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Ihre Heldenreise aus dem Trauma
Wer schreckliche Ereignisse erlebt hat, sucht oft vergeblich nach Wegen, das Trauma zu überwinden. Doch Ihre Heilung ist möglich, sie erfordert Mut und Sie gehen nie allein. Die Psychologin Gretchen Schmelzer zeigt Ihnen hier einen ganz neuen Ansatz der Traumatherapie: Wie auf einer mentalen Landkarte können Sie auf Ihrer Reise durch die fünf Heilungsphasen Ihre Genesung verfolgen.
Sie lernen, wo Sie Brücken bauen, welche Sackgassen Sie vermeiden können oder welche Stationen Sie noch mal besuchen sollten. Am Ende Ihres Weges finden Sie Liebe und Geborgenheit und können mit Mut und Selbstvertrauen allein weiter gehen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 413
Veröffentlichungsjahr: 2020
Gretchen Schmelzer
1. Auflage 2020
Dieses Buch ist als Unterstützung gedacht, es soll die Ratschläge und Empfehlungen eines Therapeuten oder Begleiters ergänzen und nicht ersetzen. Es sollte nicht als Alternative zu einer entsprechenden medizinischen und psychologischen Betreuung gesehen werden. Reise aus dem Trauma unterstützt eine professionelle Behandlung und knüpft an sie an. Sie sollten immer Ihren Therapeuten bezüglich Ihrer Gesundheit, Ihrer Symptome und Ihrer Diagnose um Rat fragen.
Die Namen der Personen in diesem Buch wurden aus Datenschutzgründen verändert. Manchmal wurden auch mehrere Fälle miteinander verknüpft. Die klinischen Beispiele in diesem Buch dienen zur Veranschaulichung der Thematik.
Dieses Buch ist insbesondere für Menschen geschrieben, die wiederholte Traumata (engl. repeated trauma) erlebt haben, Traumata, die über einen längeren Zeitraum, oft über mehrere Monate und Jahre hinweg, auftreten. Aber ich erhebe keinen Anspruch darauf, für Sie zu definieren, was Traumata sind, oder Ihren aktuellen Zustand zu diagnostizieren. Mein Ziel ist es, Ihnen dabei zu helfen, das Trauma, das Sie erlitten haben, zu verarbeiten, Schutzmechanismen aufzudecken, die Sie nicht mehr weiterbringen, und Ihnen einen Weg der persönlichen Entwicklung und des Wachstums aufzuzeigen. In meiner Arbeit habe ich viele Menschen kennengelernt, die sich nicht als »Trauma-Überlebende« bezeichnet hätten, denen die Techniken in diesem Buch aber geholfen haben. Sie haben eine schwere Krankheit oder den Verlust eines nahestehenden Menschen erlebt oder waren über lange Zeiträume hinweg Stress ausgesetzt. Wenn Sie sich als Trauma-Überlebender sehen und dieses Buch Ihnen hilft, dann ist das gut. Wenn Sie sich nicht als Trauma-Überlebender sehen und dieses Buch Ihnen dennoch hilft, dann ist das ebenso gut. Es ist nicht das Ziel dieses Buches, Sie in eine Schublade zu drängen oder Ihnen zu sagen, wie Sie verletzt worden sind. Das Ziel dieses Buches ist, Sie auf Ihrem Weg der Heilung zu unterstützen.
Liebe Leserin, lieber Leser,
es gibt so viele Dinge, die ich Ihnen gerne sagen möchte. Ich will Ihnen zeigen, dass es möglich ist, wieder gesund zu werden. Ich möchte, dass Sie verstehen, wie der Schmerz, wie das Leben mit einer traumatischen Erfahrung, wie das Überleben danach Sie geprägt haben. Ich möchte, dass Sie wissen, wie die Dinge, die Sie getan haben, um zu überleben, um sich selbst zu schützen, Ihr Leben gerettet haben. Aber ich möchte auch, dass Sie verstehen, wie diese Verhaltensmuster Sie vielleicht von einem Leben abhalten, das Sie führen könnten. Sie rauben Ihnen die Kraft, das zu tun, was Sie tun möchten, bzw. es so zu tun, wie Sie möchten. Sie rauben Ihnen die Beziehungen zu Menschen, die Ihnen wichtig sind und denen Sie wichtig sind. Und sie rauben Ihnen die Verbindung zu sich selbst, Ihre Liebe und Ihr Mitgefühl gegenüber sich selbst. Zu verstehen, wie sich das Trauma auf Sie ausgewirkt hat, hilft Ihnen zu begreifen, wie wichtig der Weg der Heilung für Sie ist und dass er sich lohnt.
Ich möchte, dass Sie wissen, dass Heilung möglich ist, egal wie lange Sie schon auf dieser Reise sind. Ich weiß, dass viele denken, dass das nicht stimmt. Ich weiß, dass Sie vielleicht glauben, dass es dafür schon zu spät ist. Aber es ist niemals zu spät. Egal wie alt oder jung Sie sind, Heilung ist möglich. Unser Gehirn ist formbar und entwickelt sich ein Leben lang. Diese Eigenschaft hilft uns einerseits, zu überleben, und andererseits, uns zu heilen. Das ist harte Arbeit und Sie werden Hilfe brauchen. Sie müssen geduldig sein und durchhalten. Sie werden traurig, wütend und frustriert sein. Aber Sie können es schaffen.
Ich möchte, dass Sie verstehen, wie ein Trauma funktioniert, welche Auswirkungen es auf Ihr Gehirn und Ihren Körper hat. Ich möchte, dass Sie verstehen, welch unglaubliche Arbeit unser Gehirn und unser Körper für unser Überleben leisten. Ich möchte, dass Sie verstehen, welche Mechanismen durch eine traumatische Erfahrung in Gang gesetzt werden. Dieses Wissen wird Ihnen auch dabei helfen, sich selbst zu verstehen, und Ihnen zeigen, was Sie auf dem Weg der Heilung erwartet. Wenn Sie verstehen, wie Menschen auf Traumata reagieren, dann sind Sie vielleicht weniger hart zu sich selbst, wenn Sie diese Mechanismen an sich selbst entdecken. Vielleicht denken Sie stattdessen: »Ja, genau das tue ich gerade.« Und dann können Sie sich fragen, was Sie stattdessen tun könnten. All das zu verstehen, hilft Ihnen dabei, zu wachsen, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und Neues auszuprobieren.
Ich möchte, dass Sie verstehen, dass all die Unruhe in Ihnen einen Sinn hat. Sie sind nicht verrückt. Das alles sind normale Reaktionen, wenn man eine traumatische Erfahrung gemacht hat. Das bedeutet nicht, dass das, was Sie fühlen, sich gut anfühlt oder dass Ihr Verhalten das Beste für Sie ist oder Sie in Ihren Beziehungen zu anderen Menschen unterstützt. Es bedeutet nur, dass Ihre Gefühle und Reaktionen im Kontext einer traumatischen Erfahrung logisch sind.
Ich möchte auch, dass Sie verstehen, dass nicht alle traumatischen Erfahrungen und ihre Auswirkungen gleich sind, auch wenn dies manchmal so wirkt. Wenn Sie im Internet nach posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) suchen, finden Sie eine Liste mit Symptomen und viele Behandlungsvorschläge. Aber jede traumatische Erfahrung ist anders, so wie auch jede körperliche Verletzung anders ist. Wenn Sie einen Autounfall hätten, käme niemand auf die Idee, Sie nach einem Einheitsverfahren zu behandeln. Ihre Behandlung hinge davon ab, wie das Auto Sie erwischt hätte: ob Sie sich einen Arm oder ein Bein gebrochen hätten, ob Sie eine Kopfverletzung hätten oder innere Blutungen? Mit einem psychischen Trauma ist es nicht anders. Es ist eine seelische Verletzung. Und jede Verletzung ist anders.
