Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im Herbst 1918 beteiligten sich in Wien bekannte Literaten in herausgehobener Position an den politischen Aktivitäten, die zum Ende der habsburgischen Herrschaft sowie zur Ausrufung der Republik (Deutsch-)Österreich führten. Ähnlich wie ihre Münchner Kollegen engagierten sie sich für eine soziale Revolution. Zum ersten Mal seit 1848 standen Autoren wieder selbst im Zentrum des historischen Geschehens. Norbert Christian Wolf untersucht Quellen wie Zeitungsartikel, Reportagen, Feuilletons, Briefe, Notizen und Tagebucheinträge, die es erlauben, den damaligen Informationsstand zu rekonstruieren und dabei zu unmittelbaren Eindrücken und überraschenden Einsichten in die Hoffnungen und Sorgen der Zeitgenossen zu gelangen. Er bezieht sich dabei auf Texte u.a. von Leopold von Andrian, Hermann Bahr, Franz Blei, Albert Paris Gütersloh, Egon Erwin Kisch, Anton Kuh, Albert Ehrenstein, Karl Kraus, Alma Mahler, Robert Musil, Robert Neumann, Leo Perutz, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Hugo Sonnenschein, Friedrich Torberg, Franz Werfel und Berta Zuckerkandl. Das Buch bietet ein Gesamtbild der österreichischen Kultur- und Literaturgeschichte jener spannenden Umbruchsmonate im Herbst/Winter 1918/19.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 646
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Norbert Christian Wolf
REVOLUTION IN WIEN
Die literarische Intelligenz im politischen Umbruch 1918/19
BÖHLAU VERLAG WIEN · KÖLN · WEIMAR
Gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien, Wissenschafts- und Forschungsförderung
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2018 by Böhlau Verlag Ges.m.b.H & Co. KG, Wien, Kölblgasse 8–10, A-1030 Wien Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Umschlagabbildungen: Ausrufung der Ersten Republik
© Sammlung Österreichisches Filmmuseum
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist unzulässig.
Korrektorat: Vera Schirl, Wien
Einbandgestaltung: Michael Haderer, Wien
Satz: Michael Rauscher, WienEPUB-Produktion: Lumina Datamatics, Griesheim
Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
ISBN 978-3-205-23225-4
Inhalt
DANKSAGUNG
DAS FALLEN DER KOKARDEN. EINFÜHRUNG
Die geschlagenen Mittelmächte. Allgemeine Rahmenbedingungen
Der »Staat, den keiner wollte«. Besonderheiten der österreichischen Situation
DIE ›ÖSTERREICHISCHE REVOLUTION‹ DER LITERATEN IM SPIEGEL VON PRESSE, LEBENSGESCHICHTLICHEN ZEUGNISSEN UND ERINNERUNGEN
»Wir werden den Kampf gegen den jetzigen Nationalrat führen«. Gründung der Wiener Roten Garde
»Gegen die Feinde aus dem Lager aller Parteien«. Zur Programmatik der Roten Garde
»Das Gefühl, daß nirgends Plan und Wille herrscht«. Desillusion aktivistischer Erwartungen bei Musil und Müller
»Geist vom Geiste des Expressionismus«. Kischs revolutionärer Aktionismus und Werfels ekstatische »Raserei«
»In aller Ausführlichkeit und mit der nötigen Heldenpose«. Kischs Werbefeldzug für die Rote Garde
»Ein Karl-May-Coup von Lektüre-Extremisten«. Scharmützel um die Republikausrufung
Dumme Operette oder »Demütigung eines vorlauten Organes«? Die Besetzung der Neuen Freien Presse
»Die Wiener ›Rote Garde‹. Eine Gründung der Prager Kaffeehausliteraten«? Publizistische Attacken
»Der Kampf gegen den Operettengeist«. Bleis Inszenierung eines Theaterskandals
»Begräbnis der lebendigen Volkswehr«. Ernüchterung und Enttäuschung, Teilung der Roten Garde, Rückzugsgefechte
»Urlaub von der Politik«. Die Polemik um Kischs Abschied aus der Roten Garde
DIE ›ÖSTERREICHISCHE REVOLUTION‹ IM SPIEGEL DER LITERATUR
»Ein Bastard aus Wiener-Strizzitum und jüdisch-demagogisch-bösartiger – Activisten Wirrköpferei«. Revolution im Tagebuch (Arthur Schnitzler und Leopold von Andrian)
»Es lebe der Kommunismus und die katholische Kirche!« Revolution im Journal (Franz Blei und Albert Paris Gütersloh)
»Das gute österreichische Revolutiönchen strich in einem sanften Winde«. Revolution in Memoiren (Franz Blei und Robert Neumann)
»Wenn Teufel zu Gegnern sie hätten, ihr Herz fällt nicht in die Schuh«. Revolution in der Reportage (Egon Dietrichstein)
»Jedes Geschlecht hat die Revolution, die es verdient«. Revolution im Feuilleton (Hermann Bahr und Joseph Roth)
»Ich schreib’s noch heute der Mama nach Prag«. Revolution in Anekdoten (Friedrich Torberg)
