Rechtsruck im Klassenzimmer - Laura Nickel - E-Book

Rechtsruck im Klassenzimmer E-Book

Laura Nickel

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Beschreibung

Ein Brandbrief gegen die Mauer des Schweigens

Rassismus, Hetze, Gewalt gegen »linke Zecken«, Homosexuelle und Migranten, offene Holocaust-Leugnung – so erlebten die Lehrkräfte Laura Nickel und Max Teske den Alltag an ihrer Schule. Entsetzt und zum Handeln entschlossen veröffentlichten sie einen Brandbrief, in dem sie »eine Mauer des Schweigens« anprangerten sowie die fehlende Unterstützung für Schulen durch Ämter, Politik und Eltern. Nach der Veröffentlichung erlebten die beiden Solidarität und Lob, aber auch heftige Anfeindungen. Ihre Geschichte, ihre Erfahrungen und die eindrücklichen Berichte von anderen Lehrern und Schülern zeigen, wie sehr Kinder in der Schule inzwischen der Gefahr rechtsradikaler Ideologisierung und Bedrohungen aufgrund ihrer Herkunft, Sexualität oder ihrer politischen Meinung ausgesetzt sind. Ein immer noch unterschätztes, brandaktuelles Problem, das Schulen in ganz Deutschland betrifft. Dieses Buch rüttelt auf und ermutigt zugleich, aktiv zu werden und die Lebenswelt für unsere Kinder so zu gestalten, dass sie auch zukünftig Demokratie leben können.

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Seitenzahl: 235

Veröffentlichungsjahr: 2026

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„Mit unserem Buch möchten wir nicht nur auf die Probleme von Demokratiefeindlichkeit und Diskriminierung an deutschen Schulen aufmerksam machen. Unser Ziel ist auch, eine längst überfällige Änderung der Zustände anzustoßen. Klar ist: Diese Verantwortung können Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Erzieher und verwandte Berufsgruppen nicht allein tragen. Es ist und bleibt eine GESAMTgesellschaftliche Aufgabe, die bereits in den Familien selbst beginnt. Gleichzeitig ist und bleibt Schule ein Brennpunktort in dieser Frage: Hochgefährlich wäre es, die drängende Herausforderung, Demokratie aktiv zu schützen, durch akute Systembaustellen wie den offensichtlichen Lehrermangel in den Hintergrund zu stellen.

[…] Wir formulieren ungeschönt und deutlich, weil wir der Meinung sind, dass man zuerst einmal den Tatsachen ins Auge sehen muss, um wirklich etwas verändern zu können. […] Wir alle können (und müssen) gemeinsam die Lebenswelt für unsere Kinder demokratischer und damit vielfältiger und offener gestalten, damit sie später diese Werte mittragen und weitergeben können. In welchem Land wollen wir leben? In welchem Land sollen unsere Kinder und deren Kinder einmal leben? Die Entscheidung darüber fällt heute.“

Laura Nickel und Max Teske

LAURA NICKEL MAX TESKE

Rechtsruck im Klassenzimmer

Wie neurechte Ideologien die Schulen durchsetzen und unsere Kinder bedrohen

WILHELMHEYNEVERLAGMÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

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Copyright © 2026 by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Alle Rechte vorbehalten.

Redaktion: Caroline Kaum, CAROLINEKAUMMACHTPROGRAMM

Umschlaggestaltung: wilhelm typo grafisch unter Verwendung einer Abbildung von Shutterstock.com (Prostock-studio, Atlantis Images)

Satz: satz-bau Leingärtner, Nabburg

ISBN 978-3-641-34211-1V001

www.heyne.de

Inhalt

Vorwort: In welche Schulen sollen unsere Kinder gehen? In welchem Land wollen wir leben?

Kapitel 1 Bis hierhin und nicht weiter – Brandbrief für die Demokratie

Kapitel 2 Unsere Schulen rücken nach rechts

Kapitel 3 Demokratie braucht Sichtbarkeit. Gerade wenn es schwer ist

Kapitel 4 Im rechten Fadenkreuz

Kapitel 5 Zwischen Kanzleramt und Klassenzimmer – Wie wehrhaft und handlungsbereit ist unsere Politik?

Kapitel 6 Aufklärer oder Brandbeschleuniger? Von der gesellschaftlichen und ethischen Verantwortung der Medien

Kapitel 7 Der (rechte) Sog von Social Media – Was Schule und Gesellschaft tun können und müssen7

Kapitel 8 Gegen das Vergessen – Junge Stimmen gegen rechts im Netz

Kapitel 9 Rechts ist selbstbewusst – Warum wir als Gesellschaft wachsam sein und klare Kante zeigen müssen

Kapitel 10 »Ich sag dir, wer du bist« – Warum Rechtsextremismus vor allem männlich ist und wie wir Jungs stärken können

Kapitel 11 Demokratie macht Schule, Schule macht Demokratie – Wie politische Bildung im Unterricht funktionieren kann

Kapitel 12 »Die Würde des Menschen ist unantastbar« – Im Gespräch mit Christian Müller (CSD) über (rechtsmotivierte) Queerfeindlichkeit an Schulen

Kapitel 13 Was tun bei rechtsextremen Vorfällen – Eine praktische Handlungsempfehlung

Kapitel 14 Demokratie lebt und verteidigt man gemeinsam. Immer. Und immer wieder aufs Neue.

