Recovery Dharma - Recovery Dharma Global - E-Book

Recovery Dharma E-Book

Recovery Dharma Global

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Beschreibung

Recovery Dharma ist eine Selbsthilfegemeinschaft und Bewegung von Gleichgesinnten. Uns eint das Vertrauen in unser Potenzial zu genesen und Freiheit vom Leiden der Sucht zu finden. Wir heißen alle willkommen, die sich vom Leiden der Sucht befreien möchten: Abhängigkeit von Substanzen, prozessuale Süchte wie Co-Abhängigkeit, Glücksspiel, Essen, Beziehungen oder Technologie, und andere zwanghafte oder gewohnheitsmäßige Muster. Dabei nutzen wir im Rahmen der Selbstbefähigung buddhistische Praktiken wie Meditation, Selbsterforschung, Weisheit, Mitgefühl und Gemeinschaft als Mittel zur Genesung. Als weise Freund*innen und Mentor*innen beschreiten wir den Pfad der Genesung gemeinsam und unterstützen einander als Sangha (Gemeinschaft).

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Recovery Dharma ist auf dem Buddhismus, der seinen Ursprung in Indien hat und später in anderen Regionen Asiens aufblühte, errichtet und von diesem inspiriert. Wir widmen dieses Buch und drücken unsere Dankbarkeit gegenüber den (süd)asiatischen Vorfahren aus, welche die Lehren des Buddha schützten und allen frei zugänglich machten.

Wir widmen unsere Praxis1 der Förderung von kollektiver Heilung und Befreiung vom quälenden Kreislauf der Sucht und des Leidens. Wir nehmen alle, die sich um Genesung bemühen, von ganzem Herzen in unsere Gemeinschaft auf; unabhängig von Herkunft und Hautfarbe, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, sexueller Orientierung, Alter, Behinderung oder Nationalität.

Mit sämtlicher aufkommenden Freude und Betrübnis, Befähigung und Unvollkommenheit, Streben und Ruhenlassen, Festhalten und Loslassen, ehren wir all jene, die diesen Pfad der Genesung und des Wachstums in der Vergangenheit beschritten haben, gegenwärtig beschreiten sowie diejenigen, die diese Praxis in der Zukunft fortsetzen werden.

1 Unter Praxis wird die buddhistische Übungspraxis bzw. das regelmäßige Praktizieren der in diesem Buch genannten Techniken verstanden.

Durch diese Übersetzung möchten wir unseren demütigen Beitrag dazu leisten, dass mehr und mehr deutschsprachige suchtleidende Menschen durch den hier aufgezeigten Pfad Genesung finden können.

Als Übersetzer*innen erkennen wir an, dass wir wesentlichen Einfluss darauf haben, wie ein Werk in einer anderen als der ursprünglichen Sprache zur Geltung kommt. In diesem Sinne haben wir auf achtsame Art und Weise Formulierungen so gewählt, Passagen so abgeändert und Fußnoten so eingefügt, dass die Bedeutung des Textes in unserem hiesigen kulturellen Kontext bestmöglich verstanden werden kann – ohne uns allzu weit vom Originaltext zu entfernen.

Alles auf der Welt ist perfekt, so wie es ist; dennoch gibt es stets Raum für Verbesserungen. In diesem Sinne nehmen wir Anregungen unter der vorgenannten Kontaktadresse freudig entgegen.

Recovery Dharma

Vorwort

1 Einleitung

2 Die Praxis

3 Erwachen: Buddha

4 Wahrheit: Dharma

Die erste edle Wahrheit

Die zweite edle Wahrheit

Die dritte edle Wahrheit

Die vierte edle Wahrheit

i. Rechte Erkenntnis

ii. Rechte Absicht

iii. Rechte Rede

iv. Rechtes Handeln

v. Rechter Lebenserwerb

vi. Rechte Anstrengung

vii. Rechte Achtsamkeit

viii. Rechte Konzentration

5 Gemeinschaft: Sangha

Isolation und Verbindung

Zusammenarbeit mit anderen

Weise Freund*innen und Mentor*innen

Dienen und Großzügigkeit

6 Genesung ist möglich

Anhang

Meditationen

Glossar

Ablauf eines Recovery Dharma Meetings

Vorwort

Wenn wir den Entschluss fassen, von der Sucht zu genesen – von Substanzen, Gewohnheiten, Menschen oder anderem – kann das beängstigend sein. Wir fühlen uns oft einsam und verloren, denn die Genesung kann unser Identitätsgefühl, unsere Vorstellung davon, wer wir sind, erschüttern. Wer werde ich sein, wenn ich meine Sucht loslasse? Es kann schwer sein, sich Veränderungen zu stellen, selbst wenn wir wissen, dass wir etwas loslassen, das eine Gefahr für uns darstellt. Für viele von uns bestand die erste und größte Herausforderung darin, einen sicheren und stabilen Ort zu finden, um mit der Genesung zu beginnen.