Und ich möchte vor allem, dass Sie verstehen, worum es bei »wiederholten Traumata« geht. Damit sind mehrere traumatische Erfahrungen gemeint. Es macht nämlich einen großen Unterschied, ob Sie ein einmaliges Trauma, wie beispielsweise einen Autounfall, oder wiederholte Traumata erleben. Wenn Sie einen Autounfall haben, reagieren Sie darauf. Dieser Autounfall kann verschiedenste Auswirkungen auf Sie haben. Der Körper reagiert sofort auf solche traumatischen Erfahrungen: Adrenalin wird ausgeschüttet, Ihr Körper macht Sie kampfbereit und handlungsfähig und schärft Ihre Wahrnehmung, damit Sie sich genau daran erinnern können, um sich in Zukunft vor solchen Situationen zu schützen.
Aber was wäre, wenn Sie jahrelang jeden Tag einen Autounfall gehabt hätten? Das klingt verrückt – jeden Tag ein Autounfall, und das über viele Jahre hinweg. Aber genauso ist es, wenn traumatische Erfahrungen sich immer wieder wiederholen, wie Kriegserfahrungen, Kindesmissbrauch, sexueller Missbrauch oder häusliche Gewalt. Sobald sich traumatische Erfahrungen wiederholen, reagieren wir anders darauf. Unsere Körperfunktionen sind auf Effizienz ausgelegt. Traumatische Erfahrungen verlangen uns viel Energie ab. Unser Gehirn und unser Körper geben uns zu verstehen, dass wir nicht ständig so viel Energie und Aufmerksamkeit aufwenden können. Wenn wir immer wieder traumatische Erfahrungen machen, läuft unser Körper nicht auf Hochtouren, sondern wir stumpfen ab. Wenn der Rauchmelder angeht, dann sehen Sie nach, was los ist. Wenn der Rauchmelder jeden Tag angeht, dann schalten Sie ihn vielleicht ab, weil er Ihnen auf die Nerven geht. Ähnlich verhält es sich beim Trauma, das Abstumpfen entspricht dem Abschalten des Rauchmelders. Diese Reaktion ist wichtig für das Weiterleben. Durch sie können Soldaten weiterkämpfen und missbrauchte Kinder weiterhin zur Schule gehen. Sie hilft uns dabei, traumatische Erfahrungen auszublenden, und schützt uns vor den extremen Gefühlen, die unser Gedächtnis, unsere Gesundheit und unsere Sicherheit gefährden. Dieses Abstumpfen ist ein automatisches Notfallsystem unseres Körpers, wenn sich ein Trauma wiederholt.
Es geht also nicht nur darum, was Ihnen passiert ist. Es geht auch darum, wie Sie es überlebt haben, wie Sie sich geschützt haben. Wir müssen die drei wichtigsten Aspekte wiederholter Traumata kennen, um zu verstehen, warum es so schwer ist, wieder gesund zu werden: Zuerst müssen wir wissen, was passiert ist. An welche Erfahrungen von Angst und Hilflosigkeit erinnern Sie sich? Dann müssen wir wissen, wie Sie überlebt haben. Welche Schutzmechanismen haben Sie entwickelt, um abzuschalten oder zu entkommen? Und zuletzt müssen wir wissen, was nicht passiert ist. Damit sind Möglichkeiten des Wachstums und der Entwicklung gemeint, die Sie verpasst haben: Hilfe, die Sie nicht bekommen haben, Unterhaltungen, die Sie nicht führen, und Fähigkeiten, die Sie nie erwerben konnten. Um wieder gesund zu werden, müssen Sie an allen drei Aspekten arbeiten.
Und ich möchte, dass Sie verstehen, dass niemand allein wieder gesund wird. Sie müssen sich Hilfe suchen, um zu genesen. Dieses Buch kann Ihnen dabei helfen, die Auswirkungen Ihrer traumatischen Erlebnisse zu verstehen: wie Sie sich davor geschützt haben und welche Möglichkeiten Sie verpasst haben. Es ist ein Ansatz dafür, die Auswirkungen dessen zu verstehen, was Ihnen zugestoßen ist, und zu verstehen, dass Sie möglicherweise nach wie vor in der Angst leben, dass das Trauma Sie immer noch treffen könnte, so als ob es jeden Moment wieder passieren könnte.
Dieses Buch ist kein Selbsthilfebuch, es ist eine Anleitung dafür, zu verstehen und Hilfe anzunehmen. Es bringt Ihnen nicht bei, wie Sie mit traumatischen Erfahrungen umgehen sollen, sondern zeigt Ihnen, was Sie bei einer Traumatherapie erwartet. Dieses Buch gibt Ihnen die Informationen, die Sie brauchen, um sich während der Behandlung gestärkt und sicher zu fühlen.
Traumata zu verstehen ist aber nicht genug, um wieder gesund zu werden. Sie müssen Hilfe zulassen und Ihrem Therapeuten vertrauen, um die traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Ein gebrochenes Bein kann nicht heilen, wenn man sich nicht auf Krücken verlässt, die einem helfen, die eigene Last zu tragen. Dasselbe gilt für Traumata. Vielleicht nehmen Sie die Hilfe eines Psychologen, Psychiaters, Therapeuten, Sozialarbeiters oder eines Geistlichen in Anspruch, vielleicht suchen Sie eine Selbsthilfegruppe auf. Aber eines sage ich Ihnen gleich zu Beginn: Sie werden Hilfe brauchen. Vermutlich sagen Sie sich, dass Sie das auch alleine schaffen können, aber in dieser Hinsicht müssen Sie mir vertrauen. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, Traumata aus eigener Kraft zu überwinden, dann hätte ich sie gefunden. Niemand hat so sehr wie ich nach einer Hintertür gesucht.
Das Problem ist nicht, dass Sie oder ich nicht autark genug sind. Oder willensstark, mutig, ausdauernd oder fleißig genug. Das Problem ist, dass Traumata meist in zwischenmenschlichen Beziehungen vorkommen. Ich spreche hier nicht von Naturkatastrophen wie Wirbelstürmen oder Überschwemmungen, von Autounfällen oder Krankheiten. Natürlich können all diese Erfahrungen traumatische Folgen haben. Ich spreche von zwischenmenschlichen Katastrophen. Menschen, die Gewalt und Terror gegen andere Menschen ausüben, durch Krieg, Kindesmissbrauch oder häusliche Gewalt. Die meisten psychischen Traumata sind wiederholte zwischenmenschliche Traumata.
Aus diesem Grund fällt es auch so schwer, sich Hilfe zu suchen. Sie haben Ihr Trauma durch einen anderen Menschen erlitten und müssen jetzt einem anderen Menschen vertrauen, um dieses Trauma zu überwinden. Das ist, als hätten Sie einen Flugzeugabsturz überlebt und Ihnen würde gesagt, der einzige Weg, Hilfe zu bekommen, sei, jede Woche im Flugzeug eine Therapiesitzung zu machen. Das klingt widersprüchlich. Aber Sie müssen verstehen, dass die Verhaltensmuster, die Sie angenommen haben, weil Sie immer wieder verletzt wurden, Ihnen jetzt im Wege stehen. Das ist eine ganz normale und zu erwartende Reaktion auf wiederholte Traumata. Das bedeutet nicht, dass mit Ihnen etwas nicht stimmt. Es bedeutet, dass Sie gute Arbeit beim Durchstehen geleistet haben. Aber jetzt müssen Sie versuchen, wieder gesund zu werden.
Und auch wenn Sie nicht allein gesund werden können und Hilfe brauchen, ist es immer noch Ihre Aufgabe, das Trauma zu überwinden. Sie können nichts dafür, dass Sie traumatische Erfahrungen gemacht haben, aber es liegt in Ihrer Verantwortung, das Trauma zu überwinden. Nur Sie können das tun. Niemand kann Ihnen diese Aufgabe abnehmen. Ein Therapeut oder eine Selbsthilfegruppe können Sie unterstützen, Ihre Familie und Ihre Freunde können Sie aufmuntern und Ihnen helfen, aber niemand kann Ihnen diese Aufgabe abnehmen. Das ist Ihre Reise. Nur Sie können das Trauma überwinden. Sie müssen Ihr Leben in die Hand nehmen. Es ist Ihre große Leistung, wieder gesund zu werden. Es ist ein Geschenk, das Sie sich selbst und anderen Menschen in Ihrem Leben machen.
