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Wie können Fachpersonen Menschen mit psychischen Erkrankungen Zuversicht vermitteln? Die aktualisierte Neuausgabe zeigt praxisnah, wie eine tragfähige, positive Grundstimmung entsteht: mit Fallbeispielen, konkreten Übungen zur Selbstreflexion, Links zu Videos des Autors und prägnanten »Merke«-Sätzen. Der Band versteht Recovery als Prozess: Haltungen prüfen, Routinen hinterfragen, Verhalten anpassen. Auf dem Prüfstand stehen nicht nur unsere Bilder von »psychischer Krankheit«, sondern auch der Blick auf einzelne Klient*innen – und auf die eigene Arbeitsweise. Wie gelingen empowernde Begegnungen? Wie bleibe ich in einer therapeutischen Grundhaltung – klar, zugewandt, hoffnungsstark? Leitfragen im Text laden dazu ein: Woran erkenne ich Fortschritt? Wo begrenzen Vorannahmen mein Zutrauen? So wird Nutzerorientierung alltagstauglich – und Genesung wahrscheinlicher.
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Seitenzahl: 177
Veröffentlichungsjahr: 2026
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PraxisWissen
Andreas Knuf
Recovery und Empowerment
Andreas Knuf, Diplom-Psychologe und psychologischer Psychotherapeut, langjährige Tätigkeit in der stationären und ambulanten psychiatrischen Versorgung, arbeitet in eigener Praxis und in der Fortbildung. Zahlreiche Veröffentlichungen. Er ist Mitgründer der Online-Akademie MINDEMY (www.mindemy.de), auf der die im Buch erwähnten Onlinekurse zu Recovery erhältlich sind (siehe im laufenden Text und im Anhang).
Inhalt
Empowerment, Recovery und die eigene Arbeitszufriedenheit – Einleitung 7
Was ist »Empowerment« und was »Recovery«? 11
Wie werden Menschen wieder gesund? 16
Was ist Gesundheit und was Krankheit? 16
Wie verlaufen Genesungswege? 17
Hoffnung und Zuversicht 21
Ressourcenorientiert arbeiten 26
Warum arbeiten wir überhaupt defizitorientiert? 29
Was sind Ressourcen? 32
Ein ressourcenorientiertes Klima schaffen 34
Ressourcenorientiertes Fragen 35
Ressourcenorientierung als Haltungsfrage 39
Selbstbestimmung fördern und ermöglichen 42
Selbstbestimmung ist ein Recht, aber keine Pflicht 43
Selbstbestimmung will gelernt sein 45
Umgang mit Klientenentscheidungen 50
Ambivalente Entscheidungen 54
Verletzung des Selbstbestimmungsrechts 58
Schriftliche Absprachen und Willensbekundungen 61
Zauberwort »Shared Decision-Making« 64
Empowerment bzw. Recovery und Psychopharmaka 68
Psychopharmaka und Selbsthilfe 69
Information zu mehr Selbstbestimmung 73
Förderung von Eigenaktivität 79
Selbstwirksamkeitsgefühl 81
Grundrecht auf »minimale Aktivität« 82
Grundhaltung: passive Aktivität 85
Professionelle Hindernisse für Eigenaktivität 87
Gründe für Passivität 92
Individuelle Selbsthilfe und Selbsthilfe in Gruppen 98
Den individuellen Selbsthilfemöglichkeiten auf der Spur 99
Viele Selbsthilfemöglichkeiten sind störungsspezifisch 100
Selbsthilfe in Gruppen 106
Informationen vermitteln 110
Grundprinzipien von Aufklärung und Informationsvermittlung 112
Damit Informationen ankommen 114
Psychoedukative Gruppen 115
Wissen über Genesung 119
Selbststigmatisierung überwinden 121
Was ist Selbststigmatisierung? 121
Professionelle Strategien gegen Selbststigmatisierung 124
Stigmatisierung in psychiatrischen Institutionen 127
Das Annehmen der eigenen Person und der Erkrankung 130
