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Jahre nach der Matura ergibt sich für die beiden Freunde Hannes und Thomas die Gelegenheit mit einem Bus von Indien nach Europa zu fahren. Das Abenteuer beginnt. Doch bei der Einreise nach Pakistan kommt es zu Schwierigkeiten, mit denen die beiden nicht gerechnet haben. Die Zeit tickt. Wenn sie es nicht schaffen innerhalb der nächsten paar Tage nach Pakistan zu kommen, waren alle Vorbereitungen umsonst. Die Reiseroute von Indien, Pakistan, Iran und weiter in die Türkei nach Europa war schon immer eine Transitroute, die Europa mit Asien verbindet. Auf dieser Route lernen die beiden Freunde Hannes und Thomas viele Menschen, andere Kulturen und Geschichten aus längst vergangenen Tagen kennen. Eine auf Tatsachen basierende Geschichte von zwei Freunden und einer Reise, die dem Weg der Blumenkinder der 1960er und 1970er Jahre auf der Suche nach dem Sinn des Lebens folgt. Der Autor nimmt den Leser mit auf diese Reise. Es geht darum, die Eindrücke und Erlebnisse, die man auf so einer Fahrt hat, dem Leser zu vermitteln und ihn in eine andere Welt eintauchen zu lassen. Neben dem Abenteuer, den Eindrücken und den Erlebnissen werden auch andere Aspekte wie die Geschichte, die Kultur und die Kulinarik in den Text eingebunden. So entsteht ein umfassendes Bild einer unvergesslichen Reise.
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2025
© Uni-Press Graz Verlag GmbH., 2022
Alle Rechte vorbehalten.
www.unipress-graz.at
Fotos: © Thomas Edler
Lektorat: Elisabeth Stadler | Zwiebelfisch
Satz: Chris Mayr
Druck und Verarbeitung: Servicebetrieb ÖH-Uni Graz GmbH
ISBN 978-3-902666-91-8
In 32 Tagen von Indien nach Europa
Thomas Edler
Nobody Knows
PROLOG
Time Flies
DER JAHRESZYKLUS
As Time Goes by
KLASSENTREFFEN NACH 15 JAHREN
A Plan Arises
WIE ALLES SEINEN ANFANG NAHM
The First Step
ANFANG APRIL 2008 – NEU-DELHI
Indischer Teil
DER PUNJAB
The Golden Temple
AMRITSAR
The Challenge
WAGAH BORDER
Pakistanischer Teil
DER PUNJAB
The Walled City
LAHORE
Gefangen in der Tradition
FRAUEN IN PAKISTAN
On the Road
VON LAHORE NACH DERA GHAZI KHAN UND WEITER NACH QUETTA
Gerichte, die man probieren sollte!
DIE KÜCHE PAKISTANS
Die Energiequellen der Zukunft
WASSERKRAFT IN PAKISTAN
Pakistanischer Teil
BELUTSCHISTAN
Hauptstadt von Belutschistan
QUETTA
Der indo-pakistanische Konflikt
Unterwegs auf alten Karawanenwegen
DURCH DIE WÜSTE VON BELUTSCHISTAN NACH DALBANDIN
Gewürze und Gewürzhandel
Der weite Weg durch die Wüste
VON DALBANDIN NACH TAFTAN UND WEITER BIS NACH BAM
Die Drogenroute
VON SCHMUGGLERN UND GRENZSCHÜTZERN
Machtkampf im frühen Islam
DIE NACHFOLGE DES PROPHETEN UND DER URSPRUNG DER SCHIITEN
Der Süden des Iran
BAM
Die nächste Oasenstadt
KERMAN
Geschichte des modernen Iran
Revolution mit Kamera und Kassette
Der Garten des Iran
SCHIRAS
Das Paradies auf Erden
DER IRANISCHE GARTEN
Der Kampf ums Öl
DER ERSTE GOLFKRIEG
Die Stadt der Perser
PERSEPOLIS
Mythos und Wirklichkeit
ALEXANDER DER GROSSE
Die Hälfte der Welt
ISFAHAN
Die goldene Zeit Isfahans
DAS ZEITALTER DER SALAWIDEN
Geometrische Muster
ISLAMISCHE KUNST UND DIE PENROSE PARKETTIERUNG
Persische Küchen-Klassiker
Der grüne Teppich
LAHIDSCHAN
Ein einzigartiges Ökosystem
DAS KASPISCHE MEER
Die Adlerburg und die Politik der Klinge
DIE ASSASSINEN
Der heilige Platz
ARDABIL
The Great Game
DAS GROSSE SPIEL
Wie Phönix aus der Asche
TÄBRIS
Hohe Berge und armenische Fürstentümer
OSTANATOLIEN
In the Middle of East Anatolia
ERZURUM
Schicksal und Untergang
DIE ARMENIER
Die Hauptstadt der Hethiter
VON ERZURUM NACH BOĞAZKALE
Die Entzifferung der Hieroglyphen
IDEOGRAMME, PIKTOGRAMME UND EIN PHONETISCHES ALPHABETH
Die große Waschung
VON BOĞAZKALE NACH YALOVA UND WEITER NACH ISTANBUL
Hagia Sophia and the Pudding Shop
ISTANBUL
Der Vierte Kreuzung von 1201 bis 1204
Timeskip
ISTANBUL
Heimwärts
DIE LETZTE ETAPPE
Dieses Buch ist allen Overland-FahrerInnen gewidmet, die den Mut aufgebracht und die Mühe nicht gescheut haben, auf eigene Faust in eine ferne Welt aufzubrechen.
