RESET - Clemens Weis - E-Book

RESET E-Book

Clemens Weis

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Beschreibung

Ich bin ein Kind des Sports. Alles habe ich ihm untergeordnet. Alles. Ich überlebte zwei Herzinfarkte, kämpfte mich durch drei Krebserkrankungen, verlor meine halbe Zunge und spreche heute mit einem Oberarmtransplantat meine Vorträge. Mein Kieferknochen ist eigentlich mein Hüftknochen, ich überstand qualvolle Strahlen- und Chemotherapien, und mein Herz stand still, im Jahr 2018. Herzkammerflimmern. Mit 43 Jahren. Ich wurde wiederbelebt, es funktionierte nicht, ich lag im Tiefschlaf. Meine Familie verabschiedete sich von ihrem Mann, ihrem Vater, ihrem Sohn und Bruder. Ich wachte ein paar Tage später auf, wie durch ein Wunder, ohne Folgeschäden, und marschierte zwei Wochen später aus dem Krankenhaus. Heute bin ich nach wie vor ein Kind des Sports. Anders. Aber ich blieb Ich. Als Präsident des regionalen Schwimmverbandes in Salzburg, Sportkommissionsmitglied des nationalen Verbandes, als Lehrbeauftragter an Universitäten und Bundessportakademien sowie als Trainer, sportlicher Leiter und Manager der Schwimmunion Generali Salzburg wollte ich sportlichen Erfolg um jeden Preis. Ich kämpfte vor Gericht, sah mich mit Anzeigen, Verleumdungen und Anfeindungen konfrontiert. Ich blieb Leistungssportler. Immer. Ich überschritt meine Grenzen. Mehrmals. Heute bin ich Vater zweier Kinder, lebe seit 20 Jahren mit meiner Lebensretterin, meiner Frau, glücklich verheiratet, habe die Resonanz Ausbildungen zum Practitioner und Coach erfolgreich absolviert und versuche, meine Achterbahnfahrt zu begreifen und als Coach zu verstehen. Mein Buch. Ein Versuch.

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Clemens Weis

RESET

ZURÜCK INS LEBEN

Impressum

1. Auflage

© egoth verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers.

ISBN: 978-3-903183-38-4

ISBN E-Book: 978-3-903183-64-3

Lektorat: Dr. Rosemarie Konrad

Cover und alle weiteren Bilder: Privatarchiv Clemens Weis

Grafische Gestaltung und Satz: Dipl. Ing. (FH) Ing. Clemens Toscani

Printed in the EU

Gesamtherstellung:

egoth Verlag GmbH

Untere Weißgerberstr. 63/12

1030 Wien

Österreich

Inhalt

Vorwort

PROLOG – Der Gaisberg-Aufstieg

TEIL 1: Mein Weg in 19 Songs

Tanzen

Plattenepithelkarzinom

Roswitha

Schwimmtrainer

Hannah

Schmerzen

Der Untersberg

Heldentat

Vaterunser

Sprachlos

Cisplatin

Schwimmen

Die Gsengalm

Selbstversuch

Troponin

Aufwachen

Tiefschlaf

Marinos Laptop

Comeback

Die Bremse

EPILOG – Die Gaisberg-Abfahrt

TEIL 2: Grenzgänge

Ich

Clemens

Familie und Freunde

Vertrauen

Mut und Risikobereitschaft

Zuversicht

Neugierde und Ehrgeiz

Ausdauer

Geduld

Training

Wollen

Leistung

Einstellung

Beharrlichkeit

Resonanz

Glück

Danke

Kurzbiographie

Vorwort

Da steh ich nun, ich armer Tor,und bin so klug als wie zuvor.

Johann Wolfgang Goethe, Faust

Ich bin ein zäher Brocken. Ich meine nicht einer jener Typen, die einmal all out gehen und denken, sie wären widerstandsfähiger als alle anderen. Diese Bluffer-Typen, die erst schwafeln und dann, wenn es um die Substanz geht, wie aus der Pistole geschossen Ausreden für alle Was-wäre-wenn-Situationen präsentieren können.

Nein, ich bin das, was man einen zachen Hund nennt.

Dennoch habe ich nie gedacht, dass mir das auf den folgenden Seiten Beschriebene tatsächlich einmal hätte passieren können. Der Tod gehört nicht zum Leben eines jungen Mannes.

Zu mir schon gar nicht.

Ich hatte einen Plan, einen Weg, den wollte ich gehen.

Also ging ich ihn.

Ich wurde einfach noch zäher.

Der Soundtrack zu meiner Geschichte begleitet Teil 1 dieses Buches, der von meinem Aufstieg und von meiner Abfahrt erzählt.

Teil 2 sucht nach Antworten, reflektiert, überlegt. Er ist eine Sammlung dessen, was mich beeinflusst und mir das Überleben ermöglicht hat.

Was immer noch bleibt: Kann ich das überhaupt?

Schreiben? Erzählen?

Es ist ein Versuch.

Für mich und meine Wegbegleiter. Meine Familie und Freunde.

Für meine Tochter Hannah, damit sie nicht dieselben Fehler begeht wie ihr Papa.

Für Lukas.

Die Personen in diesem Buch sind nicht fiktiv. Diese Geschichte ist nicht fiktiv, sie ist tatsächlich passiert. Sie muss erzählt werden. Sie kann nur von mir erzählt werden.

Prolog –Der Gaisberg-Aufstieg

Aufgeben ist das Letzte, was man sich erlauben darf.

Hannelore Kohl

Der Gaisberg. Mein Hausberg. Salzburgs Hausberg. Hier bist du nie allein. Wenn du auf der Suche nach einem Trainingspartner bist, zieh deine Sportsachen an und fahr zum Einstieg. Bergläufer, noch mehr Radfahrer und unzählige Wanderer zu jeder Tageszeit machen meinen Hausberg zum sportlichen Mittelpunkt unserer Stadt. Egal, ob ich Gesellschaft oder Mitstreiter für meine sportliche Besteigung des Berges suche, immer finde ich die passenden Menschen. Vom Gipfel aus hat man eine unfassbar erhabene Aussicht auf die Stadt. Ich erkenne jedes Mal wieder die einzigartige Perfektion, die unsere Stadt von oben betrachtet ausstrahlt. Im Norden glänzen die Seen des Alpenvorlandes, im Süden stauen sich die Gebirge der Nordalpen auf, die meist schneebedeckten Gipfel ruhen majestätisch vor den Toren unserer Stadt, die durch die drei Stadtberge geteilt und gleichzeitig vereint wirkt. Der Gipfel ist der Lohn für den meist mehr als einstündigen steilen Anstieg.

Der Gaisberg ist 1287 Meter hoch, liegt am nördlichen Stadtrand Salzburgs und ist mit dem Rad, zu Fuß, auf Skiern, mit dem Auto, Bus oder mit Rollerskates von allen Seiten zu besteigen. Es gibt unzählige Wege, Pfade, Straßen oder Routen. Um von der Stadt aus auf den Gipfel zu kommen, muss man 863 Höhenmeter überwinden. Ein Naherholungsort für viele Salzburger, für mich jedoch immer mein idealer Trainingsberg. Ich wandere an regnerischen Tagen mit meiner Frau zum Luftschnappen und Durchbewegen meiner Knochen über den Büffelpfad zum Gipfel, laufe häufig mit meinen Freunden und Sportlern aus Parsch kommend bis zur Zistelalm, die auf gut 1000 Metern liegt, oder fahre den Gaisberg mit dem Rennrad auf und ab, oft mehrmals hintereinander.

