Religion und Mythologie der Germanen - Rudolf Simek - E-Book

Religion und Mythologie der Germanen E-Book

Rudolf Simek

0,0
17,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Rudolf Simek bietet anhand von archäologischen Funden und authentischen Quellen eine umfassende Darstellung der vielfältigen Erscheinungsformen der religiösen Welt der Germanen. Einen Schwerpunkt bilden dabei die Kultpraktiken, über die jüngere Forschungen sehr genauen Aufschluss geben können. Der Autor zeichnet nach, wie sich die mythologische Götterwelt von der Eiszeit bis zur Wikingerzeit von numinosen Mächten an Flüssen oder Sümpfen zu einem komplexen Götterpantheon entwickelte. Der Magie ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Sehr anschaulich zeigt Simek, welche Praktiken und mythologischen Wesen die Christianisierung überdauert haben und bis heute in vielen Formen der Volksreligiosität weiterleben. Dabei verdeutlicht er, wie und warum das Christentum an bestimmte religiöse Vorstellungen der Germanen anknüpfte.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 730

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Rudolf Simek

Religion und Mythologieder Germanen

2. Auflage

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig.Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung inund Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Der Konrad Theiss Verlag ist ein Imprint der WBG.2., bibliographisch aktualisierte und überarbeitete Auflage 2014© 2014 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtDie Herausgabe des Werkes wurde durchdie Vereinsmitglieder der WBG ermöglicht.Satz: Janß GmbHEinbandabbildung: Runenstein, Århus 3, Dänemark © Rudolf SimekEinbandgestaltung: Peter Lohse, Heppenheim

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-8062-2938-7

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-8062-2954-7eBook (epub): 978-3-8062-2955-4

Menü

Buch lesen

Innentitel

Inhaltsverzeichnis

Informationen zum Buch

Informationen zum Autor

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

    I. Der lebende Mythos der germanischen Vorfahren: Drei Fallbeispiele

1. Dreitausend Jahre lang verehrt und keiner kennt sie. Die vergessenen Göttinnen des Rheinlandes

2. Odin sei bei uns! Junge Heiden und ihre alten Götter

3. Wagner oder: Warum wanken Walküren nicht?

   II. Vorspiel: Die Megalithkultur in West- und Nordeuropa und die skandinavische Bronzezeit

1. Das Geheimnis der Megalithen

a) Dolmen, Ganggräber und Hünengräber

b) Steinkreise, Alleen und Menhire

2. Bronzezeitliche Felszeichnungen als religiöse Urkunden

  III. Das Opfer

1. Das öffentliche Opfer

a) Der öffentliche Opferkult der Eisenzeit

Kriegsbeuteopfer

Öffentliche Opferfeiern

Wagenopfer

Menschenopfer

Weitere Formen kollektiven Opfers

b) Die goldene Zeit Dänemarks: Goldopfer der Völkerwanderungszeit

Die Männerdarstellungen

Die Darstellung von Paaren

Tänzergruppe

Die Frauendarstellungen

c) Die Opfertätigkeit der Wikingerzeit

d) Heilige Haine, Festhallen, Altäre

2. Das private Opfer

  IV. Die Götterwelt des heidnischen Polytheismus

1. Idole, anthropomorphe Kultpfähle und Götterbilder

2. Göttertriaden und Götter des germanischen Altertums

3. Die Vielzahl der weiblichen Gottheiten (Matronen, Disen, Nornen, Walküren)

4. Das wikingerzeitliche nordische Pantheon

a) Die Götter

b) Die Göttinnen

5. Die persönliche Bindung an Götter

   V. Die niedere Mythologie

  VI. Vorchristliche germanische Kosmogonie, Kosmologie und Eschatologie

1. Kosmogonie

2. Kosmologie

3. Eschatologie

4. Die Rolle des unpersönlichen Schicksals

5. Jenseits der Mythologie: die Heiligkeit des Landes

 VII. Tod und Jenseits: Die Fragen nach den letzten Dingen

1. Begräbnis und Grabbrauch

2. Jenseitsvorstellungen der heidnischen Spätzeit

a) Seelenglauben

b) Totenreiche

VIII. Magie und Zauber

1. Weiße Magie

2. Schwarze Magie

3. Zaubersprüche

4. Runenzauber

5. Seherinnen und Weissagungen

  IX. Síðaskipti: Der Glaubenswechsel und seine Phasen

1. Die Christianisierung der germanischen Stämme auf dem europäischen Festland

2. Die Bekehrung Britanniens

3. Die Bekehrung Skandinaviens

4. Die Phasen der Bekehrungsgeschichte

5. Síðaskipti: Sitten und Gebräuche

6. Inhaltliche Elemente der Bekehrung vom Heidentum zum Christentum

7. Einflüsse der Germanenmission auf das Christentum

   X. Nachspiel: Das germanische Heidentum in der christlichen Zeit: antiquarisch-historische und dichterische Beschäftigung im Mittelalter

Anmerkungen

Quellen

Literatur

Megalithkultur und Bronzezeit

Germanische Religion und Mythologie

Register

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

adän.

altdänisch

afries.

altfriesisch

ags.

angelsächsisch

ahd.

althochdeutsch

air.

altirisch

altengl.

altenglisch

altnord.

altnordisch

altsächs.

altsächsisch

dän.

dänisch

dt.

deutsch

engl.

englisch

f.

und eine folgende Seite

fem.

feminin

ff.

und folgende Seiten

franz.

französisch

fries.

friesisch

germ.

germanisch

got.

gotisch

griech.

griechisch

hl.

heilige/-r

holl.

holländisch

Hs.

Handschrift

idg.

indogermanisch

isl.

isländisch

Jh.

Jahrhundert

Kap.

Kapitel

lat.

lateinisch

lett.

lettisch

lit.

litauisch

mask.

maskulin

mhd.

mittelhochdeutsch

mnd.

mittelniederdeutsch

mnl.

mittelniederländisch

nhd.

neuhochdeutsch

nl.

niederländisch

norweg.

norwegisch

pl.

Plural

röm.

römisch

run.

runisch

schwed.

schwedisch

S.

Seite

sg.

Singular

Str.

Strophe

erschlossene Form

>

geworden zu

<

entstanden aus

Zahlen hinter Werktiteln beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf Kapitel bzw. Strophen.

Vorwort zur zweiten Auflage

Seit der 1. Auflage 2003 hat sich nicht nur das öffentliche und wissenschaftliche Interesse an der germanischen Religion und Mythologie weiter intensiviert, wie etliche filmische Dokumentationen und populäre Publikationen belegen, sondern es wurde auch eine ganze Reihe von aufschlussreichen Neufunden und Interpretationen durch wissenschaftliche Veröffentlichungen bekannt. Diesem wachsenden Interesse an einem Gebiet, das nach dem Ende der Nazi-Diktatur mehrere Jahrzehnte nicht ganz unverständlicherweise tabuisiert worden war, rechtfertigt es, die kritische Bestandsaufnahme unseres Wissens – und Unwissens! – um die vorchristliche germanische Religion erneut aufzulegen. Dafür war es aber notwendig, den vorliegenden Band an vielen Stellen zu ergänzen und zu überarbeiten, auch das Literaturverzeichnis musste um zahlreiche Titel erweitert werden.

Bonn, im Januar 2014

R. Simek

I. Der lebende Mythosder germanischen Vorfahren: Drei Fallbeispiele

1. Dreitausend Jahre lang verehrt und keiner kennt sie. Die vergessenen Göttinnen des Rheinlandes

Gleichgültig, zu welcher Jahreszeit man sich in die nördlichen Ausläufer der Eifel aufmacht, des vulkanischen Hügellandes westlich des Rheins zwischen Koblenz und Bonn gelegen, kann man auch noch heute auf eine stille, fast heimliche Verehrung von Muttergottheiten stoßen. Die Verehrung, um die es hier geht, manifestiert sich im Anzünden von Kerzen, dem Niederlegen von Blumen und vielerlei kleinen Gaben an den Altären, die archäologisch korrekt ausgegraben und konservatorisch auf einen beschränkten Besucherkreis eingerichtet frei in der Landschaft auf Hügelkuppen nahe den Ortschaften Pesch und Nettersheim zu finden sind. Neben Kerzen, Blumen und Münzen, im Herbst auch oft Früchten, finden sich vereinzelt persönliche Gaben, ein billiges Armband etwa oder die Halskette eines Kindes, als Votivgaben auf den Altären der Göttinnen, deren Gedenksteine seit rund 1700 bis 1800 Jahren an denselben Stellen stehen (Abb. 1). Diese Verehrung steht in ihrer Form der volkstümlichen katholischen Heiligenverehrung und, wenn auch weniger deutlich ausgeprägt, dem ebenfalls vorwiegend katholischen Totengedenken nahe, was sich schon rein äußerlich an den in beiden Kultformen verwendeten Grabkerzen zeigt. Vielleicht nicht ganz zufällig hat der Kult der Matronen hier in einer durch und durch katholischen Gegend überlebt, während in anderen Zentren ihrer ursprünglichen Verehrung, etwa im römischen Britannien, davon nichts geblieben ist. Die Tafeln des Amtes für Rheinische Landeskunde berichten über die Ausgrabungsgeschichte, das Alter und die relative Lage dieser „römischen“ Matronentempel zu den römerzeitlichen Siedlungen und Straßen der Umgebung und geben auch die Inschriften korrekt und mit deutscher Übersetzung wieder; sie verraten aber nicht, wofür diese fast immer in Dreiergruppen dargestellten Göttinnen verehrt wurden. Die Spender der Votivgaben wissen es wohl, und nicht umsonst erzählt man sich in der Gegend, dass ihre Anhänger nicht nur hierher pilgern, um ihre kleinen Gaben mit einem Wunsch niederzulegen, sondern dass auch kinderlose Ehepaare bisweilen den nächtlich-ruhigen Rasen in den Tempelruinen in warmen Nächten zum Beischlaf nutzen, um durch die Anwesenheit der Göttinnen ihrem Kinderwunsch Nachdruck zu verleihen. In der Tat war eine der ursprünglichen Funktionen dieser Göttinnen die ganz konkrete Fruchtbarkeit in der Familie, so wie andere private und familiäre Anliegen auch.