Heilung bedeutet harte Arbeit und Sie werden sich vermutlich schlechter fühlen, bevor Sie sich wieder besser fühlen können. Wenn Sie Ihr Trauma überwinden, bedeutet das nicht, dass Sie danach immer glücklich sein werden. Menschen, die eine glückliche Kindheit hatten, sind auch nicht immer glücklich. Auch eine glückliche Kindheit ist nicht frei von Schwierigkeiten. Auch ein glückliches Kind kann einen Nervenzusammenbruch haben, wenn es gute Gründe dafür gibt. Eine glückliche Kindheit bedeutet nicht, dass man immer glücklich war. Es bedeutet, dass man in einem sicheren Umfeld aufwachsen durfte, das einem persönliches Wachstum und Entwicklung ermöglichte. Aber auch persönliches Wachstum kann schwierig sein. Und so bedeutet auch ein glückliches Erwachsenenleben, eines, in dem Sie Ihr Trauma überwunden haben, nicht, dass Sie nie traurig oder frustriert sein werden. Es bedeutet nicht, dass Ihr Trauma nie wieder etwas in Ihnen auslösen kann. Es bedeutet, dass Sie wieder ganz werden, dass Sie wieder ein eigenständiges Selbst werden, mit all den Freuden und Schwierigkeiten, die damit verbunden sind. Es bedeutet, dass Sie das Recht auf die guten und schlechten Zeiten Ihres Wachstums und Ihrer Entwicklung haben. Es bedeutet, dass Sie im Jetzt leben können und dabei eine Zukunft vor Augen haben. Es bedeutet, dass Sie nicht mehr nur überleben und ständig in Ihrer Vergangenheit leben, in der Sie sich ständig schützen müssen.
Ich schreibe über Traumata, weil ich fest davon überzeugt bin, dass man sie überwinden kann. Ich bin davon überzeugt, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Ich arbeite seit über zwanzig Jahren als Therapeutin. Ich habe in großen Krankenhäusern, für betreute Wohnprojekte, in ambulanten Stationen und privaten Kliniken gearbeitet. Ich habe mit Überlebenden des Zweiten Weltkrieges, der Roten Khmer, des Vietnamkrieges und des 11. September 2001 gearbeitet. Ich habe mit Überlebenden häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauchs gearbeitet. Ich habe gesehen, wie sich Menschen durch ihre traumatischen Erlebnisse kämpfen und diese letztlich überwinden.
Aber meine Motivation, genau dieses Buch zu schreiben – darüber, wie der Heilungsprozess tatsächlich abläuft –, ist auch, dass ich viele Menschen gesehen habe, die aufgegeben haben. Ich habe gesehen, wie sie die Behandlung oder die Beziehungen zu anderen abgebrochen haben oder Jobs, die für sie wichtig waren, verloren und sich schließlich auch selbst aufgeben haben. Ich habe gesehen, wie sie verzweifelt sind und jegliche Hoffnung verloren haben. Ich habe gesehen, wie sie den Heilungsprozess begonnen haben, ohne zu wissen, wie schwer ihr Weg sein würde. Und es wird schwer werden. Viele Menschen glauben, dass sie sich sofort besser fühlen, wenn sie Hilfe suchen. Sie wissen nicht, dass es schwer ist, Traumata zu überwinden, auch wenn man Hilfe sucht, weil schmerzhafte Erinnerungen und Gefühle, die unterdrückt wurden, wieder an die Oberfläche kommen. Ich habe gesehen, wie Menschen Verhaltensmuster aufbrechen und sich ihrer bewusst werden. Sie erleben die unvermeidlichen langen und schwierigen Abschnitte der Trauma-Heilung, die Rückfälle, die Rückschläge, die Langsamkeit des Heilungsprozesses – und sie denken: »Das ist unmöglich. Ich kann nicht mehr.« Und sie geben auf.
Ich verstehe, warum sie aufgeben. Auch ich wollte oft aufhören. Ich bin nicht nur eine Therapeutin, die anderen dabei hilft, ihr Trauma zu überwinden. Ich habe selbst traumatische Erfahrungen gemacht. Ich bin mit den Geschichten meiner Eltern, die selbst traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht haben, und der Angst und dem Terror, die sie erschufen, aufgewachsen. Ich habe gesehen, wie meine Mutter von einem Krankenwagen abgeholt wurde, nachdem sie bewusstlos geschlagen worden war. Ich habe gesehen, wie sie stundenlang vor Wut geschrien hat, ohne zu wissen, wen sie anschreit. Ich weiß, wie es sich anfühlt, zuzusehen, wie mein Bruder gegen die Wand gestoßen wird, weil er vergessen hat, eine Serviette zu benutzen, oder zuzusehen, wie Möbel zertrümmert werden. Ich weiß, wie es sich anfühlt, Angst und Schrecken zu fühlen, und ich weiß, wie es sich anfühlt, mit den Folgen dieser Angst zu leben. Ich glaube daran, dass man Trauma überwinden kann, weil ich so viele Menschen dabei begleitet habe, aber ich weiß es tief in meinem Inneren, weil ich diese Reise selbst hinter mir habe.
Das Überwinden von Traumata ist kein einmaliges Erlebnis und es ist auch kein linearer Prozess. Es gleicht eher einer Spirale, die sich durch verschiedene Phasen windet. Diese Methode der Heilung hilft Ihnen dabei, zu sehen, wo Sie gerade stehen, woran Sie arbeiten müssen und wo die Herausforderungen liegen, den Weg weiterzugehen und wieder gesund zu werden. Ich sehe dieses Buch als eine Art Wegweiser, der Ihnen dabei helfen soll, Ihre Aufgabe zu erkennen und zu verstehen und die Heilung zu finden, die Sie suchen. Es geht in diesem Buch nicht um die Geschichten anderer Menschen, es geht auch nicht um meine Geschichte, aber ich werde immer wieder auf diese Geschichten zurückkommen, um Ihnen Beispiele zu geben, die Ihnen helfen sollen, alles besser zu verstehen. Dieses Buch soll eine möglichst genaue Beschreibung des Weges sein, der Sie erwartet, damit Sie Ihre Reise antreten, Ihre eigenen Karten zeichnen, Ihre eigene Geschichte erzählen und Ihr Trauma schließlich überwinden können.
Titelei
Anmerkung der Autorin
Eine Anmerkung über Trauma
Einladung
Der Wegweiser
Trauma verstehen
Heldenreise
Der Wegweiser
Die gesamte Trauma-Geschichte
Der Fünf-Phasen-Zyklus der Heilung
Traumata behandeln
Wie Sie Hilfe finden
Wie Sie dieses Buch verwenden
Vorbereitung
Vorbereitung
Basislager
Bewusstsein
Vertrauen und Seile
Ressourcen – die Dinge, die wir brauchen und die wir tragen
Sichere Orte
Hilfreiche Übungen zur Vorbereitung
Unintegriertheit
Unintegriertheit
Bindung verstehen
Was ist das Bindungssystem?
Bindung und Trauma
Sich anlehnen (können)
Container: Umgang mit den Gefühlen der Unintegriertheit
Schutzwälle abbauen
Käfige, Reenactment und Flucht
Hilfreiche Übungen in der Phase der Unintegriertheit
Konfrontation
Konfrontation
Erinnerungen
Traumatische Erinnerungen
Finden Sie Ihren Weg
Hilfreiche Übungen in der Konfrontationsphase
Integration
Integration
Trauer
Neuanfänge
Beides in sich tragen
Identität
Hilfreiche Übungen in der Phase des Zusammenfügens
Konsolidierung
Konsolidierung
Gut
Den Kreislauf der Heilung erneut beginnen
Vorbereitung
Unintegriertheit
Konfrontation
Integration
Konsolidierung
Hilfreiche Übungen für die Konsolidierungsphase
Epilog
Danksagungen
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
»Entdeckungsfahrten sind noch immer die größten Reisen – zu träumen, sich vorzubereiten, sich ein Team aus Entdeckern zusammenstellen, voranzuschreiten, um sich mental und körperlich den Prüfungen der Götter zu unterziehen. Die Prüfung zu bestehen heißt, die Wahrheit zu sehen, zurückzukehren und die Weisheit zu teilen.«(1)Robert Ballard, National Geographic
Mein letztes Schuljahr habe ich als Austauschschülerin in Deutschland verbracht. Einen Monat lang lebte ich in Norddeutschland bei einer sehr netten Frau namens Karla. Immer, wenn sie ein Flugzeug hörte, lief sie zum Fenster, um danach Ausschau zu halten. Der Zweite Weltkrieg war lange vorbei, dennoch, so sagte sie mir, wollte sie sichergehen, dass das Flugzeug keine Bomben abwarf. Seit 36 Jahren waren keine Bomben mehr gefallen, aber sie reagierte noch immer erschrocken und ängstlich. Es war, als hätte sie eine private Feuerwehrmannschaft in ihrem Kopf. Schon der kleinste Trigger konnte einen Alarm auslösen und die Mannschaft bereitete sich auf den bereits durchlebten Notfall vor, selbst dann noch, als diese Notfälle schon jahrzehntelang nicht mehr eingetroffen waren.