In diesem Buch geht es darum, buddhistische Praktiken und Prinzipien anzuwenden, um von der Sucht zu genesen. Dennoch muss man keine Buddhist*in werden, um von diesem Programm zu profitieren. Eine der revolutionärsten Lehren des Buddhas besagt, dass der Geist nicht nur die Quelle großen Leidens ist – aufgrund von Verlangen, Gier, Wut und Verwirrung – sondern auch das Heilmittel für dieses Leiden. Wir nutzen also eine uralte, bewährte Methode, um unseren Geist zu verändern. Wir entscheiden uns dafür, auf unser eigenes Potenzial für Weisheit und Mitgefühl für andere und uns selbst zu vertrauen.

Was Du in Deinen Händen hältst, ist das Ergebnis der Zusammenarbeit vieler Mitglieder unserer Gemeinschaft. Es soll ein hilfreicher Leitfaden sein, sowohl für diejenigen, die neu auf diesem Pfad sind, als auch für langjährig Praktizierende.

Es ist um die so genannten drei Juwelen des Buddhismus herum aufgebaut: der Buddha (das Potenzial für unser eigenes Erwachen als das Ziel des Pfades), der Dharma (wie wir dorthin gelangen) und die Sangha (mit wem wir reisen). Wir werden darüber sprechen, wie wir dieses Programm genutzt haben, um von der Sucht zu genesen und wie wir es uns zu eigen gemacht haben: nicht als allgemeingültiger Ansatz, sondern als Werkzeugkasten mit Techniken, die jeder nutzen kann, um Linderung vom Leiden der Sucht zu erfahren.

1

Einleitung

Was ist Recovery Dharma?

Das Wort dharma hat nicht nur eine Bedeutung. Es stammt aus einer alten Sprache namens Sanskrit und kann mit «Wahrheit», «gesetzmäßige Erscheinung» oder «Natur der Dinge» übersetzt werden. Wenn es groß geschrieben wird, steht das Wort Dharma üblicherweise für die Lehren des Buddha und die auf diesen Lehren basierenden Praktiken.

Der Buddha wusste, dass alle Menschen auf die eine oder andere Weise mit überwältigendem Verlangen kämpfen – dem mächtigen, manchmal blind machenden Wunsch, unsere Gedanken, Gefühle und Umstände zu verändern. Diejenigen von uns, die süchtig sind, wurden eher dazu getrieben, Substanzen zu nutzen oder bestimmte Verhaltensweisen an den Tag zu legen, um dies zu erreichen; aber das zugrunde liegende Verlangen ist bei allen das gleiche. Auch wenn der Buddha nicht explizit über Sucht sprach, verstand er die zwanghafte Natur des menschlichen Geistes. Er verstand unsere Anhaftung an Vergnügen und unsere Abneigung gegen Schmerz. Er verstand, wie weit wir manchmal gehen, wenn wir dem nachjagen, was wir fühlen wollen, und vor den Gefühlen weglaufen, die wir fürchten. Und er fand eine Lösung dafür.

Dieses Buch beschreibt einen Weg, wie wir uns mit Hilfe buddhistischer Praktiken und Prinzipien vom Leiden der Sucht befreien können. Dieses Programm führt zur Genesung von der Abhängigkeit von Substanzen wie Alkohol und anderen Drogen, aber auch von dem, was wir als nichtstoffliche Sucht bezeichnen. Wir können auch süchtig werden nach Sex, Glücksspiel, Technologie, Arbeit, Co-Abhängigkeit, Einkaufen, Essen, Medien, Selbstverletzung, Lügen, Stehlen oder zwanghaftem Grübeln. Dies ist ein Pfad zur Freiheit von allen sich wiederholenden und gewohnheitsmäßigen Verhalten, die Leiden verursachen.