Die Fliegen ziehen ihre Kreise. Einmal sitzen sie hier, einmal sitzen sie dort, einmal sitzen sie auf meiner Hand. Ein leichter Wind sorgt für eine kühle Brise. Es ist April. Die Trockenzeit steht kurz bevor. Wenn wir hier noch ein paar Wochen anhängen, dann können wir erleben, wie sich dieser Subkontinent erwärmt und den Fliegen ihre letzte Energie raubt. Nicht nur den Fliegen. Auch den Menschen. Alle stöhnen unter dieser Hitze. Nicht einmal in der Nacht kühlt sich dann die Luft ab. Die Luft steht still in diesen heißen Monaten und alle halten den Atem an. Was hat uns hierher verschlagen? Die Abenteuerlust oder der Frust des Alltags? Wer weiß das schon so genau. Wir sitzen seit Tagen hier fest. Nichts rührt sich. Nichts bewegt sich. Außer den Fliegen, meine ich. Jeden Tag die gleiche Zeremonie: aufstehen. Bohnen zum Frühstück essen und dazu Tee trinken. Wir sitzen im „Nowhere’s Land“ an der indischen Grenze zu Pakistan. Dort sind wir nicht alleine. Eine ganze Schar von Offizieren und anderen Bediensteten arbeitet da. Es gibt hier praktisch nichts zu tun. Es gibt keinen Grenzverkehr. Es gibt keinen Grenzkonflikt. Nichts. Nichts außer Fliegen, die die ganze Zeit um uns herumkreisen. Der Hannes untersucht gerade das Auto. Er schaut sich den Motor und das Getriebe einmal an, hat er gesagt. Ich weiß nicht, ob man so den Zustand des Autos einschätzen kann. Deshalb mach ich mir diese Mühe erst gar nicht. Als wir hierherkamen, war das Auto auf Blöcken aufgebockt und voller Staub. Jetzt haben wir den Staub außen heruntergewaschen und ihn aus dem Inneren mit einem feuchten Fetzen herausgewischt. Eigentlich wollten wir das Auto nur übernehmen und dann gleich nach Pakistan weiterfahren. Ja, wir wollten in Indien nur ein paar Tage bleiben und dann unsere Reise nach Europa antreten. Das war der Plan. Aber Pläne zählen hier nicht viel.
Ein Jahr vergeht wie im Flug. Das Jahr hört auf und fängt zu Silvester wieder neu an. Raketen werden in den Himmel geschossen, es wird mit Sekt angestoßen und dazu Schweinerüssel mit Kren gegessen. Das neue Jahr wird dann am nächsten Tag auch noch mit dem Wiener Neujahrskonzert musikalisch begrüßt und damit sind wir wieder auf Schiene. Ein paar freie Tage bis zum Heilige-Drei-Könige-Tag und schon sitzt man endgültig wieder im Büro – das neue Arbeitsjahr hat begonnen. Es läuft dahin. Die Bilanzen müssen fertig werden, die Abrechnungen des letzten Jahres müssen noch raus. Was gibt es sonst noch für Projekte, die heuer umgesetzt werden müssen? Und der Terminkalender ist voll. Kaum hat man seinen Kaffee in der Hand, sitzt man schon am Computer und liest seine E-Mails. Vielleicht geht sich noch kurz ein Wochenende in Obertauern zum Skifahren aus oder man geht ab und zu ins Kino oder zu einem Jazzkonzert. Aber ansonsten hat der Ablauf des Alltags einen fest im Griff. In der Früh aufstehen, noch schnell einen Kaffee trinken, Zähne putzen, rasieren, es geht dahin. Die Anfragen erledigen und die Unterlagen für die neu zu errichtende Fischtreppe durcharbeiten. Die Behörde macht dort schon gewaltig Druck. Die Durchgängigkeit der Flüsse solle bis Ende des Jahres gewährleistet sein. Die Ökologie muss sich verbessern. Dazu muss man Experten zurate ziehen. Wie sieht so ein Ding überhaupt aus, was muss es können? Die Zeit rennt. Die Tage vergehen. Den Geburtstag meines jüngsten Sohnes hab ich wieder vergessen. Es ist zum Davonrennen. Den meiner Frau darf ich nicht vergessen. Das hätte zwar keine fatalen Folgen, aber sie ist dann sicher für einen Monat leicht verschnupft. Man kann sich ausdenken, was das bedeutet. Nein. Ich werde den Geburtstag meiner Frau im Kalender rot vermerken und ihr Blumen mitbringen. Das Jahr geht dahin. Der Schnee ist bereits weg. Alle freuen sich schon auf Ostern und auf die Ostereier und auf das erste Grün im Garten. Das Projekt beginnt ebenfalls zu laufen. Wir haben den Sachverständigen die Unterlagen bereits geschickt und warten auf deren Stellungnahmen. Die Bilanzen sind auch fertig und es gibt einen Termin mit dem Steuerberater. Die Urlaubsplanung steht noch an. Wo wollen wir dieses Jahr denn hinfahren? Nach Italien will heuer keiner mehr. Der ganze Rummel hat alle abgeschreckt. Fahren wir nach Griechenland oder in die Türkei? Noch steht alles in den Sternen. Es wird diskutiert und die Prospekte liegen auf dem Tisch. Zu lange sollten wir mit der Buchung nicht warten. Dann ist alles voll. Es geht dahin. Der Urlaub ist gebucht. Die Sachverständigen sind zufrieden. Die Blumen als Geburtstagsüberraschung für meine Frau habe ich besorgt. Die E-Mails sind abgearbeitet und die Bilanz ist draußen. Es geht in den Urlaub. Wir fahren dieses Jahr nach Griechenland. Es gibt einen Direktflug von Graz nach Thessaloniki. Alle sind zufrieden. Am Abend wird gemütlich in einem Restaurant mit Meerblick zu Abend gegessen. Es geht dahin. Der Sommer ist vorbei. Die Kinder in der Schule. Der Bescheid für die Fischaufstiegshilfe wird nach der Verhandlung mit der Behörde ausgeschickt. Eine Bergtour mit ein paar Freunden im Gesäuse geht sich übers Wochenende aus. Der Ausblick ist grandios, die Anstrengung nimmt uns ganz schön mit. Das Jahr geht dahin. Die Tage werden kürzer. Mit der Zeitumstellung fallen wir wieder in ein schwarzes Loch. Jetzt ist nicht mehr lange bis zum Advent. Advent, Advent, das erste Lichtlein brennt. In dreieinhalb Wochen ist Weihnachten. Ich muss noch alle Geschenke besorgen. Der Bau des Fischaufstieges muss bis vor Weihnachten abgeschlossen sein. Alle Zählerstände ablesen. Den Materialfluss überwachen. Es geht dahin. Weihnachten steht vor der Tür. Die ruhige Zeit beginnt. Ein gemütlicher Weihnachtsabend mit Tannenbaum und vielen Geschenken. Es ist sich alles ausgegangen. Aber man muss rennen. Nur nicht stehenbleiben. Es geht dahin. Und wieder wird Silvester gefeiert und das Jahr ist zu Ende. Raketen werden in den Himmel geschossen, es wird mit Sekt angestoßen und dazu Schweinerüssel mit Kren gegessen.