Wenn wir von Trauma sprechen, dann meinen wir eine Erfahrung oder ein Ereignis, das unsere Belastbarkeit überfordert, sodass wir uns nicht mehr auf uns selbst verlassen können. Typischerweise zeigen sich dabei Gefühle der Angst, des Terrors, des Entsetzens und der Hilflosigkeit. Ihr Körper und Ihr Geist haben Reaktionsmaßnahmen für diese Erlebnisse entwickelt, die es Ihnen erlauben, zu überleben. Ein einmaliges traumatisches Ereignis, wie ein Autounfall oder eine Schussverletzung, überfordert unser psychologisches Abwehrsystem kurzzeitig. Wie Wasser, das während einer großen Flut durch einen Damm bricht, wird Ihr Körper in so großen Mengen mit Adrenalin überflutet, dass der Körper sogar neue Rezeptoren ausbildet, um den Überschuss aufzunehmen.
Und auch nach Absinken des Adrenalinpegels bleiben diese Rezeptoren. Das führt dazu, dass wir ultrasensibel werden und schon die kleinsten Mengen an Adrenalin sofort von unserem Gehirn und unserem Nervensystem wahrgenommen werden – eine sogenannte Schreckreaktion wird ausgelöst. Jeff, ein Kriegsveteran, der im Irak gekämpft hat, springt noch immer zur Seite, sobald er einen Knall hört. Es ist, als warteten die Rezeptoren im Gehirn nur darauf und scannten die Umgebung nach diesem Geräusch, um im Notfall sofort reagieren zu können. Wenn diese Schreckreaktion einmal ausgelöst wurde, kann es lange dauern, bis man sie wieder ablegen kann.
Zuerst erkennen Körper und Gehirn eine Gefahr und reagieren hypersensibel darauf, sodass das traumatische Ereignis sich unserem Gedächtnis einbrennen kann. Die Adrenalinüberflutung während des Traumas verstärkt die Erinnerungsbildung, was zu sogenannten Flashbacks führen kann. Mit Flashbacks wird das lebhafte Wiedererleben eines traumatischen Ereignisses bezeichnet. Dieses Wiedererleben kann uns in unserem Alltag einschränken und uns vorgaukeln, dass wir dieses traumatische Ereignis tagtäglich wiedererleben. Die Nichte meines Kollegen hatte einmal einen Autounfall. Sie erzählte: »Jedes Mal, wenn ich einen SUV sehe, sehe ich das Auto, das ich beim Unfall vor Augen hatte. Ich sehe das alles so, als ob es noch einmal passierte.«
Kurzzeitige Traumata überfordern den Körper und führen zu einem übersensibilisierten Nervensystem. Es ist, als wäre der Körper allergisch auf alles, woran das traumatische Erlebnis erinnert. Das können laute Geräusche oder eine zu schnelle Bewegung sein. Die psychischen und psychologischen Auswirkungen eines einmaligen Traumas werden Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) genannt, wenn sie mehr als einen Monat lang andauern. Diesen Ausdruck haben Sie vielleicht schon einmal gehört. PTBS wird durch bestimmte Symptome(2) definiert: Schreckreaktionen, Flashbacks, Alpträume, übersteigerte Wachsamkeit, Essstörungen, Probleme beim Ein- und Durchschlafen, Konzentrationsschwierigkeiten und hartnäckiges Meiden von allem, das an das traumatische Ereignis erinnert. PTBS kann manchmal die Auswirkungen einer einmaligen Traumatisierung beschreiben, jedoch nie das komplette Ausmaß wiederholter Traumata.
Schon ein einziges schreckliches Erlebnis kann traumatisierend sein. Wie sollen wir also verstehen, wie es sich anfühlt, viele traumatische Ereignisse zu erleben? Ein Autounfall, der nur Sekunden dauert, kann alle Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung hervorrufen und erfordert eine umfassende psychologische Behandlung. Aber was passiert, wenn sich die traumatische Erfahrung immer wiederholt? Was, wenn dieses Ereignis nicht einmalig ist, sondern jahrelang jede Nacht geschieht? Bei einem einmaligen Trauma wird das System sozusagen überrascht und überwältigt. Stellen Sie sich nun vor, wie anstrengend es sein muss, in der gesamten Kindheit nächtlich überwältigt zu werden, oder wie kräftezehrend zehn Kriegsjahre sein müssen. Unser Körper und unser Gehirn sind, was auch immer geschieht, auf Effizienz und Überleben ausgelegt. Und Überleben bedeutet, sich selbst mit möglichst wenig Aufwand zu schützen.
Wenn traumatische Erlebnisse wiederholt auftreten, wie beispielsweise bei Kindesmissbrauch, häuslicher Gewalt oder Krieg, dann warten wir nicht darauf, überrascht zu werden. Stattdessen bauen wir Schutzmechanismen auf, die uns vor diesen Überraschungen schützen sollen und möglichst wenig Energie kosten, damit wir uns auf unser Überleben konzentrieren können. Anstatt von Gefühlen wie Angst, Terror und all den Antworten auf diese Gefühle überrannt zu werden, bauen wir Schutzwälle und Wassergräben und suchen nach Möglichkeiten des Entkommens. Wir stumpfen ab, fühlen nichts mehr und tun, was auch immer wir können, um uns von uns selbst und anderen Menschen zu distanzieren.
Tatsächlich haben wiederholte Traumata drei wichtige Aspekte. Der erste ist die traumatische Erfahrung an sich. Er umfasst ständige Angst und Hilflosigkeit. An diese Erfahrungen, die Misshandlungen, die Gewalt, die Gleichgültigkeit, können wir uns gut erinnern. Der zweite Aspekt ist der des Überlebens, er umfasst all die Schutzmechanismen, die wir uns angeeignet haben. Wir verändern uns, um zu überleben. Diese Schutzmechanismen werden Teil unserer Persönlichkeit, sie bestimmen, wie wir auf Situationen reagieren.
In der Psychologie wird zwischen einem zeitlich oder situativ variierenden Zustand (einer kurzzeitigen Erfahrung, beispielsweise der Angst vor einer Prüfung) und einer Persönlichkeitseigenschaft (einem Bestandteil der Persönlichkeit, beispielsweise ständiger Nervosität, selbst wenn es keinen Auslöser dafür gibt) unterschieden. Die Bewältigungsmechanismen, die wir als Antwort auf einmaliges Trauma entwickeln, können zeitlich begrenzt sein. Sie können als Schutzzustand verstanden werden. Bei einer Sturmwarnung schützen Sie beispielsweise Ihre Fenster und Türen mit Sperrholzplatten gegen Wind und Wasser. Die Sperrholzplatten sind ein kurzzeitiger Schutz, den Sie jederzeit wieder abnehmen können. Bei wiederholten Traumata handelt es sich eher um Schutzeigenschaften, die Schutzmechanismen werden Teil Ihrer Persönlichkeit. Das ist der unglaublichen Effizienz Ihres Körpers und Ihres Gehirns zuzuschreiben. Anstatt ständig neu entscheiden zu müssen, wie Sie auf eine Situation reagieren, hat Ihr Körper ein Standardprotokoll entwickelt. Alles andere wäre zu ermüdend. So kann der Körper besser mit seiner Energie haushalten.
Bei wiederholten Traumata vertrauen Sie nicht auf Spanplatten, sondern betonieren das ganze Haus bis zum Dach ein. Somit haben Sie Ihr Haus zwar vor Wind und Wasser geschützt, aber auch Sonnenlicht und Luft können nicht mehr in Ihr Haus dringen. Die Mauer ist weder anpassungsfähig, noch kann sie einfach wieder abgebaut werden. Durch Ihre Schutzmechanismen, die Sie vor wiederholten Traumata schützen sollen, schotten Sie sich auch von den Dingen ab, die Sie am meisten brauchen.
