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Sebastian Pittelkow

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Beschreibung

Geld. Macht. Streit: Hinter den verschlossenen Türen der AfD – eine Langzeit-Recherche Die AfD ist eine chaotische Partei, die vom Streit lebt: zerfressen von Ideologie und Machtinteressen, Karrierismus und dem Kampf um das «wahre Deutschland»; zerrissen zwischen Gemäßigteren und rechtsextremen Flügel-Kämpfern; zerfallen in Straßen-Politiker und Parlamentarier; auf dem Weg nach rechts argwöhnisch beobachtet vom Verfassungsschutz. Und dennoch ist und bleibt sie, keine zehn Jahre alt, die bedeutendste politische Bedrohung unserer demokratischen Kultur. Wie schafft sie das? Unter welchem Einfluss steht sie selbst? Wer finanziert sie? Sebastian Pittelkow und Katja Riedel gehen diesen Fragen nach. Sie verfolgen das Innenleben der AfD seit sieben Jahren, führten unzählige Gespräche mit AfD-Provinz- und Spitzenleuten, sammelten Festplatten voller vertraulicher Informationen, enthüllten die interne Kommunikation der ersten Bundestagsfraktion. Sie folgen der Spur des Geldes und zeigen, wie eine Reihe erzkonservativer Milliardäre Kampagnen und Funktionäre beeinflusste. Sie erklären, welche Kräfte ein Interesse an ihrer Existenz haben und warum man trotz der letzten Talfahrt nach rechts unten noch lange mit ihr rechnen muss.   «Wer verstehen will, warum die AfD so gefährlich ist, sollte dieses Buch lesen. Wenige haben seit langen Jahren so tiefe Einblicke in diese Partei und haben so viel über sie herausgefunden wie Katja Riedel und Sebastian Pittelkow.» Georg Mascolo

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Seitenzahl: 476

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sebastian Pittelkow • Katja Riedel

Rechts unten

Die AfD: Intrigen, heimliche Herrscher und die Macht der Geldgeber

 

 

 

Über dieses Buch

Geld. Macht. Streit. Hinter den verschlossenen Türen der AfD.

 

Wie weit nach rechtsaußen kann eine Partei gehen, wie fragwürdig darf ihr Personal sein, wie zerstritten ihre Elite, wie inhaltsarm ihr Programm und wie dubios ihre Spender – um dennoch gewählt zu werden? Die AfD ist eine chaotische Partei, die vom Streit lebt: zerfressen von Ideologie und Machtinteressen, Karrierismus und dem Kampf um das «wahre Deutschland»; zerrissen zwischen Gemäßigteren und rechtsextremen Flügelkämpfern; zerfallen in Straßenpolitiker und Parlamentarier; auf dem Weg nach rechts argwöhnisch beobachtet vom Verfassungsschutz. Und dennoch ist und bleibt sie, fast zehn Jahre alt, die bedeutendste politische Bedrohung unserer demokratischen Kultur.

Wie schafft sie das? Unter welchem Einfluss steht sie selbst? Wer finanziert sie? Katja Riedel und Sebastian Pittelkow gehen diesen Fragen nach. Sie verfolgen das Innenleben der AfD seit sieben Jahren, führten unzählige Gespräche mit AfD-Provinz- und Spitzenleuten, sammelten Festplatten voller vertraulicher Informationen, enthüllten die interne Kommunikation der ersten Bundestagsfraktion. Sie folgen der Spur des Geldes und zeigen, wie eine Reihe erzkonservativer Milliardäre Kampagnen und Funktionäre beeinflusste. Sie erklären, welche Kräfte ein Interesse an ihrer Existenz haben und warum man trotz der letzten Talfahrt nach rechts unten noch lange mit ihr rechnen muss.

Die Autoren haben für dieses Buch viele der wichtigsten Akteure noch einmal mit ihren politischen Positionierungen konfrontiert und so weitere Einblicke in die Geschichte der AfD gewonnen. Zugleich gewähren sie ebenso tiefe Einblicke in ihre eigene Arbeit und zeigen, mit welcher Ausdauer und Akribie investigative Journalist:innen bei solch heiklen Recherchen zu Werke gehen müssen.

 

«Wer verstehen will, warum die AfD so gefährlich ist, sollte dieses Buch lesen. Wenige haben seit langen Jahren so tiefe Einblicke in diese Partei und haben so viel über sie herausgefunden wie Katja Riedel und Sebastian Pittelkow.» Georg Mascolo

Vita

Sebastian Pittelkow, geboren 1982 in Dresden, arbeitet als investigativer Reporter für den NDR und die ARD in Berlin und gehört zur Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung. Er hat Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig studiert und danach beim MDR als Reporter gearbeitet. Mit der AfD und dem Osten der Republik beschäftigt er sich journalistisch seit vielen Jahren. Für seine Arbeit wurde er vielfach ausgezeichnet.

 

Katja Riedel wurde 1979 in Rotenburg an der Fulda geboren. Sie arbeitet seit vielen Jahren als Investigativjournalistin, vornehmlich für die Recherchekooperation von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, zuletzt aber auch für die ZEIT. Nach einem Studium in Leipzig, Gießen und München absolvierte sie die Deutsche Journalistenschule. Bei der Süddeutschen Zeitung war sie bis 2016 Redakteurin und wechselte dann ins Berliner Büro des Investigativressorts des WDR, wo sie sich neben wirtschaftspolitischen Themen seit Jahren der AfD und den Netzwerken der Neuen Rechten widmete. Ihre Arbeit wurde ebenfalls vielfach ausgezeichnet.

 

Gemeinsam deckten Katja Riedel und Sebastian Pittelkow wichtige Teile der AfD-Spendenaffäre auf und waren zuletzt Autoren des Podcasts «Die Jagd» über geheime Chats der AfD im Bundestag.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, November 2022

Copyright © 2022 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

Lektorat Frank Strickstrock

Covergestaltung Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

ISBN 978-3-644-01579-1

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Prolog

Kapitel 1 Machtkämpfe

Von Glücksrittern und Deutschlandrettern

Informanten mit Sendungsbewusstsein

Vom Streit leben

Jörg Meuthen und die «Lega Ost»

Höcke ante portas

Keine Macht der Disziplin

Kapitel 2 «Wir werden sie jagen»

Eine «neue Epoche»

Gaulands Antrieb

Quasseln und quälen

Wer gibt die Richtung vor – und welche?

Corona-Wandlungen

In schlechter Verfassung

Jäger ohne Ziel

Kapitel 3 Freie Radikale

Der aufhaltsame Aufstieg des Björn Höcke

Unter Beobachtung des Verfassungsschutzes

Rechtsradikal auf allen Ebenen

Angriff auf den Flügel

Meuthens letzter Machtkampf

Rechtsrutsch #3: Showdown in Riesa

Kapitel 4 Millionen für ein rechtes Deutschland

Nebelkerzen vom Zürichsee

Jörg Meuthen denkt nichts Böses

«Rechts vom Gustl steht bloß noch Dschingis Khan» – August von Finck junior

Kapitel 5 Die Spur der Milliardäre

Der Milliardär vom Zürichberg

Immer wieder GOAL AG

Rechtes Geld

Kapitel 6 Auf der Suche nach dem blonden Phantom

«Meine Mädels im Bundestag»

Einflüsterer der ersten Stunde

Schäbige Geschäfte auf Kosten von Kleinanlegern

Kapitel 7 Liebesdienste für Moskau

Zeitenwende in der AfD?

Berühmt in Dnipropetrowsk

Ein deutscher Mittelsmann in Moskau

Hass-Grüße aus Moskau

Ende oder Anfang? – Ein Ausblick

Prolog

Dieses Buch handelt von einer Spurensuche. Sie führt ins Innere der erfolgreichsten und radikalsten Parteigründung seit der Wiedervereinigung: der AfD. In nicht einmal zehn Jahren hat es die «Alternative für Deutschland» geschafft, die Parteienlandschaft in Deutschland grundstürzend zu verändern. Inzwischen ist sie im Europaparlament, im Bundestag, in nahezu allen Landtagen und in zahlreichen Kommunalparlamenten vertreten, ein beispiellos schneller Marsch durch die Institutionen. Sie rüttelt an den Grundpfeilern jenes Systems, das uns seit der Nachkriegszeit vor der Wiederkehr einer Diktatur schützen soll. Die AfD ist demokratisch gewählter Teil dieses Systems, aber sie nutzt den Parlamentarismus auch, um ihn vorzuführen. Und sie bringt sich selbst durch mangelnde Abgrenzung nach rechts immer wieder in den Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit; inzwischen wird die komplette Partei als Verdachtsfall vom Verfassungsschutz beobachtet.

Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Reise in das Innenleben der Partei. Sieben Jahre lang haben wir für WDR Investigativ und NDR Recherche und in der Recherchekooperation der Sender mit der Süddeutschen Zeitung versucht, die «Alternative für Deutschland» in ihrem Innersten auszuleuchten, auf der Suche nach den größten Geheimnissen und dem Geschehen hinter den verschlossenen Türen der AfD. Es ist eine Reise durch alle Ebenen der Partei, durch Groß- und Kleinstädte in allen Teilen Deutschlands. Zu Parteitagen, in Gasthöfe, in Cafés und in viele Häuser und Wohnungen von AfD-Politikern selbst. Wir wollten durch viele Tausend Hintergrundgespräche ihre geheimen politischen Strategien öffentlich machen, ihre Ziele und Motive, wie sie ticken und wohin sie mit der AfD und mit Deutschland wollen. Und wir stießen dabei auf Strukturen und Zusammenhänge, die wir so nicht erwartet hätten.