Die Jahre kommen und gehen. Nach der Schulzeit hat sich die Klasse sofort aufgelöst und jeder ist seinen Weg gegangen. Die kleineren Gruppen sind untereinander in Kontakt geblieben. Alle paar Jahre gibt es ein Klassentreffen, bei dem wir alle wieder an einem Tisch sitzen und reden. Die ersten paar Male sind fast alle gekommen. Die Jahre vergehen und irgendwann waren 15 Jahre vergangen, seit wir maturiert haben, und aus diesem Anlass organisieren wir wieder ein Klassentreffen. Sonst treffen wir uns nur zufällig bei der einen oder anderen Gelegenheit noch immer beim Fritz. Dort gehören wir jetzt eigentlich schon zu den älteren Besuchern, aber man kann da einfach so hingehen, ohne sich vorher zusammenzureden, und trifft meist irgendwen, den man kennt. Bei diesem Treffen im Juni 2007 lade ich auch Evelin ein. Es ist schon lange her, dass ich sie gesehen habe, und ich denke mir, dass die Gruppe nicht vollständig ist, wenn sie fehlt. Und so kommt es, dass ich ihre E-Mail-Adresse ebenfalls auf den Verteiler setze. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum dann viele Schüler zum Treffen gekommen sind. Wahrscheinlich wollten sie auch mit ihr reden und sie wiedersehen. Bei jedem Treffen hat es Diskussionen und Spekulationen wegen ihr gegeben. Niemand wusste etwas Konkretes, alles, was man so über drei Ecken irgendwie aufgeschnappt hat, hat man erzählt. Die Gerüchteküche war am Brodeln und jeder hat so seine Zutaten hineingegeben. Und so sitzen wir zusammen beim Reinisch und diskutieren wieder einmal herum. Dieser Artikel verspricht Life-Changing-Experiences bei den vorgeschlagenen Outdoor-Aktivitäten, sagt der Rene. Naja, das kann man so oder so auslegen. Man steigt auf den Mount Everest und kommt mit drei Zehen weniger wieder zurück, kommentiert der Otto. So ein Abenteuer fällt auf jeden Fall in die Kategorie Life-Changing-Experiences, meint der Hannes. Aber vielleicht gibt es auch Life-Changing-Experiences in kleinen Schritten. Vielleicht sollte man nicht gleich alles in eine Waagschale werfen, sondern sich vorsichtig vorwärtstasten, bringt sich die Nina in die Diskussion ein. Und doch gibt es von Zeit zu Zeit Situationen, die einem eine Entscheidung abverlangen. Die einem nur die Möglichkeit geben, so oder so zu handeln. Wie eine Weggabelung auf einer Wanderung. Man kann grundsätzlich in beide Richtungen gehen, je nachdem, wo man hinmöchte. Man kann grundsätzlich nach links oder nach rechts gehen, aber man kann nicht in beide Richtungen zugleich gehen. Dort steht man dann und muss sich entscheiden, sagt die Selina dazu. Und solche Diskussionen sind es, die uns momentan beschäftigen. Einfach nur eine einzige Entscheidung kann der Unterschied sein, meint der Hansi. Gehe ich nach rechts oder doch nach links. Gehe ich geradeaus oder besser wieder zurück. Beides kann zu irgendeiner bestimmten Zeit richtig oder falsch sein. Und so geht es weiter, den ganzen Abend lang. Es ist ungefähr die Hälfte der ehemaligen Klasse gekommen und jeder bringt sich in die Diskussion, die gerade läuft, ein. Am Anfang des Treffens war es der Hannes, der als ehemaliger Klassensprecher alle begrüßt und dann von seinen Schwierigkeiten bei der Organisation dieses Treffens erzählt. Und jetzt haben wir bereits gegessen und die Diskussion dreht sich schon die ganze Zeit um Life-Changing-Experiences. Wie sind wir überhaupt auf dieses Thema gekommen? Ach ja, der Ronny hat uns eine Geschichte erzählt, über einen Mann in Kalifornien, der Heliumballone an einen Gartenstuhl angebunden und dann das Tau, das den Stuhl auf dem Boden hielt, gekappt hat. Für seine Exkursion hat er mehrere Sandwiches, einige Flaschen Bier und ein Luftdruckgewehr mitgenommen. Mit der Waffe wollte er die Heliumballone einen nach dem anderen abschießen, um so sachte zu landen. Dummerweise hat er das Gewehr während des Fluges fallengelassen. Piloten, die am nahegelegenen L.A. Airport starteten, sahen den Gartenstuhlflieger hilflos rund vier Kilometer hoch am Himmel schweben und alarmierten die Polizei. Die fand den Wagemutigen nahe dem Boden, verheddert in einer Hochspannungsleitung. Gefragt, was er sich bei der Sache gedacht habe, hatte er geantwortet: „Ein Mann kann nicht einfach nur herumsitzen“. Von uns hat niemand wirklich Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt. Eigentlich hat jeder den normalen Karrierepfad gewählt und sich so durchs Leben geschlagen. Die meisten sind verheiratet und haben Kinder. Einige sind nach Deutschland gegangen. Die einzige Life-Changing-Experience, die ich eventuell vorzuweisen habe, ist, dass ich vor einem Jahr einen Halbmarathon gelaufen bin. Knapp unter zwei Stunden, aber immerhin. Das Training war schon eine Herausforderung und ich habe mir damit einen Jugendtraum erfüllen können. Der Hannes und ich haben damals ausgemacht, dass wir einen ganzen Marathon laufen werden, aber ich habe im letzten Moment umgeschwenkt und habe mich für den Halbmarathon entschieden. Wir waren ungefähr gleich gut vorbereitet und haben auch einige Male zusammen trainiert. Aber der Hannes ließ sich nicht umstimmen und ist dann alleine die ganze Distanz gelaufen. Der Lauf an und für sich war echt lustig. Wir waren im dritten Startfeld und sind dann die ersten Kilometer ganz locker gelaufen. Irgendwann hat der Hannes sein Tempo gesteigert und ich bin zurückgefallen. So bin ich dann alleine weiter und habe bei jeder Trinkstation einen Becher Wasser gekippt. Überall haben mich die Menschen angefeuert und ab und zu gab es sogar Bands, die an irgendeiner Ecke gespielt haben. Aber als Läufer bekommt man solche Dinge nur am Rand mit. Man versucht, seinen Rhythmus zu finden und dann wie in Trance dahinzulaufen. Das