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Dieses Buch ist den Gedanken der journalistischen Aufklärung verpflichtet. Zu ihren Kernaufgaben zählen die Kritik und Kontrolle politischer Macht. In der Praxis jedoch wird die Presse häufig zum Apologeten der Mächtigen und zum publizistischen Verteidiger des Status Quo. Statt Macht- und Gewaltverhältnisse aufzuklären, vernebelt sie oft die Interessen von Machteliten und wird so zum Helfer der Gegenaufklärung. Dieses Buch zeigt, wie Kritik und Kontrolle von Eliten wieder in den Mittelpunkt der Recherche rücken können. Baab bietet einen Werkzeugkasten mit Instrumenten der Aufklärung.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ebook Edition
Patrik Baab
Recherchieren
Ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung
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www.westendverlag.de
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.
Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
ISBN 978-3-86489-849-5
© Westend Verlag GmbH, Frankfurt/Main 2022,
Lektorat: Emil Fadel
Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin
Satz und Datenkonvertierung: Publikations Atelier, Dreieich
Titel
Zitate
1. Recherchieren heißt aufklären
2. Der journalistische Werkzeugkasten
2.1 Themen finden
2.2 Quellen erschließen
2.3 Quellen prüfen
2.4 Quellen schützen
2.5 Memos schreiben
2.6 Interessen analysieren
2.7 Hypothesen entwickeln
2.8 Recherchen planen
2.9 Fragen stellen
Vorbereitung
Interview-Führung
Auswertung
2.10 Recherchen dokumentieren
2.11 Geschichten erzählen
2.12 Fakten prüfen
2.13 Recherchen publizieren
2.14 Reaktionen auswerten
3. Recherchieren in Zeiten der Gegenaufklärung
Dank
Literatur
Namensregister
Sachregister
Inhalt
Der kritische Weg ist allein noch offen. Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft (1781)
***
Die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung zwingt das Denken dazu, sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten.
Max Horkheimer & Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung (1944)
Dieses Buch ist den Gedanken der Aufklärung verpflichtet. Zu ihrem Kernbestand zählt die Einhegung politischer Macht. Kritik und Kontrolle derselben ist eine journalistische Kernaufgabe. Die Selbststilisierung als »Vierte Gewalt« macht dies auf Kongressen und in Sonntagsreden immer wieder deutlich – in der Praxis jedoch wird die Presse häufig zum Apologeten der Mächtigen und zum publizistischen Verteidiger des Status quo. Statt Macht- und Gewaltverhältnisse aufzuklären, vernebelt sie oft die Interessen von Machteliten und wird so zum Unterstützer der Gegenaufklärung. Dieses Buch will zeigen, wie Kritik und Kontrolle von Eliten wieder in den Mittelpunkt der Recherche rücken können. Es zeigt einen Werkzeugkasten mit Instrumenten der Aufklärung.
Die Überlegungen, machtpolitische Exzesse zu begrenzen, sind der Versuch, aus den historischen Erfahrungen mit Macht- und Gewaltverhältnissen Konsequenzen zu ziehen und sich auf Prinzipien zu einigen, durch die sich eine Einhegung politischer Macht erreichen lässt.
»Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.«1
Diese Begriffsbestimmung von Immanuel Kant aus dem Jahre 1784 findet sich in jeder Philosophiegeschichte. Nicht zitiert wird meist, wie der Text weitergeht. Kant setzt seine Hoffnung auf demokratische Öffentlichkeit:
»Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste unter allem, was Freiheit nur heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken öffentlichen Gebrauch zu machen.«
Auch wenn sich Kant in der Folge vor dem Gehorsam verneigt, so bleibt der Anspruch der Aufklärung auf öffentlichen Gebrauch der Vernunft und politische Freiheit bis heute gültig. Immer wieder wird das Kernproblem der Einhegung von Macht von den Aufklärern beschrieben. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zeigen dies drei Beispiele; zunächst Montesquieu 1748:
»Freiheit ist das Recht, alles tun zu dürfen, was die Gesetze erlauben … Politische Freiheit findet sich nur, wo der Regierung Schranken gesetzt sind. Aber auch da, wo den Befugnissen der Regierung Grenzen gezogen sind, stellt sich die Freiheit nicht von selbst ein … Damit die Gewalt nicht missbraucht wird, müssen Maßnahmen getroffen werden, dass die eine Gewalt die andere im Zaum hält.«2
Um den erwähnten Gewaltmissbrauch zu verhindern, hat bereits John Locke ein Widerstandsrecht formuliert. Er geht davon aus, dass eine Regierung nur legitim ist, wenn sie die Zustimmung der Regierten besitzt und die Naturrechte Leben, Freiheit und Eigentum beschützt:
»Jeder, der in Ausübung seines Amtes über die ihm gesetzlich eingeräumte Macht hinausgeht und von der Gewalt, über die er verfügt, dahingehend Gebrauch macht, den Untertanen etwas aufzuzwingen, was das Gesetz nicht gestattet, hört damit auf, Obrigkeit zu sein; und da er ohne Autorität handelt, darf ihm Widerstand geleistet werden …«3
Die Einleitung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 baut direkt auf Locke auf. Historisch haben jedoch Machteliten nichts unversucht gelassen, die Überlegungen der Aufklärung umzuwandeln in eine Form der instrumentellen Vernunft, die sich wiederum zum Ausbau und zur Absicherung der Macht, zur Rechtfertigung bestehender Macht- und Gewaltverhältnisse und zur Beteuerung ihrer Alternativlosigkeit, nutzen ließ. Die Philosophie der Aufklärung formuliert den Anspruch des Bürgertums an sich selbst; in der Praxis bleibt davon oft wenig übrig.