Die Tempelanlagen der Muttergottheiten in der Eifel wurden angelegt, als die römische Großstadt Colonia Agrippina, das heutige Köln, für ihre Versorgung eine 90 km lange Wasserleitung aus der Eifel zu bauen begann. Der Bau dieses Aquädukts mit der unerhörten Tagesleistung von 30 Millionen Liter Wasser verwandelte die bislang nur vereinzelt von Gutshöfen bewirtschaftete Eifel zu einer Großbaustelle mit Steinbrüchen, Kalkgruben und Ziegelwerken, die mit der Anlage von Manufakturen und Straßen auch eine entsprechende Administration nach sich zog. Viele Beamte dieser Administration waren einheimische Ubier, ein urspünglich rechtsrheinischer germanisch-keltischer Mischstamm, der sich unter dem Druck der Sueben 38 v. Chr. unter Augustus auf die linke Rheinseite umsiedeln ließ und sich eng mit den Römern verbündete, aber auch mit einheimischen Kelten aus Siedlungen zwischen Köln, Eifel und Remagen verschmolz. Die Ubier und andere Germanen in römischen Diensten im 50 n. Chr. gegründeten Veteranenlager Colonia Agrippinensis gaben sich betont römisch, verwendeten Latein und partizipierten zu ihrem Vorteil an der römischen Kultur. Was sie aber offenbar nicht aufgaben, waren Teile ihrer Religion. Für die diesbezüglich tolerante römische Administration stellte das kein Problem dar, und so entstanden vielerorts, zuerst wohl in den Städten, dann an etwas abgelegeneren Orten wie den Hügelchen der Eifel, Tempel in römischem Stil, die aber einheimischen, vorrömischen und germanischen (sowie auch keltischen) Göttinnen geweiht waren. In diesen Tempeln wurden die verehrten Muttergottheiten, die so genannten Matronen, auf kleinen Votivaltären dargestellt und mit einer Inschrift versehen, wobei preisgünstigere Ausführungen für kleinere Beamte auch hin und wieder nur die Inschrift trugen und auf die Darstellung verzichteten. Die Darstellung auf den in römischem Stil gehaltenen Altärchen zeigt üblicherweise drei sitzende Frauengestalten, von denen die beiden äußeren durch ihre (ubische) Haartracht mit großen runden gestärkten Hauben als verheiratete Frauen, die mittlere durch ihr offenes Haar als Jungfrau, d.h. als unverheiratet, gekennzeichnet waren. Auf dem Schoß halten die Frauengestalten Fruchtkörbchen, Früchte, aber auch Windeln, und dies allein ist schon ein Hinweis auf die Funktion wenigstens mancher der Matronen. Die Inschriften, in denen sich die Stifter mit Namen und Berufsbezeichnung bei den jeweils eingangs genannten Matronen bedanken, und zwar „freiwillig und gerne bedanken“, wie oft ausdrücklich erwähnt wird, nennen die Wünsche für das erfüllte Gelübde nur selten direkt, aber oft erwähnt einer der Stifter, dass er das Gelübde „für sich und die Seinen“ abgelegt habe, dass es sich also um eine Familienangelegenheit handele. Wir kennen aus diesen Inschriften über 100 verschiedene germanische Namen solcher Göttinnen-Dreiheiten, aber die wenigsten können wir deuten, nur manchmal können wir die Funktion aus der Etymologie des Namens erahnen. Dabei erweisen sich etliche der Göttinnen als Lokalgottheiten, andere stellen sich trotz ihres friedlichen Auftretens als Kriegsgöttinnen heraus, wie sie uns sonst erst wieder als die Walküren der mittelalterlichen Literatur entgegentreten.

Abb. 1: Matronentempel in Nettersheim in der Eifel.

Die Matronen sind kein rein germanisches Phänomen, denn die Matronenverehrung kennen wir aus weiten Bereichen des römischen Imperiums, aus Gallien und Britannien, sie hat aber in der germanisch-keltischen Mischbevölkerung am Niederrhein einen Schwerpunkt, und aus dieser Gegend kennen wir auch viele Stifternamen germanischer Herkunft ebenso wie auch Matronennamen selbst, die germanisch sind.

Die Mode der Matronensteine begann wohl durch Römer am Unterrhein – der älteste Votivstein stammt aus der Zeit zwischen 70 und 89 n. Chr. von einem Matrosen der römischen Rheinflotte – und endete im späten 5. Jh., etwa um die Zeit, als 462 Köln endgültig unter fränkische Herrschaft kam, und kam schon in der nachfolgenden Zeit römischchristlicher und fränkisch-heidnischer Koexistenz völlig außer Gebrauch, noch bevor die Gegend ab den 20er- und 30er-Jahren des 6. Jh.s durch den heiligen Gallus systematisch missioniert wurde.

Nicht überall wurden aber heidnische Heiligtümer – wozu die Matronentempel natürlich gehören – wie die in Köln durch diesen Heiligen zerstört. Anderswo begann man offenbar, die alten Kultstätten gemäß einem Brief des Papstes Gregor des Großen an Augustinus in Britannien vom Ende des 6. Jh.s nicht zu vernichten, sondern für den christlichen Glauben umzuwidmen. Daher kommt es wohl, dass der Chor des Bonner Münsters fast genau an der Stelle eines Matronentempels steht, der wohl in ihm aufgegangen ist. Auch damit war für die Amtskirche ebenso wie für die Gläubigen der Übergang zur Christianisierung dieser Vielzahl von kleinen, aber im täglichen Leben wichtigen Göttinnen erleichtert, deren Funktionen dann im Mittelalter von den christlichen Heiligen beiderlei Geschlechts übernommen werden konnten.

2. Odin sei bei uns! Junge Heiden und ihre alten Götter

Recht verschieden von dieser stillen Manifestation des Glaubens an Fruchtbarkeitsgöttinnen am Niederrhein sind ganz andere Äußerungen eines scheinbaren Glaubens an heidnische germanische Götter. Denn wenn sich junge Menschen in Deutschland, Dänemark, Schweden oder anderswo einen kleineren silbernen Thorshammer um den Hals hängen, könnte dies auf den ersten Blick auch als nostalgische Erinnerung an den ehemaligen, germanischen Glauben verstanden werden, dessen fortdauernde Wirkung man sich entweder wünscht oder an ihn glaubt. Natürlich soll hier nicht jedem oder jeder, der oder die einen Thorshammer aus den Museumsläden der großen skandinavischen Museen als Schmuckstück um den Hals trägt, unterschoben werden, er oder sie würden sich damit automatisch zu einer Religion des Gottes Thor bekennen. Als dessen Symbol gilt allerdings der Thorshammer Mjöllnir seit den letzten Jahrhunderten des germanischen Heidentums – also spätestens seit dem 9. Jh. – immer noch, aber damit auch als Symbol einer Religion, welche seit 1000 oder 1200 Jahren tot und vom Christentum überholt ist. Viele benützen demnach den ursprünglich als heidnisches Zeichen des Gottes Thor dem christlichen Kreuz entgegengesetzten Thorshammer als Ausweis ihrer Zugehörigkeit zu Kreisen, die sich bewusst vom Christentum ab- und der Religion einer recht fernen Vergangenheit zuwenden.

Ein wesentlicher Unterschied zum stillen, fast heimlichen Glauben an die Matronen ist der aktuelle politische Hintergrund der „Asengläubigen“, also derjenigen, die an die Götter des altskandinavischen Pantheons glauben wollen. Es geht hier nicht (nur) um eine Religion, sondern auch um den Versuch, einer gesellschaftspolitischen Unzufriedenheit eine gewisse geistige Struktur zu geben. Derartige Missstimmungen werden in Veröffentlichungen von solchen „Neuheiden“ durchaus verbalisiert, so etwa in dem Buch Midgards Morgen des Neugermanen-Gläubigen H. W. Hammerbacher:

„Heute ist Wolfszeit wie damals. Untergang, Wirrsal, Gemeinheit, Falschheit, Hinterlist, Landraub, Wucherung der Großstädte wie Krebsgeschwüre, Aussaugen des Landes und Ausverkauf der Heimat wie eine Ware, der Bruder steht gegen den Bruder, Trümmer, Siechtum und Verrat sind weithin die Wahrzeichen der Zeit.“1

Es sind aber nicht (nur) die Ewiggestrigen, die ihre eigene Zeit so sehen oder sehen wollen, es sind vielfach auch die Unterprivilegierten, die kaum eine andere Wahl haben, als unsere Zeit so zu sehen. Ihnen geben Werke wie das genannte ein Sinnangebot oder, besser gesagt, den Traum an eine heile, andere Welt, den ihnen das Christentum oder andere zeitgenössische Ideologien nicht mehr geben zu können scheinen:

„Wir aber wollen, dass die reine Welt unserer Vorväter wieder erstehe, nicht durch die Rückkehr in die damalige Zeit, sondern geläutert durch die Erkenntnis unserer eigenen Schwächen, aber auch im Wissen um die unvergänglichen Quellen unserer Kraft.

Wir rufen alle Gutwilligen auf, die noch den göttlichen Grund in sich spüren, die das Erbe ihrer lebendigen Abstammung von Midgards Söhnen und Töchtern nicht verraten und verschwendet haben.

Wir rufen alle hoch gewachsenen, hellen, geraden Menschen mit reiner Seele und freiem Geist auf, in den Ländern, die uns stammverwandt sind. Midgard hört nicht auf und fängt nicht dort an, es umfasst alle Deutschen und germanischen Verwandten, ganz gleich, wo sie sich heute befinden. […] einig, einig, einig im Glauben, in der Gesinnung, in der Tat für Deutschland, für Midgards heiliges Reich, jetzt und immerdar! Midgards Morgen naht!“2

Dies dürften in der Tat optimistische Worte für jene sein, denen Deutschlands untilgbare Schuld an den Gräueln der Vergangenheit eine möglichst rasch zu vergessende Schmach ist, die an das anknüpfen wollen, was sie für die große Zeit des deutschen Volkes halten. Da dies in der jüngeren Geschichte ohne Geschichtsfälschung nicht gut möglich ist, machen sie einen großen Sprung zurück zu einer alten, vermeintlich noch unverdorbenen, unschuldigen Ideologie, nämlich dem archaischen und zweifellos primitiveren Heidentum der Germanen. Aber diese Einstellung allein reicht noch nicht als Erklärung für eine Zuwendung zu den heidnisch-germanischen Göttern aus, denn nicht alle rechtsradikalen Kreise verschreiben sich einer Wotansreligion, und nicht alle Asengläubige sind notwendigerweise rechtsradikal.