Viele von uns, die den Weg hierher gefunden haben, sind womöglich noch nicht mit dem Buddhismus vertraut. Es erscheinen unbekannte Wörter, Konzepte und Weltanschauungen. Es kann einschüchternd und unangenehm sein, in einem Meeting mit Menschen zu sitzen, die mit Begriffen wie Karma, Dharma, Sangha und Buddha um sich werfen. Wenn es Dir so geht, bist Du nicht allein.

Das Ziel dieses Buches ist es, unseren Pfad und unsere Praxis auf eine klare und verständliche Weise darzulegen, so dass sie für Menschen gleich welchen Grades an Erfahrung mit Genesung und Buddhismus von Nutzen sein können. Es beschreibt die traditionellen buddhistischen Lehren, um zu zeigen, woher unser Programm kommt. Es stellt die Essenz der grundlegenden Lehren des Buddhismus – die vier edlen Wahrheiten – auf eine Art und Weise vor, die zeigt, wie das Praktizieren des achtfachen Pfades ein pragmatischer Werkzeugkasten für den Umgang mit den Herausforderungen der anfänglichen sowie der langfristigen Genesung darstellt.

Unser Programm basiert auf Entsagung. Unabhängig von der Art der Sucht, mit der wir uns identifizieren, verpflichten sich alle unsere Mitglieder zu einer grundlegenden Abstinenz von Substanzen oder dem süchtigen Verhalten. Für diejenigen unter uns, deren Süchte mit Dingen wie Essen und Technologie zu tun haben, von denen eine vollständige Abstinenz nicht möglich ist, bedeutet Entsagung eher etwas, das auf bewussten Grenzen und Absichten in ihrem Verhalten basiert. Für einige von uns kann die Abstinenz von Dingen wie zwanghaftem Sexualverhalten oder zwanghafter Suche nach Liebe und Beziehungen notwendig sein, während wir daran arbeiten, sinnvolle Grenzen zu finden und zu verstehen.

Viele von uns haben die Erfahrung gemacht, dass nach einer Zeit des Verzichts auf unsere primäre Sucht andere schädliche Verhaltensweisen und Abhängigkeiten in unserem Leben auftauchen. Doch anstatt uns entmutigen zu lassen, haben wir festgestellt, dass wir auch diesen Verhaltensweisen mit Mitgefühl und geduldiger Untersuchung begegnen können. Wir glauben, dass Genesung ein lebenslanger, ganzheitlicher Prozess ist, bei dem wir Schichten von Gewohnheiten und konditionierten Verhaltensweisen abtragen, um unser eigenes, manchmal verborgenes Potenzial für das Erwachen zu finden.

Unser Programm wird von anderen Betroffenen geleitet; wir folgen keinen Lehrer*innen. Wir unterstützen uns gegenseitig als Partner*innen, die den Pfad der Genesung gemeinsam beschreiten. Dieses Programm basiert nicht auf Dogmen oder Religionen, sondern darauf, die Wahrheit für sich selbst zu finden. Diese Weisheit hat sich für uns bewährt, ist jedoch nicht der einzige Pfad. Er ist kombinierbar mit anderen spirituellen Pfaden und Genesungsprogrammen. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass wahre Genesung nur mit radikaler Ehrlichkeit, Verständnis, Gewahrsein und Integrität möglich ist, und wir vertrauen darauf, dass Du Deinen eigenen Pfad findest. Wir glauben, dass dieses Programm Dir genau dabei helfen kann.

Unser Programm verlangt von uns, dass wir nie aufhören, zu wachsen. Es fordert uns auf, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für unsere eigene Genesung zu übernehmen. Es basiert auf Güte, Großzügigkeit, Versöhnlichkeit und tiefem Mitgefühl. Wir glauben nicht an Scham und Angst als Motivation. Wir wissen, dass diese in unserer eigenen Vergangenheit oft zu Entmutigung und Rückfällen geführt und dadurch noch mehr Leiden verursacht haben.

Der Mut, den es braucht, um von der Sucht zu genesen, ist letztlich der Mut des Herzens; und wir wollen uns gegenseitig unterstützen, wenn wir uns dieser tapferen Arbeit widmen. Viele von uns haben ihr ganzes Leben damit verbracht, sich selbst zu verurteilen. In diesem Programm verzichten wir auf Gewalt und Verletzungen – insbesondere auf jene, die wir uns selbst antun. Wir glauben an die heilende Kraft der Vergebung. Wir vertrauen auf unser eigenes Potenzial, zu erwachen und wieder gesund zu werden, auf die vier edlen Wahrheiten des Buddha und auf die Menschen, denen wir in den Meetings und auf unserem Pfad der Genesung begegnen und mit denen wir verbunden sind.