Der kubanische Romancier Alejo Carpentier hat diesen Umschlag von Aufklärung in die Durchsetzung neuer Gewaltverhältnisse in seiner Erzählung »El Siglo de las Luces« (wörtlich »Das Jahrhundert der Aufklärung«) in eine Allegorie gekleidet. Der Roman beschreibt, wie in den Jahren ab 1790 die Segnungen der Aufklärung und der Französischen Revolution Guadeloupe und die anderen karibischen Inseln erreichen. Die Schiffe des Emissärs der französischen Revolutionsregierung, Victor Hugues, führen den Erlass zur Abschaffung der Sklaverei und zur Gleichberechtigung der Inselbewohner vor dem Gesetz ohne Ansehen von Rasse und Stand mit sich. Doch Hugues bringt noch mehr:
»Dann durchmaß er mit festem Schritt das Oberdeck, trat auf die Guillotine zu und nahm die geteerte Umhüllung ab, dass das Blutgerüst zum ersten Mal im Licht der Sonne erstrahlte, mit nackter, scharf geschliffener Beilschneide. Im Glanz aller Insignien seiner Autorität, unbeweglich, zur Statue erstarrt, die rechte Hand an die Pfosten der Maschine gestützt, hatte sich Victor Hugues plötzlich in eine Allegorie verwandelt. Zusammen mit der Freiheit hielt die erste Guillotine ihren Einzug in der Neuen Welt.«4
Damit gemeint ist die Verwandlung von Aufklärung in ihr Gegenteil: Die Überlegungen zur Einhegung von Macht werden instrumentalisiert im Dienst neuer Herrschaftsverhältnisse. Dabei handelt es sich, so formulieren es Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, um den Umschlag »von Aufklärung in Positivismus, den Mythos dessen, was der Fall ist«5. Distanz zum herrschenden Meinungsklima wird deshalb zur Voraussetzung von Erkenntnis:
»Was die eisernen Faschisten heuchlerisch anpreisen und die anpassungsfähigen Experten der Humanität naiv durchsetzen: die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung zwingt das Denken dazu, sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten. Wenn die Öffentlichkeit einen Zustand erreicht hat, in dem unentrinnbar der Gedanke zur Ware und die Sprache zu deren Anpreisung wird, so muss der Versuch, solcher Depravation auf die Spur zu kommen, den geltenden sprachlichen und gedanklichen Anforderungen Gefolgschaft versagen, ehe deren welthistorische Konsequenzen ihn vollends vereiteln.«6
Da Freiheit in einer Gesellschaft unabdingbar an aufklärendes Denken geknüpft ist, wird sich auch dieses Buch vom Zeitgeist lösen. Die Frage nach der Einhegung von Macht steht nicht nur im Zentrum der Aufklärung; sie muss auch im Zentrum eines Journalismus stehen, der sich der Aufklärung verpflichtet fühlt. Dieser durchdringt die Ideologien der Machteliten und begreift Ideologiekritik als seine zentrale Aufgabe.
In der Kritik der reinen Vernunft formuliert Kant die Anforderungen an eine Untersuchung, die wissenschaftlichen Standards gerecht wird. Kritik wird dabei zu einem Schlüsselbegriff:
»Was nun die Beobachter einer szientifischen Methode betrifft, so haben sie hier die Wahl, entweder dogmatisch oder skeptisch, in allen Fällen aber doch die Verbindlichkeit, systematisch zu verfahren … Der kritische Weg ist allein noch offen.«7
In der neoliberalen Ära, erst recht in ihrem Übergang zum digitalen Kapitalismus, beanspruchen die Überlegungen der Aufklärung kontrafaktische Geltung. In der Folge wird versucht, ein solches systematisches Recherche-Verfahren vorzuschlagen. Ziel ist ein kritischer Weg in Distanz zur Macht. Nie waren Kritik und Kontrolle der Eliten so aktuell und wichtig wie in der Corona-Krise. Denn der Kampf gegen die Viren, warnt die Menschenrechtsanwältin Eda Seyhan, ist »die perfekte Ausrede für den Griff nach der Macht«8.
Aufklären – das heißt in der Praxis: Recherchieren. Durch Recherche lassen sich Falschinformationen und Rechtfertigungslügen der Machteliten widerlegen. Recherchieren im engeren Sinne ist ein Verfahren zur Beschaffung von Informationen, die ohne diese Arbeit nicht preisgegeben und damit nicht bekannt würden. Investigatives Recherchieren bedeutet, Informationen gegen die Interessen und den Widerstand mächtiger gesellschaftlicher Kräfte zu beschaffen. Recherchieren wird so zu einem oppositionellen Konzept. Dazu gehört auch die Realitätsprobe. Das bedeutet zu überprüfen, ob eine Aussage der Wirklichkeit entspricht. Eine Aussage, die nicht von den Fakten gedeckt ist, kann als Ideologie bezeichnet werden. Mit Ideologie ist damit nicht jedes beliebige in sich geschlossene Gedankengebäude gemeint, sondern vielmehr »falsches« Bewusstsein. Dennoch gewinnen Aussagen, die einer Realitätsprobe nicht standhalten, öffentliche Verbreitung. Wenn Aussagen, die von der Realität nicht gedeckt sind, dennoch verbreitet werden, stehen dahinter in der Regel Interessen. Es gilt also, über die Realitätsprobe hinauszugelangen und die Verbreiter einer Ideologie zu identifizieren, sie zu benennen und ihre Interessen transparent zu machen. Diesen Vorgang bezeichnet man als Ideologiekritik.
Ideologiekritik ist ein Handwerk. Man kann es erlernen. Die Methode der Ideologiekritik geht auf die Überlegungen der Aufklärung zurück. Ihren historischen Auftrag beschreibt Friedrich Schiller 1795 in Über die Ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen so:
»Der Geist der freien Untersuchung hat die Wahnbegriffe zerstreut, welche lange Zeit den Zugang zu der Wahrheit verwehrten, und den Grund unterwühlt, auf welchem Fanatismus und Betrug ihren Thron erbauten.«9
Karl Marx und Friedrich Engels schreiben in Die deutsche Ideologie von 1846:
»Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d. h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht«.10
Um eine Ideologie zu identifizieren, die Verbreiter zu benennen und ihre Interessen zu entlarven, gibt es Arbeitsschritte, die sich zu einem methodischen Instrumentarium zusammenfügen. Diese Instrumente bilden den Werkzeugkasten des Rechercheurs und um ebenjenen geht es auch in diesem Buch.