»Idiotische Schießereien vor den Gebäuden der Macht«. Revolution im Roman I: Elegie (Franz Werfel)
»Wien erlebte nun seinen unästhetischesten Tag«. Revolution im Roman II: Satire (Karl Paumgartten)
»Ein einmaliger, restloser Sieg des Literaturcafés über die Straße«. Revolution als Posse (Anton Kuh)
»Wien weint hin im Ruin«. Revolution der Lyrik, Gedichte über den Umsturz (Konrad Paulis, Ernst Angel, Albert Ehrenstein und Hugo Sonnenschein)
»Die Verwandlung des Kriegspressequartiers in eine Rote Garde« Revolution in der Polemik (Karl Kraus)
KEINE WIENER REVOLUTIONSLITERATUR VON RANG? SCHLUSSBEMERKUNG
ANMERKUNGEN
LITERATURVERZEICHNIS
ABBILDUNGSNACHWEISE
PERSONENREGISTER
Danksagung
Die Erarbeitung des vorliegendes Buchs wäre ohne das von der Österreichischen Nationalbibliothek als deren »virtueller Zeitungslesesaal« betriebene Internetportal ANNO – AustriaN Newspapers Online. Historische österreichische Zeitungen und Zeitschriften online (http://anno.onb.ac.at/) nicht möglich gewesen. Maßgebliche Informationen verdankt es darüber hinaus dem von Primus-Heinz Kucher (Universität Klagenfurt) im Rahmen zweier FWF-Projekte eingerichteten und geleiteten Internetportal ÖSTERREICHISCHE KULTUR UND LITERATUR DER 20er JAHRE – transdisziplinär. Epochenprofil zu Aspekten der Literatur, Kunst und (Alltags)Kultur der österreichischen Zwischenkriegszeit (http://litkult1920er.aau.at/). Ein besonderer Dank gebührt Harald Gschwandtner, der die Entstehung des Manuskriptes sachkundig begleitet, die einzelnen Kapitel kritisch gelesen, korrigiert, intensiv kommentiert und das Register erstellt hat, sowie dem hervorragenden Korrektorat durch Vera M. Schirl. Den Hörerinnen und Hörern eines Seminars im Wintersemester 2015/16 und einer Vorlesung im Wintersemester 2016/17 an der Universität Salzburg zum Thema des Buchs danke ich für Diskussionen und Hinweise, den mir nahestehenden Menschen sowie manchen Kolleginnen und Kollegen für ihre Geduld mit mir in der sehr knappen Zeit der Niederschrift.
Salzburg, im Mai 2018
Norbert Christian Wolf
Das Fallen der Kokarden. Einführung
Spätestens seit Claudio Magris’ Untersuchung über den ›habsburgischen Mythos‹ gelten die österreichische Literatur und ihre Autoren gemeinhin als harmoniesüchtig und rückwärtsgewandt.1 Einen Zeitraum, für den diese Diagnose bestimmt nicht zutrifft, behandelt dieses Buch: Im Herbst und Winter 1918/19 beteiligten sich in Wien prominente Literaten in öffentlich sichtbarer Position an den politischen Aktivitäten, die zum Ende der Habsburgermonarchie sowie zur Ausrufung der Republik (Deutsch-)Österreich führten. Ähnlich wie ihre Münchner Kollegen engagierten sie sich für eine auch soziale Revolution und hatten damit Teil an jener damals neuartigen Konversionsbewegung europäischer Intellektueller zum Kommunismus, die der britische Historiker Eric Hobsbawm für die Zeit während und nach dem Ersten Weltkrieg diagnostiziert hat.2 Zum ersten Mal seit 1848 standen in Wien Schriftsteller wieder selbst im Zentrum des historischen Geschehens.
Generell kennt die neuere deutschsprachige Literatur-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte wohl keinen anderen epochalen Einschnitt, der so weitreichende und tiefgreifende mentale Folgen gehabt hat wie der Untergang der Monarchien am Ende des großen Krieges. Dies wird in der Literatur schon von den Zeitgenossen selbst, aber auch aus der Distanz des Rückblicks kritisch reflektiert. Bereits der sozialdemokratische Vordenker Otto Bauer hat vorgeschlagen, »den Niederschlag dieser schnellen Entwicklung der Stimmungen der bürgerlichen Intelligenz in der österreichischen Literatur zu verfolgen.«3 In diesem Sinn untersucht die vorliegende Studie in einem ersten Teil biographische Quellen wie Briefe, Notizen und Tagebucheinträge aus der Umbruchszeit, in einem zweiten Teil darüber hinaus literarische Texte im engeren Sinn wie Gedichte, Erzählungen, Romane und Essays bekannter und weniger bekannter Autoren, die zum Teil erheblich später entstanden sind. Behandelt werden u. a. – in alphabetischer Reihenfolge – Texte von Leopold (von) Andrian, Ernst Angel, Hermann Bahr, Franz Blei, Albert Ehrenstein, Albert Paris Gütersloh, Egon Erwin Kisch, Karl Kraus, Anton Kuh, Alma Mahler(-Werfel), Robert Müller, Robert Musil, Robert Neumann, Joseph Roth, Arthur Schnitzler, Hugo Sonnenschein, Friedrich Torberg, Franz Werfel und Berta Zuckerkandl.