Für einen Rennradfahrer zeichnet sich der Gaisberg ab der Zistelalm durch seine finale Steilheit auf den beiden letzten Geraden aus, die rund 250 Höhenmeter bis zum Gipfel ausmachen. Diese beiden Geraden sind meist der Scharfrichter für alle ehrgeizigen Rennradfahrer. Tief über den Lenker gebeugt, schwer atmend, versuche ich immer, auf diesen beiden letzten Geraden den Anschluss an meinen Vordermann herzustellen. Den Blick starr auf sein Hinterrad gerichtet, nehme ich die Welt um mich nicht mehr wahr. Schweißtropfen laufen mir über die Stirn in die Augen, der Rücken schmerzt von der Steilheit des Anstiegs, meine Atemfrequenz ist so hoch, dass ich nicht einmal einen – dringend benötigten – Schluck aus meiner Wasserflasche trinken kann. Die einzige Rettung ist der Vordermann.

Nur nicht abreißen lassen!

Nur nicht zurückfallen!

Koste es, was es wolle!

Die beiden Geraden werden von einer Kehre unterbrochen, für 20 Meter flacht die Steigung hier ab, um sich einem anschließend nochmals für 100 Höhenmeter entgegenzustemmen. Genau in dieser Kehre, die alle zum kurzen Durchschnaufen nutzen, forciere ich meine Attacke. Dort, wo alle eine kurze Pause einlegen, langsamer werden, die Beine kurz durchschütteln, genau dort schalte ich zwei Gänge höher und beschleunige aus der Kehre hinaus in den letzten Anstieg. Das Laktat schmecke ich auf dem Gaumen, selbst meine Nasenhaare schmerzen durch die gierige Atmung, meine Füße folgen nur mehr dem Kommando meines Ziels, bloß nicht eingeholt zu werden. Meist halte ich meinen Vorsprung aus der Kehre hinauf bis zum Gipfel, selten breche ich ein, doch immer finde ich wieder Anschluss an einen Vordermann oder halte an schlechten Tagen Kontakt zum Hinterrad eines mich überholenden Kameraden.

Der Gaisberg stellt meinen Willen jedes Mal wieder auf die Probe.

Der Gaisberg ist meine Lebensschule: Er hat mich gelehrt, nie aufzugeben.

Nie!

TEIL 1

Mein Weg in 19 Songs

Tanzen

Do you remember, when we were kings,

Float like a butterfly, sting like a bee.

Brian McKnight, Diana King, When We Were Kings

In der Leidenschaft der Bewegung voll und ganz aufzugehen, tief in die Selbstverständlichkeit des Handelns einzutauchen und dabei die Leichtigkeit zu leben, alles rundherum auszublenden, den Moment zu genießen – ein gutes Gefühl.

Früh begann ich, diesem Drang nachzugeben. Als eines von drei Kindern, meine Schwester Monika war die Älteste, mein Bruder Philipp der Jüngste, faszinierte mich immer schon das Außergewöhnliche. Das fand ich rasch im Sport. Fußball, Tennis, Turnen, Tischtennis, Handball, zunehmend auch Ausdauersportarten wie Laufen und Schwimmen – ich wollte alles ausprobieren. Ich liebte das Gefühl der Schwerelosigkeit während einer Bewegung, ich tanzte wie von meinem Innersten gesteuert in dem Rhythmus einer Bewegung und genoss dabei das Ergebnis, das ich selbst produzieren konnte. Es passierte einfach, es fühlte sich in dem Moment nach meiner Bestimmung an, ich war ich, und das zu 100 Prozent. Bewegungen zu durchleben, Bewegungen zu beobachten, faszinierte mich.

Ich fühlte mich wie ein König in seinem Reich.

Als Kind konnte ich meine Leidenschaft nur selten mit meiner Familie teilen. Mein Bruder Philipp schielte, sein linkes Auge war oft zugeklebt, bevor er im Alter von wenigen Jahren eine dicke Brille bekam. Sport war für ihn eine echte Herausforderung, er konnte nicht Ball spielen, da er schlicht nicht sah, wann der Ball zu fangen war, ihm fehlte das dreidimensionale Sehen. Philipp faszinierte alles Handwerkliche, er liebte seine Modelleisenbahn und war unser Bob, der Baumeister. Auch wenn ich als kleines Kind immer meiner Schwester nacheiferte, so blieb ich mit meiner Sportfaszination rasch allein in meiner Familie. Meine Mutter lehnte jede Form von Leistungssport ab, verstand auch meine Begeisterung nicht. Nur mein Vater, ein erfolgreicher Handballer, später auch Trainer, nahm mich immer wieder zu seinen Handballspielen mit. Ich liebte es, am Spielfeldrand zu sitzen, das teils aggressive Treiben des Spiels zu beobachten, die Stärken und Schwächen einer Mannschaft zu entdecken. Am meisten jedoch inspirierte mich das Talent mancher Spieler, die Begabung, die sie von anderen unterschied. Unorthodoxe – jedoch erfolgreiche – Wurfmanöver, die über Sieg und Niederlage entschieden, fingen meinen Blick. Sofort erkannte ich die Leitfiguren eines Spiels, war begeistert von ihrem Auftreten und ihrer Präsenz. Ich träumte in jungen Jahren selbst davon, mitzuspielen, die Leidenschaft, mit der sich die Sportler engagierten, faszinierte mich. Doch ich sprach nicht über meine Begeisterung, auch nicht mit meinem Vater, der die Welt des Sports ebenso sehr liebte wie ich. Als Geschäftsführer und Eigentümer unserer Rupertus Buchhandlung hatte er wenig Zeit, war zudem ein introvertierter Mensch – auch das ein Grund, warum wir der gemeinsamen Faszination für Sport wenig nachgingen.

Also beobachtete ich allein.

Beobachten bedurfte der Ruhe und Zeit. Ich konzentrierte mich mit all meinen Sinnen auf ein Geschehen, versank darin und nahm nichts um mich herum wahr. Ich liebte den Zustand der Beobachtung, er stellte für mich den Beginn eines spannenden Lernprozesses dar, den Start in eine Reise, die ich am Ende des Weges immer selbst durchlebte. Nahm mich mein Vater nicht zum Handball mit, verfolgte ich an einem Sonntagnachmittag ein Fußballspiel der lokalen Mannschaften in unserem Stadtteil Nonntal. Das Ergebnis war sekundär, die Namen der Teams ebenso, ich war kein Fan einer Mannschaft, ich war Fan des Spiels. Der Spielverlauf, die Kommunikation, die taktische Umsetzung faszinierten mich mehr als das Warten auf Tore, die Zeit verflog während meiner Beobachtung wie von selbst. Wieder zu Hause, konnte ich das Spiel detailgetreu nacherzählen, Gesichter, Spielzüge und natürlich auch das finale Ergebnis blieben mir lange im Gedächtnis.