Die Wahrheit ist, dass wir den Umständen und Bedingungen der menschlichen Existenz nie endgültig entkommen können. Wir haben es versucht – mit legalen und illegalen Drogen, mit Sex und Co-Abhängigkeit, mit Glücksspiel und Technologie, mit Arbeit und Shopping, mit Essen oder dem Verzicht auf Essen, mit Besessenheit und den vergeblichen Versuchen, unsere Erfahrungen und Gefühle zu kontrollieren – und wir sind hier, weil wir erkannt haben, dass es nicht funktioniert.

Dies ist ein Programm, das uns auffordert, zu erkennen und zu akzeptieren, dass ein gewisses Ausmaß an Schmerz und Enttäuschung immer gegenwärtig sein wird. Ein Programm, mit dem wir untersuchen können, wie wir in der Vergangenheit mit diesem Schmerz umgegangen sind. Wir wollen eine neue Sichtweise darauf entwickeln, geprägt von Verständnis, Mitgefühl und Güte gegenüber unserem eigenen Schmerz, dem Schmerz anderer und dem Schmerz, den wir anderen durch unsere Unwissenheit und Verwirrung zugefügt haben. Diese Akzeptanz ist es, die uns von dem Leiden befreit, das unseren Schmerz so unerträglich gemacht hat.

Dieses Buch ist die Einführung in einen Pfad, der Befreiung und Freiheit vom Kreislauf des Leidens bringen kann, den die Sucht verursacht. Die Absicht und Hoffnung ist, dass jeder Mensch auf diesem Pfad befähigt wird, ihn zu seinem eigenen zu machen.

Mögest Du glücklich sein.

Mögest Du Dich wohlfühlen.

Mögest Du frei von Leiden sein.

Der Anfang

Wie können wir also den Buddhismus für unsere Genesung nutzen? Es gibt drei Möglichkeiten, unsere Energien zu lenken. Diese finden nicht Schritt für Schritt statt, sondern auf ganzheitliche Weise, sowie unsere Einsicht und unser Bewusstsein wachsen.

Wir lernen die vier edlen Wahrheiten zu verstehen und nutzen sie als Leitfaden für unseren eigenen Pfad der Genesung. Dieses Programm verlangt nicht von uns, an etwas anderes zu glauben als an unser eigenes Potenzial, zu erwachen. Wir müssen uns nur erlauben, daran zu glauben, dass es möglich ist — oder sogar nur, dass es möglich sein könnte. Wir beginnen daran zu glauben, dass unsere Bemühungen eine Veränderung bewirken werden. So erwächst unsere Erkenntnis, dass es einen Weg zur Genesung gibt, worauf schließlich die Entscheidung folgt, diesen Prozess zu beginnen.

Sobald wir die vier edlen Wahrheiten – einschließlich des achtfachen Pfades, der zum Ende des durch die Sucht verursachten Leidens führt – kennengelernt haben, setzen wir diese Prinzipien praktisch in unserem Leben um. Dieses Buch enthält eine Einführung in diese Wahrheiten und es gibt viele Möglichkeiten, sie zu vertiefen. Der achtfache Pfad ist ein Leitfaden für ein Leben mit der größtmöglichen Vermeidung von Schaden. Er ist nicht nur eine Philosophie, sondern ein konkreter Handlungsplan.

Meditation ist ein wesentlicher Bestandteil des Programms. Dieses Buch enthält einige grundlegende Anleitungen, so dass Du sofort damit beginnen kannst. Die meisten von uns haben es als sehr hilfreich empfunden, an Meetings teilzunehmen und dort die Möglichkeit zu haben, mit anderen zu meditieren.

Einer der Schlüssel zu diesem Programm ist es, eine regelmäßige Meditationspraxis (innerhalb und außerhalb der Meetings) zu etablieren. Dies hilft uns, unseren eigenen Geist, unsere Reaktivität2 und unser Verhalten zu erforschen. Wir befassen uns eingehend mit dem Wesen und den Ursachen unseres Leidens, damit wir einen Weg zur Freiheit finden können, der auf wahrhaftiger Selbsterkenntnis beruht.