Dieses Buch ist also die Geschichte einer Recherche – aber vor allem ist es die Geschichte der Reise, die die AfD 2013 begann, einer Reise von Westen nach Osten, vom Gründungsstädtchen Oberursel im Speckgürtel von Frankfurt in die sächsische Provinz nach Riesa als dem zumindest vorläufig letzten markanten Zwischenstopp auf dem rasanten Weg nach rechts, einer Reise von einer liberalkonservativen und bürgerlichen Anti-Euro-Partei zu einer ausländerfeindlichen und islamophoben Rechtsaußen-Partei.

 

Das Plakat, mit dem alles anfing, wirkt schmucklos. Kein Logo, kein Bild, dafür eine klare politische Botschaft: «Damit Europa nicht am Euro scheitert!», steht da in dicken roten Lettern mit weißem Rand auf blauem Grund geschrieben, und darunter: «Die Rettungspolitik der Bundesregierung rettet Banken, Politiker und Spekulanten. Aber nicht Sie!»

Über 1000 Menschen finden an jenem Montag, den 11. März 2013, den Weg in einen großen Saal im kleinen Oberursel nahe Frankfurt am Main. Auch wenn die Partei offiziell schon Wochen vorher, am 6. Februar, von 18 Männern und Frauen gegründet worden war – ebenfalls in Oberursel –, so ist diese Veranstaltung in der Stadthalle doch eine Art inoffizieller Gründungsakt der Partei. In dem überfüllten Saal in der Stadthalle diskutierten Menschen mit Namen, die damals noch kaum jemand kannte: Bernd Lucke, Alexander Gauland und Beatrix von Storch. Sie sprachen über die Zukunft des Euro, der Währungsunion. Auf die Europäische Union blickte die junge Partei skeptisch, aber noch nicht feindlich.

Trotz Eis und Schnee seien die Menschen aus ganz Deutschland gekommen, erzählt uns der Initiator Konrad Adam im Sommer 2022. Fast zehn Jahre sind seit jenem Abend in Oberursel vergangen, für den Adam mit seiner Frau eigenhändig das Plakat entworfen, gedruckt, geklebt und vor dem Supermarkt im Winter 2013 Unterschriften gesammelt hatte. «Als ich am Nachmittag den großen leeren Saal sah, war mir etwas blümerant», erinnert er sich, «aber als dann im Foyer alles voller Menschen war, da wusste ich: Die Zeit ist reif, und sie war damals auch reif.»

In Deutschland. In Europa gibt es seit den 80er-Jahren nahezu flächendeckend Erfolge rechtspopulistischer bis rechtsextremer Parteien bei Wahlen; in der direkten deutschen Nachbarschaft gibt es Kräfte wie die Lega in Italien, die Dänische Volkspartei, die Partij voor de Vrijheid (Niederlande), Vlaams Belang (Vlaams Blok) in Belgien, die Rassemblement National (Frankreich, vormals Front National), die Freiheitliche Partei Österreichs, die Schweizerische Volkspartei, oder in Polen die regierende PiS-Partei. Mit der Finanzkrise 2007/2008 bekommen sie zwischenzeitlich neuen Auftrieb, mit Stimmenpotenzialen in den Zehnerjahren zwischen 10 und 25 Prozent (von Fidesz in Ungarn und PiS in Polen nicht zu sprechen).

Nun also die «Alternative für Deutschland». Wie keine andere Partei seit den Grünen schafft sie es, in rasender Geschwindigkeit zu wachsen und in die Parlamente einzuziehen. Ende des Jahres 2013 hatte diese neue rechte Partei 7000, Ende desselben Jahres schon über 17000 Mitglieder, und sie verfehlte den Einzug in den Bundestag nur knapp, mit 4,7 Prozent der Wählerstimmen. Es wird der Auftakt dessen, was vier Jahre später beim Einzug der rechten AfD in den Bundestag in den Nachrichten als «tektonische Verschiebungen» in der Parteienlandschaft bezeichnet werden wird; und die sich bei der neuerlichen Wahl in den Bundestag 2021 manifestiert. Jeder zehnte Wähler gab damals seine Stimme der Partei am rechten Rand.

Im Herbst 2020 treffen wir Konrad Adam, den Mitgründer, Initiator und ersten Ko-Parteichef der AfD in seinem Reihenhaus in Oberursel. Der Besuch hat einen Anlass: Gerade hat der ehemalige Feuilleton-Journalist der FAZ und der Zeitung Die Welt seinen Parteiaustritt öffentlich gemacht – und wir erleben einen Mann, der immer noch mit Stolz, aber auch mit Groll auf das zurückblickt, was er als einer der Parteipioniere mit erschaffen hat. Auf unsere Frage, ob er diese Gründung bereue, kann er weder mit einem klaren Ja noch einem klaren Nein antworten – und das, obwohl die Partei inzwischen rechtsradikal ist. Für ihn ist klar, dass die AfD zu schnell zu erfolgreich geworden und so zu viele Glücksritter angezogen habe, «Ganoven», wie er sich ausdrückt, die in und mit ihr Karriere hätten machen wollen und so den Weg der Partei negativ beeinflusst hätten. Es ist eine Sichtweise, die immer noch eine goldene Gründerzeit sieht und dabei ausblendet, dass der Rechtsrutsch der AfD schon in ihren ersten Monaten angelegt war, ohne dass die Verantwortlichen ihn konsequent aufgehalten haben.

Die AfD sei ein «Monster», das er mit erschaffen hat, bilanzierte bei seinem Austritt schon Ende 2015 ein prominenter Ex-Vorstand, eine «NPD light» (Hans Olaf Henkel, November 2015). Als wir uns bei Parteigründer Adam damals verabschieden, drückt er uns eben jenes Plakat der Gründerversammlung aus 2013 in die Hand. Als wir ihn zwei Jahre später noch einmal anrufen, sagt er uns, die Themen der heutigen AfD seien nicht mehr seine. Den Austritt Deutschlands aus der EU, den die AfD zuletzt im Bundestagswahlkampf gefordert hat, kommentiert er mit dem Satz: «Die sind ja verrückt!»

Andere der ersten Parteivorstände von damals äußern sich schonungsloser, wenn sie nach ihrem Austritt auf das schauen, was sie mit zum Leben erweckt haben: Die AfD sei «unmenschlich und nicht zu ertragen», so sagte es Bernd Lucke über den Umgang der AfD mit Geflüchteten bereits im Februar 2016 der Augsburger Allgemeinen Zeitung. Ein anderer Parteigründer sagt uns im Sommer 2022: «Damals fand ich das richtig mit dem Euro; aber der Euro war es nicht wert, so ein scheußliches Gebilde mitgegründet zu haben. Es widert mich an, wenn man sich anschaut, was dabei rausgekommen ist. Es ist Wahnsinn, wie alle damals einfach zugeschaut haben, wie das Ganze nach rechts gekippt ist.»

Und das ging schnell. Die Kritik am Euro wurde nicht nur von Wutbürgertum und einer dezidierten Antimigrationspolitik überlagert, sondern auch von einer Kritik an sich selbst; dies sorgt für eine permanente Selbstbeschäftigung. Ihre Protagonisten kreisen um die Frage, wie weit rechtsaußen die AfD eigentlich stehen soll. Und wie weit sie an die Grenzen der Demokratie dringen kann, ohne ihren radikalen Markenkern aufgeben zu müssen.

Wie aber konnte es so weit kommen? Das haben wir uns gefragt, als wir vor etwa sieben Jahren angefangen haben, die AfD, ihr politisches Vorfeld und ihr ideologisches Milieu zum Gegenstand einer investigativen Recherche zu machen. Wir sahen damals einen Grund, ganz genau hinzuschauen: Weil sich die AfD immer stärker radikalisiert hatte – und als Rechtsaußenpartei so erfolgreich war, ausgerechnet in diesem Land mit seiner so besonderen, grausamen Geschichte. Und weil eine teure Plakatkampagne anonymer Gönner den Verdacht aufkommen ließ, dass es heimliche Kräfte gab, die diesen Erfolg der AfD unterstützen wollten. Deren Identität und andere Missstände wollten wir mit unseren Recherchen aufdecken – und lernten so die Partei in ihrem Innersten kennen. Die AfD eilte damals von einem Wahlerfolg zum nächsten und schickte sich an, 2017 zum ersten Mal in den Bundestag einzuziehen. Sie war damals die dynamischste politische Bewegung und veränderte nicht nur das politische Leben in den Parlamenten, sondern auch den Ton innerhalb der Gesellschaft. Was treibt diese Partei an? Wer beeinflusst ihre Geschicke von außen? Wer hat ein Interesse an ihrem Erfolg? Und welche Gefahr geht von ihren Funktionären und ihren Mitgliedern aus?