In seinem Buch Leben in dieser Zeit. Sieben Fragen zur Gewalt berichtet der 1905 geborene Schriftsteller, Philosoph und Sozialpsychologe Manès Sperber von einer Begebenheit aus seiner Kindheit, die den damals Zwölfjährigen stark beeindruckt und nachhaltig beschäftigt hat.4 Zunächst gibt er ein plastisches Bild von den chaotischen Verhältnissen der letzten Kriegstage in Wien:
Es war im Jahr 1918, am Vormittag des ersten oder zweiten November, auf einem Bahnsteig des Wiener Nordbahnhofs. Seit einer Woche trieb ich mich dort herum, verbrachte meine Zeit mit bald hoffnungsvollem, bald verzweifeltem Warten. Mein Vater hatte seine Heimkehr angekündigt, doch die Unordnung im Zugsverkehr war chaotisch geworden, Fahrpläne galten nicht mehr. Der Vater mochte in der nächsten Minute oder erst nach Tagen eintreffen.5
Der Bahnhof verlor seine vertraute Funktion als Raum des Transitorischen zwischen Fern und Nah sowie als Ort der beständigen Bewegung. Angesichts der Unzuverlässigkeit sämtlicher Fahrpläne wurde er nunmehr zum Wartesaal eines zeitlich unabsehbaren Aufenthalts zahlloser Gestrandeter aus allen – insbesondere den östlichen – Teilen der untergehenden k. u. k. Monarchie, mithin zu einem Ort des passiven Verweilens, der Immobilität und Statik. Unter den zahlreichen, ungewiss und unverrichteter Dinge wartenden Menschen befand sich auch der junge Sperber, der die Szenerie der von ihm in der Folge berichteten unerhörten Begebenheit recht ungemütlich schildert:
Es war gegen elf Uhr vormittags, ein kalter Wind blies über die Bahnsteige, doch verminderte sich die Zahl der Leute nicht, die auf Züge warteten, die nicht ankamen oder nicht abfuhren, auf Urlauber, die vielleicht nicht mehr lebten, auf Verwandte, die auf einer Umsteigestation steckengeblieben waren. Die meisten aber waren Soldaten auf dem Weg zu ihren Einheiten; sie hatten es nicht eilig, lungerten herum und fanden sich mit der Verspätung gerne ab.6
Während die Soldaten keine Eile hatten, noch einmal an die Front zu gelangen, wo sie der ›Heldentod‹ in einem längst verlorenen Weltkrieg bedrohte, erfuhren die ausharrenden Zivilisten den Niedergang der Habsburgermonarchie gleichsam körperlich, indem sie frierend das Nicht-mehr-Funktionieren des auf deren Hauptstadt sternförmig zulaufenden Eisenbahnnetzes erlebten. Dem Ankommen eines Zuges konnte nicht mehr wie sonst ganz selbstverständlich entgegengesehen werden, sein schließliches Erscheinen wurde nun sogar an einem Hauptstadtbahnhof zu einem besonderen Ereignis, das sich durch die daran anschließenden merkwürdigen Vorkommnisse auf dem Bahnsteig in das Gedächtnis des kindlichen Beobachters nachgerade einbrannte:
Endlich traf ein Zug ein. Ihm entstiegen hauptsächlich Militärpersonen, unter ihnen ein Hauptmann, gefolgt von seinem Diener, dem er mit barschen Worten immer wieder vorwarf, nicht schnell genug zu laufen. Der »Putzfleck«, wie man in der K. und K. Armee solche Diener nannte, bot einen zugleich lächerlichen und empörenden Anblick. Auf dem Rücken trug er zwei übervolle Rucksäcke und in jeder Hand zwei sichtbar schwere Koffer. Trotz der Kälte bedeckte Schweiß das Gesicht des Atemlosen, der mit gebeugtem Rücken immer schneller voranzukommen suchte. Er wiederholte ununterbrochen: »Melde gehorsamst, ich komm schon, melde gehorsamst …« Da vertrat ihm plötzlich ein junger Soldat den Weg, riß ihm die Koffer aus der Hand und sagte: »Kamerad, was rennst Du so? Hast ja viel Zeit. Wir alle haben viel Zeit.«7
Abb. 1: Zug mit demobilisierten Kriegsheimkehrern, 1918
Nicht von ungefähr sind es gerade die verbürgten Vorstellungen von Zeit, die jetzt in Frage gestellt oder gänzlich erschüttert scheinen. Deutlich wird dabei, dass und inwiefern das Verfügen über Zeit eine Frage von Macht oder Ohnmacht darstellt. Ein bestehendes Machtgefälle äußert sich auf besondere Weise im Warten und Wartenlassen.8 Es kann – und das ist im Folgenden zentral – von einem Augenblick zum nächsten kollabieren bzw. in sein Gegenteil umschlagen:
Der so Angesprochene versuchte, durch Zeichen vor seinem Offizier zu warnen, der sich ja hätte umdrehen können. Das geschah auch unverzüglich. Der Hauptmann kam eilends auf die beiden zu und wurde sofort einer unfaßbaren Änderung gewahr: Von der Kappe des jungen Soldaten war die kaiserliche Kokarde verschwunden und durch ein Bändchen mit den polnischen Nationalfarben ersetzt worden. Das war ein sicheres Zeichen der Meuterei. Er öffnete weit den Mund, wie um einen wütenden Schrei auszustoßen, doch blieb er stumm: Das entsetzte Staunen machte ihn sprachlos.9
Das Verschwinden der kaiserlichen Kokarde, also eines in der Regel runden Hoheitsabzeichens, das auf den Uniformen oder den dazugehörigen Mützen der Soldaten angebracht war, signalisiert eine vollendete Implosion gesellschaftlicher Hierarchien, die vordem für unerschütterlich galten. Der bis dahin gegenüber seinen Untergebenen geradezu allmächtige Hauptmann erscheint nicht nur geschwächt, sondern mit einem Schlag vollkommen machtlos gegenüber den ihn verhöhnenden einfachen Gefreiten:
Andere Soldaten kamen heran, einer von diesen schlug dem Offizier die Mütze vom Kopf, fing sie auf und entriß ihr die Kokarde, die er spielerisch auf das Gleise hinunterwarf. Der Hauptmann griff zum Säbel, schon hatte er ihn halb aus der Scheide gezogen, als sein Diener, der noch eine Minute vorher als ein willenloses Lasttier gehorsam hinter ihm hergelaufen war, mit einer behenden Bewegung die Rucksäcke von sich warf und nun aufrecht, größer als sein Herr, ihm zwei schallende Ohrfeigen versetzte. Dem Hauptmann ging’s plötzlich auf, daß etwas Unheimliches, Unahnbares geschehen war und daß er da einer Übermacht begegnete, die so unberechenbar gefährlich sein mußte wie die Untiere in den Albträumen. Mit einem Sprung war er unten zwischen den Gleisen, lief zum gegenüberliegenden Bahnsteig und verschwand durch eine Seitentür. Ihn begleitete das laute Gelächter der Meuterer.10
Die scheinbar aus dem Nichts kommende, plötzliche Verwandlung des bis dahin untertänigst gebückten ›Putzflecks‹ von einem ›willenlosen Lasttier‹ zu einem gewaltbereiten Hünen vermittelte nicht nur dem unvorbereitet gedemütigten Offizier, sondern auch dem zwölfjährigen Manès die ›unheimliche‹ Erfahrung eines so unvermittelten wie radikalen Zerfalls der Macht. Wie konnte das geschehen, wie konnte eine vordem für ehern geltende Autorität wie die des militärisch Vorgesetzten so restlos kollabieren, dass die Machtverhältnisse mit einem Schlag nicht bloß aufgeweicht, sondern nachgerade invertiert waren und dass die beteiligten Menschen einer unerklärlichen Charakterveränderung unterlagen? Manès Sperber beschrieb das von ihm kolportierte Ereignis als historischen Vorgang, der die Kontingenz von Geschichte offengelegt habe:
Der dreizehnjährige [recte: noch zwölfjährige, N.C.W.] Zeuge dieser Szene, die sich rasend schnell abgespielt hatte, erfuhr in dieser Minute, daß die Geschichte solch einfache Sprache benutzen und sich in so einfachen Gesten wandeln konnte. Denn dies war einer der Augenblicke, in denen das Kaiserreich, wehrlos wie ein Sterbender, unterging und die Krone einer 650jährigen Dynastie zu Boden rollte. Und man konnte sich nicht vorstellen, daß sich einer nach ihr würde bücken wollen.11
Besonders interessiert sich der Sozialpsychologe Sperber für die Plötzlichkeit dieser Erosion der Macht, die über den singulären Vorfall hinaus exemplarische Bedeutung für das beanspruchen kann, was während einer Revolution in der gesamten Gesellschaft vor sich geht:
An dieser Bahnsteig-Szene, die sich ähnlich in jenen Umsturztagen wohl vielenorts wiederholt hat, ist in erster Linie bemerkenswert die blitzschnelle Metamorphose der realen Machtverhältnisse nach der Zerstörung der scheinbar festgefügten, unabänderlichen Beziehung zwischen Herrschenden und Beherrschten. Der Diener, der, ohne das Dazwischentreten der anderen wohl Stunden, Tage vielleicht sein Leben lang hätte fortfahren können, ein ›Melde gehorsamst‹-Untertan zu sein, verwandelt sich zu seiner eigenen Überraschung plötzlich in einen Rebellen; der Herr aber verkümmert zum eigenen Schatten, der im Nichts verschwindet.12
Sperber versucht den Vorgang, der einer veritablen ›Transsubstantation‹ aller beteiligten Akteure gleichkommt, sodass das bisherige Herr-und-Knecht-Verhältnis auf den Kopf gestellt erscheint, als »psychologische[n] Umwälzungsprozeß« zu deuten; dieser könne bei Augenzeugen Schadenfreude auslösen, besitze jedenfalls »den symbolträchtigen Charakter schicksalhafter Vorgänge« und habe folgende Voraussetzung:
Seit Jahrtausenden vollbringen Menschen in ihren Tagträumen die befreiende Tat, dank der der Putzfleck nicht nur die Bürde der Tornister, sondern auch die degradierende Last der Vergangenheit abwirft. Damit dieser Traum Wirklichkeit werde, bedarf es eines noch erstaunlicheren Geschehnisses: Die Macht muß plötzlich so hilflos werden wie ein verlorenes Kind im Sturm der Zeiten. Das jämmerliche Schauspiel der sozusagen verwaisten Macht erlebte man zuerst im zaristischen Rußland und – anderthalb Jahre später – in Deutschland, in Österreich-Ungarn und in anderen Monarchien. Man sah Giganten zusammenbrechen, weil ein Strohhalm sie unsanft berührt hatte.13
Weshalb die Macht aber »plötzlich so hilflos« wurde »wie ein verlorenes Kind im Sturm der Zeiten«, bleibt in dieser Interpretation im Dunkeln. Sperbers vorläufige, nach seiner Abkehr vom Marxismus infolge der stalinistischen Säuberungen im Jahr 1937 aber wieder verworfene Deutung ist einerseits noch merklich vom frühen Schockerlebnis diktiert, andererseits vom etwas naiven Optimismus des überzeugten Kommunisten, der er spätestens von 1927 bis Mitte der dreißiger Jahre war. Sie klingt vergleichsweise eindimensional:
Die begeisternde Leichtigkeit des Umsturzes erlaubte keinen Kleinmut mehr. Wer zögerte und darauf hinwies, daß man der Entwicklung lange Fristen gewähren müßte, war in unseren Augen ein Verirrter oder ein Verräter oder beides. Was wir erlebt hatten, bewies ja, daß die Institutionen, die jede Gesellschaftsordnung über den Menschen und gegen sie errichtet hatten, niemanden schützten, sondern daß sie selbst schutzbedürftig waren, sobald ihre Legitimität von jenen in Frage gestellt wurde, die sich ihnen nicht mehr unterwerfen wollten.14
Dass es sich dabei um eine vereinfachte und unzureichende Erklärung für das komplexe »Problem der Macht«15 handelt, wird dem zunächst euphorisch-revolutionären Beobachter erst aus sehr großem zeitlichen Abstand klar. Aus heutiger Sicht lässt sich das Phänomen einer plötzlichen Implosion bestehender und scheinbar unabänderlicher Machtverhältnisse, das jüngst in der arabischen Welt durch den Sturz von autoritären Herrschern wie Hosni Mubarak oder Muammar al-Gaddafi aktualisiert worden ist, eher mit soziologischen als mit psychologischen Modellen erklären – sonst hätte die Implosion ja nicht in der Regel recht schnell das Entstehen neuer, mehr oder weniger stabiler Machtgefälle zur Folge.