Der dritte Aspekt ist vielleicht zunächst nicht leicht zu verstehen, hat aber den größten Einfluss. Es ist das, was nicht passiert ist. Was nicht passiert ist, ist das normale Entwicklungswachstum, das in den Jahren, in denen das Trauma geschah, stattgefunden hätte. Diese Auswirkungen wiederholter Traumata können schwer zu verstehen sein, weil es nicht nur um das Trauma an sich geht – der Moment, in dem Ihr Vater Sie gewürgt hat oder in dem Ihre Mutter geschlagen wurde –, sondern um die wiederholten Beziehungsmuster, die diese Gewalt aufrechterhielten. Es geht nicht nur um die Zeit, die im Krieg verbracht wurde, sondern auch um die Zeit, die nicht damit verbracht wurde, andere Dinge im Zusammenhang mit persönlichem Wachstum zu erleben. Es geht nicht nur um die Gewalt, sondern auch um das Verständnis für gesunde Beziehungen zu anderen Menschen, das nicht gefördert wurde. Während Sie Traumata durchlebt haben, konnten Sie sich nicht auf Ihre Entwicklung konzentrieren. Sie haben vielleicht keine Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen, konnten nicht über Ihre Sorgen sprechen oder sich mit Freunden treffen. Weil alle Streitereien in Ihrer Familie gewaltsam gelöst wurden, konnten Sie nie lernen, wie man mit Konflikten umgeht und dass Konflikte dazugehören.
Lassen Sie mich Ihnen ein Beispiel für diese drei Aspekte wiederholter Traumata aus dem wahren Leben geben. Lacey ist heute fast 30 Jahre alt. Als sie zehn Jahre alt war, wurde sie in eine Klinik eingewiesen, da sie Probleme in der Schule hatte. Im Alter von elf Jahren wurde sie von einem Auto angefahren und überlebte mit einer Kopfverletzung. Sechs Monate später wurde sie vom Sozialdienst von ihrer Familie getrennt und kam in ein Pflegeheim. Während der nächsten fünf Jahre lebte sie bei acht verschiedenen Pflegefamilien und schließlich in einem betreuten Wohnheim. Sie baute Verbindungen zu all ihren Pflegeeltern auf, jeder Verlust war schmerzhaft. Lacey begann, sich abzuschotten. Sie sagt: »Ich wollte nicht verletzt werden, also habe ich aufgehört, Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen. Jetzt weiß ich nicht, wie ich diese Mauern wieder abreißen soll. Ich weiß nicht, wie ich einen anderen Menschen lieben soll. Ich weiß, dass die Liebe da ist.« Dieses Beispiel zeigt die drei Aspekte wiederholter Traumata. Der Autounfall, das Aufbauen von Beziehungen und der Verlust jeder neu gewonnenen Familie, das waren die traumatischen Ereignisse, die stattgefunden haben/Erlebnisse, die sie gehabt hat. Ihre Bewältigungsmechanismen, mit denen sie sich schützte, waren die Abschottung und ihr Abstumpfen. Was nicht stattgefunden hat? Sie konnte nie lernen, wie man Gefühle wahrnimmt und mit ihnen umgeht, wie man Vertrauen aufbaut. Sie konnte nie die Fähigkeiten entwickeln, die man für gesunde, stabile Beziehungen zu anderen Menschen braucht. Daran arbeitet sie jetzt.
Lacey hat Mauern aufgebaut, die ihr dabei geholfen haben, sich vor dem Schmerz des Verlassenwerdens und der Ablehnung zu schützen. Sie hat gelernt, niemanden an sich heranzulassen, sich niemandem zugehörig zu fühlen. Das hat sie vor der Trauer und Wut geschützt, die mit dem Verlassenwerden einhergehen. Aber diese Mauern haben sich verfestigt, sie haben sich in ihre Verhaltensmuster integriert. Sie kann ihre Gefühle nicht annehmen und sich nicht geliebt fühlen, obwohl sie es möchte. Ihr Schutzmechanismus vergangener Tage hält sie davon ab, gesunde Beziehungen aufzubauen und zwischenmenschlichen Kontakt zu genießen.
Wenn ich das Wort »lernen« verwende, dann meine ich damit kein bewusstes Lernen. Genauso wie man nach einer Beinverletzung lernt, sich humpelnd fortzubewegen, lernt man nach wiederholten Traumata, sich zu schützen. Man findet heraus, wie man sich ohne Schmerzen fortbewegen kann. Wenn wir das lange genug tun, dann wird diese Art des Gehens zu unserer Gewohnheit. Ein Aspekt wiederholter Traumata ist die Langzeitwirkung der Schutzmechanismen, die wir entwickelt haben, um uns zu schützen.
Was passiert in einem Land nach einem Krieg? Nicht nur die Kriegsverbrechen und die Zerstörung der Infrastruktur machen dem Land zu schaffen. Auch die Weiterentwicklung, das wirtschaftliche Wachstum und die Menschen des Landes haben gelitten. Das Land kann vielleicht keine Straßen, Schulen oder Geschäfte bauen oder die Wasserversorgung kann nicht aufrechterhalten werden. Vielleicht gibt es keine sichere Regierung, keine Rechtsstaatlichkeit und keine neuen Arbeitsplätze, außer im Bereich der Verteidigung. Wenn der Krieg vorbei ist, müssen diese Lücken zuerst geschlossen werden, damit das Land gestärkt und wiederaufgebaut wird. Ein Land kann sein Volk nicht unterstützen, wenn es weder Straßen noch ausreichend Wasser und Nahrung gibt. Die Kriegsverbrechen der Roten Khmer kamen erst 2010 vor Gericht. Das Regime hatte bereits 1979 die Macht verloren, doch das Chaos dauerte noch zwei Jahrzehnte an. Erst nach 31 Jahren gab es eine funktionierende Infrastruktur – während des Krieges und in den Jahren danach hatte es sie nicht gegeben. Erst dann war das Land stark genug, sich dem zu stellen, was geschehen war.
Ich möchte Ihnen noch ein Beispiel für einen solchen Wiederaufbau geben. Während meines Praxisjahres lernte ich eine Familie kennen. Lena, die Mutter, hatte es nach Jahren endlich geschafft, ihren Mann zu verlassen, und so der von Gewalt geprägten Beziehung zu entkommen. Sie hatte einige schwere Jahre hinter sich. Sie lebte in einem Obdachlosenheim und bat sämtliche öffentlichen Einrichtungen um Hilfe. Schließlich hatten sie und ihre Kinder wieder ein Dach über dem Kopf. Während dieser Zeit hat sie eine Ausbildung zur Medizintechnikerin abgeschlossen und eine Anstellung gefunden. Zwei Jahre später hatte sie endlich ein sicheres Zuhause und ein gesichertes Einkommen. Ihr ältestes Kind, Nelson, fing etwa zu dieser Zeit an, Probleme zu bereiten. Er fiel in der Schule durch. Zuhause war er auf Streit aus und weinte. Es war, als ob er sich zurückentwickelte. Lena verstand nicht, warum Nelson sich so verhielt. Während der Scheidung und der schweren Jahre danach war er ihr immer eine wichtige Stütze gewesen. Wieso ging es ihm jetzt, da alles wieder besser wurde, so schlecht?
Lena verstand nicht, dass Nelsons Entwicklung unter dieser Krisenzeit gelitten hatte. Nelson hatte den »Krieg«, die Krisenzeit, hinter sich und durchlebte nun die Entwicklung, die er hintangestellt hatte, als seine Mutter keine Zeit fand, ihn dabei zu unterstützen. Er musste die Mauern, die er aufgebaut hatte, überwinden. Er musste, zusammen mit seiner Mutter lernen, Gefühle auszudrücken und mit ihnen umzugehen. Er musste lernen, über schwierige Dinge zu reden. Indem er »Probleme machte«, holte Nelson die Entwicklung nach, die er mit vier, sechs oder acht Jahren nicht durchleben konnte.