Schon bald nach dem Gründungsabend in Oberursel trat an die Stelle von Harmonie der Streit. Zwei Lager formierten sich, ein Gemäßigteres und ein Rechtsradikales, die unablässig miteinander rangen, für wen «die Zeit nun eigentlich reif» ist. Alice Weidel und Tino Chrupalla, die heutigen Parteichefs der AfD, gehörten 2013 gar nicht zum Kreis der Gründer. Gleich vier ihrer insgesamt fünf Vorgänger haben die AfD seither enttäuscht verlassen, oft sogar im Streit; übrig geblieben ist von den prominenten Gesichtern nur noch der Gründer Alexander Gauland, die wohl einzige Konstante der AfD. Frauke Petry ging mit einem Eklat: Wir sahen ihr zu, als sie am Tag nach dem bislang größten Erfolg der Partei die Feierlaune verdarb und in der Bundespressekonferenz alles mit der Nachricht überstrahlte, dass sie nicht für die AfD in den Bundestag einziehen wird. Wir waren dabei, als Jörg Meuthen auf einer roten Couch in einem Berliner Restaurant einsam in sein Handy blickte und den Push-Nachrichten zu seinem eigenen Rück- und Parteiaustritt folgte. So war das immer mit den Vorsitzenden: Sie gingen als Unterlegene der unerbittlichen Machtkämpfe – die gleichzeitig ein Geheimnis des Erfolges der Partei sind, wie wir zeigen werden.

«Alternative für Deutschland»? Nur drei Jahre werden vergehen, bis die AfD von ihrem ersten Parteispendenskandal erfasst wird, der zunächst Jörg Meuthen betrifft, bald schon andere wichtige Funktionäre, darunter Alice Weidel. Der Spendenskandal wird sich zu einer Affäre ausweiten, die droht, die gesamte Partei zu erfassen. Wir haben wichtige Teile dieser Spendenaffäre um einen Tarnverein, eine Schweizer Werbeagentur und fragwürdige Kampagnen mit Kollegen verschiedener Medien aufgedeckt. Die Affäre erinnert in ihren Dimensionen an den Spendenskandal der CDU; sie ist bis heute noch nicht restlos aufgearbeitet. Die selbsternannte Partei der Rechtsstaatlichkeit ist den neuen Verlockungen, die der schnelle Erfolg mit sich bringt, schon früh erlegen. Ihre illegalen und heimlichen Parteispenden lassen sie schnell zum parteipolitischen Establishment gehören. Als wir im November 2018 nach monatelanger Suche eine illegale Parteispende aus der Schweiz auf dem Wahlkampfkonto für Alice Weidels Bundestagskampagne 2017 finden und die Auszüge des Kontos in den Händen halten, fängt die Affäre und die Recherche nach dem Weg des Geldes und den anonymen Gönnern erst richtig an.

 

«Mut zur Wahrheit!» – mit diesem Slogan war die AfD 2013 in ihren ersten Bundestagswahlkampf gezogen. Von diesem hehren Anspruch scheint wenig übrig geblieben zu sein. Vier Jahre später wählt Alexander Gauland eine andere, aggressivere Botschaft und nimmt ein neues Ziel ins Visier: Er attackiert die wichtigste Repräsentantin des Staates, die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sein «Wir werden sie jagen!» schallt damals am Abend der Bundestagswahl 2017 von der Bühne der AfD-Party herab zu den grölenden Anhängern, zwischen die wir uns als Reporter gedrängelt haben, und in die Fernseher der Bundesrepublik. Es klingt wie eine Drohung, eine Kampfansage an ein Politikmodell, das Kanzlerin Merkel wenige Jahre zuvor als «alternativlos» bezeichnet hatte, ein schlimmes Wort in einer Demokratie. Was also wird die neue größte Oppositionspartei nun im Bundestag anrichten? Wovor muss man sich fürchten?

Wir finden die Antworten darauf 2021 in der geheimen Chatgruppe dieser Bundestagsfraktion. In ihr können wir nachlesen, wie die Abgeordneten damit ringen, politische Strategien und Inhalte zu finden; wie sie, die häufig auf der Straße politisiert wurden, mit dem Parlamentarismus fremdeln. Wir lesen, wie Bundestagsabgeordnete nicht nur vom Jagen, sondern auch von Revolution und Umsturz sprechen, wenn sie glauben, dass ihnen niemand zuhört. Vor allem aber bekommen wir durch dieses Leak mit, welches Zeugnis sich die AfD nach ihren ersten vier Jahren im Bundestag selbst ausstellt. Und das ist verheerend. Während in Oberursel noch davon gesprochen wurde, nicht nur als eine Ein-Thema-Partei anzutreten, sondern auch in anderen Feldern alternative Politik anzubieten, ringt die Partei-Elite, die AfD-Bundestagsfraktion schon Monate vor ihrer Wiederwahl ins Parlament viel grundlegender um Führung, Inhalte und Ideen.

Seit ihrer Gründungszeit lebt die AfD auch von ihrem Anspruch, basisdemokratisch sein zu wollen. Und in der Tat gründet sich ihr Machtanspruch weniger auf geordnete parlamentarische Verhältnisse als auf die Gesetze der Straße, auf Grölen und griffige Statements. Parteitage sind über Jahre hinweg weder für die AfD-Funktionäre noch für Beobachter planbare Veranstaltungen. Politische Wendungen entstehen dort oft aus Stimmungen und spontanen Mehrheiten heraus. Für viele in der AfD ist Protest, Unabhängigkeit und ein Anderssein jenseits politisch rechter Inhalte ein Antrieb. Er führte sie vom Wohnzimmer auf die Straße, und von der Straße führte viele der Weg direkt in die AfD. So haben es uns viele der AfD-Funktionäre erzählt, die wir überall im Land getroffen haben. Im Ringen darum, um jeden Preis anders zu sein als die von ihr verhassten sogenannten «Altparteien», sträubt sich die AfD innerlich lange, professionelle Strukturen aufzubauen.

Deshalb ist sie bis heute anfällig für Einflüsse von außen, selbst an der Parteispitze. Wir können zeigen, wie Alice Weidel und mit ihr viele andere Bundestagsabgeordnete mit einem dubiosen Berater über Jahre hinweg in Kontakt standen und wie dieser auch immer wieder Einfluss auf die Geschicke der Partei genommen hat. Und wir finden Gründe, warum viele in der AfD seit Jahren russische Narrative stärken und warum sich die Partei mit einer Linie angesichts des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und den Westen so schwertut.

Im Sommer 2022 hat der Staat längst begonnen, sich gegen die AfD zu wehren, die inzwischen aus dem Parlament heraus ungezügelt gegen politische Gegner und Migranten hetzt. Was in der Partei vor sich geht, geschieht deshalb unter den Augen der Verfassungsschutzämter, deren Beobachtung besonders die vielen Staatsdiener, die Richter, Lehrer, Soldaten, die Staatsanwälte oder Polizisten in der Partei jahrelang gefürchtet haben. Wie die AfD mit dem Inlandsgeheimdienst ringt, ist ein Kampf, den wir in vielen vertraulichen Papieren nachvollziehen können.

Wir können die Geschichte der AfD, ihre Wendungen und geheimen Strategien auch deshalb beschreiben, weil wir über die Jahre hinweg Parteiprotokolle, Vorstandsmails und Chats, Festplatten voller Dokumente zugespielt bekommen haben, die es uns ermöglicht haben, Missstände aufzudecken und die AfD an ihrem eigenen Anspruch als politische Alternative zu messen. Informanten haben uns mit dem, was sie uns in den vielen Tausend Hintergrundgesprächen erzählt haben, geholfen, die vertraulichen politischen Strategien der AfD zu verstehen und vieles zu veröffentlichen, was eigentlich niemand erfahren sollte. Wir haben so die Partei von innen verstehen gelernt; ihre Ziele und Motive, wie sie tickt und wohin die AfD mit Deutschland will. Die Reise von Oberursel 2013 zum Parteitag in Riesa 2022 – es ist eine Reise nach rechts unten.

Kapitel 1 Machtkämpfe

Die Geschichte der AfD ist eine Geschichte des Streits – er ist für sie jahrelang das Erfolgsrezept. Auf ihrem kurzen Weg hat sie bereits vier Parteichefs verbrannt und das Gründungspersonal auf allen Ebenen weitgehend ausgetauscht. Von karrieristischen Glücksrittern, rechtsextremen Ideologen und erbitterten Lagerkämpfen, die die AfD an die Grenzen des politischen Überlebens führen.

Im Februar 2017 betreten wir ein unscheinbares Bürohaus in einer der Großstädte, die sich zum Ruhrgebiet zusammenballen. Sie scheinen miteinander verwachsen zu sein, ein Meer von Wohngebieten, Industrie-Arealen, Stadtautobahnen, in die Jahre gekommenen Bahnhöfen, stillgelegten Fördertürmen und Einkaufspassagen. Wer hier in der AfD damals ein Amt anstrebt, der gehört meist zu jenen, die es aus ihrem angestammten Leben irgendwie rausschaffen wollten. Raus aus dem Meister-Blaumann, der Arbeiterkluft, dem Anwaltstalar, dem Bankeranzug, raus aus der Welt der Werkstätten, Fabriken, Messen oder Meetings. Raus also aus der etwas angeschmuddelten Kleinbürgerwelt des Reviers.

Mit diesem Gefühl gehen wir damals jedenfalls aus vielen Gesprächen heraus, die wir hier mit Politikern der AfD führen. In einem der oberen Stockwerke des Hauses erwartet uns an diesem Tag ein Mann, der über ein umfangreiches Dossier vertraulicher Parteidokumente verfügen soll, die tiefe Einblicke in das Innenleben der Partei versprechen. Und der, noch besser, sogar gewillt scheint, es mit uns zu teilen.