Was bedeutet Akzeptanz? 130
Krankheitsfolgen annehmen 132
Mitarbeit von Betroffenen in Einrichtungen und Gremien 138
Partizipation von Betroffenen in Gremien 140
Beschwerdestellen und Patientenfürsprecher 145
Mut zur Fehlerkultur 146
Schluss und Ausblick: Neue Rollenidentität der professionell Tätigen 148
Ausgewählte Literatur 151
Internetadressen und Onlinematerialien 157
Empowerment, Recovery und die eigene Arbeitszufriedenheit – Einleitung
Frau G. lebt schon seit fünf Jahren in einem Wohnheim und soll täglich in die Werkstatt gehen. Sie sagt selbst, dass ihr das eigentlich guttut, aber sobald es in der Werkstatt nur die kleinste Veränderung gibt, gerät sie unter massiven Stress und lässt sich gleich mal für drei Wochen krankschreiben. Früher hat sie öfter Besuche im Ort gemacht und hatte ein Stammcafé, in dem sie am Wochenende viel Zeit verbracht hatte, aber auch da geht sie nun nicht mehr hin. Selbst im Wohnheim zieht sie sich mehr und mehr zurück, nimmt teilweise nur noch widerwillig an Hausversammlungen teil und erscheint öfter auch nicht mehr zu den Mahlzeiten. Eine Medikamentenumstellung hat keine Veränderung ihres Verhaltens bewirkt. Die Mitarbeitenden sind zunehmend frustriert und reagieren zuweilen schon ärgerlich auf Frau G.
Herr H. kommt regelmäßig alle vier bis fünf Wochen zu einem Gespräch in den Sozialpsychiatrischen Dienst. Die Gespräche laufen immer gleich ab: Herr H. beklagt sich über Gott und die Welt, vor allem über seine Ex-Frau, die ihn vor nun schon fast zwanzig Jahren verlassen hat, und über seine Kinder, die ihn so selten besuchen würden. Die Mitarbeiterin ist ratlos, denn sie hört ihm schon einige Jahre zu, ohne dass es irgendeine Veränderung gegeben hätte. Sie erlebt Herrn H. ganz rückwärtsgewandt, denn anstatt in seinem Alltag etwas zu verändern, schimpft er lieber. Neulich hat sie ihn gefragt, ob er denn nicht einfach traurig darüber sei, dass seine Beziehung in die Brüche gegangen und er nun so viel allein sei. Ganz kurz bemerkte sie dann einen feuchten Film auf seinen Augen, doch schon ging das Geschimpfe wieder los. »Wie schade«, denkt die Mitarbeiterin und sehnt das Ende des Gesprächs herbei.
Recovery- und empowermentorientiert zu arbeiten, ist eine große Herausforderung für alle psychiatrisch Tätigen. Es klingt auf den ersten Blick ganz einfach und fachlich so selbstverständlich, »ressourcenorientiert« zu arbeiten, Selbstbestimmung zu fördern oder Hoffnung zu stiften – in der alltäglichen Begegnung mit den Klientinnen und Klienten ist all das manchmal verdammt schwierig. Es erfordert eine engagierte Arbeit und ein hohes Maß an Selbstreflexion, denn der Sog in Richtung Defizitorientierung und Fremdbestimmung bis hin zur Resignation auch aufseiten der Helfenden ist enorm.
Und doch: Es ist lohnenswert, diese Herausforderungen anzunehmen. Plötzlich stellt sich auch bei uns selbst ein ganz neues Gefühl in der Arbeit ein. Und eigentlich haben wir doch auch gar keine andere Wahl, denn die in diesem Buch beschriebenen hilfreichen Einflussfaktoren wie die Förderung von Selbsthilfe und Selbstbestimmung, Ressourcenaktivierung, Vermittlung von Hoffnung und partnerschaftliche Beziehungsgestaltung sind nach allem, was wir heute wissen, dringend erforderlich, um Klienten zu einem zufriedeneren Leben zu verhelfen – und das wollen wir doch erreichen.