Die Öffentlichkeit ist ein umkämpfter Raum. Hier entscheidet sich, ob in einer parlamentarischen Demokratie eine Mehrheit für eine politische Richtungsentscheidung gewonnen werden kann. Der Austausch zwischen unterschiedlichen Partikularinteressen findet im öffentlichen Raum statt. »Indem er Beteiligten mit unterschiedlichen Interessen«, so der Kieler Kognitions-Psychologe Rainer Mausfeld,
»eine Möglichkeit zur Konsensfindung gibt und sie verpflichtet, argumentative Anstrengungen zur Objektivierung ihrer subjektiven Interessen zu unternehmen, ist der öffentliche Debattenraum das Herzstück der Demokratie. Demokratie und Debattenraum hängen somit derart eng aneinander, dass die Intaktheit des öffentlichen Debattenraums überhaupt erst die Bedingung der Möglichkeit von Demokratie ist. Da die jeweils Mächtigen zwangsläufig ein Interesse daran hatten und haben, die für sie mit der Demokratie verbundenen Risiken zu minimieren, war und ist der öffentliche Debattenraum stets massiven Angriffen ausgesetzt.«11
In den vergangenen Jahrzehnten kam es, so Mausfeld weiter,
»zu einer schleichenden aber äußerst tiefgreifenden Einschränkung des öffentlichen Debattenraums, die weitgehend durch die Medien hervorgebracht wurde. Sie war eine Folge der neoliberalen Ideologie, die zu einer massiven ideologischen Homogenisierung ökonomischer und politischer Eliten führte und damit einhergehend auch der Massenmedien … Bei sämtlichen Themen, die vitale Interessen der ökonomischen und politischen Zentren der Macht berühren – sei es Syrien, Iran, Israel, Ukraine, Russland oder Venezuela – weisen die Auswahl von Fakten und ihre Einbettung in ein politischen Narrativ in den Konzernmedien praktisch keine erwähnenswerten Variationen auf.«12
Das politische Narrativ, von dem hier die Rede ist, macht eine Reihe von Vorgaben. Dazu gehören: Deutschland als freiheitlicher Rechtsstaat und Teil der westlichen Wertegemeinschaft; das Existenzrecht des Staates Israel und die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen; die Unterstützung der NATO und die Solidarität mit Amerika; die Verteidigung der marktwirtschaftlichen Ordnung; die Unterstützung der EU und mehr. Das Narrativ des Sparens und des Schuldenabbaus gehört in Teilen ebenfalls dazu. Wer dieser »Erzählung« nicht folgt, kann es als Journalist oder allgemein als Wortführer in der politischen Öffentlichkeit Deutschlands schwer haben. Der Hamburger Jura-Professor Reinhard Merkel sieht darin einen Rückfall hinter die Standards der Aufklärung:
»Wenn die Macht der Gegenaufklärung so stark ist, dass die Äußerung der eigenen Meinung die Biografie gefährden kann, muss man die Möglichkeit der freien Meinungsäußerung erst einmal wiederherstellen.«13
Wer seine Gedanken in der Öffentlichkeit verbreiten und damit die Homogenisierung eines Narrativs durchsetzen kann, verfügt über Geld, Macht oder Produktionsmittel, die ihm Publizität sichern. Oft geben diese Personen vor, höheren politischen und moralischen Zielen zu dienen. Sie folgen in Wahrheit aber eigenen Interessen. Im Kern geht es darum, Geld und Macht zu mehren, ohne dass Dritte diese Ungleichheit beseitigen wollen. Marx und Engels schreiben in Die heilige Familie von 1845: »Die ›Idee‹blamierte sich immer, soweit sie von dem ›Interesse‹ unterschieden war.«14
Es kommt also beim Recherchieren darauf an, hinter den wohlklingenden Ideen die wahren materiellen Interessen zu erkennen: »Follow the money.«15 Wir konzentrieren uns darauf, welche Werkzeuge dabei helfen können.
Journalistische Handbücher gibt es reichlich, auch zum Thema Recherche. Die Arbeiten von Michael Haller16 und Markus Kaiser17 seien stellvertretend für viele genannt. Sie alle geben viele nützliche Tipps und manche Arbeitsmethode an die Hand. Deshalb konzentriere ich mich darauf, die einzelnen Arbeitsschritte des Recherchierens, also die Werkzeuge des journalistischen Handwerks, unter der Perspektive der Ideologiekritik und Interessenanalyse systematisch zusammenzustellen. Die Aufgabe erscheint aktueller denn je: Zwar sind Lügen in der Politik nichts Neues, doch gewinnen sie im Zeitalter der Fake News, der Filterblasen und der Resonanzräume besondere Bedeutung. In einer Zeit, in der Nationalismus und Rechtsextremismus auf dem Vormarsch sind, in der seit vierzig Jahren die neoliberale Ideologie mit ihrem Gerede von der Alternativlosigkeit des Sparens, der Zwangsläufigkeit der Märkte und der »marktkonformen Demokratie« die Gehirne vergiftet haben, sind die Methoden der Wahrheitssuche und der Ideologiekritik aber in besonderer Weise aktuell.
Recherchieren ist keine Kunst. Es ist vielmehr ein Handwerk. Dieses Buch soll dafür die Werkzeuge liefern, die helfen, den Dingen auf den Grund zu gehen und Informationen zu bekommen, die andere vorenthalten wollen. Dieser Werkzeugkasten enthält, in der Reihenfolge der Verwendung: den Recherche-Impuls als Auslöser der Arbeit; die Suche nach Quellen und Informanten; das Memo als Gedächtnisstütze und Teil der Dokumentation; die Quellenmatrix (also den Versuch, Ordnung in die Quellen zu bringen); die Interessenanalyse (das Nachdenken über die Interessen der Akteure hinter den Kulissen); die Bildung einer Hypothese, die das Thema in der Tiefe erfasst; den Recherche-Plan, der die anstehenden Aufgaben beschreibt; die systematische Befragung zur Informationsbeschaffung (den Befragungsplan); das Interview als Recherche-Werkzeug und als Darstellungsform; das Recherche-Protokoll, in dem die recherchierten Fakten und Positionen zusammengetragen werden; die Vor-Ort-Recherche; das »Bauen« einer verständlichen, logischen und spannenden Geschichte (also das, was auf Englisch »Storytelling« genannt wird); die Überprüfung der präsentierten Informationen (der Fakten-Check); die Auswertung der Publikums-Reaktionen (also die Impulse von Kollegen, Lesern, Zuschauern und Hörern und damit das Sammeln weiterer Recherche-Impulse).
Quellen benötigen wir, um an Informationen zu gelangen. Eine Zeitung ist eigentlich keine Quelle, sondern eine Darstellung, die es kritisch zu überprüfen gilt. Denn sonst schreibt einer vom anderen ab. Sie ist daher vielmehr ein Recherche-Impuls. Entscheidend ist nämlich nicht nur, was in der Zeitung steht, sondern auch, was dort nicht steht. Dies erfahren wir von mündlichen und schriftlichen Quellen. Sie fallen uns nicht zu. Wir müssen sie suchen. Zu der Arbeit mit Quellen gehört der Quellenschutz. Davon wird meist nur geredet. Wer Redaktionen kennt, der weiß: In der Praxis wird der Quellenschutz oft vernachlässigt. Allerdings kommt ihm in Zeiten der digitalen Speicher und Datenspuren besondere Bedeutung zu, denn zu den bisherigen Themenfeldern »Schweigen über Quellen« und »Sicherung von Zugängen« kommen nun digitale Speicher- und Verschlüsselungstechniken, die ein Ausforschen von Quellen und ein Mitlesen von Informationen verhindern müssen.
Ein Memo ist wichtig, damit wir interessante Details nicht vergessen und dieselbe Person nicht zweimal befragen müssen. Durch die Gesprächsnotiz werden die recherchierten Informationen intersubjektiv überprüfbar. Das Memo zwingt auch zur Disziplin. Wir müssen genau zuhören. Wenn zwei voneinander unabhängige Quellen deckungsgleiche Hinweise geben, dann gilt die Information als belegt und wir können uns vorerst darauf stützen. Das nennt man das Zwei-Quellen-Prinzip.
