Restitution - Leigh Rivers - E-Book

Restitution E-Book

Leigh Rivers

0,0
10,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

"DIE WAFFE, DIE SIE ERSCHAFFEN HABEN, WIRD IHR UNTERGANG SEIN!" Die Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn verschwimmt, als Kade sich an denen rächen will, die sein Leben zerstört haben. Sie bedrohten seine Familie, zerstörten seinen Verstand und raubten ihm sein Mädchen. Er wird alles opfern, um sie alle zu retten, selbst wenn das Krieg bedeutet. Stacey Rhodes ist durch die Hölle und wieder zurück gegangen und jetzt wird sie von dem Monster gefangen gehalten, das ihr Kade gestohlen hat. Aber Stacey gibt nicht auf – sie wird alles tun, um Kade zu retten, koste es, was es wolle. Kann sie die beiden aus Bernadettes Fängen befreien, bevor der Krieg alle, die ihnen etwas bedeuten, vernichtet?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Leigh Rivers

 

Restitution

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Restitution

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© 2025 VAJONA Verlag GmbH

 

 

Übersetzung: Patricia Buchwald

Copyright © Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel

»Restitution (The Edge of Darkness)« by Leigh Rivers.

 

Korrektorat: Alexandra Gentara

Umschlaggestaltung: VAJONA Verlag GmbH

unter Verwendung von 123rf

Satz: VAJONA Verlag GmbH, Oelsnitz

 

Vermittelt durch die Agentur:

Two Daisy Media, LLC.

VAJONA Verlag GmbH

Carl-Wilhelm-Koch-Str. 3

08606 Oelsnitz

 

 

 

 

Hinweis

 

 

Da dies eine Fortsetzung von Insatiable und Voracious ist, empfehle ich dringend, diese zuerst zu lesen, um größere Verwirrung zu vermeiden.

 

In dieser Geschichte geht es um dunkle Themen, die manche Lesende als unangenehm empfinden könnten. Wenn eines der unten aufgeführten Themen einen triggert, denkt bitte zuerst an eure geistige Gesundheit, bevor ihr euch entscheidet, den letzten Teil der Edge of Darkness Trilogie zu lesen.

 

Dissoziation, Drogenkonsum und -entzug, Selbstmordversuche, versehentliche Somnophilie, erzwungener Kannibalismus, Gewalt und detaillierte Beschreibung von Blut, Folter, Tod von Charakteren, psychogene nicht-epileptische Anfälle, erwähnte, aber nicht näher beschriebene CSA, Zerstörung des Geistes, extremes Trauma und seine psychischen Reaktionen, sexuelle und körperliche Übergriffe.

 

Was bisher geschah …

Nachdem Stacey ohne Kade zurück nach Schottland fliegen musste, versucht sie alles Mögliche, um Kade zu retten. Doch sie hat nicht mit ihrem Stiefbruder Chris gerechnet, der sie bei sich zu Hause eingesperrt hält. Plötzlich steht Kade auf einer Party vor ihr. Stacey denkt, dass er sich endlich aus den Fängen von Bernadette befreit hat, doch dem war nicht so. Um Stacey zu beschützen und von ihr fernzuhalten, sagt er nach einer gemeinsamen Nacht, dass alles nur eine Lüge war und sie ohne ihn besser dran sei. Ohne lange darüber nachzudenken, nimmt Stacey das Angebot von Barry an und zieht mit ihm nach Amerika, um sich dort ein neues Leben aufzubauen, weit weg von Chris und Kade.

Doch die Sicherheit währt nur ein Jahr. Plötzlich steht Chris vor ihrer Tür und warnt sie, dass Bernadette sie gefunden hat. Obwohl sie zwiegespalten ist, ob sie ihm vertrauen kann, flieht sie mit ihm nach Schottland und versteckt sich dort in der Familienhütte mit ihm. Chris hat sich zuvor in die Datenbank von Bernadette gehakt und hat nun ein Druckmittel gegen sie in der Hand. Er handelt einen Deal mit ihr aus. Die Daten auf einem USB-Stick gegen das Leben und die Sicherheit von Stacey. Der einzige Haken dabei: Stacey soll den USB-Stick an Bernadette übergeben. Auf einer vermeintlichen Party soll die Übergabe stattfinden, doch es stellt sich heraus, dass es ein Hinterhalt war und eine Auktion ist. Eine Auktion von Menschen, bei denen Kade und Base versteigert werden. Doch nicht nur die Jungs, sondern auch Stacey und ihre beste Freundin Luciella stehen plötzlich im Rampenlicht …

 

Das warme Blut meines besten Freundes sickert durch meine Finger, als ich Druck auf die Schusswunde in seiner Brust ausübe. Sein Rücken krümmt sich und er beißt trotz des Schmerzes die Zähne zusammen, die Pupillen immer noch geweitet von den Drogen, die sie ihm eingeflößt haben. Uns. Ich kann verdammt noch mal nicht richtig sehen, aber ich erkenne das viele Blut und sein blasses Gesicht, als er aufkeucht.

Keine der Wachen hilft mir. Das werden sie auch nicht. Das dürfen sie nicht. Sie sehen alle zu, wie ich mich über ihn beuge und versuche, die Blutung zu stoppen. Er ist nicht tot – noch nicht –, also hat die Kugel sein Herz nicht getroffen. Aber da ist so viel verdammtes Blut. Wenn Dez hier wäre, würde er bei diesem Anblick in Ohnmacht fallen. Mein anderer bester Freund sonnt sich im Urlaub mit seiner Freundin, während wir alle um unser Leben kämpfen. Es war immer das Beste, so viele Menschen wie möglich aus der Sache herauszuhalten. Gut für ihn, dass er die Normalität besitzt, von der wir nur träumen können.

Die Tatsache, dass Base in all das hineingezogen wurde und jetzt in einer purpurfarbenen Lache liegt, macht mich verdammt wütend. Ich bin ein beschützendes Arschloch – Bernadette weiß das und hat es gegen mich verwendet. Sie musste sich einfach mit meinen Freunden und meiner Familie anlegen. Wenn Base stirbt und ich meine Schwester und Stacey nicht finde, sollte sich Bernadette lieber auf einem anderen verdammten Planeten verstecken, denn nichts, und ich meine nichts wird mich davon abhalten, diese miese Schlampe in Stücke zu reißen.

Bedauerlicherweise – oder auch nicht – habe ich dem Wichser, der auf Base geschossen hat, das Genick gebrochen und einen anderen wiederholt mit einem Stuhl geschlagen, bis sie tot waren. Ihre Leichen liegen auf einem Haufen neben mir. Und aus irgendeinem Grund, trotz des Überschusses an Drogen in meinem System, die mein beschissenes Hirn schmelzen, geht es mir gut und ich bin unverletzt.

Die Augenlider des Russen unter mir fallen zu und meine Brust zieht sich zusammen. »Nein.« Ich packe sein Kinn. »Wag es ja nicht, deine Augen zu schließen, Base.«

Er macht sie nicht auf, und mein Herzschlag beschleunigt sich. »Sieh mich an. Sieh mich verdammt noch mal an.«

Ich verpasse ihm eine Ohrfeige, die seine Wange purpurrot färbt, und er öffnet blinzelnd seine Augen. Benommen und abgehackt murmelt er: »Hast du … mich gerade … verdammt noch mal geohrfeigt?«

Dass er Worte von sich gibt, ist ein gutes Zeichen. Erleichterung durchströmt mich und ich lehne mich an ihn, drücke meine Stirn gegen seine und presse meine Hand über seine blutende Wunde. »Du musst mir helfen, die Mädels zu finden«, sage ich flüsternd, emotional – ich kann nicht klar denken. Der Raum dreht sich immer noch, und alles ist fehlerhaft. Ist das überhaupt real? »Bleib bei mir. Bitte!«

Sie haben Stacey. Meine Schwester auch. Haben sie verkauft.

Galle steigt in meiner Kehle auf – ich versuche, die rauen Atemzüge durch meine Nasenlöcher zu kontrollieren, was mir nicht gelingt.

Base‘ Hand greift nach oben und schnappt kraftlos nach meinem Kragen. »Lu-Luci-ciella.«

Mein Kiefer spannt sich an. »Ich werde sie finden. Ich verspreche es.«

Wachen füllen den Raum, zwei Sanitäter folgen und ich gehe zur Seite, damit sie sich um ihn kümmern können, während ich seine Aufmerksamkeit mit einer Hand auf seinem Gesicht aufrecht erhalte – ich halte ihn wach, während sie den Schaden einschätzen. Die Kugel hat eine Austrittswunde in seinem Rücken hinterlassen, was ein weiteres gutes Zeichen ist, aber er ist immer noch schwach und verliert eine Menge Blut.

Es gibt nichts, was sie nicht behandeln können, solange er jetzt dringend behandelt wird.

Ich höre, wie sie sich untereinander darüber unterhalten, ob sie ihn in ein Krankenhaus bringen oder zu einem von Bernadettes zwielichtigen Ärzten, die hier in London für sie arbeiten. Jemand spritzt ihm Morphium und verbindet ihn mit irgendeinem Scheißgerät, um seine Vitalwerte zu überprüfen, während die Schmerzmittel wirken.

