin, vor allem in seiner fehlenden Abschreckung in unserem täglichen Leben da draußen. Während wir bei Heroinabhängigkeit sofort eine Mischung aus »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« und dem abgewrackten Junkie unter der nächsten Brücke im Kopf haben, kriegen wir Alkohol an jeder Ecke in seiner marketingtechnisch vorteilhaftesten Aufmachung und als harmloses Allheilmittel zur Glückseligkeit angeboten.2 Es sind übrigens weltweit mehr Menschen von Alkohol abhängig als von irgendeiner anderen Droge – 2016 waren es laut einer in dem medizinischen Fachjournal The Lancet veröffentlichten Studie insgesamt rund 100,4 Millionen Menschen weltweit.3

Ist das etwa tatsächlich nur eine Frage der Tradition und der Kultur?

Deutschland zählt bezüglich seines Pro-Kopf-Verbrauchs an reinem Alkohol (12,9 Liter im Jahr 2018) stabil zu den Top 10 aller Länder der Welt. Doch auch ohne abstrakte Zahlen brauchen wir unseren Alltag nur mal durch den Filter der Alkoholverfügbarkeit zu betrachten. Zumindest in den Großstädten haben wir das Zeug 24/7 vor der Nase. Aber auch in der ländlichsten Gegend kurz vor Hintertupfingen zelebrieren wir Deutschen vom traditionellen Dorffest und süffiger Vereinsmeierei über den üblichen Feierabend- und Feiertagskonsum bis zum geselligen Beisammensein am Wochenende alles mit Hochprozentigem. Und zur Not geht so ein Wochenende schon mal am Mittwochabend los und dauert bis Dienstag. Wenn es nach dem handelsüblichen Kater geht, für den man sich nach einem erfolgreich angesoffenen Partyrausch am Montag wahrscheinlich sogar noch von den Kollegen als Held*in weiterfeiern lassen kann, hilft es sowieso am besten, den Pegel immer schön zu halten. Weiß man doch! Deswegen gibt’s auch kaum einen Kindergeburtstag, keine Adventsfeier im Altenheim, keine Hochzeit, keine Beerdigung, keine Beförderung und keine Abrissparty ohne Freund Alkohol als heimlichen Lieblingsgast. Nur keine Gelegenheit auslassen. Selbst die Politik macht da keine Ausnahme, der Alkoholausschank und -verkauf ist bis auf das Jugendschutzgesetz null reglementiert, die Werbung darf fröhlich weiter ihre berauschten Glücksversprechen in die sowieso schon durchtränkte Menge posaunen. Dafür klingeln die Kassen der Alkoholindustrie viel zu süß, um sich freiwillig einschränken zu lassen. Wir wollen uns ja schließlich auch mal was gönnen! Und wenn es was zu feiern gab, hat Papa doch schon immer den guten Roten aus dem Keller geholt.4

Apropos Eltern! Warum haben die uns eigentlich nie über Alkohol aufgeklärt? Gehören ein fetter Kater und kotzend über der Kloschüssel zu hängen tatsächlich zum Erwachsenwerden dazu? Vor allem jetzt, seitdem wir nüchtern leben, wird uns immer klarer, dass die große Mehrheit nicht über Alkohol aufgeklärt ist – unsere Eltern eingeschlossen!

 

Katharina und ich klauten regelmäßig heimlich kleine Schnapsflaschen aus dem Alkoholregal ihrer Mutter, ihres Vaters und meiner Eltern. Natürlich verbindet uns nicht nur der Alkohol, uns verbindet viel, viel mehr. Aber der Alkohol nahm für eine gewisse und ausschlaggebende Zeit eine ziemlich große Rolle in unserem Leben ein. Er begleitete unsere Freundschaft. Als junge Mädchen machten wir uns noch recht wenig Gedanken über unseren Konsum. Unsere Eltern erklärten uns nicht wirklich, was Alkohol tatsächlich bewirken kann, denn sie wussten es, wie schon angedeutet, sicherlich auch nicht besser. Also klauten wir weiterhin die alkoholischen Getränke unserer Eltern und dachten uns nichts weiter dabei.