Die Welt, in der wir ihn treffen, ist uns bei unseren ersten Reisen noch ein wenig fremd. Einige Monate und viele Fahrten später werden uns die Menschen und ihr Umfeld vertrauter sein – und wir werden mit Ortsnamen wie Moers, Mülheim oder Duisburg-Marxloh Gesichter, Geschichten und sogar die Antwort auf die Frage verbinden können, warum uns eigentlich all diese Menschen zu Hause oder in ihren privaten Büros empfangen und Kaffee oder Apfelkuchen servieren wollen. Warum sie mit uns, mit der sogenannten «Lügenpresse» oder den «Mainstreammedien», über «ihre» AfD sprechen wollen.

Das können wir uns zunächst kaum erklären. Wir hören mehr zu, als selbst viel zu sagen. Zum Beispiel, als einer der Parteigründer stundenlang über das «Primat des Politischen» referiert, ohne dass wir jemals vollständig verstehen, was er uns damit eigentlich genau sagen will. Schon leichter können wir seiner Erklärung folgen, dass der rote Pfeil im Logo der Partei einen Phallus repräsentieren solle, der sanft nach oben zeige. Wie die Erfolgskurve der Partei eben, in der er seit den ersten Tagen mitgearbeitet hat.

Reisen wie diese haben uns in den vergangenen Jahren quer durch die Republik geführt, über Autobahnen oder Großstadt- und Regionalbahnhöfe. Sie führten uns zum Beispiel in die sächsische Schweiz, dorthin, wo die Städtchen und Dörfer seit langem in neuem Glanz erblühen – und man sich fragt, woran es den Leuten eigentlich fehlt, dass hier die rechte Protestpartei bei Wahlen schon mal fast jede dritte Stimme und Seele fängt. Andere führten uns an die Grenze zu Österreich, dorthin, wo 2015 Tausende Geflüchtete nach Deutschland unterwegs gewesen sind. Ein Ereignis, das einen Kreisvorsitzenden noch heute so in Rage versetzt, dass er sich in der AfD engagiert, die Deutschland gegen Migranten abriegeln will. Dafür sieht er über viel Chaos in der AfD hinweg. Mitten in Deutschland öffnet uns ein anderer Parteigründer die Tür; er träumt noch immer von der alten AfD und ihrer Eurokritik, die die Partei mehr oder weniger hinter sich gelassen hat, während sie stattdessen bei den Querdenkern auf Stimmenfang geht. Wieder ein anderer, sehr prominenter Politiker aus der AfD erzählt uns Anekdoten aus der Gründungsgeschichte und reicht dazu ein stilles Discounter-Wasser. Als wir ihn fragen, warum in seinem Schaukelstuhl eine lebensgroße Figur aus Pappmaché sitzt, die die Gesichtszüge des italienischen Rechtspopulisten Silvio Berlusconi trägt, macht er uns mit seiner Antwort erst sprachlos und dann schlauer, welche mal rationalen, mal irrationalen Ängste viele in der AfD umtreiben. Der Papp-Berlusconi soll potenziellen Einbrechern vorgaukeln, dass immer jemand zu Hause ist. Eine Vogelscheuche gegen Diebe.

Und da sitzt der für AfD-Verhältnisse Gemäßigte in einem Hamburger Steakhaus, der seit Jahren auf Parteitagen die Sitzungsleitung übernimmt, aber offenbar ignoriert, dass die Rechtsradikalen in der AfD Funktionäre wie ihn immer weiter marginalisieren.

Die Beweggründe, warum die Menschen zur AfD gefunden haben und scheinbar unverbrüchlich an ihr festhalten wollen, sind oft diffus. In all diesen Gesprächen über die Welt- und Gesellschaftssicht der AfDler beginnen wir zu ahnen, worum es vielen in der Partei wirklich geht, und wie sie die vielen Widersprüche miteinander vereinen, die uns quer durchs Land bei diesen Treffen immer wieder begegnen und unvereinbar scheinen. Etwa, wie es vielen von ihnen gelingt, strikt zu trennen zwischen befreundeten und geschätzten Migranten, die sogar zur erweiterten Familie gehören können, und den fremden Geflüchteten und neuen Deutschen. Letztere lehnen sie zutiefst ab, verunglimpfen sie zum Beispiel als «Messermigranten» oder «Goldstücke», die Deutschland in den Untergang führen und die christliche Welt «islamisieren» wollten. Wir tauschen Argumente aus, ohne durchzudringen, zu Themen, über die wir mit der AfD eigentlich nicht sprechen wollen, weil es uns um etwas ganz anderes geht: um die Innenansicht der Funktionäre auf ihre Partei.

Man erzählt uns bei diesen Treffen Geschichten, die nichts mit geistig-moralischer Überlegenheit zu tun haben, sondern eher mit deren Gegenteil: mit Niedertracht. So berichten uns unsere Gesprächspartner von geifernden Auseinandersetzungen zwischen prominenten Parteifunktionären. Anekdoten über angebliche Prügeleien auf Parteitags-Toiletten hören wir uns zwar interessiert und auch manchmal amüsiert an, wissen aber, dass wir darüber nie detailliert berichten werden. Vieles wird uns gesteckt, weil sich der Erzählende etwas davon erhofft. Wir hören trotzdem aufmerksam zu, immer in der Hoffnung auf Informationen, die uns voranbringen könnten bei den Fragen, warum es die AfD überhaupt gibt, warum eine so rechte Partei so viel Erfolg hat und wer sie antreibt und beeinflusst. Ganz besonders interessiert uns deshalb die Spur des heimlichen Geldes. Und so spitzen wir die Ohren, als uns einmal in einer kleinen Bahnhofskneipe zwischen Dartscheibe und Stehtisch beim Bitburger Pilsener mit Tropfdeckchen das Gerücht von einem ominösen Millionen-Koffer zugeflüstert wird. Ob darin Euro, Rubel oder Dollar steckten, vermochte kein Informant zu sagen. Den Koffer soll ein durchaus bekannter AfD-Funktionär 2016 auf der Krim entgegengenommen haben, so hieß es. Russisches Geld für die AfD. Der Russenkoffer wird zu einem Gerücht, über das in der Partei monatelang spekuliert wird, und dem wir und auch einige Kolleginnen und Kollegen anderer Medien lange nachgehen.

Auch wenn die Recherche nicht erfolgreich ist, gehört sie zu jenen, um die es uns geht. Wir wollen tatsächlich belegbaren Verfehlungen, Vorteilsnahmen oder Skandalen auf die Spur kommen, über die man als eingeschworene Gemeinschaft eigentlich nicht sprechen würde. Wir haben uns die AfD als Thema vorgenommen, weil sie die erfolgreichste Parteigründung seit vielen Jahrzehnten ist, einen rasanten Aufstieg erlebt und weil sie unsere Demokratie bedroht, deren Werten wir als Journalisten verpflichtet sind.

Bis heute versorgen uns Menschen aus der AfD immer wieder mit brisanten Informationen und Datenmaterial, obwohl daraus Berichte werden, die vielleicht Einzelnen nützen mögen, der gesamten Partei und ihrem vollmundigen Ziel der «Deutschlandrettung» aber schaden. Warum geben Menschen uns dieses Material überhaupt? Eine Frage, die wir uns selbst auch immer wieder stellen müssen. Es sind Berge interner Berichte aus der Bundestagsfraktion, die uns später mal in einer Aldi-Tüte in einem S-Bahn-Döner-Imbiss am Berliner Stadtrand übergeben werden. Es ist der Briefumschlag mit der Aufschrift «Top Secret», in dem von einem geheimen Netzwerk adliger Reicher in Bayern die Rede ist. Es gibt Kontounterlagen, die plötzlich neben der Salatbeilage auf dem Tisch liegen, und die eine der mächtigsten Frauen der AfD in eine schwere politische Krise stürzen werden, ein Ermittlungsverfahren auslösen und uns durch halb Europa reisen lassen auf der Spur des Geldes. Und dann sind da die 40000 Chatnachrichten der Partei-Elite, die in unserem Mailpostfach landen und die uns so tief wie nie zuvor in die Seele der AfD blicken lassen werden.

Warum diese und andere Informanten aus der AfD Verrat begehen, ist eine Frage, deren Antwort wiederum viel über die Partei verrät. Wir werden ihr im Laufe unserer Recherchen näherkommen, auch schon an diesem Tag im Februar 2017, in dem grauen Bürohaus in der Ruhrpott-Stadt, in dem der Informant mit dem vielen internen Material sitzt. Den Mann mit Seitenscheitel, der uns nun in einem der oberen Stockwerke erwartet und mit geradezu militärischem Gruß empfängt, lernen wir erst an diesem Tag persönlich kennen. Wir wurden ihm von einem Parteifreund zuvor telefonisch vermittelt. Angekündigt hat uns jemand, der mit dem Herrn schon länger gemeinsam Ränke schmiedet. Beide bringen sich wie viele andere in der Partei zu der Zeit für Verteilungskämpfe in Position. Denn in Nordrhein-Westfalen steht eine Landtagswahl bevor, kurz darauf wählt Deutschland den neuen Bundestag. Dem bevölkerungsreichsten Bundesland kommt wie in jeder Partei auch innerhalb der AfD eine große Bedeutung zu – und hier gibt es jetzt erstmals lukrative Jobs zu verteilen. Gleich viermal locken für NRW-AfDler Posten, als Abgeordnete und als Mitarbeiter, in den künftigen AfD-Büros der beiden Parlamente in Düsseldorf und Berlin.

