Rennradtouren mit den Alpenvettern - Sascha Resch - E-Book

Rennradtouren mit den Alpenvettern E-Book

Sascha Resch

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Beschreibung

Rennradtouren versprechen Freiheit, körperliche Höchstleistung und reichlich Glückshormone. Doch das ist bei Weitem nicht alles, denn unterwegs gibt es viel zu entdecken, jeder Ort erzählt seine ganz eigene Geschichte. "Rennradtouren mit den Alpenvettern. Die Geschichten der Orte" begibt sich auf Spurensuche nach den großen und kleinen Geschichten entlang 12 ausgewählter Routen. Dazu gibt es zahlreiche Kilometer und Höhenmeter en masse. Der ideale Begleiter also für Radsportler, die auf intellektuelles Niveau Wert legen, und für alle, die sich für Sport, Kultur und Historie begeistern.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Rennradtouren mit den AlpenvetternDie Geschichten der Orte

Die Alpenvettern

-

„Zwei Vettern, zwei Räder und die Berge“

Torsten Vaupel und Sascha Resch

-

Die Alpenvettern

Rennradtouren mit den AlpenvetternDie Geschichten der Orte

GPS-Tracks zum Nachfahren online unter https://alpenvettern.de/geschichte

© 2020 Torsten Vaupel und Sascha Resch

1. Auflage

Umschlaggestaltung, Layout, Satz: Sascha Resch

Lektorat, Korrektorat: Svetlana Schleeweiß, Paula Igaly (Lektorat Zagreb, Korrektorat Istrien)

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

Bildnachweis:

Alle Fotos des Buches stammen von den beiden Autoren Torsten Vaupel und Sascha Resch. Diejenigen Fotos, die nicht von den Autoren stammen, sind entsprechend kenntlich gemacht und mit einem Urheberrechtshinweis versehen. Die Kenntlichmachung folgt dabei dem Pixelio-Lizenzvertrag für redaktionelle Nutzung (aktuellste Version des Vertrags bei Erstellung des Buches vom 01.11.2019), verfügbar unter https://www.pixelio.de/static/lizenzvertrag_redaktionell.

Umschlagfoto: Blick in Richtung Tal auf der Ötztaler Gletscherstraße (Foto: Sascha Resch)

Höhenprofile:

Die Höhenprofile wurden mit dem frei verfügbaren Online-Dienst GPS-Visualizer erstellt (https://www.gpsvisualizer.com/) und individuell nachbearbeitet.

Kartenmaterial:

Die Karten stammen von OpenStreetMap: © OpenStreetMap contributors. OpenStreetMap veröffentlicht seine Daten unter der Open Database License (ODbL), für nähere Informationen siehe https://www.opendatacommons.org/licenses/odbl. OpenStreetMap nutzt die CC-BY-SA, um seine Daten verfügbar zu machen. Das vorliegende Buch schließt jedoch die Share-Alike-Klausel für sich selbst explizit aus.

Übersichtskarte auf Seite 6: Basierend auf Karte via Wikimedia Commons: (https://commons.wikimedia.org/wiki/File: Blank_political_map_Europe_in_2006_WF.svg) PNG: San Jose, 19. Juli 2006. SVG: RedHotHeat 6. August 2006. Public Domain, da basierend auf The World Factbook of Central Intelligence Agency of the USA.

Alpenvettern® ist eine eingetragene Wortmarke beim Deutschen Patent- und Markenamt.

ISBN Paperback: 978-3-347-11784-6

ISBN e-Book: 978-3-347-13452-2

Alle Inhalte dieses Buches wurden von den Autoren nach bestem Wissen und mit größter Sorgfalt recherchiert. Trotzdem kann für die Richtigkeit der Angaben keinerlei Haftung übernommen werden. Wir freuen uns über Hinweise und Anregungen.