Als junger Mensch wollte ich alle Beobachtungen nachmachen, selbst ausprobieren. Ich wollte alles wissen, selbst Bewegungen spüren, erst dann war ich mir sicher, ob und wie eine Bewegung funktioniert, wie ein Erlebnis sich anfühlt oder wie meine Reaktion auf diese bestimmte Situation war. Ich lernte wesentlich mehr aus der Beobachtung menschlichen Verhaltens und der körperlichen Fähigkeiten der Spieler als über die singuläre Anweisung eines außenstehenden Trainers, Lehrers oder Übungsleiters. Immer wollte ich wissen, welche Wege ich zur Perfektion eines Freistoßes aus 20 Metern oder zur präzisen Durchführung eines Asses beim Tennisaufschlag gehen musste, um danach schelmisch und stolz mein Können meinem Gegenüber zu demonstrieren. Die Tricks der besten Tennisspieler, die sie ohne sichtbare Anstrengung in extremer Bedrängnis auf dem Tennisplatz vollführten, veranlassten mich dazu, den Tennisball stundenlang gegen eine Hausmauer zu spielen, in der Hoffnung, einen ähnlichen Schlag ausführen zu können wie meine Vorbilder.

Unmittelbar neben dem Eingang zu unserem Wohnblock, auf der Wiese davor, stand eine Klopfstange, zwei Meter hoch, drei Meter breit. Auf dem Absatz der Haustür, der durch drei Stufen leicht erhöht eine ideale Abschussposition bot, versuchte ich 100-fach Freistöße in das zehn Meter entfernte Klopfstangen-Tor zu schießen. Im Idealfall traf ich unter die linke obere Stange oder in die Kreuzecke. Der normale Schuss ins Tor ärgerte mich, es musste ein außergewöhnlicher Freistoß sein, erst dieser stellte mich zufrieden. Während des Spiels war ich völlig zeitbefreit, ich ging in meinem eigenen Wettkampf auf. So war ich in ein und derselben Person Mannschaft A und Mannschaft B oder spielte Tennis gegen mich selbst. Ich schoss Freistöße, einmal als FC Bayern München, das nächste Mal als SK Rapid Wien. Ich wollte mich fühlen wie Ivan Lendl, John McEnroe, Diego Maradona oder Antonín Panenka. Das schaffte ich nur, wenn ich den Ball annähernd auch in derselben Eleganz wie meine Idole ins Tor zwirbelte oder den Tennisaufschlag gegen die Hauswand mit derselben Raffinesse wie bei großen Tennisstars aussehen lassen konnte.

Probiere alles aus.

Wenn es nach dem zehnten Mal nicht funktioniert, dannvielleicht beim hundertsten Mal.

Auf diese Weise verbrachte ich fast alle Abende unter der Woche und die Nachmittage an den Wochenenden, ich liebte es, spielerisch vor mich hin zu träumen und lebte in meiner eigenen Welt.

Warum ich beim Schwimmsport hängen geblieben bin, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich wegen Herwig. Im Alter von zehn Jahren turnte ich zweimal wöchentlich in der Sportunion – mit mäßigem Erfolg. Dazu schwamm ich jeden Donnerstag bei der Schwimm Union Salzburg, und dort ich traf zum ersten Mal auf einen Menschen mit derselben spielerischen Leidenschaft. Herwig war ein Jahr jünger, kräftiger gebaut als ich, etwas kleiner, extrovertierter. Er war ebenso ehrgeizig, jedoch anders als ich oft auch jähzornig. Sein rundes Gesicht, sein hellblondes, kurzgeschorenes Haar und seine Liebe zum Spiel eroberten sofort mein Herz. Er wurde mein Freund. Mit ihm teilte ich rasch die Leidenschaft für alle möglichen Sportarten. Wir liebten es, uns in Wettkämpfen zu vergleichen, das verband uns nicht nur beim wöchentlichen Schwimmtraining, sondern auch an den schul- und trainingsfreien Tagen. An den Wochenenden trafen wir uns im Donnenbergpark und spielten Fußball. Wir versuchten, außergewöhnliche Tore zu schießen, Jubelposen einzuüben, Tricks zu perfektionieren und – wenn es möglich war – auch mit einer Gruppe fremder Fußballspieler ein Match zu spielen.

Eines Tages bot mir meine damalige Schwimmtrainerin an, ein zweites wöchentliches Training zu belegen, sie meinte, ich hätte Talent und würde gut in die nächsthöhere Trainingsgruppe passen. Das zweite Training fand jedoch am selben Nachmittag wie mein Turntraining statt, also musste ich mich entscheiden. Das Lob der Schwimmtrainerin und die Aussicht, mehr Zeit mit Herwig zu verbringen, erleichterten mir die Entscheidung. Aus anfänglich zweimal Schwimmen pro Woche wurde rasch eine tägliche Selbstverpflichtung. Nun war jeder Nachmittag ab 16 Uhr fürs Schwimmen reserviert. Um das Training regelmäßig absolvieren zu können, zwang ich mich, die Schule zur Zufriedenheit meiner Eltern zu erledigen; ich besuchte das Akademische Gymnasium am Rainberg. Meine Klassenkollegen nahmen mich kaum wahr, oft stand ich außerhalb der Klassengemeinschaft, gegenüber den Lehrern verhielt ich mich zurückhaltend. Ich war für sie nur anwesend, mehr nicht – das reichte, um Durchschnitt zu sein. Im Sportunterricht genoss ich Ansehen, mein vielseitiges Können, meine spürbare Leidenschaft für das Spiel und den Wettkampf sorgten für den nötigen Respekt meiner Altersgenossen.

Schon nach kurzer Zeit wollte ich noch mehr Sport machen, ein tägliches Training schien mir mit 15 Jahren zu wenig. Der Wechsel vom Akademischen Gymnasium in das Schulsportmodell Salzburg, das den Schülern ab der neunten Schulstufe zusätzlich Trainingseinheiten an zwei Vormittagen erlaubte, war mein Wunsch. Meine Eltern waren jedoch dagegen. Auch Herwig wechselte nicht in das Sportmodell, er besuchte ein normales Gymnasium, und irgendwann erlaubte der Schulalltag ihm kein tägliches Training mehr. Er beendete seine aktive Schwimmkarriere noch während seiner Schulzeit. Wir sahen uns nun unter der Woche kaum mehr, auf einmal fehlte mir ein Stück meiner Leidenschaft. Irgendetwas an der Leichtigkeit war verloren gegangen, das Training wurde mehr und mehr zu einer Aufgabe, die es bestmöglich zu erledigen galt. Ich konzentrierte mich auf die punktgenaue Umsetzung meines Trainingsplans, auf das Ergebnis meiner Trainingsaufgaben, versteifte mich auf geschwommene Zeiten, ich wollte schneller werden. Das unbeschwerte Spiel, das Herwig und ich in jeder Lebenssituation intuitiv gemeinsam zelebriert hatten, wich mehr und mehr aus meinem Alltag.

Nun konnte ich nicht mehr tanzen, ich begann zu leisten.