Um die vielen Wählerstimmen wirbt damals Landeschef Marcus Pretzell, seit kurzem Ehemann Frauke Petrys, der damaligen Ko-Parteichefin neben Jörg Meuthen. Hinter Pretzell rangeln etliche Politiker um einen Platz an den begehrten «Fleischtöpfen». Und so kommt es auch zu Schmutzkampagnen. Wir treffen damals zumeist Männer aus der zweiten und dritten Reihe der AfD, die sich an diesem Verteilungskampf rege beteiligen. Frauen schaffen es in der Partei nur selten auf die große Bühne. Die Männer sind vielfach Parteilegionäre, die sich im Fahrwasser derer, für die sie nun in diesen wichtigen Monaten Strippen ziehen, eine rosige Parteizukunft erarbeiten wollen. Die Attacken auf das gegnerische Lager sind hart, schmutzige Chats werden wie Waffen verwendet. Material, das auf Datensticks und in Aktenmappen darauf wartet, in Journalistenhände übergeben zu werden. Und wie im richtigen Krieg stirbt auch in dieser parteiinternen Schlammschlacht die Wahrheit zuerst.

Mancher sammelt Ordner voller «Kompromat», manchmal sogar fingierten Erpressungsstoff, fast so wie man es aus Agentenstorys in Filmen kennt. Der Stoff, aus dem die Intrigen gewoben werden, soll das Licht der Öffentlichkeit meist dann erblicken, wenn wichtige parteiinterne Entscheidungen näher rücken, weshalb die Medien für die AfD plötzlich interessant werden. Da sind die Fotos von einem angeblichen toten Briefkasten eines Funktionärs, der sich eine Meldeadresse erschlichen haben soll. Und da ist der Anruf, dass ja an Swingerclubs im Allgemeinen nichts Verwerfliches sei. Dass aber eine Funktionärin dort angeblich vor Jahren auf einem bei YouTube einsehbaren Image-Filmchen des Edelclubs im Sächsischen zu sehen sei – mit einer Frau. Das gehöre sich dann doch wirklich nicht.

Der Mann mit dem Seitenscheitel führt uns an einem kargen, langen Tresen vorbei und platziert uns an einem riesigen Konferenztisch, mit Blick auf den Eingangsbereich, was im Verlauf der nächsten Stunden noch wichtig werden wird. Zunächst berichtet er aus seiner Vergangenheit in Burschenschaften und in CDU-Kreisen, um seine Verortung im Großen und Ganzen zu verdeutlichen, bevor er darauf zusteuert, wo beide Parteien hinwollen: an den digitalen Aktenschrank, in dem sein Kompromat liegen soll. Während wir unserem Ziel, dem brisanten Material über die Parteiführung in Nordrhein-Westfalen, nach etwa einer Stunde ganz nahe zu sein scheinen, klopft es plötzlich an der Tür. «Schon wieder!», seufzt der Informant und rollt genervt die Augen. Immer müsse er Pakete annehmen, auch für andere im Haus, ganz zerkratzt sei der hölzerne Tresen schon, «schauen Sie mal!»

Es klingelt wieder, mehrmals. Ob er nicht lieber einmal nachsehen will, fragen wir vorsichtig. Der Informant geht widerwillig zur Tür, um einen kurzen Blick durch den Spion zu werfen. Nein, da sei nichts, sagt er und schlendert zurück zum Tisch, um wieder Platz zu nehmen. Und dann macht es erst «Rummmms», und dann wird aus dem Rumms auch schon ein Knall, die Tür fliegt auf, mehrere Männer stolpern in die Szenerie, und wir sehen ihnen sprachlos zu. Es sind Polizisten eines Landeskriminalamtes, einer von ihnen hat einen Durchsuchungsbeschluss in den Händen, den er nun verliest. Wir schauen ungläubig, während sich das Gesicht unseres Informanten zusehends rot einfärbt. Er erklärt den Ermittlern mit anschwellender Empörung, dass er kein Verständnis für diese staatliche Aktion habe. Er habe den Glauben an die Sicherheit in diesem Staat sowieso gänzlich verloren. In jener Nacht nämlich, als er blutend und hilflos am Boden gelegen habe, nachdem ihn libanesische Clanmitglieder verprügelt hätten. «Wo ist da der Staat gewesen?», schreit er.

Der Einsatz dauert jetzt schon einige Minuten lang. Unser Informant soll eine DNA-Probe abgeben, weigert sich aber. Mit uns beschäftigt sich überraschenderweise niemand. Keiner der Kriminalbeamten nimmt Notiz von uns, obwohl wir ja mittendrin sind in der Szenerie und wie Theaterzuschauer in der ersten Reihe sitzen. Hektisch beginnt der Informant nun, die Schubladen unter dem besagten Tresen aufzuziehen, und die Polizisten fragen ihn, deutlich angespannt, was er da eigentlich macht. Ob er eine Waffe habe?

Der Mann explodiert: «Warum sollte ich ’ne Waffe haben, warum?», brüllt er und liegt kurz darauf am Boden. Kabelbinder umschließen straff seine Handgelenke. Wir werden immer noch nicht beachtet. Doch dann bleibt der Blick eines Polizisten doch auf uns hängen, und er fragt sichtlich irritiert: «Wer sind eigentlich Sie?»

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde mit den Ermittlern einigen wir uns darauf, dass jeder hier seinen Job ungestört verrichten können soll. Den Ermittlern ist es augenscheinlich unangenehm, dass wir ungebetene Zeugen ihres Einsatzes geworden sind und sie vor unseren Augen und Ohren den Grund ihres Besuchs verlesen haben, was ja einen Verstoß gegen den Datenschutz darstellt. Es besteht der Verdacht, dass sich in den Räumlichkeiten ein Betrug ereignet hat. Wir einigen uns darauf, dass wir für einen Moment verschwinden und in einem Backshop auf das Ende der Hausdurchsuchung warten. Als wir das Büro verlassen, stehen im vormals leeren Hausflur sehr viele Menschen, die uns mit großen Augen ansehen, als wir an ihnen vorbei die Treppe hinuntergehen. Es sind Menschen in weißen Schutzanzügen mit Metallkoffern in der Hand, wir wünschen ihnen reflexartig einen «Guten Morgen». Die Spurensicherung nickt zurück.

Unsere Erfolgsaussichten jedenfalls scheinen sich nach dieser skurrilen Unterbrechung rapide zu verschlechtern, wir sind uns sicher, dass diese weite Fahrt aus Berlin ins Ruhrgebiet umsonst gewesen sein dürfte, weil die Polizei unsere Datenübergabe zunichte gemacht hat. Doch dann folgt die größte Überraschung: Wir irren. Stunden später werden wir trotz dieses Intermezzos mit einer vollen Festplatte interner Dokumente der AfD nach Hause fahren.

Diese ganze Hausdurchsuchungs-Episode sei völlig harmlos, egal, beschwichtigt unser Informant, als wir zwei Kaffee später in sein Büro zurückkehren und er ohne neuerlichen Umweg über den Verhandlungstisch direkt zu seinem Computer geht und fragt: «Was brauchen Sie?» Während er unseren Datenstick füllt, wühlen zwei Ermittler noch im Nebenzimmer nach Aktenordnern. Er sei übrigens nur Zeuge in dem Betrugsverfahren, erklären uns die Beamten, als sie während unseres Datentransfers ihre Köpfe in das Büro stecken, nicht etwa der Beschuldigte. Eskaliert sei alles nur, weil der Mann Widerstand geleistet hätte, hören wir. Die verlangte DNA-Probe, die unser Informant dann doch noch abgegeben hat, sie scheint für diesen selbst längst vergessen zu sein. Seine Mission geht weiter. Er will einen ideologischen Machtkampf für sich entscheiden, Intrigen spinnen gegen solche, die er für ungeeignet hält, die AfD zu einer schlagkräftigen rechten Kraft in den Parlamenten zu machen. Es geht ihm darum, in NRW einen der lukrativen Jobs zu ergattern, die gerade zu vergeben sind.

Wir sind uns im Klaren darüber, dass uns brisantes Material stets mit einer Intention übergeben wird. Einer Absicht, einen parteiinternen Effekt zu erzielen. Wir müssen das reflektieren und uns gleichzeitig davon frei machen. Wichtiger ist: Ist das Material echt? Lässt sich damit ein Missstand aufdecken? Liefert es zumindest neue Einblicke in das Innere der AfD und das Ringen zwischen gegnerischen Lagern, der so spannend und erkenntnisreich ist, dass er eine Berichterstattung und damit einen Eingriff in diese Interna rechtfertigt – juristisch, aber vor allem auch ethisch? Dass das Material beiden Seiten nützen kann, der Öffentlichkeit, aber auch dem Informanten und dessen Intention, darf uns nicht daran hindern, etwas zu publizieren, das wir nach Abwägung aller Aspekte für wirklich berichtenswert halten. Aber nur dann werden all jene Daten, die wir in den vergangenen Jahren bekommen haben, Teil einer Berichterstattung, manchmal sofort, manchmal erst Jahre später, als Puzzleteil oder Kern einer Story. Was aus dem Datenstick wurde, den wir an diesem Tag mitgenommen haben, können wir an dieser Stelle nicht verraten. Er enthielt viele persönliche Details über AfD-Politiker aus NRW, E-Mail-Wechsel zum Beispiel, Informationen über angebliche Geldprobleme von Funktionären, denen der Informant schaden wollte, und er enthielt Posts einer Chatgruppe, aus der politische Absprachen bei Abstimmungen hervorgingen. Informationen, die uns geholfen haben, das System der Machtkämpfe, Deals und Absprachen besser zu verstehen. Weitere Details zu unserem Informanten jedoch können wir nicht liefern, um ihn nicht identifizierbar zu machen. Sein Name, seine Lebensumstände – all dies muss unser Geheimnis bleiben. Ihm und allen anderen Informanten unserer Berichte sichern wir diese Vertraulichkeit zu. Würden wir das nicht machen, kämen wohl weitaus weniger Missstände ans Tageslicht.