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Danksagung

Radsport und die Geschichten der Orte

Aufbau der Tourenbeschreibungen

1 Geiranger: Ein Tag am Fjord

2 Tradition und Moderne im Alpenvorland

3 Schönheit und dunkle Vergangenheit in Berchtesgaden

4 Das Härteste, was Tirol zu bieten hat

5 Ötztal: Zwischen Natur und Freizeitindustrie

6 Steil, steiler, Nigerpass

7 Das Herz der Dolomiten – Coppi-Land

8 Märchenhafte Sagenwelt in den Dolomiten

9 Das ,klassische‘ Italien der Toskana

10 Tour de France ohne Ende

11 Zagreb: Stadturlaub mit Rad-Einlage

12 Istrien: Zwischen Antike und Pestkatastrophe

Literatur und Webhinweise

Register

Übersichtskarte der Touren: Die Karte gibt einen ungefähren Überblick über die Lage der beschriebenen Touren. Die exakte Position kann leicht abweichen.

Danksagung

Radfahren ist die schönste Art der Fortbewegung: Man ist unabhängig, schnell unterwegs und schont die Umwelt, jedenfalls im Vergleich zu anderen Fortbewegungsarten. Deswegen verbringen wir jede freie Minute auf dem Fahrrad. Am allerliebsten sind wir in den Bergen unterwegs, besonders in den Alpen fühlen wir uns so richtig wohl.

Seit unserer ersten großen gemeinsamen Tour im Jahr 2014, bei der wir von München nach Südtirol und weiter in die Dolomiten gefahren sind, treffen wir uns immer wieder zum gemeinsamen Radfahren. Dabei haben wir eines schnell bemerkt: Radsport bedeutet nicht nur körperliche Anstrengung, auch intellektuell gibt es jede Menge zu entdecken und zu erkunden. Aus dieser Beobachtung heraus entstand über die Jahre hinweg die Idee, ein Buch zu schreiben, das beides vereint, sportliche Herausforderung und intellektuelles Niveau.

Natürlich schreibt sich so ein Buch nicht von allein. Neben den zahlreichen Stunden, die wir beide selbst in die Texte, Bilder, Karten und Profile gesteckt haben, ist das Buch auch Verdienst zahlreicher Menschen, die uns unterstützt haben. Sei es bei der konkreten Abfassung der Beschreibungen, sei es bei den vielen Touren, die wir in den vergangenen Jahren gefahren sind und ohne die unser Buch gar nicht möglich geworden wäre.

Leider können wir nicht jeder und jedem persönlich danken, die Liste würde mehrere Seiten füllen. Diejenigen, die uns geholfen oder bei unseren Touren begleitet haben, wissen Bescheid. Vor allem unseren Freunden in Italien und Kroatien gebührt ein dickes Dankeschön!

Ein gesonderter Dank gilt an dieser Stelle unseren Eltern Doris und Johann Vaupel sowie Irene und Josef Resch. Die vier haben insgesamt über Jahrzehnte hinweg unsere Radsport-Manie ertragen und uns immer unterstützt. Insbesondere seit unserer Transalp im Jahr 2014 haben sie uns immer wieder ermuntert, wenn es mal nicht so gut lief, und uns geholfen, wo sie nur konnten. Danke euch!

Radsport und die Geschichten der Orte

Am 16. August 1797, auf dem Weg zu seiner dritten und letzten Schweiz-Reise, schrieb Goethe aus Frankfurt an seinen Freund Schiller einen Brief, in dem es gegen Ende heißt:

wenn man aber […] künftig bey weitern Fortschritten der Reise nicht sowohl auf‘s merkwürdige sondern auf‘s bedeutende seine Aufmerksamkeit richtete, so müßte man für sich und andere doch zuletzt eine schöne Erndte gewinnen. Ich will es erst noch hier versuchen was ich symbolisches bemerken kann, besonders aber an fremden Orten, die ich zum erstenmal sehe, mich üben. Gelänge das, so müßte man, ohne die Erfahrung in die Breite verfolgen zu wollen, doch, wenn man auf jedem Platz, in jedem Moment, so weit es einem vergönnt wäre, in die Tiefe ginge, noch immer genug Beute aus bekannten Ländern und Gegenden davon tragen.1

Goethe erkannte, dass jedem Ort etwas Besonderes innewohnt, das „bedeutende“, das gezielte Aufmerksamkeit verdient. Um an dieses Besondere zu gelangen, braucht es eine gewisse Anstrengung, man muss „in die Tiefe“ gehen, um an den verborgenen Schatz eines Ortes zu gelangen. Wenn man vor dieser Arbeit nicht zurückschreckt, dann kann man selbst in vermeintlich „bekannten Ländern und Gegenden“ Besonderes sowie Bedeutungsvolles entdecken.