Eine Quellenmatrix zeigt uns, in welchem Verhältnis sich Quellen zueinander bewegen, und auch, aus welcher Perspektive unsere Quellen auf das betreffende Thema blicken. Sie hilft uns, Quellen besser einzuschätzen, widerstrebende Positionen zu erkennen und die Gegenseite in die Recherche einzubinden: »Audiatur et altera pars.« Das ist Latein und heißt übersetzt »Auch die andere Seite werde gehört«. Die Integration der Gegenseite in die Überlegungen ist ein zwingendes Arbeitsprinzip bei jeder Recherche. Wer darauf verzichtet, produziert selbst interessengeleitete Zweckpropaganda. Damit wird die Quellenmatrix zur Grundlage der Interessenanalyse. In der Politik geht es um die Durchsetzung von Interessen – wie im Privatleben oft auch. Nur wenn wir analysieren, welche Interessen die Spieler auf dem Spielfeld haben, können wir herausfinden, welche Tendenz, welchen »Spin«, unsere Quellen ihren Informationen geben und welche Informations-Teile sie weglassen. Außerdem können wir so herausfinden, wer das größte Interesse daran hat, mit uns zu reden. Dies sind meist jene Personen oder Gruppen, die nicht den Nutzen haben, sondern den Schaden.
Eine Hypothese bilden – das bedeutet, probeweise einmal festzuhalten, was überhaupt passiert sein könnte. Dazu legen wir uns fest – auf einen oder mehrere Verursacher, auf Opfer, auf Ursachen, auf Folgen. Die Kernfrage ist: Wer fügt wem Schaden zu? Die zweite Frage: Wie macht er das? Die dritte: Wie kann der Schaden wieder behoben werden? Eine Hypothese hilft uns, in die Tiefe statt in die Breite zu recherchieren. Wir müssen nicht jedes Detail wissen, sondern vor allem jene Fakten, die für die Klärung unseres Anliegens erforderlich erscheinen. In der weiteren Recherche kann sich eine Hypothese als falsch herausstellen. Dann wird sie verworfen – zugunsten einer neuen.
Der Recherche-Plan hält fest, was wir schon wissen – und was wir alles noch herausfinden müssen. Deshalb notieren wir darin auch schriftliche und mündliche Quellen, genauso wie die Kernfragen – und wir überlegen, wo wir Antworten finden. Bei komplexen Projekten enthält der Recherche-Plan eine lange Liste mit Hausaufgaben. Daher ist die Verwendung einer Zeitleiste (Timeline) oder Chronik sinnvoll, in der wir festhalten, was wann geschehen ist. Weil sich Angaben im Fortgang der Recherche als falsch herausstellen können, notieren wir in unserer Tabelle auch, woher wir die jeweilige Information haben, fügen also Quellenangaben ein. Widersprüchliche Angaben sensibilisieren uns für Probleme bei der Darstellung des Geschehens. Damit machen wir unsere Zeitleiste überprüfbar, ohne lange suchen zu müssen. Die Timeline wird so korrigierbar. Sie ist das Rückgrat einer späteren Rekonstruktion des Geschehens.
Teil des Recherche-Plans ist auch der Befragungsplan. Darin finden sich alle Fragen, die wir an das Thema stellen, und alle Personen, die darauf Antwort geben können. Hier notieren wir auch, in welcher Reihenfolge wir die Quellen befragen. Für die verschiedenen Quellen erarbeiten wir besondere Fragelisten. Wir konkretisieren und ergänzen also den Befragungsplan mit Blick auf die jeweiligen Informanten.
Die Informationen, die wir auf diese Weise erhalten, übertragen wir aus den Memos und den sonstigen Belegen in den Recherche-Plan. So wird dieser allmählich zu einem Recherche-Protokoll. Dort finden wir alle Informationen, die wir später verwenden – mit Quellenangabe. Die im Recherche-Protokoll zusammengetragenen Fakten und Stimmen sind die Basis der späteren Darstellung in einem Narrativ – einem Film, einer Reportage, einem Artikel, einem Diskussionsbeitrag.
Auf die Vor-Ort-Recherche bereiten wir uns gut vor. Denn nun geht es darum, die Dinge in Augenschein zu nehmen, sich einen persönlichen Eindruck von Personen und Schauplätzen zu verschaffen. Wir ziehen dazu Informationen über den Handlungsraum heran. Diese Vorbereitungen sind wichtig, um vor Ort keine Fehler zu machen. Niemand würde beispielsweise ohne Gummistiefel in einem Sumpfgebiet recherchieren oder in einem Londoner Honoratiorenclub ohne Anzug. Wir brauchen dazu auch einen Terminplan, welcher Verabredungen, Fahrstrecken, Pausen und Übernachtungen enthält. Bei einer Fernseh-Produktion wird dies in den Drehplan integriert. Weil dabei auch Reportage-Elemente, Fotos, Filmaufnahmen und weiteres Basismaterial gesammelt werden, kann man auch für alle anderen Medien von einem »Produktionsplan« sprechen.
Wie eine Geschichte gebaut wird – das ist eine Kunst für sich. Das sogenannte Storytelling ist genauso wichtig wie die Recherche selbst, denn eine Information ist nicht viel wert, wenn sie ihren Adressaten nicht erreicht. Storytelling ist im Radio etwas anderes als im Fernsehen, in der Zeitung etwas anderes als in Online-Medien. Deshalb lohnt es sich, über das Medium der Informationsvermittlung und über die jeweilige Zielgruppe nachzudenken. Gerade für die adressierte Zielgruppe muss die Information verständlich sein. Verständlichkeit ist im Kreis von Laien etwas anderes als unter Experten. Das Ergebnis muss auch spannend berichtet werden, damit ihr der Empfänger seine Aufmerksamkeit schenkt.
Fehler passieren oft dort, wo man sich sicher ist, dass man etwas ganz genau weiß. Umso wichtiger ist es, nach dem Schreiben (auch Fernseh- und Hörfunk-Geschichten werden meist geschrieben) noch einmal alle präsentierten Informationen zu überprüfen. Woher weiß ich das? Ist die Quelle durch weitere Quellen belegt? Kann ich mich auf diese Quellen verlassen? Welche Interessen hat die Quelle? Gehe ich einem Informanten auf den Leim? Diese Fragen helfen, Informationen zu überprüfen und die Fakten zu sichern. Neudeutsch ist dies der »Fakten-Check«.