Ich lehne mich zurück und schaue nach oben, wo sich der Albtraum vor wenigen Minuten vor mir ausgebreitet hat. Die Angst in ihren Augen … Das verdammte mulmige Gefühl in meinem Bauch wiederholt sich in meinem Kopf. Ich muss dort hinkommen, bevor es noch schlimmer wird. Ich muss verdammt noch mal weg von diesen Arschlöchern und meine Schwester und mein Mädchen finden.

Wir sind nicht zusammen – schon eine ganze Weile nicht mehr –, aber Stacey ist mein Mädchen.

Meins.

Und niemand legt sich mit dem an, was mir gehört. Ich habe Bernadette nachgegeben, meine Kontrolle und mein Leben aufgegeben, als sie herausfand, wer Stacey war. Warum hält sie sich jetzt nicht an ihre Worte? Ich habe alles getan, was sie von mir verlangt hat. Alles, verdammt noch mal, alles.

Ich kann nicht einmal klar denken, um herauszufinden, was ich falsch gemacht habe.

In Bernadettes Ballsaal haben sie Leute versteigert. Mich und Base auch. Aber so wie er aussieht, bezweifle ich, dass er in nächster Zeit irgendwelche Pflichten gegenüber seinem Käufer erfüllen wird. Meiner wird mich ärgerlicherweise in ein paar Tagen rufen. Das ist in Ordnung. Ich werde ihn töten, so wie die letzte Person, die meine Zeit gekauft hat – gleich, nachdem ich Bernadettes Ehemann aufgehängt und sie gezwungen habe, dabei zuzusehen.

Endlich stoße ich an meine Grenzen.

»Wo haben sie die Mädchen hingebracht?«, frage ich einen der Wachleute, von dem ich weiß, dass er seinen Job hasst. Ich zeige mit einem zittrigen, blutverschmierten Finger auf den schwarzen Bildschirm. »Die letzten beiden, bevor die Übertragung stoppte.«

Ich habe das Gefühl, nie eine Einführung bekommen zu haben, da ich genau genommen dazu »ausgebildet« wurde, Befehle auszuführen und auf Abruf zu ficken. Aber ich habe Horrorgeschichten über diesen Prozess gehört.

Sein Blick huscht zu seinen Kollegen, dann senkt er seine Stimme. »Sie kommen zur Einweihung auf die Ladefläche. Dort bleiben sie etwa fünf Tage bei ihren neuen Besitzern, bevor sie gehen.«

Das Verlangen, ihm den Hals umzudrehen, wie ich es bei seinem Kollegen getan habe, ist fast zu stark, sodass ich meine Hände an den Seiten zu Fäusten balle.

»Warum fand die Auktion auf dem Grundstück der Sawyers statt und nicht in Edinburgh, wie es sonst üblich ist?«

Sein Blick schweift wieder durch den Raum zu den Jungs, die einen ihrer toten Freunde hochheben, dann zurück zu mir. »Hör auf, Fragen zu stellen«, knirscht er.

Mein rechtes Auge zuckt, als der Sicherheitschef den Raum betritt. »Wir haben den Befehl, dich einzusperren, Kleiner«, sagt er und ich stelle mir vor, dass er wie die anderen beiden tot auf dem Boden liegt. »Du wirst nicht freigelassen, bis die Einweihung vorbei ist.«

Base wird auf eine Trage gehoben und hinausgebracht, während mein Blick zwischen ihm und den Wachen hin und her geht. Sie lassen mich nicht mit ihm gehen – sie haben jetzt ihre Waffen auf mich gerichtet, aber ich weiß, dass er nicht sterben wird. Da ich mein Handy nicht dabeihabe, schaue ich den Wachmann an, mit dem ich gerade gesprochen habe. »Ich will mit Bernadette reden. Ich werde zu den Zellen gehen, aber ich will zuerst mit ihr reden.«

Wir sind in einem von Archies Häusern am Stadtrand von London – ein Ort, an den sie gerne gehen, wenn es zu heiß wird und sie sich zurückziehen wollen.

Die Hauptwache schnaubt und holt sein Handy heraus, tippt auf das Display und hält es an sein Ohr. »Ich bin’s, Polner. Ja, hier unten ist alles in Ordnung. Ist die Chefin da?« Er schnallt seine Waffe ab und dreht mir den Rücken zu, während die anderen auf mich zielen. »Das Großmaul will mit ihr reden. Nein, nicht der Russe. Der Sohn von Tobias Mitchell.«

Es gibt eine Pause, dann der schwache Klang der Stimme, die ich so sehr verachte.

»Guten Abend, Mrs. Sawyer. Ich habe Kade hier. Nein, tut mir leid, er ist noch nicht in den Zellen, aber er hat gesagt, er würde freiwillig gehen, wenn er mit Ihnen reden kann. Ja, der Russe lebt – er wird seine Verletzung überleben.«

Er dreht sich um, sein Gesicht wird rot, als er mir das Handy reicht, und ich entreiße es aus seinem Griff. Mein Körper zittert vor lauter Gefühlen, die ich empfinde. »Sag ihre Deals ab«, fordere ich, als Bernadette schweigt, doch das Geräusch ihrer Fingernägel, die auf ihrem Schreibtisch klackern, hallt in der Leitung wider. »Meine Schwester und Stacey. Sag es ab. Oder ich bezahle für sie und lasse sie gehen. Mach etwas.«

Sie summt und ich merke, dass sie lächelt. »Und warum sollte ich das tun?«

»Das Einzige, das du über mich in der Hand hast, sind die Menschen, die mir wichtig sind. Das Einzige, das du je über mich in der Hand hattest, waren die, die ich liebte. Du hast meinen Vater jahrelang verarscht, und jetzt verarschst du meine Schwester und meine –« Ich halte inne und umklammere das Handy fester. »Du spielst hier ein gefährliches Spiel.«

Sie lacht. »Ist das eine Drohung, Kade?«

»Es ist ein Versprechen. Wenn sie eingeweiht werden und mit demjenigen gehen, der sie gekauft hat, werde ich dich fertigmachen. Du wirst nichts mehr haben, womit du mich erpressen kannst. Wenn du sie verkaufst, werde ich dafür sorgen, dass der letzte Tag deines Lebens ein Albtraum wird. Und deine Tochter? Ich werde ihre Schreie aufzeichnen, während ich sie bei lebendigem Leib häute und dir ihre verdammten Knochen schicke. Du wirst sehen, wie Archie leidet, und dich lasse ich bis zum Schluss übrig. Wenn diesen Mädchen etwas zustößt, versteckst du dich besser, du Miststück.«

»Ganz schön angriffslustig, mein lieber Junge.«

Dann wird die Verbindung unterbrochen und ich werfe das Handy gegen die Wand, sodass es in Stücke zerbricht. »Gut gemacht, Arschloch. Du schuldest mir ein neues Handy. Jetzt tu, was man dir sagt, und lass dir die Handschellen anlegen.«

Als ich aufschaue, sehe ich, wie das Großmaul – die Hauptwache, der Sicherheitschef – seine Waffe zum Vorschein bringt. Er ist viel größer als ich und gebaut wie ein verdammter Panzer. Ich schlage ihm meine Faust so fest ins Gesicht, dass ich ein Knacken höre. Ich bin so blind vor Wut, dass ich denke, das Knacken käme von meiner Hand. Aber als ich auf ihn hinunterschaue, wie er vor mir kniet, hängt sein gebrochener Kiefer herunter und er schreit vor Schmerz. Ich seufze und lasse zu, dass sie mich fesseln und zu den Zellen schleppen.

 

Der Raum ist dunkel und kalt – eisige Luft leckt an meiner nackten Haut. Verglichen mit der Eleganz der oberen Etage sieht es hier unten aus wie in einem dieser Saw-Filme.

Werde ich bald sterben? Wo ist Luciella?

Der Aufzug pingt hinter mir, als er nach oben fährt, und lässt mich vor Angst und Schrecken zittern. Der Schatten eines Wachmanns steht an der Tür, die Waffe an seine Brust geschnallt, und von irgendwoher höre ich ein leises Schluchzen. Durch den Lüftungsschacht?

»Wir haben noch eine!«, ruft er und ich zucke zusammen. »Soll ich sie schon durchschicken? Ist die andere zugeordnet?«

Ich habe keine Ahnung, was die Person daraufhin sagt. Es ist ein Gemurmel. Schwach. Ein Echo. Das Schluchzen durch den Lüftungsschacht verstummt, vielleicht wird es auch nur leiser, oder ich bilde es mir in meinem Schockzustand ein.

Ich muss Luciella finden.

Wir müssen hier raus.