Ich verlor Herwig Schritt für Schritt aus meinem Alltag, dennoch trafen wir uns immer noch an den Wochenenden. Unsere Freundschaft blieb besonders für mich bestehen, auch abseits des Sports. Herwig stand immer an meiner Seite, ein gutes Gefühl.

Ein gleichaltriger Schwimmerkollege wechselte hingegen in die Schule mit dem Sportschwerpunkt und erkämpfte sich dadurch einen Trainingsvorsprung. Fehlende Trainingshäufigkeit versuchte ich nun durch verbesserte Qualität wettzumachen. Ich wollte immer das Maximum aus jedem einzelnen Training herausholen. Ich konnte regional den Anschluss halten, die Ergebnisse spiegelten mein Talent und meinen Einsatz wider, die geschwommenen Zeiten ebenso. Unabhängig von der sportlichen Weiterentwicklung fühlte ich mich in meinem Sport geborgen, er schenkte mir Selbstvertrauen, gab mir Halt und eröffnete mir die Möglichkeit, Erfolg und Anerkennung zu erlangen. In mir entwickelte sich der Gedanke, dass Sport auch meine Profession werden sollte, ich fühlte mich magisch angezogen von der Faszination des Wettkampfes, der Bühne, die der Sport den Sportlern schenkte, und der Geborgenheit, die mir mein Trainingsumfeld gab.

Ich hatte meinen Platz gefunden.

Nach der Matura – ich war zwar ein begabter, aber noch wenig erfolgreicher Schwimmer – setzte ich alles daran, nun endlich meine Grenzen auszuloten. Erst danach, so dachte ich, könnte ich wissen, ob ich genügend Kraft, Willen und vor allem Belastbarkeit hätte, um ein Spitzenschwimmer zu werden. Ich war gewillt, ein ganzes Jahr lang alles andere dem Leistungsschwimmen unterzuordnen. Aus diesem Grund zog ich nach Wien und begann umgehend, mein Trainingspensum zu verdoppeln.

Alles oder nichts.

Jetzt wollte ich es wissen.

Plattenepithelkarzinom

It’s a town full of losersand I’m pulling out of here to win.

Bruce Springsteen, Thunder Road

Nur über meine Leiche. Mit mir hast du dir den falschen Gegner ausgesucht. Ich werde sicher nicht nachgeben. Ich bin nicht wie jeder. Ich bin Clemens. Was andere darüber denken, interessiert mich nicht. Was für andere gilt, muss noch lange nicht für mich gelten. Geht nicht, gibt es nicht. Wenn ich einmal scheitere, probiere ich es noch einmal. Und scheitere besser! Noch bin ich jung, wenn nicht jetzt, wann dann? Ich bin der Baumeister meines eigenen Glücks. Meiner Zukunft. Sei einfach geduldig, deine Chance wird kommen. Pause brauche ich keine. Ich bin da. Und bleibe da.

Nur über meine Leiche!

Dass ich so weit gehen würde können, dachte ich damals noch nicht.

Mit 18 Jahren fokussierte ich nichts anderes als das nächste Training. Zehn Trainingseinheiten in der Woche waren die Regel, in intensiven Vorbereitungszeiten oftmals mehr, selten – zwecks Erholung – auch weniger. Das erste Training früh am Morgen, ich kroch um 5 Uhr aus dem Bett, um 6 Uhr sprang ich ins einsame Wasser des Wiener Stadthallenbades. Meist zwei Stunden lang. Das frühe Aufstehen kostete mich mehr Überwindung, als mir lieb war. Dennoch ließ ich niemals ein Training aus. Um 8 Uhr stieg ich wieder aus dem Wasser und freute mich auf ein ausgiebiges Frühstück. Am späten Nachmittag schuftete ich eine Stunde in der Kraftkammer und wiederum zwei Stunden im Wasser, um ausgelaugt, erschöpft, aber zufrieden um 20.30 Uhr wieder in meinem kleinen Zimmer im 15. Wiener Gemeindebezirk zur Ruhe zu kommen. Mein Zimmer lag in einem katholischen Wohnheim, das von Schulbrüdern geleitet wurde und mir von Anfang an gespenstisch vorkam. Allein in meinem Zimmer sitzend, schaufelte ich mir abends so viele Kalorien, wie ich nur aufnehmen konnte, hinein. An den Abenden lag ich erledigt vor dem Fernseher in einem dauerhaft menschenleeren Gemeinschaftsraum und ließ mich von dem immer gleichen Fernsehangebot berieseln. Außer den etwas eigenartigen Gestalten der Schulbrüder begegnete ich niemandem in diesem seelenleeren Haus in der Nähe des Westbahnhofs. Es roch nach Einsamkeit. Ich sprach kein Wort an diesen Abenden. Vordergründig kümmerte es mich nicht weiter. Ich war mit meinem Sport beschäftigt, das allein füllte meinen Alltag aus.

Ich kochte selbst, aß allein, hatte einen eintönigen Tagesrhythmus, ging früh schlafen, um in den Morgenstunden halb verschlafen wieder zum Training zu gehen – über den Westbahnhof in die Stadthalle. Das Trainingsbecken befand sich im Keller. Es war dunkel, die Atmosphäre feuchtschwül und anonym. Ich empfand meine Trainingsstätte als bedrückend.

Alleingelassen mit meinen Träumen in einer fremden Stadt.

Um 6 Uhr morgens sprechen Menschen nicht – sie wachen auf. Sie ordnen ihre Gedanken und stellen sich auf den anstehenden Tag ein. Ich sprang ins Wasser. Man sah seine Trainingskollegen, grüßte sich, sprach aber nicht miteinander. Nach dem Training hetzten alle Sportler davon. Das Frühstück, die Arbeit, das Studium, der Beruf warteten. Zeit für Kommunikation blieb keine. Ich stand als Einziger in der Dusche, genoss die Wärme des Wassers auf meinen müden Schultern und blieb oft so lange, bis die Haut runzelig und aufgeweicht war. Ich liebte es. Das Duschen jedoch spülte die Einsamkeit auch nicht weg. Nach dem Frühstück fuhr ich zur Universität, war aber zu müde, um den Professoren zuzuhören. Die Vorlesungen in Politik und Geschichte waren anonym, sie konnten die Trägheit meines Geistes nicht vertreiben. Nach einigen Wochen scheiterte mein Versuch, sowohl den Körper als auch meinen Geist gleichermaßen zu fordern. Der Schlaf mit vollem Magen nach einem ausgiebigen Frühstück war weitaus verlockender als das Studium. Ich fuhr fortan nur mehr zum Mittagessen zur Universität, besuchte die Mensa, mied jedoch alle Hörsäle. Die Zeit bis zum Training am frühen Abend vertrieb ich mir mit Musikhören und dem Lesen von Fachbüchern und Journalen über Schwimmsport. Ich wollte meine sportliche Leistung verbessern. Das war der Grund für meinen Aufenthalt in Wien. Der Johnny Walker, den mir Herwig eines Morgens nach einer feuchtfröhlichen gemeinsamen Feier geschenkt hatte, stand unberührt, einsam und staubig auf meinem Fensterbrett. Der Whisky blickte traurig aus dem Fenster. Er hatte nichts zu tun.