Diese drei Gesichtspunkte zeigen, warum Traumatherapie immer individuell sein muss. Ein einmaliges Trauma und wiederholte Traumata haben gewisse Gemeinsamkeiten, etwa die körperlichen Reaktionen auf Stress. Aber sie unterscheiden sich in den Punkten stark voneinander, die wichtig für das Verstehen und den Heilungsprozess sind.
Es gibt die sogenannte Heldenreise, die Nachtsee-Reise und die Heldensuche, in denen das Individuum etwas hervorbringt, das noch nie zuvor erblickt wurde.(3)
Joseph Campbell, Der Heros in tausend Gestalten
Sobald Sie sich dazu entschließen, Hilfe zu suchen, öffnen Sie die Tür und Ihre Reise beginnt. So vieles fühlt sich in diesem Moment unbekannt an. Sie denken darüber nach, was Sie wissen und was nicht. Sie wissen nicht, wohin die Reise geht. Ihnen ist aber klar, dass Sie sich nicht mehr so fühlen wollen wie bisher. Sie wollen, dass diese ständige Angst, Wut oder Nervosität endlich ein Ende finden. Vielleicht haben Sie Ihre Freunde oder Ihre Arbeitskollegen darauf aufmerksam gemacht, dass Sie ein Problem haben. Sie wollen Veränderung, aber Sie haben auch Angst davor.
Diese Vorahnung und diese Energie sind nicht fehl am Platze. Diese Reise bedeutet harte Arbeit und Aufmerksamkeit, Sie werden den Schutz dessen verlassen, was sich Ihnen vertraut anfühlt, selbst, wenn sich diese Vertrautheit nicht immer gut anfühlt. Jede Geschichte beginnt mit der Reise des Helden ins Unbekannte. Der Held kennt die Gründe seiner Reise vielleicht noch nicht, aber er folgt einem Ruf, den er nicht überhören kann. Die Reise beginnt. Egal wie der Held in dieses Abenteuer geraten ist, es wird sein Leben verändern.
Die Heldenreise ist der Archetyp einer Suche nach einem neuen Selbst(4), einem neuen Leben, etwas Größerem. Ich bin weder der Erste noch der Letzte, der den Weg der Heilung als Heldenreise beschreibt. Es gibt wohl keine bessere Metapher als die der Reise, um diesen Heilungsprozess zu beschreiben. Es ist ein langer Prozess, eine lange Reise, die dem Helden viel Arbeit abverlangt. Man löst sich von (unangenehmen) Gewohnheiten und wagt sich in eine neue Situation, die sich fremd, gefährlich und beängstigend anfühlt.
Sie sagen vielleicht: »Okay, ich begebe mich also auf eine Reise.« Aber ich sehe auch, wie Sie den Kopf schütteln, wenn Sie das Wort »Held« lesen. Die meisten Menschen, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, fühlen sich nicht wie Helden. Die Wörter, mit denen Helden beschrieben werden – mutig, tapfer, furchtlos – passen nicht zu Ihrer Wahrnehmung. Sie passen nicht zu Trauma und Trauma-Verarbeitung. Ich muss gestehen, dass ich diese Metapher anfangs selbst nicht mochte. Jedes Mal, wenn meine Therapeutin das Wort »mutig« aussprach, rollte ich mit den Augen. »Ja klar«, dachte ich, »es ist wirklich mutig, einfach danebenzustehen, wenn jemand geschlagen wird.«
Traumatische Erlebnisse lassen einen sich hilflos und ängstlich fühlen. Diese Erfahrungen führen eher zu Scham als zu Tapferkeit. Sie fühlen sich nicht mutig, sondern ängstlich, nicht unverwüstlich, sondern hoffnungslos an. Aber ich hatte meine Therapeutin missverstanden. Ich dachte, sie habe behauptet, dass ich als Kind mutig gehandelt hätte. Aber ich hatte getan, was alle Menschen, die wiederholte Traumata durchleben, tun: Ich überlebte es. Manche Menschen sagen Ihnen vielleicht, dass Überleben Mut erfordert. Ich sage, es erfordert Durchhaltevermögen. Durchhaltevermögen ist, was Sie weitergehen lässt, selbst, wenn Sie sich hoffnungslos fühlen. Es bedeutet, zu tun, was notwendig ist, sich zu ducken und weiterzugehen. Es bedeutet, dass man noch Hoffnung hat.
Das Trauma zu überleben ist keine Heldenreise, sondern Ihre Geschichte. Die Heldenreise ist die Entscheidung, sich dem Trauma zu stellen, wieder zu erleben, was Sie damals gefühlt haben, und das Trauma zu überwinden. Sie holen sich das, was Sie verloren haben, zurück. Sie suchen die Teile Ihres Selbst, die während dieser Zeit von Ihnen abgesplittert sind, und setzen sie wieder zusammen. Indem Sie diese Teile, Ihre Erfahrungen und Ihr Wissen, zusammensetzen, erschaffen Sie ein Mosaik. Sie werden wieder gesund. Ich verstand nicht, dass diese Reise, dieser Weg der Heilung, heldenhaft war. Diese Heldenreise erfordert Mut, Tapferkeit, Stärke und Resilienz.
Die Heldenreise ist ein Kreislauf; auch deshalb mag ich diese Metapher. Sie half mir zu verstehen, dass diese Reise nicht auf einem geraden Weg verläuft, sondern dass man auf Abwege gerät. Der Held verlässt nicht einfach das Haus, überwindet ein Hindernis und geht wieder nach Hause. Es ist nicht so, wie ein Auto in eine Reparaturwerkstatt zu bringen, ein Ersatzteil einbauen zu lassen und wieder nach Hause zu fahren. Beowulf, der Protagonist eines angelsächsischen epischen Heldengedichts aus dem Frühmittelalter, tötet das Monster Grendel und glaubt, seine Aufgabe erfüllt zu haben. Doch am nächsten Morgen erscheint Grendels Mutter. Sie ist noch größer und gefährlicher als Grendel selbst. Beowulf muss noch einmal stark sein, muss sich auf den Kampf vorbereiten und ein weiteres Monster besiegen.(5) Und auch Ihre Heldenreise ist ein Zyklus. Ihr Heilungsprozess wird nicht linear verlaufen. Wenn Sie akzeptieren, dass Sie auf dieser Reise auf Abwege kommen können, fällt es Ihnen leichter, die Geduld aufzubringen, die Sie brauchen werden.
Ich möchte Ihnen ein Beispiel geben. Jim war ein Kriegsveteran, er hatte im Irak gedient. Er war verheiratet und hatte einen Sohn. Als er nach dem Krieg zurückkehrte, freute er sich sehr, seine Familie wiederzusehen. Aber er fühlte sich auch schrecklich abwesend. Er arbeitete als Automechaniker. Mit der Zeit verbrachte er immer mehr Feierabende trinkend, entweder mit seinen Kollegen oder mit seiner Frau. Nach einiger Zeit machte sich seine Frau Sorgen über ihr Trinkverhalten. Sie suchte sich Hilfe und bat ihn, dasselbe zu tun. Zuerst hörte er nicht auf sie, aber als er nach einiger Zeit sah, wie glücklich seine Frau war, suchte auch er sich Hilfe. Er ging zu den Anonymen Alkoholikern. Jims Reise hatte begonnen. Er wagte sich auf dieses Abenteuer, hatte Hilfe (seine Frau, seine Selbsthilfegruppe und später auch einen Therapeuten) und kam seinem Ziel, mit dem Trinken aufzuhören, immer näher. Er hatte das erste Monster besiegt. Aber er wusste nicht, dass noch ein weiteres Monster auf ihn wartete. Als er trocken war, kamen die Erinnerungen an den Krieg und seine traumatischen Erfahrungen in der Kindheit zurück. Der nächste Zyklus begann.