Eines oder besser gesagt das Einstiegsgetränk für uns waren übrigens Alcopops. Alcopops, das sind Mischgetränke aus Alkohol und Limonade, waren vor allem Ende der 90er- und Anfang der 2000er-Jahre bei Jugendlichen sehr beliebt. Meist enthalten sie Unmengen an Zucker, um den bitteren Alkoholgeschmack zu übertünchen, und sie wurden unter anderem auch deswegen gekauft, da wir an das richtig harte Zeug »noch« nicht rankamen. Alcopops sind wirklich eine marketingtechnisch »hervorragende« Erfindung, denn durch ihren süßlichen Geschmack bekamen wir gar nicht mit, dass jede Flasche rund 5,5 Prozent Alkohol enthielt, was übrigens rund 12 g Alkohol beziehungsweise einem Bier entspricht. Es war quasi der Wolf im Schafspelz, ganz unschuldig und süß kamen sie daher. Übrigens empfiehlt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen nicht mehr als 12 g Alkohol für Frauen und 24 g für Männer pro Tag, wobei zwei Tage in der Woche überhaupt nicht konsumiert werden sollte. Diese Angaben sind jedoch für Erwachsene! Wir waren gerade mal am Anfang unserer Pubertät, als wir begannen, Alcopops zu konsumieren, und wir tranken auch immer mehr als eine Flasche, wenn wir unterwegs waren.

Jugendlichen wird übrigens empfohlen, gar keinen Alkohol zu trinken, ach nein! Jedenfalls gewöhnten sich unsere Körper durch den Konsum von Alcopops ganz nebenbei an Alkohol. Deswegen warnten Anfang der 2000er auch Experten vor Alcopops und betitelten sie als eine Einstiegsdroge für Alkoholsucht – und auch für uns ebneten sie den Weg zu den härteren Alkoholika. Interessanterweise waren Alcopops gemischt mit Spirituosen erst ab 18 erlaubt, Bier- und Wein-Mischgetränke dagegen ab 16 Jahren. Ich kann mich aber gut daran erinnern, dass wir in unseren jungen Jahren vor allem die Alcopops mit Wodka und Rum tranken. Kontrolle beim Kauf? Fehlanzeige! 2002 hatte sich der Verkauf von Alcopops im Vergleich zum Vorjahr verfünffacht. Die Alkoholindustrie freute sich, doch immer mehr kritische Stimmen wurden laut und verlangten nach strengeren Gesetzen und Regelungen. 2004 reagierte dann auch die Bundesregierung auf Drängen des Bundesamtes für Gesundheit und führte eine Alcopopsteuer ein, die als »Sondersteuer zum Schutz junger Menschen« beschrieben wird. Daraufhin brach der Absatz von Alcopops dramatisch ein und viele der bei Jugendlichen damals beliebten Sorten waren bis 2010 komplett vom Markt verschwunden. Tja, zu dieser Zeit tranken Vlada und ich schon längst ganz andere Sachen, teils auch dank Alcopops.

In Deutschland gibt es übrigens außerdem eine Alkoholsteuer (ehemals Branntweinsteuer), eine Schaumweinsteuer, eine Biersteuer und eine Zwischenerzeugnissteuer. Um Steuern waren wir ja noch nie verlegen! Der Staat verdient an einer verkauften Flasche Alcopop fast einen Euro, bei einer Flasche Bier sind es gerade mal rund vier Cent und bei Wein wird gar nicht mitverdient. Heißt bei allen anderen alkoholischen Getränken außer den Alcopops ist die Regierung nicht daran interessiert, vielleicht auch über die Steuern den Konsum zu drosseln. Warum auch? Jährlich verdienen Bund und Länder laut Statistik schließlich mehr als drei Milliarden Euro am Alkoholverkauf, Prost!5

 

Zu meinem 14. Geburtstag gab es unter anderem Weißwein aus dem Tetrapak. 14 Jahre alt zu werden bedeutete ja schließlich auch, offiziell in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Also durften wir uns nun ganz offiziell betrinken. Und so betranken wir uns. Ich war blau und heulte, Katharina war blau und kotzte. Dieses Bild wird sich noch häufiger durch unsere Freundschaft und damit auch durch unser Leben ziehen.