Diese Verbindung von Orten und der Bedeutung, die ihnen innewohnt, ist inzwischen nichts Neues mehr. In der Kultur- und Literaturwissenschaft wie in den meisten anderen Fächern hat der ,topographical turn‘ längst Einzug gehalten und in zahllosen Forschungsarbeiten ist von Ort, Raum, Landschaft und ähnlichen Begriffen die Rede. Einer der wichtigsten Forschungszweige in diesem Zusammenhang ist die Idee von Erinnerungsorten. Das Konzept erlangte breite Aufmerksamkeit durch den französischen Historiker Pierre Nora, der aus einer stark nationalen Perspektive Erinnerungsorte, oder lieux de mémoire, der französischen Nation untersuchte. Erinnerungsorte sind nach Nora nicht zwangsläufig an geographische Orte gebunden, auch Artefakte und Personen können zu Erinnerungsorten werden. Gemeinsam ist allen Erinnerungsorten, dass sie Kristallisationspunkte kollektiven Erinnerns bilden („des points de cristallisation de notre héritage collectif“2). Sie bestehen also nicht nur aus historischen Fakten, sondern sie haben eine Bedeutung, wobei die konkrete Ausgestaltung dieser Bedeutung stets wandelbar ist: Erinnerungsorte haben laut Nora eine Neigung zur „métamorphose“.3 Die logische Konsequenz ist, dass so verschiedene Bedeutungsschichten entstehen, die sich übereinander lagern und freilegen lassen.

Die einzelnen Bedeutungen von Erinnerungsorten sind wiederum mit Geschichten verwoben. Dabei geht es nicht nur um Geschichte als historische Fakten, sondern um Erzählungen. Damit ein Erinnerungsort nämlich weiter existieren kann, „muß eine Geschichte erzählt werden“.4 Die Geschichte, die Überlieferung in Form einer Erzählung hilft dabei, die Bedeutung des jeweiligen Ortes zu erklären.

Was hat das alles jetzt mit Radsport zu tun? Mehr als man zunächst denkt! Wer mit dem Rad unterwegs ist, der begibt sich immer wieder aufs Neue in bekannte und unbekannte Gegenden, fährt durch Regionen, die voller ,Erinnerungen‘ sind. Manche dieser Erinnerungen erkennt man relativ leicht, fast schon auf den ersten Blick. Andere wiederum sind versteckt und werden erst sichtbar, wenn man sich aufmacht und nach ihnen forscht. Genau das haben wir uns vorgenommen und zu zwölf unserer Rennradtouren Informationen gesucht. Dabei wollen wir uns nicht in begrifflich-definitorischen Diskussionen verlieren, wir haben die Idee des Erinnerungsorts bewusst weit gefasst und frei interpretiert. Für uns geht es nicht nur um einzelne Bedeutungen der Orte, sondern im bildlichen Sinne um das ,Gedächtnis der Orte‘, also das Netz aus vielzähligen Begebenheiten und Ereignissen, die mit einem geographischen Ort oder einer Region verknüpft sind. Von bedeutenden Etappen bei Profirennen über harte historische Fakten bis hin zu Legenden und modernen Filmproduktionen – wir haben versucht, die wichtigsten Aspekte zu unseren Touren zusammenzutragen, um so die Geschichten hinter den Orten zu erzählen.