Nach der Recherche ist vor der Recherche. Deshalb ist es wichtig, die bisherige Arbeit auszuwerten, entlang der Fragen »Was lief gut?« und »Was lief schlecht?«. Nur so lässt sich aus Fehlern lernen. Wichtig ist auch, die Reaktionen auf unsere Veröffentlichung genau zu betrachten: Häufig melden sich Informanten, die wir brauchen, denn sie liefern Hinweise für weitere Recherchen oder zwingende Korrekturen.
Wenn Recherchieren bedeutet, etwas gegen Widerstände herauszufinden – dann lohnt es sich auch, einen Blick auf das Recherche-Umfeld zu werfen. Der Strukturwandel der bürgerlichen Öffentlichkeit grenzt den Wendekreis des Rechercheurs ein. Wie Karl Marx es in Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte ausdrückt:
»Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.«18
Deshalb ist es wichtig, individuelle, redaktionelle, medienstrukturelle und sozioökonomische Recherche-Barrieren im Blick zu behalten. Zusammengenommen bilden diese vier Punkte ein Ensemble von einschränkenden Rahmenbedingungen, die der Recherche enge Grenzen setzen und dem Mythos des Journalisten als Kämpfer für Freiheit und Gerechtigkeit eine nüchterne Beschreibung der Realität entgegenstellen.
Ein Werkzeugkasten dient dazu, Werkzeuge herauszunehmen und zu verwenden. Für sich genommen ist ein Hammer wertlos. Jemand muss ihn in die Hand nehmen und benutzen. Dieser Nutzer kann mit dem Hammer einen Nagel in die Wand hauen – oder jemandem den Schädel einschlagen. Der Hammer erfüllt seinen Zweck durch das Gestaltungsinteresse seines Benutzers.
Die Werkzeuge, die der Leser hier findet, sind nur so gut wie der Handwerker, der sie benutzt. Zu einem Handwerk gehört Übung. Übung macht Mühe. Ein guter Handwerker hütet sich auch davor, jedes Problem zu einem Nagel zu machen, weil er vielleicht nur einen Hammer im Werkzeugkasten hat. Die Werkzeuge müssen zur Aufgabe passen und bei der Lösung eines Problems nützlich sein. Sie dürfen die Aufgabe nicht umformulieren. Die hier vorgestellten Werkzeuge anzuwenden wird also ohne Anstrengung nicht möglich sein. Die Leserinnen und Leser sind aufgefordert, die Werkzeuge in diesem Buch anzufassen und sie zu benutzen. Dabei ist es ratsam, nur jene Werkzeuge zu verwenden, die bei der Lösung eines Problems nützlich erscheinen.
Diese Publikation wendet sich nicht nur an Journalistinnen und Journalisten, Blogger und Internet-Aktivisten, sondern auch an Menschen, die politischen Lügen nicht auf den Leim gehen wollen. Zur Zielgruppe gehören alle, welche die Transformation der Öffentlichkeit von einem demokratischen Debattenraum zu einem Raum zur Veröffentlichung von Herrschaft nicht hinnehmen wollen.19 Inhaltlich basiert das Buch auf den Arbeitspapieren, die ich für meine Studierenden an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Berlin entwickelt habe. Ihnen ist dieses Buch auch gewidmet.
Recherchieren ist das Einfache, das schwer zu machen ist. Wie Luuk Sengers und Mark Lee Hunter halte ich daran fest: Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, für ein Gleichgewicht bei ihren Recherchen zu sorgen, solange im Machtgefüge der Welt kein Gleichgewicht herrscht.20 Ich bin auf den Widerstand gefasst, dem die »Kritik der herrschenden Meinung« sich aussetzt. Aber ich biete jenen die Stirn, die mit Ablenkungsmanövern und Symbolpolitik von der sozialen Frage ablenken wollen: dem Hauptwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit. Aufklärung muss wieder zu einem Kampfbegriff werden – und Recherche zu einer Waffe.
Dieses Buch beschränkt sich auf den Instrumentenkasten des Recherchierens – und legt nur die wichtigsten Werkzeuge hinein. Manches musste entfallen, zum Beispiel Überlegungen zu einem Produktionsplan zur Gestaltung von Recherche-Ergebnissen. Auch weiterführende Überlegungen zur öffentlichen Meinung, zum Recherche-Recht, zur journalistischen Ethik und zu persönlichen und politischen Recherche-Barrieren bleiben einer späteren Publikation vorbehalten.
In der sprachlichen Gestaltung orientiert sich der Autor an den Richtlinien des Rats für deutsche Rechtschreibung. Dieser ist die maßgebende Instanz für Fragen der Rechtschreibung, denn er koordiniert das Regelwerk zwischen sieben deutschsprachigen Ländern und Regionen.21
Der Autor hält am Anspruch der Aufklärung auf ungeteilte Emanzipation des Menschengeschlechts fest – und wendet diesen Anspruch auch an auf den sozialen Träger der Aufklärung: das Bürgertum.
Anmerkungen
1 Kant, 1999, S. 20.
2 »La liberté est le droit de faire tout ce que les lois permettent … La liberté politique ne se trouve que dans les gouvernements modérés. Mais elle n’est pas toujours dans les Ètats modérés … Pour qu’on ne puisse abuser du pouvoir, il faut que, par la disposition des choses, le pouvoir arrete de limites.« Montesquieu 1979, S. 292 f.
3 »Whosoever in authority exceeds the power given him by the law, and makes use of the force he has under his command to compass that upon the subject which the law allows not, ceases in that to be a magistrate, and acting without authority may be opposed …« Locke 1823, S. 193.
4 »Luego cruzó el combés con paso firme, y, acercándose a la guillotina, hizo volar la funda alquitranada que la cubría, haciéndola aparecer, por primera vez, desnuda y bien filosa la cuchilla, a la luz del sol. Luciendo todos los distintivos de su Autoridad, inmóvil, pétreo, con la mano derecha apoyada en los montantes de la Máquina, Víctor Hugues se habia transformado, repentinamente, en una Alegoría. Con la Libertad, llegaba la primera guillotina al Nuevo Mundo.« Carpentier 1962, S. 114.