 

In dieser Zeit freundete ich, Katharina, mich auch mit älteren Jugendlichen an. Meine Nachbars- und Kindheitsfreundin war zwei Jahre älter als ich und ging auf dieselbe Schule wie Vlada und ich. Sie nahm mich immer häufiger mit, wenn sie sich mit ihrer Clique traf. Alkohol spielte dabei fast immer eine Rolle. Da wir in einem Dorf nahe der polnisch-tschechischen Grenze aufgewachsen sind und der Alkohol in unseren Nachbarländern billiger war, gab es häufig kleine Wandertouren über die Grenze, um uns billigen Fusel zu kaufen. Abende endeten oft bei jemandem zu Hause oder in unserem Dorfklub. Dort spielten wir Trinkspiele. Da ich häufig die Jüngste war und mich vor den Älteren beweisen beziehungsweise dazugehören wollte, trank ich kräftig mit. Fast jedes Zusammentreffen endete mit einem schlimmen Kater und Blackouts. Das war auch die Zeit, in der ich zu rauchen begann, wieder aufhörte und meinen ersten Kuss betrunken an einen Jungen aus der Clique verlor. Am Morgen danach war mir das alles so peinlich, dass ich mich nie wieder mit dieser Clique traf. Ich konnte diesem Jungen einfach nicht mehr unter die Augen treten. Rückblickend wünsche ich mir für mein 14-jähriges Ich, dass mein erster Kuss nicht betrunken in irgendeinem dunklen, müffelnden Dorfklub stattgefunden hätte. Vielmehr würde ich mir wünschen, dieser wäre nüchtern und klar passiert. Mit einem Jungen, den ich wirklich mochte und bei dem ich Schmetterlinge im Bauch gehabt hätte.

 

Katharina und ich waren also beide betrunken bei unseren ersten Küssen, was im Nachhinein betrachtet ziemlich schade ist, denn wir können uns beide nicht mehr daran erinnern. Vielleicht ist das besser so, weil der besagte erste Kuss nicht mit unseren Traumprinzen stattgefunden hat, auf der anderen Seite wäre dieser erste Kuss mit den Nicht-Traumprinzen erst gar nicht entstanden, wären wir bei klarem Verstand gewesen. Wie wäre das wohl gewesen? Hätten wir dann auf uns und unser Bauchgefühl vertraut? Eigentlich kann ich von mir behaupten, dass ich ein Spätzünder war. Spätzünder in der Hinsicht, dass es lange brauchte, bis ich mich überhaupt auf einen Mann einlassen konnte, denn ich war eigentlich schüchtern. Und damit meine ich richtig, richtig schüchtern. So schüchtern, dass ich in der Gegenwart von Jungs, die ich auch nur ein klein wenig attraktiv fand, plötzlich absolut kein Wort mehr herausbrachte, was im Nachhinein betrachtet durchaus ein guter Schutz meiner kleinen, zerbrechlichen Mädchenseele war. Diesen Schutzwall riss ich mit Alkohol einfach nieder. Alkohol hat mich in dieser Hinsicht mutiger, aber auch leichtsinniger und grenzenlos gemacht, gefühlstaub.

Auch bei meinem ersten Mal war ich betrunken. Ich war 18 und war mit einem jungen Mann zusammen, der mich ganz klar auf gar keinen Fall liebte, und mit dieser ersten intimen Erfahrung wurde es in meiner Gefühlswelt plötzlich ganz dumpf. So, als wären meine Gefühle von meinem Körper abgeschnitten. In der Rückschau habe ich mich grenzenlos selbst übergangen, und das immer und immer wieder. Dabei habe ich mein Bauchgefühl permanent überhört, das mir zu vermitteln versuchte, dass all das hier gerade nicht so cool war. Ich wiederum redete mir ein, der erste Sex müsse sich wohl so anfühlen. Ich dachte tatsächlich, dass erste Male so gefühlskalt ablaufen und Liebesfilme nur Traumschlösser bauen, obwohl ich insgeheim gerne in einem solchen gewohnt hätte, ein Bauernhof mit Tieren hätte es aber auch getan.