Unsere Vision: Demokratische Schulen kann es geben

Danksagung

Anmerkungen

Vorwort: In welche Schulen sollen unsere Kinder gehen? In welchem Land wollen wir leben?

Wir leben in einer bewegten und bewegenden Zeit, in der Rechtsextremismus in seinen verschiedenen Ausprägungen droht, unsere Gesellschaft zu spalten und unsere Demokratie und die damit verbundenen Freiheiten in Gefahr zu bringen. Gerade deshalb müssen wir ein besonders wachsames Augenmerk auf diejenigen Orte richten, wo Kinder und Jugendliche einen Großteil ihrer Lebenszeit verbringen. Orte, an denen die nachwachsende Generation in diesem Land den Einflüssen ihrer Umwelt schonungslos ausgeliefert ist: den Schulen.

Kann man in der heutigen Zeit wirklich sagen, dass sich Schülerinnen und Schüler in Bildungseinrichtungen sicher fühlen und ihr Potenzial ungestört entfalten können? Kann man behaupten, dass sie durch Lehrkräfte, Eltern sowie die Politik vor Rechtsextremismus geschützt sind? Und welche Opfer müssen diejenigen Menschen bringen, die entschieden für Demokratie einstehen, indem sie beispielsweise diskriminierende Vorfälle melden, die dort passieren? Genau diese Gedanken haben uns im April 2023 beschäftigt, als wir einen Brandbrief veröffentlichten, den wir aus heutiger Perspektive wahlweise als Hilfeschrei oder als gesellschaftliches Wachrütteln sehen. Vermutlich beides. In diesem offenen Schreiben, das wir zunächst anonym veröffentlichten, beklagen wir die rechtsextremen, rassistischen, sexistischen und homophoben Vorfälle an unserer damaligen Schule und fordern die Politik zum Handeln auf.

Unsere Namen sind Max Teske und Laura Nickel. Wir sind Lehrkräfte und waren an einer Oberschule im wunderschönen Spreewald tätig. Wir haben dort gearbeitet, wo viele Menschen aus unterschiedlichen Nationen Urlaub machen. Wir haben dort gearbeitet, wo Erfahrungen mit Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung für unsere Schülerinnen und Schüler Alltag waren.

Es fällt schwer nachzuvollziehen, warum bei der Landtagswahl 2024 in Burg im Spreewald, das wirtschaftlich durch den Tourismus stark aufgestellt ist, 35 Prozent der Wähler ihr Vertrauen der AfD geschenkt haben. Die Hotels sind gut ausgebucht, Menschen aus ganz Deutschland und seinen Nachbarländern besuchen die Gemeinde, bestaunen die Schönheit der Natur, lassen sich im Kahn umherfahren und genießen regionale Köstlichkeiten der Spreewalder Küche. Gleichzeitig kehrten sie in Burg unwissend in ein Restaurant und eine Eisdiele ein, die einem vorbestraften Neonazi gehörten, der vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. Ein schwieriger Kontrast.

Doch hier endet es nicht: In Burg leben nicht viele Ausländer. Einige Geflüchtete, besonders aus der Ukraine, sind seit dem Krieg dort ansässig. In unserer Schule gab es in jedem Jahrgang maximal zwei ausländische Schüler aus ganz unterschiedlichen Nationen. Ein guter Freund von uns, der in Franken geboren wurde und lange Zeit in Istanbul lebte, kam 2020 an die Schule. Sein Plan war es, baldmöglichst seine türkische Frau und seinen Stiefsohn nachzuholen. Die Frau, hochgebildet mit Studienabschluss in Germanistik, kam über Weihnachten zu Besuch nach Burg. Danach stand fest, dass sie niemals dorthin ziehen würde. Zu sehr sorgte sie sich um ihren Sohn. Mittlerweile lebt unser Freund mit seiner Familie in Bayern.

Nun stellt das Spreewalddorf Burg leider keinen Einzelfall dar, sondern spiegelt Verhältnisse einer gesamten Region wider. Diese Erkenntnis ist entscheidend. Wäre es lediglich eine Ausnahme, hätten wir nicht unmittelbar nach der Veröffentlichung unseres Brandbriefs zu den rechtsextremen Zuständen an unserer damaligen Schule so viele Zuschriften von Eltern und Lehrkräften, aber auch von Schülerinnen und Schülern aus dem uns umgebenden Südbrandenburg erhalten, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten. Darüber hinaus fand diese Thematik auch bundesweit Beachtung, und sogar aus dem Saarland erreichte uns ein Schreiben von einem Kollegium, das sich aktiv und gemeinsam gegen Demokratiefeindlichkeit einsetzt.