war also die einzige Life-Changing-Experience, von der ich berichten konnte. Und ich weiß nicht einmal, ob dieses Ereignis wirklich mein Leben verändert hat. Laufen war schon immer mein Lieblingssport – so kann ich mich fit halten. Der Halbmarathon war zwar schon eine Herausforderung und hat einiges an Training gefordert, aber mein Leben hat er nicht verändert. Ich weiß auch nicht genau, wie wir bei diesem Thema gelandet sind. Wir hätten ja über so viele Dinge reden können und jetzt reden wir die ganze Zeit über Dinge, die eigentlich niemand gemacht hat und wahrscheinlich niemand von uns machen wird. Offenbar sind wir an einem Wendepunkt in unserem Leben angekommen und vielleicht ist das der Grund, warum wir darüber reden. Wir können nicht glauben oder wir wollen einfach nicht glauben, dass das jetzt schon alles gewesen ist. Da muss es ja noch ein paar Herausforderungen geben, bevor wir uns in die Pension begeben. Irgendwelche Träume, irgendwelche Abenteuer, die da draußen auf uns warten. Der Hannes meint, er hat jetzt mit dem Tennisspielen angefangen. Und die Michaela hat sich ein neues Mountainbike mit einer Federgabel gekauft. Auch nicht schlecht. Eine Federung beim Fahren – vor allem wenn es bergab geht – konnte ich mir bis jetzt nicht vorstellen. Doch jetzt sitzt dieser Floh in meinem Gehirn und wahrscheinlich werde auch ich mir bei der nächsten Gelegenheit so ein Rad zulegen. So laufen die Dinge. Sag niemals nie. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man dann umdenkt und alles, was man sich bis dahin nicht vorstellen konnte, doch in Betracht zieht. Und so hat sie uns fest im Griff. Die Midlife-Crisis meine ich. Niemand will zum alten Eisen gehören und jeder hat noch große Pläne. Und so erzähle ich den anderen von einer Reise, die meine Brüder Stefan und Andreas dieses Jahr gemacht haben. Mit einem geländegängigen Fahrzeug sind sie von hier in die Türkei und weiter bis nach Indien gefahren. Das Fahrzeug haben sie in Indien zurückgelassen, nachdem sie nach über vier Wochen noch immer kein Transitvisum für den Iran bekommen konnten. Und so steht dieses Fahrzeug noch immer dort, wo sie es stehengelassen haben, und wartet darauf, dass es jemand holt. Und ich frage so in die Runde, ob jemand vielleicht Interesse hat, so eine Reise zu machen. Die Meinungen gehen auseinander. Der Rudi meint, sein Urlaub sei bereits verbraucht, und der Horst sagt, so eine Route sei nicht auf seiner Wunschliste, und die Selina schüttelt nur den Kopf. Also will doch niemand Life-Changing-Experiences machen, wenn sie sich so unverhofft auftun. Wie wäre es mit einer leichteren Herausforderung. Habt ihr schon einmal darüber nachgedacht, euer Gedächtnis zu trainieren? Das wäre ja etwas, was man ohne viel Risiko tun kann, oder?, meint der Sigi. Alle in der Runde schweigen. Über so etwas hat noch nie jemand nachgedacht. Ich muss mir die Sache erst einmal durch den Kopf gehen lassen. Aber ihr wollt doch irgendetwas machen, damit ihr noch nicht zum alten Eisen gehört, oder?, hakt der Sigi nach. Und eure Zehen wollt ihr dabei auch nicht unbedingt riskieren, wenn ich das richtig verstanden habe. Also, was ist los mit euch, seid ihr dabei? Ich weiß nicht so recht, meint die Lea, ich habe zwei Kinder, um die ich mich tagein, tagaus kümmern muss, und jetzt soll ich auch noch Gedächtnisübungen machen? Mir reichen die Yoga-Übungen schon, die ich jeden Tag machen muss. Die Sache geht so, sagt der Sigi, wir nehmen 32 Spielkarten und mischen sie und dann lege ich eine nach der anderen vor euch hin und lege sie wieder zurück in den Stapel. Und dann solltet ihr der Reihenfolge nach wissen, welche Karte ich euch gezeigt habe. Ok, Leute, das Spiel gilt. Beim nächsten Treffen werden wir sehen, was wir draufhaben, meint der Rudi. Meinetwegen, aber erwartet euch nicht zu viel, meint die Lisa. Und so endet auch dieses Treffen.
Ich sitze gerade am Küchentisch bei mir zu Hause und esse zu Mittag. Heute gibt es ein leckeres Huhn und dazu Kartoffeln aus der Pfanne. Es sind die üblichen Gespräche, die wir hier führen. Über die Firma, über das, was man am Wochenende so macht, oder über Themen, die gerade aktuell sind. Am Ende des Essens fragt mich mein Bruder, ob ich nicht Lust hätte, mit seinem Auto von Indien nach Europa zu fahren? Und ich antworte, dass ich das nicht alleine mache, aber wenn jemand mitfährt, bin ich dabei. Mein Bruder fragt, ob ich schon mit Mex geredet habe? Nein, sag ich, aber das wäre sicher eine Idee. Wenn er es sich zutraut, können wir darüber reden.
2007 legten die Juristen die Handlungsfähigkeit des Regimes in Pakistan praktisch lahm. Am 9. März 2007 setzte Musharraf den Obersten Richter des Landes, Muhammad Chaudhry, ab, um eine gegen ihn gerichtete Untersuchung zu beenden. Der Oberste Richter Chaudhry hat das Regime immer wieder in Verlegenheit gebracht und in einer Reihe von wichtigen Fragen gegen die Regierung entschieden. Eine davon war die überstürzte Privatisierung der Stahlfirma Pa-kistan Steel Mills in Karatschi, die zu einem Schleuderpreis an ein regierungsfreundliches Konsortium verkauft wurde. Als der Oberste Gerichtshof darauf bestand, dass „verschwundene“ politische Aktivisten (nämlich jene Personen, die dem Konsortium angehörten) dem Gericht vorgeführt werden müssen, und sich auch noch weigerte, Vergewaltigungsanklagen einfach fallen zu lassen, wuchs in Islamabad die Besorgnis, dass der Oberste Richter auch die Präsidentschaft eines Militärs für verfassungswidrig erklären könnte. Es entstand Handlungszwang und man entschied sich, Chaudhry einzuschüchtern, indem er seines Amtes enthoben wurde. Daraufhin kam es zu Protesten gegen die Absetzung des Richters.
