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Heidi und Micha brechen 2024 mit ihrem Motorboot Recipe zu einer Reise von ihrem Heimathafen in Rechlin an der Kleinen Müritz zu Kleinoden rechts und links von Havel und Dahme auf. Ihre Entdeckungen, Erlebnisse und Gedanken sind als persönliches Reisetagebuch gestaltet. Viele Fotos und Informationen zu einzelnen Strecken zeugen vom Perspektivwechsel, den der Blick vom Wasser aus erlaubt. Entstanden ist eine Dokumentation, die ein Mitreisen ermöglicht. Interessierte finden Anregungen für eigene Tourenplanungen. Sie fahren über die Havel bis nach Potsdam, über den Teltowkanal und den Landwehrkanal auf die Spree. Diese führt sie durch das Regierungsviertel bis hin zur Mündung der Dahme in die Spree auf der Höhe von Köpenick. Die Dahme geht es zu Berg. Sie durchfahren den Naturpark Dahme-Heideseen, machen einen Abstecher in die Storkower Gewässer bis zum bekannten Ort Bad Saarow am Ende des Scharmützelsees. Wieder zurück auf der Dahme gibt es den nächsten Abstecher in die Teupitzer Gewässer bis zum Ort Teupitz. Und abschließend wird der Ort Märkisch Buchholz angefahren, ab dem die Dahme stromabwärts mit Motorbooten befahrbar wird. Die Dahme zu Tal geht es zurück. Sie schlagen einen Bogen über die Müggelspree und die Müggelseen und gelangen bei Köpenick wieder auf die Dahme. Über den Teltowkanal finden sie den Weg auf die Havel. Hier wird in Mildenberg die Entstehungsgeschichte der Tonstichlandschaft erfahren, danach geht es in die Templiner Gewässer bis nach Templin, zur Perle der Uckermark. Die Lychener Gewässer führen zum Ort Lychen, dem Ort, in dem die Pinne, auch bekannt als Heftzwecke, erfunden wurde. Den Abschluss der heimatnahen Erkundung begehen sie in Himmelpfort mit einem Besuch beim Weihnachtsmann.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Mit dem Motorboot „Recipe“ auf Entdeckungstour!
Von der Kleinen Müritz aus über die Havel und den Teltowkanal auf den Landwehrkanal und die Spree durch die Innenstadt von Berlin. Über den Nebenfluss der Spree, der Dahme, zu ihren Sackgassen, also den Storkower und Teupitzer Gewässern. Wir fahren bis zu dem Ort, an dem die Dahme schiffbar gemacht wurde und folgen dem Fluss dann weiter gen Norden. Wir machen einen Abstecher über die Müggelspree und Müggelsee und gelangen so wieder auf die Dahme. Über den Teltowkanal geht es in die Potsdamer Havelgewässer und der Havelkanal bringt uns wieder auf die Havel. Wir entdecken die Tonstichlandschaft an der Oberhavel und die Nebengewässer der Havel, wie die Templiner und die Lychener Gewässer, bevor wir unsere Reise in unserem Heimathafen enden lassen.
Grundlage dieses Reisetagebuchs sind unsere Aufzeichnungen aus dem Logbuch, persönliche Notizen zu Begebenheiten und Recherchen zu Hintergründen sowie zu unseren Gedanken, denen wir während der Fahrten so herrlich nachhängen können. Ihr seid herzlich eingeladen, uns auf dieser Reise zu begleiten.
Ein großes Dankeschön mag ich an dieser Stelle loswerden, es geht an Peter. Er hat als äußerst kompetenter Korrekturleser dem Manuskript dieses Buches den letzten Schliff gegeben.