Nie nahm ich mir einen Tag trainingsfrei, auch den Sonntag nutzte ich zur aktiven Regeneration. Gymnastik, Entspannung und oftmals ein ruhiger Lauf sollten meiner besseren Erholung dienen. Das Wasser war mein Element, die Schwimmhalle mein Zuhause – seit meinem achten Lebensjahr. Ich trainierte mehrmals täglich, um mich sportlich zu entwickeln, um mir meinen Kindheitstraum zu erfüllen:

Ich wollte zu den Olympischen Spielen.

Dennoch ging mir etwas ab. Ich nahm es nicht wahr, spürte nur sehr oft ein dumpfes Gefühl der Leere während meines monotonen Alltags in mir. Ich vermisste die spielerische Leichtigkeit meiner Trainingsjahre mit Herwig, das Lachen während unserer Wochenenden, den kindlichen Ehrgeiz in der intensiven, aber doch immer freundschaftlichen Austragung unserer Wettkämpfe. Mir fehlte mein Partner, der mich daran erinnerte, dass es jenseits des Leistens auch noch etwas anderes gab. Ich war in Wien, Herwig in Salzburg. Er fehlte mir.

Meine Leistungen verbesserten sich vor allem im Training, die Wettkampfergebnisse jedoch entsprachen nicht meinen Erwartungen. Nachdem ich ein halbes Jahr lang fünf bis sechs Stunden täglich trainiert hatte, bekam ich zudem Überlastungserscheinungen im Schultergürtel. Zur ständigen körperlichen Müdigkeit kamen nun auch Schmerzen und der Frust, meinen Trainingsplan abändern zu müssen. Eine Pause machen zu müssen. Training, der monotone Tagesablauf, Einsamkeit und der sture Wille, den eigenen ehrgeizigen Vorstellungen nachzulaufen, kulminierten in einem umfassenden Übertraining, dem ich mit noch verbissenerer Arbeit an meinem Körper begegnete. Obwohl meine geschwommenen Zeiten in den nächsten Monaten die besten meiner Laufbahn waren, waren sie dennoch weit davon entfernt, einen Profisportler aus mir zu machen. Ich war nicht nur enttäuscht, ich empfand mich als Verlierer. Als Versager. Ich war jung, ehrgeizig, jedoch hilflos und nun auch noch frustriert. Niemand stand mir zur Seite, hatte einen guten Rat oder einfach nur ein offenes Ohr.

Ich begann, mir auf die Zunge zu beißen. Zu Beginn nur selten, ab dem Frühjahr 1994 immer häufiger, immer auf dieselbe Stelle. Anfangs ignorierte ich die Wunde an der linken hinteren Zungenseite. Nach Wochen der immer gleichen Leiden fühlte sich der Schmerz zunehmend leichter an, ich gewöhnte mich an ihn. Ich biss weiterhin auf die größer werdende Wunde, die sich nun auch langsam von der Mundoberfläche absonderte. Sie erhob sich als weißes Geschwür, das sich jedoch nur bei genauem Hinsehen als abnormal darstellte. Also schaute ich nicht genauer hin. Ich verbiss mich in der Idee, mir selbst zu beweisen, dass sich die investierte Zeit und meine harte Arbeit auszahlen würden, und trainierte einfach weiter. Die Wettkampfergebnisse am Ende meines Schwimmjahres blieben bescheiden:

Mein Projekt war gescheitert, mein Wien-Aufenthalt eine Niederlage.

Ich kehrte nach Salzburg zurück mit der Absicht, nun ernsthaft zu studieren. Sportwissenschaft und Politikwissenschaft. Das rieten mir meine Vernunft und meine Eltern. In mir drinnen jedoch brodelte der gescheiterte Versuch, ein professioneller Sportler zu werden. Aufgeben war nicht meine Sache, war es noch nie gewesen. Auch wenn ich vorgab, nun Student zu sein, blieb ich im Training, arbeitete gemeinsam mit dem damaligen Salzburger Landestrainer weiter an der Verbesserung meiner schwimmspezifischen Fähigkeiten. Just for fun lautete meine Rechtfertigung nach außen, um weiterhin das umfangreiche Schwimmtraining zu absolvieren, in mir drinnen wollte ich aber nach wie vor Profi werden. Die Ergebnisse sprachen eine andere Sprache. Mein Körper verarbeitete all die Belastungen des Hochleistungssports nicht, er war der Summe der Reize nicht gewachsen, litt an dem Druck, den ich mir selbst aufbaute, das gesamte Wien-Projekt hatte Spuren hinterlassen. Doch ich merkte es zu spät.

Mein Geschwür auf der linken Zungenseite wuchs, es schmerzte zwar kaum, behinderte mich aber zunehmend beim Beißen und Kauen. Zu lange, gute sechs Monate lang, wucherte es bereits in meinem Mund. Es wurde Zeit, es von Experten überprüfen zu lassen. Am 5. Dezember 1994 ging ich deshalb zum ersten Mal in die Ambulanz der Mund-, Gesichts- und Kieferchirurgie des Landeskrankenhauses Salzburg. Die Diagnose konnte ich nicht fassen: ein bösartiger Tumor auf der Zunge! Ein Plattenepithelkarzinom.

Ich war 19 Jahre alt, hatte noch nie geraucht, mein Leben lang Sport betrieben – und hatte einen Krebs, der üblicherweise Kettenraucher im hohen Alter befällt. Die Ärzte grübelten ungläubig, konnten keine Antworten geben.

Der Krebs trat in mein Leben.

Einfach so.

Ich war mit der Verarbeitung dieser Diagnose überfordert, konnte die Tragweite nicht einschätzen. Was tun? Wie sollte ich mich verhalten? Hatte ich Fehler gemacht? Warum? Schnell realisierte ich, dass das Suchen nach einem Grund nichts brachte – es gab keine Erklärung. Die Beschäftigung mit dem Krebs empfand ich als ausschließlich negativ. Also konzentrierte ich mich auf das Positive. Der Tumor wurde sofort operativ entfernt, sie schnitten mir das Geschwür aus meiner linken Zungenhälfte. Ich blieb nur eine Woche im Krankenhaus. Die Wundschmerzen vergingen rasch, zu Weihnachten 1994 war der Krebs Geschichte. Danach beschloss ich, meinen Leistungssport endgültig zu beenden. Musste ihn beenden – auf Anraten meiner Ärzte und Eltern.

Zum ersten Mal stellte mich mein Körper vor eine vollendete Tatsache: kein Leistungssport. Ich musste schwer schlucken, aber es schmerzte weniger, als ich gedacht hatte, ich war sogar irgendwie dankbar, dass ich nun einen Grund für mein Scheitern hatte. Ich hatte nicht versagt. Mein Scheitern hatte einem externen Grund, nicht ich war schuld an meiner Niederlage: Ich hatte Krebs. Kaum löste sich mein Lebenswunsch, Schwimmprofi zu werden, in Luft auf, spürte ich eine öffnende Erleichterung.

Befreiung.

Ich bekam wieder Luft.