In manchem hat sich die psychiatrische Arbeit in den letzten Jahrzehnten deutlich weiterentwickelt. Recovery und Empowerment sind heute Ausrichtungen, die eigentlich alle psychiatrischen Institutionen für sich beanspruchen und an denen sie sich zu orientieren versuchen. Vieles, was vor Jahrzehnten noch undenkbar erschien, ist heute selbstverständlich. Dieses Buch hat eine gründliche Überarbeitung erfahren, weil sich die psychiatrische Versorgung in den letzten Jahren mehr und mehr in Richtung Recoveryorientierung entwickelt hat: Peerbegleiter arbeiten zunehmend in psychiatrischen Einrichtungen mit, Zwangsmaßnahmen werden deutlich kritischer gesehen als noch vor Jahrzehnten, die mit Medikamenten verbundenen Risiken werden nicht länger totgeschwiegen, an rein medizinische Erklärungen psychischer Erkrankungen glaubt heute kein Mensch mehr. Dennoch gibt es weiterhin viele strukturelle Bedingungen, die eine empowerment- und recoveryorientierte Haltung und Arbeitsweise erschweren. Beispiele dafür sind etwa der Zwang zum Defizitblick und zur Pathologisierung, den Geldgeber ausüben, da andernfalls eine Kostenübernahme gefährdet ist, oder die zunehmende Bürokratisierung und Dokumentationspflicht, die für echte Beziehungsarbeit immer weniger Raum lässt. Auch äußere Einflussfaktoren wie der zunehmende Personalmangel erschweren eine Recoveryorientierung, denn diese braucht Zeit. Doch zugleich wird dadurch ein zunehmender Einbezug von Peers deutlich erleichtert. Ebenso erleichtern gesellschaftliche Veränderungen eine zunehmende Recoveryorientierung. Selbstbestimmung ist schon seit Langem ein hohes Gut in unserer Kultur. Dies hat sich in den letzten Jahren fortgesetzt und ermöglicht Betroffenen mehr Mitsprache bei der Behandlung und Hilfeplanung. Dazu gehören auch gesetzliche Veränderungen wie in Deutschland die Einführung des Bundesteilhabegesetzes (BTHG). Der zunehmende Abbau gesellschaftlicher Stigmatisierung erleichtert Betroffenen ihren Recoveryprozess deutlich. Doch hier lauern auch Risiken, denn es kann tatsächlich ein Zuviel an Selbstbestimmung geben, das Betroffenen sogar schaden könnte.
Dieses Buch basiert auf Arbeitsmaterialien, die ich gemeinsam mit Betroffenen und anderen Fachpersonen in den letzten rund fünfundzwanzig Jahren entwickelt habe und die in Fortbildungen, Supervisionen und Teamentwicklungen genutzt werden. In diesen Veranstaltungen habe ich immer wieder gesehen, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter psychiatrischer Institutionen bereit sind, ernst zu machen mit der Empowerment- und Recoveryförderung. Sie hinterfragen kritisch ihre berufliche Rolle und ihren Arbeitsalltag, erproben neue Methoden und sind offen dafür, den Betroffenen mit ihren Anregungen und mit ihrer Kritik zuzuhören.
Wer sich auf den Weg macht, sein fachliches Handeln stärker an Konzepten von Empowerment und Recovery auszurichten, wird die Erfahrung machen, dass sich die Beziehung zu Klient*innen vertieft und es mehr Miteinander gibt. Das gilt auch und vielleicht sogar gerade für jene Klientinnen und Klienten, die wie die erwähnten Frau G. und Herr H. nur schwer zu erreichen sind und selbst zunächst kein Interesse an Empowerment und Recovery zu haben scheinen. Dabei ermutigen die in diesem Buch beschriebenen Ansätze zu einer veränderten Beziehungsgestaltung und auch zu einer neuen Gelassenheit, denn vielfach brauchen wir Helfenden uns gar nicht so anzustrengen, wie wir es tun, manchmal geht es sogar eher um ein Loslassen und um ein Abgeben von Kontrolle. Wer dies in seiner psychiatrischen Tätigkeit erfährt, erreicht nicht zuletzt auch ein ganz neues Maß an eigener Arbeitszufriedenheit. Damit führt die Recoveryorientierung sogar zum Empowerment der psychiatrisch Tätigen selbst.