Falls Ihr neugierig auf die Tour oder auch auf uns geworden seid: Ihr könnt uns auch auf unserem YouTube-Kanal erleben.
https://www.youtube.com/c/MiniMax581; die gesamten Playlists der Videos findet Ihr unter https://www.youtube.com/@MiniMax581/playlists
Vorgeschichte dieses Tagebuchs
Rückblick und Ausblick
Wir starten
Über die Müritz und weitere Oberseen in die Elde
Wir starten zur zweiten Tour
Von der Müritz nach Berlin
Über den Landwehrkanal und die Spree durch die Innenstadt von Berlin bis zur Dahme
Durch die Storkower Gewässer zum Scharmützelsee
Die Dahme gen Süden nach Märkisch Buchholz
Über die Dahme in die Teupitzer Gewässer
Über die Potsdamer Havel zum Havelkanal
Über die Havel zur Tonstichlandschaft Oberhavel
Über die Havel in die Templiner Gewässer
Über die Havel zu den Lychener Gewässern
Über die Havel in den Heimathafen an der Kleinen Müritz
Saisonende
Resumee
Quellenangaben
Übersichten
Abbildung 1: Die gefahrene Strecke der ersten Tour
Abbildung 2: Übersicht über die gefahrenen Strecken der zweiten Tour
Abbildung 3: „Recipe“ im Hafen Blossin 2024
Abbildung 4: Heidi & Micha, Eigner seit 2017
Durch das Schreiben von Reiseberichten für das Magazin Seenland zu unseren Touren entstand die Idee, unsere Erlebnisse beim Bootfahren als Tagebuch niederzuschreiben und so eine Ergänzung zu den Reisevideos zu schaffen. Dadurch werden wir keinen Törnführer erstellen, sondern schlicht und einfach unsere persönlichen Eindrücke und Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bewertungen wiedergeben und das unterwegs Gelernte mitteilen. „„Recipe“ on Tour“ so ist der Titel des Reisetagebuchs und unter diesem Namen veröffentlichen wir die Reisevideos auf unserem YouTube-Kanal „MiniMax“.
Für die Jahre 2021 und 2023 gibt es „„Recipe“ on Tour“ als Reisetagebuch, in dem unsere Motivation für das Bootfahren und für das Dokumentieren unserer Touren sowohl als Videos als auch in niedergeschriebener Form dargestellt wird. Nun kann ich ja nicht davon ausgehen, dass jeder, der den hier vorliegenden Bericht liest, auch den Inhalt des ersten Reisetagebuchs kennt oder sich daran erinnert. Insofern komme ich nicht umhin, doch das eine und das andere über uns, unser Bootfahren und unsere „Recipe“ zu beschreiben – auch auf die Gefahr hin, dass es als Wiederholung wahrgenommen wird. Der geneigte Leser mag im gegebenen Fall diesen Abschnitt einfach überspringen. Nur der Vollständigkeit halber: für 2022 gibt es kein Reisetagebuch, da wir wegen widriger Umstände unsere Reisepläne ändern mussten. Doch eins nach dem anderen.
Heidi
Am Rhein aufgewachsen, habe ich als Kind die Rheinschifffahrt beobachten können und dabei ziemlich romantische Vorstellungen über das Leben der Binnenschiffer entwickelt. Zu gemütlich sah es vom Ufer gesehen aus, wenn Frauen an Deck entgegen der Fahrtrichtung des Schiffes herumliefen, um mit Kindern und Hund zu spielen oder die Wäsche aufzuhängen. Es musste doch schön sein, herumzufahren, Strecke zu machen und seinen Alltag mit wenig Drumherum zu gestalten. Von der schweren Arbeit, dem Zeitdruck, der Sorge um Fracht, Pünktlichkeit, Folgeauftrag und dergleichen hatte ich damals noch keine Ahnung.
Ebenso romantisch fand ich die Ansicht einsam über Felder ziehender Trecker. Ein so ruhiges, beschauliches Bild. Trecker und Fahrer fast meditativ Feld für Feld, Furche für Furche abzufahren, jenseits der Hektik, die auf Straßen, Baustellen und anderen Arbeitsfeldern wirkte.
Ich wurde weder Binnenschifferin noch Bäuerin und Ruhe fand ich beim Wandern und beim Laufen. Mit beiden Beinen auf festem Boden oder so ähnlich.
Am Wasser war ich immer gern, im Wasser eher nicht. Meine Erfahrungen auf dem Wasser machte ich bei Paddeltouren mit dem Faltboot auf der Lahn, bei denen es, nicht zuletzt wegen mitfahrender kleiner Kinder, recht beschaulich und gemütlich zuging. Wesentlich wagemutiger war ich Jahre zuvor, als es mit schnittigen Einerkajaks die Ardèche in Frankreich herunterging und Stromschnelle um Stromschnelle todesmutig genommen wurde.