Selbstverständlich sind es nicht nur frustrierte deutsch-nationale Kreise, die sich der neuheidnischen Bewegung anschließen, denn sonst könnte man ihren Zulauf in Skandinavien oder den USA kaum erklären. Es sind eine ganze Reihe von nicht immer in Verbindung stehenden Gründen, warum und welche Menschen sich noch an der Wende vom 20. zum 21. Jh. einer neugermanischen Religion zuwenden. Dazu zählen Rassismus und Fremdenhass, die eine sog. „arteigene“ Religion als Antwort auf die internationalisierten Hochreligionen erscheinen lässt; auch zählt dazu die Unzufriedenheit mit einem besonders heute scheinbar „schwachen“, durch Massenaustritte geschwächten, von Skandalen geschüttelten und oft kaum mehr für die Gesellschaft repräsentativen Christentum; ferner gehören dazu Kulturpessimismus und Fortschrittsfeindlichkeit wie in dem eingangs erwähnten Zitat, wie berechtigt er nun sein mag oder nicht; und letztlich gehört dazu auch – vielleicht überraschenderweise – ein ökologischer Fundamentalismus, der in der Kombination von „Blut und Boden“ das zweite Element favorisiert und in einer Vereinigung von völkischem, esoterischem und ökologischem Gedankengut mit der Rückkehr zu einer vorindustriellen, agrarischen Religion eine Lösung der umweltpolitischen Fragen anstrebt. Zu diesen Ursachen kommt noch der Druck eines politischen Systems am Ende der Periode der Sozialstaatlichkeit, das von vielen Jugendlichen in Form des überzogenen Bürokratismus und den einseitigen Kriterien einer nur mehr auf Leistung orientierten Gesellschaft ausschließlich als Zwangsjacke empfunden wird, ohne ihnen eine festen ökonomischen, geschweige denn ethischen Boden unter den Füßen zu verschaffen.3 Das Christentum als Staatsreligion in den mittel- und nordeuropäischen Staaten wird damit leicht zu einem verlängerten Arm der Staatsgewalt, wie viele Jugendliche schon in der Schule beobachten können. Mit der Abkehr vom Staat geht damit die Abkehr vom Christentum einher. Da nach dem Ende des real existierenden Sozialismus auch der politische Atheismus marxistischer Prägung seine Grundlagen weitgehend verloren hat, sind es häufig genug esoterische Bewegungen, die ein Sinnangebot vermitteln wollen, und die „Religion der alten Germanen“ ist nur eine aus einem breiten Spektrum von Pseudoreligionen, aber eine, die besonders an völkisch-nationale Kreise appelliert.

Glaubt heute tatsächlich jemand an Odin und Thor als Götter in ihrer numinosen Mächtigkeit? Dies ist zwar eine Frage, die angesichts der politischen Seite der Neugermanen-Gruppen als nebensächlich erscheinen mag, ist aber nicht unwesentlich, was eine etwaige potente religiöse Bindung der „Gläubigen“ an ihre Religion angeht, die für das längerfristige Überleben der neuheidnischen Gruppierungen relevant sein wird.

Der beste Kenner der Szene, der inzwischen verstorbene Friedrich-Wilhelm Haack, hat 1981 versucht, dieser Frage auf den Grund zu gehen:

„Für die alten Germanen waren ihre Götter ohne Zweifel richtige Götter. Donar meldete sich im Donnerhall ebenso persönlich und wollte persönlich beschwichtigt sein, wie Wotan, dessen wilde Jagd in Sturmnächten über das Land und die Wälder fegte.

Diese Götter waren nicht Symbol-Gestalten, Sinn-Gespenster ohne Fleisch, Blut und Wirklichkeit. Sie lebten, kämpften, zechten, und sie konnten dereinst in der Götterdämmerung sogar sterben. Für die Neugermanen-Gläubigen ist eine solche unmittelbare Göttergläubigkeit nicht möglich. Für sie bleiben eigentlich nur zwei Wege: Eine Art aufgelockerter Eingott-Glaube (‘Allvater’), bei dem die Götter nur Erscheinungswesen des einen Ur- und Zentral-Gottes sind, oder ein Glaube an eine ‘göttliche Kraft’, die in allem Leben vorhanden, am stärksten aber im Menschen selbst vorfindlich ist. (Pantheismus)

In den Schriften des Armanen-Ordens-Gründers Guido (von) List findet sich diese letztere Gottesvorstellung.“4

Sollte diese Einschätzung richtig sein, so besteht wohl kein Grund, auf religiösem Gebiet die Wiederkehr einer echten Odins- oder Thorsreligion zu befürchten. Selbst im Dritten Reich hat man sich von offizieller Seite ausgesprochen davor gescheut, eine Rückkehr zu einer Religion der heidnisch-germanischen Götter zu propagieren, sondern hat im Gegenteil ein „deutsches Christentum“ gefördert, auch wenn man seit Oktober 1933 einen Zusammenschluss einer ganzen Reihe von deutschgläubigen Gruppen als Religionsgemeinschaft duldete, vor allem deshalb, weil diese es nie über wenige 100.000 Mitglieder brachte. Nur ein geringer Prozentsatz davon gehörte allerdings zu den sog. „Nordischen“, also Asen-Gläubigen. Der Ausdruck deutschgläubig ist aber schon beträchtlich älter, stammt aus der Zeit vor der Jahrhundertwende und zwar vom österreichischen Antisemiten Georg Ritter von Schönerer (1842–1921), aus dessen Umfeld auch der später weithin verwendete Spruch stammte:

„Ohne Juda, ohne Rom, wird erbaut Germaniens Dom! Heil!“5

Aber selbst dieser Spruch ließ Raum sowohl für Deutsch-Christen als auch für die Asen-Gläubigen. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg entstanden dann eine ganze Reihe von neuheidnischen Vereinigungen, darunter der neu gegründete Armanenorden mit seiner Zeitschrift Irminsul, die Gylfiliten mit ihrer Zeitschrift Odrörir, der Treuekreis Artglaube Irminsul oder der Godenorden. Aber selbst die Anhänger einer „harten“ Organisation wie der Ludendorffianer verwehren sich ausdrücklich dagegen, heidnische Götter anzubeten, sie seien „keine Wotansanbeter“.6

Eine kleine Gruppe aber, die eher nicht am äußersten rechten Rand der Szene angesiedelt ist, sucht dennoch die alte Religion wiederaufleben zu lassen:

„Wenn hier von Neuheiden gesprochen wird, so ist das ein wissenschaftlicher Begriff, der betont, dass es keine nachweisbare lebendige alteuropäisch-heidnische Tradition gibt. Praktizierende ‘Neuheiden’ lehnen diese Bezeichnung oft ab, da sie – wie z.B. die verschiedenen Schulen des international aktiven Wiccakults – darauf beharren, archaisches rituelles Erbe weiter zu pflegen. Als Neuheide wird ein spirituell orientierter Mensch bezeichnet, dessen Religiosität von alten Mythen und Göttern inspiriert wird. Heute glaubt nur eine Minderheit unter ihnen an die reale Existenz heidnischer Götter wie z.B. Wodan, Freyja oder Balder. Vielmehr werden diese als unzerstörbare seelische Archetypen gedeutet.“7

Hier zeichnet sich auch eine Entwicklung ab: Hat z.B. der Armanenorden anfangs unter dem Stichwort Wotanismus noch den Glauben an konkrete heidnische Götter propagiert, so wendet er sich neuerdings eher diffus-esoterischem Gedankengut zu.8

Insgesamt schätzte Haack die Zahl der Mitglieder all dieser Vereinigungen in der alten BRD auf immerhin 44000,9 dennoch ist heute in der Öffentlichkeit in Deutschland so gut wie keine Tendenz zu neugermanischem Heidentum zu spüren. Dagegen sind in Schweden und Dänemark unter Skinheads Manifestationen des Neuheidentums zu finden, hier allerdings als zwar öffentlichkeitswirksame, aber periphere Gruppierung, in Island sind die Asatrúarmenn („Angehörige des Asenglaubens“) sozial durchaus akzeptabel,10 und in den USA haben sich Anhänger einer „Odinic Religion“ in einer ganzen Reihe von hearths („Herden, Feuerstellen“) vereinigt.

So bleibt heute nur ein stilles und, wie ich meine, weitgehend ungefährliches Neuheidentum, das zu anderen esoterischen Sekten zu stellen ist und selbst innerhalb des Rechtsradikalismus keine politische Relevanz hat, sondern sich vielleicht auch hier nicht zu Hause fühlt; zu dieser Situation passt das Stimmungsbild in einem Zeitschriftenartikel von 1991:

„Die Gruppe bekennt sich in aller Stille zum Neuheidentum. Sie feiert hier ihre Wintersonnwendzeremonie. Das Feuer ist ein Lichtsignal für die Sonne, die nun allmählich die Erde mit längeren Tagen beglückt und in der Zeit der anschließenden Raunächte – so erzählen es alte Mythen – die tief im Erdboden schlummernden Samen erweckt. Gleichzeitig soll das flackernde Feuer die Sonne magisch anziehen und näher zu den Menschen bringen. Der Gruppenleiter opfert etwas Salbei, Johanniskraut und Brot. Die Gaben sollen den Dank an die Geistwesen der Natur ausdrücken, mit denen sich die Gruppe verbunden fühlt. So wie Tausende von Neuheidenzirkeln in aller Welt, versucht auch diese Gmeinschaft, das uralte, heute noch von vielen Ureinwohnernationen gepflegte Ritual der Wintersonnenwende neu zu beleben.“11

Wie auch dieses Beispiel zeigt, so haben selbst die religiösesten der Neuheiden äußerst wenig mit der eigentlichen germanischen Religion zu tun – und die Kenntnisse darüber sind meist mehr als bescheiden. Ein Wiederaufflackern der wikingerzeitlichen Religion Thors, Odins und Freyrs und damit eine Wiederbelebung der germanischen Mythologie ist also im Neuheidentum nicht zu sehen.

3. Wagner oder: Warum wanken Walküren nicht?

Dank des Leipziger Komponisten Richard Wagner (1813–1883) und ungezählter Inszenierungen seiner Ring-Tetralogie weiß auch heute jedermann, wie man sich eine Walküre vorzustellen hat – nur wozu sie gut sein soll, weiß keiner.