»Stacey Fields«, flüstere ich und zittere unkontrolliert, während eine einzelne Träne meine Wange hinunterläuft. »Bitte.«

Dann presse ich meine Lippen zusammen und versteife, als der Wachmann mir kurz mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtet, bevor er sich wieder umdreht. »Sie ist jung, vielleicht Anfang zwanzig. Scheint unverletzt zu sein«, sagt er und lacht dann. »Nun, bis jetzt. Wie viel hat sie gekostet?«

Er pfeift und lacht wieder. Dann wirft er einen Blick über die Schulter zu mir, während ich wie erstarrt dastehe, und grinst. »Sie ist aber mit Tattoos besudelt. Das ist ein ekelhafter Anblick. Bist du schon bereit für sie? Soll ich sie auch ausziehen?«

Ausziehen … O Gott!

Meine Strafe könnte noch schlimmer ausfallen, wenn sie einen Ohrhörer an mir finden, und den Draht, der an meinem Körper befestigt ist, versteckt zwischen meinen Brüsten. Während der Wachmann mit gesenktem Kopf zu hören versucht, was sein Kollege sagt, reiße ich den Ohrhörer heraus und versuche, an dem Draht zu ziehen – der Kleber haftet an meiner Haut und ich schluchze leise, als ich ihn abreiße und auf den Boden fallen lasse.

Der Wachmann blickt durch die Dunkelheit zu mir und beendet sein Gespräch – ich kicke den Draht hinter eine Kiste und schlinge die Arme um mich, als er auf mich zukommt. Er überragt mich und die Waffe macht mich nervös, weil er gluckst, als er Bernadettes Blut an mir entdeckt.

»Ich habe gehört, dass du das Gesicht der Chefin ruiniert hast. Dafür wird sie dich bezahlen lassen. Willst du dich mit mir anlegen wie die kleine Blondine?«

Mein Kinn zittert. »Hast du ihr wehgetan?«

»Sie hat Glück, dass ich es nicht getan habe«, erwidert er, packt mich am Arm und zieht mich zur Tür. »Mach dir keine Sorgen um sie – du wirst sie sowieso nicht wiedersehen.« Er schiebt mich zur Tür hinaus, in einen Korridor mit Rohren an der Decke und flackerndem Licht, das mir in den Augen wehtut. »Bring sie in Zimmer sechs.«

Ich werde wieder gepackt und von einer anderen Wache den Korridor hinuntergezerrt. Ich spüre schon, wie sich blaue Flecken auf meiner Haut bilden, weil sie mich grob gepackt haben. Ich versuche, mich loszureißen, aber er drückt etwas Hartes und Kaltes an die Basis meiner Wirbelsäule. Eine Waffe?

»Geh, oder ich sorge dafür, dass du diese hübschen Beine nie wieder benutzen kannst.«

Als ich an Türen vorbeigehe, höre ich Weinen, Schreien und … Stöhnen. Nicht von der guten Art. Wie erzwungenes Stöhnen – Stöhnen, das darauf hindeutet, dass ihr Körper sie mitten in den Hilfeschreien verrät. Sowohl Männer als auch Frauen betteln um Hilfe – damit ihr Angreifer aufhört.

Mein Magen dreht sich um.

Ich glaube, ich muss kotzen. Ist Lu in einem dieser Zimmer?

»Geht es meiner Freundin gut?«, frage ich in einem flehenden Ton. »Bitte sag mir, dass es ihr gut geht.«

Wir bleiben an einer Tür am Ende des Ganges stehen. »Du solltest dir mehr Sorgen um dich selbst machen.«

Er zieht eine Karte durch den Scanner und die Tür piept – ein rotes Licht über dem Scanner wechselt auf Grün. Ich werde hineingeschoben, das Licht geht automatisch an, und meine Augen weiten sich bei dem Anblick, der sich mir bietet.

»Ich schlage vor, du duschst. Deinem neuen Meister wird der Anblick von fremdem Blut an seinem Haustier nicht gefallen. Leg dein Kleid an der Tür ab.«

Ich drehe mich um und schaue ihn an. »Er kommt hierher?«

»Dachtest du, du könntest so einfach gehen? Nein, du musst eingeweiht werden. Ihr werdet zusammen in diesem Raum bleiben, bis er mit deiner Unterwürfigkeit zufrieden ist.«

Der Wachmann schließt die Tür mit einem Knall und lässt mich allein in der Folterkammer zurück. In der Mitte des Raumes steht ein Himmelbett, an jedem Pfosten sind Lederfesseln angebracht. Ein Regal ist gefüllt mit … Mir dreht sich der Magen um, als ich den Ballknebel sehe, der an einer Kettenleine befestigt ist. Es gibt jede Menge Tuben mit Gleitgel, andere Sextoys und ein Regal mit Klingen in verschiedenen Größen, deren Kanten nach außen zeigen.

Ich eile zu ihnen und erstarre, die Hand nach der kleinsten ausgestreckt. Stattdessen greife ich nach der größten, wie eine Mini-Machete, und halte sie hinter meinen Rücken. Dann drücke ich mich gegen die Wand gegenüber der Tür. Wenn die Person kommt, werde ich nicht zulassen, dass sie mich berührt. Ich habe einmal eine kleinere Klinge benutzt, als Chris mich an seine Freunde verkauft hat, und ich werde nicht zögern, es wieder zu tun.

Auch wenn die Person, die meine Auktion gewonnen hat, ein Riese ist.

Er wird nicht in meine Nähe kommen.

Ich schlucke den Kloß hinunter, der in meinem Hals wächst, während ich warte.

Und warte und warte und warte. Bis meine Beine zittern und Schweiß auf meinem Gesicht und meinen Brüsten zu sehen ist. Ich glaube, es vergeht eine Stunde, in der ich mir über Luciella den Kopf zerbreche. Wird Kade dafür sorgen, dass Bernadette sie zurückbringt? Ja. Er würde alles für seine Schwester tun, daher weiß ich, dass er alles tun wird, um sie zu retten. Und Base wurde angeschossen. Ihm wurde in die Brust geschossen und … er könnte tot sein.

Meine Augen tränen. Wie konnte mein Leben so weit kommen?

Wo zum Teufel ist Chris? Er ist ein Psychopath, aber im Moment würde es mir nichts ausmachen, wenn der verrückte Bastard mich hier rausholen würde.

Stimmen unterbrechen meine Gedanken, und meine Hand verfestigt sich um den Griff der Klinge. Die Tür piepst und zwei Wachen kommen herein, eine große Präsenz hinter ihnen. In einer weißen, gesichtslosen Maske, größer als die anderen, mit breiten Schultern, kommt mein Meister nur in seinem weißen Hemd herein. Die Jacke, die er vorher trug, hat er irgendwo abgelegt.

Mein Atem stockt, als er zwischen den Wachen hindurchgeht und in der Mitte des Zimmers stehen bleibt – seine Augen sind das Einzige, das ich sehen kann, während er mich beobachtet. Dann neigt er seinen Kopf zur Seite. Keine Worte. Keine Handlungen. Nichts.

»Wir geben Ihnen eine Schlüsselkarte, mit der nur Sie das Zimmer betreten und verlassen können. Die Ladefläche ist die Einzige, auf der Sie sich frei bewegen dürfen. Ihre Mahlzeiten werden dreimal am Tag in dieses Zimmer gebracht. Sie darf nur die weißen Kleider tragen, die in der Kommode liegen, aber Sie können gerne unser Waschsystem benutzen. Haben Sie irgendwelche Fragen, Sir?«

Er antwortet nicht, sondern starrt mich nur an, die Hände in den Taschen vergraben.

Die Wachen schauen sich gegenseitig an, bevor einer von ihnen seine Augen auf mich richtet. »Wir nehmen dein Kleid mit.«

Die Kälte der Klinge drückt dank meines offenen Kleides gegen meine Wirbelsäule. Vielleicht sollte ich mir einfach selbst die Kehle durchschneiden, anstatt zu versuchen, da rauszukommen. Vielleicht ist das einfacher, als bei der Vergewaltigung ganz wach zu sein.

Ein Schritt vorwärts von der großen Präsenz reicht aus, damit mein Herz stehen bleibt und ich stürze mich auf ihn und versuche, ihm in die Brust zu stechen – aber er fängt mein Handgelenk, bevor die Wachen reagieren können, drückt zu, bis ich die Waffe fallen lasse und schnalzt mit der Zunge, während er den Kopf schüttelt.

»Kleine Psychoschlampe«, sagt ein Wachmann.

Die Augenlöcher der Maske sind aus Netzen, deshalb kann ich seine Augen nicht so gut sehen. Ich weiß, dass sie blau sind. Das ist das einzige Detail, das ich von meinem Angreifer weiß. Wenn er mir nie sein Gesicht zeigt, wie kann ich ihn dann identifizieren, um ihn anzuzeigen, wenn ich jemals freikomme? Ich erschaudere, als ich spüre, wie mein Kleid von hinten zerrissen, von meinem Körper geschnitten und weggezogen wird, während ich nur in der Unterwäsche, die Chris mir aufgezwungen hat, vor diesem Mann stehe. Kein BH.

Nicht, dass der Mann meinen Körper überhaupt ansieht. Seine Augen brennen sich in meine Seele.