Von Glücksrittern und Deutschlandrettern

In fast sieben intensiven Jahren mit der AfD haben wir uns immer wieder entlang von Freundes- und Feindeslinien bewegt und haben uns so ein Tableau möglicher Informanten aufgebaut. Wir können abwägen, wer zu wem in feindlicher oder freundlicher Stellung steht; es hilft uns herauszufinden, wer ein Interesse haben könnte, mit uns zu sprechen. Solche Konstellationen gibt es auch in anderen Parteien, eigentlich mehr oder weniger in jeglicher Organisation. Aber in keiner anderen Partei sind die Macht- und Lagerkämpfe so identitätsstiftend und selbsterhaltend wie in der AfD, auch wenn häufig die niedergerungenen Protagonisten die Partei verlassen.

Es gibt unterschiedliche Motive, die Politiker in der AfD für ihre rechte Sache brennen lassen. Da wären zunächst die opportunistischen Glücksritter. Sie eint, dass sie nach persönlichen oder beruflichen Pleiten nun in der neu entstehenden Parteihierarchie einen Platz ergattern möchten. Ihnen geht es um Mandate in Parlamenten, um Diäten, Pauschalen, später um Pensionen, weniger um die inhaltliche Ausrichtung der Partei. Die AfD soll ihnen Einkommen und Ansehen sichern. In den Anfangsjahren strömten besonders viele dieser Glücksritter in die Partei, sie war schnell erfolgreich und etliche Posten waren zu vergeben. Die AfD zog Menschen an, die einen schnellen persönlichen Aufstieg im Sinn hatten. Sie bot ihnen ein Umfeld, in dem Aufbruchsstimmung herrschte. Hier konnten auch Wichtigtuer reüssieren. Sie versprachen oft weit mehr, als sie später hielten. Die AfD der Anfangsjahre bot ein ideales Milieu für solche Lautsprecher mit Geltungsdrang. Mit Intrigen und Ränkespielen wollen sich auch heute noch Funktionäre, die derart ticken, ihrer persönlichen Konkurrenten entledigen, ihrem Lager einen Vorteil verschaffen oder sich selbst parteiintern für die kommenden Jahre in Stellung bringen. Es ist ein Typus, der inzwischen auf allen Ebenen der AfD zu finden ist, sei es in kleinen Kreisverbänden, als Helfershelfer in den höheren Hierarchieebenen oder in den Reihen hochrangiger Funktionäre im Landes- oder Bundesvorstand. Besonders versierte Intrigenspinner sind häufig solche, die es in den Machtzirkeln der Partei schon weit nach vorne geschafft haben. Sie schwächen dann nicht nur mithilfe ihrer Zuarbeiter in einer Art Jagdgesellschaft den Gegner, sondern verteilen später auch bei parteiinternen Wahlen mit stabilen Stimmenpaketen ihrer Gefolgsleute Posten an die Verbündeten.

In der AfD heißen diese Netzwerke spöttisch «Beutegemeinschaft». Gemeint sind damit im Partei-Slang vor allem Westdeutsche, die oft eher dem für AfD-Verhältnisse gemäßigteren Lager angehören und denen der rechtsradikale Teil der Partei, der 2020 nur formal aufgelöste Flügel, Inhaltslosigkeit vorwirft. Im Machtkampf zwischen ihnen und dem extrem rechten Parteiflügel wird dieser Begriff selbst auch als Mittel eingesetzt, um jegliche Argumente oder Programmvorschläge wegzuwischen; sie seien per se inhaltslos und nur der Gier auf Posten geschuldet. Das Wort «Beutegemeinschaft» soll versinnbildlichen, dass es nicht um Inhalte gehe, sondern nur um den Ertrag, um puren Opportunismus und persönliche Ziele statt um die große Mission einer «rechten Revolution». Deutschland deutlich konservativer zu machen und gegen Migranten abzuschotten, christliche Werte gegen eine angebliche Islamisierung zu schützen, sind indessen auch die Antriebsfedern der gemäßigteren AfDler. Nur, dass sie zudem für eine gewisse Bürgerlichkeit einstehen; sie repräsentieren in gewisser Weise die Abstiegsängste der Mittelschicht und wollen den Wohlstand der Deutschen retten. Sie sind in ihren Aussagen oft weniger extrem.

«Beutegemeinschaften» haben auch wir in der AfD am Werk erlebt. Wir finden sie bis heute jedoch in allen Lagern der Partei, auch bei den Rechtsaußen, die eben nicht nur von angeblich patriotischer Ideologie angetrieben werden, sondern genauso wie viele der Gemäßigteren zugleich von Ehrgeiz und Ambitionen.

Der rechtsradikale Teil der AfD führt seine Machtkämpfe ebenso giftig wie die sogenannten Gemäßigteren. Ihr Antrieb, die Partei auf einer geraden rechten Linie zu halten, entspringt bei diesen Ideologen ihrer tiefsten Überzeugung. Sie wollen Deutschland vor dem Untergang retten, wie sie es nennen, und in der AfD tatsächlich eine bessere «Alternative für Deutschland» finden. Sie wünschen sich eine Partei, in der nicht Opportunismus und Machttrieb vorherrschen, sondern idealerweise Basisdemokratie. Diese selbsternannten Patrioten sind fester als andere davon überzeugt, dass Deutschland nur von der AfD gerettet werden könne, die AfD also wirklich die letzte Chance für dieses Land sei. Viele von denen wollen Deutschland in eine Wertewelt zurückkatapultieren, die sich an gesellschaftspolitischen Vorstellungen der 50er-/60er-Jahre und noch früherer Zeiten orientiert, und hoffen, es so zu konservieren. Deutschland solle sich in einer Art «idyllischem Naturzustand» wiederfinden.

Zu diesen «Patrioten» gehören auch Parteimitglieder, die deshalb vom Systemumsturz sprechen, vom Bürgerkrieg, und die das bestehende politische System infrage stellen. Viele von ihnen glauben an die neurechte Verschwörungserzählung vom angeblichen «Großen Austausch». Demnach plane eine gesellschaftliche Elite den Austausch der weißen einheimischen Bevölkerung gegen Migranten und bereite dies medial vor, unter anderem durch immer mehr People of Colour in Werbespots und Fernsehsendungen. Andere dieser «Patrioten» befürchten den «Great Reset». Dabei geht es um den Mythos, dass die Welt absichtlich in den Crash geführt und dann mit einer «Weltregierung» neu aufgebaut werden soll, um die Bürger zwangsweise einer neuen, globalen Ordnung zu unterwerfen.

Der rechtsradikale Ex-Flügel, bildet mittlerweile das Sammelbecken für Rassisten und Extrem-Patrioten jeglicher Schattierungen in der AfD. Zu ihnen zählen diejenigen, die sich nach einem Deutschland sehnen, vor dem die Mehrheit der Deutschen sich wohl eher fürchtet. Sie sind die Islam- und Migrationshasser, die sich auch gegen eine immer bunter werdende Welt mit Ehe für alle, mit gleichen Rechten für die LGBTQ+-Angehörigen und gendergerechter Sprache auflehnen. Für sie ist ganz Deutschland linksextrem, und diesen Linksrutsch wollen sie aufhalten – «Deutschland retten» eben. Die selbsternannten Patrioten tragen auch gerne Deutschlandflaggen am Revers, und viele haben einen strengen, mit Gel gekämmten Seitenscheitel, der optisch an düstere Zeiten erinnert.

In ostdeutschen Landesverbänden, in denen die AfD bei Wahlen und in Umfragen die Chance hat, in einer der kommenden Abstimmungen stärkste Partei zu werden, dominieren sowohl Funktionäre als auch Wählerinnen und Wähler, die solche Ansichten teilen. Inzwischen hat die Entwicklung der gesamten Partei dazu geführt, dass dieser rechtsradikale Teil die AfD und ihre Ausrichtung zunehmend bestimmt. Während die AfD in Westdeutschland im Frühjahr 2022 bei den Wahlen in Schleswig-Holstein aus dem Landtag herausgeflogen und in Nordrhein-Westfalen nur mit Mühe eingezogen ist, erlebt sie im Osten der Republik weiter goldene Zeiten. Deshalb wähnen sich die rechten Ideologen in der Partei schon lange auf ihrem Weg bestätigt. Und das, obwohl die Mehrzahl der Parteimitglieder nach wie vor in Westdeutschland lebt: Dort sind es etwa 20600, im Osten dagegen nur etwa 7900 Mitglieder. Diese Zahlen veröffentlichen im Juli 2022 unsere Kollegen vom ARD-Hauptstadtstudio. Demnach habe aber die AfD in den vergangenen zwei Jahren in den alten Bundesländern mehr Mitglieder verloren als im Osten.

Informanten mit Sendungsbewusstsein

Immer dann, wenn die rechten Ideologen in der Partei erschrocken feststellen, dass die angebliche Verkommenheit der sogenannten «Altparteien» in Form von Machtkämpfen und Verfehlungen auch in die AfD selbst längst Einzug gehalten hat, werden sie zu zuverlässigen Informanten für uns. Sie können es nicht ertragen, in Wahrheit gar keine «Alternative» zu sein. Deshalb wollen sie den Druck der Öffentlichkeit nutzen, um in ihrer Partei etwas zu verändern.