Natürlich ist so ein Vorhaben eine Gratwanderung. Denn zum einen kann man nicht alles erwähnen, jeder einzelne Ort, oft sogar ein einziges Detail eines Ortes, wäre bereits ein eigenes Buch wert. Entsprechend mussten wir auswählen und uns für interessante Beispiele entscheiden. Zum anderen mussten wir einen Kompromiss zwischen Genauigkeit und praktischem Nutzen finden. Unser Buch ist trotz des theoretischen Hintergrunds gerade keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern in erster Linie ein Tourenbuch für Rennradfahrer. Wichtigstes Ziel ist es deshalb, dass man die Touren bequem und mit Freude nachfahren kann. Aus diesem Grund wechseln sich in unseren Texten sportlich-geographische Angaben wie Streckenführung und Steigung mit Erzählungen zu einzelnen Orten ab. Weil der Schwerpunkt auf dem Nachfahren und Selbsterleben liegt, haben wir zudem bewusst auf detaillierte Quellenangaben in den Beschreibungen verzichtet, auch wenn das Konzept der Erinnerungsorte ursprünglich wissenschaftlich ist. Die Beschreibungen sollen in erster Linie angenehm zu lesen sein und zum Radfahren motivieren – ein umfangreicher Fußnotenapparat würde das in den meisten Fällen nur stören. Als Ausgleich haben wir am Ende des Buches einige Titel zusammengetragen, die nützliche Informationen und Hintergrundwissen liefern. Die Literatur kann so dabei helfen, sich selbst auf Spurensuche zu begeben, egal ob es sich um epische Alpentouren oder um die eigene Hausrunde handelt. Schon Goethe wusste: Man kann „noch immer genug Beute aus bekannten Ländern und Gegenden davon tragen“. In diesem Sinne nichts wie los und viel Spaß beim Nachfahren und Entdecken!

Torsten Vaupel und Sascha Resch, die Alpenvettern

1 Johann Wolfgang von Goethe: Brief an Schiller vom 16. August 1797, in: Weimarer Ausgabe, Abtl. IV, Bd. 12, S. 246, 1893.

2 Pierre Nora: Comment écrire l'histoire de France?, in: ders.: Les lieux de mémoire, Bd. 3.1, S. 11,1992.

3 Pierre Nora: Entre Mémoire et Histoire, in: ders.: Les lieux de mémoire, Bd. 1, S. XXXV, 1993 [Repr.]. Das Konzept der Erinnerungsorte ist deutlich differenzierter, als wir es hier in aller Kürze darstellen können. So ist eine weitere Eigenschaft von Erinnerungsorten, dass sie identitätsstiftend für ein Kollektiv von Personen wirken. Wir haben uns an dieser Stelle auf die Aspekte des Konzepts konzentriert, die für uns in der Anwendung besonders relevant sind.

4 Aleida Assmann: Erinnerungsräume, S. 309,1999.

1 Geiranger: Ein Tag am Fjord

Fjorde – das ist wohl eines der ersten Wörter, das vielen in den Sinn kommt, wenn es um Norwegen geht. Unsere Tour rund um Geiranger stellt genau das in den Vordergrund: Zwischen Ørnevegen und Dalsnibba gibt es kaum einen Meter, auf dem wir nicht den Geirangerfjord bestaunen dürfen; kaum einen Meter, der nicht vom Fjord beeinflusst ist. Wir sammeln hier zwar wenige Kilometer, dafür aber jede Menge Höhenmeter. Außerdem bekommen wir den berühmten Fjord von verschiedenen Seiten zu sehen. Da bleibt nur Eines: Auf geht’s! Kjør i vei!

Schwierigkeit:

4

Länge:

60 km

Höhenmeter:

2000 hm

Höchster Punkt:

Dalsnibba, 1500 m (gemessene Werte meist um die 1470 m)

Start:

Geiranger-Hafen

Ziel:

Geiranger-Hafen

Anstiege:

Ørnevegen; Dalsnibba

Anreise:

Die Anreise nach Geiranger gestaltet sich etwas kompliziert. Der nächstgelegene Flughafen befindet sich in Ålesund. Dort kann man in eine Fähre umsteigen, die im Sommer direkt nach Geiranger fährt. Es gibt von Oslo und Bergen auch Busverbindungen, die jedoch Umstiege beinhalten und in der Regel keinen Radtransport anbieten. Wer mit dem Bus reisen möchte, sollte im Idealfall über ausreichende Norwegischkenntnisse verfügen.