Die folgenden Kapitel befassen sich mit diesen drei Aspekten des Programms, die nach unserer Erfahrung zur Genesung führen, den sog. drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha als Mittel zur Entwicklung von Weisheit, rechtem Verhalten und spiritueller Praxis. Wir hoffen, dass Menschen und Gruppen dieses Buch in einer Weise nutzen, die ihrem eigenen Genesungsprozess dienlich ist. In diesem Sinne bieten wir einige Vorschläge an. Du bist eingeladen, das zu nehmen, was für Dich funktioniert, und den Rest beiseite zu lassen.

Am Ende eines jeden Abschnitts findest Du eine Reihe von Fragen. Diese Fragen können als Teil eines formalen Prozesses der Bestandsaufnahme mit einer Mentor*in, einer weisen Freund*in oder einer Gruppe verwendet werden; als Hilfsmittel, um eine bestimmte Lebenssituation genauer zu erforschen; als Leitfaden für eine tägliche Praxis der Selbstuntersuchung; oder auch als Gesprächsthema bei den Meetings.

Weise Freund*innen oder Mentor*innen können eine große Hilfe bei der Vertiefung Deines Verständnisses sein, und wir ermutigen Dich, auf Menschen zuzugehen, denen Du bei Meetings begegnest. Unterstützende Freundschaften sind ein wesentlicher Bestandteil der Praxis. Diese Fragen können Scham, Schuldgefühle oder Traurigkeit hervorrufen oder bei manchen Menschen sogar ein Trauma auslösen. Es kann von Vorteil sein, sich im Vorfeld Rückhalt zu schaffen, z.B. nur eine Frage auf einmal zu beantworten und es so einzurichten, dass man danach die Möglichkeit hat, gut für sich selbst zu sorgen. Das Ziel dieser Fragen ist es, unsere Praxis zu vertiefen, damit wir schneller Linderung erfahren können – und nicht, uns noch mehr Leid zuzufügen.

Unser Pfad ist keine Checkliste, sondern vielmehr eine Praxis, in der wir selbst wählen, wo und wie wir unsere Energie auf eine Weise investieren, die sowohl weise als auch mitfühlend gegenüber uns selbst und anderen ist. Ob wir ans Ziel unserer Reise kommen ist nicht abhängig davon, wie viel wir meditieren, an wie vielen Meetings wir teilnehmen oder wie viele schriftliche Bestandsaufnahmen wir gemacht haben.

Die Praxis des achtfachen Pfades hilft uns, Einsicht und Mitgefühl für uns selbst zu entwickeln, indem wir beginnen, die Ursachen und Bedingungen zu untersuchen, die zu unserem eigenen Sucht-Leiden geführt haben. Die Werkzeuge werden mit der Zeit Gebrauchs- und Verschleißspuren aufweisen. Dieser Pfad hat auch kein Ende. Dein Leben, wie auch das unsere, wird Dich höchstwahrscheinlich weiterhin vor Herausforderungen stellen. Was der Pfad jedoch zu bieten hat, ist sowohl ein Ausweg aus dem Leiden, das unsere gewohnheitsmäßigen Reaktionen auf Herausforderungen oft mit sich gebracht haben, als auch ein Wegfallen der Illusion, all diesem durch Substanzen oder schädlichen Verhaltensweisen zu entkommen. Es ist ein Weg, unsere Ketten mit unseren eigenen Händen zu brechen. Es ist ein Pfad zur Freiheit.

2 Unter Reaktivität wird hier die Eigenschaft des impulshaften Reagierens verstanden, statt acht- und heilsam auf etwas zu antworten.

2

Die Praxis

Entsagung: Unter Sucht verstehen wir das überwältigende Verlangen nach und den zwanghaften Gebrauch von Substanzen oder Verhaltensweisen, um der gegenwärtigen Realität zu entkommen – indem man sich entweder an Vergnügen festklammert oder vor Schmerz davonläuft. Wir verpflichten uns, die Abstinenz von Alkohol und anderen Suchtmitteln anzustreben. Diejenigen von uns mit nichtstofflichen Süchten (insbesondere diejenigen, bei denen eine vollständige Abstinenz nicht möglich ist), verpflichten sich, weise Grenzen für ihr schädliches Verhalten zu ziehen, vorzugsweise mit Hilfe einer Mentor*in oder einer therapeutischen Fachkraft.

Meditation: Wir beabsichtigen und verpflichten uns, eine tägliche Meditationspraxis zu entwickeln. Wir nutzen Meditation als Werkzeug, um unsere Handlungen, Absichten und Reaktivität zu untersuchen. Meditation ist eine persönliche Praxis; wir verpflichten uns, uns ausgewogen um diese und andere heilsame, für unsere Reise angemessene Praktiken zu bemühen.