»Erster Test, Sir. Dann werden wir Ihnen aus dem Weg gehen.«

»Du bist ein böses Mädchen«, flüstert er mit seiner tiefen, rauen Stimme, die durch seine Maske gedämpft wird. Er lässt mein Handgelenk los und schnappt nach meinem Kiefer, als die Wachen weggehen. »Knie nieder.«

Ich bleibe stehen und weigere mich, in die Knie zu gehen. Die Wachen starren mich an, um zu sehen, ob ich den ersten Test der Einweihung erfolgreich bestehen werde. Wenn ich mich weigere, könnten sie meinen Aufenthalt hier verlängern. Sie wollen, dass ich gefügig bin – dass ich ein gutes, unterwürfiges Haustier für meinen Meister bin.

Aber ich bin sowieso schon tot.

Ich versuche, ihm mein Knie zwischen die Beine zu rammen, aber er weicht aus und stößt mich gewaltsam nach unten, sodass meine Knie auf dem Boden aufschlagen, was mir einen Schrei entlockt.

Sein Griff um meinen Kiefer wandert zu meinen Haaren und er zerrt daran, sodass ich zu ihm aufschaue. »Öffne seinen Gürtel«, sagt eine der Wachen. »Sofort.«

Ich schließe meine Augen, als mir weitere Tränen entweichen, und versuche, meine Atmung zu kontrollieren, während ich nach der Schnalle greife. Meine Finger zittern, als ich es zweimal nicht schaffe, sie zu öffnen, bevor ich das Leder aus den Schlaufen ziehe. Der Mann schnappt sich den Gürtel, bevor ich ihn fallen lassen kann, und ich schnappe nach Luft, als er ihn mir um den Hals legt, das Leder durch die Schnalle schiebt und ihn dann festzieht, bis er an meiner Kehle anliegt.

Er zieht fester und mir bleibt die Luft weg, meine Lunge brennt.

Die Wachen scheinen sich zu freuen, klopfen ihm auf die Schulter und sagen ihm, dass er seine erste Nacht genießen soll. Die Tür öffnet und schließt sich, dann höre ich einen Piepton. Ich gebe einen erstickten Laut von mir, als er den Gürtel loslässt, damit ich atmen kann.

Ich beuge mich nach vorn und presse meine Hand auf den Teppich, während ich huste und weine. Ich wünschte, ich hätte mich nicht von Chris dazu zwingen lassen, zu dieser blöden Scheinparty zu kommen, die zu einer Auktion geworden ist. Aber als die Maske auf den Teppich fällt und ich sehe, wie der Mann auf die Knie sinkt, erstarre ich und warte auf einen Schlag oder einen Befehl.

Hände greifen nach meinem Gesicht und zwingen mich, in die Augen meines neuen Meisters zu schauen.

Tobias Mitchell.

Meine Lippen öffnen sich und all meine Angst verschwindet, als ich es schaffe: »To-Tobias?«, zu sagen.

Kades Vater schnappt sich die Decke, die direkt neben uns liegt, wickelt sie um mich und zieht mich in eine Umarmung, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie brauche.

»Es tut mir leid. Es tut mir leid. Alles wird gut. Bei mir bist du sicher«, sagt er leise, während er über mein Haar streichelt und mich an seiner Brust weinen lässt. »Ich hab dich gefunden, Kleines.«

 

Tobias zieht sich zurück, seine Augen scannen mein Gesicht und weigern sich, tiefer zu sinken, obwohl die Decke mich bedeckt. »Bist du verletzt?«

Ich schüttele den Kopf. »Du warst derjenige, der mich ersteigert hat?«

»Ja. Barry hat von Bernadettes Plan erfahren, als sie deinem unerträglichen Arschloch von Stiefbruder die Einladung und den Deal geschickt hat. Wir waren bereits auf halbem Weg nach London, um Kade zu finden, sind aber umgekehrt. Bist du sicher, dass du nicht verletzt bist?«

Meine Augen brennen, weil ich meine Tränen zurückhalten muss. Wenn ich anfange zu heulen, werde ich wohl nicht mehr aufhören können. »Barry geht es gut?«

Er nickt. »So nervig er auch ist, er hat mich versteckt gehalten. Seine Frau und sein Kind sind in einem Safehouse in Aberdeen.«

Eine Träne rollt mir über die Wange, er bemerkt sie und wischt sie mit seinem Daumen weg. »Ich werde dich hier rausholen.«

»Was ist mit Luci–?«

»Der Onkel von Sebastian Prince hat ihre Auktion gewonnen. Sie werden sie nach Moskau bringen und versteckt halten, bis Bernadette erledigt ist. Das war der Deal, den ich mit dem Großvater gemacht habe, um seine Hilfe zu bekommen – Ich habe ihm gesagt, dass ich den Missbraucher seines Enkels töten würde, wenn er meine Tochter beschützt. Jetzt gerade umzingeln Russen das Gebäude.«

»Wissen sie, dass Bernadette Base hat?«

»Die Unterwelt ist ein skrupelloser Ort. Ein Krieg zwischen den schottischen Strafverfolgungsbehörden und demjenigen, wen auch immer sie sonst noch gegen die Mafia in der Hand hat, wäre ein Chaos. Viele Menschen würden ihr Leben verlieren. Ich habe angeboten, sie und ihren Mann zu töten.«

Ich will etwas sagen, aber er unterbricht mich. »Wir müssen dich hier rausbringen, bevor sie mir sagen, dass ich mit der nächsten Aufgabe beginnen soll. Sie werden mich auf der Stelle erschießen, und jemand anderes wird dich bekommen.«

Er dreht sich um, zieht die Schlüsselkarte über das Sensorpad, und als die Tür piept und sich öffnet, steckt er den Kopf heraus, zieht ihn aber schnell wieder ein. Er murmelt: »Fuck«, dann fischt er sein Handy aus der Tasche und hält es an sein Ohr.

Tobias geht im Zimmer auf und ab, während es klingelt und klingelt und klingelt, bis ich höre, dass jemand abnimmt.

»Wenn ich anrufe, du Arschloch, gehst du verdammt noch mal sofort ran. Ich hab sie. Ja, es geht ihr gut und sie ist unversehrt. Draußen stehen vier Wachen. Kannst du auf dem Filmmaterial den sichersten Weg sehen, wie ich sie hier rausbringen kann, ohne ihr Leben zu riskieren?«

Ich knabbere an meiner Unterlippe, als Tobias sich umdreht und mich mit seinem Blick fixiert. Er geht zur Kommode und holt einen weißen Stoff heraus. Es ist ein Kleid. Kurz. Mit dünnen Trägern. Aus Seide und eigentlich sehr hübsch, wenn ich nicht mitten in einem Versteck eines Sexrings wäre und versuchen würde, mit dem Vater meines Exfreundes zu fliehen, der gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen ist.

»Wie bist du entkommen?«, frage ich, als ich das Kleid entgegennehme. »Ich bin deswegen sauer auf dich, nur damit du es weißt.«

Er schnaubt, während er sich umdreht, mich die Decke fallen lässt und das Kleid anzieht. »Du bist nicht zu Besuch gekommen und mir wurde langweilig.«

»Langweilig …«

»Ich bin ein wenig irrational und impulsiv. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt – nenne es einen sechsten Sinn.«

Das Kleid endet in der Mitte der Oberschenkel und ich hasse es. Ich hasse alles an diesem Tag.

»Kade und Base wurden auch versteigert«, sage ich, während ich in der Kommode einen Haargummi finde und meine Haare zu einem Dutt zusammenbinde. »Wirst du ihm helfen?«

Er dreht sich um. »Sobald ich weiß, dass du in Sicherheit bist, ja.«

Ich stehe in der Mitte des Raumes und atme tief ein. Ich fühle mich immer noch überwältigt. Noch vor ein paar Minuten dachte ich, ich würde angegriffen und vergewaltigt werden. Ich dachte, ich würde sterben, aber nein.

»Danke«, sage ich leise.

Er runzelt die Stirn, lehnt sich gegen die Kommode und verschränkt Arme und Knöchel, während er darauf wartet, dass Barry zurückruft und ihm sagt, dass es sicher ist, zu gehen. »Warum bedankst du dich bei mir?«

Ich werfe meine Arme in die Luft. »Ich habe akzeptiert, dass ich sterben werde. Ich dachte, ich würde –« Ich halte inne und verschlucke mich fast. »Nimm einfach meine Dankbarkeit an. Ich weiß, dass deine Kinder deine Priorität sind, aber ich weiß es zu schätzen, dass du für mich da bist.«

»Du bist auch meine Priorität. Ich hätte bis ans verdammte Ende der Welt nach dir gesucht, Kleines. Ich weiß, dass du nicht die beste Beziehung zu deinem Vater hattest, deine Brüder sind nutzlose Arschlöcher und mein Sohn ist an eine Schlampe auf einem verrückten Machttrip gefesselt, aber du hast mich.«

Die Wucht, mit der mein Körper gegen seinen katapultiert wird, wirft ihn einen Schritt zurück, aber er fängt mich auf.