So hat der Kultursoziologe Pierre Bourdieu diesen Sachverhalt mit dem Begriff der sozialen illusio zu fassen versucht, jener »Investition ins Spiel und die affektive Besetzung des Spiels«, die ihm zufolge dem »Funktionieren aller sozialen Felder«16 zugrunde liegt: »Der kollektive Glaube an das Spiel (die illusio) und den geheiligten Wert dessen, was auf dem Spiel steht, ist Voraussetzung und Ergebnis des funktionierenden Spiels zugleich«.17 Dieser »gleichsam magische«, kohäsionsstiftende »Glaubenseffekt« gilt als »paradoxeste Wirkung des Staates«, der als Institution »die außerordentliche Macht hat, eine geordnete soziale Welt hervorzubringen, […] ohne ständigen Zwang auszuüben«.18 Setzt die erforderliche affektive Reinvestition in das soziale Spiel hingegen aus, dann kann das den Zusammenhalt eines ganzen Gemeinwesens gefährden, wie auch die Literatur längst erkannt hat – etwa Robert Musil in den essayistischen Passagen seines Romans Der Mann ohne Eigenschaften, wo es über den nach dem Modell der Habsburgermonarchie gestalteten romanesken Chronotopos heißt: »Kakanien war das erste Land im gegenwärtigen Entwicklungsabschnitt, dem Gott den Kredit, die Lebenslust, den Glauben an sich selbst und die Fähigkeit aller Kulturstaaten entzog, die nützliche Einbildung zu verbreiten, daß sie eine Aufgabe hätten.«19
Dieser kollektive Glauben an die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des eigenen Staates und der von diesem ausgehenden staatlichen Macht ist dem Gros der Bevölkerung in Österreich-Ungarn, ja selbst glühenden Anhängern wie Hugo von Hofmannsthal,20 spätestens ab Mitte Juni 1918 abhandengekommen, wie die amerikanische Historikerin Maureen Healy gezeigt hat:
Während die Heimatfront allmählich auseinanderbrach, verloren die WienerInnen gleichzeitig ihren Glauben an das Habsburgerreich und den Krieg, den es ausfocht. Die Monarchie brach also mehr aus »internen« denn aus »externen« Gründen zusammen […]. Der Staat war nicht nur in den Augen der nationalen Minderheiten in anderen Teilen Österreichs oder in den Köpfen der erschöpften Rückkehrer von der Front diskreditiert, sondern auch auf den Märkten, in den Zinshäusern, auf den Schulhöfen und Straßen sowie in den Gasthäusern der Reichshauptstadt. […] Weite Teile der Bevölkerung kreideten dem Staat nun an, daß er seinen Pflichten nicht nachgekommen war.21
Dies führte dazu, dass auch die vom Staat garantierten gesellschaftlichen und besonders die militärischen Hierarchien plötzlich jegliche Autorität und Glaubwürdigkeit einbüßten – zumal sich das bisherige Führungspersonal im Weltkrieg massiv diskreditiert hatte, wie der rückblickende Bericht des österreichischen Soldaten Franz Fiala über die Umbruchszeit 1918 vor Augen führt; Fiala war nach Kriegsende an der Gründung der Wiener Roten Garde beteiligt und diente ihr als Hornist:
In den letzten Oktobertagen ging es los. Wir hatten an der Front genug mitgemacht und haßten fast alle unsere Offiziere, die uns bis aufs Blut peinigten. Haufenweise waren wir zurückgeströmt, wir schäumten vor Wut, wenn wir auf der Straße einen Offizier erblickten. Ich zog mit einer ganz kleinen Schar Soldaten und Arbeitern durch die Stadt, und wir forderten die Offiziere auf, ihre Sterne und die anderen monarchistischen Abzeichen sofort zu entfernen oder rissen sie ihnen bei einigem Zögern selbst von der Kappe oder der Brust ab. Mancher Offizier versuchte zum Säbel oder zur Pistole zu greifen. Aber die kamen nie in Verwendung, denn sofort lag seine Kappe auf dem Boden, oder er spürte ein Bajonett vor seiner Brust. Höchstens, daß einer ein paar Ohrfeigen bekam.22