Ich spürte, wie der Krebs mich vom Druck des Leistens befreit hatte. Montag bis Donnerstag war ich nun der zielstrebige, gewissenhafte Student, ab Freitag jedoch ein junger Lebemann, der lachte, liebte und genoss. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Zeit. Viel Zeit! Zeit für meine Freunde, für das Studium, Zeit für das Nachtleben. Meine Krebserkrankung beendete im Alter von 19 Jahren meine aktive Schwimmkarriere und meinen Traum vom Profisport, nicht jedoch meinen Drang nach Einzigartigkeit, meine Lust am Leben und Ausprobieren.

Ich traf Herwig wieder öfter, jedoch nicht mehr in der Schwimmhalle. Wir hatten beide den aktiven Wettkampfsport beendet, spielten wieder Fußball und genossen an den gemeinsamen Wochenenden oft mehr Bier, als uns guttat. Ich war endlich wieder zu Hause. Ich lebte unbekümmert in den Tag hinein, trieb Sport nur nach Lust und Laune und gab mein Geld am Wochenende großzügig in Nachtlokalen aus. Ohne Verpflichtungen auf unseren Schultern, frei von allen Trainingszwängen sangen wir gemeinsam oft bis zum Sonnenaufgang „Those were the best days in my life“ und fühlten uns dabei unsterblich. Ich konnte schlafen, so lange ich wollte, essen, was mir schmeckte, und studieren, wie es mir passte. Jung, unbekümmert und ohne Verantwortung genoss ich die neu gewonnene Freiheit.

Nach meiner Tumoroperation traten weiterhin Gewebeveränderungen auf der Zunge auf, sogenannte Leukoplakien – eine Vorstufe von bösartigen Tumoren, immer wieder, ein ganzes Jahr lang, bis zum Jänner 1996. Die Ärzte waren ratlos, ich selbst bei den unangenehmen Kontrollterminen verunsichert. Ich schwankte zwischen der Leichtigkeit des Studentenlebens und der ständigen Angst vor meiner Krankheit. Auf Zeiten der Euphorie und der Lebenslust folgten Phasen der Unsicherheit, der Schmerzen und der Hilflosigkeit, die durch fünf weitere Operationen zur Entfernung der Leukoplakien ausgelöst wurden. Die Leukoplakien traten einfach auf. Aus dem Nichts. Niemand fand einen Zusammenhang zwischen den weißlichen Veränderungen und meinem Immunsystem. Also schnitten die Ärzte sie einfach aus der Zunge. Außerdem versuchten sie, die Leukoplakien zu veröden – das Unerwünschte einfach wegzubrennen. Aus dem Blick, aus dem Sinn. Die Ärzte taten genau das, was meiner eigenen Haltung entsprach. Auf die Frage nach dem Warum gab mir niemand eine Antwort.

Es war einfach so.

Punkt.

Die Laserbehandlungen, die diese weißlichen Veränderungen an der Zungenoberfläche wegbrannten, waren extrem schmerzhaft, doch mein Körper funktionierte gut, er regenerierte unglaublich schnell, die Erholung von den traumatischen Eingriffen dauerte nie lange, eine Woche maximal. Doch die ständigen Eingriffe hinterließen Spuren, sowohl in der Mundschleimhaut als auch in meinem Kopf.

Meine junge Seele war überfordert.

Und allein.

Unfähig, die ständigen Rückschläge richtig einzuschätzen, in laufender Sorge um meine Gesundheit, versuchte ich, mich noch mehr auf das Positive in meinem Leben zu konzentrieren. Ich begann, wieder mehr Sport zu treiben. Kein Schwimmtraining, aber die tägliche Einheit Krafttraining, Lauftraining oder Radtraining musste es immer sein. Das Training gab mir ein Gefühl von Stärke. Ich wurde kräftiger, schneller zu Fuß und auch auf dem Rad, widerstandsfähiger in allen Spielsportarten und empfand mich als belastungsresistenter. Meine körperliche Stärke half mir, die Gefahr einer erneuten Krebserkrankung zu vergessen. Zumindest bis zur nächsten Untersuchung.

Nach meiner sechsten Zungenoperation traf ich eine Entscheidung. Ich konnte nicht alle zwei Monate eine Operation ertragen, auch wenn es jedes Mal nur ein kleiner Eingriff war. Das Gewebe veränderte sich ständig, allein durch die neu entstehenden Narben. Weder die Ärzte noch ich selbst wussten mit Gewissheit, ob all die weißlichen Veränderungen auf meiner Zunge eine Gefahr darstellten.

Niemand kannte mein Immunsystem.

Ich auch nicht.

Da es keinen offensichtlichen Grund für mein Plattenepithelkarzinom gegeben hatte, auch keinen für die ständig auftretenden Leukoplakien, entschieden die Ärzte auf mein Drängen hin, die Veränderungen zu beobachten, anstatt sie zu operieren. Eine gute Entscheidung. Die Leukoplakien traten auch weiterhin auf, veränderten sich ständig in Größe und Form, meistens verschwanden sie wieder, um dann bald an anderer Stelle aufzutauchen. Der Blick in meinen Mund wurde zum Ritual meiner Morgenhygiene. Ebenso am Abend. Es gab unzählige Momente, in denen mir die Angst Streiche spielte: Ich begann zu schwitzen, der Blutdruck und mein Puls stiegen, ich lief alle fünf Minuten zum Spiegel, um meinen Mund zu kontrollieren. Ich schwankte zwischen Panik und Vernunft. Diese Anfälle dauerten oft mehrere Tage. Die Krebserkrankung, abgelegt in einer verschlossenen Gruselkammer meines Kopfes, kroch immer wieder in mein Bewusstsein. Es bedurfte vieler Überzeugung und noch mehr Willenskraft, meiner Angstschübe Herr zu werden.

Diese Situationen forderten mich.

Aber sie stärkten mich auch.

Langsam und beständig schulte ich meine Vernunft und meinen Willen. Ich musste die Panik besiegen. Einen Weg finden, um mit der Bedrohung umzugehen. Darüber zu sprechen, war für mich keine Lösung. Ich schenkte meiner Krankheit, die ich nicht als solche akzeptierte, keine Aufmerksamkeit mehr. Ich hatte immer das Gefühl: Je weniger ich dem Krebs und seinen Bedrohungen Platz biete, desto besser kann ich mich auf meine Stärken konzentrieren. Ich versuchte, den Krebs zu minimalisieren. Er war für mich ein lokales Problem, er hatte keinen Einfluss auf den Rest meines Körpers. Ich wollte ihm sprichwörtlich keinen Raum geben. Monat für Monat wurde ich stärker. Körperlich und seelisch. Meine Gruselkammer öffnete sich immer seltener, sie war da, doch ich nahm den Inhalt nicht mehr heraus. Ab und zu dachte ich noch an die Operationen, an die lähmende Unsicherheit, doch selbst die Kontrolluntersuchungen, die ich alle vier Monate über mich ergehen lassen musste, wurden zur Routine. Sie stressten mich nun weniger als unmittelbar nach meiner Krebsdiagnose.

Ich vermied das Wort Krebs bewusst. Nie nannte ich das Krebsgeschwür Krebs. Niemand konnte mir erklären, warum mich der Krebs heimgesucht hatte, ich hatte keine Verbindungen zu meiner Krankheit. Der Krebs war auch nicht durchgängig präsent. Er kam aus dem Nichts, ich musste mich eine Zeit lang mit ihm beschäftigen, so lange, bis ich ihn wieder in die Kammer schließen konnte. Er war kein dauerhafter Begleiter, vielmehr ein lästiger Zeitgenosse, der mir immer wieder auf mein Gemüt schlug, ohne durchgehend Schaden anzurichten.