Fahrten zur Wanderregion in Lappland beinhalteten auch die Überfahrt mit der Oslo-Fähre, vor der ich Respekt hatte. Zur Recht, wie sich zeigen sollte: bei einer dieser Überfahrten war so starker Seegang, dass hoch oben auf dem Restaurantdeck alles zu Bruch ging was zerbrechen konnte und ein gefahrloser Gang über eine Treppe so gut wie unmöglich war. Von seekranken Menschen und Sorge um die eigene Gesundheit ganz zu schweigen.
Mit Micha trat das Bootsfahren in mein Leben und mit der Idee, gemeinsam mit einem Charterboot in Elsass-Lothringen Urlaub zu machen, begann eine neue Zeit mit neuen Erfahrungen. Mit Vertrauen in Micha, der „schon länger“ Boot gefahren war, willigte ich ein. Und siehe da, es war gar nicht schlimm. Für mich war die Reise ein Test mit dem Boot, für Micha wohl eher der Test auf meine Tauglichkeit an Bord, für uns beide sicher ein Test, ob und wie wir es auf kleinstem Raum eine Zeitlang miteinander aushalten würden. Unterm Strich wurden alle Tests bestanden.
Mein Spaß am Bootfahren wuchs. Ich machte den Bootsführerschein Binnen und See und den „Funkschein“. Sogar an den Segelschein wagte ich mich, scheiterte jedoch in der praktischen Prüfung, weil einfach zu viel Wind im engen Kanal blies. Hier war eher Intuition als Nachdenken gefordert. Ich war unsicher und ängstlich. Ich gab einfach auf. War schon ein blödes Gefühl, etwas nicht geschafft zu haben. Ich musste wohl damit leben, dass Segeln wohl dann doch nicht so mein Ding war.
Micha
Ich bin in Berlin, damals noch Berlin (West), aufgewachsen. Mit den vielen Gewässern dort hatte ich, abgesehen von einigen Schlauchboot-Paddel-Ausflügen, aber nicht viele Berührungen. Das änderte sich erst, nachdem ich als junger Erwachsener im Dänemark-Urlaub einen Windsurfkurs absolvierte. Erst dann wurde mir bewusst, welch tolles Revier wir mitten in der Stadt hatten. Ein eigenes Surfbrett musste her und ich lernte es in den darauffolgenden Jahren mehr schlecht als recht zu benutzen. Das Surfbrett zog dann 1992 mit mir in den Taunus nach Hessen um. Mangels geeigneter Surfmöglichkeiten stieg ich hier auf das Jollensegeln um.
Meine beiden damals noch sehr kleinen Kinder fanden Segeln auf der Jolle nicht so prickelnd, sodass ich mit meinem Bruder und beiden Kindern die erste Motorbooterfahrung auf einem Chartertörn in Mecklenburg sammelte. Ich dachte zu der Zeit, ich beherrsche das Motorbootfahren ein wenig, hatte ich doch gerade erst den Sportbootführerschein Binnen und See absolviert. Und doch fuhren wir zunächst im Zick-Zack durch die Kanäle und standen bei den ersten Schleusenmanövern irgendwann immer diagonal in der Schleusenkammer. So ein neun Tonnen Stahlboot mit starrer Welle fährt sich dann doch anders als ein Kajütboot mit Außenborder. Bugstrahl gab es damals weder für die Segelyachten noch für unser Chartermotorboot. Nach den zwei Wochen Charterurlaub gelangen die Manöver dann so halbwegs.
Die eigene kleine Jolle hatte zwar viel Spaß gemacht, auch hat mich der Charterurlaub in Mecklenburg angefixt, ich wollte aber auch „richtig“ segeln. Auf einem zweiwöchigen SKS-Ausbildungs-Törn in der Adria hat mich sofort der Fahrtensegelvirus infiziert.