 

Katharina und ich gingen dann zur selben Zeit für ein Austauschjahr in die Staaten. Wir waren 16 Jahre alt, und für Kathi erfüllte sich ein langersehnter Traum und vor allem die erste große Liebe. Ich wiederum wäre am liebsten so schnell wie möglich wieder nach Hause gefahren und hatte unendliches Heimweh. Katharina trank in der Zeit keinen Schluck Alkohol – na ja, ganz stimmt das nicht, aber pssst!

 

Hier will ich, Katharina, noch mal übernehmen. Das Austauschjahr in den USA war wirklich mein großer Traum und ich konnte es kaum fassen, dass dieser endlich in Erfüllung ging. Wie aufregend doch alles war. Neues Land, neue Sprache und neue Kultur. Meine Gasteltern waren schon älter, ihre Kinder bereits erwachsen. Sie hatten ein großes Haus in einem kleinen Dorf direkt am See. Meine Gastmutter ging immer zu Meetings, während mein Gastvater seine Meetings aussetzen musste, da er Krebs hatte und in Behandlung war. Meine Gasteltern tranken keinen einzigen Schluck Alkohol. Es gab auch keinen im Haus, und auch Freunde und Familie brachten nie welchen mit. Einmal kochte meine Gastmutter mir mein Lieblingsgericht – Hühnerfrikassee –, doch den Weißwein, den man zu der Soße dazugeben sollte, ließen wir weg. Ich machte mir nie wirklich Gedanken darüber, was das bedeuten könnte. Ganz am Ende meines Austauschjahres erzählte mir dann ein Familienfreund, dass mein Gastvater früher alkoholabhängig gewesen war. Der besagte Familienfreund und mein Gastvater hatten sich wohl über ihr gemeinsames Schicksal kennengelernt. Damals dachte ich ehrlich gesagt nicht wirklich viel darüber nach. Ich verstand nicht so recht, was das alles bedeutete, und ich fragte bei meinen Gasteltern auch nie nach.

Das sollte aber nicht die einzige Begegnung mit jemandem gewesen sein, der negative Erfahrungen mit Alkohol gemacht hatte. Schon in den ersten Wochen meines Austauschjahres lernte ich meinen ersten Freund kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb. Dieses Mal konnte ich mich auch an den ersten Kuss beziehungsweise meinen zweiten Kuss erinnern, denn jede gemeinsame Erfahrung, die ich mit ihm machte, war in nüchternem Zustand! Er mochte Alkohol nicht. Er hatte auch noch nie Alkohol getrunken und wollte das auch nicht ändern. Sein Vater war alkoholabhängig. Seine Eltern hatten sich getrennt, als er fünf Jahre alt war, und er lebte bei seiner Mutter und seinem Stiefvater. Wirklichen Kontakt gab es zu seinem Vater nicht mehr. Die Erinnerungen, die er an seinen Vater hatte, waren geprägt von Vernachlässigung und wenig Fürsorge. Mein Freund hatte daher kein sonderliches Interesse mehr, Zeit mit seinem Vater oder trinkenden Menschen zu verbringen. Auch hier muss ich sagen, dass mir die Geschichte meines Freundes damals zwar naheging, aber wirklich verstanden, was es für ihn bedeutete oder was Alkohol eigentlich bewirkt beziehungsweise mit Beziehungen anrichtet, habe ich nicht.

Nach einem Jahr musste ich nach Deutschland zurückkehren, doch mein Herz blieb über viele Jahre in den USA. Er war meine große Liebe und ich war mir mit meinen 17 Jahren sicher, den Mann heirate ich. Zu Hause angekommen tat ich dann wieder das, was ich vorher schon getan hatte – trinken. Ich wusste, mein Freund mochte es nicht, ich tat es aber trotzdem. Es gab viele Diskussionen mit ihm darüber. Und so kam es, dass er die Beziehung schließlich beendete. Mein Konsum und der daraus resultierende Vertrauensverlust spielten durchaus eine Rolle bei seiner Entscheidung. Mein Herz brach und ich trank weiter. In den nächsten 15 Jahren sollte ich fast alle meiner darauffolgenden Partner betrunken kennenlernen.