Nach fünf Jahren – das ist der Zeitraum, nach dem Experten den Krebs als besiegt betrachten – ging ich nicht mehr zur Kontrolluntersuchung. Aufforderungen seitens des Landeskrankenhauses, weiterhin in ärztlicher Betreuung zu bleiben, ignorierte ich. Die Beschäftigung mit diesem Thema tat mir nicht gut. Ich hatte keinen Rückfall, die oberflächlichen Veränderungen auf meiner Zunge nahm ich zur Kenntnis, bevor ich sie schlussendlich ebenfalls ignorierte. Ich fühlte mich körperlich und seelisch so stark wie noch nie; ich beschloss, den Krebs endgültig aus meinem Leben zu streichen. Ich war 23 Jahre jung, rauchte nicht, war sportlich, hatte keine Risikofaktoren und ernährte mich ausgewogen.

Keine Kontrollen mehr, kein Arzt, kein Krebs – so einfach war das Leben.

Fortan genoss ich meine Studienzeit in vollen Zügen.

Ich arbeitete nun auch als Schwimmtrainer und stillte mit dieser Tätigkeit meinen immer noch brennenden Ehrgeiz. Dem Sport blieb ich somit treu, nun auf der anderen Seite des Beckens. Meist basierend auf Erfahrungen aus dem Studium, der eigenen Schwimmkarriere, oft auch durch simples Ausprobieren versuchte ich, meinen eigenen Stil als Trainer zu finden. Ich beging in meinen ersten Trainerjahren viele Fehler, korrigierte jedoch meist alle. Die Erfahrungen, die ich daraus gewinnen und mitnehmen konnte, waren Gold wert. Ich zog mein Wissen aus Eigenerfahrung. Ich bekam eine zweite Chance. Ich arbeitete daran, meine Ziele durch andere wahr werden zu lassen. Ich war derselbe junge Mensch mit denselben ehrgeizigen Zielen, den gleichen Antrieben. Als Athlet hatte ich meine Grenzen erkennen müssen, als Trainer schienen mir alle Möglichkeiten offen. Ich glaubte fest an die Möglichkeit, den Schlüssel zum Erfolg zu finden. Mit Hilfe des damaligen Landestrainers, der fachlich mein Mentor wurde, konnte ich gleichzeitig beobachten und frei von jedem Druck lernen. Ich wuchs im Schatten des Leistungssports langsam wieder in jenen Rhythmus hinein, der mir als Aktiver, als junger Schwimmer, zu intensiv geworden war.

Mein Ehrgeiz war wieder da.

Roswitha

When all I want is you.

U2, All I Want Is You

Blondes Haar, athletischer Körper, immer in Bewegung und doch nur ein Schatten, der mich regelmäßig streifte. Sie saß im selben Kurs, wir lauschten den Ausführungen unseres Professors über die Geschichte der Olympischen Spiele, dennoch trafen sich unsere Blicke immer wieder. Anders als ich das kannte. Schüchtern und doch neugierig. Verhalten, aber doch interessiert. Zufällig, aber doch bewusst.

Abgesehen von ein paar Begrüßungsfloskeln unterhielten wir uns das ganze Semester lang nicht, dennoch war Roswitha der Grund, warum ich mich jede Woche neu auf die Lehrveranstaltung an der Sportuniversität freute. Irgendetwas zog mich an. An ihr, an der Situation, an der Ungewissheit, ob sich etwas daraus entwickeln könnte, egal, in welcher Art. Abseits unserer gemeinsamen Lehrveranstaltung sah ich meine blonde Schönheit nur als kurzen Lichtblick an mir vorbeihuschen. Im Leistungszentrum nach dem Training meiner Schwimmer, als sie mir von einer Lehrveranstaltung auf dem Parkplatz ein Lächeln zuschickte, im Supermarkt, von ihr unbemerkt, als ich sie beim Einladen der Lebensmittel in ihr Auto beobachtete, oder am Abend auf der Tanzfläche eines Nachtlokals, in dem ich meine Augen nicht von ihr lassen konnte. Ich sah sie allein, aber auch häufig in der Begleitung eines kleinen Kindes, offensichtlich ihres Sohnes, der mir vor allem wegen seiner dicken Backen und seinem schelmischen Grinsen sofort in Erinnerung blieb.

Als der Schatten fast an mir vorbeigezogen war, es war am Ende des Sommersemesters, bekam ich den wohl für mich bis dahin überraschendsten Telefonanruf. Roswitha war am anderen Ende der Leitung. Ich wusste nicht, woher sie meine Telefonnummer hatte, sie sprach völlig offen über ihren Wunsch, mich zu treffen, versuchte mir jedoch gleichzeitig zu erklären, dass es nur um ein Treffen ging, sie wolle mit mir sprechen. Es wirkte, als ginge es um etwas Fachliches. In mir herrschte Gefühlschaos. Aufgeregt, irritiert, gespannt, nervös, neugierig, schüchtern, stolz und überfordert zugleich traf ich mich wenige Tage später mit ihr zu einem Mittagessen, und sie sprach genau von jenen Gefühlen, die ich ebenso empfand.

Gefühlschaos.

Alles fühlte sich anders und neu an. Die Anziehungskraft zwischen uns war am ganzen Körper spürbar, in jedem Wort, in allen Bewegungen, sogar in den distanzierten Gesprächen, die mich bei unseren ersten Begegnungen vor den Kopf stießen. Ich konnte die Situation – die zierliche, aber doch nur so vor Lebensenergie sprühende, blonde Schönheit und meine eigene Haltung – nicht einordnen, ich verstand nicht, es war etwas komplett Neues.

Roswitha war ein Jahr älter als ich, verheiratet, und lebte mit dem Vater ihres Sohnes. Erst da begriff ich, dass mein Gefühlschaos überschaubar war – im Verhältnis zu ihrer Lebenssituation. Roswitha schwankte ständig zwischen den unterschiedlichsten Welten, Glücksgefühlen, Verpflichtungen, Verantwortungen und Schuldgefühlen, ich hingegen war einfach nur verliebt. Das allein war kompliziert und aufregend genug, nicht einmal in Ansätzen konnte ich ihr Chaos abschätzen, geschweige denn nachvollziehen.

Dennoch war ich in den nächsten Monaten glücklich. Ich war passiv und trotzdem offen, ich genoss das Gefühl unserer gemeinsamen Zuneigung, des tief und noch nie so empfundenen Gefühls der Zusammengehörigkeit, auch wenn wir uns selten sahen, uns körperlich immer distanziert begegneten. Ich fühlte mich als Glückspilz, ich war ihr auf einer unbekannten Ebene verbunden, dieses Gefühl wurde durch die Distanz nur verstärkt. Es gab mehr als nur die körperliche Zuneigung, mehr als den Drang nach Nähe, mehr als die Schmetterlinge im Bauch, und genau das machte mein Empfinden so besonders. Roswitha hingegen litt. Sie war in einer Situation gefangen, deren Ausweg sie nicht kannte, die sie nie haben wollte, in die sie hineingeschlittert war, ohne etwas dagegen tun zu können. Und vor allem: Sie kannte mich nicht. Was war ich für ein Mensch? Warum Clemens? Wieso jetzt? Es war irgendetwas auch in ihr, das uns zusammenhielt, trotz der schier unmöglichen Rahmenbedingungen. Es war einfach nur der falsche Zeitpunkt, mich kennenzulernen.