Wagners Beschäftigung mit der germanischen Mythologie reicht bis in in die 40er-Jahre des 19. Jh.s zurück, schon 1843 hatte er Jacob Grimms Deutsche Mythologie (1. Aufl. 1835) gelesen. Er selbst verfasste 1848 den Essay Wibelungen: Weltgeschichte aus der Sage, ein eher politisches Werk, in dem er die Nibelungensage mit zeitgenössischer Politik verbindet. Zwischen 1848, als er offenbar mit Vorarbeiten zu Siegfrieds Tod die ersten Ideen für eine Nibelungenoper sammelte, und 1851 erwarb er sich auch Kenntnisse des Altnordischen, las Freiherr Friedrich Heinrich von der Hagens Übersetzung der Völsunga saga12 und verwendete auch eine Originalausgabe der Edda. Schon 1852 war die Ringdichtung fertig, die er 1853 drucken ließ, die Musik dazu beschäftigte ihn weitere zwei Jahrzehnte. Erst 1874 lag sein Nibelungenzyklus fertig vor, der aus dem Vorspiel Das Rheingold und den Opern Die Walküre, Siegfried (ursprünglich: Der junge Siegfried) und Götterdämmerung besteht.

Trotz seiner Quellenstudien ging jedoch Wagner mit dem Nibelungenstoff und noch mehr mit der nordischen Mythologie recht freizügig um: Odin bekommt eine Rolle in der Nibelungensage, der Gott Loki wird mit dem Feuerriesen (?) Logi zu einer Figur verschmolzen, und nicht zuletzt werden die Walküren völlig vermenschlicht. Wagners Verzerrung der Mythologie und Sagenwelt, sein Nationalismus – den es natürlich in den Quellentexten nicht geben kann – und seine eigenwillige Übertragung der Stabreimtechnik ins Deutsche hat zu vielen populären, aber durchaus falschen Vorstellungen über die germanische Mythologie geführt, die heute allerdings das öffentliche Bewusstsein stärker prägen als wissenschaftliche Erkenntnisse.

Dennoch hat Wagner der germanischen Mythologie zu einem Durchbruch in der Öffentlichkeit verholfen, wie sie ihn ohne Wagner und seine Musik wohl niemals geschafft hätte. Dabei helfen nicht zuletzt zwei wesentliche Faktoren, die ausschließlich mit Wagner, nichts aber mit der Mythologie zu tun haben:

1. Wagner polarisiert wie nur selten andere Komponisten; kaum jemand ist in der Lage, seine Musik ausschließlich zu tolerieren, sie zwingt zur Stellungnahme. Der Querdenker Wagner hat auch schon zu seinen Lebzeiten provoziert und polarisiert, und er tat dies nicht nur in seiner Musik, sondern auch in seiner durchaus politischen Behandlung der germanischen Mythologie: Er nutzt sie nicht nur als Opernstoff, sondern er gebraucht sie – oder: missbraucht sie? – als Vehikel für seine politischen Ansichten.

2. Wagner sensualisiert durch seine Musik, „eine Musik, welche die Hörerschaft unmittelbar anzusprechen vermag und die tieferen Schichten des kollektiven Unbewussten über die ganze Welt hin erreicht. Die zentrale Idee, der Gehalt des Textes wird sogar durch seine Musik unmittelbarer erlebt. Mancher Zuhörer erliegt den Zauberkünsten dieses Magiers und übernimmt unbesehen, was ihm an Ideen geboten wird. Diese Musik ist, wie Nietzsche zeigte, die Alleinherrschaft des Gefühls, losgelöst von allem andern.“13 Damit macht sich Wagner – aus wissenschaftlicher Sicht – derselben Verfremdung schuldig wie die Neuheiden, indem er die ihm brauchbar erscheinenden Elemente der heidnischen Mythologie in eklektischer Manier herausnimmt, verformt, und für seine Zwecke verarbeitet.

Wagner hatte, um am Beispiel der in der Überschrift genannten Walküren zu bleiben, die wohl jeweils jüngsten, schon am meisten durch mittelalterliche Formen geprägten Quellen herangezogen, statt – wie üblicherweise der Wissenschaftler – die jeweils ältesten, noch die heidnische Zeit am ehesten reflektierenden Quellen zu verwenden. Das führt dazu, dass das Bild der germanischen Mythologie, mit dem Wagner in den letzten eineinviertel Jahrhunderten die Welt unterhalten und fasziniert hat, ein Bild ist, das mehr mit Wagners Ideologie und Phantasie als mit der alten heidnischen Religion zu tun hat.

In den von ihm benutzten Sigrdrífomál sind es schon vermenschlichte Mädchen, „Schildmaiden“ nach dem Vorbild des altnordischen Motivs des meykongr, also des männlich handelnden und kämpfenden Mädchenkönigs, welche die alten Seelenführerinnen der wikingerzeitlichen Dichtung abgelöst haben, wobei auch das christliche Engelsbild schon für die Ausgestaltung des Walkürenkonzepts wirksam geworden sein kann. Der Name weist ursprünglich auf Totendämonen hin, welche die Gefallenen vom Schlachtfeld ins Jenseits führen (altengl. wœlcyrge, altnord. valkyrja von valr „die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen“ und kjósa „wählen“, also „die die Gefallenen Auswählenden“). Schon in der Völkerwanderungszeit wurden daraus jedoch weibliche Gestalten, die den ruhmreich Gefallenen – und nur diesen – einen ehrenden Empfang in Walhall bereiteten. Sie taten dies wohl nicht in der Weise wie die Houris des islamischen Paradieses, sondern wurden seit der Wikingerzeit gedacht als Gesandte Odins, die den Kriegern bei ihrem Einzug in Walhall feierlich ein Horn mit einem Trunk reichten. An dieser zweifellos sehr feierlich gedachten religiösen Szene – immerhin erreicht der Tote gerade seinen zukünftigen Wohnort – ist nichts zu spüren von der wüsten Martialität der Wagner’schen Walküren, nichts vom dramatischlautstarken Walkürenritt, und nichts von den lauten, geharnischten, allzu kräftigen und „brunhildenhaften“ Walküren der Wagnerikonographie, sei es auf dem Theater oder in den vielfachen Abbildungen der Folgezeit. Den „Walkürenritt“ amerikanischer Kampfhubschrauber in Vietnam in Francis Ford Coppolas Apocalypse Now hat jedenfalls Wagner ebenso auf dem Gewissen wie die spätbürgerlichen Walkürengemälde der Jahrhundertwende.

Dennoch, wie andere Mythen der Neuzeit werden Wagners Walküren weiterreiten, unabhängig von historisch korrekteren Interpretationen, und werden im öffentlichen Bewusstsein das bleiben, was sie sind, auch wenn sie es erst seit etwas mehr als 100 Jahren sind: groß gewachsene, übergewichtige, martialische, meist negativ konnotierte Frauen, und nicht die ersehnten eleganten Empfangsdamen der Paradiesesvorstellungen wikingerzeitlicher Krieger.

II. Vorspiel: Die Megalithkulturin West- und Nordeuropaund die skandinavische Bronzezeit

1. Das Geheimnis der Megalithen

Niemand würde heute ernstlich von „Germanen“ vor der älteren Eisenzeit, also etwa vor 400 v. Chr., sprechen und dennoch kann man schwerlich über die heidnische Religion Nordeuropas sprechen, die wir als germanisch bezeichnen, ohne auch auf die Religionen vor diesem Zeitpunkt einzugehen, da sie die Grundlagen späterer Entwicklungen bilden. Es sind in erster Linie die Denkmäler der Megalithkultur, die großen Steinsetzungen, Ganggräber und Menhire, die uns in Nord- und Westeuropa überall ins Auge fallen und uns nur allzu deutlich die Bedeutung dieser massiven Monumente aus tonnenschweren Steinen für das Glaubensleben und den Totenkult einer prähistorischen Bevölkerung vor Augen führen. In zweiter Linie sind es die gerade für Südskandinavien typischen bronzezeitlichen Felszeichnungen, die man in der Vergangenheit gerne als Zeugen früher „germanischer Religion“ betrachtet hat und die zweifellos religiöse Relevanz besitzen, auch wenn sie einer älteren vorgermanischen Periode angehören. Diese zwei Perioden – die megalithische des Neolithikums und die Bronzezeit – seien daher, nicht ganz willkürlich, als Beispiele der vorgermanischen nordwesteuropäischen Kulturen herausgegriffen, da u.a. sie den Boden für die Glaubensvorstellungen der eisenzeitlichen und völkerwanderungszeitlichen Bevölkerung, und damit unserer nordwesteuropäischen Vorfahren im weitesten Sinn, bereiteten.

Der Begriff Megalith bedeutet nichts anderes als „Großer Stein“, und die Kulturen, die man mit diesem Namen belegt, haben als gemeinsamen Nenner in erster Linie tatsächlich Grabanlagen, die aus derartigen Großsteinen errichtet sind. Es sind aber nicht nur die monumentalen Grabanlagen, die das Interesse an der Megalithkultur hervorrufen, sondern auch die zum Teil riesigen Steinkreise, von denen Stonehenge der bekannteste ist, die zahlreichen allein stehenden Menhire oder auch die weitläufigen Steinsetzungen der Bretagne aus hunderten von tonnenschweren Felsen.

Man kann schwerlich von nur einer Trägerkultur der Megalithkultur sprechen, denn der Brauch der Großsteingräber erstreckt sich von Südschweden und Dänemark über die deutsche und niederländische Tiefebene zu den nordatlantischen Inseln, den Orkneys, Hebriden, Schottland, England und Irland, über Frankreich und die Iberische Halbinsel zu den Balearen, Sardinien, Sizilien und Malta. (Abb. 2; nur die west- und nordwesteuropäischen Denkmäler sind im Folgenden Gegenstand dieser Darstellung). Die regionalen Ausformungen von Großsteinanlagen weichen stark voneinander ab, aber die meisten dieser Bauten fallen in das 3. und 2. (seltener das 5., 4. und 1.) Jahrtausend v. Chr. und damit in die jüngere Steinzeit (Neolithikum) und die beginnende Bronzezeit.