Andreas Knuf
Was ist »Empowerment« und was »Recovery«?
Der Begriff »Empowerment«, der sich mit »Selbstbefähigung« oder »Selbstbemächtigung« übersetzen lässt, entstammt den amerikanischen Emanzipationsbewegungen, etwa der Black-Power-Bewegung. Gesellschaftlich unterlegene Gruppen waren nicht länger bereit, die ihnen widerfahrene Diskriminierung zu akzeptieren. Sie erarbeiteten sich ein neues Selbstbewusstsein, schlossen sich zusammen und lehnten sich auf gegen die erlebte Unterdrückung. Empowerment meint also die Zurückgewinnung von Stärke und den Einfluss betroffener Menschen auf ihr eigenes Leben und ihre Emanzipation. Wie kann es einem psychiatrieerfahrenen Menschen gelingen, wieder mehr Einfluss auf sein Leben zu gewinnen, Gefühle von Machtlosigkeit zu überwinden und seine Erkrankung zu bewältigen? Zum Empowerment gehören Elemente wie Selbstbestimmung, Selbsthilfe und gesellschaftliche Teilhabe.
Während das eigentliche Empowerment nur von den Betroffenen selbst vollbracht werden kann, kommt den professionell Tätigen die Aufgabe zu, Empowermentprozesse zu fördern und durch das Beseitigen von Hindernissen überhaupt erst zu ermöglichen. Beispielsweise geht es um die wirkliche Bereitschaft, Behandlungsangebote nach den Anliegen der Nutzerinnen und Nutzer zu gestalten, Macht zu teilen oder »ungewöhnliche« Lebensweisen weitestgehend zu würdigen. Mit dieser Empowermentunterstützung beschäftigt sich das vorliegende Buch.
In den letzten Jahren wurde der Begriff »Empowerment« fast inflationär gebraucht, zumeist ohne dass der emanzipatorische Aspekt noch enthalten wäre. Es gibt heute kaum eine psychiatrische Institution, die ihn nicht in ihr Leitbild aufgenommen hätte. Leider hat sich mit der häufigeren Verwendung des Begriffs aber nicht zwangsläufig auch die psychiatrische Arbeit »empowermentorientierter« gestaltet. Um Empowerment nicht zu einer Worthülse, einem »modischen Fortschrittsetikett«, wie es Norbert Herriger einmal formuliert hat, verkommen zu lassen, muss der damit verbundene Inhalt möglichst konkret und alltagsnah vermittelt werden.
Viele der in den letzten Jahren entwickelten Formen der Empowermentförderung wenden sich in erster Linie an Betroffene, die von sich aus ein Interesse an der persönlichen Befähigung haben. Aufgabe professionell Tätiger ist es, diesen Menschen ein möglichst hohes Maß an Selbstbestimmung zu ermöglichen, sie beim Nutzen ihrer Selbsthilfemöglichkeiten zu begleiten und ihnen die von ihnen eingeforderte nutzerorientierte Behandlung anzubieten.
Aber auch einem zweiten Bereich darf sich Empowermentförderung nicht verschließen, und zwar jenen Menschen, die von sich aus zunächst nicht an vermehrter Eigenaktivität und Selbstbestimmung interessiert sind. Hier geht es darum, »empowermentermöglichend« zu arbeiten, ohne Empowerment zu verordnen. Das vorliegende Buch hat beide Betroffenengruppen vor Augen, hauptsächlich allerdings jene Menschen, die ihr eigenes Empowerment bisher kaum entfalten konnten, die sich vielleicht in einem Gefühl von Machtlosigkeit befinden und Fremdhilfe als eher passive Hilfeempfänger erwarten. Hier zeigt sich die eigentliche Herausforderung für die Empowermentförderung.