Ab dann ging es mit der Bootsfahrerei für mich richtig los. Die kommenden Jahre begannen stets mit einem Skipper-Training im April in Holland und wurden dann mit je einem Segel- und einem Motorboottörn fortgesetzt.
Nach Heidis und meinem ersten gemeinsamen Bootstörn gestalteten wir unsere Urlaube zusammen sowohl auf Motor- als auch auf Segelbooten. Wir charterten Plattbodenschiffe in Friesland, Segelboote auf dem Ijsselmeer, Motorboote und Segelboote auf der Mecklenburgischen Seenplatte und machten Segeltörns in der Adria. Beim Segeln allerdings unterschied sich unsere Begeisterung. Wenn es mir so richtig Spaß machte, klinkte Heidi sich aus. Zuviel Schräglage, zu viel Wind machten ihr offensichtlich Angst. 2020 verabschiedete ich mich mit einem sehr schönen Helgolandtörn von der Seglerei und wir blieben letztlich beim Motorbootfahren.
An ein eigenes Schiff dachten wir erstmalig nach zwei Segeltörns mit einer Vollenhovense Bol, einem friesischen urigen 9 Meter Plattbodensegler (Abbildung 5). Allein die Entfernung zu den geeigneten Gewässern für solch ein Schiff hielt uns ab. Deshalb blieben wir erst einmal beim Chartern, denn Bootsurlaub musste sein.
Zwei Jahre hintereinander (2016 und 2017) charterten wir an der Dahme das Boot „„Anna Blume““, eine Kent 28 (Abbildung 6). Mit ihr fuhren wir durch die Berliner Gewässer, bis hinauf zur Müritz. Und wir überlegten, dass wir ungefähr so ein Boot haben wollten, wenn wir einmal eins kaufen würden. Das „einmal“ war wohl der Zeitpunkt, zu dem wir in der Nähe von Wasser wohnen würden, denn seinerzeit – im Taunus, später auf der Schwäbischen Alb – waren sowohl der Arbeits- als auch Wohnort nicht wirklich geeignet, sich ein Boot zu kaufen, das dann meilenweit weg von uns seinen Liegeplatz finden würde und wir wirklich nur zu Urlauben Zeit darauf verbringen könnten.
Doch dann kam alles ganz anders und ganz schnell: nach dem zweiten Urlaub auf und mit der „„Anna Blume““ ergab eine Recherche, dass in der Nähe von Regensburg an der Donau eine Kent 28, namens „„Recipe““, zum Verkauf anstand. Micha hatte seinen Arbeitsplatz in Ingolstadt – an der Donau. Er konnte ja mal gucken! Und wie es mit dem Gucken so ist: Er war begeistert, hatte doch diese Launch-Variante der Kent 28 mit ihrem Aufbau und der Raumaufteilung genau die Verbesserungen, die wir uns auf der „„Anna Blume““ schon überlegt hatten: Fahrer- und Beifahrersitz nebeneinander auf gleicher Höhe, der gesamte Bereich ab Fahrerstand offen (mit Persenning überspannt), ein riesengroßes Raumgefühl.
Das Vorbesitzer-Ehepaar wollte ihre „„Recipe““ in gute Hände und in ein gutes Revier geben. Wir bewarben uns in gemeinsamen Gesprächen um das Boot und konnten es schließlich im Sommer 2017 erwerben.
Der Rumpf der Kent 28 stammt aus England, dort wurden diese Bootstypen als Lotsenschiffe im Hafen eingesetzt. Sie sind also sehr robust, mit hohem Bug, stabiler Reling und zweifachem Rundumfender aus dicker Gummileiste. Zum Sportboot ausgebaut wurden sie in den Niederlanden. Dort hatte ein Apotheker sich die „Recipe“ bauen lassen und ihr diesen Namen gegeben, da er die Erfahrung gemacht hatte, dass es Menschen, die mit einem „Rezept“ (=Verordnung) in seine Apotheke kamen, hinterher einfach nur gut und besserging. Sein Boot, die „Recipe“, war sein Rezept für ein gutes Lebensgefühl. Doch es stellte sich heraus, dass die Gattin des Apothekers auf dem Boot nicht schlafen konnte. Damit war der Traum von und mit dem eigenen Boot ausgeträumt. Der Apotheker verkaufte das Boot an das Ehepaar aus Regensburg.