Das hätten wir uns auch für unsere Schule gewünscht – ein gemeinsames Vorgehen. Das jedoch hätte die Erkenntnis vorausgesetzt, dass überhaupt ein Problem besteht. In der Region um Burg und in Südbrandenburg aber leben viele Menschen wie selbstverständlich damit, dass Hakenkreuze auf Schulmöbeln nur ein »Dummer-Jungen-Streich« sind. Die Affinität der Jugendlichen, zumindest aber ihre unreflektierte Haltung zu demokratiefeindlichen Systemen wie dem Nationalsozialismus wird entweder nicht gesehen oder verharmlost. Kritzeleien auf Bänken und Schließfächern, die unter die Gürtellinie gehen, sind wahrscheinlich in jeder Schule zu finden. Schülerinnen und Schüler, die sich nicht leiden können, ebenfalls. Doch Hakenkreuze und SS-Zeichen? »Du Jude«-Gebrüll durch den Schulflur? Das alles erinnert stark an die 1990er-Jahre, als Neonazis in Ost und West noch Glatzen und Springerstiefel trugen. Heute gibt es neben diesen klassischen »Markenzeichen« vielfältige, offene bis subtile Ausdrucksformen rechter Gesinnung. Hinzu kommt etwas, das wir an uns selbst beobachten konnten: Die allgegenwärtigen rechtsextremen Vorkommnisse, die homophoben und ausländerfeindlichen Sprüche ließen uns mehr und mehr abstumpfen. Vielleicht der gefährlichste »Nebeneffekt« einer solchen Tag für Tag erlebten rechten Realität.

An der Schule in Burg waren Ohnmacht und Ratlosigkeit unsere ständigen Begleiter. Wir trafen oftmals auf Schülerinnen und Schüler, die Angst hatten und aus den unterschiedlichsten Klassenstufen auf uns zukamen. Sie berichteten davon, dass sie mit dem Hitlergruß begrüßt wurden. Dass man sie aufgrund ihres Kleidungsstils anfeindete. Dabei trugen sie nicht einmal einen Anti-Nazi-Button oder Ähnliches. Es waren einfach individuellere Klamotten. Kein Mainstream eben. Dahinter stand ein Kollegium, das mehrheitlich schwieg oder sich sogar selbst aktiv gegen Akzeptanz und Vielfalt positionierte. So zum Beispiel, als eine verbeamtete Kollegin und ihr Mann ihre Tochter davon abhielten, an einem Aufklärungsworkshop zu queeren Lebensweisen teilzunehmen. Man wolle das Kind einer solchen »Ideologie« nicht aussetzen, es solle »normal« aufwachsen. Die Auseinandersetzung mit dem Holocaust selbst scheiterte wiederum manchmal an den Verschwörungstheorien mancher Elternhäuser. So durften einige Neuntklässler nicht an einer Fahrt nach Auschwitz teilnehmen, weil ihre Eltern das Ganze für eine Kulisse aus dem Film Schindlers Liste hielten. Muss man sich daher wundern, dass Jugendliche ähnliche Behauptungen in die sozialen Medien tragen und sich weigern, an vernünftigen Diskussionen im Politikunterricht teilzunehmen? Als Lehrkräfte stehen wir da vor einer riesigen Herausforderung.

An dieser Stelle müssen wir, schon allein um der Gerechtigkeit Genüge zu tun, auch die Schülerseite zu Wort kommen lassen, deren Lebensrealität die folgenden, beklemmenden Worte einfangen. Wir wollen diesen Zeilen, die einem Brief zweier Burger Oberschülerinnen entnommen sind, ganz bewusst einen prominenten Platz in unserem Vorwort zum Buch einräumen:

»Wir möchten über unseren Alltag an der Grund- und Oberschule Burg berichten, in dem wir mit rechtsradikalen Schülerinnen und Schülern konfrontiert sind, und von verschiedenen Beobachtungen, die wir dort in diversen Situationen gemacht haben. Die Konfrontation fängt schon früh am Tag an, man hört von Weitem rassistische oder rechte Aussagen. Man wird blöd angeschaut, wenn man die Einstellung und Meinung der Rechtsradikalen nicht vertritt. Kaum betritt man die Schule, wird man als Zecke bezeichnet oder dumm angequatscht. Es wird sich über Homosexuelle lustig gemacht und eventuelles Fremdouting1betrieben. Wir kommen in den Klassenraum und sehen auf den Tischen Hakenkreuze und andere rechtsradikale Schmierereien, die am Vortag auf den Tisch geschrieben wurden. In den Pausen kommen uns Schüler:innen mit gehobener Hand, dem sogenannten Hitlergruß entgegen. Doch die meisten Lehrer:innen schauen nur weg und unternehmen nichts. Auch im Unterricht macht man sich über Schüler:innen, die die rechtsradikale Einstellung nicht vertreten, lustig. Man bekommt Sätze wie z. B. ›ihr scheiß linken Zecken, geht ’nen N*gga ficken und fresst seine Scheiße‹ zu hören.