5 Horkheimer 1982, S. 9.
6 Ebd., S. 1.
7 Kant 1974, S. 711 f.
8 Seyhan 2020.
9 Schiller 2005.
10 Marx & Engels 1978, S. 46.
11 Mausfeld 2018, S. 192 f.
12 Ebd., S. 191 f.
13 Zit. n. Krischke 2020, S. N4.
14 Marx & Engels 1980, S. 85.
15 Vgl. Radu 2008.
16 Vgl. Haller 2017.
17 Vgl. Kaiser 2015.
18 Marx 1982, S. 115.
19 Vgl. Agnoli & Brückner 1978, S. 66.
20 Vgl. Sengers & Hunter 2019, S. 20.
21 Vgl. Rat für deutsche Rechtschreibung: www.rechtschreibrat.com/regeln-und-woerterverzeichnis/.
In Berlin geht Anfang der Zwanzigerjahre ein Mann spazieren, vom Hintereingang des Zoologischen Gartens Richtung Tiergarten. Eine idyllische Gegend, so bemerkt er. Am Landwehrkanal kommt er zur Liechtensteinbrücke. Er sieht über der Brüstung der kleinen Brücke einen Rettungsring hängen. Ein Seil ermöglicht es, den Rettungsring in den Landwehrkanal zu schleudern. An dem Kandelaber, der den Ring hält, hängt eine Papptafel mit illustrierten Anweisungen zur Wiederbelebung Ertrinkender. Daneben ist ein Schild befestigt mit dem Hinweis, dass sich die nächste Rettungsstelle in der Budapester Straße 9 befinde. Dazu die Schrift: »Ein Menschenleben kann nicht hoch genug bewertet werden.« Er wundert sich: Für wen ist der Rettungsring eigentlich? Ertrinkenden fehlt die Kraft, Selbstmörder lassen sich nicht helfen. Der Spaziergänger überlegt weiter:
»Von dem Rettungsgürtel in Wurfweite entfernt ist die Stelle, wo uniformierte Männer einen Frauenkörper ins Wasser warfen. Irgendwelche Bürger von der Einwohnerwehr hatten sich Rosa Luxemburgs in dem Haus bemächtigt, in dem sie wohnte, und aus irgendwelchen Gründen gerade ins Eden-Hotel gebracht, wo der Stab der Gardekavallerie-Schützendivision hauste, forsche Herren, monokelnd und näselnd, die nun kurzerhand übereinkamen, die ›Galizierin‹ um die Ecke zu bringen … Das Haus muss rein bleiben, und erst in der Sekunde, da Rosa Luxemburg, vom herbeigeholten Mordkommando begleitet, den Fuß aus dem Hotelportal setzte, zertrümmerten die Helden mit Gewehrkolben von hinten ihr Schädeldach und legten sie ins Auto. Herr Leutnant Vogel fuhr mit, er saß verkehrt neben dem Führersitz, presste seines Revolvers Mündung auf die Stirn der halbtoten Rosa Luxemburg und drückte ab. Der Schuss ging nicht los, die Waffe war nicht entsichert; nun, so entsicherte er sie eben, presste von neuem seines Revolvers Mündung auf die Stirn der halbtoten Rosa Luxemburg und drückte von neuem ab … Dann wurde Rosa Luxemburg ins Wasser geworfen. Da der Körper, tot oder halbtot, auf der Oberfläche schwamm, soll er (gewiss weiß man es nicht; denn die des Meuchelmordes angeklagte Garde-Division stellte selbst den Gerichtshof) wieder herausgefischt worden sein, mit Draht umwickelt und mit Steinen beschwert. Woher nahm man so eilig den Draht? Wahrscheinlich vom Rettungsgürtel … Auf der anderen Seite beginnt der Neue See; dort haben zwölf Minuten früher die Kameraden des Leutnants Vogel den Kameraden von Rosa Luxemburg um die Ecke gebracht … An der ersten Stelle, die dunkel war, ein Seitenweg zweigte ab, zerrte man den beim Ausgang des Eden-Hotels gleichfalls halb erschlagenen Karl Liebknecht aus dem Auto und forderte ihn auf, zu Fuß zu gehen … Kapitänleutnant Horst von Pflugk-Hartung feuerte von hinten den ersten Schuss ab, Signal zu dem Bombardement auf Liebknecht. Als dieser tot zusammenbrach, todsicher tot, konnte er auf die Unfallstation gebracht werden, deren Adresse neben dem Rettungsgürtel an der kleinen Brücke angegeben ist … Obwohl die Gardekavallerie-Schützendivision aus dem Eden-Hotel das Divisionsgericht stellte, also keinem der Herren Mörder etwas passieren konnte, muss anerkannt werden: Alle verleugneten tapfer ihre Mannespflicht, drückten sich, verlangten keinerlei öffentliche Anerkennung von ihrem Chef Noske und ihrem Oberchef Ebert dafür, dass sie, sieben Mann, Liebknecht überwältigt hatten, und verzichteten auf Orden und Ehren, damit im Interesse von Staat und Gesellschaft die Wahrheit über seinen Tod verschwiegen werde. Ein Menschenleben kann nicht hoch genug bewertet werden. Das alles fällt einem so ein, wenn man auf dem idyllischen Brücklein steht, an dem fürsorglich ein Rettungsgürtel hängt.«1
Der Spaziergänger war der Journalist Egon Erwin Kisch. 1924 wollte er den Text in das Buch Der rasende Reporter aufnehmen, das ihn berühmt machte. Aber die Reportage über den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch Freikorps-Soldaten und mit Duldung der SPD-Führung musste er auf Drängen des Verlegers aus dem Band herauslassen. Sie konnte erst vier Jahre später in Die Weltbühne erscheinen.2
Die Reportage zeigt exemplarisch, wie Egon Erwin Kisch Themen findet: Er arbeitet nicht nur am Schreibtisch, sondern vor Ort. Dort nimmt er die Dinge in Augenschein. Er macht Augen und Ohren auf und schaut genau hin. Er lässt sich vom schönen Schein der Idylle nicht blenden, sondern ordnet das, was er sieht, in das historische Geschehen ein. So stellt er das Augenfällige in einen politischen Zusammenhang und erläutert zugleich sein Recherche-Ergebnis. Kisch hält sich streng an die Fakten. Gerade dadurch gewinnt der Text seine politische Brisanz.