Mein Glaube – vielleicht mein Aberglaube, wenn Sie so wollen –, dass derjenige, der seiner Landkarte folgt, sie zu Rate zieht und sich von ihr inspirieren lässt, jeden Tag und jede Stunde, von ihr unterstützt wird und nicht vor Unfällen bewahrt wird.(6)
Robert Louis Stevenson, Essays in der Kunst des Schreibens
Die Heldenreise ist eine großartige Metapher für den Weg der Heilung, der sowohl Schwierigkeiten als auch Möglichkeiten bereithält. Aber die meisten Heldenreisen sind Märchen, sie sind Fiktion. Das macht sie zu großartigen Metaphern, aber zu schlechten Ratgebern. Der Held einer Heldenreise muss sich auf seine inneren Stärken, auf seinen Mut, sein Durchhaltevermögen, seine Treue, Ehre und Leidenschaft verlassen. Aber seine Außenwelt ist eine Fantasiewelt: Magie, Zauberei, Prophezeiungen und Weissagungen.
In Märchen und Mythen erscheinen die Begleiter aus dem Nichts: Merlin steht König Artus bei, Obi-Wan Kenobi hilft Luke Skywalker. Diese Begleiter wissen alles, was man für die Reise wissen muss, und stehen mit Magie zur Seite. Aber seien wir ehrlich, König Artus musste keinen Blick auf die Liste der Vertragspartner seiner Krankenversicherung werfen, um Merlin zu finden. Wenn Sie Ihr Trauma überwinden wollen, müssen Sie sich auf die Suche nach einem Begleiter machen: nach einem Therapeuten, Unterstützung in Ihrem näheren Umfeld oder einer Organisation, die Sie auf Ihrem Weg unterstützen.
Mein Heilungsprozess war kein Märchen und Ihrer ist es auch nicht. Wir können uns natürlich auf die inneren Stärken dieser Helden aus den Märchen besinnen, aber als ich meinen eigenen Heilungsprozess durchlebte, suchte ich nach Geschichten, die näher an der Realität waren. Ich las viele Abenteuerbücher, etwa über Forschungsreisen in die Arktis, Besteigungen des Mount Everest und erschütternde Expeditionen. Ich hatte das Gefühl, dass eine Beschreibung des Heilungsprozesses von Traumata eher in Shackletons Reise zum Südpol zu finden sei als in einem mittelmäßigen Selbsthilfebuch.
Sie sollten wissen, dass dieser Heilungsprozess oft schwieriger ist als viele diese gefährlichen Expeditionen. Wer den Mount Everest besteigt, sieht den Gipfel vor sich. Sie sehen ihn nicht. Ihre Reise führt sie durch ebenso steiles und gefährliches Gelände, aber Sie sehen das Gelände nicht vor sich, weil sich alles in Ihnen abspielt. Außerdem müssen sich Bergsteiger und Abenteurer nur auf ihre Reise konzentrieren, sie müssen nicht die Antarktis erkunden und jeden Tag zur Arbeit gehen. Sie müssen sich diesen Gefahren nicht stellen und jeden Tag die Kinder zur Schule bringen. Sie können sich auf eine Sache konzentrieren. Das können Sie nicht.
Was ich an diesen alten Reiseberichten zudem gern mochte, war, dass sie Erkundungen schilderten. Diese Forscher und Abenteurer konnten sich nicht immer auf ihre Landkarten verlassen. Die Karten waren teilweise ungenau oder falsch, in manchen Fällen gab es vielleicht noch keine Karte, weil noch niemand vor ihnen da war. Als Shackleton die Antarktis erkundete(7), befand er sich auf bisher unbekanntem Gebiet. Niemand hatte eine Karte für dieses Gebiet gezeichnet, also mussten er und sein Team selbst eine Karte zeichnen. Als Maurice Herzog und sein Team(8) zum ersten Mal den Annapurna besteigen wollten, wanderten sie zum Basislager. Zumindest dachten sie das. Als sie jedoch dort ankamen, wo sie das Lager verortet hatten, erkannten sie, dass sie gar nicht wussten, welcher der Berge vor ihnen die Annapurna war. Es dauerte Wochen, bis sie das Gebiet erkundet hatten und wussten, welchen Berg sie zu besteigen hatten. Sie mussten die Karten für ihre Reise zeichnen, bevor sie sich auf diese begeben konnten. Sie waren wirkliche Entdecker, denn sie befanden sich auf einem Gebiet, das niemand zuvor betreten hatte.
Das Gelände, durch das Sie reisen müssen, ist ebenso ungezähmt und unerforscht. So wie die Entdecker, die die Annapurna besteigen wollten, haben Sie eine Vorstellung des Berges, den sie besteigen wollen. Ihr Weg ähnelt vielleicht dem anderer, die sich ebenfalls auf die Reise zur Heilung begeben haben, aber Ihr Berg ist noch unerforscht. Niemand hat ihn bisher bestiegen, auch Sie nicht. Sie müssen auf die Wildnis, die Gefahren und die Schönheit des Geländes achten. Sie müssen verstehen, dass Sie diese Reise nicht ohne Begleitung und allein auf sich nehmen können.
Eine weitere Ähnlichkeit zwischen diesen alten Entdeckern und Ihnen liegt in der Motivation. Genauso wie diese Abenteurer müssen auch Sie sich selbst motivieren. Man begibt sich nicht einfach auf eine zweijährige Reise zur Antarktis, weil jemand anderes denkt, dass man das tun sollte. So, wie Sie Ihr Trauma nicht verarbeiten, um jemand anderen glücklich zu machen. Es geht nicht darum, Medikamente einzunehmen oder einen 6-Wochen-Kurs zu belegen. Sie entscheiden sich für eine Expedition auf unbekanntes Terrain. Sie werden den Großteil des Weges allein zurücklegen, auch wenn jemand Sie aus der Ferne anfeuert. Vielleicht ermutigen uns andere Menschen anfangs, aber Sie müssen sich selbst ermutigen, diese Reise zu Ende zu bringen, und auf sich selbst vertrauen.
Ihre Expedition ist eine Such- und Rettungsmission. Sie suchen nach dem, was Sie zurücklassen mussten. Sie suchen nach Ihrem Selbst. Das Ziel Ihrer Reise ist, anders als das Gelände, nicht unbekannt. Sie müssen nicht nur Ihr ursprüngliches Trauma überwinden, sondern noch weiter gehen und Ihr Selbst finden. Dieses Buch ist eine Art Wegbegleiter für diese Expedition.
Ich habe mich vom Appalachian Mountain Club Guide to the White Mountains in New Hampshire inspirieren lassen. Es ist ein umfassender Reiseführer für alle Wanderwege der White Mountains. Er enthält Karten für jeden Berg, jeder Wanderweg wird genau beschrieben. Man bekommt auch Tipps von erfahrenen Bergsteigern, die diese Wanderwege gut kennen. Nach meinem ersten Jahr im College packten meine Freundin Jane und ich unsere Rucksäcke. Wir hatten einen 5-Tages-Trip zu den White Mountains geplant und suchten einen Wanderweg, der schöne Aussichten und gute Schlafmöglichkeiten versprach.
Ich war damals 19 Jahre alt und war in der Ruder-Nationalmannschaft. Ich war fit und sportlich. Aber schon am zweiten Morgen nach unserer Ankunft erkannte ich, dass ich auf diesen Aufstieg nicht vorbereitet war. Das Gelände war von Anfang an sehr steil. Wir kletterten unablässig auf und ab. Jedes Mal, wenn wir uns festen Boden unter den Füßen erklettert hatten, mussten wir auf der anderen Seite wieder absteigen. Ich war enttäuscht. Mein Kampfgeist war im Keller, mehr noch meine Beine, vom Auf- und Abstieg.
Nach dem zweiten Auf- und Abstieg wollte ich eine Trinkpause einlegen. Vor allem aber wollte ich einen Blick auf die Landkarte werfen und beweisen, dass wir uns nicht auf dem richtigen Wanderweg befanden. »Wie lange wird das noch dauern? Werde ich es schaffen? Wer hat sich für diesen Weg entschieden? Es muss noch einen anderen Weg geben, bitte lass uns auf dem falschen Weg unterwegs sein.«
Ich nahm also meine Wasserflasche und eine Packung Studentenfutter und setzte mich auf einen Stein. Ich schlug den Reiseführer auf. Zuerst fand ich die Hütte, von der aus wir unsere Reise begonnen hatten, und dann – doch, wir waren auf dem richtigen Weg. Der White-Mountains-Reiseführer beschrieb den Weg als »scheinbar endloses Auf und Ab«.