In den letzten Jahrzehnten haben sich einige konstante Formen des spätsteinzeitlichen religiösen Kultlebens herauskristallisiert, Formen, die nicht leicht anders als im religiösen Kontext zu erklären sind. Es sind dies der Cursus – der durch parallele Gräben oder Steinreihen markierte gerade Prozessionsweg –, die Henges – durch Wälle und Gräben mit einem (selten einem zweiten) Zugang über einen Damm versehene kreisrunde Grabenwerke –, die Steinkreise, einzelstehende Menhire sowie die sog. Alignements, Anlagen aus (annähernd) parallelen Steinreihen. Dazu kommen an Grabanlagen noch die verschiedenen Formen der Großsteingräber, in erster Linie Dolmen, Ganggräber (engl. passage graves; frz. tombes à couloir) und Langhügel (engl. longbarrows, frz. allées couvertes).

Abb. 2: Verbreitung megalithischer Grabformen in Europa (nach McKie, 148f.).

Zwar hat man die Megalithkultur auf Grund der Artefakte immer schon in das späte Neolithikum gestellt, aber erst durch die C14-Datierungen (Radiocarbonmethode) seit den 50er-Jahren des 20. Jh.s hat man genauere Datierungen einzelner Anlagen erhalten, welche gegen Ende des 20. Jh.s durch die Fortschritte in der Dendrochronologie (der Datierung durch Vergleiche der Jahresringe von Bäumen) zusätzlich kalibriert werden konnten.1 Die Datierungen der für die Megalithzeit so typischen Ganggräber und Dolmen reichen fast überall über mehrere tausend Jahre, wobei man in der Bretagne Datierungen zwischen 5500 und 3100 v. Chr. geb., in Portugal zwischen 5000 und 4590, im spanischen Galicien 3490 und 2100, auf den Orkneys 3700 und 2100, in Schottland 3000 und 1500, in Irland etwa 3000 und 2000 und in Schweden zwischen 3000 und 2800 v. Chr. erhalten hat. Alle derartigen Angaben sind nur sehr ungefähr, nicht nur wegen den Unwägbarkeiten der C14-Methode, sondern auch wegen der statistisch nur recht geringen Auswahl. Sicher scheint dabei allerdings, dass die Ganggräber in der Bretagne und in Portugal zur ältesten Schicht der Megalithgräber gehören.

Die große Frage ist heute, ob sich die Ganggräber zwischen dem 5. und dem 3. Jahrtausend v. Chr. langsam, vielleicht vom Mittelmeerraum oder der Bretagne aus in den Küstengebieten Westeuropas verbreitet haben oder ob sich der Brauch der Großsteingräber unabhängig voneinander in mehreren Zentren, darunter wohl Portugal, die Bretagne, Dänemark und Irland entwickelt hat. Die Frage ist dabei auch, wie man sich die Diffusion eines so aufwendigen Grabstils über ganz West- und Nordwesteuropa vorzustellen hat.

a) Dolmen, Ganggräber und Hünengräber

Ganggräber bestehen aus einer mit Großsteinen errichteten und mit solchen gedeckten Grabkammer, die Nebenkammern aufweisen kann, und einem von außerhalb des Hügels meist relativ eben in diese Grabkammer führenden steinernen Gang, dessen Länge je nach Größe des über diesem eigentlichen Grab aufgeschütteten Schotter- und Erdhügels von wenigen Metern Länge bis zu 25 m variiert. Der äußere Fuß des Grabhügels ist vor allem bei den westeuropäischen Gräbern durch hoch gestellte Großsteine abgegrenzt und um den Eingang oft auch zu einer Fassade ausgearbeitet.

Dolmen (die Bezeichnung stammt aus bretonisch tad, „Tisch“, und maen, „Stein“) dagegen sind megalithische Grabkammern, üblicherweise ohne Gang, aber jedenfalls ohne bedeckenden Hügel, sodass die meist nur wenigen das Grab konstituierenden Monolithen mit ihrem bedeckenden „Dachstein“ in der Landschaft tatsächlich wie Riesentische wirken.

Die dritte verbreitete Form der Großsteingräber sind die Langhügel (in Norddeutschland oft auch als Hünengräber bezeichnet), welche im Gegensatz zu den erwähnten beiden Formen in die existierende Erdoberfläche eingetieft sind und eine lang gestreckte Grabkammer, aber oft keinen Gang als permanenten Zugang umfassen; auch sie sind mit langen, aber üblicherweise sehr flachen Erdhügeln bedeckt.

Jede dieser Formen hat in Größe, Material und Grundplan eine enorme Vielfalt an Realisationen erfahren, aber einige Elemente sind dabei doch erstaunlich konstant.

Zum Ersten ist es der schiere Umfang der Bauwerke, der eine recht straffe soziale Struktur zur Voraussetzung hat. Beim Bau der meisten Ganggräber benötigte man zum Transport und zur Aufrichtung der Megalithen sowie zur Aufschüttung des Hügels darüber zehntausende bis hunderttausende Arbeitsstunden, und so eine Arbeitsleistung ist, auch über eine wohl jahrelange Bauzeit hinweg nur durch straffe Organisation, Bevorratung von Lebensmitteln und einen dezidierten Bauplan möglich. Die zu diesem Zeitpunkt schon agrarische Bevölkerung besaß also im Neolithikum offenbar Machtstrukturen, durch die eine solche Organisation über längere Zeiträume hinweg geplant und auch durchgesetzt werden konnte, also nicht nur eine primitive Stammes- oder Großfamilienorganisation, sondern regionale Häuptlinge oder Fürsten, die in einem delikaten Gleichgewicht mit ihren Nachbarn – und wohl auch in Zusammenarbeit mit ihnen – Bauwerke errichten wollten und konnten, die mehrere Tausend Jahre überstanden. Dazu tritt die Notwendigkeit einer ausreichenden Zahl von Arbeitskräften für ein solches Unternehmen, was wohl nur in wenigstens regionalen, aber jedenfalls nicht nur lokalen Machträumen denkbar ist; ein französisches Experiment hat gezeigt, dass für den Transport eines 32 Tonnen schweren Steins 200 bis 400 Arbeitskräfte notwendig sind, was eine regionale Gesamtbevölkerung von 1000 bis 2000 als Minimum zur Konstruktion eines größeren Dolmens oder Ganggrabs voraussetzt.2

Zum Zweiten ist es die Kenntnis von Materialien und Techniken, die solche Bauwerke von der technischen Seite her ermöglichten. Die Steinbrucharbeit und die Bearbeitung von Steinen ausschließlich mit Steinwerkzeugen erscheint uns heute als fast übermenschliche Leistung, aber im Neolithikum war die Technik bereits so weit ausgereift, dass bei entsprechendem Arbeitseinsatz die Bearbeitung der Großsteine selbst kein Problem mehr darstellte. Anders sieht es dagegen etwa bei der Konstruktion der Großsteingräber aus: Die Anlage und interne Konstruktion ist bei manchen Gräbern derartig komplex, dass wohl nur komplizierte Berechnungen und lange Erfahrung den Bau möglich machten.

Ein dritter Aspekt ist der Zugang zu den notwendigen natürlichen Ressourcen, der aber eine nur relativ kleine Rolle gespielt haben dürfte, da man bei der Konstruktion der Ganggräber sich den lokalen Umständen anzupassen wusste. Wo Monolithen fehlen, arbeitet man eher mit Trockensteinmauern, wo der zur Einhügelung notwendige Schotter und Humus fehlte, waren Dolmen wohl auch ohne Hügel möglich, indem man die Lücken zwischen den Orthostaten – den senkrechten Steinblöcken – mit Trockensteinmauerwerk füllte.

Ein vierter, bislang etwas vernachlässigter Aspekt ist die Notwendigkeit einer ausreichenden Motivation von Bauten, die die technischen und ökonomischen Möglichkeiten einer neolithischen Gesellschaft bis zur Grenze des Überlebens belastet haben mag. Die unmittelbare Motivation lag zweifellos in den genannten Machtstrukturen, aber die mittelbare muss darüber hinaus in Glaubensvorstellungen gesucht werden, welche die Errichtung solch aufwendiger Bauten als unbedingt notwendig für das Weiterleben der Toten in der jenseitigen Welt oder aber für die Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten ansah. Dass man diese Bauten zweifellos als Wohnorte der Toten ansah und nicht nur als Grüfte oder Beinhäuser, erhellt sich aus dem teils enormen Aufwand, der, wie in Newgrange (Irland), getrieben wurde, um die Grabkammern völlig trocken zu halten.

Dass die Toten für die Lebenden in religiöser Hinsicht von Bedeutung waren, geht aus den zahlreichen Funden von Überresten geopferter Tongefäße hervor, welche wohl Gaben an die Toten enthielten und die nicht mit Keramikgefäßen als Grabbeigaben verwechselt werden dürfen, sondern sich sowohl in den Grabkammern als auch im Gang sowie, in größter Zahl, vor den Ganggräbern finden. Eine noch immer offene Frage ist jedoch, wer eigentlich in den großen Ganggräbern beigesetzt wurde. Die Zahl der Skelette in den – allerdings oft durch spätere Grabräuber geplünderten – Gräbern reicht von einigen wenigen bis zu 200, worunter sich Männer, Frauen und Kinder befanden. Allerdings ist diese Zahl zu gering, um die Leichen aller Toten einer Gemeinschaft in einem längeren Zeitraum umfassen zu können; im größten erhaltenen Ganggrab überhaupt, im irischen Newgrange, müssen hunderte und tausende von Menschen an dem 80 m im Durchmesser ausmachenden Hügel gearbeitet haben, aber nur fünf Individuen wurden schließlich darin beigesetzt, zwei als Leichen und drei verbrannte. Waren es also vielleicht nur die Toten einer bestimmten Klasse, die hier beigesetzt werden durften, oder etwa nur die Angehörigen einer bestimmten, von den Göttern abstammenden Familie? Jedenfalls ist sicher, dass die großen Ganggräber wie in der Bretagne oder in Irland nicht nur Begräbnisstätten, sondern auch zentrale Kultstätten waren; das geht einerseits aus ihrer Verbindung mit anderen megalithischen Bauwerken, wie Steinkreisen oder Steinreihen (s. unten) hervor, andererseits aus den schon erwähnten Opfergaben, aber auch aus der baulichen Anlage einzelner Ganggräber, bei denen der Vorplatz vor Fassade und Eingang zu einem regelrechten erhöhten ovalen Festpodium ausgestaltet ist, dessen Form in der Anlage des Grabhügels selbst berücksichtigt ist (sog. „gehörnte Hügel“, da das Oval von zwei vorspringenden „Hörnern“ des Hügels teilweise umgriffen wird).