Die Berichte gleichen einander. Demnach verbreiteten die zwar meist nicht tatsächlich materiell, aber doch symbolisch marodierenden Kriegsheimkehrer, deren psychische Hemmschwelle durch die im Weltkrieg erlebten Traumata kaum mehr existierte, unter den Angehörigen der gesellschaftlichen Eliten Angst und Schrecken. Das staatliche Gewaltmonopol war aufgehoben. Sämtliche gesellschaftlich verbürgten Schutz- und Kontrollinstanzen – insbesondere die plötzlich unsicher gewordene Polizei – ließen das Treiben tatenlos geschehen, selbst wenn es sich in einem Nobel-etablissement wie dem ersten Hotel der Hauptstadt abspielte:
So zog unsere Gruppe unter anderem ins Café Imperial. Die Gäste erhoben sich panikartig und wollten flüchten. Wir aber sagten ihnen, wir wollen nur, daß die Offiziere ihre Abzeichen ablegen. Und die einstmaligen Helden verkrochen sich unter die Tische, in die Küche und in die Klosette. Aber es kam uns keiner aus. Ein alter General weigerte sich, uns zu gehorchen. »Ich habe dem Kaiser geschworen und werde nur nach seinem Befehl handeln.« – »Was,« sagte ich ihm, »auf den Befehl des Kaisers warten Sie? Der ist schon längst kein Held mehr und ist froh, wenn man ihn in Ruhe läßt.« Die Polizei hinderte uns weder in den öffentlichen Lokalen, noch auf den Straßen. Sie hatte Furcht vor uns allen.23
Es ist kaum zu ermessen, welche traumatisierende Wirkung solche Szenen des Herbstes 1918 auf die darin öffentlich demontierten und degradierten Funktionsträger des untergegangenen Staates hatten,24 die immerhin zu den gesellschaftlichen Eliten auch der neuen Republik zählen sollten. Auch für Österreich gilt der Befund, den der irische Historiker Mark Jones für die Weimarer Republik formuliert hat: »In Ermangelung revolutionärer Gewaltexzesse wuchs dem öffentlichen Abreißen von Uniformkokarden als symbolischem Akt, der dem Ritual einer revolutionären Gründungsgewalt noch am nächsten kam, mit der Zeit der Status eines die Erinnerung an die Revolution prägenden Sinnbildes zu.«25 Dabei ist es in diesem Zusammenhang relativ unerheblich, ob der Degradationserfahrung tatsächlich revolutionäre Gewalt zugrunde lag: »Ehemalige Offiziere der antirepublikanischen […] Rechten taten sich sehr viel leichter damit, zu behaupten, sie hätten sich ihre Kokarden erst abgerissen, als sie von einem feindseligen und gewaltbereiten revolutionären ›Pöbel‹ bedrängt wurden, als zuzugeben, dass sie sie (was bei vielen der Fall war) bereitwillig und ohne die Spur eines kämpferischen Widerstands abgelegt hatten.«26 Nicht zuletzt in den gleichwohl vielfach als ›wild‹ erinnerten Akten ostentativer sozialer Deklassierung wurde eine Saat für die soziale Desintegration und die stets latente Gewaltbereitschaft der folgenden Monate und Jahre gelegt. Die Umkehrung der Hierarchien war ja nur von kurzer Dauer, sodass die darin beschämten alten Eliten sich bald bitter am revolutionären Personal rächen konnten – auch das ein sozialpsychologischer Effekt der Umbruchzeit mit verheerenden Auswirkungen auf die politische Realität der Ersten Republik.