Die Motive von Radikalen und Gemäßigten, zu Informanten zu werden, sind sich also in einem Punkt recht ähnlich: Sie wollen aufklären, um ihre Partei sauber zu halten. Allerdings gibt es unterschiedliche Vorstellungen davon, was das heißt. Hinweisgeber, die aus dem gemäßigten Lager kommen, haben noch innere rote Linien, die sie nicht übertreten wollen, und schämen sich deshalb für rechtsextreme, offen rassistische Grenzüberschreitungen. Aber parteiintern tolerieren sie oft Unsägliches, wenden sich, statt sich dort zu verkämpfen, deshalb nach außen; die Medien sollen es richten. Diese Funktionäre treibt die Verkommenheit mancher ihrer eigenen Leute an. Es geht ihnen darum, neben Deutschland auch die AfD zu retten, indem sie der Partei und Einzelnen zunächst schaden. Ein bisschen gleichen diese Informanten Gärtnern, die einen Baum bis fast zum Stamm runterschneiden, damit er neue Triebe ausbildet, dabei jedoch riskieren, dass der Baum eingeht.

Seit ihrer Gründung 2013 haben diese beiden Lager in der AfD erbittert miteinander um die Ausrichtung der Partei gerungen. Viele Jahre lang hat die AfD aus diesem Mechanismus heraus gelebt. Sie bezog ihre enorme Energie aus stetig andauernden Machtkämpfen zwischen Konkurrentinnen und Konkurrenten, aber auch zwischen den verfeindeten Lagern als Ganze. Die AfD ringt so heftig mit sich selbst auf der Suche nach ihrer Identität, dass dies der Öffentlichkeit gar nicht verborgen bleiben kann. Und dieses innere Wesen der Partei erzeugt eine Spannung, in der die Basis immer wieder gegen die Elite aufbegehrt und die Führung gegen die Mitglieder kämpft. Ost gegen West. Gemäßigtere gegen Rechtsradikale. Habenichtse gegen Besserverdienende. Und zwar ständig.

Die Dauerkämpfe werden inzwischen auch zunehmend über die Parteigremien ausgetragen, die Landes- und Bundesvorstände. Besonders häufig ist das Mittel der Wahl ein Antrag auf Parteiausschluss. Solche Anträge sind langwierig und verlaufen oft im Nichts. In jedem Fall sorgen sie aber für eine Dauerbeschäftigung verschiedener Parteiebenen und sind auch ein Grund dafür, warum Sachthemen in den Hintergrund geraten. Zweimal schon nahmen die Parteivorstände Anlauf und entschieden einmal mehrheitlich, gegen die Stimmen von Gauland und Meuthen, den wohl prominentesten AfD-Politiker tatsächlich ausschließen zu wollen: Björn Höcke, den Thüringer Landeschef, stärksten Mann des Rechtsaußenflügels und inzwischen heimlichen Herrscher über die Mehrheiten der Partei. Während der Bundesvorstand im März 2017 seinen Ausschluss mit einem Gutachten über eine mutmaßliche Nähe zur nationalsozialistischen Ideologie absegnete, stoppte das für Höcke zuständige Landesschiedsgericht in Thüringen den Parteiausschluss. Höcke blieb in der Partei und ist heute einflussreicher denn je, wie der Parteitag im Juni 2022 zum ersten Mal auch offen sichtbar bestätigt hat.

Als Ertrag vieler solcher Konflikte konnten wir von etlichen Informanten Papiere aus der Partei sammeln. Es sind Dokumente, die die ressourcenfressende Selbstbeschäftigung der AfD eindrucksvoll demonstrieren. Sie finden sich schon in den Mails des allerersten Bundesvorstands, und sie sind verewigt in aktuellen Protokollen der heutigen Bundes- und Landesvorstände. Sie schlagen sich nieder in WhatsApp- und Telegram-Gruppen in hochrangigen Parteigremien. Die AfD gibt darin immer wieder das Bild einer Partei im Krisenmodus ab. Tagesordnungen für die wöchentlichen Telefonsitzungen des AfD-Bundesvorstandes lesen sich mit zunehmender Dynamik des Lagerkampfs zwischen Gemäßigteren und dem rechtsextremen Flügel wie To-do-Listen von Kriseninterventionsteams. Da wird am selben Tag verhandelt, ob ein ganzer Landesverband im Saarland mit sofortiger Wirkung aufgelöst werden muss, weil ihn sich eine Familiensippe Untertan gemacht haben soll. Und in derselben Sitzung geht es darum, ob ein Bundestagsabgeordneter aus der Partei geworfen werden soll, weil er mit einer als rechtsradikal erachteten Organisation gemeinsame Sache gemacht haben soll. Und noch ein weiteres Parteiausschlussverfahren wird in dieser Sitzung verhandelt. Daneben müssen die Vorstände dann den Haushalt 2020 absegnen und sich mit Corona befassen, das gerade erst in Deutschland angekommen ist. Nur einige von vielen gewichtigen Tagesordnungspunkten. All das zeigt, dass es sich bei der AfD um alles andere als eine normale Partei handelt.

Im Frühjahr 2019 herrscht schon wieder Krisenstimmung in der Partei, denn ein neuer Gegner bringt die Machtkämpfe durcheinander. Er kommt diesmal von außen: Der Verfassungsschutz nimmt die AfD ins Visier. In der Partei, die eigentlich Angst in Deutschland sät, geht nun selbst die Angst um. Es ist die Sorge, dass sie den Vorwurf, rechtsextrem zu sein, in der Gesellschaft nicht mehr öffentlich leugnen kann, weil eine staatliche Institution ihr dies bescheinigt. Und es ist die Angst der Gemäßigteren, dass Mitglieder die Partei in Scharen verlassen könnten, die gesellschaftlich noch etwas zu verlieren haben, seien es Dienstverhältnisse beim Staat, Pensionsansprüche oder ihren Leumund. Die Attacken zwischen den beiden Parteilagern nehmen damals zu. Und je mehr sich der Inlandsgeheimdienst für die AfD interessiert, desto heftiger kämpfen sie gegeneinander um die Macht. Der altbewährte Mechanismus greift zu und steuert auf einen nie gekannten Takt zu.

All diese Kämpfe fügen der AfD seit ihrer Gründung zwar immer wieder Schaden zu, aber sie bieten ihr gleich mehrere Vorteile. Denn die AfD beschert ihren Beobachtern jede Menge Gesprächsstoff, mitunter nachgerade Unterhaltung, was diese, aber auch die Funktionäre selbst, meist vom Wesentlichen ablenkte und über die eigentlichen Probleme der AfD hinwegsehen ließ: die gleichbleibende Suche nach Inhalten und wachsende Radikalität. Geschichten, die den Machtkampf zwischen prominenten Köpfen beschrieben, täuschten darüber hinweg, dass die AfD programmatisch kaum eine Entwicklung durchgemacht hat. Wer sich ernsthaft mit dem Programm der nun fast ein Jahrzehnt lang bestehenden Partei auseinandersetzt und nach inhaltlichen Antworten, nach Lösungsvorschlägen zu den großen Herausforderungen der Zeit sucht, findet viele populistische Dagegen-Parolen – zuletzt erst gegen Corona-Maßnahmen der Bundesregierung, dann gegen deren Inflationspolitik. Er findet Herabwürdigungen der jeweiligen Regierungslinie, jedoch wenige Lösungen und Alternativangebote. Die AfD ist stattdessen über Jahre hinweg mit dem in aller Munde gewesen, was ihre Protagonisten an zwischenmenschlicher Show ablieferten. Sie hat Sendeminuten und Artikel damit gefüllt und spiegelte so der Öffentlichkeit Aktion vor, wo außer Streit wenig geschah.

Selbst die AfD hat inzwischen begriffen, dass dies ein wichtiger Teil ihres Erfolgs war, und beklagte zuletzt ein mangelndes öffentliches Interesse an ihrer Politik. Es war den Politikern wie den Beobachtern über Jahre ein Leichtes, dieses System in Bewegung zu halten. Je mehr nämlich die Glücksritter die Partei als Karrieresprungbrett nutzten und Gegner ausschalten wollten, desto mehr motivierte dies die ideologischen Hardliner, ihrerseits Informationen durchzustechen. Je extremer sich wiederum die Radikalen positionierten, desto mehr sahen sich Hinweisgeber aus dem immer kleiner werdenden Lager der Gemäßigteren dazu genötigt, streng geheime Dokumente an die Medien weiterzureichen. Papiere, die zeigten, wie die Partei die Gefahr einer Bedrohung durch den Verfassungsschutz einschätzte oder wie die Behörde über Äußerungen einiger Extremer aus der AfD genau dachte. Etwa wenn das Bundesamt die «Gleichsetzung von Corona-Schutzimpfungen mit den menschenverachtenden medizinischen Experimenten unter dem Nationalsozialismus» in einer Rede eines brandenburgischen AfD-Landtagsabgeordneten als «zynische Verhöhnung der Opfer dieser verbrecherischen Menschenversuche im Nationalsozialismus» wertet. Wir bekamen auch Mailverläufe oder Chats aus der Partei zugespielt, die extremistisches Gedankengut zeigten, das unsere Informanten erzürnte. Auch Anwaltsschreiben zwischen Kontrahenten in parteiinternen Auseinandersetzungen fanden so in unsere Archivordner. Inhalte dieser Papiere werden wir im vierten Kapitel dieses Buches ausführlich zitieren, in dem wir uns mit der Frage beschäftigen, wie radikal die AfD wirklich ist. Die Dokumente gewährten uns tiefe Einblicke in das Selbstbild der Partei. Auch auf den Effekt der drohenden Beobachtung durch den Verfassungsschutz werden wir in dem entsprechenden Kapitel dieses Buches noch intensiver eingehen.