Mein Vater hat mich nie beschützt. Er hat mich geliebt, aber sobald Nora ins Spiel kam, war ich für ihn zweitrangig. So sehr ich ihn auch vermisse, so sehr ich ihn auch liebe, Tobias behandelt mich besser. Und ich hätte nie gedacht, dass ich das sagen würde, und verzeih mir, Aria Miller, aber sicher und geborgen in Tobias Mitchells Händen zu sein, ist ein Traum, aus dem ich nie mehr aufwachen möchte. Ich will nicht loslassen.

Was ist, wenn ich mich zurückziehe und er verschwindet? Was passiert, wenn dies ein Traum ist und ich unter Drogen stehe? Was ist, wenn ich mir das ganze Szenario nur einbilde und ich an das Bett gefesselt bin und ein alter, übergewichtiger und schwitzender Mann auf mich Anspruch erhebt?

»Halt es nicht zurück«, flüstert Tobias. »Wenn du weinen musst, dann weine, verdammt noch mal, Kleines. Lass alles raus, hier und jetzt.«

Das ist dieRealität und ich habe die Arme von Kades Vater um mich, der mich mit langsamen Liebkosungen in meinem Haar beruhigt und seine Arme enger um mich schlingt, während ich zittere und meinen Gefühlen freien Lauf lasse.

Obwohl ich eigentlich wütend auf ihn sein sollte, weil er aus seiner Einrichtung ausgebrochen ist und eine weltweite Verbrecherjagd ausgelöst hat, die die Nachrichten und das Radio beherrscht, kann ich ihn einfach nur umarmen und seinen Duft einatmen. Er riecht nicht nach einem alten, verschwitzten Mann. Nein. Ich rieche Zimt. Ein scharfes Eau de Cologne, nach dem Kades Kleidung auch immer gerochen hat.

Ich hielt mir immer seinen Hoodie unter die Nase und inhalierte seinen Geruch, wenn ich im Bett lag und auf den nächsten Schlag meines Stiefbruders wartete. Ich brauchte immer länger, um nach Hause zu kommen, weil ich wusste, was mich erwartete. Ich war am Leben, als ich mit Kade zusammen war. Und jetzt bin ich wegen seines Vaters am Leben.

Und Tobias umarmt mich einfach nur zurück, sein Griff um meinen Nacken hält mich fest an seiner Brust. »Ich hab dich«, versichert er mir in seinem tiefen Ton.

Bei diesen drei Worten bebt mein Körper an seinem und Tränen der Freude und Erschöpfung lassen mich unkontrolliert schluchzen, bis er meine ganze Last auf sich nimmt.

»Pssst. Ich hab dich.«

Er packt mich an den Schultern und drückt mich so weit zurück, dass er mein Gesicht sehen kann. »Sag mir, dass es dir gut geht, denn wir müssen los, sobald Barry uns grünes Licht gibt. Kannst du deine Gefühle im Zaum halten, bis wir hier raus sind?«

»Du hast gesagt, ich soll alles rauslassen.«

Das leichte Neigen seines Kopfes zeigt seine Verwirrung. »Da ist noch mehr?«

Ich stoße ein Lachen aus und wische mir über die Augen. »Manchmal vergesse ich, dass du ein gefühlloser Idiot bist.«

Schmunzelnd geht er zur Seite. »Du hast meine Frage nicht beantwortet.«

Ich hebe unsicher eine Schulter. »Mir geht es gut.«

Anscheinend müssen mir immer noch Tränen über mein benommenes Gesicht laufen, denn er zieht eine Braue hoch und wischt mir über die Wangen. »Vergieße nicht noch mehr Tränen ihretwegen. Du hast alles rausgelassen. Trockne deine Augen und behalte dein Kinn oben. Sie haben deine Tränen nicht verdient.« Er schenkt mir ein angespanntes Lächeln, sodass sein Grübchen zu sehen ist. »Niemand tut das.«

Ich nehme einen tiefen Atemzug durch die Nase und atme durch den Mund aus. »Gut. Okay. Mir geht es gut. Wirklich. Ich kann immer noch nicht glauben, dass du hier bist. Du bist geflohen und -«

Sein Handy klingelt und unterbricht mich. Tobias schaltet es stumm, während er sagt: »Du kannst mich später anschreien. Ich habe getan, was ich für meine Familie tun musste, und du«, er schnippt mir gegen die Nase, »gehörst dazu.«

Ich lächle und schlinge die Arme um mich. Ich war schon seit Jahren nicht mehr Teil einer richtigen Familie.

Es fühlt sich gut an.

Er beugt sich hinunter und greift nach seiner Maske, wobei eine Waffe unter seiner Anzugjacke hervorblitzt.

Vorbei sind die Bilder von Tobias, wie er Brettspiele spielt und historische Literatur liest, während die kleine Eva an seiner Brust sitzt und sich an seinem Gesicht festhält.

Die Tür hinter ihm piepst gerade, als er die Maske richtet und wir beide erstarren, als dieselben Wachen eintreten, die erst vor fünfzehn Minuten gegangen sind.

»Wir haben den Befehl, das Mädchen zu entfernen. Sie bekommen Ihr Geld innerhalb von vierundzwanzig Stunden zurück, aber Sie können sich gerne eine von den anderen aussuchen, die von der Auktion übrig geblieben sind, um Ihnen in einem anderen Zimmer Gesellschaft zu leisten.«

Sie treten beide zur Seite, damit Tobias den Weg nach draußen frei hat. »Bitte folgen Sie uns.«

Kades Vater braucht gerade mal zwei Sekunden, um seine Waffe hervorzuziehen und einem der beiden eine Kugel in den Kopf zu jagen. Ich zucke zusammen und weiche zurück, als der andere Wachmann Tobias die Waffe aus der Hand reißt und ihm einen Schlag ins Gesicht verpasst.

Bei der Größe der Hand des Mannes würde ich mit einem gebrochenen Kiefer schreiend auf dem Boden liegen. Tobias lacht nur und verpasst ihm einen Kopfstoß, dann packt er ihn mit einem tödlichen Griff im Nacken, während er von der gebrochenen Nase benommen ist. Ich beobachte entsetzt, wie Tobias den Mann zum Klingenständer zerrt und sein Gesicht so schnell hineinschlägt, dass das Blut spritzt, als er sich schneidet.

Der Mann quiekt wie ein Tier, bis die Klingen in seine Kehle dringen. Dann wird das Geräusch zu einem Würgen, verdrehtem Keuchen, und danach kommt nichts mehr.

Tobias lässt den Wachmann los und sieht zu, wie sein Körper in einer Lache aus Blut auf dem Boden zusammensackt. Er knirscht mit den Zähnen über die kleinen Schnitte an seinen Fingern und schüttelt die Hand, um das Blut loszuwerden.

»Was für eine Verschwendung von Leben«, seufzt er und krempelt seine weißen Ärmel bis zum Ellbogen hoch. »Wir können nicht länger warten. Scheiß auf Barrys Plan.«

Ich nicke und reibe mit meinen Händen über meine entblößten Arme; mein weißes Kleid ist vorne mit kleinen Blutspritzern übersät.

»Ich würde dir meine Jacke anbieten, aber ich muss so tun, als wäre ich ein Stück Scheiße, das gerade Millionen für ein Haustier bezahlt hat. Einige von ihnen werden mit ihren Preisen protzen. Weil ich ein neuer Bieter ohne Vorgeschichte in dieser beschissenen Welt war, musste ich dem fünftägigen Einweihungsprozess zustimmen, um an der Security vorbeizukommen. Aber wenn wir da draußen sind, darf ich keine Aufmerksamkeit erregen. Wir müssen uns unauffällig verhalten. Wir sind völlig in der Unterzahl, selbst mit den Leuten, die wir um das Anwesen herum haben.«

»Verstanden.« Ich kaue auf meiner Lippe. »Kyle und Chris waren draußen. Hat sie jemand gefasst?«

»Nein. Warum waren sie hier? Nein. Vergiss es. Können wir uns zuerst auf dich konzentrieren?« Aber sein Handy klingelt schon wieder und unterbricht uns.

»Jetzt?«, antwortet Tobias. »Hörmir verdammt noch mal zu, Barry, du Wichser. Ich habe hier zwei tote Wachen, und es ist nur eine Frage von Minuten, bis noch mehr kommen. Entweder du findest einen sicheren Weg, oder ich finde ihn selbst. Ich. muss. Sie. Hier. Raus. Schaffen.«

Ich schlinge wieder meine Arme um mich und stolpere fast über eine der toten Wachen, als ich zurücktrete. Dann rutsche ich beinahe auf einer Pfütze aus purpurroter Flüssigkeit aus und schüttle das Blut von meinem Fuß, während Tobias schnell den neuen Fluchtplan diskutiert – die Route, die wir nehmen und wie vielen Wachen wir dabei über den Weg laufen werden.