Beste Reisezeit:

1. Juni bis 31. August – in diesem Zeitraum ist die Anbindung Geirangers mit dem ÖPNV am besten gewährleistet.

Klima:

Um Geiranger herrscht typisch norwegisches Fjordklima. Durch das Meer gibt es keine klirrende Kälte, aber auch keine große Hitze. Häufige Regenschauer ziehen durch, auch mehrere Tage Dauerregen sind leider möglich. Am Dalsnibba können kalte Winde wehen.

Unser Startort Geiranger ist ein klassisches norwegisches Touristenziel. Der Ort selbst ist sehr klein, nur ca. 2000 Einwohner zählt die Ortschaft, die fast ausschließlich von den Gästen lebt. Man kann Geiranger zwar auch auf dem Landweg erreichen, doch die wohl meisten Besucher kommen per Schiff in den Fjord. Auch die berühmten Hurtigruten steuern Geiranger zwischen 1. Juni und 31. August an. Die ursprünglich als Postschiffroute gedachte Linie existiert seit 1893 und ist eine weltweit bekannte Touristenattraktion, die zwischen Bergen im Süden und Kirkenes nahe der russischen Grenze im äußersten Norden verkehrt. Sobald eines dieser gigantischen Schiffe am Ufer festgemacht hat, schwirren so viele Menschen umher, dass man meint, es gibt mehr Besucher als Einwohner.

Seit 2005 steht der Geirangerfjord auch auf der Liste der UNESCO-Weltnaturerbe, zusammen mit dem Nærøyfjord weiter im Süden. Doch schon viel früher war die Schönheit dieser Gegend ein offenes Geheimnis: Einer der ersten ,Touristen‘ war bereits Kaiser Wilhelm II. Er ist bekannt für seine Norwegen-Leidenschaft, er reiste von 1889 bis 1914, dem Beginn des Ersten Weltkrieges, jedes Jahr mit seiner Yacht in den hohen Norden. Wie emotional und persönlich der Kaiser mit Skandinavien verbunden war, zeigt sich in einer tragischen Episode Anfang des 20. Jahrhunderts: Als im Januar 1904 die Stadt Ålesund lichterloh brannte, schickte der deutsche Kaiser umgehend Hilfslieferungen, um den Wiederaufbau der Stadt zu unterstützen, finanziert aus seinem Privatvermögen.

Wer es dagegen etwas moderner mag, wird ebenfalls in Geiranger fündig. 2015 war der Ort nämlich Schauplatz einer aufwendigen Filmproduktion. Der norwegische Kinostreifen The Wave – Die Todeswelle wurde teilweise in Geiranger und Umgebung produziert und thematisiert die Angst vor einem Fjordtsunami, ausgelöst durch einen Erdrutsch in den umliegenden Bergen. Dass es sich hierbei nicht nur um dystopische Science-Fiction handelt, beweist die Katastrophe von Tafjord, das über die Reichsstraße 63 rund 50 Kilometer von Geiranger entfernt liegt. In der Nacht zum 7. April 1934 stürzten knapp zwei Millionen Kubikmeter Gestein aus mehr als 700 Meter Höhe vom Berg Langhamaren in den Fjord. Die Folgen waren verheerend: Den Ort Talfjord erreichten über 15 Meter hohe Wellen, die alles zerstörten, 40 Menschen verloren durch die Katastrophe auf tragische Weise ihr Leben.

Und das Beängstigende dabei ist, dass Geiranger dasselbe Schicksal treffen könnte, wobei die Auswirkungen noch viel vernichtender sein dürften. Am Berg Åkerneset, am nördlichen Eingang des Fjordes, sind über 50 Millionen Kubikmeter Gesteins instabil und werden von Geologen überwacht. Sollte der komplette Fels ins Rutschen geraten und in den Fjord stürzen, so drohen je nach Berechnung in Geiranger Wellen mit einer Höhe von 70 bis 80 Metern. Die tödlichen Wellen von Tafjord hatten wohlgemerkt ,nur‘ 15 Meter Höhe, sodass man sich die Folgen eines Tsunamis im Geirangerfjord lieber nicht vorstellen möchte.