Zwar ist Alkoholkonsum in den USA erst ab 21 Jahren erlaubt, doch ich weiß, dass viele meiner Mitschüler sich heimlich trafen und tranken. Als ich ihnen erzählte, dass es bei mir zu Hause ganz normal war, in unserem Alter zu trinken und in die Disco zu gehen, bekamen sie große Augen. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Verbote vor allem bei Jugendlichen nur wenig helfen, unter den meisten amerikanischen Jugendlichen, die ich damals kennenlernte, machte es diese Droge sogar noch attraktiver. Ähnliches bestätigte uns im Gespräch ein Berufsschullehrer, der tagtäglich mit genau dieser Altersgruppe und der Herausforderung von Verbotsüberschreitungen und den Konsequenzen daraus konfrontiert ist: Das Austesten von Grenzen sei bekanntermaßen ein natürlicher Prozess des Erwachsenwerdens, sagte er. Absurderweise könne Verbote aufzustellen (eigentlich egal in welchem Alter) eine geradezu verzweifelte Auflehnung triggern, gegen die eigenen gefühlten Limitationen zu rebellieren, aber auch es den Autoritäten wie Eltern, Lehrern oder dem Gesetz mal so richtig zu zeigen. Wichtig sei es dann vor allem, dass die Konsequenzen klargemacht würden.

Und genau das war in den USA immerhin der Fall: Die Polizei kontrollierte dort rigoros und war unermüdlich hinterher, das Gesetz auch durchzusetzen. Ich kann mich auch noch an einen schweren Unfall einer Mitschülerin erinnern, bei dem, so sagte man sich hinter vorgehaltener Hand, auch Alkohol mit im Spiel war. Zu der Zeit war »car surfing« wohl angesagt, ich selbst habe das erste Mal davon gehört, als ich von dem Unfall erfuhr. Dabei stellt man sich auf das Dach eines fahrenden Autos und »surft« quasi darauf. In diesem Fall jedoch war das Mädchen vom Dach des Autos gefallen, hatte sich eine schwere Kopfverletzung zugezogen und ich habe sie erst zu unserem Schulabschluss Monate später mit rasiertem Kopf wiedergesehen. Sie hat wohl Glück gehabt, dass der Unfall nicht schlimmer endete.

In Deutschland ereigneten sich laut Statistischem Bundesamt 2019 täglich durchschnittlich 98 Verkehrsunfälle, bei denen mindestens bei einem Verkehrsteilnehmer Alkohol nachgewiesen werden konnte. Bereits bei 0,3 Promille verdoppelt sich das Unfallrisiko, das entspricht je nach Geschlecht und Körpergröße ungefähr einem Bier (0,5 l)6. Bei einer Frau meiner Statur kann ein Bier, nimmt man den Promillerechner des Bußgeldkatalogs zu Hilfe, sogar fast 0,6 Promille bedeuten, was schon einem dreifachen Unfallrisiko entspricht. Auch starben fast doppelt so viele Menschen bei einem Verkehrsunfall, wenn Alkohol mit im Spiel war, als wenn alle Beteiligten nüchtern waren. Tja, und in den USA wurde ich damals kurz vor unserem Abschlussball von den »Mothers Against Drunk Driving« (dt.: »Mütter gegen Trunkenheit am Steuer«) aufgeklärt. Wir hatten uns alle in der Turnhalle einzufinden und zwei bis drei Frauen versuchten uns ins Hirn zu drillen, wie gefährlich Autofahren in betrunkenem Zustand sein kann. Eigentlich interessant, wenn man überlegt, dass zu diesem Zeitpunkt niemand von uns schon 21 Jahre alt war und eigentlich nicht legal hätte trinken dürfen. Mittlerweile gibt es wohl auch an vielen deutschen Schulen eine Aufklärung über die Gefahren von Alkohol, ich kann mich jedoch nicht daran erinnern, an meiner Schule in Deutschland jemals eine solche Aufklärung erhalten zu haben.