Und Mex sagt ja. Er ist dabei. Es war die naheliegendste Idee, ihn zu fragen. Mein Bruder, Stefan, und seine Freundin, Karo, hätten es rein theoretisch auch machen können, aber ich bin mir nicht sicher, ob Stefan das wollte, weil er die Route bereits kannte. Vor sechs Monaten war er zusammen mit meinem anderen Bruder, Andreas, mit einem VW LT 40 zur Overlandertour aufgebrochen, also zur Erkundung des Landwegs von Europa nach Indien. Die beiden Abenteurer waren dreieinhalb Monate unterwegs. Im Juni 2007 habe ich ihnen eine Mail geschickt, dass ich eventuell nachkommen werde. Auf dieses Schreiben bekam ich von Andreas folgende Antwort:
Seas,
wennst zusteigen willst, dann solltest scho nach Indien kommen …
Und des aber in die nächsten paar Wochen. Denn der gesamte
Rückweg wird nur Mittel zum Zweck, wie bereits erwartet …
D.h. Delhi – Graz max. 3 Wochen, wenn überhaupt. Im Iran werden wir auch dieses Mal net mehr wie 7 Tage Zeit haben …
Im Grunde heißt das, jeden Tag ca. 600 km machen, was wiederum jeden Tag 8 Stunden fahren entspricht. Also, wennst a Zeitl zusteigen und reisen willst, dann komm in den nächsten 5 Wochen nach Indien.
Wennst mit uns arbeiten willst, dann steig im Iran zu.
Damit muss jeder nur noch 2,5 Stunden am Tag fahren …
Na ohne Scheiß, Persien is echt ka gute Idee … des könnt für uns alle sehr, sehr stressig werden … vor allem, wenn du frisch daher kommst und reisen willst und wir aber nur noch den Heimweg im Auge haben.
Und dann mach ma wirklich kompromisslos Kilometer!!!
Der einzige Stopp im Iran auf dem Rückweg wird Yasd sei. Dort lassen wir uns einen 500-Liter-Tank bauen, um die Türkei ohne zu tanken queren zu können. Ansonsten san vielleicht noch 2 Tage in Istanbul veranschlagt. Liebe Grüße an alle, Elle
Am Ende ihrer Reise mussten die Abenteurer das Visum für den Iran und für Pakistan neu beantragen. Auf das Iran-Visum mussten sie ziemlich lange warten. Irgendwann wurde ihnen diese Herumwarterei zu viel, deshalb haben sie den Bus an der indischen Grenze stehengelassen. Mitte August kamen sie dann mit leichtem Gepäck mit dem Flugzeug nach Hause.
Nachdem sich die Unruhen anfangs auf die 80.000 Anwälte des Landes und einige Dutzend Richter beschränkt hatten, griffen sie bald auf weitere Kreise der Gesellschaft über. Der Richter wurde am 12. Mai nach Karatschi zitiert. Dort kam es zu Ausschreitungen, bei denen die Polizei jegliches Eingreifen verweigerte und so einen Generalstreik auslöste, der das Regime weiter isolierte. Musharaff, der verzweifelt versuchte, das Land wieder unter seine Kontrolle zu bringen, musste sich nun mit der Möglichkeit auseinandersetzen, dass die Volksbewegung zur Verteidigung des Richters außer Kontrolle geraten könnte, vor allem, wenn sich die Ereignisse von Karatschi auch noch woanders wiederholen sollten, und blies zum Rückzug. Der Oberste Richter wurde wieder eingesetzt.
Mex war bereits bei der einen oder anderen Reise mit dabei gewesen, die wir in unserer Studienzeit unternommen hatten, und er ist selbstständig und kann sich seine Zeit selber einteilen. Und so erstellen wir bei der nächstbesten Gelegenheit schon eine Liste mit den notwendigen Visa. Für jeden Visumsantrag muss man nach Wien fahren und dort ein Formular ausfüllen und unterschreiben und dieses Formular zusammen mit dem Reisepass und zwei Passfotos abgeben. Wenn alles gut geht, kann man nach einer Woche den Reisepass mit den eingestempelten und unterschriebenen Visa wieder bei der jeweiligen Botschaft holen und dann trägt man ihn zur nächsten. Wir hatten unsere Reiseroute bereits abgesprochen und die notwendigen Visa schon in der Tasche, als eines schönen Tages Mex in mein Büro marschiert kam.
Als die Justizkrise zumindest zeitweise beendet war, machte sich gleich eine weit gefährlichere bemerkbar. Die meisten heutigen dschihadistischen Gruppen sind die Bastardgeschöpfe pakistanischer und westlicher Geheimdienste. Sie entstanden in den 1980er-Jahren, um im Interesse des Westens einen Krieg gegen die „gottlosen“ Russen zu führen, die damals Afghanistan besetzt hielten. Seit dieser Zeit genießen diese islamistischen Gruppen die offene oder stillschweigende Unterstützung des pakistanischen Staates. Im Juli 2007 riegelten paramilitärische Ranger eine Moschee im Herzen Islamabads, die von zwei Brüdern geleitet wurde, die die sofortige Einführung des Scharia-Rechts verlangten, mit Stacheldraht ab. Einige Koranschüler eröffneten daraufhin das Feuer, wobei ein Ranger zu Tode kam. Einmal in Gang gekommen, setzten die Medresenzöglinge das benachbarte Umweltministerium in Brand. Sicherheitskräfte gingen an diesem Abend mit Tränengas und Maschinengewehren gegen sie vor. Am nächsten Morgen verhängte das Regime eine Ausgangssperre über dieses Gebiet. Gleichzeitig begann eine Belagerung der roten Moschee, die insgesamt eine Woche dauern sollte und deren Bilder von Fernsehsendern in die ganze Welt übertragen wurden. Am 10. Juli stürmten Fallschirmjäger den Moscheekomplex. Über 100 Menschen starben bei den Kämpfen. Im September griffen Selbstmordattentäter militärische Ziele an, um diese Aktion zu rächen. Allerdings war im Land als Ganzem die Reaktion auf diese Ereignisse ziemlich gedämpft. Bis auf eine kleine Demonstration in Peschawar gab es sonst keine Reaktionen.