Aus dem Streit und organisatorischen Chaos dieser zerrissenen AfD heraus entstand eine Art Informationskreislauf, ein Perpetuum mobile der Indiskretionen und der Selbstbeschäftigung. Die AfD-Protagonisten machen dabei die eigentlich als feindlich angesehene Presse immer dann zu einem Teilzeit-Verbündeten, wenn es ihnen nützt. Dann also, wenn es darum geht, parteiinterne Gegner auszuschalten oder einer bestimmten Sichtweise mithilfe der Öffentlichkeit zum Sieg zu verhelfen. Oder, wie es einer unserer langjährigen Informanten einmal etwas flapsig, aber nicht unzutreffend am Telefon formuliert hat, während er bei einer E-Mail mit hochvertraulichem Anhang auf «Senden» drückte: «Für Sie ist das doch super. Sie können sich in solchen Situationen doch einfach mal zurücklehnen, Popcorn essen und warten, was alles so reinkommt.»

Manchmal bekommen wir seltsame Anrufe. An einem Ostersonntag klingelt bei einem von uns das Telefon. Am anderen Ende ist zunächst ein tiefes Seufzen zu hören, typisch für den Mann, der nun zu sprechen beginnt, für Alexander Gauland. Er meldet sich aus seinem Urlaub in Italien, mit deutlich hörbarer Verärgerung in der Stimme, und er hält sich nicht mit Höflichkeiten auf: «Ich habe gehört, ich soll Sie anrufen, weil Sie mir sagen können, was schon wieder in meiner Partei los ist?» Die Frage Gaulands zielte damals auf den Machtkampf zwischen den prominentesten Vertretern der Partei, bei dem es nicht nur um die Spitzenposten zur Bundestagswahl ging, sondern auch um Richtungsfragen; darum, ob sich die Partei mäßigen sollte oder einen radikaleren Kurs einschlagen – und letzteren Weg bevorzugte wohl Gauland. Offenbar hatte er damals mitbekommen, dass wir zu möglichen Plänen Frauke Petrys recherchierten, den gemäßigteren Teil der Partei womöglich abtrennen zu wollen. Auf seine unkonkrete Frage hin gaben wir uns jedoch bedeckt, weil wir als Journalisten uns selbst in der Rolle der Informationsbeschaffer sehen, nicht der Informationsgeber.

Und dann wäre da noch der Namenszug, der direkt nach dem Abpfiff des Deutschlandspiels bei der EM 2021 auf dem Handydisplay aufleuchtet, ein Name, den fast jeder kennt. Auch hier herrscht Erregung am anderen Ende der Leitung. Wir hatten den Parteivorstand mit der Existenz eines heimlichen Strippenziehers konfrontiert, den zwar so gut wie die halbe Bundestagsfraktion bestens kennt, dessen Namen er jedoch nie zuvor gehört haben will. Es geht um Tom Rohrböck, eine der spannendsten Figuren der Partei, der nie Mitglied war, aber zu zahlreichen Spitzenfunktionären enge Kontakte hatte und seit der Parteigründung einen höchst erstaunlichen Einfluss auf AfD-Geschicke hatte. Ihm und seinem Wirken werden wir später ein eigenes Kapitel widmen.

Vom Streit leben

Lange haben wir, wohl zu Unrecht, als Beobachter die Machtkämpfe der AfD und den immerwährenden Streit als große Krise der Partei beschrieben, als ihr größtes Problem. Auch für die Parteiführung erscheint es offenbar von Beginn an so, als gäbe es in der AfD mehr Hauen und Stechen als in etablierten Parteien, in denen Politiker einander auch nicht schonen. Doch dort sind die Strukturen oft über Jahre hinweg gereift und gewachsen, man kennt sich, schon aus den Jugendorganisationen, die zumeist radikaler ticken als die Mutterparteien. Man trifft sich dann, erwachsen, erfahrener und mitunter gereift, in Parteigremien und Fraktionen wieder. Bei der AfD ist dieser Prozess entfallen. Sie wuchs so schnell und zog so rasch in die ersten Parlamente ein, dass die Neu-Politikerinnen und Politiker solche Erfahrungen nicht sammeln konnten und auch nicht zu funktionierenden, arbeitsteiligen Teams werden konnten. Zumal sich in der AfD auch etliche Anhänger sammeln, die sich als Fundamentalopposition begreifen und Hierarchien ablehnend gegenüberstehen. Und das gilt nicht nur für das Leben außerhalb, sondern auch innerhalb der Partei, in der ein Delegierter auf Parteitagen sich nicht scheut, eine Bewerberin um den Parteivorsitz vor dem versammelten Auditorium als unfähig zu bezeichnen, wie es Alice Weidel im Sommer 2022 widerfuhr. Sie selbst kann es sich ihrerseits bis heute nicht verkneifen, Kritikern von Podien herab schnippisch klingende Retourkutschen zu geben. Oder ihnen sogar einen Vogel zu zeigen.

Die Parteispitze stellt deshalb seit den Anfangstagen, seit 2013 also, immer neue interne Regelkataloge auf, die den höflichen Umgang miteinander auch bei Streit erreichen und die Auseinandersetzungen auf ein erträgliches Niveau einpendeln sollen. «Verhaltensrichtlinien» heißen diese Kataloge. Es sind Regeln, wie man sie eher an den Wänden von Klassenzimmern in der Grundschule zu lesen erwartet als in einer Organisation erwachsener Mitglieder. In einem frühen Katalog – er stammt aus dem Jahr 2014 – heißt es etwa:

«Sowohl in innerparteilichen Auseinandersetzungen wie auch in der Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner und unseren Kritikern pflegen wir einen Umgangsstil, der von gegenseitigem Respekt geprägt ist. Diesen Stil wollen wir auch dann beibehalten, wenn unsere Gegner und Kritiker diesen vermissen lassen.»

Als wir diese Regeln auf dem vorläufigen Höhepunkt der internen Machtkämpfe 2017 zugespielt bekommen, müssen wir fast lachen. Denn so schön sie formuliert sind, so wenig hält sich damals irgendwer an diesen Kodex, den im Jahr vor der Bundestagswahl dann sogar das formal höchste Gremium der Partei, der sogenannte «Konvent», in die Hand nimmt und erweitert. Wichtige Funktionäre aus Ländern und Bund sollen nun eine noch schärfere Erklärung unterzeichnen: neue interne Kommunikationsregeln. Sie sollen nun die Funktionäre voreinander und vor ihren Bösartigkeiten schützen.

«Vor Äußerungen über Vorstands-/Parteikollegen wird VORAB mit der betroffenen Person gesprochen», heißt es darin. «Persönliche Kritik an Kollegen in der Öffentlichkeit gilt als absoluter Tabubruch. Verstöße hiergegen wird der Konvent beobachten und mit seinen Möglichkeiten sanktionieren.»

Ein zweites Dokument, das uns damals zugespielt wird, zeigt zudem: Obwohl Funktionäre aus Ländern und dem Bundesvorstand diese Regeln zum Umgang miteinander unterschreiben sollten, fehlen Monate später noch immer die Signaturen führender Parteimitglieder.

So lassen auch diese schärferen Verhaltens- und Kommunikationsregeln die meisten Parteimitglieder gänzlich unbeeindruckt. Deshalb ziehen sich, trotz aller Versuche, den Umgang miteinander zu verbessern, seit den ersten Tagen der AfD tiefe Gräben durch die Reihen der «Parteifreunde». In einer internen Chatgruppe im Bundestag lesen wir im Januar 2019 etwa diesen Meinungsaustausch:

«Du weißt, dass du in der AfD bist, wenn House of Cards beginnt zu langweilen…»

«House of Cards? Ich dachte GoT (gemeint ist die Serie ‹Game of Thrones›, Anmerkung der Verfasser).»

Besonders gern exerzieren die Lager ihre Machtkämpfe entlang einer besonderen Liste, der sogenannten «Unvereinbarkeitsliste», die seit Jahren anwächst. Etwa 400 politische, extremistische und sektenartige Organisationen sind darauf inzwischen zu finden. Von der NPD bis zur Heimattreuen deutschen Jugend und deren Nachfolgeorganisationen, auch solche aus dem Rechtsextremismus. Anfang 2022 wurden die «Freien Sachsen», die Corona-Spaziergänge organisieren und in denen sich auch Rechtsextreme sammeln, als eine der letzten Gruppierungen auf die Liste gesetzt. Wer in einer dieser Organisationen Mitglied ist oder war, darf es nicht in der AfD sein. Das radikale Lager ist deshalb bestrebt, so wenige Organisationen wie möglich auf dieser Liste zu belassen und so die Grenzen des Vertretbaren zu verschieben. Auf dem Bundesparteitag in Riesa im Juni 2022 zeigte der Thüringer Landeschef und Anführer der radikalen Parteirechten, Björn Höcke, dem Bundesvorstand auf, wie viel Macht dieser Flügel der Partei inzwischen hat. Höcke unterstützte den Antrag, die Gewerkschaft Zentrum Automobil von der Unvereinbarkeitsliste zu nehmen, eine Organisation, die sich selbst als Alternative zum SPD