Und so lag die „Recipe“ an der Donau neben den hochmotorisierten Motoryachten mit Klimaanlage & Co. Bei unseren ersten Ausflügen auf der Donau bestätigte sich, dass dieses Gewässer für die „Recipe“ nicht optimal war. Dennoch stand eine Tour nach Schlögen in Österreich an: Der Vorbesitzer der „Recipe“ hatte dort im Vorjahr eine neue Persenning (das ist sozusagen das Zeltdach über dem offenen Cockpit) für den hinteren Teil des Bootes beauftragt. Wir mussten sie nur noch abholen. Wir beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und die gesamte Persenning neu zu gestalten. Der Termin wurde ausgemacht. Unsere Reise auf der Donau zu Tal lief gut, wir erreichten pünktlich den Hafen in Schlögen.
Abbildung 5: Die „Bolleke“ im Hafen (2012)
Abbildung 6: „Anna Blume“ im Hafen Havelbaude (2018)
Die Sattlerin kam mit ihrer mobilen Werkstatt an den Hafen, nahm Maß, schnitt zu, nähte, passte an und stand uns bei unseren Vorstellungen von Ausschnitten für Fenster mit ihren Ideen zur praktischen Umsetzung und zur späteren Handhabung hilfreich zur Seite. Es war spannend, ihr bei dem Handwerk zuzusehen: eine relativ kleine Person, die mit so viel gespanntem Stoff und den Arbeitsbedingungen auf einem Boot und in einer mobilen Werkstatt so professionell, schnell und sauber zu Werke ging. Sie bekam unseren absoluten Respekt und Dank. Wir erhielten im Gegenzug eine neue Persenning nach unseren Wünschen: Fenster, die hochgerollt und mit Schlaufen über Druckknöpfe befestigt werden. Das große Heckfenster, die großen Flächen an Steuer- und Backbord sowie das Fenster über dem Niedergang können wir so öffnen und haben das Gefühl, ganz im Freien zu stehen. Neben unseren Sitzplätzen können wir kleinere Fenster spaltbreit öffnen, sodass Frischluft durchziehen kann und die Kommunikation zwischen innen und außen funktioniert. Rein theoretisch könnten wir die gesamte Persenningfront über dem Steuerstand öffnen, jedoch bieten die Teile rechts und links neben dem Fenster über dem Niedergang angenehmen Sonnenschutz. Ach ja, um uns vor zu starker Sonneneinstrahlung oder zu neugieriger Nachbarschaft zu schützen, hat die Sattlerin ein Persenningtuch genäht, dass wir per Klettverschlüssen über das große Heckfenster spannen können – einfach genial!
Die Rückfahrt auf der Donau zu Berg dauerte vier Tage, also einen Tag länger als die Hinfahrt und brachte so manchen Schweißtropfen auf unsere Stirne, da wir an Einmündungen von Isar und Inn kaum gegen die Strömung anfahren konnten. Mütter mit Kinderwagen überholten uns an Land und so manche grüne Tonne wollte einfach nicht näherkommen.
Im Gegensatz zu uns kann die „Recipe“ mit technischen Daten aufweisen, die auch zeigen, warum sie als typischer Verdränger kein Boot für stark strömende Gewässer wie Donau oder auch Rhein ist.
Bootstyp
Kent 28 Launch
Baujahr
2004
Länge - Breite – Tiefgang
8,50m - 3,5 0m - 0,90m
Durchfahrtshöhe
3,40m (mit Funkantenne)
Motorisierung
Volvo Penta D2, 55 PS
Ausrüstung
Bugstrahl, elektrische Ankerwinsch,
Kartenplotter, Funk
Rumpfgeschwindigkeit
13 km/h
Die technischen Daten der „Recipe“
Ein Jahr später (2018) stand eine andere Entscheidung an: Der nahende Ausstieg aus dem Berufsleben und die damit verbundene Überlegung, wo wir denn so wohnen wollten. Zeit unseres Berufslebens sind wir der Arbeit hinterher gezogen. Nun wollten wir da wohnen, wo es schön ist. Und dass die große Region der Mecklenburgischen Seenplatte wunderschön ist, hatten wir in vielen Urlauben erfahren. Es bieten sich nicht nur unzählige Möglichkeiten für Erkundungen der Region, sondern sie ist auch idealer Startpunkt für Bootstouren in weit darüber hinaus reichende Reviere. Und ganz wesentlich: diese Region ist ein ideales Revier für die „Recipe“. Somit zog die „Recipe“ im Sommer 2018 nach Waren an der Müritz. Wir erwarteten im Warener Hafen den Schwertransporter, der unsere „Recipe“ von der Donau ans Mecklenburger Wasser bringen sollte. Pünktlich kam sie an und gelang sicher ins Wasser (Abbildung 7).