Eine weitere Konstante in der Anlage von megalithischen Grabhügeln in Westeuropa ist die Tatsache, dass die Ganggräber und Dolmen in der überwiegenden Zahl der Fälle in Küstennähe und möglichst auch mit direktem Blick aufs Meer angelegt wurden. Ein extremes Beispiel dafür ist das kleine Grab (inmitten einer Henge) von Cairnpapple in West Lothian in Schottland, das, obwohl auf einer nur recht unscheinbaren Anhöhe gelegen, die Aussicht sowohl auf den Firth of Forth im Osten als auch den Firth of Clyde im Westen freigibt und somit gerne auf das medio nemeton („mittlere/zentrale Heiligtum“) bezogen wird, welches der Geograph von Ravenna für Südschottland anführt. Selbst der einzig bekannte Dolmen in Sizilien, in der Nähe von Syrakus, liegt zwar versteckt in einer flachen Talsenke, aber mit einem überraschenden Blick auf das Meer. Diese Anlage in Küstennähe hat man in der Vergangenheit mit der maritimen Vertrautheit der neolithischen Bevölkerung erklärt, welche für die Verbreitung der Megalithkultur verantwortlich gewesen sei. Allerdings stießen die ersten neolithischen Ackerbauern in Westeuropa aus dem Donaubecken ins Seinebecken und andere Gebiete Westeuropas vor, und diese frühesten europäischen Bauern waren sicherlich nicht ursprünglich Seefahrer. Wahrscheinlicher ist es noch, dass die Anlage der Megalithbauten die Reaktion der einheimischen Küstenbevölkerung auf die Ankunft der Ackerbauern war3, aber selbst diese Deutung könnte den externen Anstoß überbewerten; vielleicht hat auch nur der Import der Ackerbautechniken, ein gleichzeitiger Bevölkerungsanstieg auf Grund günstiger Bedingungen und die damit verbundene Veränderung sozialer Strukturen der älteren Jäger-Sammler-Gesellschaft4 sowohl die Entwicklung des Ackerbaus als auch überregionaler Mobilität gefördert.

Es ist aber nur schwer vorstellbar, dass die Küstennähe reiner Zufall ist, sodass letztendlich doch mit einem maritimen Interesse der neolithischen Trägerkultur gerechnet werden muss. Bestätigt wird die nautische Kompetenz durch die in den Abfallhügeln der Siedlung von Skara Brae auf den Orkneys gefundenen Reste von Meerestieren, die zeigen, dass man sich u.a. auch von der Hochseefischerei ernährte. Selbst die Verbreitungskarte der europäischen Ganggräber zeigt, wie sehr sich die Megalithkultur auf die Küstengegenden beschränkt, und dies spricht gegen die Annahme5, dass die Entstehungen der Ganggräber an verschiedenen Orten im Neolithikum unabhängig voneinander stattgefunden haben, denn dass dies nur in Küstengebieten passiert sein soll, ist ganz unwahrscheinlich.

Wer aber waren dann die Baumeister der Megalithdenkmäler? Wir wissen, dass sie meist schon Landwirtschaft trieben, in Schottland oder Schweden aber auch Viehzüchter waren. Wir kennen die hoch entwickelten Steinbearbeitungstechniken und die Bergwerke, aus denen sie das Rohmaterial für ihre Feuersteinwerkzeuge bezogen. Wir kennen ihre Keramik – üblicherweise als grooved ware bezeichnet – und ihre wichtigsten Symbole, u.a. die Steinaxt und die Doppelspirale (s. unten). Wir wissen inzwischen schon einiges über ihre normalen Wohnstätten, wenigstens in England, und durch einen besonderen Glücksfall kennen wir auch eine ganz besondere Art der Behausung vom Anfang des 3. Millenniums vor Christus auf den Orkneys, nämlich im Dorf von Skara Brae.

Skara Brae auf der Insel Mainland in den Orkneys wurde nur deshalb entdeckt, weil Mitte des 19. Jh.s. das Meer an einem flachen Hügel nagte, der sich als künstlich erwies und eine wohl erhaltene, aus Schieferplatten erbaute Siedlung enthielt, die fast 5000 Jahre alt ist. Sie besteht aus neun bis zu 6 m × 6 m großen Steinhütten, deren Eingänge in einen zentralen Gang münden und die zum Großteil durch einen künstlichen, aus Speiseabfall, Sand und Asche bestehenden Hügel bedeckt waren. Eine der Hütten lag etwas abseits an einem gepflasterten, ursprünglich wohl oben offenen Hof und dürfte eine zentrale Küche gewesen sein; die anderen Hütten weisen aber auch zentrale Feuerstellen und eine äußerst komfortable Inneneinrichtung aus rechtwinkelig aneinander gefügten Schieferplatten auf (Abb. 3), die getrennte, im Boden eingelassene Vorratstanks für Fische und Krebse, aber auch Betten und Wandregale umfassten. Von jeder Hütte führte unter dem Boden ein Abwasserkanal in einen zentralen Sammelkanal unter dem mit Steinplatten ausgelegten Verbindungsgang, dessen einziger Ausgang aus der Siedlung eng und leicht zu verriegeln war. Die Nahrung der Bewohner bestand nach Ausweis ihrer Küchenabfälle aus Fisch, Meeresfrüchten, Schafen und Rindern, aber auch aus Gerstenprodukten. Auffällig ist dabei das Fehlen des ansonsten für das Neolithikum typischen Wilds – hatten es die Bewohner dieser Luxuswohnungen etwa nicht notwendig, auf die Jagd zu gehen? Wildmangel war jedenfalls nicht der Grund, denn nach der Naturkatastrophe, die das Ende der Siedlung verursachte, lebten Menschen eine Zeit lang in den nun von Sand verschütteten Ruinen, und sie nährten sich vornehmlich von der Jagd. Von Bedeutung ist aber neben der Qualität der Behausungen die Mobilität der Bewohner: Nicht nur befuhren sie das offene Meer zum Fischen, sondern sie hatten offenbar auch weiter reichende Kontakte, denn die von ihnen verwendete Keramik gleicht der zur selben Zeit im südenglischen Wiltshire und in Clacton in Essex verwendeten und weist auch deutliche Parallelen zu der in Portugal auf.6

Eine Erklärung dieser und ähnlicher Funde ist die einer extrem hoch entwickelten neolithischen Bevölkerung, die in verschiedenen Gegenden, je nach geologischen, topographischen und klimatischen Gegebenheiten unterschiedliche Techniken für Wohnbauten ebenso wie für ihre Grabdenkmäler und Kultbauten entwickelte. Auch die mit Skara Brae durch eine prähistorische Straße7 verbundenen Steinkreise von Brodgar8 und Stenness und das unweit davon gelegene Ganggrab von Maeshowe gehören nämlich zu den Meisterleistungen megalithischer Technik, sind aber zweifellos durch die Schiefervorkommen auf den unbewaldeten Orkneys mitbedingt. In anderen Gegenden – wie im bewaldeten Südengland oder der Bretagne – konnte man andere Techniken verwenden, aber die Errichtung solch monumentaler Denkmäler wie Stonehenge in Wiltshire oder den kaum weniger beeindruckenden 20 m langen Langdolmen La Roche-aux-Fées bei Essé in der Bretagne zeigen, dass die materielle Kultur trotz weniger imposanter (und jedenfalls weniger dauerhaften) Holzbauten hier nicht niedriger war als auf den Orkneys. Selbst Dänemark, wo die Ganggräber und Dolmen üblicherweise etwas kleiner und simpler ausfielen als am Atlantik, hat immerhin 20.000 bis 25.000 solcher Megalithgrabstätten hervorgebracht. Die Anlage der Ganggräber in Küstennähe wäre damit ein Hinweis auf die maritime Mobilität dieser sich somit gegenseitig beeinflussenden Gruppen, könnte aber auch – und das schon weithin, vom Meer aus sichtbar – ein physisches Zeichen territorialer Machtbereiche sein.9 Die Gräber wären damit Markierungen von deutlich abgegrenzten, aber in ihren Kontakten keineswegs regional beschränkten religiös-politischen Territorien.10

Man hat aber noch eine andere Erklärung für den enorm hohen Standard der Häuser von Skara Brae und ihrer auffälligen Ernährungsgewohnheiten sehen wollen. Diese Bauten seien nicht die Behausungen der eigentlichen Bevölkerung, sondern die exklusiven Wohnungen einer Art von hochmobiler, technisch weit fortgeschrittener und astronomisch gut gebildeter Priesterkaste, die – irgendwo aus dem Süden kommend – die neue megalithische Religion in ganz Westeuropa verbreitet hätte und sich selbst damit als dünne Oberschicht über der einheimischen Bevölkerung etabliert hätte. Diese Priester seien für die weitgehenden Übereinstimmungen der Megalithbauten vom Nahen Osten bis Südskandinavien verantwortlich, die damit nicht den technischen Stand der neolithischen Ackerbauern darstellten, sondern einer importierten religiösen Revolution, welche, von Mesopotamien ausgehend, den Brauch der Kollektivbestattung erst über das Mittelmeer und dann über ganz Westeuropa verbreitet hätten.11 Die in den verschiedenen Gegenden weitgehend übereinstimmende ikonographische Symbolsprache der Megalithkultur, die auf den Orkneys in Skara Brae und Brodgar geradezu die Form einer Protoschrift annimmt,12 sei ebenfalls auf die Kenntnisse dieser Klasse von eingewanderten Priestern zurückzuführen. Selbst wenn diese Hypothese viel zu weit gehen mag, was ihre Träger und Verbreiter angeht, so kann man doch sicherlich von einer religiösen Revolution im Neolithikum sprechen. Die Grabsitte der älteren und mittleren Steinzeit bis zur mittleren Jungsteinzeit ist das Einzelgrab, und erst mit der Megalithkultur kommt in Europa erstmals die Kollektivbestattung auf. Dies trifft nicht nur auf die Megalithkultur im engeren Sinn zu, sondern auch auf andere jungsteinzeitliche Kulturen, etwa des Mittelmeerraums, wo man nun in den gewachsenen Fels gehauene Nekropolen, ganze Totenstädte, anlegte, wie etwa in den Catacombe Larderia (bei Modica) auf Sizilien und in Tarxien oder Saflieni auf Malta, wo man die Skelette von 7000 Individuen in einem einzigen Komplex aus in den Fels gehauenen Gräbern und Ossuarien (Beinhäusern) fand.13 Diese Art der Bestattung der Toten bedingte, dass die fortschreitende Aushöhlung des Felsens ständig neben schon bestatteten Toten stattfand, ebenso wie bei der Weiterbelegung der westeuropäischen Ganggräber jede Neubestattung das Betreten des Grabes mit den Skeletten – oder auch noch nicht skelletierten Toten – bedingt. Die Konsequenz aus dieser Grabform ist einerseits, dass die Lebenden – oder manche von ihnen – eine nur geringe Scheu vor den (halbverwesten oder skelettierten) Toten im Grab hatten, andererseits, dass die Lebenden und die Toten eine Gemeinschaft bildeten, die vor regelmäßigen Berührungen der beiden Welten nicht zurückschreckte, sondern sie offenbar sogar institutionalisierte. Von den Nekropolen Maltas wissen wir, dass sie im Zusammenhang mit megalithischen Tempeln standen – den ältesten Europas –, in denen wenigstens u.a. eine weibliche Gottheit verehrte wurde, von deren Statuen man noch Reste vorfand. Welche Gottheiten man dagegen an den Atlantikküsten verehrte, wissen wir nicht, aber dass der Kult in engem Zusammenhang mit den Toten stand, können wir aus der Einheit von Kollektivgrab und Kultplätzen ablesen.