Wir wollen deshalb lieber den Augenblick genießen und konzentrieren uns auf das Radfahren. Geiranger hat nämlich auch für den bergaffinen Radsportler reichlich zu bieten, deswegen geht es direkt in Richtung Nordwesten los. Die Orientierung ist relativ einfach, denn im Grunde existiert nur die Reichsstraße 63, die zunächst einige Meter am Fjord entlangführt, sodass man mit etwas Glück ein- und ausfahrende Schiffe beobachten kann.

Die Kehren des Ørnevegen tragen individuelle Namensschilder.

Das Einrollen auf Höhe des Meeresspiegels ist schnell vorbei, schon nach weniger als 2 Kilometern beginnt die erste Kletterpartie des Tages, die Adlerstraße oder auf Norwegisch Ørnevegen. Die Trasse ist eine wahre Meisterleistung der Straßenbaukunst. In elf Haarnadelkurven führt sie den steilen Berghang hinauf und überwindet auf knapp 8 Kilometern über 600 Höhenmeter, bei Steigungen meist um die 10–12 %. Die Strecke ist noch relativ jung, sie wurde erst 1955 feierlich eröffnet und stellt neben dem Wasserweg und der Straße aus dem Südosten über Lom die dritte Zufahrtsmöglichkeit nach Geiranger dar.

Dank der vielen Kehren sorgt die Abfahrt am Ørnevegen für gute Laune.

Die Adlerstraße wird von den Tourismusbüros gern als eine der schönsten Straßen Norwegens beworben und in der Tat raubt sie uns den Atem. Ein Grund dafür ist sicherlich die fordernde Steigung, ein anderer ist die fast durchgängige Aussicht auf den Fjord, der Meter für Meter kleiner wird. Daneben gibt es noch ein Kuriosum: Während in den Alpen die Kehren vieler Bergpässe nummeriert sind, um Orientierung zu verschaffen, haben sich die Norweger hier etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Sie haben jeder der elf Kurven einen eigenen Namen gegeben, den man auf einem kleinen Schild in der Kehre jeweils erfahren kann. Die letzte und berühmteste Kehre ist schließlich die „Adlerschwinge“ oder zu Norwegisch „Ørnesvingen“.

Hier befindet sich eine berühmte Aussichtsplattform über dem Geirangerfjord, die leicht überhängend ist, um noch eindrucksvollere Ausblicke zu ermöglichen. Normalerweise versammeln sich an diesem Punkt Heerschaaren an Touristen, weswegen es uns als Radsportler bald weitertreibt. Wir fahren lieber noch ein Stück weiter in Richtung Norden, um ein bisschen Einsamkeit und die tösenden Wasserfälle der Umgebung zu genießen. Positiver Nebeneffekt: Wir können ein paar weitere Höhenmeter sammeln, denn die Straße steigt noch knapp einen Kilometer leicht an. Den höchsten Punkt stellt ein kleiner Parkplatz dar, von diesem würde die Straße weiter nach Norden führen und wir könnten unseren Weg nach Eidsdal fortsetzen. Von dort müssten wir mit einer Fähre den Eidsdalfjord überqueren, um weiter auf der Reichsstraße 63 gen Norden zu fahren. Nach einigen Kilometern erreicht man so die weltberühmten Trollstigen, deren enge Haarnadelkurven wie gestapelt direkt an Wasserfällen vorbeiführen.

Nach dem Scheitelpunkt der Strecke kehren wir jedoch um, denn es fängt ein wenig zu nieseln an. Das ist nichts Ungewöhnliches in Westnorwegen und meist bleibt es bei einem kurzen Schauer. Doch wir wollen unser Wetterglück nicht herausfordern, schließlich steht heute noch ein ganz besonderer Anstieg auf dem Programm. Deshalb fahren wir zurück zum Ørnesvingen mit der Aussichtsplattform, wo sich immer mehr Touristen dicht an dicht drängen. Wir passieren die Menschentraube und stürzen uns in einer flotten Abfahrt in Richtung Meer. Man muss in der Tat aufpassen, dass man nicht in den Graben fährt, denn die Aussicht auf den Fjord kann nur allzu leicht vom Straßenverlauf ablenken.