Mein Gastvater ist übrigens vor anderthalb Jahren verstorben. Er war Anfang 70 und hätte eigentlich noch ein paar richtig gute Jahre haben können. Zu seinem Alkoholkonsum kam aber noch jahrelanges Rauchen dazu. Am Ende hatte er COPD (chronisch obstruktive Lungenerkrankung) entwickelt, woran er letztendlich auch verstarb. Seine letzte Woche verbrachte ich an seinem Intensivbett. Er war so klein und zerbrechlich geworden. Ich hielt lange seine Hand. Strich ihm über den Kopf und redete mit ihm. Er war die meiste Zeit mit Medikamenten ruhiggestellt. Am Ende hatten wir ungefähr zehn Minuten zusammen, in denen er wach war, mir in die Augen sah und mir mit dem Schlauch in seinem Mund »I love you« zuflüsterte. Sehr oft verschließen wir die Augen davor, was der Konsum jeglicher toxischer Substanz in unserem Körper anrichten kann. Jeder, der meinen Gastvater kannte und liebte, hätte sich gewünscht, dass er noch lange bei uns bleiben würde, doch dieser Wunsch ging leider nicht in Erfüllung. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben jährlich rund drei Millionen Menschen aufgrund von Alkoholkonsum. Abhängig davon, wie viel wir trinken, kann Alkohol unser Leben, der Lancet-Studie zufolge, um sechs Monate bis zu vier bis fünf Jahre verkürzen. Manchmal frage ich mich, was mein Gastvater wohl dazu sagen würde, wenn er noch hätte erfahren können, dass wir dieses Buch schreiben.

 

Ich, Vlada, wiederum probierte während meines Austauschjahres ab und an ein paar Schluck Alkohol, wenn es sich auf Partys ergab. Fast wäre ich deshalb zurück nach Deutschland geschickt worden, weil mich irgendein Footballer verpetzte, obwohl er im Gegensatz zu mir definitiv betrunken war. Ich war schließlich Krasseres gewohnt und lachte die Typen insgeheim aus. Ich kann mich noch an einen Moment um Weihnachten herum erinnern, an dem ich wirklich darüber nachgedacht habe, mein Austauschjahr zu beenden, weil ich mich so traurig gefühlt habe. In dem Moment kam mein Gastvater zu mir, öffnete eine kleine Flasche Skyy Vodka und sagte: »Don’t tell anybody about that.« Er wollte mich aufmuntern, indem er mir Alkohol gab. Ich war ziemlich erleichtert und bediente mich dann noch hin und wieder heimlich an besagter Flasche.

Wir kamen zurück nach Deutschland. Katharina litt unter Liebeskummer und wollte am liebsten wieder zurück, derweilen feierte ich auf Dorffesten mein Leben. Irgendwann einmal gingen wir gemeinsam das erste Mal in eine Diskothek. Ich weiß nicht, wie viele Stunden wir am Rand der Tanzfläche standen und die Menschen beobachteten. Wir tranken Alcopops und damals reichten uns zwei bis drei Flaschen, um uns ein wenig berauscht zu fühlen. Kurz bevor wir nach Hause mussten, trauten wir uns doch noch auf die Tanzfläche und wollten am liebsten die ganze Nacht bleiben. Damals war der Song »I’m Blue (Da Ba Dee)« ziemlich angesagt, was man wohl als Ironie des Schicksals bezeichnen könnte. 

Ich war schon immer für das Feiern. Ich feierte gerne und trank gerne. In diesen Momenten fühlte ich mich so unendlich frei. Manchmal feierte ich allein in meinem Jugendzimmer mit einer Flasche Alcopop und tanzte zu RnB und Hip-Hop vor meinem Spiegel. Wenn ich aus heutiger Perspektive auf die Situation blicke, dann war mein damaliges Trinkverhalten schon problematisch. Katharina war nicht so für das Feiern, also trafen wir uns zu gemeinsamen Übernachtungspartys, bei denen Alkohol mit dazugehörte. Ab einem gewissen Zeitpunkt war Alkohol aus unserem Leben und aus unserer Freundschaft nicht mehr wegzudenken. Zwar nicht immer und ausschließlich, aber er gehörte zum Erwachsenwerden dazu, ohne dass wir dies infrage stellten. Wir können uns wie gesagt auch nicht daran erinnern, dass wir jemals über die Folgen von Alkohol aufgeklärt wurden. Man hört so seine Sachen, aber glaubt in den wenigsten Momenten daran, dass man selbst einmal ein Problem damit entwickeln könnte, obwohl doch eigentlich schon das Kotzen nach dem Vollsuff ein Anzeichen dafür war, dass wir unsere jungen Körper vergiftet haben.