Abb. 3: Innenansicht eines Hauses und Plan von Skara Brae, Mainland, Orkney (Plan nach McKie, 33).

Irritierend ist bei der Interpretation die Inkonsequenz der mit den Megalithgräbern verbundenen Grabbräuche: Manche enthielten hunderte von über einen längeren Zeitraum bestatteten Leichen, andere enthielten nur wenige, gleichzeitig beigesetzte Leichname. Es ist wohl auch nicht überraschend, dass in den zwei oder eher drei Jahrtausenden, in denen Großsteingräber angelegt wurden, verschiedenste Veränderungen in der rituellen Praxis auftraten, während die Grundelemente der megalithzeitlichen Religion, nämlich Großsteingrab, Großsteinsetzungen, Kollektivbestattung und Verbindung von Grabbrauch und öffentlichem Kult, erhalten blieben. Jedenfalls ist zu erwarten, dass eine Religion, die über 2000 Jahre und in fast allen Küstengebieten Europas dominant war, erhebliche regional und zeitlich, vielleicht sogar ethnisch bedingte Unterschiede aufweist, sodass uns also Differenzen weniger überraschen sollten als offenbare Übereinstimmungen.

Newgrange, das bedeutendste der etwa 150 erhaltenen Ganggräber in Irland, ist aber auch für die Religionswissenschaft ein äußert interessantes Bauwerk, nicht nur wegen seiner Dimensionen (Abb. 4). Umgeben wird der Hügel von etwa 80 m Durchmesser nicht nur von einer Fassade aus Steinplatten und Trockensteinmauerwerk, sondern weiters noch von einem großen Steinkreis von über 100 m Durchmesser und ursprünglich bis zu 38 Steinen.14 Die Steine in Gang, Grabkammer und Dach sind vielfach durch eingemeißelte Muster dekoriert, wobei Doppelspirale, Zickzackmuster und konzentrische Kreise zu den häufigsten Motiven gehören; dabei wurden auch Steine dekoriert, die in der Konstruktion jedem Betrachter verborgen bleiben mussten.15 Die auffälligste Besonderheit in Newgrange ist aber die erst 1963 entdeckte Kammer über dem Querträger des Eingangs, die 90 cm hoch, 1 m breit und reich verziert war und durch einen massiven Block aus Bergkristall verschlossen war, durch den aber die Strahlen der Sonne bei Sonnenaufgang zu Mittwinter trotz des gewundenen Ganges und wegen dessen Steigung genau in die Grabkammer fielen. Dieses Datum muss also bei der Konstruktion eine zentrale Rolle gespielt haben, und die Bedeutung der Sonne im megalithischen Kult geht auch aus den Ausrichtungen etlicher Steinkreise, Ganggräber und den überaus häufigen konzentrischen Kreisen, Sonnenscheiben mit Strahlen und wohl auch der Doppelspirale hervor.

Abb. 4: Plan des Ganggrabs von Newgrange, Irland (nach: Sean P. ÓRíordán and Glyn Daniel: Newgrange, publ. by Thames and Hudson Ltd., London 1964).

Die Interpretation der vielen Details von Newgrange ist trotzdem nicht einfach, denn wir wissen nicht, wie der Sonnenkult mit der Totenverehrung in Verbindung stand. Sollte die Mittwintersonne die Toten stärken, die wiederum für die Welt der Lebenden Verantwortung trugen? Dann stellt sich allerdings die Frage, warum die Sonne gerade an ihrem schwächsten Punkt im Jahreskreis in die Grabkammer scheint. Oder waren es die Sonnenstrahlen, die an den kürzesten Tagen des Jahres die Geister der Toten erleuchten und damit unschädlich machen sollten? Nichts weist aber darauf hin, dass man sich im Neolithikum die Toten schon als potentiell schadenstiftend vorstellte, im Gegenteil: Wir können ziemlich sicher davon ausgehen, dass die Toten ein wichtiger, das Leben und die Fruchtbarkeit der diesseitigen Welt garantierender Teil des gesamten Lebens waren. Vielleicht sollte also das Sonnenlicht am kürzesten Tag des Jahres die Toten erwecken und sie an ihre „Pflicht“, nämlich das Hervorbringen des Wachstums der Erde, erinnern, gleichzeitig mit der nun wiederum erstarkenden Sonne, die das Ihrige dazutut.

Dabei darf aber keineswegs vergessen werden, dass es eben nicht alle Toten waren, die in diesen Gräbern beigesetzt wurden, und dass die Ganggräber neben ihrer Rolle im öffentlichen Kult auch noch eine stark politische Komponente aufweisen, wie ihre topographische Prominenz, ihre Verteilung in der Kulturlandschaft und schließlich das besonders in der Bretagne hervortretende Axtsymbol als Zeichen der Macht verrät. Dazu kommt die überregionale Komponente, die auf eine weit verzweigte maritime Kultur mit kulturellem wie ökonomischem Austausch deutet: Die enge Verwandtschaft der orkadischen, englischen und iberischen Keramik sind dafür nur ein Beispiel, die sowohl in Portugal wie in Irland als auch teilweise in Frankreich und selbst in Südschweden zu findende Tendenz der Ganggräber zu Kreisform, Küstenlage, erhöhter Position und Gruppenbildung ein weiteres.16

Hingegen ist in Dänemark und der Norddeutschen Tiefebene die Küstennähe kein auffälliges Kriterium, die erhöhte Lage mangels topographischer Möglichkeiten ohnehin nicht, obwohl in Dänemark eine Tendenz dazu bestand, Dolmen auf künstlichen Hügeln zu errichten.17 Es ist also nicht auszuschließen, dass hier, im äußersten Nordosten des Megalithgebietes, eine Sonderentwicklung vonstatten gegangen ist, die möglicherweise auch eine politische Komponente hatte, da hier die Ganggräber in der Regel kleiner, gleichmäßiger verteilt und auch intensiver belegt waren als im Westen (mit bis zu 156 Skeletten; die Grabkammer des schwedischen Ganggrabs von Gökhem mit nur 2,8 m × 1,2 m enthielt wenigstens 20 Individuen)18. Der Grund dafür könnte sein, dass man hier eine andere Form des Kultplatzes entwickelt hat, nämlich eines nur kurzzeitig verwendeten Kulthauses aus Pfosten und sehr leichten Flechtwänden. Die Überreste einer ganzen Reihe sind in Dänemark zu Tage gekommen (Tustrup: Abb. 5, Ferslev, Herrup, Engedal, Foulnum, Sejerø), wenigstens teilweise in unmittelbarer Umgebung von Ganggräbern, und offenbar hat man diese Häuser, nachdem man in ihnen Opfergaben in Keramikgefäßen deponiert hat, bewusst wieder abgebrannt. Möglicherweise sind südskandinavische Sonderentwicklungen durch die sukzessive Einwanderung der Streitaxtleute, Glockenbecherkultur und Bootaxtleute zu erklären, obwohl traditonellerweise eine gegenseitige Beeinflussung dieser Gruppen eher abgelehnt wurde.

Abb. 5: Zeichnerische Rekonstruktion des Kulthauses von Tustrup, Nordjütland, Dänemark (nach Tilley, 228).

b) Steinkreise, Alleen und Menhire

Mehr als alle anderen Monumente haben die zum Teil enormen Steinkreise der Megalithkultur die Phantasie der Nachkommen bis zum heutigen Tag beschäftigt. Das hervorstechendste Beispiel ist zweifellos Stonehenge, aber diese Steinsetzung ist zwar von auffälliger Größe und eigenwilliger Konstruktion, aber weder typisch für die spätsteinzeitlichen Anlagen noch annähernd die größte; zudem fand die eigenwillige Konstruktion keine Nachfolger.

Um es vorauszuschicken: Endgültig geklärt ist weder der Zweck der Steinkreise noch der enormen Steinsetzungen in parallelen Reihen in Carnac in der Bretagne noch der der Menhire, also der allein stehenden Felsblöcke und Felsnadeln.