Er legt auf, nimmt meine Hand und zieht mich, ohne einen weiteren Gedanken, aus dem Zimmer. »Wir müssen gehen. Wenn wir jemanden sehen, tu so, als ob du Angst hättest. Ich muss dich so festhalten, als ob ich vorhätte, dich ohne deine Zustimmung in jeder möglichen Stellung zu ficken.«

»Mein Gott, Tobias.«

 

Sobald wir um die Ecke biegen und eine Etage höher gehen, hören wir Wimmern. Stöhnen. Er flucht und zieht mich zur Seite, als meine Schritte ins Stocken geraten. »Du kannst nicht weglaufen, wenn du Angst bekommst. Du musst eine gehorsame Beute sein und an meiner Seite bleiben, okay?«

Ich richte mich auf und nicke ihm zu. »Ja.«

»Ich muss dich furchtbar behandeln.«

»Ich weiß«, antworte ich, und mein Blick wandert zur Seite, als ich einen Mann lachen höre.

»Ich entschuldige mich schon einmal im Voraus.«

Er klingt wirklich bestürzt, daher mildere ich meine Stimme. »Tobias, es ist okay – beeil dich einfach.«

Er packt mich am Arm und zieht mich den Korridor entlang, und ich versuche, mitzuhalten.

Wir biegen um eine weitere Ecke und ich stoße mit dem Rücken gegen die Wand, bevor ich auch nur einen Laut von mir geben kann.

Tobias presst sich gegen mich und senkt seinen Kopf zu meinem Hals. »Tut mir leid«, flüstert er, ein leiser Atemzug durch das Loch am Mund der Maske. »Es tut mir leid. Es tut mir leid. Es tut mir leid«, haucht er immer wieder, während er meinen Oberschenkel packt und ihn an seine Seite zieht, um die Rolle zu spielen. »Verzeih mir.«

Archie geht mit drei Wachen vorbei. Er spricht am Handy und schenkt uns keine Aufmerksamkeit. Er schreit jemanden an, der irgendwen unter Kontrolle bringen soll.

Sobald sie außer Sichtweite sind, lässt er mein Bein los und zuckt zurück, als hätte er sich an mir verbrannt. »Tut mir leid.« Er richtet mich auf und dreht seinen Kopf.

»Meinst du, er hat von Kade gesprochen?«

Tobias zittert ein wenig und ich weiß, dass er vor Wut zittert, die er nur schwer kontrollieren kann. »Wahrscheinlich«, knirscht er und blickt in die Richtung, in die Archie gegangen ist. »Es kostet mich alles, um dem Bastard nicht den Hals umzudrehen, aber ich kann dich nicht gefährden. Komm mit. Ich sorge dafür, dass er zusammen mit dem Anwesen verbrennt.«

Er nimmt mein Handgelenk und zieht mich wieder den Korridor entlang. Ärgerlicherweise kommt ein Mann mit Zigarre auf uns zu, der eines der Auktionspaddel in der Hand hält. Tobias senkt seine Hand zu meiner Hüfte und grüßt den Mann, der versucht, nicht aufzufallen. Die Hand brennt.

Sobald der Mann weg ist, bricht seine Berührung ab.

Ich nehme seine Hand in meine, sein Daumen reibt über meine Haut, um mich daran zu erinnern, dass ich in Sicherheit bin, während ich ihm in einen anderen Korridor folge, der kalt und klamm ist, mit Türen, die eine Seite der Wand säumen, verschlossenen Zimmern und noch mehr Stöhnen.

Ich wimmere und senke meinen Kopf, als sich eine Tür öffnet und ich ein Mädchen sehe, das drinnen wartet und die Hände gehorsam in den Schoß gelegt hat. »Was ist mit dem Rest von ihnen?«

»Sobald ich dich in Sicherheit gebracht habe, werden Barry, seine Männer und die Russen den Ort stürmen. Sie werden den Rest rausholen, bevor sie es niederbrennen. Letztere wollten es gleich stürmen, aber ich konnte nicht riskieren, dass du verletzt wirst. Das ist der sicherste Weg.«

Meine Hand liegt wieder in seiner, während wir die Treppe hinaufsteigen und die Musik langsam meine Ohren erfüllt. Klassische Musik – Alexandre Desplat. Normalerweise genieße ich seine Musik beim Tanzen oder Lesen, aber im Moment macht sie die ganze Situation nur noch schlimmer. Sie wird lauter, als wir oben ankommen, die Treppe führt zum Hauptfoyer und die Melodie geht in Statues über.

Im Freien lässt er meine Hand los und nimmt wieder meinen Arm, zieht und schubst mich um Ecken. Ich weiß, dass er es hasst, mich so zu behandeln, aber wir können niemanden erkennen oder erahnen lassen, was wir tun.

Einige der anderen Käufer laufen herum und präsentieren ihre neuen Haustiere, die alle das gleiche weiße Kleid tragen wie ich. Manche sehen etwas jünger aus als ich, andere älter, und einige sind regelrecht verängstigt und schluchzen.

Anstatt durch die Eingangstüren zu gehen, biegen wir rechts ab und umgehen so den Auktionssaal, der mit Arbeitern gefüllt ist, die aufräumen. Er geht langsam, damit ich mit meinen nackten Füßen mithalten kann. Niemand blinzelt in meine Richtung, obwohl mein Kleid und mein Gesicht mit purpurfarbenen Flecken übersät sind.

Als ob das für sie normal wäre.

Eine Wache steht an der Seite und hat eine Pistole an der Brust befestigt. Er nickt Tobias zu. »Gefällt Ihnen Ihre Beute, Sir? Ist sie nach Ihrem Geschmack?«

Mein Körper versteift sich, als Tobias mich vor sich zerrt und so tut, als würde er mir Beleidigungen ins Ohr flüstern, seine Hand direkt unter meiner Brust, während er mir in Wirklichkeit sagt, dass ich ihn nicht anschauen soll und dass es ihm noch einmal leidtut. »Oh, sie ist mehr als nach meinem Geschmack. Sie ist wunderschön, nicht wahr?«

»Gehen Sie zu den anderen in den Konferenzraum?«

»Vielleicht beim nächsten Mal«, sagt er, packt mich an den Haaren und zieht mich in den nächsten Korridor.

Ich stoße ihm meinen Ellbogen in die Seite, sobald wir außer Sichtweite sind. »Du hättest mich nicht an den Haaren ziehen müssen.«

»Ich ziehe gerne an Haaren.«

Ich rolle mit den Augen. »Natürlich tust du das.«

Er zwinkert und holt sein Handy heraus. »Wir sind im Anmarsch. Halte deine Männer bereit.« Er legt auf und sieht mich an. »Auf dieser Etage gibt es keine Wachen. Wir sind gleich da, Kleines.«

Wir bleiben in einer kleinen Nische in der Lobby stehen, er wirft die Maske beiseite und runzelt die Stirn. Dann zieht er seine Anzugjacke aus, nimmt ein Messer und eine Pistole heraus und steckt sie in seinen Hosenbund.

»Hier«, sagt er und legt mir die Jacke über, hilft mir, meine Arme in die Ärmel zu stecken und knöpft die Vorderseite zu, um mehr von meiner entblößten Haut zu verbergen. »Das hätte viel schlimmer ausgehen können. Es war ziemlich einfach, um ehrlich zu sein. Abgesehen davon, dass ich dich anfassen musste. Nichts für ungut, aber da hätte ich dich am liebsten vollgekotzt.«

Ich möchte ihn einen Psychopathen nennen, weil er das alles andere als furchterregend findet, aber er ist ja auch einer, also würde ich damit nur das Offensichtliche aussprechen. Er empfindet nicht so wie ich; seine Gefühle sind erlernt, abgeändert und ganz anders als meine.

»Ich glaube, du hast es genossen, mich ein bisschen zu viel herumzuschubsen. Rache für die vielen Male, die ich dich beim Schach geschlagen habe?«

Er schnaubt verächtlich. »Mach dir keine Illusionen darüber, dass das auch nur ein bisschen Spaß gemacht hat. Ich würde lieber Aria durch die Gegend werfen, am liebsten, während sie –«

»Stopp! Manche Dinge bewahrt man am besten in einer verschlossenen Kiste auf, du Idiot. Und wenn dich das nicht umbringt, wird Aria es tun, weil du ausgebrochen bist«, sage ich. »Hast du sie gesehen?«

»Ich habe sie beobachtet, aber ich habe nicht die Eier, sie zu besuchen. Scheiße, nein. Sie würde meinen Arsch zurück in die Staaten schicken. Ich glaube, sie würde sich danach komplett von mir trennen.«

»Ich glaube, sie wird es verstehen«, sage ich und stoße ein verwirrtes »Uhh« aus, als er das Jackett um mich herum zerrt, sodass ich an seiner Brust klebe und sein Gesicht an meinen Hals sinkt, während er meinen Kopf an den Haaren nach hinten zieht und so tut, als wollte er mich beißen, gerade als eine Wache vorbeigeht.

Dann stößt er mich weg, als ob ich giftig wäre. »Barry sollte gut in seinem Scheißjob sein, der Wichser. Und noch mal, nichts für ungut, aber wenn noch eine Person kommt, muss ich uns vielleicht erwischen lassen.«

»Warum?«, frage ich.