Und so sitze ich jetzt in meinem Büro und trinke einen Kaffee mit meinem Studienkollegen, dem Mex. Er hat mich heute besucht, um mir zu sagen, dass er diese Reise nicht machen will und stattdessen lieber auf die Malediven fährt, um sich dort die Sonne auf den Bauch scheinen zu lassen. Es ist Mitte November und wir haben geplant, Mitte Dezember nach Indien zu fliegen, um die Berta, so heißt das Fahrzeug, mit dem meine Brüder Stefan und Andreas von hier nach Indien gefahren sind, wieder nach Österreich zu bringen. Wenn man sich zu einem Abenteuer entschließt, sind die ganzen Vorbereitungen mit einem gehörigen Zeitaufwand verbunden, der einem vorher so gar nicht bewusst ist. Aber man nimmt diese Hürden auf sich, um sich in dieses Abenteuer zu stürzen. Und jetzt ist das alles Schnee von gestern. Das Abenteuer, die Visa, die Behördenwege, die Fahrten nach Wien, die Reiseplanung und vieles mehr. Mit einem Schlag existiert nichts mehr. Kein Abenteuer und auch keine Reise. Und so trinken wir schweigsam unseren Kaffee. Ich sage zum Mex, dass das alles halb so schlimm ist, damit er sich nicht unnötig den Kopf zerbricht. Und außerdem ist es ja besser, er sagt es jetzt, als wenn er unten kalte Füße bekommt. Natürlich war klar, dass Pakistan kein Urlaubsland wie die Malediven sein wird und dass man in Indien mit den Behörden erst klarkommen muss, bevor man den Bus überhaupt bekommt. Ja, das alles war von vornherein klar.
Der Bus hätte spätestens bis zum 13. Dezember 2007 Indien wieder verlassen müssen. Deshalb waren auch die Reisevorbereitungen genau auf dieses Datum abgestimmt. Jetzt ist dieser Termin nicht mehr zu halten, aber trotzdem muss jemand den Bus bis spätestens Mitte 2008 dort holen.
Einen Urlaub kann man ja immer machen. Zu jeder Zeit kann man nach Ägypten zum Tauchen fliegen oder sogar in Nepal auf eine Trekking-Tour gehen. All diese Dinge können von der Stange gekauft werden. Aus dem Reisekatalog sozusagen. Da muss man nicht groß nachdenken, welche Gefahren auf der Route auf einen zukommen oder ob man sich vor Ort eine Tauchausrüstung ausleihen kann. Das alles hat der Veranstalter bereits gecheckt. Man braucht nur den Termin auszuwählen und dann kann es losgehen. Aber auf dieser Reise muss man zu einem ganz genau definierten Zeitpunkt die richtige Entscheidung treffen, man muss die Route genau kennen und den ganzen Behördenkram besorgt haben. Auf einer solchen Reise müssen wir andauernd Entscheidungen treffen und schauen, wie wir am besten weiterkommen. Auf dem Weg nach Europa ist nichts organisiert und man muss schon einiges aushalten können, wenn es einmal nicht so laufen sollte, wie man es geplant hat. Und das ist nicht hundertprozentig auszuschließen. Wir haben zwar die Informationen von meinen Brüdern, aber jede Reise ist anders. Wir haben nur wenig Erfahrung und wir werden vor Ort ad hoc Entscheidungen treffen müssen. Auf jeden Fall wird es spannend. Zu spannend für Mex. Der ist mit seinen Gedanken schon irgendwo mit seiner Freundin auf den Malediven am Strand und freut sich auf den Cocktail, den er dort trinken wird.
Am 27. Dezember 2007 schießt ein Attentäter nach Ende einer Wahlveranstaltung mit Tausenden Anhängern in der Garnisonsstadt Rawalpindi auf den Geländewagen, mit dem die Ex-Regierungschefin Benazir Bhutto wegfahren wollte. Anschließend sprengt er sich in die Luft und reißt rund 20 Menschen mit in den Tod. Die schwer verletzte Bhutto erliegt im Krankenhaus von Rawalpindi ihren Verletzungen. Hunderte aufgebrachte Anhänger Bhuttos versammeln sich nach Bekanntwerden des Todes der Oppositionsführerin vor dem Krankenhaus. In Sprechchören machen sie ihrer Wut gegen die Regierung von Ministerpräsident Pervez Musharraf Luft. Auch aus anderen Städten des Landes werden teils gewalttätige Proteste gemeldet. In einer ersten Reaktion ruft Musharraf, der erst vor zehn Tagen den Ausnahmezustand aufgehoben hatte, die Bevölkerung dazu auf, Ruhe zu bewahren. Zuvor hatte er eine Dringlichkeitssitzung seiner engsten Mitarbeiter einberufen. Der Anschlag ereignet sich nur zehn Wochen nach Bhuttos Rückkehr aus dem Exil. Nur Stunden nach ihrer Rückkehr am 18. Oktober wurden bei einem Selbstmordanschlag auf ihre Wagenkolonne in Karatschi 140 Menschen getötet. Sie selbst blieb unverletzt.
Und so kommt es, dass Mex aus der Sache draußen ist und ich meine Reisepläne auf Eis lege. Das Jahr nimmt seinen Lauf und über Weihnachten sind wir – mein Bruder Stefan und ich – bei der Familie vom Hannes eingeladen. Es wird aufgetischt und gemütlich Bier getrunken und über all die Sachen diskutiert, die gerade in der Politik laufen. Oder über Sachen geredet, die man im nächsten Jahr so angehen möchte. Eine Bergtour auf den Großvenediger steht am Programm. Dazu werden wir auch Steigeisen und ein Seil brauchen. Und unsere Kondition muss sich auch verbessern. Aber noch ist Zeit bis dahin. Hannes ist Fahrdienstleiter in Graz und er erzählt auch von seinem Job. Er ist zurzeit voll ausgelastet. Einer seiner Kollegen ist ausgefallen und die anderen müssen dafür einspringen. Ja, er hat momentan alle Hände voll zu tun. Er sagt, er sei völlig ausgelaugt. Ich weiß nicht, sagt er, alles ist so belanglos. Ich habe schon einmal mehr Elan gehabt. Nein, nicht dass ihr mich falsch versteht, der Job gefällt mir nach wie vor, aber dieser ganze Stress und diese Verantwortung. Ich bin einfach erschöpft. Du musst ein paar Tage ausspannen über Weihnachten, sage ich. Und der Stefan meint, er solle mit Yoga anfangen. Und Sandra, seine Frau, sagt, das sei doch nur vorübergehend. Nach dem Jahreswechsel schaue die Welt schon wieder anders aus. Die Kinder sind schon im Bett und wir diskutieren und reden weiter bis um Mitternacht. Und irgendwann im Laufe des Abends ist die ganze Geschichte von wegen wer fährt mit dem Bus von Indien nach Hause wieder ins Laufen gekommen. Mein Bruder, Stefan, machte ihm irgendwann den Vorschlag, dass er zusammen mit mir den Bus holen und damit wieder nach Europa fahren könnte. Sandra war nicht ganz so begeistert und Hannes meinte, er müsse sich die Sache erst durch den Kopf gehen lassen. Und so sind wir dann verblieben. Alles war noch in der Schwebe. Die persönliche Situation und das Vertrauen, beides wird eine Rolle spielen bei der Entscheidung, ob er mit nach Indien fahren wird, um den Bus zu überstellen.