Die Geschichte zeigt auch, was aus publizistischer Sicht ein Thema ist: ein abzuhandelnder Diskussionsgegenstand, der von jemandem gesetzt wird, der die Macht dazu hat. Wer nicht die Mittel hat zu publizieren, kann ein Thema zwar finden, er kann es aber nicht präsentieren, denn beide Aspekte gehören dazu. Der Publizist Walter Lippmann schreibt 1922 in seinem Buch Public Opinion:
»Jede Zeitung ist im Augenblick, wo sie den Leser erreicht, das Endergebnis einer ganzen Reihe von Auswahlvorgängen, die bestimmen, welche Artikel an welcher Stelle mit wieviel Raum und unter welchem Akzent erscheinen sollen. Dafür gibt es keine objektiven Regeln. Es gibt aber Konventionen … Je leidenschaftlicher der Leser gepackt wird, umso mehr wird er dazu neigen, nicht nur eine abweichende Ansicht, sondern bereits eine unangenehme Kurznachricht zu verübeln. Hierin liegt der Grund, warum manche Zeitung, die in ehrlicher Weise die Gefolgschaft ihrer Leser erworben hat, nicht einfach ihre Stellungnahme ändern zu können glaubt, selbst wenn es die Tatsachen nach Auffassung des Redakteurs rechtfertigen. Wenn ein Positionswechsel notwendig ist, muss man den Übergang mit äußerstem Geschick und Fingerspitzengefühl bewerkstelligen. Gewöhnlich wird eine Zeitung ein so riskantes Spiel nicht wagen. Es ist einfacher und sicherer, die Nachrichten über den betreffenden Gegenstand auslaufen und verschwinden zu lassen. Man lässt das Feuer verlöschen, indem man ihm keine Nahrung mehr gibt.«3
Diese Funktion der Medien, Themen auszuwählen und Themen zu setzen, wird in der Forschung als »Agenda Setting« bezeichnet. Danach gibt die Medienberichterstattung die Themen der öffentlichen Diskussion vor. Bei näherem Hinsehen wirft diese Hypothese viele Fragen auf: Wie stark ist der Einfluss der Medien wirklich? Wie sehr hängt er vom Thema, dem Medium oder dem Publikum ab? Wie stabil sind die Effekte? Wodurch werden die Medien selbst beeinflusst? Welche Rückkopplungen gibt es innerhalb der Medienlandschaft? Lässt sich die Themensetzung steuern? Welche öffentlichen Akteure setzen darüber hinaus Themen? Unstrittig ist aber, dass Agenda Setting als kontinuierlicher Prozess verläuft, der die Themenstruktur der öffentlichen Meinung prägt, und dass die Macht, Themen zu setzen, von entscheidender Bedeutung bei der Gestaltung des öffentlichen Diskurses ist.4 Dabei ist die Nachrichten-Selektion auch abhängig von den subjektiven Erfahrungen und Einstellungen des Journalisten. Weiter wird die Auswahl mitbestimmt durch die organisatorischen und technischen Zwänge der Redaktion – zum Beispiel durch den Zeitdruck im aktuellen Bereich oder vom verfügbaren Platz im Blatt. Das Ergebnis der Auswahl ist vorgeprägt durch die Nachrichten-Lieferanten, also in erster Linie die Agenturen. Schließlich ist ein wichtiges Selektionskriterium die redaktionelle Linie, die Verleger und Chefredaktion festlegen oder die sich informell durchsetzt. Die Auswahl orientiert sich häufig eher an den Erwartungen der Kolleginnen und Vorgesetzten als an den Bedürfnissen des Publikums.5
Lippmann weist darauf hin, dass Zeitungen eine Menge von Ereignissen behandeln, die jenseits unseres Erfahrungshorizontes liegen. Deshalb seien meist nur die an einem Vorgang Beteiligten in der Lage, die Richtigkeit eines Berichtes zu prüfen. Dennoch stutzten die Leser nicht bei solchen Nachrichten, sofern diese ihren Stereotypen entsprächen.6 Deshalb unterscheidet Mausfeld zwischen normativen Aspekten der Rolle von Medien und deskriptiven Aspekten ihrer tatsächlichen Funktionsweise: Da in einer Demokratie
»Medien den öffentlichen Diskussionsraum erst schaffen, müssen sie allen gesellschaftlichen Gruppen ein Sprachrohr bieten, mit dem sich diese gleichberechtigt in den öffentlichen Diskussionsraum einbringen können.«
Es gebe allerdings reiches empirisches Material zur tatsächlichen Funktionsweise vieler Medien, das in eine andere Richtung weise:
»Es belegt in geradezu überwältigender Weise, dass die Medien vorrangig dazu dienen, den gesellschaftlichen und ökonomischen Status derer zu stabilisieren, in deren Besitz sie sind oder von denen sie ökonomisch abhängig sind. Das impliziert insbesondere, dass sie die politische Weltsicht der jeweils herrschenden ökonomischen und politischen Eliten vermitteln, so dass natürlich auch die Auswahl und Interpretation von Fakten hierdurch bestimmt ist.«7
Für den US-amerikanischen Markt hat das die Studie von Martin E. Lee und Norman Solomon eindrucksvoll nachgewiesen.8
Von Noam Chomsky kommt der Hinweis, dass es für die großen Medien und die vorgeblichen Intellektuellen typisch sei, sich in einer Krise auf die Seite der Macht zu stellen und zu versuchen, die Bevölkerung mitzuziehen. Als Beispiele erwähnt er die völkerrechtswidrige Bombardierung Serbiens durch die NATO 1999 und den Golfkrieg 1990/91.9 Auch die weltweite Krise nach der Verbreitung des Corona-Virus belegt dies eindrucksvoll. Der Jura-Professor David Jungbluth von der Frankfurt University of Applied Sciences sieht in diesem Zusammenhang gar eine Rückkehr der Obrigkeitshörigkeit:
»Diese Hörigkeit, die ja letzten Endes in einer fehlenden Kritikfähigkeit begründet liegt, wird nach meiner Einschätzung durch den parteipolitischen Betrieb in Verbindung mit den sogenannten Mainstreammedien herangezüchtet, die uns ein bestimmtes Bild der Welt vermitteln wollen, das im wahrsten – und damit auch schlechtesten – Sinne einer absolutistischen Weltanschauung gleichkommt, der man sich unterzuordnen hat. Gleichzeitig werden die sogenannten alternativen Medien, die ja gerade deswegen so bezeichnet werden können, weil sie alternative Sichtweisen aufzeigen, mit dem Totschlagargument der »Verschwörungstheorie« diffamiert und dabei dann auch praktischerweise gleich, pauschalisierend, dem rechten Spektrum zugeordnet. Von einer sachlichen Auseinandersetzung im Sinne von Rede und Widerrede, die eine notwendige Bedingung für ein demokratisches Gemeinwesen darstellen, ist hier nichts zu sehen. Nicht umsonst hat auch das Bundesverfassungsgericht die Meinungsfreiheit und die Versammlungsfreiheit, ohne die freie Rede und Gegenrede undenkbar sind, für eine freiheitlich-demokratische Grundordnung als ›schlechthin konstituierend‹ bezeichnet.«10
Wenn diese Diagnose zutreffend ist – und die Liste der wissenschaftlichen Referenzen ließe sich leicht verlängern –, dann gibt es nicht nur (wie unter anderem auch von Uwe Krüger dargestellt11) eine Kluft zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung, sondern auch ein Spannungsverhältnis zwischen medialer und erlebter Realität für die von der Corona-Krise Betroffenen. Dies hat auch Folgen für die Suche nach Themen. Es ist nicht überraschend, dass die Verlierer gesellschaftspolitischer Entscheidungen in den meisten Medien entweder gar nicht oder nur als Statisten vorkommen. Dadurch werden diese Teile der Bevölkerung nicht mehr angemessen repräsentiert und so auch ihres Sprachrohres beraubt.