Der englischsprachige Begriff »Recovery« könnte mit »Genesung« oder »Wiedererlangung von Gesundheit« übersetzt werden, ein wirklich treffender deutschsprachiger Begriff ist noch nicht gefunden. Die ersten Vertreter des Recoveryansatzes waren Betroffene, die von professioneller Seite als »austherapiert« und »chronisch psychisch krank« bezeichnet wurden, die sich mit dieser negativen Prognose aber nicht abfanden und wider Erwarten gesundeten. Sie schlossen sich zusammen, um auf den ihrer Meinung nach demoralisierenden Pessimismus aufmerksam zu machen, den die Psychiatrie verbreitet, und nach Bedingungen zu suchen, die darüber entscheiden, ob es einem langzeitkranken Menschen gelingt, wieder ein zufriedenes Leben zu führen.
In sehr vielen Ländern der Welt ist die Recoveryidee zu einem zentralen Anliegen reformorientierter Fachpersonen sowie von Betroffenenvertretern geworden. Im deutschsprachigen Raum haben sich Trialog- und Recoverybewegung gegenseitig befruchtet, und auch hier ist das Recoverykonzept zu einem zentralen Anliegen nutzerorientierter psychiatrischer Behandlung geworden. Dabei handelt es sich nicht um ein einheitliches Konzept, sondern eher um eine Sammlung zentraler Haltungs- und Handlungselemente für eine sozialpsychiatrische Praxis.
Im Recoveryansatz wird die Genesung in den Mittelpunkt der psychiatrischen Arbeit gerückt, wobei Genesung nicht als Symptomfreiheit verstanden wird, sondern als ein Weg hin zu einem freudvolleren und zufriedeneren Leben. Recovery stellt einen Prozess der Auseinandersetzung der Betroffenen mit sich selbst und ihrer Erkrankung dar, der dazu führt, dass die Person trotz ihrer psychischen Probleme in der Lage ist, ein hoffnungsvolles und aktives Leben zu führen. Recovery ist mehr als »nur« die Bewältigung von Symptomen, auch bedeutet es nicht unbedingt vollständige »Heilung«, denn in den meisten Fällen besteht die Erkrankung bzw. Verletzlichkeit fort, der Betroffene führt aber trotzdem ein zufriedenes Leben. Es geht also meistens darum, den negativen Einfluss einer psychischen Erkrankung zu überwinden, obwohl sie weiterhin anhält. Recovery bedeutet die Veränderung einer Person durch die Erkrankung. Nicht: »Früher war ich gesund, zwischendurch war ich krank, jetzt bin ich wieder gesund und genauso wie früher.« Sondern: »Mit mir ist etwas passiert, ich bin nicht mehr derselbe wie vor der Erkrankung.«
Während die Behandlungsziele der klassischen Psychiatrie vor allem Symptomreduktion und Krisenprophylaxe beinhalten, zielt der Recoveryansatz verstärkt auf subjektive Variablen wie Zufriedenheit und Lebensqualität. Die Betroffenen möchten nicht nur ihre Symptome loswerden, sondern sie möchten ein zufriedenes Leben führen – wie jeder andere Mensch auch.
Einige der wichtigsten Unterschiede zwischen einer recovery- und empowermentorientierten Arbeitsweise und dem eher klassischen Ansatz psychiatrischer Arbeit finden sich in Abbildung 1.