Bei den Wahlen vom Februar 2008 in Pakistan wurde die Religion kaum erwähnt. General Sharaf Kayani, der Nachfolger Musharrafs als Armeechef, hat den ISI (der pakistanische Geheimdienst) und seine berüchtigte „Wahlabteilung“ angewiesen, sich aus der Sache völlig herauszuhalten, also die Wahlen nicht zu manipulieren. Das hatte dramatische Auswirkungen. Es wurde gegen die Partei von Musharraf gestimmt. Gewinner waren die Sharif-Brüder und der „Witwer Bhutto“. Musharraf hätte eigentlich zurücktreten müssen, entschied sich dann aber, an der Macht festzuhalten.
Letztendlich muss der Hannes diese Entscheidung mit seiner Familie abstimmen, die das Risiko mittragen muss, falls etwas passiert. Hannes und Sandra haben drei kleine Kinder. Alles muss abgesprochen werden. Auch die Firma, in der er arbeitet, muss ihm seinen Urlaub für dieses Jahr in einem Stück geben. Auch das muss noch geklärt werden. Und der gute Kontakt zu meinem Bruder Stefan hilft ebenfalls. Stefan kann ihm den Weg und die Verhältnisse vor Ort genau schildern und ihm versichern, dass sich das Risiko in Grenzen hält – er kann Hannes die Reise schmackhaft machen. Und letztendlich hat man die Chance auf so eine Reise nur einmal im Leben. Ich persönlich habe ein gutes Gefühl bei der Sache. Die Risiken sind meiner Meinung nach überschaubar und Hannes ist ein ausgeglichener und ruhiger Typ, der seine Grenzen genau kennt und auch in kritischen Situationen belastbar ist. Solange alles wie am Schnürchen dahingeht, gibt es nie ein Problem. In kritischen Situationen wird es sich herausstellen, ob wir dieser Sache gewachsen sind. Ja, und dann, Anfang März, ruft mich Hannes an und sagt, er habe alles mit seiner Familie durchbesprochen und sie haben einen Kompromiss finden können. Er ist dabei. Er wird seinen ganzen Urlaub in diesem Jahr für diese Reise aufbrauchen. Und so kann dieses Abenteuer jetzt beginnen und wir stürzen uns in die Arbeit, um alles, was man für so eine Reise braucht, zu erledigen. Und dazu treffen wir uns immer wieder. Beim ersten Treffen stellen wir fest, dass mein Reisepass nur noch fünf Monate gültig ist und ich für die Reise einen neuen brauche. Damit werde ich auch sämtliche Visa neu beantragen müssen. Und so starten wir beide bei null. Auch mein Bruder Stefan, dem das Auto gehört, ist bei den Treffen dabei. Ich habe bereits alle Unterlagen, die ich vom Auto habe, für euch kopiert, sagt er. Ihr müsst dort an der Grenze fragen, wer für die Herausgabe des Autos zuständig ist. Wir haben das Auto dort stehengelassen und die Leute an der Grenze schauen auch, dass es nicht beschädigt wird. Wenn euch das Auto übergeben wird, solltet ihr noch die Standardkontrollen durchführen. Ob es noch genug Motoröl gibt oder ob man noch Kühlwasser nachfüllen muss. Vielleicht den Reifendruck noch überprüfen. Aber sonst könnt ihr dann nach Pakistan durchstarten. Das Carnee de passage läuft zwar auf meinen Namen, aber dort unten schaut niemand so genau. Ihr werdet schon sehen, es wird ein Kinderspiel.
Jetzt wissen wir, wo das Auto steht und mit welchen Formularen wir es ausgehändigt bekommen, sagt Hannes. Gibt es noch irgendwelche Dinge, die man beim Fahren berücksichtigen muss? Das Fahren an sich ist leicht. Das Gefährt geht zwar nicht so schnell, aber es ist zuverlässig, antwortet Stefan. Man kann auch den Allrad dazuschalten, aber den werdet ihr die meiste Zeit nicht brauchen. Gibt es noch irgendwelche Dinge, die wir sonst noch wissen müssen? Auf der Reise selbst? Vielleicht kulturelle Gepflogenheiten oder gar Hindernisse?, frage ich. Nicht, dass ich wüsste. Die Straßen in Pakistan sind nur einspurig, aber ganz ok. Es gibt viel Verkehr. Die einzige Sache, die ihr am Anfang lernen müsst, ist der Linksverkehr. Vor allem, wenn ihr in einen Kreisverkehr hineinkommt. Ja, und die Straße durch Beluschistan, die wird euch auch gefallen. Eine Sandpiste, die sich ewig hinzieht, antwortet Stefan.