Auf die entsprechende Frage einer Lehrkraft im Geschichtsunterricht äußerte mehr als die Hälfte der Klasse, dass sie sich der Hitlerjugend anschließen würde, obwohl ausführlich über das Thema aufgeklärt wurde. Über das Judentum wurde schlecht geredet und sich lustig gemacht. Dieses rechtsradikale, sexistische, rassistische und homophobe Verhalten zieht sich durch den ganzen Tag.

Wir bitten dringend um schnelle Hilfe. Nur wir alleine und eine Handvoll unterstützende Lehrer:innen können das Problem an unserer Schule nicht mehr bewältigen. Wir haben Angst.«

Dieses Schreiben erreichte uns im April 2023, eine Woche nachdem wir die Vorkommnisse an unserer Schule in die Öffentlichkeit gebracht hatten. Leider hat es trotz der Weiterleitung an die Medien nie die Popularität erhalten, die ihm eigentlich zusteht. Denn wer könnte ausführlicher und drängender über das Thema berichten als Schülerinnen und Schüler, die sich bis zu acht Stunden am Tag in einer Klassengemeinschaft befinden, in der rechtsextremes Denken und Handeln gang und gäbe sind. Diese Zeilen hier abzudrucken, ist ein entschiedener Schritt, Stimmen Gehör zu verschaffen, die bislang nicht das Publikum gefunden haben, das sie bräuchten. Das wir alle bräuchten, damit Dinge endlich in Bewegung kommen.

Henrik Bachmann, ein ehemaliger Schüler aus Burg, der mutig genug war, sich seine starke Haltung nicht nur bis zum Schulabschluss zu bewahren, sondern seine eigenen Erlebnisse auch in klare Worte zu fassen, berichtet: »Ich erinnere mich nicht hauptsächlich an Unterrichtseinheiten oder Klassenarbeiten, sondern vor allem an das tägliche Ringen um Niveau, Sicherheit und Würde. Es war ein Schulalltag, der weniger durch Lehrpläne, sondern vielmehr durch ein spürbares Machtgefälle geprägt wurde. Dieses Gefälle zeigte sich bei Lehrenden und Lernenden.«

Eine Aussage, die klarmacht, wie sehr rechte Ideologie und rechtsextremistische Praxis in Bildungseinrichtungen etabliert sind, wie sehr sie faktisches Bedrohungspotenzial und in der Folge oft lähmende Sprachlosigkeit entfalten.

Das Bundeskriminalamt registriert in seinem Bericht zu politisch motivierter Kriminalität für das Jahr 2024 zahlreiche Propagandadelikte an Schulen (mit einem gehäuften Vorkommen in den neuen Bundesländern).2 Die Amadeu-Antonio-Stiftung zählt 2022/2023 eine steigende Zahl rechtsextremer Vorfälle in Bildungseinrichtungen.3 Die Jugendstudie »Rechtsextreme Einstellung bei Jugendlichen in Deutschland« dokumentiert jugendliche Zustimmungsraten von 20 bis 35 Prozent zu ausländerfeindlichen Aussagen,4 um nur einige Beispiele zu nennen, die klarmachen, in welch gefährliche Richtung wir in diesem Land unterwegs sind.

An der Stelle ist uns eine Sache wichtig: Mit unserem Buch möchten wir nicht nur auf die Probleme von Demokratiefeindlichkeit und Diskriminierung an deutschen Schulen aufmerksam machen. Unser Ziel ist auch, eine längst überfällige Änderung der Zustände anzustoßen. Klar ist: Diese Verantwortung können Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Erzieher und verwandte Berufsgruppen nicht alleine tragen. Es ist und bleibt eine GESAMTgesellschaftliche Aufgabe, die bereits in den Familien selbst beginnt. Gleichzeitig ist und bleibt Schule ein Brennpunktort in dieser Frage: Hochgefährlich wäre es, die drängende Herausforderung, Demokratie aktiv zu schützen, durch akute Systembaustellen, wie den offensichtlichen Lehrermangel, in den Hintergrund zu stellen.

Wir sagen es gleich: Vermutlich werden Ihnen in diesem Buch einige bedrückende Passagen begegnen. Wir formulieren ungeschönt und deutlich, weil wir der Meinung sind, dass man zuerst einmal den Tatsachen ins Auge sehen muss, um wirklich etwas verändern zu können. Genau darum geht es. Jede und jeder von uns kann etwas tun. Wir möchten Sie also keineswegs ent-, sondern im Gegenteil ermutigen, selbst gegen Diskriminierung und Demokratiefeindlichkeit aktiv zu werden. Form und Anlass sind vielfältig. Jeder Schritt zählt. Von Ihrer Unterschrift für eine Petition zur Förderung eines demokratischen Projektes bis zur Mitgliedschaft in einem Bündnis. Wir alle können (und müssen) gemeinsam die Lebenswelt für unsere Kinder demokratischer und damit vielfältiger und offener gestalten, damit sie später diese Werte mittragen und weitergeben können. In welchem Land wollen wir leben? In welchem Land sollen unsere Kinder und deren Kinder einmal leben? Die Entscheidung darüber fällt heute. Mit jedem Bekenntnis, mit jeder Geste, mit jeder Klarstellung und jedem Engagement, das wir zeigen.