Am ehesten ist es noch möglich, etwas darüber auszusagen, was die Steinkreise wohl alles nicht sind: So sind sie sicher nicht in erster Linie Sammelpunkte für fiktive Erdstrahlen oder Zentren für Kraftlinien (leylines), die angeblich die ganzen Britischen Inseln durchziehen und an deren Kreuzungspunkte Steinkreise und andere „Heiligtümer“ liegen sollen. Auch sind die Steinkreise nicht in erster Linie vorgeschichtliche Observatorien, wenn sich auch für bestimmte solare und lunare Konstellationen durchaus Hinweise finden lassen. Aber die überzogenen astronomischen Interpretationen, die daraus hinauslaufen, dass die Linien zwischen den einzelnen Steinen eines Kreises alle ganz bestimmte Sterne markieren sollten, gehen viel zu weit. Diese Art der Paläoastronomie basiert in erster Linie darauf, dass sich etwa in einem Steinkreis mit 12 Steinen 36 Linien zwischen den Steinen ziehen lassen, wodurch sich 72 mögliche Punkte für astronomische Visierlinien, also für alle 2,7 Grad des Horizonts finden lassen.19 Wenn man noch dazu nicht nur die Zentren der Steine annimmt, sondern auch ihre Außenkanten, verdreifacht sich die Zahl solcher Visierlinien, und wenn man dann noch mögliche Visierpunkte auf Hügeln und Bergen der Umgebung heranzieht, ist faktisch jeder Sternenaufgangs- und Untergangspunkt durch Peilungen in einem einzigen Steinkreis als bereits vorgeschichtlich zu „beweisen“. Mit dieser Kritik an der Paläoastronomie in Bezug auf Megalithmonumente möchte ich keineswegs aussagen, dass die neolithischen Baumeister keine Ahnung von Astronomie hatten, ganz im Gegenteil. Aber man sollte weder in den Fehler verfallen, mit Peilungen aus Steinkreisen alle möglichen und unmöglichen astronomischen Punkte abdecken zu wollen, noch in den Steinkreisen reine Observatorien sehen zu wollen. (Siehe dazu auch Schlosser u. Cierny 1996.)

Einige der Steinkreise in Südengland und in Frankreich weisen einen derartigen Reichtum an Feuersteinwerkzeugen diversester Herkunft auf, dass man angenommen hat, es müsse sich hier um zentrale Handelsorte oder überregionale Treffpunkte gehandelt haben, andere Funde in England weisen auf irgendeine Art von Kult. Beide Fundgruppen und damit wohl auch Funktionen finden sich in den Erdkreisen (so genannten Henges), flache Erdanlagen aus Graben und Begrenzung, wieder, welche wohl, mit oder ohne hölzerne Pfostensetzungen, die Vorgänger der Steinkreise gewesen sein dürften.20

Die Größe der Steinkreise kann ein Hinweis auf ihre Funktion sein: Steinkreise bestehen aus 4 bis 60 Steinen und haben Durchmesser zwischen 3 und 103 Metern, wobei die kleinsten als Sammelplätze für Stammes- oder Handelstreffen ganz zweifellos ungeeignet sind. Nicht alle Steinkreise sind Begräbnisstätten: Während sie in Spanien und Skandinavien meist um ein Grab oder einen Grabhügel zu finden sind, ist auf den Britischen Inseln nur in 215 der 963 bekannten Steinkreisen ein Grab zu finden, und in der Bretagne enthalten sie ebenfalls kaum Gräber. Der Ursprung der Steinkreise, etwa um die Mitte des 4. vorchristlichen Jahrtausends, kann also weder in Grabanlagen überhaupt noch in den Fassadensteinen der großen Ganggräber gesehen werden, sondern es dürfte sich ganz besonders auf den Britischen Inseln diese Form von Kultplätzen entwickelt haben und erst später die Verbindung mit den Ganggräbern erfolgt sein – entweder durch Inkorporation von Gräbern in Steinkreise als sekundärer und vor allem auf dem Kontinent übernommener Brauch oder etwa durch die Errichtung der Fassaden der Ganggräber nach Vorbildern.

Wir müssen also annehmen, dass Steinkreise wohl schon ursprünglich einer ganzen Reihe von Zwecken gedient haben: als Versammlungsplatz, als Grabstätte, in erster Linie wohl aber als Kultplatz, dessen Platzwahl durch astronomische Beobachtungen durchaus mitbestimmt sein konnte. Dass der Ort keineswegs zufällig gewählt wurde, zeigen die vielen Steinkreise, die wie die Ganggräber in Sichtweite von Küsten angelegt wurden, oder auch die Tatsache, dass die Kreise keineswegs immer in unmittelbarer und somit ökonomischer Nähe der entsprechenden Steinbrüche angelegt wurden. Stonehenge ist wenigstens diesbezüglich kein Sonderfall, da die bis zu 7 m hohen und bis zu 45 t schweren Steine über eine Distanz von über 30 km herbeigeschafft werden mussten21 und die kleineren, nur 4 t schweren Steine sogar aus den über 300 km entfernten walisischen Bergen kamen.

Abb. 6: Stonehenge, Wiltshire, Südengland.

Wie schon erwähnt, weist die immense Arbeit, die mit dem Aufschütten von Wällen und Plattformen aus Erde sowie dem Transport und der Aufrichtung der Steine zehntausende, im Falle von Stonehenge und Avebury oder dem Ring von Brodgar auf den Orkneys wohl hunderttausende von Arbeitsstunden verschlungen haben muss, nicht nur auf eine relativ straffe soziale Organisation hin, sondern unterstreicht wohl auch die Bedeutung der größeren Anlagen als Zentren eines gemeinschaftlichen, öffentlichen Kults. Höchstwahrscheinlich waren derartige Kultzusammenkünfte mit Tänzen verbunden, denn im Volksglauben des Mittelalters und der Frühen Neuzeit tragen Steinkreise in England noch immer Namen wie Haltadans („lahmer Tanz“ auf den Shetland-Inseln) oder Riesentanz (Chorea Gigantum bei Geoffrey of Monmouth in Verbindung mit Stonehenge). Im Zentrum solcher Kulte stand wohl irgendeine Art von Fruchtbarkeitskult, ob nun im Kontext von Erntedankopfern oder im Rahmen der Voraussage der kommenden Saison. Einer der besten Kenner der Steinkreise in Europa, A. Burl, konnte im Zusammenhang mit Stonehenge, aber weiter über alle Steinkreise, die lapidare Aussage treffen: “There was always the axe, the sun and moon, and there was always death.”22 Mit der Bedeutung der Axt bezieht er sich auf das bedeutendste Symbol der spätneolithischen Religion der Megalithkultur, nämlich die Steinaxt, wie sie uns aus Funden in Stonehenge und anderen Steinkreisen sowie aus Felsritzungen in einer Reihe von bretonischen Ganggräbern immer wieder entgegentritt. Andere im unmittelbaren Zusammenhang damit zu findende Symbole sind Gesichter, Brüste, Spiralen und Doppelspiralen und das labyrinthähnliche Symbol in Hufeisenform, das man verschiedentlich als Labyrinth, als symbolische Darstellung des menschlichen Körpers oder aber als Aufzeichnung des jährlichen Wegs von Sonne oder Mond gedeutet hat, das aber durchaus auch für den Prozessionsweg innerhalb der hufeisenförmigen Henges gestanden haben mag. Andere megalithische Darstellungen umfassen noch Waffen (wie die Dolche in Stonehenge), bewaffnete Krieger mit Pfeil und Bogen (Le Trepied bei Le Catioroc, Guernsey) und symbolische oder realistische Darstellungen von Menschen, wobei wohl auch irdische Menschen dargestellt wurden. Eine gemeinsame Interpretation von allen möglichen Symbolen (konzentrische Kreise, Doppelspiralen, anthropomorphe Darstellung) als Darstellungen der „Großen Göttin“ halte ich bei dem weiten zur Verfügung stehenden Inventar für unwahrscheinlich.

Einige der Steinkreise enthalten Steine mit Löchern (wie in Avebury), und diese haben im Volksglauben vor allem eine Bedeutung für Fruchtbarkeit und Geburt sowie für Ehe (vgl. die symbolische Heiratsszene auf dem mit einem Loch versehenen Steindeckel einer Graburne von Maltgard).23 Die Verwendung solcher Steine in Ganggräbern und Dolmen24dürfte sie wohl aber auch als symbolischen Eingang in die andere Welt ausweisen; auch dies kann ein Hinweis auf die Beziehungen zwischen öffentlichem (Fruchtbarkeits-?) Kult und Totenkult sein.

In der religiösen Welt der späten Steinzeit waren Leben und Tod nicht getrennt, sondern die Toten waren ein notwendiger Teil des Lebens, die wohl auch im Glauben für die Sicherung der Fruchtbarkeit (mit-)verantwortlich waren.

Wenn wir auch die Konstruktion der Kultplätze, ihre Entstehungszeit und einige der materiellen Überreste der Kulthandlungen eruieren können, so sind die Riten selbst natürlich nicht rekonstruierbar. Wir wissen nicht einmal, ob die Beisetzung der tierischen und menschlichen Schädel, der Skelette und Leichenbrandreste als Teil der Opferhandlungen oder erst in ihrer Folge stattfanden. Etwas mehr können wir allerdings über Festzeiten sagen, da die astronomische Ausrichtung der megalithischen Anlagen – oder das Wenige, was wir mit großer Sicherheit darüber sagen können – den solaren Mittwinter und Mittsommer zu bevorzugen scheint, wie auch die oben erwähnten aus dem Ganggrab von Newgrange gewonnenen Erkenntnisse bestätigen. Somit stehen diese – aus dem solaren Jahreszyklus entnommenen – Festzeiten den bekannten germanischen Jahresfesten (Mittwinter, Mittsommer, Herbstbeginn) näher als den keltischen (Oimelg im Februar, wenn die Schafe begannen, Milch zu geben, Beltane im Mai beim Viehaustrieb, Lugnasad im August als Erntefest und Ende Oktober, wenn die Geister der Toten erwachten). Dazu treten allerdings wohl noch Festzeiten, die durch den lunaren Kalender bestimmt waren, da man den Mond offenbar auch über lange Zeiträume hinweg beobachtete und daher zu Erkenntnissen über die längeren Zyklen kam, wie den metonischen von 62 Mondmonaten (18,61 Jahre). Was den lunaren Kalender betrifft, so hat man ein gewisses Interesse besonders an den maximalen Mondaufgangszeiten feststellen wollen,25 was für mögliche Festzeiten jedoch wenig aufschlussreich ist. Allerdings ist der Zusammenhang zwischen Totenkult, Fruchtbarkeitskult und astronomischen Beobachtungen für das späte Neolithikum und die frühe Bronzezeit trotz aller Interpretationsversuche der „Paläoastronomie“ immer noch weitgehend ungeklärt. Festhalten sollte man vorerst, dass jedenfalls der lunare und solare Kalender zweifellos wichtig waren, während alle Überlegungen zu stellaren astronomischen Zusammenhängen reichlich spekulativer Natur sind.

Komplexer als die Deutung der Steinkreise gestaltet sich die der Steinreihen, der sog. Alignements