Das Visum für Pakistan haben wir relativ schnell in der Tasche, aber das Visum für den Iran braucht eine gefühlte Ewigkeit. Ich fahre zusammen mit Hannes nach Wien, um es zu beantragen. Nach zweieinhalb Wochen ruft mich die Botschaft an, sie haben das Visum ausgestellt und wir können es holen kommen. Es ist Donnerstag und am Samstag ist unser Abflugtermin. In der nächsten Minute fahre ich nach Wien und hole unsere Pässe mit dem iranischen Visum. Zu meinem Erstaunen stelle ich fest, dass wir ein Visum für einen Monat Aufenthalt genehmigt bekommen haben. Meine Brüder hatten nur ein Transitvisum für den Iran bekommen und mussten das Land so schnell wie möglich durchreisen, aber wir können uns in aller Ruhe das Land anschauen und haben alle Zeit der Welt, um den Iran besser kennenzulernen. Ich trage die Pässe zur indischen Botschaft. Dort sagt man mir, ich kann morgen die Pässe mit den Visa wieder abholen. Also zahlt es sich nicht aus, heute wieder nach Hause zu fahren. Ich rufe einen Freund von mir an und frage, ob ich bei ihm und seiner Familie übernachten kann – für ihn ist das kein Problem. Und so übernachte ich dort und hole am nächsten Tag die Pässe mit den indischen Visa. Jetzt steht dem Abenteuer nichts mehr im Weg. Die Reise kann beginnen. Es geht sich alles aus, aber man muss rennen. Kurz vor der Abreise bekomme ich von Richi eine E-Mail. Er schreibt mir:
Hi Tom, man kann ja nur schwer hoffen, dass du und der Hannes uns alle ordentlich verarscht, weil euer Ernst kann das nicht sein.
Auf der Strecke gibt es außer Steinen und Steinen nur noch Steine und sonst nix. Es ist ja schon abenteuerlich (und gefährlich) genug, den Schrotthaufen in Indien zu suchen und dort herumzufahren, aber dann zu versuchen, durch Pakistan und den Iran zu tingeln, überschreitet die Grenzen der Fahrlässigkeit.
Einmal ganz davon abgesehen, dass ihr euch weitgehend in gesetzesfreien Gebieten aufhalten werdet, schaut´s mit der Infrastruktur auch mehr Essig aus. Ich kann nur hoffen, dass ihr eure Pläne überdenkt und einfach in Indien für ein paar Wochen abhängt.
Liebe Grüße, Richi
So beginnt unsere Reise in eine für uns unbekannte Welt. Es ist unsere freie Entscheidung, die jeder für sich selbst getroffen hat. Der Hannes verabschiedet sich am Flughafen in Wien von seiner Frau, wir gehen durch die Sicherheitskontrolle und warten mit einem Bier in der Hand auf den Abflug nach Neu-Delhi. Man muss den entscheidenden ersten Schritt tun, um danach weitergehen zu können, heißt es. Und diesen Schritt machen wir jetzt. In einer Stunde werden wir schon auf dem Weg nach Indien sein. Wir haben lange hin und her überlegt, ob wir dieses Risiko eingehen sollen. Aber jetzt, wo wir uns dafür entschieden haben, haben wir alles andere hinter uns gelassen und werden mit vollem Einsatz dieses Ding durchziehen. Es ist irgendwie die gleiche Situation wie am Anfang der 5. Klasse, als wir als Letzte in diese Klasse gekommen sind: Wir gingen hinein und die einzigen freien Plätze waren direkt vor dem Lehrertisch. Und ohne mit der Wimper zu zucken, setzten wir uns dort hin. So, als ob es das Selbstverständlichste wäre, genau dort zu sitzen. So, als ob wir immer dort gesessen wären. Wir akzeptierten es. Uns war vollkommen egal, wo wir sitzen. Wir waren ein eingespieltes Team. Und jetzt, über 17 Jahre später, sind wir wieder ein Team. Jeder weiß, dass er sich auf den anderen verlassen kann. Jeder weiß, was der andere drauf hat. Und so geht es nun nach Indien. Wir probieren es. Nichts weiter. Nobody knows.
Neu-Delhi ist die Hauptstadt Indiens, Sitz der indischen Regierung, des Parlaments und der obersten Gerichte. Es ist Teil der indischen Metropole Delhi (mit 25,735 Millionen Einwohnern drittgrößte Metropolregion der Welt). Der Grundstein wurde während der britischen Kolonialzeit 1911 südlich der Altstadt von Delhi gelegt. Dadurch sollte die traditionelle Hauptstadt Kalkutta abgelöst werden. Den Namen Neu-Delhi erhielt der neue Stadtteil erst im Jahre 1927. Neu-Delhi ist ein Teil der Metropole Delhi, die als Delhi National Capital Territory („Nationales Hauptstadtterritorium Delhi“) direkt der indischen Zentralregierung unterstellt ist.
Wir gehen hinein in die dunklen Gassen. Eng und verzweigt ist alles. Ich bin fasziniert. Ich fühle mich um 10.000 Jahre zurückversetzt. So muss es hier schon immer zugegangen sein. Dort stehen Kühe mitten in der Innenstadt herum. In den Nischen schlafen die Menschen. Ein Zeitsprung der Superlative. Nichts hat uns darauf vorbereitet. Wir gehen herum in diesem Labyrinth von vielen verwinkelten Gassen. Alles ist ruhig. Das ganze Treiben, das am Tag dort herrscht, ist der Stille der Nacht gewichen. Nichts bewegt sich.
Die Kühe in Indien gelten als heilige und unantastbare Tiere. Die Verehrung der Kuh in dieser Form war nicht immer selbstverständlich. In vedischen Texten wird berichtet, dass Rindfleisch verzehrt und Kühe geopfert wurden. Als sich die indoarischen Einwanderer ansiedelten und begannen, Ackerbau zu betreiben, gewann die Kuh eine zentrale Bedeutung. Man profitierte von ihr nicht nur als Arbeitstier, das den Pflug zog, sondern auch von ihrer Milch und dem Mist, der als Bau- und Brennstoff verwendet werden kann. Zu diesen rein pragmatischen Gründen kam der buddhistische Einfluss von Ahimsa, der Nichtverletzung des Lebens, hinzu und führte dazu, dass die Kuh in Indien heute als heilig und unantastbar betrachtet wird.
Wir sind mitten in der Altstadt von Delhi, der Hauptstadt von Indien. Die Temperatur beträgt 28 Grad. In Indien herrscht fast zur Gänze tropisches Klima. Die Hochgebirgsbarriere des Himalaya schützt das Land vor starken Kälteeinbrüchen aus dem Norden. Im Januar und Februar ist es relativ kühl und trocken. Im Mai wird es sehr trocken und heiß. Nach der langen Trockenzeit beginnt Anfang Juni der Sommermonsun und Regentage und Trockenzeit wechseln sich ab. Bis September/Oktober ist es dann tropisch warm und feucht. Nach dem Abflauen des Sommermonsuns und der Umkehr der Hauptwindrichtung herrscht eine trockene Übergangsperiode bis Anfang Mai. Es ist jetzt Anfang April und die Trockenzeit hat noch nicht begonnen.