Da stand es also, schwarz auf weiß. Sogar dieser erfahrene Bergsteiger, der Verfasser des Reiseführers, empfand diesen Weg als »scheinbar endlos«. Es tat gut, zu lesen, dass ich mit dieser Meinung nicht allein war. Ich wollte diesen Weg nicht weitergehen, aber wenigstens wusste ich, was mich erwarten würde.
Der Reiseführer half mir dabei, mich zu orientieren. Und er gab mir zu verstehen, dass meine Schwierigkeiten mit diesem Weg ganz normal waren. Ich konnte besser mit meiner Frustration umgehen und ich wusste, worauf ich mich würde freuen können, wenn ich den Weg geschafft hätte. Der Weg wurde vorhersehbarer. Der White-Mountains-Reiseführer dient nicht nur dem Vergnügen, sondern stellt auch eine Sicherheitsmaßnahme dar. Er zeigt, wo man sich befindet, was man tun muss und wie man sich auf das Kommende vorbereitet.
Als ich vor zwanzig Jahren meinen Heilungsprozess begann, suchte ich nach einem Äquivalent zu meinem White-Mountains-Reiseführer. Ich wollte wissen, ob ich auf dem richtigen Weg war. Dauert dieser Weg wirklich so lange? Ist er wirklich so steil? Wieso fühlt es sich oft so an, als würde ich den Boden unter den Füßen verlieren? Ich wollte ein Buch, das diese Reise nicht nur beschrieb, sondern mir Hoffnung gab. Es sollte mir erklären, warum diese Reise so beschwerlich war, aber es sollte mir auch zeigen, worauf ich mich freuen konnte. Ein Licht am Ende des Tunnels, das dieser Reise Sinn geben sollte. Ich wollte ein Buch, das mir Sicherheitshinweise gab, mir sagte, wie viel Reiseproviant ich einpacken und welche weiteren Landkarten ich mitnehmen sollte. Ich wollte einen Reiseführer, der mir nicht nur den Weg beschrieb, sondern mir auch erklärte, warum es mir so schwerfiel, meiner Therapeutin, meiner Reiseleiterin, zu vertrauen. Ich brauchte Hilfe, um mir Hilfe zu suchen, und ich wollte verstehen, wie mir geholfen werden konnte.
Als Psychologin ist es nun meine Aufgabe, eine Art Reiseleiterin zu sein, und oft wünsche ich mir, ich hätte eine Art Reiseführer, den ich meinen Patienten, ihren Eltern, Lebensgefährten und Freunden mit auf Ihren Weg geben könnte. Aber ich bin nie auf ein Buch dieser Art gestoßen. Glücklicherweise hatte ich während meiner Ausbildung zur Psychologin Zugang zu wertvollen Büchern, Artikeln und Texten, die den meisten Menschen nicht zur Verfügung stehen. Ich fand ermutigende und hilfreiche Worte in vielen Büchern, die ich im Allgemeinen meinen Patienten und Patientinnen allerdings nicht geben würde: Es waren Texte der Psychoanalyse, aktuelle neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse, buddhistische Psychologie, Bindungsforschung, Kindesentwicklung und Quantenphysik. Auf eine anregende, aber auch abstrakte Weise fand ich auch Hilfe in Büchern über das Schreiben, über Kunst, Poesie, über Expeditionen, Gärtnern und Hausbau, sogar in Märchen und Geschichten über abenteuerliche Expeditionen. Während einige Informationen extrem hilfreich waren, waren viele nützliche Inhalte meist in seitenlangen, komplizierten und scheinbar unzusammenhängenden Texten verborgen. Stellen Sie sich vor, sie planen einen Ausflug zu den White Mountains und müssen alle Bücher über sämtliche Berge Amerikas mitnehmen. Sie müssten alte, schwere und dicke Bücher schleppen, obwohl Sie nur ein paar Seiten davon brauchen. Ich wollte etwas Handlicheres, etwas, das ich meinen Patienten und Patientinnen auf ihre Reise mitgeben konnte.
Es gibt zwei Arten von Büchern über Traumata. Bücher der ersten Art schildern und beschreiben Traumata: Was ist ein Trauma, wie werden Sie davon beeinträchtigt und wie können Sie verstehen, was in Ihnen passiert. Diese Bücher helfen Ihnen dabei, Traumata im großen Ganzen zu verstehen, welche Symptome Sie vielleicht haben und wie diese Symptome Sie beeinträchtigen. Die meisten Bücher dieser Art enden mit einem Kapitel, das Ihnen nahelegt, sich Hilfe zu suchen. Meistens wird geraten, einen guten Therapeuten zu finden.
Die andere Art ist das klassische Selbsthilfebuch. In diesen Büchern finden Sie Fragen und Übungen, die Ihnen dabei helfen sollen, Ihr Trauma zu akzeptieren, sich daran zu erinnern und darüber zu sprechen, um sich von dieser Last zu befreien. Diese Bücher stellen die Verarbeitung traumatischer Erfahrungen gern als linearen Verlauf dar. Und auch diese Bücher enden meistens mit einem Kapitel, das Ihnen einen Therapeuten ans Herz legt.
Wie schon gesagt, dieses Buch ist kein Selbsthilfebuch, das Ihnen sagt, wie Sie das Trauma allein bewältigen können. Dieser Wegbegleiter beginnt da, wo die meisten anderen Bücher aufhören. Ich nehme an, dass Sie sich bereits Hilfe gesucht haben, das verlange ich von Ihnen. Traumabewältigung ist nichts, das man allein schafft, Sie brauchen Hilfe dabei. Dieses Buch erklärt Ihnen nicht, wie Sie Ihre traumatischen Erfahrungen allein verarbeiten können. Sie würden ja schließlich auch kein Buch über Herzoperationen kaufen und eine Operation am offenen Herzen ausprobieren.
Wenn Sie eine Einzelperson sind, suchen Sie sich Hilfe bei einem Therapeuten oder aber einer Selbsthilfegruppe oder einem Geistlichen. Wenn es sich um eine Gruppe oder eine Gemeinschaft handelt, die gemeinsam ein Trauma erlebt hat, suchen Sie sich Hilfe bei einem Facharzt, einem Interventionsteam, einer öffentlichen oder privaten Einrichtung.
Sämtliche Heldenreisen haben etwas gemeinsam: Der Held hat Hilfe, jemanden, der ihn auf seiner Reise begleitet und ihm mit Wissen und Lösungsansätzen zur Seite steht. Diese Hilfe macht den Unterschied zwischen dem damals erlebten Trauma und Ihrer bevorstehenden Reise zurück aus. Dieses Mal haben Sie jemanden an Ihrer Seite, der Sie unterstützt, Ihnen den Weg weist und zeigt, wie Sie sich das zurückholen, was Sie verloren haben. Sie brauchen einen sicheren Ort, an dem Sie daran arbeiten können, das persönliche Wachstum und die Entwicklung nachzuholen, die Sie verpasst haben.
Mir ist bewusst, dass das einfacher gesagt als getan ist. Sich Hilfe zu suchen bedeutet, jemandem vertrauen zu müssen. Wenn Sie von jemandem, dem Sie vertraut haben, verletzt wurden, dann fällt Ihnen das schwer. Selbst wenn Sie wissen, dass diese Person nur dafür da ist, Ihnen zu helfen, kann es schwer sein. Ich weiß, dass Sie glauben, es müsse einen einfacheren Weg geben, Ihr Trauma zu bewältigen. Vermutlich haben Sie schon nach einer einfacheren Lösung gesucht. Vermutlich haben Sie schon beinahe alles versucht, um die Reise, auf die Sie sich begeben müssen, zu vermeiden.
Vielleicht wird Ihnen die Suche nach Hilfe auch schwer gemacht. Ihnen wurde vielleicht gesagt, dass Sie einfach darüber hinwegkommen sollen oder dass sich alles nur in Ihrem Kopf abspielt. In westlichen Kulturen wird oft erwartet, dass man mit psychischen Problemen allein fertigwird. Von Ihnen wird erwartet, dass Sie sich selbst helfen, dass Sie allein damit fertigwerden und »einfach drüberstehen«. Und die Verfügbarkeit von Medikamenten verstärkt diesen Druck noch. Wenn man nicht allein mit seinen Problemen fertigwird, soll man Medikamente nehmen und die Probleme verschwinden so.