Abbildung 1
Vergleich des Recoveryansatzes mit dem Konzept der klassischen Psychiatrie
Empowerment- / Recoveryansatz
Klassische Psychiatrie
Ziele
Ein zufriedenes, selbstbestimmtes und erfülltes Leben; Inklusion; Gesundung
Symptomreduktion, Rückfallprophylaxe, berufliche Wiedereingliederung
Perspektive
Zufriedenes Leben ist für alle Betroffenen möglich, manchmal gelingt auch eine völlige Gesundung
Keine »falschen Hoffnungen« machen; »vita minima« muss hingenommen werden; wer keine Symptome hat, kann froh sein
Hilfen
Alle Hilfen, die das Wohlbefinden, die individuelle Bewältigung der Erkrankung und die Auseinandersetzung damit fördern; Peersupport erhält hohe Bedeutung
Klassisches psychiatrisches Angebot; Fokus auf Medikation
Hoffnung, Zuversicht
Wird als Voraussetzung und wichtiger Entwicklungsschritt für Recovery verstanden; ihre Förderung ist Auftrag für die professionelle Arbeit
Bezieht sich vor allem auf die Wirkung der Medikamente und der übrigen Behandlung
Selbsthilfe
Selbsthilfe ist zentral für den Recoveryprozess, ohne Selbst-hilfe ist Recovery nicht möglich; Selbsthilfeförderung ist selbstverständliches Element jedes Behandlungsangebots
Selbsthilfe wird von professioneller Seite wenig unterstützt
Selbst-bestimmung
Ist zentral, um Motivation zu fördern und dem Klienten zu helfen, seinen eigenen Werten und Lebensvorstellungen zu folgen; Wahlmöglichkeiten erleichtern den Recoveryprozess
Psychisch kranke Menschen sind nur zu bedingter Selbstbestimmung in der Lage
Wie werden Menschen wieder gesund?
Was ist Gesundheit und was Krankheit?
Ein zentrales Element des Recoveryansatzes ist, dass er die gängigen Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit infrage stellt. Meistens gehen wir davon aus, dass es sich um Gegensätze handelt. Entweder bin ich gesund, dann kann ich nicht krank sein. Oder ich bin krank, dann kann ich nicht gesund sein. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Gegensatz von Gesundheit und Krankheit auf die Spitze getrieben, indem sie 1947 »Gesundheit« als »vollkommenes physisches, geistiges und soziales Wohlbefinden« definierte. Mit dieser Definition hat sie uns jedoch alle zu Kranken gemacht, denn wer kann einen solchen Zustand länger als wenige Stunden oder Tage aufrechterhalten? Mit einer solchen strengen Abgrenzung wird die Welt recht einfach und überschaubar: Es gibt die (kranken) Patienten und die (gesunden) Mitarbeiter und Angehörigen. Es gibt auch diejenigen, die es geschafft haben, zu genesen, und jene, die wohl ewig krank bleiben werden. Es gibt eben die hoffnungsvollen und die hoffnungslosen »Fälle«.
Eine solche Vorstellung von Gesundheit und Krankheit deckt sich nicht mit der Wirklichkeit und sie ist obendrein inhuman. Gerade diese dichotomisierte Wahrnehmung (gesund – krank, wertvoll – wertlos, früher – heute) wird im Recoveryansatz aufgehoben. Eine moderne Definition hilft uns weiter, um besser zu verstehen, was Gesundheit und Gesundung eigentlich bedeuten könnten. Sie stammt von »Sesam«, einem großen Schweizer Forschungsprojekt. Dort heißt es: »Gesundheit ist nicht ein Leben ohne psychische Probleme und Krankheiten, sondern vielmehr, dass Menschen damit möglichst gut umgehen und leben können.« Es ist eben »stinknormal«, sich nicht immer gut zu fühlen, sich manchmal im Bett verstecken zu wollen, am eigenen Wert zu zweifeln, sich mit Arbeit, Einkaufen, Alkohol oder Ähnlichem zu betäuben oder manchmal antriebslos zu sein. Jeder Mensch kennt die eine oder andere psychische Krise (die zur Krankheit werden kann).