Kapitel 1 Bis hierhin und nicht weiter – Brandbrief für die Demokratie

Laura und ich begegneten uns das erste Mal im Jahr 2020 auf der Lehrerkonferenz zum neuen Schuljahr. Laura war bereits an der Schule tätig, sie unterrichtete Englisch und Geschichte, während ich an der Oberschule in Burg künftig Mathematik und Geografie geben sollte. Da unsere Fächer wenig miteinander zu tun haben, gab es zu Beginn nur selten Berührungspunkte zwischen uns. Was sich jedoch schnell herausstellte: Kam es im Kollegium zu Diskussionen über Politik und Gesellschaft, waren wir meist auf einer Wellenlänge – und zwar pro Vielfalt und Offenheit. Im Grunde beschleunigten die rechtsgefärbten bis rechtsextremistischen Vorfälle an unserer Schule, dass wir uns rasch besser kennenlernten. Denn auch im Kollegium war die Haltung in diesem Punkt gespalten. Nicht alle waren der Meinung, dass es an der Zeit wäre, dieser Dynamik etwas entgegenzusetzen. Im Grunde waren wir in der Minderheit. Man suchte und fand sich. Inmitten eines Alltags, der immer beklemmender wurde. Nicht durch den einen großen Knall. Sondern durch eine nicht abreißende Reihe rechtsmotivierter Zeichen und Handlungen.

Die Idee, einen Brandbrief zu verfassen, der die Öffentlichkeit auf die Zustände an unserer Schule (und wie wir annahmen an vielen weiteren) aufmerksam machen sollte, entstand also nicht aus einem plötzlichen Impuls heraus, nicht aus einer Laune oder einem überstürzten Gedanken. Er wuchs über Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre. Genährt von einem Gefühl der Hilflosigkeit, von der bitteren Erkenntnis, dass Worte allein nichts ändern, wenn Taten ausbleiben. Die Ohnmacht, die sich in uns breitgemacht hatte, war kein stilles Gefühl mehr, das sich im Hintergrund hielt – sie war allgegenwärtig. Sie kroch in jede Konferenz, in jede Hofaufsicht, in jeden Blick, den man Schülern hinterherwarf, die vor der Eisdiele und auf dem Sportplatz lachend den Hitlergruß zeigten, als wäre es ein harmloser Scherz unter Freunden.

Es war kein Einzelfall. Es war ein Muster. Ein Muster aus Schmierereien und Parolen, das sich in das Holz der Schulpulte fraß, in die Seiten von Schulbüchern, in die Gesichter jener, die sich dazugehörig fühlten. Zahlreiche Hakenkreuze an Schließfächern, eingeritzt mit Schlüsseln oder Messern. Der vielfache Hitlergruß, beiläufig gezeigt und so selbstverständlich, dass man manchmal glaubte, man habe sich verhört oder verguckt. Kleidung, die von Neonazis entworfen und mit stolzgeschwellter Brust getragen wurde – als wäre sie ein Abzeichen der Stärke, ein Ausweis von Zugehörigkeit.

Doch das allein war nicht der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Was uns schließlich zum Handeln zwang, war eine faktische Bedrohungslage, die sich nicht nur in bloßer Symbolik erschöpfte. Eine real existierende Gefahr für Schülerinnen und Schüler, die sich anders gaben, weltoffener, alternativer, die sich dem rechten Mainstream, der im Osten immer deutlicher um sich griff, nicht unterwerfen wollten. Diese Jugendlichen waren nicht nur Außenseiter – sie waren Zielscheiben. Sie wurden eingeschüchtert, bespuckt, verfolgt. Manchmal subtil, manchmal offen. Die Botschaft war stets dieselbe: Du gehörst nicht hierher.

Ich erinnere mich noch gut an die ersten Male, als ich dieses dumpfe Gefühl der Bedrohung spürte. Es war nicht immer laut, nicht immer offen aggressiv. Oft waren es die Blicke – diese Mischung aus Verachtung und Überlegenheit, die man nur schwer greifen kann und die doch alles sagt. Es war die Art, wie manche Schüler schweigend in einer Gruppe standen, wie sie T-Shirts trugen, auf denen codierte Botschaften standen, die nur Eingeweihte verstanden. Und es war die Leichtigkeit, mit der sie diese Symbole trugen, als wäre das alles längst legitimiert, als hätten wir als Gesellschaft längst stillschweigend akzeptiert, dass diese Rhetorik wieder ihren Platz findet.