Wir machten Urlaub mit der „Recipe“ auf der Mecklenburgischen Seenplatte. Der Schriftzug am Heck „Regensburg“, der den Heimathafen angibt, sorgte für regen Gesprächsbedarf. Wissbegierige Bootsfahrende wollten wissen, wie genau wir mit dem Boot von der Donau in die Mecklenburgischen Gewässer gekommen sind. Über welche Kanäle, welche Flüsse, über den Rhein? Die Wahrheit enttäuschte sie ein wenig, jedoch verstanden sie, dass dieses Boot mit Gewässern wie zum Beispiel dem Rhein nicht wirklich klarkommt. Nachvollziehen konnten sie auch, dass uns die Zeit, die eine Überführung auf dem Wasserweg beansprucht hätte, einfach fehlte. Nach diesem Urlaub ging die „Recipe“ direkt ins Winterlager in Waren. Während dieser Zeit wurde die Angabe des Heimathafens auf Malchow geändert.
Wir fuhren hunderte Kilometer von ihr fort nach Hause. Im Folgejahr 2019 im Spätfrühling fand schließlich unser Umzug in den hohen Norden und in den sogenannten Ruhestand statt. Wir hatten uns nach einigen Erkundungstouren für Neustrelitz entschieden und fühlen uns hier richtig wohl und zu Hause angekommen.
Die „Recipe“ fand ihren Sommerliegeplatz in Malchow. Der Stadthafen in Neustrelitz vergibt keine festen Liegeplätze und letztlich hatten wir wegen des niedrigen Wasserstandes Bedenken, uns um einen Liegeplatz in den anderen kleineren Bootsanlegern zu kümmern. Der Zierker See ist sehr flach, einzig die ausgetonnte Zufahrt zum Neustrelitzer Hafen sowie der Hafen selbst bietet genügend Wasser unter dem Kiel. Neustrelitz am Zierker See liegt am Ende der Oberen Havel-Wasserstraße und bildet für Motorboote eine Sackgasse. Zu jeder Tour hat man also eine längere Anfahrt über den Zierker See, den Kammerkanal mit zwei Schleusen, bevor man bei Priepert den Zugang zu den Kleinseen und die Havel hat. Nicht zuletzt auch aus diesem Grund entschieden wir uns für den Liegeplatz am Alten Fischerhof in Malchow am Recken, der Verbindung zwischen dem Malchower See und dem Petersdorfer See; eine gute Dreiviertelstunde Autofahrt von unserer Wohnung in Neustrelitz entfernt.
Abbildung 7: Ankunft der „Recipe“ in Waren an der Müritz (2018)
Der Traum, im Ruhestand mit dem Boot lange Zeit unterwegs sein zu können, ohne Termine, ohne Zwang von a nach b und c und zurück war zunächst nicht so wirklich umzusetzen. Es blieb bis heute bei zwei- bis maximal vierwöchigen Touren und vielen Kurztrips. Es gab mehrere Gründe dafür:
Im Juni 2019 waren wir nach Neustrelitz umgezogen. Zuerst wollte die neue Wohnung fertig eingerichtet und alle Kisten wollten ausgepackt werden. Die defekte Schleuse in Zaren, eine defekte Hubbrücke im Störkanal und fehlendes Wasser in Elde und Elbe hinderten uns zudem daran, die Seenplatte zu verlassen. In vielen Kurztrips konnten wir dafür ausgiebig unser neues Heimatrevier erkunden.