Die Überwindung der Unterscheidung von »gesund« und »krank« ist ein zentraler Schritt zum Verständnis von Recovery. Sich davon zu lösen, fällt Fachleuten, Angehörigen und Betroffenen gleichermaßen schwer. Betroffene und Angehörige müssen sich von der häufigen Idealisierung »Früher, bevor ich krank war, war alles gut und genau so soll es wieder werden« lösen und Fachleute verlieren ohne die klare Unterscheidung unter anderem schnell ihre Orientierung, denn Gesundheit versus Krankheit ist die grundlegende Unterscheidung von »professionell Tätigem« versus »Klient« und von »Hilfebedürftigem« versus »Helfendem«. Ein Beitrag in dieselbe Richtung ist die Betonung der anthropologischen, zutiefst menschlichen Aspekte psychischer Erkrankungen im Rahmen des Trialogs – als Kontrapunkt zu einer rein psychopathologischen Betrachtung.
Wir sind nie nur krank oder nur gesund!
Wie verlaufen Genesungswege?
Fachleute in den USA haben in Zusammenarbeit mit einer großen Gruppe Betroffener ein Modell erarbeitet, das beschreibt, welche Schritte für einen Gesundungsprozess speziell bei langzeitkranken psychiatrieerfahrenen Menschen erforderlich sind (Ralph 2005):
Zunächst ist der betroffene Mensch nur in seinem Leiden gefangen. Er ist verzweifelt, fühlt sich hoffnungslos, leidet unter negativen Gedanken, ist oft sozial isoliert und erlebt sein Leben nicht mehr als sinnhaft. Diese erste Phase wird als »Verzweiflung« bezeichnet.Irgendwann kann es dazu kommen, dass dieser Mensch eine Ahnung davon bekommt, wie es auch anders sein könnte. Das Leiden wird bewusster als solches wahrgenommen, und es tauchen Zweifel daran auf, ob es ewig so bleiben muss (»Erwachen«).Anschließend wird aus dieser vagen Vorstellung eine konkretere und sicherere Überzeugung. Erste kleine Veränderungsschritte werden unternommen. Der Betroffene nimmt wieder mehr Kontakt zu anderen Menschen auf und seine Gedanken werden positiver und von Hoffnung geprägt (»Erkenntnis, dass Gesundung möglich ist«).Im Weiteren wird der betroffene Mensch zunehmend aktiver, sucht nach aufbauenden sozialen Kontakten und erprobt, wie er Einfluss auf seine psychischen Schwierigkeiten nehmen kann (»Umsetzung«).Später festigt sich die Zuversicht immer mehr. Die Überzeugung wächst, dass Gesundung nicht nur möglich ist, sondern nach und nach auch geschehen wird. Der Betroffene versteht, dass es auf seiner Seite eines großen Engagements bedarf, um seine Genesung weiter zu fördern (»Entschiedenes Engagement für die eigene Gesundung«).In der letzten Phase, die »Wohlbefinden und Empowerment« heißt, haben die Betroffenen ein sehr positives Selbstgefühl. Sie können auftretende weitere Krisen akzeptieren, fühlen sich ihnen aber nicht mehr ausgeliefert. Sie empfinden ihr Leben als sinnhaft und wählen Freundinnen und Freunde aus, die ihren Interessen entsprechen.In Diskussionen mit Betroffenen über dieses Modell habe ich immer wieder gehört, wie wichtig die Phase des Erwachens für den eigenen Gesundungsprozess ist. Manchmal wird sie als wirklicher Wendepunkt erlebt, manchmal vollzieht sie sich auch weniger wahrnehmbar. Doch wodurch dieses Erwachen gefördert und wodurch es behindert wird, darüber schweigt sich die psychiatrische Forschung bisher fast vollkommen aus.
Aus diesem Modell habe ich persönlich gelernt, dass sich ein Gesundungsweg zunächst nicht an einem veränderten Verhalten der betroffenen Person erkennen lässt. Anfangs ist eine Verhaltensänderung meistens viel zu angstauslösend und Betroffene halten lieber an gewohnten Mustern fest. Ein verändertes Verhalten zeigt sich erst im Laufe eines Gesundungsprozesses. Dieses Verständnis ist für Fachleute besonders wichtig, weil es hilft, die Hoffnung aufrechtzuerhalten, auch wenn von außen zunächst noch kein verändertes Verhalten zu erkennen ist.