Wer im Land Brandenburg zur Schule geht – ob an der Oberschule, der Gesamtschule oder dem Gymnasium –, der kennt es. Rechtsextreme Schmierereien auf Tischen, Stühlen und an Spinden sind keine Randnotiz, kein Ausrutscher, sie sind Teil der Kulisse geworden. Es ist normal, dass an dem Ort, an dem junge Menschen lernen sollen, ein Strichmännchen mit erhobenem Arm neben einem eingeritzten Hakenkreuz steht. Jeder weiß es. Schülerinnen und Schüler wissen es. Lehrkräfte wissen es. Schulleitungen wissen es. Wahrscheinlich haben es auch Eltern gesehen, wenn sie nach langen Elternabenden die Klassenzimmer verließen. Und doch: Es interessiert kaum jemanden.

Nicht aus Bosheit. Sondern, weil die Mühlen des Alltags so laut mahlen, dass das Kratzen des Messers, mit dem ein weiteres Hakenkreuz in den Lack geritzt wird, ungehört bleibt. Der Lehrplan ist voll, die Tage der Lehrkräfte sind überfrachtet. Es fehlt die Zeit, um an der Wurzel zu arbeiten. Einen Antrag stellen, ein Formular ausfüllen, eine Exkursion vorbereiten – das frisst Stunden. Dagegenzuhalten, sich starkzumachen, die Hausmeister zu bitten, rechte Symbole entfernen zu lassen, immer und immer wieder – das fällt hintenüber. Und so bleiben die Zeichen, werden zur stummen Tapete des Schulalltags.

Nach dem Unterricht, wenn das Gebäude leerer war, ging ich oft noch durch die Flure. Das grelle Neonlicht machte die Ritzen und Kerben noch sichtbarer. Es hatte etwas Gespenstisches: Diese stillen Botschaften an Türen, auf Bänken, auf dem Weg zur Turnhalle. Sie sprachen nicht laut, aber beständig. Und mit jeder Woche, in der sie nicht entfernt wurden, wuchsen sie in ihrer Wirkung. Schweigen und Wegsehen – die besten Freunde des Extremismus.

Besonders die Toiletten sind zu Leinwänden geworden. Dort, wo Aufsicht kaum möglich ist, wo die Tür Schutz bietet, wachsen die Symbole. Hakenkreuze, SS-Runen, daneben Sticker, die propagieren, dass die Familie einzig und allein aus Mann, Frau und Kind bestehen dürfe. Wie eine unterschwellige Drohung kleben sie an Türen, Spiegeln, Fliesen. Der Ort, der für viele Jugendliche ein Rückzugsraum sein sollte, wird so zu einem Mahnmal, das zeigt, wer hier das Sagen für sich beansprucht. Und jedes Mal, wenn ich dort stand, fragte ich mich: Wie viel Mut würde es kosten, diese Sticker einfach abzureißen? Wie viel Zivilcourage braucht ein Hausmeister, eine Schulleitung, ein Lehrer, um zu sagen: Nicht hier, nicht an diesem Ort? Diskriminierende Vorfälle zu melden, Schülerinnen und Schüler auf ihr Verhalten anzusprechen und in die Diskussion zu gehen, bedeutet immer Haltung zu zeigen und Bereitschaft, in den Konflikt zu gehen. Doch viel entscheidender ist: Es ist die Pflicht einer jeden Lehrkraft, wachsam zu sein und sich Rechtsextremismus entschlossen in den Weg zu stellen. Lehrkräfte und Schulleitungen, die nicht Stellung beziehen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, machen sich schuldig, rollen den roten Teppich aus für Jungnazis und Jugendliche, die politisch vielleicht (noch) nicht überzeugt, aber stark beeinflussbar sind. Lehrkräfte, die sich in diesem Punkt nicht klar positionieren, verraten die gesamte Schülerschaft.

Eine sehr geschätzte Kollegin hatte das Los gezogen, in einer 9. Klasse Geschichte zu unterrichten. Geschichte – ein Fach, das Brücken bauen könnte. Ein Fach, das Vergangenheit beleuchtet, um Zukunft zu schützen. Sie nahm ihren Auftrag ernst, sie investierte Zeit, Leidenschaft, Geduld. Doch wie lehrt man die dunkelste Epoche deutscher Geschichte, wenn in derselben Klasse Eltern sitzen, die ihre E-Mails mit »Mit deutschem Gruß« beenden? Wie bringt man Jugendlichen die Gräuel der Naziherrschaft näher, wenn ihre Welt zu Hause eine andere Sprache spricht?