Meetings: Wann immer es uns möglich ist, nehmen wir an Meetings teil, persönlich und/oder online. Einige möchten vielleicht auch an anderen Genesungsgruppen oder buddhistischen Gemeinschaften teilnehmen. Es wird empfohlen, in der frühen Phase der Genesung so oft wie möglich an solchen Meetings teilzunehmen. Für viele bedeutet das vielleicht sogar jeden Tag. Wir verpflichten uns auch, ein aktiver Teil dieser Gemeinschaft zu werden und unsere eigenen Erfahrungen zu teilen und Hilfe anzubieten, wo immer es möglich ist.

Der Pfad: Wir verpflichten uns, unser Verständnis der vier edlen Wahrheiten zu vertiefen und den achtfachen Pfad in unserem täglichen Leben zu praktizieren.

Bestandsaufnahme und Untersuchung: Indem wir ausführliche, detaillierte Bestandsaufnahmen vornehmen und mit anderen teilen, erforschen wir, wie wir die vier edlen Wahrheiten in Bezug auf unser Suchtverhalten anwenden können. Daran kann unter der Anleitung einer Mentor*in, mit einer vertrauenswürdigen Freund*in oder in einer Gruppe gearbeitet werden. Sowie wir unsere (schriftlichen) Bestandsaufnahmen durchführen, verpflichten wir uns, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen. Dies schließt auch die Wiedergutmachung für den Schaden mit ein, den wir in der Vergangenheit verursacht haben.

Sangha, weise Freund*innen, Mentor*innen: Wir pflegen Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft, um sowohl unsere eigene, als auch die Genesung von anderen zu unterstützen. Nachdem wir die Arbeit an unseren Bestandsaufnahmen abgeschlossen, eine Meditationspraxis aufgebaut und Abstinenz von unserem Suchtverhalten erreicht haben, können wir Mentor*innen werden, um anderen auf ihrem Weg zur Freiheit von der Sucht zu helfen. Jeder, der bereits eine gewisse Zeit der Abstinenz und Praxis hinter sich hat, kann anderen in seiner Sangha dienen. Wenn keine Mentor*innen zur Verfügung stehen, kann eine Gruppe von weisen Freund*innen der Selbsterforschung dienen und sich gegenseitig in der Praxis unterstützen.

Wachstum: Wir setzen unsere Studien der buddhistischen Praktiken fort, indem wir lesen, Dharma-Vorträge hören, Genesungs- und spirituelle Sanghas besuchen sowie dort Mitglied werden und an Meditations- oder Dharma-Retreats teilnehmen – sofern wir glauben, dass diese Praktiken zu unserem Verständnis und unserer Weisheit beitragen. Wir begeben uns auf eine lebenslange Reise des Wachstums und des Erwachens.

3

Erwachen: Buddha

Die meisten von uns begeben sich mit einem Ziel vor Augen auf den Weg der Genesung: das Leiden zu beenden, das uns überhaupt erst hierher gebracht hat – unabhängig davon, ob es sich dabei um legale oder illegale Drogen, Diebstahl, Essen, Glücksspiel, Sex, Co-Abhängigkeit, Technologie oder andere nichtstoffliche Abhängigkeiten handelt. Als Newcomer wären die meisten von uns schon mit einfacher Schadensbegrenzung zufrieden. Wir wollen aufhören, uns selbst und anderen auf bestimmte Weise zu schaden.

Du liest in diesem Augenblick diese Zeilen, weil Du genug Weisheit besaßt, um nach einem Ende des Leidens von Deiner Sucht zu suchen. Du hast bereits den ersten Schritt auf dem Weg zu Deinem eigenen Erwachen getan. Jeder Mensch, der die rechte Absicht gefasst hat, wieder zu genesen – egal wo er sich auf seinem Weg befindet – hat Zugang zu diesem reinen, weisen Teil von sich selbst, dem die Trümmer der Sucht niemals etwas anhaben können.

So viele von uns haben ein Herz, das durch das erlebte Leiden wund und rau geworden ist. Viele von uns haben Schichten von Traumata angesammelt, die uns oft dazu gebracht haben, vorübergehende Erleichterung in unserem Suchtverhalten zu suchen. Jedoch haben wir durch unsere Sucht nur noch mehr Zermürbung und Scham hinzugefügt, die sich um unser Herz gelegt haben. Hinzu kommen noch die Schichten, die wir zu unserem Schutz aufgebaut haben: