Reiseabenteuer 1950 - 2018 - Herbert Herzmann - E-Book

Reiseabenteuer 1950 - 2018 E-Book

Herbert Herzmann

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Beschreibung

Man muss nicht Afrika mit dem Fahrrad durchqueren, im Alleingang extreme Kletterrouten meistern oder mit dem Snowboard über Gletscher abfahren, um etwas zu erleben. Zwischen dem nach Adrenalinrausch süchtigen Extremabenteurer und dem auf Nummer Sicher gehenden Touristen bewegt sich der/die Reisende. Auch er/sie sucht das Abenteuer, aber ohne gleich Kopf und Kragen zu riskieren. Die hier veröffentlichten Erinnerungen aus sieben Jahrzehnten zeigen, dass auch der Durchschnittsmensch abenteuerlich unterwegs sein kann. Sie erzählen von prägenden Reiseerlebnissen und Träumen in der Kindheit, von jugendlichem Fernweh, von Reisen per Anhalter und mit dem Fahrrad, von epischen Autofahrten durch das einstige Jugoslawien und die Vereinigten Staaten sowie von ausgedehnten Reisen in Südamerika. Bergfahrten in den Anden, in Afrika und in den Alpen runden das Bild ab. Reisen lässt uns nicht nur die Gegenwart erleben, es führt uns auch zurück in die Vergangenheit. Wie können wir die Front zwischen Österreich-Ungarn und Italien von 1915-1918 in den Dolomiten entlang wandern, ohne des Ersten Weltkriegs zu gedenken? Wie können wir die Geschichte ignorieren, wenn wir uns in Sarajewo oder in Mostar befinden? Und wie können wir vor La Moneda, dem Präsidentenpalast in Santiago de Chile, stehen, ohne uns in Erinnerung zu rufen, dass dort im Jahr 1973 das erste Nine Eleven stattgefunden hat? Reisen ohne Hilfe von Reiseveranstaltern ist nicht frei von Risiko, aber der unabhängig Reisende wird mit intensiven Erlebnissen und unvergesslichen Erinnerungen belohnt.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über den Autor

Herbert Herzmann wurde in Wien geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte in Wien und Salzburg. Von 1975 bis 2005 war er Senior Lecturer in German am University College Dublin.

Er veröffentlichte zahlreiche Artikel über deutsche und österreichische Literatur und Bücher über Spiel und Theater. Bei tredition erschien Nationale Identität. Mythos und Wirklichkeit am Beispiel Österreichs, 2006.

Er lebt in Dublin und Wien. Seine Hobbies sind Reisen, Bergsteigen und Klettern.

Warum dieses Buch?

Man muss nicht ans Ende der Welt fliegen und Leib und Leben aufs Spiel setzen, um Abenteuer zu erleben. Eine mehrere Tage lange Radtour, eine Autoreise ins Blaue, eine Bergwanderung von Hütte zu Hütte oder die Erkundung eines fremden Landes auf eigene Faust können durchaus abenteuerlich verlaufen. Eigenständig zu reisen ist mitunter mühsam, und manchmal laufen die Dinge nicht so wie erwartet. Aber wer selbstständig reist, wird mit überraschenden Erfahrungen belohnt. Vielleicht ermutigt die Lektüre dieser Reiseabenteuer manche, die es bisher nicht gewagt haben, etwas mutiger zu reisen.

Parallel zu dieser Ausgabe erscheint bei tredition eine englische Fassung unter dem Titel Travel-Adventures 1950-2018. Europe, the Americas and Africa.

Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die Weltanschauung der Leute, welche die Welt nicht angeschaut haben. Alexander von Humboldt

Herbert Herzmann

Reiseabenteuer1950 – 2018

Europa, die Amerikas und Afrika

© 2021 Herbert Herzmann

Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

978-3-347-22546-6 (Hardcover)

978-3-347-22456-8 (Paperback)

978-3-347-22455-1 (E-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich ge-schützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öf-fentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Da-ten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Dankesworte

Vorwort

Kapitel 1: Erste Reisen und frühe Träume

1.1 Wien und Salzburg in der Nachkriegszeit

1.2 Sonne über der Adria

Kapitel 2: Die Schweiz und Frankreich 1962

2.1 Hinweg

2.2 Rückweg

Kapitel 3: Jugoslawien 1964 – 2007

3.1 Ein verschollenes Land

3.2 Novi Pazar, serbische Klöster und die Adria

3.3 Mostar 1966, 1999 und 2001

3.4 Slavische Gastfreundschaft

3.5 Eine Reise in die Geschichte

Kapitel 4: Irland 1971 und 2011

4.1 Ankunft in Irland 1971

4.2 Die Skellig Inseln 2001

Kapitel 5: USA 1993

5.1 Warum reisen wir?

5.2 Eine epische Autoreise

Kapitel 6: Deutsche Demokratische Republik 1994

6.1 Der Eiserne Vorhang

6.2 Dresden und Leipzig

Kapitel 7: Ecuador 1995 – 2005

7.1 Quito 1995: Erste Eindrücke

7.2 Rucu Pichincha 1995: Ein Abenteuer in den Anden

7.3 Guyaquil 1995

7.4 Verirrt auf dem Cotopaxi 2001

7.5 La Avenida de los Vulcanos: Baños um 2000

7.6 Ethnische Vielfalt

7.7 Das Mädchen aus dem Urwald

7.8 Der Mann aus dem Urwald

Kapitel 8: Chile 1997

8.1 Santiago de Chile

8.2 Viña del Mar am Wahltag

8.3 Die Panamericana: Weihnachten und Silvester in Chile

Kapitel 9: Venezuela 200

9.1 Caracas: Ein höheres Chaos

9.2 Ein gefährliches Pflaster

9.3 Eine Wanderung auf El Avila

9.4 Taxiräuber und Siemens-Mädchen

Kapitel 10: Brasilien 2003 und 2004

10.1 Ein Land der Zukunft

10.2 Ein Traum wurde Wirklichkeit: Brasília

10.3 Fortaleza

10.4 Die Favelas von Rio de Janeiro

Kapitel 11: Afrika 2003

11.1 Moshi und Mount Meru

11.2 Mount Kilimanjaro

Kapitel 12: Argentinien 2003

12.1 Córdoba und Buenos Aires

12.2 La Plata

12.3 Salta

12.4 Eine Reise nach Iguazú

Kapitel 13: Die österreichischen Alpen

13.1 Ein Lob auf die Langsamkeit

13.2 Der Nationalpark Gesäuse

13.3 Kletterabenteuer 2007 und 2013

13.4 Von Hütte zu Hütte: Der Karnische Höhenweg 2018

Statt eines Nachworts: Liebeserklärung an Spanien

Bilder

Titelbild: Paraty, Brasilien

Kriegswunden in Mostar 2001

Der Autor auf dem Benchoona Mountain in County Mayo

San Francisco Kirche in Quito

Die Kletterroute zum Rucu Pichincha

El Cotopaxi

Der Krater des Cotopaxi vom Gipfel aus gesehen

Markt in Otavalo

Lago Caburga mit Vulkan Villarica

In den Canyons von Morro Branco

Der Sommerpalast des Kaisers von Brasilien in Petropolis

Paraty

Samba Tänzerin

Bei Marangu

Blick auf den Kilimanjaru vom Mount Meru

Las Madres de la Plaza del Mayo

La Gran Aventura

Auf dem Michelli Strobl Klettersteig in den Dolomiten

Österreichischer Unterstand aus dem Ersten Weltkrieg

Wolayersee Hütte, Karnischer Höhenweg

Onkel Erich im Ersten Weltkrieg in den Dolomiten

Die Königsetappe des Karnischen Höhenwegs

Es gibt kein sichereres Mittel festzustellen, ob man einen Menschen mag oder hasst, als mit ihm auf Reisen zu gehen. Mark Twain

Dankesworte

Gute Gesellschaft erhöht die Freude am Reisen und vermindert den durch unerwartete Probleme entstehenden Frust. Ich bin allen dankbar, die mich auf meinen Reisen begleitet oder mir in der Fremde Gastfreundschaft gewährt haben. Viele von ihnen werden in den folgenden Aufzeichnungen erwähnt. An dieser Stelle möchte ich drei Menschen besonders hervorheben: meinen Vater Albert Herzmann, meinen Salzburger Onkel Erich Braumüller und meine Frau Ursula Willig. Mein Vater erweckte meine Reiselust, als er meiner Schwester Ilse und mir von der Zeit vorschwärmte, die er mit unserer Mutter vor dem Zweiten Weltkrieg an der Adria verbracht hatte. Onkel Erich pflanzte die Liebe zu den Bergen in mein Herz. Ursula war eine hervorragende Reisebegleiterin in den vergangenen Jahrzehnten.

Die ersten Leserinnen des Manuskripts waren Ursula, Gray Cahill, Siobhan Parkenson und meine Schwester Ilse Czerny. Ihre Kommentare und kritischen Einwände haben mir sehr geholfen. Ilse und mein Kletter- und Wanderfreund Willi Drofenik haben die Mühe des Korrekturlesens auf sich genommen.

Ihnen allen danke ich sehr herzlich!

Wer reist im Flug, der wird nicht klug. Sprichwort aus Finnland

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser!

Vermutlich lesen Sie dieses Buch, weil Sie gern reisen. Aber was erwarten Sie von einer Reise? Suchen Sie die Sicherheit des Gewohnten angereichert durch südliche Sonne und blaues Meer, oder reizt Sie die Lust auf Abenteuer? Falls Sie zur zweiten Kategorie gehören und unter Abenteuer nicht das Spiel mit dem Tod verstehen, sondern die Erfahrung von Neuem, die zwar ein gewisses Maß an Risikobereitschaft voraussetzt, aber eine Bereicherung darstellt und wertvolle Erinnerungen schafft, dann werden Sie sich in Ihrer Reiselust bestätigt finden. Sollten Sie aber jemand sein, der oder die lieber am Strand in der Sonne liegt und darauf verzichtet, das Urlaubsland besser kennenzulernen, hoffe ich, dass diese Lektüre in Ihnen die Lust erweckt, etwas mehr zu wagen. Möglicherweise sind Sie bisher davor zurückgeschreckt, auf eigene Faust zu reisen, weil sie fürchteten, sich in der fremden Sprache nicht verständigen zu können und in gefährliche Situation zu geraten. Ich kann Ihnen versichern, dass sich die Gefahren in Grenzen halten. Man kann eine abenteuerliche Reise unternehmen, ohne Leib und Leben aufs Spiel zu setzen. Es ist nicht nötig, Afrika per Fahrrad zu durchqueren oder mit dem Snowboard von Gipfeln in den Himalayas abzufahren, um etwas zu erleben.

Ich bin mein Leben lang gern gereist und die Erinnerungen an meine Reisen möchte ich nicht vermissen. Ich meine nicht nur Reisen in weit entfernte Länder, sondern ebenso Urlaube in der näheren Umgebung. Ein kurzer Aufenthalt in den Bergen, an einem See oder in einer Stadt nicht weit von zu Hause kann ebenso lohnend und aufregend sein wie eine Expedition in die Urwälder des Amazonas. Eine mehrtägige Autofahrt ins Blaue, eine einwöchige Radtour, eine alpine Wanderung von Hütte zu Hütte können durchaus abenteuerlich verlaufen.

Heute sind wir es gewohnt, überallhin zu fliegen. Dagegen ist nichts zu sagen, wenn man wenig Zeit hat, aber wer nach einigen Stunden an einem tausende Kilometer entfernten Ort ankommt, hat den Weg zum Ziel übersprungen. Fliegen beraubt uns eines wichtigen Teils der Reiseerfahrung. Ich habe es immer vorgezogen, langsam zu reisen: mit dem Zug oder dem Bus, mit dem eigenen Auto, per Autostopp, mit dem Fahrrad und zu Fuß. Eine Reise, die es verdient, eine solche genannt zu werden, soll man nicht ungebührlich beschleunigen. Der Weg ist mindestens so wichtig wie das Ziel. Auch wenn das Ziel nicht erreicht wird, bleibt der Lohn nicht aus. Er besteht aus den Erfahrungen, die man auf dem Weg gemacht hat, und den Erinnerungen an sie.

Das Folgende ist eine Auswahl von Erlebnissen, die sich am lebhaftesten in mein Gedächtnis eingeprägt haben. Sie stammen von Urlauben, von Reisen, die ich in Verbindung mit meiner Arbeit unternommen habe, sowie von Wanderungen und Klettereien in den Bergen. Es handelt sich nicht um großartige und höchst gefährliche Expeditionen in völlig Unbekanntes, sondern um die Art von Abenteuern, die jedermann offenstehen.

Glückliche Reise!

Fahre in die Welt hinaus. Sie ist fantastischer als jeder Traum. Ray Bradbury

Kapitel 1: Erste Reisen und frühe Träume

1.1 Wien und Salzburg in der Nachkriegszeit

Ich wuchs im Österreich der Nachkriegsjahre auf. Als meine Mutter kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Lager in Bayern starb, war ich eineinhalb Jahre alt. Mütter mit kleinen Kindern waren von Wien nach Bayern gebracht worden, um den Bombardierungen der Alliierten zu entgehen. Unser Vater sah sich nicht in der Lage, meine vierjährige Schwester Ilse und mich zu versorgen. Ilse kam nach Wien in die Obhut von Tante Hanna, der Schwester unseres Vaters. Ich wurde von Onkel Erich, dem Halbbruder unserer Mutter, und dessen Frau, Tante Friedl, die in Salzburg lebten, aufgenommen. Dort verbrachte ich meine frühe Kindheit und die Volksschulzeit. Als ich zehn Jahre alt war, hatte sich die Situation unseres Vaters so weit verbessert, dass er uns zu sich nehmen konnte. Ilse und ich zogen in seine Wohnung im dritten Wiener Gemeindebezirk. Zwei Jahre danach starb er völlig unerwartet. Ilse kam wieder zu ihrer Wiener Tante Hanna, und ich kehrte nach Salzburg zu Tante Friedl und Onkel Erich zurück.

Die Nachkriegsjahre in Österreich waren eine entbehrungsreiche Zeit. Das Land hatte zwar 1955 seine Unabhängigkeit wiedererlangt, aber die Wirtschaft befand sich in einem schlechten Zustand. Meine Zieheltern verfügten über genügend Mittel für die Notwendigkeiten des Lebens. Ich bekam gut zu essen und wurde gut gekleidet. Tante Friedl verstand es, Kleider selber anzufertigen, und sie war eine ausgezeichnete Köchin. Wir lebten in einer Mietwohnung, die sich in einem Haus befand, das im 17. Jahrhundert erbaut worden war und dereinst zum Besitz der Salzburger Erzbischöfe gehört hatte. Sie war geräumig und lag in einer schönen Gegend im Nonntal.

Obwohl es uns so betrachtet gut ging, hatten wir kein Geld für Dinge, die nicht unbedingt notwendig waren. Meine Zieheltern hätten gerne ein Auto gekauft, aber sie konnten sich keines leisten. Auch träumten sie davon, ein eigenes Haus zu bauen. Onkel Erich verbrachte viele Abende damit, Pläne dieses Traumhauses zu entwerfen. Es sollte niemals Wirklichkeit werden.

Die Sommerferien verbrachten wir nicht weit von zu Hause entweder in den Bergen oder an einem See. Salzburg ist mit einer herrlichen Umgebung gesegnet. Die Stadt liegt nahe der Alpen und der Seen des Salzkammerguts. Mein Onkel war ein leidenschaftlicher Bergsteiger, meine Tante zog es zu den Seen. Ihr Lieblingssee war der Wallersee, zu dem man mit dem Bus in einer halben Stunde gelangte.

Eine meiner ersten Reiseerinnerungen ist eine Bahnfahrt von Salzburg nach dem dreißig Kilometer entfernten Werfen, von wo wir mit einem von einem Maultier gezogenen Karren abgeholt und zum Mordegg, einem Alpenhotel im mächtigen Tennengebirge, transportiert wurden. Noch immer erinnere ich mich an die würzige Alpenluft und den phantastischen Blick auf die Berge des Steinernen Meers und an die fetten Kühe, die vor dem Hotel auf der Wiese grasten.

Eine andere frühe Erinnerung habe ich an eine Reise nach Bad Gastein, wo ich einige Wochen mit meiner Wiener Tante Hanna und meiner Schwester verbrachte. Ein Fiaker führte uns vom Bahnhof zum Hotel. Ich hatte ein kleines Windrad, das mir auf die Straße fiel, woraufhin ich ein so fürchterliches Geschrei erhob, dass der Kutscher anhalten musste, so dass meine Tante das Windrad retten konnte. Ich erinnere mich an das Hotelzimmer mit blauen Wänden und an das entfernte Pfeifen einer Dampflokomotive. Und dann war da noch ein Sessellift. Tante Hanna nahm mich auf den Schoß, und ich fand es ungeheuer aufregend, die Wiesen und Bäume weit unter mir zu sehen, während wir aufwärts schwebten.

Mehrere Male fuhr ich in Begleitung einer erwachsenen Person von Salzburg nach Wien, um Tante Hanna, Ilse und meinen Vater zu besuchen. Österreich war damals noch von den siegreichen Alliierten besetzt und in vier Zonen geteilt: eine französische, eine britische, eine amerikanische und eine russische. Salzburg war amerikanisch, der Osten Österreichs jenseits der Enns stand unter russischer Kontolle. Wien lag mitten in der russischen Zone und war, genauso wie Berlin, in vier Sektoren unterteilt. Wenn der Zug aus Salzburg die Stadt Enns erreichte, hielt er an, und russische Soldaten kontrollierten die Dokumente der Passagiere. Bis heute ist mir die Atmosphäre von Angst in Erinnerung, die sich im Zugsabteil ausbreitete, wenn die Russen den Zug bestiegen. Es war, als ob die Leute fürchteten, aus dem Zug herausgeholt zu werden und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Soviel ich weiß, ist das nie passiert. Die meisten russischen Soldaten waren freundlich und schienen Kinder besonders gern zu sehen.

Die Wohnung meines Vaters lag im britischen, die von Tante Hanna im amerikanischen Sektor. Man konnte problemlos von einem Sektor in einen anderen gelangen. Gegenüber Tante Hannas Wohnung in der Siebensterngasse befand sich das Kosmoskino, das von amerikanischen Soldaten und deren Wiener Freundinnen frequentiert wurde. Man konnte dort die neuesten Hollywoodfilme im Original sehen.

Wenn man der Siebensterngasse in Richtung Stadtzentrum folgte, kam man bei einer aufgelassenen Turnhalle vorbei. Sie hatte im Juli 1934 eine historische Rolle gespielt. In ihr traf sich eine Gruppe von Nazis, bevor sie zum Ballhausplatz weiterzog und den Kanzler Engelbert Dollfuß ermordete. Der Putsch wurde niedergeschlagen, und es dauerte noch weitere vier Jahre, bis das Land den deutschen Invasoren zum Opfer fiel. Als die Nazis im Jahr 1938 an die Macht kamen, benannten sie die Siebensterngasse in Straße der Julikämpfer um, im Andenken an die Attentäter, die nun als Helden der ersten Stunde verehrt wurden. Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ erhielt die Straße ihren alten Namen zurück. Setzt man den Weg von der Turnhalle weiter fort, gelangt man zur Ringstraße, dem eindruckvollen städtebaulichen Monument aus der Zeit des Kaisers Franz Josef I, und weiter in das Zentrum und in die Vergangenheit der Stadt: zu den Gartenanlagen des 19. Jahrhunderts und den barocken Gebäuden, dem mittelalterlichen Dom und den Überresten der Römerzeit. Zwischen der Ringstraße und dem Stadtkern liegt der imposante Heldenplatz mit den Statuen der Feldherrn Eugen von Savoyen und Erzherzog Karl. Auf dem Balkon der Hofburg, von dem aus man den Platz überblickt, stand am 15. März 1938 Adolf Hitler und proklamierte vor einer fanatisch jubelnden Menge die „Heimkehr Österreichs ins Reich“.

Ein kurzer Spaziergang von etwa drei oder vier Kilometern führt durch viele Schichten österreichischer und europäischer Vergangenheit. Sehr früh wurde mir bewusst, dass Reisen eng verbunden ist mit der Erfahrung verschiedener Lebensformen, politischer Situationen und historischer Erinnerungen.

Tante Hanna besaß ein Wochenendhaus in Essling, in einem östlichen Wiener Außenberzirk, der im russischen Sektor lag. Die Fahrt von der Siebensterngasse nach Essling war eine Odyssee. Zuerst nahmen wir die Straßenbahn Nr. 49 bis zur Bellaria an der Ringstraße. Von dort ging es weiter mit der Tramway T (dem „T-Wagen“) in den dritten Bezirk, wo mein Vater wohnte. Dort mussten wir in die Nr. 25 umsteigen, die uns zum Prater, Wiens legendärem Funpark, brachte. Wieder mussten wir in eine andere Straßenbahn umsteigen, ich habe vergessen, welche Nummer sie hatte. Wir fuhren durch Aspern, in dessen Mitte die Statue eines Löwen zu sehen ist. Er erinnert an die Schlacht von Aspern im Jahr 1809, in der Napoleon den Nimbus der Unbesiegbarkeit verlor, als er sich vor den Truppen des Erzherzogs Karl zurückziehen musste. Noch heute findet man in den nach der Donauregulierung verbliebenen Auwäldern viele Überreste dieser Schlacht, die grauenhaft gewesen sein muss. Nachdem wir aus der Straßenbahn ausgestiegen waren, mussten wir zu Fuß ein russisches Flugfeld überqueren, um in die Siedlung zu gelangen, in der das Wochenendhaus lag. Die startenden und landenden Flugzeuge donnerten über unsere Köpfe hinweg.

Die Bahnfahrten zwischen Salzburg und Wien waren die weitesten Reisen, die ich in meiner frühen Kindheit unternahm. Aber auch kleinere Unternehmungen waren ein Abenteuer. Tante Friedl hatte Verwandte in Bad Ischl, die wir mitunter besuchten. In den frühen Fünfzigerjahren benützten wir die Ischlerbahn. Sie war eine Schmalspurbahn, die Onkel Erichs Vater erbaut hatte. Einige Jahre später wurde diese liebenswerte Bahn aufgelassen und im Zuge des sogenannten Fortschritts durch Autobusse ersetzt. Die zahlreichen Proteste gegen diese Barbarei halfen nichts. Wir fuhren in der Regel mit einem sehr frühen Zug, um möglichst viel vom Tag zu haben. Tante Friedl verbrachte den Abend davor mit den Reisevorbereitungen. Es gab immer eine unglaubliche Menge zu tun, so als ob es eine Expedition in unbekannte Weiten zu unternehmen galt. Nicht selten kam es vor, dass meine arme Tante von den Vorbereitungen so erschöpft war, dass sie am nächsten Morgen mit heftigen Kopfschmerzen aufwachte und wir alle zu Hause blieben.

1.2 Sonne über der Adria

Nach der Beendigung der Volksschulzeit übersiedelte ich nach Wien, wo ich mit meinem Vater und Ilse in unmittelbarer Nähe der Großmarkthallen wohnte. Es waren das zwei riesige Hallen aus Eisen. In der Fleischmarkthalle gab es alle erdenklichen Fleischprodukte zu kaufen, die Gemüsemarkthalle war ein Paradies für Vegetarier. Sie waren vergleichbar mit Les Halles in Paris, die als der Bauch von Paris bekannt waren. Weder die Großmarkthallen noch Les Halles haben den Fortschritt überlebt. Les Halles wurden durch ein unterirdisches Einkaufs- und Amusement-Zentrum ersetzt, die Großmarkthallen sind einem scheußlichen Einkaufszentrum gewichen.

Unser Vater hatte nie Geld. Er besaß so wenig, dass es nicht der Mühe wert war, von einem Auto zu träumen oder gar Pläne für ein zukünftiges Haus zu entwerfen. Er hatte andere Träume, auf die ich sogleich zu sprechen komme. Er war in Banja Luka geboren und in Bosanski Novi aufgewachsen, wo sein Vater (mein Großvater) einen Posten als Chefchirurg des dortigen Spitals innehatte. Bosnien war Teil des Ottomanischen Imperiums gewesen, 1878 unter die Verwaltung Österreich-Ungarns gestellt und 1908 annektiert worden. Unser Vater hatte unsere Mutter, die in Sarajevo geboren worden war, in Belgrad kennengelernt. Dort kam Ilse zur Welt. Einen Monat nach der Geburt meiner Schwester, am 6. und 7. April 1941, wurde Belgrad von der deutschen Luftwaffe ohne jede Vorwarnung oder Kriegserklärung bombardiert. Unsere Eltern flohen daraufhin nach Wien, wo ich zwei Jahre später das Licht der Welt erblickte. Wien war zu dieser Zeit noch sicher. Die Bombardierungen der Alliierten erfolgten erst später.

In der Zeit vor dem Krieg hatten Vater und Mutter ihre Sommerurlaube an der dalmatinischen Küste verbracht. Wann immer unser Vater von der Adria sprach, dehnte er den a-Vokal in die Länge und seine Augen leuchteten auf. Die Aaaaadria stand für die schönere Vergangenheit in Jugoslawien, nach welchem Land er immer Heimweh hatte. Er erweckte in uns Kindern die Sehnsucht, möglichst bald dieses herrliche Meer mit eigenen Augen zu sehen.

Einmal sahen wir mit unserem Vater den Film Sonne über der Adria. Es ging um eine Liebesgeschichte, die an der adriatischen Küste spielte. In einer Szene sitzt der damals sehr beliebte deutsche Schlagersänger René Carol auf einer Steinmauer und begleitet sich mit der Gitarre zu einem Lied, während hinter ihm das blaue Meer leuchtet. Das Lied enthielt die Worte: Sonne über der Adria, das ist Sonne für uns zwei…. Nach diesem Film wuchs unsere Sehnsucht nach der Adria in Unermessliche. Ilse und ich bestürmten unseren Vater, mit uns in den Sommerferien dorthin zu reisen. Nicht länger wollten wir uns mit Ausflügen in den Wienerwald und zu den Schwimmbädern in der Alten Donau begnügen.

Ilse kam auf eine brillante Idee: Wenn wir jeden Tag einen kleinen Betrag, z.B. zehn Schillinge, zurücklegen, haben wir in ein bis zwei Jahren das nötige Geld für eine Reise nach Jugoslawien beisammen. Unser Vater wusste eine gute Idee zu schätzen. Wir kauften ein Sparschweinchen und fütterten es täglich mit zehn Schillingen, und es wurde langsam immer fetter bzw. voller. Leider befand sich unser Vater häufig in finanziellen Schwierigkeiten. Er schuldete Freunden Geld, das er manchmal zurückzahlen musste, es gab lästige Rechnungen für Strom und Gas, und essen mussten wir auch. Wenn er dringend Geld brauchte, nahm er etwas aus dem Sparschweinchen heraus und verprach uns, es bald zurückzugeben. Dies war ihm jedoch zumeist unmöglich, und so fand unser schöner Traum ein trauriges Ende.

Meine Sehnsucht nach dem Meer blieb noch längere Zeit unerfüllt. Als ich fünfzehn Jahre alt war – ich lebte inzwischen wieder bei meinen Salzburger Zieheltern – war ich fest entschlossen, ein Seemann zu werden. Mein Traum war es, als Schiffskapitän um die Welt zu reisen. Hamburg war das Tor zur Welt. Ich hatte diesen Ausdruck irgendwo gelesen, vielleicht in einem Buch des deutschen Reiseschriftstellers A. E. Johann. Tante Friedl hatte mir eines seiner Bücher geschenkt. Es trug den Titel Große Weltreise, und auf dem Umschlag war ein wunderschönes Passagierschiff abgebildet. Es waren die letzten Jahre der großen Passagierschiffe, die bald darauf von den Fliegern abgelöst wurden. Noch fuhren die Queen Mary und die Queen Elisabeth über den Atlantik. Trägerin des Blauen Bandes war das amerikanische Schiff United States. Es brauchte für die Überfahrt nur vier Tage.

Mein Wunsch, die Adria zu sehen, machte dem Verlangen Platz, nach Bremen und Hamburg zu reisen. Die Namen dieser Städte hatten für mich einen zauberhaften Klang angenommen. Als ich sechzehn war, fuhr ich mit meinem Schulfreund Friedemann Bachleitner per Autostopp durch Deutschland, Belgien und Holland. Unser Ziel war Hamburg. In Köln hatte Friedemann die kühne Idee, die Weiterreise per Schiffstopp zu versuchen. Wenn man Autos anhalten konnte, warum nicht auch ein Schiff auf dem Rhein? Wir gingen zum Hafen und hatten Glück. Der erste Kapitän, den wir ansprachen, war ein Holländer, der am nächsten Morgen in Richtung Rotterdam auslief. Er lud uns ein, auf sein Schiff zu kommen. Die Reise ging flussaufwärts und dauerte zwei Tage. Zum ersten Mal war ich auf einem Schiff. Es war zwar nur ein Flussschiff, aber immerhin ein Schiff, und ich war in meinem Element als zukünftiger Kapitän. In Rotterdam sah ich den ersten richtigen Hafen. Damals war es der größte Hafen der Welt. Und dann, in Scheveningen, erblickte ich zum ersten Mal das Meer, das sich in die Unendlichkeit zu erstrecken schien. Es war überwältigend.

Nicht nur das Meer erstreckte sich in die Ewigkeit, auch das flache holländische Land schien kein Ende zu haben. Die Sonnenuntergänge dauerten lange und waren wunderbar. Dennoch begann ich nach einigen Tagen die Berge zu vermissen. Ich sprach darüber mit einem Holländer, der uns im Auto mitnahm, und er sagte, dass ihm in Innsbruck der Blick in die Weite fehlte, er fühlte sich von den nahen Bergen der Nordkette gleichsam erdrückt. Mich hatten die Berge niemals beengt. Sie waren dazu da, erstiegen zu werden. Von ihren Gipfeln aus konnte man in noch weitere Fernen blicken als vom Meeresstrand oder von einer holländischen Ebene.

Sehr früh wurde mir bewusst, wie viel mir die Natur bedeutet. In den vergangenen vierzig Jahren habe ich in Irland gelebt und war immer in der Nähe des Meeres. Ich liebe das Meer, aber wenn ich in Österreich bin, fehlt es mir nicht. Die Berge hingegen suche ich, wo immer ich mich aufhalte. Ohne sie könnte ich nicht leben. In Dublin haben wir die Dubliner und Wicklower Berge vor der Haustür, aber wirklich dramatische Berge mit alpinem Flair gibt es im Westen und Südwesten der Insel in Connemara, Mayo und Kerry. Die Maam Turks und die Twelve Bins in Connemara erinnern mich an das Tennengebirge südlich von Salzburg, wo ich in meiner Kindheit oft mit Onkel Erich und unserem Schnauzer Puck wanderte. Am glücklichsten bin ich im Gebirge. Ich bin kein Seemann geworden.

Einige weitere Jahre mussten vergehen, bevor ich endlich an die Adria reiste. Ich studierte Geschichte und Germanistik in Wien, als ich mich in eine Amerikanerin verliebte, die dort Deutsch lernte. Ann war Studentin der Kunstgeschichte, und ihre Universität bestand darauf, dass sie Deutsch zumindest lesen könne. Ihr Fachgebiet war die byzantische Kunst. An der Wiener Universität lehrte damals ein international anerkannter Byzantinist, Otto Demus, dessen Vorlesungen sie besuchte. Ihre Eltern hatten ihr einen Volkswagen gekauft. Mit diesem unternahmen wir im Sommer 1966 eine mehrwöchige Reise durch Jugoslawien. Wir fuhren durch Serbien, den Kosovo und Makedonien auf der Suche nach byzantinischen Klöstern mit ihren großartigen Fresken aus dem 13. und 14. Jahrhundert: Mileševa, Sopoćani, Gračanica, Peć und andere mehr. Hier eröffnete sich mir eine neue Welt, von der ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Und in diesem Sommer war es, dass ich zum ersten Mal die Adria zu Gesicht bekam, nach der ich mich so viele Jahre lang gesehnt hatte.

Bis heute halte ich die dalmatinische Küste für die schönste der Welt. Sie ist eine Steilküste von unübertrefflicher Dramatik. Es gibt tausende kleine Buchten, zu denen man mühsam hinabsteigen muss, um ins Wasser zu gelangen. Unzählige Inseln erstrecken sich entlang der Küste. Nicht nur die Natur bietet ein großartiges Schauspiel, auch die Städte können sich sehen lassen. Da gibt es das mittelalterliche Zadar, das römische Split mit dem Palast des Kaisers Diokletian und die Perle der Adria, das von den Venezianern errichtete Dubrovnik. Mein Vater erwähnte diese Stadt oftmals, doch nannte er sie bei ihrem alten Namen: Ragusa, wobei er den u-Laut auf dieselbe Weise in die Länge zog wie das a der Adria.

Die Nordsee hatte mich einige Jahre vorher tief beeindruckt, aber die Adria ist für mich bis heute der Inbegriff allen Meeres geblieben. Es mag wohl sein, dass meine Verliebtheit zu dem Hochgefühl, das ich empfand, beitrug. Wie immer dem auch sein mag: alle meine Jugendträume, mein romantisches Fernweh und meine Wanderlust fanden hier für kurze Zeit ihre vollkommene Erfüllung.

Gegen Zielsetzungen ist nichts einzuwenden, sofern man sich dadurch nicht von interessanten Umwegen abhalten lässt. Mark Twain

Kapitel 2: Die Schweiz und Frankreich 1962

2.1 Hinweg

Ich liebe Städte. Sooft ich meine Familienangehörigen in Wien besuchte, war ich von den historischen Schichten fasziniert, aus denen sich diese Stadt zusammensetzt. Die bedeutenden Städte Europas haben unsere Geschichte in Stein und Ziegeln, in Kunstwerken, Institutionen und Lebensformen aufbewahrt. In Wien findet man Europas Geschichte auf wenige Quadratkilometer konzentriert. Mit seiner herrlichen Architektur bietet Wien auch eine Augenfreude. Dies gilt ebenso für viele andere europäische Städte, insbesondere für Paris. Schon sehr früh träumte ich nicht nur davon, die Adria zu sehen, einer meiner innigsten Wünsche war es auch, nach Paris zu reisen. Nachdem ich die höhere Schule mit der Matura abgeschlossen hatte, wollte ich nicht länger warten. Da keiner meiner Freunde Lust hatte, mit mir zu kommen, beschloss ich, alleine mit dem Fahrrad von Salzburg nach Paris zu fahren.

Anfang Juli fuhr ich von Salzburg weg. Die Fahrt durch das gebirgige Tirol und über den Arlberg war anstrengend. Ich brauchte mehrere Tage, bis ich die Schweizer Grenze erreichte. Mein erstes Ziel war Dornach bei Basel. Dort befindet sich das Goetheanum, das Weltzentrum der Anthroposophie. Einer meiner Klassenkameraden, Mario, war Anthroposoph und verbrachte jeden Sommer dort. Er hatte versprochen, mir im Goetheanum einen Job zu verschaffen, damit ich Geld für die Weiterreise verdienen könne. Auch Unterkunft hatte er mir zugesichert.

Vor meiner Ankunft in Dornach wusste ich absolut nichts über Anthroposophie. Nun erfuhr ich, dass die Waldorf Schulen von den Anthroposophen geführt werden und dass die Anthroposophie eine Bewegung ist, die antiautoritären und holistischen Prinzipien folgt, dass sie organische und biodynamische Landwirtschaft pflegt und dass es sogar eine alternative anthroposophische Medizin gibt. Es gibt auch eine anthroposophische Architektur, deren bestes Beispiel das Goetheanum ist. Bedeutende moderne Architekten wie Richard Neutra, Le Corbusier, Henry van der Velde, Eero Saarinen, Frank Lloyd Wright, Erich Mendelsohn und Hans Scharoun waren von ihr beeinflusst. Der Gründer der Anthroposophie war der österreichische Philosoph Rudolf Steiner (1861 – 1925).

Mario stellte mich Herrn K, dem Oberhaupt der Putzbrigade, vor, der sich bereiterklärte, mich in seine Dienste zu nehmen. Hier war ich nun und arbeitete unermüdlich, um genug Geld für meine Reise nach Paris zu verdienen. Herr K war ein kleiner und zierlicher Mann, der immer eine dicke Zigarre im Mund hatte. Er organisierte die Reinigungsarbeiten so, als ob es sich um eine gewaltige militärische Operation handelte. Wir wurden nach unserer Leistung bezahlt. Wer viel und gründlich putzte, erhielt mehr, Faulpelze bekamen weniger.

Jeden Tag bereitete Herr K ein herrliches Müsli zu. Er füllte ein riesiges Fass mit saurer Milch, Früchten, Nüssen und Haferflocken und rührte die Mischung eifrig um, während er die brennende Zigarre im Mund hatte. Das bisschen Asche, das in das Fass fiel, beeinträchtigte den Geschmack in keiner Weise. Wann immer wir Lust hatten, tauchten wir eine Schüssel in die Mischung und schöpften daraus. Alle Gebote der Hygiene wurden ignoriert. Niemand wurde krank, und niemals wieder habe ich so ein gutes Müsli genossen.

Das Heizhaus des Goetheanums, in dem wir Reinigungskräfte untergebracht waren, sah aus wie eine steinerne Flamme. Dort schliefen wir nicht nur, wir bereiteten auch unsere Mahlzeiten zu. Theo, ein junger Holländer, kochte für uns alle. Er war ein guter Koch, der sich um Hygiene noch weniger kümmerte als Herr K. Seine Schürze wurde niemals gewaschen, und er benützte dasselbe Tuch, um das Geschirr zu trocknen und den Boden aufzuwischen. Wir waren eine fröhliche Gemeinschaft und erfreuten uns bester Gesundheit.

Alle Anthroposophen, die ich kennenlernte, waren reizende Menschen. Sie waren zartfühlende und tolerante Naturen und überzeugte Pazifisten. Die meisten von ihnen verbrachten einige Wochen im Goetheanum, um an Kursen, Konzerten, Theatervorstellungen und Vorlesungen teilzunehmen. Einmal besuchte ich ein Konzert. Ein Streichquartett von Mozart wurde aufgeführt und simultan von einer Tanzgruppe in Bewegung übersetzt. Die holistische Weltauffassung ging davon aus, dass alles mit allem verbunden ist, und dass beispielsweise körperliche Bewegungen in Musik übertragen werden können und umgekehrt.

Ein anderes Mal wohnte ich einer Aufführung von Alexanders Wandlung bei, eines 1953 von Albert Steffen verfassten Theaterstücks. Albert Steffen hatte nach dem 1925 erfolgten Tod Rudolf Steiners dessen Nachfolge als Präsident der Anthroposophischen Gesellschaft angetreten. Alexanders Wandlung ist ein sehr langes Stück, von dem ich kein Wort verstand. Später las ich, dass es die Reise Alexanders des Großen darstellt, die dieser nach seinem Tod durch die Regionen des Geistes unternimmt, bis er wieder zur Erde zurückkehrt. Parallel zu Alexanders Wanderung und Wandlung werden die sich andauernd verändernden Verhältnisse auf der Erde gezeigt. Obwohl ich nichts verstand, beindruckte mich die Sprache. Die Schauspieler bedienten sich weder einer prosaischen noch einer gehobenen Sprache, wie man sie aus der klassischen Tragödie kennt, sondern einer Sprache, die sich zwischen normalem Sprechen und Gesang bewegte, ohne eines von beiden zu sein. Und Rezitativen war sie auch nicht ähnlich. Am ehesten mag man sie als expressiv oder expressionistisch beschreiben. Manche Vokale wurden extrem in die Länge gedehnt, die Lautstärke schwankte, manchmal hörte man fast nichts, dann wieder schwoll der Ton gewaltig an, die Tonhöhe ging auf und ab. Alles war Klang, Rhythmus und Bewegung. Man erzählte mir, dass bei besonderen Anlässen Faust I und Faust II auf diese Weise aufgeführt werden.

Eines Morgens putzte ich auf den Knien rutschend vor mich hin und pfiff, während ich mich einer Ecke näherte, die Melodie von Papagenos Arie Der Vogelfänger bin ich ja aus Mozarts Die Zauberflöte. Plötzlich hörte ich, wie jenseits der Ecke jemand die Melodie aufgriff und weiterführte. Gleich darauf stieß ich mit dem Pfeifer zusammen. Er hieß Tony und war ein Student aus England, der mit seinem Freund Phil im Goetheanum arbeitete, um Geld für die Weiterreise zu den Salzburger Festspielen zu verdienen. Tony und Phil waren keine großartigen Arbeiter und verdienten daher nicht genug, um sich die Reise nach Salzburg leisten zu können. Herr K hielt nicht viel von ihnen und nannte sie immer nur die Tommies. Die Arbeitsmoral dieser beiden Tommies mag nicht dem Schweizer Standard entsprochen haben, aber sie waren sehr liebenswürdige Menschen, mit denen ich mich schnell befreundete. Beide studierten Geschichte und wollten Lehrer werden.

Im folgenden Sommer besuchte mich Tony in Salzburg und wohnte mehrere Wochen bei mir bzw. bei meinen Zieheltern. Danach fuhr ich mit ihm nach England und verbrachte längere Zeit in Littleport in der Nähe von Ely im Haus seiner Eltern. Tony interessierte sich sehr für lokale Geschichte. Die Kathedrale von Ely kannte er bis ins kleinste Detail und er hatte Zugang zu allen möglichen Teilen dieses großartigen Bauwerks, die der Öffentlichkeit normalerweise verschlossen waren. Mit Phil verlor ich den Kontakt, aber Tony wurde ein lebenslanger Freund.

2.2 Rückweg

Auf dem Weg zurück von Paris machte ich eine weitere unvergessliche Erfahrung. Nachdem ich einen Tag lang von Paris in Richtung Straßburg geradelt war, kam ich am Abend nach Fère Champenoise, einem kleinen Ort in der Marne-Region. Da es bald dunkel wurde, machte ich mich auf die Suche nach einem Hotel oder einer Herberge, konnte jedoch nichts finden. In meinem armseligen Französisch fragte ich eine Frau, die gerade vorbeiging, ob sie wüsste, wo ich eine Unterkunft finden könne. Sie bot mir an, in ihrem Haus zu übernachten. Nachdem wir einige Minuten schweigend nebeneinander hergegangen waren, fragte sie mich, woher ich sei. Als ich sagte: Autriche, leuchteten ihre Augen auf und sie rief: Ah Autriche! Madame D stammte aus der Tschechoslowakei und hatte einen Franzosen geheiratet. Sie freute sich, mich zu sehen, als ob ich ein Landsmann wäre. Zwar hatten wir seit 1918 keinen gemeinsamen Staat mehr, doch teilten wir immer noch dasselbe mitteleuropäische Erbe. Sie gab mir ein gutes Abendessen, ein komfortables Bett und ein reichliches Frühstück. Während des Abendessens erzählte sie mir, dass sie eine kleine Wohnung in Neuilly sur Seine in unmittelbarer Nähe von Paris besitze, die sie mir gerne zur Verfügung stellen würde, sollte ich wieder einmal nach Paris kommen. Zum Abschied am Morgen packte sie mir eine Flasche Wein und hausgemachte Powidltascherln ein. Diese sind eine herrliche tschechische Mehlspeise, die auch in Österreich sehr beliebt ist.

Mit Madame D verblieb ich in losem Briefverkehr. Als ich ihr nach einigen Jahren schrieb und fragte, ob ihr Angebot immer noch gelte, erhielt ich von ihrem Mann die schockierende Nachricht, dass sie vor einigen Monaten vor dem Haus von einem Auto überfahren worden und an den Folgen diese Unfalls gestorben war.

Mein Aufenthalt in Paris fiel zwischen meine Zeit im Goetheanum und den Beginn meiner Freundschaft mit Tony auf der einen und meine Begegnung mit der liebenswürdigen Madame D auf der anderen Seite. Paris war mein Ziel, aber meine Erinnerungen an diese wunderbare Stadt sind vage. Viel mehr haben sich die Tage im Goetheanum in mein Gedächtnis eingegraben. Ich nahm von dort eine Freundschaft mit, die erst vor wenigen Jahren endete, als Tony starb. Und die liebe Madam D werde ich nie vergessen. Der Weg nach Paris und zurück hinterließ tiefere Spuren als Paris selbst.

Es ist nicht nötig, hier die Schönheiten dieser herrlichen Stadt zu beschreiben und ihre kulturellen Monumente zu lobpreisen. Ich wohnte in einer Herberge der UNESCO, die ich mir gerade noch leisten konnte. Zum Frühstück gab es café au lait und eine baguette mit Butter. Da mein Geld knapp war, vermied ich es, den öffentlichen Verkehr zu benützen und erforschte die Stadt per Fahrrad und zu Fuß. Oft war ich genötigt, Leute zu fragen, wie ich da oder dorthin gelange, was mir die Gelegenheit gab, mein Französisch aufzupolieren. Im Gegensatz zu dem, was ich über die angebliche Schroffheit und Arroganz der Pariser gehört hatte, fand ich die meisten Leute ausnehmend freundlich und charmant. Manchmal begleitete mich der eine oder andere Gast der Herberge auf meinen Spaziergängen. Einer davon war ein junger Mann aus Indien, der wissen wollte, was der Unterschied zwischen einer romanischen und einer gotischen Kirche sei. Ich tat mein Bestes, es ihm zu erklären. Die meiste Zeit über war ich hungrig. Alles, was ich mir leisten konnte, waren Hot Dogs und pommes frites. Kein Wunder, dass ich nach einer Woche vollkommen erschöpft war.