Zu Beginn des Jahres 2020 verbreitete sich das Corona-Virus und sorgte für Aufmerksamkeit der ganz besonderen Art. Auch wir hatten Sorgen und waren mit der Umsetzung von Aktivitäten und Reisen sehr zurückhaltend. Zur Hochzeit einer unserer Töchter konnten wir anreisen und erst danach starteten wir im Juni zu einer 3-wöchigen Tour nach Brandenburg an der Havel. Den Rest des Sommers verbrachten wir dann wieder mit der Erkundung des heimischen Reviers. Für den Winter brachten wir die „Recipe“ nach Lärz in ihren Winterschlaf und ergatterten auch einen festen Liegeplatz im Yachthafen Rechlin als Sommerlager. Der Yachthafen hat gegenüber dem Liegeplatz in Malchow einen unschlagbaren Vorteil, denn es findet tatsächlich Hafenleben mit vorhandener Infrastruktur statt: Zwei Restaurants liegen am Hafengelände, Sanitärgebäude und Tankstelle gehören auch dazu. Wir können ein- und auslaufende Boote beobachten, haben Austausch mit Stegnachbarn, die an ihren Booten arbeiten oder nur ein Wochenende auf ihnen verbringen. Das alles gab es am Anleger in Malchow nicht. Ein weiterer kleinerer Vorteil besteht auch darin, dass wir eine kürzere Anfahrtszeit von unserer Wohnung aus nach Rechlin als nach Malchow haben.
Die Bezeichnung für den Heimathafen Malchow änderten wir nicht wieder, da so eine Änderung mit einigem formalen Aufwand verbunden ist. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie möchte in einem solchen Fall das Flaggenzertifikat erneuert wissen. Ordentlich ausgefüllte Formulare, neue Fotos vom Schiff müssten versendet und eine entsprechende Bearbeitungsgebühr entrichtet werden.
Wir sind ein eingespieltes Team (nicht nur auf dem Boot) und haben die Rollen Skipper und Crew nach dem Motto „jeder das, was er wie am besten kann“ schon recht früh verteilt. Micha ist am Steuer, ich löse ihn ab und zu ab, wenn er mit der Kamera etwas aufnehmen will oder mal kurz im Bad verschwinden muss. Anlegen, egal wo, ist sein Ding. Da bin ich sicher, dass mit dem Boot nichts passiert und wir tatsächlich dort landen, wo wir landen wollen. Vor allem hat er ein gutes Gefühl für das Boot, er weiß, was die „Recipe“ kann und was nicht, wie sich „Recipe“ bei Rückwärtsfahren verhält und hat großen Ehrgeiz beim Manövrieren mit der Maschine. Wo immer es stressfrei geht, ohne Einsatz des Bugstrahlruders. Ich bewundere seine große Ruhe bei komplizierteren Anlegemanövern in engen Räumen, auch wenn ich bei so manchem Anlegemanöver durchaus Geduld haben muss. Die Leinenarbeit an Deck ist mein Ding; dafür habe ich mich seit Plattbodenzeiten erwärmt. Mir ist es wichtig, dass die Leinen griffbereit sind, ein Wooling nicht erst entwirrt werden muss. Daher hänge ich sie an der Reling auf. Sie liegen dann nicht auf Deck, ich gerate nicht in die Situation, auf ihnen auszurutschen und besonders wichtig: sie bieten den Spinnen keine Möglichkeiten zum Nestbau! Ich mag Spinnen gar nicht, sie sind mir ein Graus. Auch die Heckleinen, die während der Fahrt auf den Sitzen liegen, haben ihre Ordnung. Sie werden außen um die Persenning herumgeführt und liegen in wohl geordneten Buchten auf dem Polster. Sie müssen dann nur noch hochgenommen werden und sind einsatzbereit.