»Ich … fühle mich sehr unwohl dabei, so etwas zu tun«, sagt er, schaut weg und schiebt die Hände in die Taschen. »Ich habe das Gefühl, dass ich meinen Sohn und Aria verrate.«

»Es ist nicht echt.«

»Das ist mir bewusst«, zischt er. »Es ist mir trotzdem unangenehm.«

Sein Handy klingelt wieder, und nachdem Tobias eine ganze Minute lang durchgedreht ist, sagt Barry ihm, dass sie fast fertig und in Position sind. Er nennt uns den Weg zu dem Fenster, aus dem wir springen sollen, und wir werden auf der Rückseite des Geländes entkommen, da dort niemand ist.

»Ich glaube nicht, dass Aria mir das verzeihen wird, wenn ich ehrlich bin. Ich habe sie wahrscheinlich verloren. Sie wird mich hassen, so wie der Rest der Welt.« Er seufzt erneut und kneift sich in den Nasenrücken. »Aber ich hatte keine andere Wahl; du bist nicht zu Besuch erschienen. Ich musste fliehen.«

Mit einem fast ungläubigen Lachen starre ich Kades Vater an, auf die Müdigkeit in seinen Augen vom ständigen Kampf mit sich selbst. »Die Welt hat wirklich keine Ahnung, wer du bist. Du bist ein bisschen verrückt, aber dir liegt viel an deiner Familie. Du hast dir selbst beigebracht, zu lieben – auf deine eigene Art und Weise, ja –, aber das allein widerspricht schon der Meinung, die jeder von dir hat. Du bist nicht herzlos, Tobias. Wen interessiert schon, was die Welt denkt?«

Er verzieht das Gesicht; er hasst Komplimente und Weichheit. »Halt die Klappe oder ich bringe dich zurück.«

Ich kichere. »Ich hab dich vermisst.«

»Bist du fertig?«

Ich verdrehe die Augen, und er nimmt meine Hand und führt mich wieder durch den Korridor. Wir biegen links ab und halten inne. Ein Mädchen wird an die Wand gepresst und schreit zwei Männer an, dass sie aufhören sollen. Sie sind keine Wachen. Sie tragen Anzüge. Bieter. Einer versucht, ihr Kleid hochzuziehen, während der andere ihr Gesicht packt und versucht, seine Finger in ihren Mund zu stecken.

Ich kann sein Gesicht nicht sehen, aber ich spüre, wie die Energie in eine dunkle Leere stürzt, als Tobias mich langsam hinter sich schiebt und gleichzeitig die Klinge aus seinem Hosenbund zieht.

Das Mädchen dreht ihr Gesicht, um einer Zunge auszuweichen, und ich trete fast vor, als ich sehe, dass es Cassie Sawyer ist. Bernadettes Tochter.

Seine Finger biegen sich um den Griff und in einem lautlosen Blitz, der mich zurückweichen lässt, bis ich gegen die gegenüberliegende Wand stoße, packt er den Mann, der am nächsten ist, an den Haaren, reißt seinen Kopf nach hinten und schneidet ihm mit dem Messer die Kehle auf.

Animalische Geräusche erfüllen den Korridor, gurgelndes Würgen, karmesinrote Spritzer in Tobias‘ Gesicht, als er seinem Opfer zur Sicherheit den Schädel mit der Klinge durchbohrt. Die Klinge bleibt aufgespießt, während der Körper leblos zu Boden sinkt und er mich mit seinen leeren Augen anschaut.

Sein brutaler Freund lässt die schluchzende Cassie los, die jetzt mit Blut bedeckt ist. Sie rutscht langsam zusammengekauert auf den Boden, ihre Augen sind glasig, ihre Lippen vom Beißen abgekaut. Einer ihrer Nägel ist ausgerissen, die Haut verunstaltet, als ob sie versucht hätte, sich aus ihren Fängen zu krallen.

Ich stürze zu ihr, falle auf die Knie und ziehe sie von ihnen weg, während der verbleibende Kerl versucht, seine Faust nach Tobias zu schwingen und scheitert, als er sein Handgelenk erwischt, es mit einem schnellen Knacken bricht und ihm dann einen Kopfstoß verpasst.

Die Nase des Mannes bricht.

Tobias stößt seinen Arm weg und schlägt ihm ins Gesicht, so fest, dass er gegen die Wand kracht – der Mann ist nicht in der Lage, sich zu wehren, da er immer und immer wieder auf sein Gesicht einschlägt. Es sind bösartige, ununterbrochene Schläge, bei denen noch mehr Blut wie eine Fontäne um uns herumspritzt, bis der abscheuliche Mensch nicht mehr zu erkennen ist.

Tobias hat sein Gesicht komplett verunstaltet.

Cassie ist bei Bewusstsein, aber sie lallt und das Blut trocknet auf ihren Wangen. Ihr Kleid klebt an ihrem schwitzenden Körper und an ihrem Arm ist eine große Einstichstelle zu sehen. Sie blickt zu mir hoch, nimmt mich kaum wahr – dann rollen ihre Augen zurück und sie sackt in meinen Armen zusammen.

Tobias presst seine Lippen zusammen. »Nun, das ist bedauerlich. Sie ist der Feind.« Er hilft mir auf und wirft sie über seine Schulter. »Gut, dass wir bald hier raus sind. Nimm ihr Handy – es liegt da drüben auf dem Boden.«

Ich hebe es auf und gebe es ihm, woraufhin er es in seine Tasche steckt. »Wohin bringen wir sie?«

»Sie ist der Köder. Oder die Erpressung. Ein Kind im Austausch für das andere. Vorausgesetzt, sie sterben nicht alle, wenn dieser Ort niederbrennt.«

Er verschränkt unsere Hände wieder und trägt die bewusstlose Cassie auf seiner Schulter, während er uns zum Ende der Lobby führt und ein Fenster aufschiebt. Ich atme erleichtert aus, als Barrys Gesicht auftaucht.

Er grinst mich an, als ich lächle. »Guten Abend, Miss.«

Ich kichere. »Hör auf, mich so zu nennen.«

Kades Vater grunzt. »Ihr seid beide still. Nimm das.« Er wirft Cassie praktisch auf ihn. Barry fängt ihren schlaffen Körper auf, übergibt sie einem seiner Männer und befiehlt ihnen, sie zu seinem Auto zu bringen.

Tobias hilft mir auf den Fenstersims, und einer von Barrys Männern hilft mir hinunter. Sobald meine Füße das weiche Gras berühren, zieht mich Barry an sich – eine weitere Umarmung, von der ich nicht wusste, dass ich sie brauche. Ich schlinge meine Arme genauso fest um ihn.

»Ich bin froh, dass es dir gut geht. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Ich hätte es mir nie verziehen, wenn dir etwas zugestoßen wäre, Miss … Stacey.«

Tobias blickt uns finster an und verengt seine Augen auf Barry. »Lass sie los und beweg dich. Bevor uns jemand sieht.«

Barry begleitet uns, während wir durch das Gelände und in ein kleines Gebiet mit Bäumen schleichen. Meine Füße schmerzen und ich zucke ein wenig zusammen, aber ich sage nichts. Wir müssen uns um mehr kümmern als um meine nackten Füße.

Ich vergesse versehentlich, einen Ast festzuhalten, und er schlägt Tobias ins Gesicht. Ich zucke zusammen, werfe einen Blick über meine Schulter und forme mit den Lippen ein Ups.

Er sieht aus, als wollte er mich abstechen.

Wir eilen durch Bäume und die Musik verstummt, als wir an Ställen vorbeikommen. Es gibt keine Pferde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Bernadette sich überhaupt um eines kümmert.

Wir gehen durch den unbenutzten Hintereingang des Geländes, das Metalltor knarzt schwer, aber nicht laut genug, um in der Dunkelheit auf uns aufmerksam zu machen.

Ich habe zu viel Angst, um Erleichterung zu empfinden, weil immer etwas schiefgeht.

Barry nickt mir freundlich zu und öffnet mir die Tür zu einem der Autos. »Es ist schön, dich wiederzusehen«, sage ich. »Ich hoffe, Eva und Lisa geht es gut?«

»Sie sind sicher und versteckt. Und es ist wirklich schön, dich zu sehen. Aber es war ziemlich friedlich ohne dich.«

Ich schüttle den Kopf. »Deine Wangen werden rot, wenn du lügst.«

Als das Auto losfährt, erzählt Barry, dass die Russen sich bereit machen, das Anwesen zu stürmen, und dass es in einer Stunde in Flammen stehen wird.

Hoffentlich brennen die Sawyers.

Auch wenn ihre Tochter im Kofferraum liegt.

Als wir die Hütte erreichen, geht die Sonne bereits auf und ich bin erschöpft. Beinahe wäre ich auf Tobias‘ Schulter eingeschlafen, aber er hat mich abgewimmelt, während er auf dem iPad herumtippte und Kades Standort über den Sicherheitsfeed, in den sich Barry gehackt hat, suchte.

Ich beobachte, wie sehr Tobias versucht, sich zusammenzureißen – ein Panzer, als er das Tablet-Display ausschaltet und ausdruckslos aus dem Fenster starrt, mehr blinzelt als sonst, bevor er auf das Display schaut, um zu sehen, ob sich etwas verändert hat, und dann wieder starrt.