Oft ereignen sich bei Klienten scheinbar plötzliche Wachstumsschritte, vom Umfeld wird dann nach einer zeitnahen Ursache für diese positive Veränderung gesucht. Dabei handelt es sich aber zumeist um den jetzt auch äußerlich sichtbar werdenden Ausdruck eines inneren Veränderungsprozesses, der bis dahin im Verborgenen ablief. Die Phase »Entschiedenes Engagement für die eigene Gesundung« ist die vielleicht herausforderndste Phase überhaupt. Der Betroffene erkennt nun, dass er die Genesung nicht »umsonst« bekommt, sondern selbst einen sehr großen Beitrag dazu leisten muss. Meistens muss er seinen Alltag und seinen Lebensentwurf verändern, um die mit der Erkrankung verbundenen Einschränkungen, Verluste etc. zu bewältigen. Er ist jetzt bereit, alles in seinen Möglichkeiten Stehende zu tun, um seine Einflussmöglichkeiten auf weitere Krisen zu nutzen und um sich psychische Stabilität zu erhalten. Was andere Menschen über ihn denken und ob er Erwartungen seiner Umgebung erfüllt oder auch nicht, all das muss erst einmal zurücktreten zugunsten der inneren Ausrichtung, dass die Vertiefung der Genesung für ihn das vielleicht Wichtigste im Leben überhaupt ist.
Hilfreiche Fragen für Fallarbeit und Supervision: Fähigkeiten entdecken!
Der Empowermentansatz geht davon aus, dass zahlreiche Fähigkeiten der Betroffenen von ihnen selbst und von professionell Tätigen nur unzureichend wahrgenommen und gewürdigt werden. Diese Fähigkeiten liegen nicht selten brach oder zeigen sich nur in Ausnahmesituationen.
Welche Fähigkeiten haben sich Betroffene durch ihr Leben mit der Erkrankung angeeignet?Welche Fähigkeiten müssen sie haben, ohne die ihnen die bisherigen Lebenserfolge und die Bewältigung der Erkrankung nicht gelungen wären?Über welche Fähigkeiten der Betroffenen war die Bezugsperson schon einmal verblüfft bzw. was war ihnen nicht zugetraut worden?Was können die Betroffenen, wofür sie von anderen bzw. vom professionell Tätigen bewundert werden?Welche Fantasien haben die professionell Tätigen über die unerwarteten Fähigkeiten der Betroffenen?Hoffnung und Zuversicht
Besonders hervorgehoben wird von vielen Betroffenen, wie wichtig Hoffnung und die Förderung von Hoffnung für den Gesundungsprozess ist. Jemand handelt erst dann, wenn er Hoffnung auf Veränderung sieht, andernfalls wird er passiv bleiben und sich in sein Schicksal fügen (Deegan 1996). Betroffene betonen, wie hilfreich für sie Menschen ihrer Umgebung waren, die an sie geglaubt haben, die die Hoffnung nicht verloren hatten und ihnen damit eine Art »stellvertretende Hoffnung« vermitteln konnten. Fachpersonen sollten sich darüber im Klaren sein, dass ihre Hoffnung etwas zählt. Wenn sie die Hoffnung auf Veränderung bei ihren Klient*innen aufgeben, dann ist vielleicht alle Hoffnung verloren.
Prognosen Wie aber sähe eine Haltung von vernünftigem Optimismus aus anstelle eines demoralisierenden Pessimismus? Sie wäre an der Realität ausgerichtet, vielleicht sogar ein kleines bisschen positiver als die Realität, eben offen für Möglichkeiten. Sie dürfte nicht unrealistisch positiv sein und würde nichts versprechen. Andernfalls entstünden eben doch »falsche« Hoffnungen, die wiederum demoralisierend wirken können, wenn sie sich als unerfüllbar erweisen. Auf keinen Fall aber sollte das Umfeld eine Position einnehmen, die negativer ist, als es die Realität nahelegt. So werden Mut und Hoffnung zerstört.