Als Profis würde ich uns nicht bezeichnen. Wir haben zwar schon etliche Erfahrungen mit Bootfahren gemacht, lernen aber auch noch immer dazu. Eingespielt sind wir, das stimmt. Micha weiß, was ich mir zutraue und was nicht und bringt mich nicht in Situationen, in denen ich mich unwohl fühlen würde. Das wirkt sich auf viele Abläufe aus. Ich weiß, welche Arbeiten Micha nicht so gerne macht, bzw. er nicht so macht, wie ich denke, dass sie gemacht werden sollten. Und so ergänzen wir uns prima, mein allzu großes Appellohr ist dabei auch hilfreich.
Wir sind uns einig: nach der langen Tour im letzten Jahr wollen wir in diesem Jahr kleinere Etappen fahren. Auch müssen wir zu einem definierten Termin wieder zu Hause sein. Einer unserer beiden Söhne heiratet Anfang September. Und natürlich wollen wir dabei sein!
Mit Bootsfreunden stehen wir wegen ihrer und unserer Planungen in Kontakt, um ein Treffen auch in dieser Saison möglich zu machen. Zwei Paare hatten Schwerin als Ziel ihrer Touren im Auge, auch wir sind mit dem eigenen Boot noch nicht bis Schwerin gelangt. Insofern war eine gemeinsame Tour durchaus in der Planung. Jedoch hat dann eine Nachricht im März diese Planung zunichtegemacht:
Der Nordkurier berichtet am 5.3.2024:
„Die Schleuse Banzkow südlich von Schwerin ist die einzige Wasserzufahrt zum Schweriner See, und sie soll von April bis November gesperrt werden. Grund sind Personalengpässe, so ein Sprecher des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes in Lauenburg. Gesucht wird demnach ein Schleusenwärter. Es sei versucht worden, die Stelle intern zu besetzen. Das ist den Angaben zufolge aber bislang erfolglos geblieben. Deshalb habe das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt die Schleuse sperren müssen.“
Nun, der derzeitige Wasserstand – er ist so hoch wie lange nicht mehr – erlaubt es wohl, die Elde komplett zu durchfahren und vielleicht sogar im April noch auf die Elbe zu gelangen. Wir schauen mal. Damit bliebe dieser Teil einer möglichen Planung für uns bestehen.
Micha hat die unsere lange Reise in und durch die Niederlande aus 2023 in zwei lange Filme zusammengefasst, hochgeladen und freut sich über die Resonanz. Im April ist das „Recipe on Tour Reisetagebuch 2023“ in der Welt!
Abbildung 8: Mit einem Foto auf dem Einband: „Recipe“ on Tour 2023
Etliche Probedrucke waren notwendig, um die Optimierungen an den Fotos hinzubekommen. Sie werden nicht auf Fotopapier gedruckt, insofern braucht es bei der Bearbeitung der Vorlagen recht viel Übertreibungen in Bezug auf Farbe. Nun hatten wir die letzte Version als gelungen klassifiziert und das Teil in den Druck zur Veröffentlichung freigegeben. Wieder etwas geschafft und damit ist Luft im Kopf für Anderes.
Tatsächlich haben wir noch keine konkreten Pläne für unsere diesjährige Bootssaison. „Recipe“ ist ja noch im Winterlager, in der kommenden Woche werden wir einen Termin für das Auswintern absprechen. Erst einmal muss unser Bus „Max“ in die Werkstatt: Micha hatte die Rückwärtsfahrt in unseren Hof (die er wie oft schon gemacht hat???) wegen eines ungünstig parkenden Autos auf der Gasse anders vornehmen müssen und dabei eine Stange angefahren (die auch schon ewig da steht, da sie Teil der Konstruktion für Dekoration der Einkaufsstraße sowohl zu Weihnachten als auch zu anderen Festivitäten ist) und in die Stoßstange hinten an Steuerbord () eine Beule produziert. Und da die Stoßstangen in heutigen Zeiten nicht mehr einfach auszubeulen sind, muss eine komplett neue her. Die wiederum kann man nicht so einfach kaufen, die muss bestellt, angebracht und lackiert werden. Das soll nun gemacht werden, dabei auch gleich alles andere an Überholungsarbeiten, die vor einem TÜV-Termin anfallen. Also ist „Max“ einige Tage in der Werkstatt und „Recipe“ kann erst danach ins Wasser, weil wir ohne Auto nicht zum Hafen kommen.