Aber ich war nun einmal da.

Roswitha ebenso.

Als Roswitha knapp eineinhalb Jahre nach unserem ersten Zusammentreffen geschieden wurde, die schmerzliche Trennung vom Kindsvater vollzogen und das Sorgerecht für ihren Sohn geregelt waren, war es für uns trotzdem weiterhin schwer. Wir waren sehr unterschiedliche Menschen. Auf der einen Seite eine extrovertierte, lebendige, gefühlsbetonte junge Frau, die sagte, was sie fühlte, direkt und unvermittelt, auf der anderen Seite der introvertierte, schweigsame, schüchterne und oft zurückgezogene, leicht arrogant wirkende Sportler, der noch nie ernsthaft in seinem Leben etwas teilen musste, schon gar nicht ein gemeinsames Leben. Ich war immer zwei Schritte hinter ihr. War ich mein bisheriges Leben lang Junggeselle gewesen, hatte immer allein gelebt, war Roswitha ein Beziehungsmensch. Ich hatte nie eine Beziehung gehabt, die länger als sechs Monate gehalten hatte, nun empfand ich seit über einem Jahr Schmetterlinge im Bauch, obwohl ich auf Distanz zu meiner Liebe lebte. Alles dauerte lange, war aber trotzdem intensiv. Wir gingen häufig miteinander joggen, sprachen wenig, genossen die Zweisamkeit, um uns dann erst eine Woche später wieder zu treffen. Wir saßen zusammen auf dem Gipfel eines Berges, Roswitha erzählte aus ihrem Leben, ich lauschte, während wir gemeinsam die frische Luft, die Wärme der Sonnenstrahlen und das Glitzern des Schnees in unsere Herzen ließen. Das verband.

Zum zweiten Mal in meinem Leben erfuhr ich Leidenschaft. Anders als im Sport, aber ebenso intensiv. Die junge Liebe zu Roswitha stellte meine Lebensweise vollständig auf den Kopf. Ich war fasziniert von der Intensität des Gefühls zu einer Frau, gefangen von ihrer Schönheit und Ausstrahlung, oft unbeholfen im Umgang mit den eigenen Gefühlen. Ich war 23 Jahre alt, nur auf Roswitha fokussiert und fühlte mich in unserer Gemeinsamkeit zeitbefreit. Ich empfand Nähe, Zuneigung und Geborgenheit in einer Form, die mir bisher fremd gewesen war.

Wir liebten uns, und wir stritten viel.

Meine Beziehung zu Roswitha führte mich in bisher nicht gekannte Situationen und auch Emotionen – schöne wie auch konfliktreiche. Ich durchlebte zum ersten Mal sehr intensive Auseinandersetzungen. Kein Mensch kam näher an mich heran, kein Mensch traf mich so in meinem Innersten, kein Mensch offenbarte mir Emotionen und Zuneigung intensiver als Roswitha. Es war für mich bisher unvorstellbar gewesen, alle meine Emotionen hinauszubrüllen, nie davor hatte ich das Gefühl verspürt, einen Gegenstand aus Verzweiflung, Wut, Ärger und Rage durch das Wohnzimmer zu schleudern. Andererseits war noch nie ein Mensch auf und neben mir gelegen, einfach weil er meine Nähe suchte, nie zuvor hatte ich einen Menschen derart intensiv gerochen, seine Lippen geschmeckt oder mich von einem Lachen so anstecken lassen wie durch Roswitha. Nie zuvor hatte ein Mensch hemmungslos in meiner Nähe geweint, Trost und Zuneigung gesucht, um sich von den Problemen des Alltags zu erholen, oder mir einfach nur Blumen geschenkt, weil er mich liebte.

Ich kannte dies aus meiner Herkunftsfamilie nicht. Ich ging meist jedem Konflikt aus dem Weg, zog mich zurück, kam nur selten aus mir heraus. Roswitha brachte mich an meine Grenzen, sie öffnete meine Grenzen. Ich wurde empfindsamer. Reflexion und Versöhnung waren eine Reise, die ich vor meiner Liebe zu ihr nicht gekannt hatte. Mehrmals schien uns in unseren ersten zwei Jahren der gemeinsame weitere Weg unmöglich, dennoch hielt uns unsere Anziehung wie ein Magnet zusammen. Wir wurden ein Paar.

Hart erkämpft, aber unzertrennlich.

Ein Team.

Trotz aller Unterschiede.

Oder gerade deswegen.

Schwimmtrainer

Gonna stand my ground and I won’t back down.

Tom Petty, I Won’t Back Down

Im Sommer des Jahres 2000 beendete ich erfolgreich meine Studien Sportwissenschaft und Politikwissenschaft. Im Herbst verließ mein Mentor und damaliger Landestrainer Salzburg. Ich hatte ihm zwei Jahre assistiert und unter seiner Verantwortung das Handwerk des Schwimmtrainers erlernt. Drei Monate nach Abschluss meiner Studien erhielt ich seinen Job als Landestrainer des Landesschwimmverbandes Salzburg, was bedeutete, dass ich meine Leidenschaft nun Beruf nennen durfte. Fortan stand ich selbst in der ersten Reihe und entwickelte jenen Ehrgeiz, der mir und meinem Schwimmteam auch schnell erste Erfolge auf nationaler Ebene einbrachte.

Gleich in meinem ersten Berufsjahr als Trainer erlebte ich viele überraschende Höhenflüge. So entwickelte ich jene erwachsenen Siegschwimmer weiter, die bereits unter der Leitung meines ehemaligen Mentors sehr erfolgreich gewesen waren – sie schwammen in unserer ersten gemeinsamen Saison zu Rekorden und Meisterschaftstiteln. Die dazugehörige nationale Anerkennung als Trainer folgte noch im selben Jahr, ich war stolz und höchst motiviert zugleich, dachte, es würde immer so weitergehen: ein 25-jähriger Neuling in der Schwimmsportszene, der gleich zu Beginn seiner Tätigkeit den Schlüssel zum sportlichen Erfolg gefunden hat. Ich erlebte den Schwimmsport sehr emotional. Unangenehme Nervosität vor entscheidenden Rennen meiner Sportler, schlaflose Nächte während wichtiger Wettkämpfe, emotionale Freudenausbrüche und spontane Triumphgefühle bei Siegen und Rekorden kanalisierten mein Streben nach Anerkennung und Erfolg.

Der Alltag des Spitzensports jedoch ist nüchtern:

Es gewinnt immer nur einer.

Bereits der Zweite ist der erste Verlierer.

Diese Logik inkludiert, dass Erfolgserlebnisse die Ausnahme bleiben, Niederlagen hingegen ständige Begleiter des Leistungssports sind.