Viele Stunden widmete sie dem Thema »Nationalsozialismus«. Die Schülerinnen und Schüler erfuhren, was geschehen war – was Juden, Sinti und Roma, politisch Andersdenkende, Homosexuelle und behinderte Menschen erleiden mussten. Sie hörten von den Lagern, den Zwangssterilisationen, den Deportationen. Sie lasen Berichte, sahen Bilder, Dokumentationen. Sie wussten, welches Ziel die Nazis mit dem Bund Deutscher Mädel und der Hitlerjugend verfolgten: Indoktrination, Gehorsam, Uniformität. Und trotzdem: Am Ende der Unterrichtsreihe, als die Kollegin fragte, wer sich – mit all dem Wissen – heute vorstellen könne, der Hitlerjugend oder dem Bund Deutscher Mädel beizutreten, meldete sich die Hälfte der Klasse. Ohne Zögern. Ohne Scham. Nicht aus jugendlichem Leichtsinn. Nicht aus Trotz. Sondern aus Überzeugung.

Ich erinnere mich an die Stille, die herrschte, als sie uns danach davon erzählte. An das Unverständnis in unseren Gesichtern. Und an dieses dumpfe Gefühl im Bauch, das sagt: Hier ist nicht einfach nur etwas schiefgelaufen. Hier wächst etwas heran, das wir längst für überwunden hielten. Hier haben wir alle zu lange nicht richtig hingeschaut oder nicht richtig hinschauen wollen. In der Politik, der Gesellschaft, in den Schulen, im täglichen Umgang miteinander.

Um es noch einmal klar zu formulieren: Wir sprechen hier nicht von einer Randgruppe, nicht von einer Provokation unter Pubertierenden. Wir sprechen von einem Teil der Schülerschaft, in dem rechtsextremes Gedankengut tief verwurzelt ist. Von jungen Menschen, die in einer Schule auf das Leben vorbereitet werden sollen und die wir – wenn wir so weitermachen – als mündige Rassisten in die Welt entlassen. Jede Lehrkraft in diesem Land muss sich die Frage stellen: Habe ich genug getan? Habe ich alles versucht, um diese jungen Menschen zur Wehrhaftigkeit gegenüber dem Hass zu erziehen? Oder habe ich – aus Zeitnot, aus Müdigkeit, aus Resignation – weggesehen?

Diese Fragen brannten sich in mir ein. Sie wurden zu ständigen Begleitern, zu unruhigen Gedanken in der Nacht. Ich dachte an meine eigenen Schuljahre zurück, an die Werte, die uns damals vermittelt wurden. An Lehrerinnen und Lehrer, die den Mund aufmachten, auch wenn es unbequem war. Und ich fragte mich: Werden wir diesem Anspruch heute noch gerecht? Werde ich es? Schülerinnen und Schülern eine ruhige und sichere Lernumgebung zu ermöglichen, bedeutet nicht nur, für ein konstruktives Klima innerhalb des Unterrichts zu sorgen. Es bedeutet, Schule und Lernen größer zu denken, ganzheitlich zu betrachten. Was mich betrifft, ist es mir ein persönliches Anliegen, Kindern und Jugendlichen vor und nach der Schule, in den Pausen und im Unterricht demokratische Werte zu vermitteln. Vorzuleben, wie wichtig eine pluralistische Gesellschaft ist. Seit Burg noch mehr als davor.

Zurück zu dem Vorfall aus dem Geschichtsunterricht: In regelmäßigen Abständen treffen sich Lehrerinnen und Lehrer zu Fachkonferenzen. An unserer Schule in Burg bestand der Fachbereich Gesellschaftswissenschaften aus sechs Lehrkräften. Sechs Menschen, demokratisch gesinnt, weltoffen, bemüht. Normalerweise bespricht man in solchen Sitzungen die fachspezifischen Themen: geplante Exkursionen, Abstimmungen zum Lehrplan, organisatorische Dinge. Aber an jenem Tag war die Stimmung eine andere. Wir saßen zusammen und schüttelten im Gleichtakt die Köpfe. Auf unserer Agenda standen Themen, die im 21. Jahrhundert eigentlich keine Rolle mehr spielen sollten. Unsere Kollegin berichtete nicht nur von ihrem Erlebnis mit ihrer 9. Klasse, sondern auch vom Blick der Schulleitung, die in ihrem Unterricht hospitierte und nach der Stunde lediglich den knappen Hinweis gab: »Bitte pädagogisch aufarbeiten«. Keine weitere Unterstützung. Kein Nachhaken. Kein Signal, dass man gemeinsam gegensteuern würde.

Laura und ich saßen uns gegenüber. Wir schwiegen, weil uns die Worte fehlten. Sechs Menschen, die allesamt spürten, wie etwas entglitt. Wie das Schulklima kippte, wie es sich verdichtete, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat. Wir fühlten uns erdrückt. Alleingelassen. Zu viele Vorfälle, zu wenig Reaktion. Zu viel Schweigen, zu wenig Haltung. Nach dem Ende der Konferenz traf ich Laura auf dem Flur. Wir blieben stehen, sahen uns an – und ohne dass einer von uns es aussprechen musste, war klar: Bis hierhin und nicht weiter.