Für die Recherche bedeutet dies zweierlei: Zum einen kommt es bei der Prüfung von Medien-Produkten nicht nur darauf an, was sie berichten, sondern auch darauf, was nicht berichtet wird – was fehlt. Agenda-Setting ist immer auch Agenda-Cutting. Natürlich kann keine einzelne Nachrichtensendung in Themen und Standpunkten ausgewogen sein. Es gibt einfach Tage, an denen ein Ereignis oder eine Gruppierung die politische Szene beherrscht. Aber es kommt darauf an, dass die Redakteure ein Ereignis nicht nur aus einem Blickwinkel beschreiben, sondern stets in seiner Gesamtheit, also in allen Aspekten. Nichts anderes bedeutet Ausgewogenheit: alle wesentlichen Aspekte eines Themas berücksichtigen.12
Zum anderen muss sich der Rechercheur immer wieder klarmachen: Den Schreibtisch, den Fernseh-Sessel und die Pressekonferenz nicht zu verlassen führt letztlich nur zum Mainstream zurück. Denn die besten Ideen für eine gute Recherche finden sich immer noch dort, wo das Leben ist. Deshalb gehört es unabdingbar zur Themensuche, den Schreibtisch zu verlassen. Also aufzustehen, rauszugehen, sich auch unbequemen Situationen auszusetzen und mit betroffenen Menschen zu reden.13
Dabei helfen die sogenannten W-Fragen. Mit ihrer Hilfe lassen sich die wesentlichen Aspekte eines Sachverhalts klären. Die wichtigsten Fragen beginnen alle mit dem Buchstaben »W«. Journalistische Lehrbücher zählen sieben Fragen dazu: Wer? Wo? Was? Wann? Wie? Warum? Woher kommt die Information? Insbesondere die Frage nach dem Warum führt in den Hintergrund des Geschehens. Die Suche nach Antworten auf diese Fragen leitet die Themenfindung – und im Folgenden die gesamte Recherche.14
Für den Werkzeugkasten
W-Fragen
Wer?Was?Wann?Wo?Wie?Warum?Woher die Meldung?Das Wichtigste beim Versuch, eine Antwort auf diese Fragen und damit neue Themen zu finden, ist, Augen und Ohren zu öffnen. Wer im Alltag und in seiner gewohnten Umgebung genau beobachtet, Veränderungen registriert und Menschen zuhört, der erfährt auch, wo Probleme liegen und welche Interessen die Betroffenen haben. Wer weiß, »wo der Schuh drückt«, kann seine Themen-Ideen an den Interessen seiner Zielgruppe ausrichten – für Walter Lippmann eine Voraussetzung für die Leserbindung von Zeitungen.15
Außerdem ist ratsam, in Subkulturen abtauchen. Wer sich in Milieus begibt, die seiner gewohnten Lebenswelt fremd sind, lernt andere Verhältnisse und Sichtweisen kennen. Ein Besuch im Pflegeheim, bei einem Hip-Hop-Konzert oder beim Pferderennen fördert manchmal Überraschendes zutage.16
Der nächste Schritt ist dann, das Berichterstattungsgebiet systematisch zu erschließen – fachlich und räumlich. Der recherchierende Journalist kann dafür seinen Bereich soweit möglich zu Fuß ablaufen und wichtige Personen kennenlernen – sowohl auf der Leitungs- als auch auf der Arbeitsebene. Er macht sich Notizen zu Schauplätzen, Namen, Begebenheiten.17 Dem britischen Schriftsteller Iain Sinclair gelingen bei ausgedehnten Wanderungen in London immer wieder überraschende Beobachtungen, die einen Blick in die Tiefenstruktur der Metropole ermöglichen und in ihrer Gesamtheit die neoliberalen Verwüstungen des Soziotops Stadt sichtbar machen:
»Rätsel lösen, sich befassen mit den Namen und der Ausstattung von Straßen, Zeichen auf Steinmauern, Spraydosen-Übermalungen an Plakatwänden, gefundenen Bruchstücken, Gegenständen, Listen oder Briefen, durchnässten Spielkarten, wie herausgerissene Seiten aus einem liegengelassenen Buch, das macht aus London eine Detektivgeschichte. Eine Story mit unendlich vielen Kapiteln und ohne Auflösung …«18
Dazu gehört es auch, ein Informanten-Netz aufzubauen. Wer gezielt auf Schlüsselpersonen zugeht, seine Informanten nie verrät, eine Informanten-Kartei anlegt, Nachkontakte pflegt, Visitenkarten sammelt, die Hobbies seiner Gesprächspartner ebenfalls notiert, neben der Leitungs- auch die Arbeitsebene einbezieht, Organisationsdiagramme aufbewahrt und sich als verlässlicher Partner zeigt, hat langfristig einen Informationsvorsprung.19
Nicht vergessen: Termine im Blick behalten! Eigentlich ist das eine Binsenweisheit. Aber wer recherchieren will, muss wissen, was kommt, und führt dazu eine Terminmappe. Einladungen, Pressetermine, Gerichtstermine – all das wird darin abgelegt. So lässt sich einfach eine Wiedervorlage organisieren. Fast immer gibt es in einem Recherche-Feld zurückliegende Ereignisse wie Gerichtsurteile, Flugzeugunglücke, Straftaten, deren Spätfolgen noch offen sind. Deshalb können sie auf Wiedervorlage zu passenden Stichtagen gelegt werden. Dann hat man einen Anlass zu prüfen, was aus einem Opfer, einem schadhaften Bauwerk, einem Gesetzespaket usw. geworden ist.
Das alles kann man sich nicht merken. Auch deshalb ist es wichtig, ein Archiv aufzubauen. Der Rechercheur legt sich ein Sach- und ein Personenarchiv an, das auf die Anforderungen des Recherche-Themas und des Berichterstattungsgebiets ausgerichtet ist. Bei optischen Recherchen gehört ein Bildarchiv dazu. Diese Archive helfen nur dann weiter, wenn sie laufend aktualisiert werden. Die einzelnen Dokumente oder Dateien müssen klar gegliedert und mit Schlagwörtern versehen sein, sodass sie jederzeit wiederauffindbar sind.
Am Schreibtisch läuft parallel die Themenrecherche in anderen Medien. Dazu gehört es, die Presse im Berichterstattungsgebiet im Blick zu haben – nicht nur, um auf dem Laufenden zu bleiben. Auch Leserbriefe, Newsletter, Szene-Magazine, Internet-Foren, Chatgruppen und Mailing-Listen gehören dazu. Wichtig sind auch Fragen wie: Was fehlt? Wo stecken Widersprüche? Wurden beide Seiten gefragt? Was steckt dahinter? Warum läuft etwas so und nicht anders? Gibt es vergleichbare Vorgänge? Welche Interessen beeinflussen das Geschehen?20