Sein Panzer zerbricht, als wir aus dem Auto aussteigen. Die Tür der Hütte wird aufgerissen und Aria stürzt heraus. Ihre Augen sind rot, als ihr Körper gegen Tobias prallt und sie schluchzt.

»Unsere Babys!«, schreit sie. »Wir müssen ihnen helfen. Bitte hilf ihnen.«

Er streicht ihr über die Haare und legt seinen Arm um ihren Rücken. »Das werden wir. Ich verspreche, dass wir unsere Kinder zurückbekommen werden.«

Die Tür öffnet sich wieder und mein Blick fällt auf Jason.

 

Mein Kopf ist benommen, als ich meine Augen öffne. Das Sonnenlicht, das durch das Fenster scheint, und der Schmerz in meinen Muskeln lassen mich zusammenzucken.

Ich krümme mich in Kades Umarmung und friere am ganzen Körper, als hätte eiskaltes Wasser meinen nackten Körper übergossen, als ich feststelle, dass die Brust keine Tattoos hat. Die Hand, die auf meiner Hüfte ruht, gehört zu jemandem, der nicht mein Freund ist. Und wenn ich meinen Kopf hebe, um das Gesicht der Person zu sehen, dreht sich mir der Magen um.

Es ist Jason.

Kades großer Bruder.

Ich liege im Bett des Bruders meines Freundes. Ohne Klamotten.

Ich fühle mich, als würde ich sterben, als zwischen meinen Beinen der schlimmste Schmerz pulsiert, den man sich vorstellen kann.

»Nein«, platze ich mit heiserer, trockener Stimme heraus und ziehe mich von ihm zurück – mein Herz beginnt augenblicklich zu rasen und zerbricht in mehrere Teile. Ich zucke innerlich zusammen, weil mein Körper so steif ist. »Nein. Nein, nein, nein. Bitte nicht.«

Er stöhnt und versucht, nach mir zu greifen. Seine Augen sind geschlossen, zwischen seinen Brauen steht eine Falte, während er versucht, mich zu sich zu ziehen. »Geh wieder schlafen, Giana. Wir gehen später Tests kaufen.«

Der Atem, den ich ausstoße, bleibt auf halbem Weg stecken, und alles spannt sich an, als sich seine Hand auf meinen Hintern senkt.

Mit einem Schrei stoße ich mich von ihm weg, verstecke meinen nackten Körper unter der Bettdecke und ziehe sie vollständig von ihm. Ich schließe meine Augen und flehe mich selbst an, aufzuwachen – aus diesem Albtraum zu erwachen, während ich zu seinem Schreibtischstuhl zurückweiche und mich darauf fallen lasse.

Ich öffne sie zu Schlitzen, als ich höre, wie sich das Bett bewegt. Ich halte meine Hand hoch, um seine untere Region zu überdecken.

Galle steigt in meiner Kehle auf.

Alles, woran ich denken kann, ist, dass Kade mir niemals verzeihen wird – ich habe sein Vertrauen gebrochen und unsere gemeinsame Zukunft ruiniert. Ich bin nicht so. Ich liebe Kade mehr als alles andere auf der Welt. Er war die einzige Person, die mich am Leben hielt. Er war die Luft für meine ausgehungerte Lunge.

Und nach den Beulen auf meiner Brust, den Bisswunden auf meinen Brüsten und dem Schnitt an meinem Nippel zu urteilen, ganz zu schweigen von den blauen Flecken und dem getrockneten Blut an meinen Hüften und Innenschenkeln, weiß ich, dass ich alles vermasselt habe.

Jason sitzt gerade auf der Matratze, ein Auge noch immer geschlossen. »Baby, was machst du –« Seine Stimme verstummt, und er neigt den Kopf zu mir – schaut wieder auf das Bett und dann zu mir, völlig verloren. »Was machst du …? Wer …? Stacey?«

Er schnappt sich ein Kissen und drückt es an sich. Seine Hand zittert, als er damit durch sein verschwitztes Haar streicht. »Was zum Teufel?«

Eine Träne läuft mir über die Wange, während ich zittere und die Wand ansehe. Ich versuche so sehr, nicht zu schluchzen, auf den Boden zu fallen, mich zu einer Kugel zusammenzurollen und um Vergebung zu schreien.

Ich habe Kade verraten.

Ich … habe ihn betrogen. Mit Jason.

Warum sollte ich das tun?

Das würde ich nicht tun. Kade ist alles für mich. Er ist meine Person. Derjenige, mit dem ich eine große Familie gründen und alt werden will.

Ich blinzle nicht, mein Körper zittert, als ich mich vom Stuhl erhebe und die Decke an meine Brust drücke, während ich so viel Abstand wie möglich zwischen mich und das Bett bringe. Wenn mein Körper es zuließe, würde ich rennen, aber ich kann kaum stehen.

Meine Rippen sind immer noch angeknackst. Von Chris, der das Ultraschallbild in meinem Zimmer fand und mich vor lauter Wut herumschubste und mir immer wieder in den Bauch trat, bis mein kleines Mädchen starb.

Ich erkenne meine eigene Stimme kaum wieder, als ich aufstehe und irgendwie frage: »Hast du mich angefasst?« Ich kenne die Antwort schon, als meine Worte abbrechen. »Haben wir …? Hast du …?«

Jasons Augen treten hervor. »Warte, verdammt noch mal, warte einen Moment. Wir haben gefickt? Ich habe dich gefickt? Ich dachte, du wärst Giana.« Sein Mund bleibt offen stehen und er schaut auf das getrocknete Blut an seinem Unterleib hinunter. »Ist das dein Blut?«

Ich versuche zu schlucken, scheitere aber und nicke. »Ich glaube schon.«

»Scheiße, ich habe nicht … Wir würden nicht …« Er hält inne, schüttelt den Kopf und lässt ihn hängen. »Das ist nicht wahr. Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist. Ich habe eine gottverdammte Verlobte! Du bist die Freundin meines kleinen Bruders!«

Ich versuche wieder zu schlucken, aber meine Kehle ist wie zugeschnürt. »Warum bin ich hier, Jason?«

Er blickt auf, sein Haar ist durcheinander, seine Augen sind rot. »Ich weiß es verdammt noch mal nicht. Warum bist du hier? Warum warst du in meinem Bett?«

Ich zucke zusammen, als ich zurücktrete, und zwischen meinen Beinen brennt es fürchterlich. Meine Knie geben nach – meine Wirbelsäule ist kurz davor, zu brechen, weil mein Körper versucht, aufrechtzubleiben.

Blitze durchzucken mich und meine Brust wölbt sich nach innen, während ich verschiedene Gesichter über mir sehe. Körper. In und um mich herum.

Ich erinnere mich an verschiedene Gerüche. Grunzen. Gebissen zu werden.

Jemand presste seine große Hand gegen mein Gesicht und drückte meinen Kopf so fest in die Matratze, dass ich dachte, mein Schädel würde brechen.

Ich wurde gewürgt, bis meine Sicht verschwamm.

Jemand ohrfeigte mich, oder war es ein Kopfstoß?

Die Stimme meines Stiefbruders.

Das Bedürfnis zu rennen und zu schreien, aber keine Kontrolle über meinen Körper zu haben. Mein Verstand war kaum noch da, aber ich erinnere mich an Bruchstücke. Das Gefühl, verloren zu sein. Leere. Wie sehr ich mir wünschte, dass mein Freund oder mein anderer Bruder zur Tür hereinplatzte und dem Ganzen ein Ende setzte.

Ich erinnere mich an den Schrecken. Ich erinnere mich an mehr als eine Person, die … Und sie …

Mein Herz sinkt, als sich ein Bild von Jason in meinem Kopf festsetzt und meine Augen brennen, als ich mich daran erinnere, dass er bei ihnen war. Er war auf mir und unter mir. Meine Hand bedeckt meinen Mund und ich ziehe mich in die Ecke des Raumes zurück, weit weg von ihm. »Hast du mich vergewaltigt?«

Er zieht sich die Boxershorts an und steht auf. »Was? Nein. Ich würde … ich würde nie … ich … Warte, so ein Typ hat mich zugedröhnt und … Fuck, ich glaube, wir …« Er beißt sich auf die Lippe und starrt mich verzweifelt an. »Wie alt bist du? Genauso alt wie Kade?«

»Neunzehn«, antworte ich, und mein Kiefer zittert, als ich die Bettdecke umklammere, bis es mehr wehtut als mein Körper.

»Ich habe dich nicht vergewaltigt. Bitte glaub mir verdammt noch mal. Das würde ich nie tun.«

Ich kaue auf meiner bereits geschwollenen und aufgeplatzten Lippe. »Ich wurde vergewaltigt. Ich erinnere mich an die Vergewaltigung. Ich schrie, dass es aufhören soll und versuchte, mich zu wehren. Ich erinnere mich an dich.«

Er schaut auf das Bett, die Flüssigkeitsflecken dort, und seine Brust hebt und senkt sich schwerer. »Ich glaube, wir haben nur … Ich habe dich nicht vergewaltigt, Stacey. Das verspreche ich dir. Ich bin kein Vergewaltiger.«