Laura fragte mich, ob wir nicht einen offenen Brief schreiben sollten. So wie die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln damals, 2006, als die Lehrerschaft einen Brandbrief veröffentlichte – nicht zur rechten Gesinnung, sondern zur ausufernden Gewalt an ihrer Schule. Damals hatte der Brief bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Und er hatte gewirkt. Zwei Jahrzehnte später war diese Schule ein Vorzeigeprojekt geworden. Ich stimmte ihr zu. Es fühlte sich an, als würde sich etwas in Bewegung setzen, als würde der lähmende Stillstand einen Riss bekommen. Zwei Tage später trafen wir uns – ein kleiner Ort bei Cottbus, ein Dönerteller vor uns, mittelmäßiges Essen, ein alter Laptop auf dem Tisch. Es war nichts Besonderes. Und doch war es der Beginn von etwas, das größer werden würde, als wir in diesem Moment ahnten.

Wir schrieben die ersten Zeilen. Uns war klar: Wir waren nicht die ersten Lehrkräfte, die dieses Problem erkannten. Es musste andere geben – in anderen Städten, an anderen Schulen –, die ähnliche Beobachtungen machten und ähnliche Kämpfe führten. Darum entschieden wir uns für Anonymität. Wir wollten nicht, dass man sofort erkannte, um welche Schule es sich handelte. Und wir wollten unsere Namen nicht preisgeben. Nicht aus Feigheit, sondern aus Vernunft. Wir wussten, in welchem Klima wir lebten. Südbrandenburg war kein sicherer Ort für jene, die sich offen gegen Rechtsextremismus stellten. Wir kannten die Gewaltbereitschaft der Szene. Wir wussten, was passierte, wenn die Strukturen in Bewegung kamen: Nazis, die sich hinter dem Fußballverein »F.C. Energie Cottbus« sammelten, die ihre Hooligan-Kultur als Tarnung nutzten, Jugendliche rekrutierten, sie im Kampfsport trainierten, um an spielfreien Tagen Jagd zu machen. Jagd auf jene, die nicht in ihr Weltbild passten. Alternative Jugendclubs wurden zunehmend angegriffen. Queere Menschen konnten sich in Südbrandenburg nicht mehr sicher fühlen. Menschen mit Migrationshintergrund lebten gefährlich. Das alles ist heute noch so. Und die Schule? Sollte sie nicht ein geschützter Raum sein? Sollte man nicht glauben, dass wenigstens hier eine Grenze gezogen wird, eine Linie, hinter der man sicher ist? Sollte man meinen.

Da war er nun, unser Brief. Wir sahen uns an und drückten auf Senden:

»Wir haben ein Ausländerproblem – wir haben keine…5

Wir wenden uns an die Öffentlichkeit, da wir in unserem Arbeitsalltag als Schulpersonal an einer Schule im Spree-Neiße-Kreis täglich mit Rechtsextremismus, Sexismus und Homophobie konfrontiert werden und nicht mehr länger den Mund halten wollen. Wir erleben eine Mauer des Schweigens und der fehlenden Unterstützung seitens Schulleitungen, Schulämtern und Politik bei der Bekämpfung demokratiefeindlicher Strukturen, sowohl in der Schüler- und Elternschaft als auch bei den Kollegen.

Die nachfolgenden Beispiele sind nur ein Ausschnitt des Problems, mit dem wir an die Öffentlichkeit treten wollen. Hierbei betrifft die Bandbreite nicht mehr nur die üblichen Beleidigungen, sondern geht bis in die verfassungsfeindliche Verbreitung von rechtsextremen Symbolen, Schriften, Musiktiteln und Gewalt. Schulmobiliar wird mit Hakenkreuzen beschmiert, rechtsextreme Musik wird im Unterricht gehört, und das Rufen von demokratiefeindlichen Parolen füllt die Schulflure.

Tagtäglich sind wir damit beschäftigt, Schüler vor psychischer und physischer rechter Gewalt zu schützen und demokratische Grundwerte zu vermitteln. Doch was eigentlich selbstverständlich sein sollte, wird zu einem Spießrutenlauf für Lehrkräfte als auch für Schüler, die demokratische Werte vertreten. Lehrkräfte und Schüler, die offen gegen rechtsorientierte Schüler- und Elternhäuser agieren, fürchten um ihre Sicherheit.

Die wenigen ausländischen und toleranten Schüler an unserer Schule erleben Ausgrenzung, Mobbing und Gewaltandrohungen. Es herrscht das Gefühl der Machtlosigkeit und der erzwungenen Schweigsamkeit. Wir fordern daher die Politik auf, mehr Sozialarbeiter an den Schulen einzustellen, mehr demokratiefreundliche Projekte zu fördern, ein niedrigschwelligeres Fortbildungsangebot für Lehrkräfte zu ermöglichen und eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Rechtsextremismus, Homophobie und Sexismus zu zeigen. Das Problem muss erkannt und offen bekämpft werden. Schulen sollen Orte der Angstfreiheit, Weltoffenheit und Sicherheit für jeden sein und dürfen Demokratiefeinden kein Zuhause bieten.«

Kapitel 2 Unsere Schulen rücken nach rechts