Wir machten unser Abi und entschlossen uns, gemeinsam zum Studieren nach Leipzig zu gehen, wo wir unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen. Wir fuhren mit dem Auto schon einmal vor, unsere Möbel sollten nachkommen. Und weil wir auf der Fahrt so viel zu bereden hatten, stellten wir das Navi leiser und verpassten die Abfahrt nach Leipzig. Stattdessen bogen wir nach Chemnitz ab, das Navi brüllte uns an, ohne dass wir es hörten. Stolz wie Bolle kamen wir irgendwann doch noch in unserer neuen Wohnung an und was war die erste Amtshandlung? Richtig. Erst einmal ein alkoholisches Biermixgetränk zum Anstoßen. Wir hatten keinen Öffner und kein Feuerzeug, also öffneten wir die Flaschen an der Fliesenkante zur Klospülung und prosteten uns selbstbewusst zu. Während unserer Studienzeit stieg unser Alkoholkonsum an. Oftmals saßen wir abends bei einer Flasche Wein zusammen und redeten tiefgründig über Gott und die Welt. Irgendwann wurde aus einer Flasche für zwei eine Flasche für jede von uns. Eher zum Scherz sagten wir, dass wir unseren Weinkonsum reduzieren sollten, nahmen dies aber eher auf die leichte Schulter und tranken weiter.

Eines Abends ging uns mal der Alkohol aus und wir stellten erschrocken fest, dass wir nur noch ungefähr zehn Minuten Zeit hatten, bis der Supermarkt schloss. Natürlich waren wir schon leicht angetrunken, wir machten uns direkt auf den Weg und rannten, was das Zeug hielt. Im Supermarkt angekommen, wurden wir vom Security-Dienst aufgehalten, da er in wenigen Minuten schloss. Ich blieb stehen und Katharina rannte schnurstracks an dem Mann vorbei. Ein paar Minuten später trafen wir uns am Kassenbereich und Katharina strahlte mich freudig und stolz wie Oskar an. Das gab auf alle Fälle erst einmal ein High Five auf unfassbar gute Zusammenarbeit. Zufrieden liefen wir wieder in Richtung Wohnung. Während wir uns vorfreudig an unseren Küchentisch setzten, packte Katharina voller Stolz und Selbstbewusstsein die ergatterte Flasche aus. Wir schauten auf das Etikett und von der einen auf die andere Sekunde erstarrten unsere Gesichter. Auf dem Etikett stand »Amaretto – alkoholfrei«. Was für eine Scheiße! Wir waren absolut fassungslos und unsere beiderseitige Enttäuschung war unübersehbar, bis wir lauthals anfingen, über uns selbst zu lachen. Diese Flasche wurde die erste und einzige, die es über mehrere Wochen geschlossen durch unsere WG-Zeit schaffte.

Irgendwann in dieser Zeit öffnete ein Späti direkt einen Hauseingang weiter und wir konnten unser Glück kaum fassen, denn das hieß, dass wir für abendlichen Nachschub nicht mehr so weit laufen mussten. Wir tranken Sangria aus einer Zweiliterflasche, der eigentlich wie Seifenwasser schmeckte. In dieser Zeit glaubten wir, dass genau so ein erfülltes Studentenleben auszusehen hat. Wir begossen Feierlichkeiten, Geburtstage, Abschlüsse und ertränkten den einen oder anderen Liebeskummer.

 

Von außen betrachtet könnte man meinen, ich hätte den Alkoholkonsum besser unter Kontrolle gehabt als Katharina. Tatsächlich ist es jedoch so, dass meine Toleranz einfach viel höher ist als Kathis, was schlicht und ergreifend daran liegt, dass ich mehr getrunken und dementsprechend irgendwann auch begonnen habe, mehr zu vertragen.