DIE GESCHLAGENEN MITTELMÄCHTE. ALLGEMEINE RAHMENBEDINGUNGEN
Obwohl wichtige Tendenzen und Strömungen der Nachkriegsentwicklung ihre Wurzeln in der Vorkriegszeit hatten, schien mit 1918 eine grundsätzlich andere, neue Zeit anzubrechen, wie etwa Max Brod rückblickend formulierte: »Der Kriegsausbruch verwandelte die Welt. Was vor 1914 lag und was dann folgte, das sah einander gar nicht ähnlich, spielte nur nominell auf derselben Erdoberfläche.«27 Nicht nur für Deutschland, sondern genauso für Österreich gilt, was der Literaturhistoriker Bernhard Weyergraf ganz allgemein konstatiert hat:
Die Republik hatte nicht nur die Kriegsschulden geerbt und die Reparationszahlungen zu leisten, sie war auch mit der ›sozialen Frage‹ belastet, die das Kaiserreich zu lösen weder bereit noch imstande war, und die mit der rechtlichen Gleichstellung der Frauen, der Einführung des Achtstundentags und des allgemeinen Wahlrechts eine zunächst nur formale Antwort gefunden hatte.28
Insbesondere die Begleiterscheinungen der Niederlage im Weltkrieg, die ja nicht von den neugegründeten Republiken verschuldet worden war, stellten eine gewaltige Hypothek dar – in ökonomischer und sozialer, aber auch in mentaler Hinsicht, war die Bevölkerung doch nicht von einem Tag auf den anderen eine demokratische geworden:
Mit dem Zusammenbruch verlor der Nationalismus, der August 1914 nicht nur die traditionell regimetreuen Kräfte ergriffen hatte, seine integrierende Funktion. Seine nach außen gerichtete Aggressivität kehrte sich nach innen, gegen die »Verräter« im eigenen Land, die mit ihrer Unterschrift unter den »Schandvertrag« von Versailles [bzw. Saint-Germain, N.C.W.] die Niederlage besiegelt hatten. Er wurde von nun an zur Erkennungsparole derer, die sich über alle Interessenunterschiede hinweg in ihrer Feindschaft gegen die Demokratie einig waren.29
Dass – wie angedeutet – der revolutionäre Übergang von der Monarchie zur Republik für maßgebliche Teile der bisherigen Eliten einer Deklassierung gleichkam, erhöhte für diese Gruppen nicht die Attraktivität der neuen Staatsform, im Gegenteil:
Daß die Republik die Niederlage zur Voraussetzung hatte, machte ihr Scheitern fast unausweichlich. In einer Nation, der für eine demokratische Kultur jedes Verständnis fehlte, hätte der Wechsel zu einer demokratischen Staatsform auch unter günstigeren Bedingungen eine lange Phase der Gewöhnung erfordert. Der Republik blieb wenig mehr als eine Verwaltung der Kriegsfolgen, für deren Lasten sie und nicht die Monarchie, die den Krieg geführt und verloren hatte, zur Rechenschaft gezogen wurde.30
Eine gewaltige Hypothek bestand für den mit der Niederlage assoziierten demokratischen Staat darin, dass er »sich mit den alten Machteliten arrangieren und den Kompromiß mit einer Bürokratie, Justiz und Armee suchen mußte«, die ihm »von vornherein reserviert bis ablehnend gegenüberstanden.« Dies trug der republikanischen Staatsform »die Kritik derer ein«, die sich eigentlich »zu ihrer Verteidigung berufen fühlten, während die radikale Linke sich von ihr abwandte und die Mittelschichten in Stadt und Land wiederum vor der Gefahr eines linken Umsturzes nach sowjetischem Vorbild durch die Flucht nach rechts reagierten.«31 Die missliche Lage, in der sich die republikanischen und demokratischen Kräfte zwischen starken Links- und Rechtsradikalen befanden, wurde bereits in den ersten Wochen nach der Revolution offensichtlich. Daneben zeigten sich schon bald Anzeichen jener allgemeinen Verrohung der Gesellschaft, die als charakteristisch für die Jahre um und nach 1918 gilt und weit über den deutschsprachigen Raum hinaus auch die Intellektuellen ergriff. Der Erste Weltkrieg hatte ja schon Aspekte eines ›totalen Krieges‹ aufgewiesen. Die teils martialische Kriegsberichterstattung und die strenge Kriegszensur bewirkten seit der faktischen Militärdiktatur durch die deutsche oberste Heeresleitung auch in Österreich-Ungarn »eine totale Mobilisierung des Bewußtseins« mit fatalen Konsequenzen für die gesamte politische Kultur: »Politische Differenzen und innenpolitischer Dissens wurden unterdrückt und ausgeblendet. Große Teile der bürgerlichen Intelligenz waren ideologisch und praktisch in die Kriegshandlungen verwickelt« gewesen.32 Diese Gruppen hatten jegliche Autonomie gegenüber der autoritären staatlichen Obrigkeit verspielt und dienten sich ihr auch noch nach dem Umsturz an.
Die durch die heftigen Debatten um eine angemessene neue Staatsform beförderte, vordem ungekannte »Politisierung des Bewußtseins« ging mit der mentalitätsgeschichtlich folgenreichen Erfahrung einher, »daß Ideologie und Weltanschauung selbst zu einem Kampfmittel werden können.«33 Dies hatte erhebliche Auswirkungen auf die Kulturproduktion, insbesondere auf die Literatur: »Der Dichter griff nach der Politik; aber mehr ergriff die Politik den Dichter. Die Politisierung setzte bei der Verunsicherung des schriftstellerischen Selbstverständnisses an und brachte die Autoren zunehmend in Gegensatz zum eigenen Kunstanspruch.«34 Generell gilt für die Jahre um und nach 1918, dass die Massengesellschaft als die »Herausforderung der Moderne« fast durchgehend »als Bedrohung empfunden« wurde – auch und gerade für eine auf Differenzierung pochende Kultur, die sich dagegen als Betätigungsbereich des gefährdeten Individuums zu behaupten hatte: »Den Idealen der Demokratie wurde eine zersetzende Dynamik zugeschrieben: Freiheit als Bindungslosigkeit, Gleichheit als Niveaulosigkeit, Solidarität als Zusammenschluß gegen das Bestehende.«35 Es ist das Vorherrschen dieser grundsätzlich antidemokratischen oder zumindest äußerst demokratiekritischen Haltung, die das Jahr 1918 von 1945 – der nächsten Niederlage in einem noch verheerenderen Weltkrieg – abhebt und zu einer regelrechten »Krise der Intellektuellen«36 führte. Herkömmliche Vorstellungen von Humanismus und sozialem Ausgleich erschienen vielen von ihnen als hoffnungslos veraltet und überholt, jedenfalls nicht mehr als erstrebenswert, während radikales Gebaren mediale Beachtung verhieß:
Eine weitere psychohistorische Konsequenz des Krieges ist eine in diesem Maß unbekannte Aufmerksamkeit des öffentlichen Bewußtseins für die Aktualität. In der Literatur verrät sich dieser Wandel in einem beispiellosen Schub »aktueller«, auf die eigene Zeit und Gegenwart bezogener Schreibweisen und Themen. Die »operative« Tendenz der literarischen Produktion ist selber nur ein Sektor dieser Entwicklung, bei der die Massenmedien eine zentrale Rolle spielten.37
Sie schlägt sich etwa direkt in den (sub-)literarischen Genres nieder, die 1918/19 in besonderer Nähe des damals noch unangefochten vorherrschenden, traditionellen Massenmediums Zeitung operierten, wie dem Tagebuch, der Reportage oder dem Feuilleton, aber bald auch in Anekdoten und Polemiken. Zahlreiche Schriftsteller betätigten sich als Essayisten und Propagandisten für eine ganz konkrete politische Agenda, wobei sie häufig keinen Wert darauf legten, prinzipiell Gesprächsfähigkeit und Konsensbereitschaft auch mit ideologischen Gegnern zu bewahren. Diese mentalitätsprägende Hypothek kann in ihrer ideologisch-politischen Tragweite kaum überbewertet werden:
Der Krieg hatte keine der sozialen, politischen und künstlerischen Ideen unberührt gelassen und die Gesellschaft in einer unvorhersehbaren Weise polarisiert. Wenn es Einhelligkeit gab, die über die sich nun vertiefenden politischen und weltanschaulichen Gräben hinwegreichte, so bestand sie darin, daß sich die bürgerliche Ordnung der Vorkriegszeit überlebt habe und etwas anderes an ihre Stelle treten müsse.38
Insgesamt resultiert aus den skizzierten und weiteren Faktoren eine »Unfähigkeit, die Niederlage zu verstehen«, was – neben anderem – die Wurzeln des Zweiten Weltkriegs bildete. So könnte man formulieren, 1918 sei gerade keine »Kultur der Niederlage« entstanden, um eine prägnante Begriffsprägung Wolfgang Schivelbuschs gegen dessen wohl wichtigstes Beispiel zu wenden.39 In direktem Zusammenhang damit ist auch die anhaltend geringe Akzeptanz der neuen demokratischen Verfassungen in Deutschland und Österreich zu verstehen:
Auch bei ihren Befürwortern war die innere Zustimmung zur Demokratie gering. Wer zu ihr nicht in Opposition stand, wollte sie doch anders, als sie den Umständen nach sein konnte. […] Daß die Republik Zustimmung allenfalls bei wenigen Schriftstellern fand, die ihr Metier mit Reflexion und Selbstreflexion verbanden, entsprach ihrer realen Anerkennung in der Bevölkerung. Symptomatisch ist, daß der Wortprägung »Gefühlssozialist« (Leonhard Frank) der Begriff »Vernunftrepublikaner« gegenübertrat, in dem doch immer die Vorstellung vom kleineren Übel mitschwang.40
Gleichwohl sahen sich die Intellektuellen und Künstler mehr denn je zu öffentlichen Stellungnahmen veranlasst: »Das Sendungsbewußtsein der Künstler und Schriftsteller erreichte seinen Höhepunkt. Ihren Aufrufen, Pamphleten war eine sozial- und kulturrevolutionäre Komponente gemeinsam. Das Wort Revolution nahm ebensoviele Bedeutungen an, wie es Denk- und Gefühlslagen des zeitgenössischen Bewußtseins gab.«41 Die hochgespannten Erwartungen gleich welcher Couleur in eine revolutionäre Erneuerung, die sich mit wachsendem Abstand vom Kriegsende allmählich auch unter konservativen Dichtern breitmachten – man denke nur an die Konjunktur des 1927 durch Hugo von Hofmannsthal geprägten Begriffs der ›Konservativen Revolution‹ –, begünstigten freilich bald die Verbreitung eines Gefühls der Enttäuschung und der radikalen Ablehnung jedes gesellschaftlichen status quo.42 Doch hatten diese negativen Affekte noch weitere Ursachen: »Die Welterneuerungspläne scheiterten auch am Auftauchen einer sehr viel komplexeren Weltlage. Das Schema von Katastrophen und Wiedergeburt war eschatologisch, nicht politisch.«43 Indem eschatologisches Denken als quasi religiöse ›Lehre von den letzten Dingen‹ und Verheißung des ›Anbruchs einer neuen Welt‹ ins Metaphysische ausgriff, verdeckte und ersetzte es reelle politische Optionen durch ideologische Dogmatik.
DER »STAAT, DEN KEINER WOLLTE«. BESONDERHEITEN DER ÖSTERREICHISCHEN SITUATION
Die Republik Deutschösterreich war mit 6,5 Millionen Einwohnern als »Staat, den keiner wollte« – so Hellmut Andics’ bekannte Formel44 – ein nach den Sezessionen der Ungarn, Nord- und Südslawen und kleinerer ›Minderheiten‹ übriggebliebener deutschsprachiger Restbestand der Habsburgermonarchie, einer europäischen Großmacht mit fast 53 Millionen Einwohnern. Der neue Staat hatte in seiner ungewohnten Kleinheit nicht nur empfindliche mentale, sondern auch handfeste ökonomische Schwierigkeiten zu meistern: Wirtschaftlich war man von den Industriegebieten Böhmens und der Landwirtschaft Ungarns plötzlich abgetrennt, wodurch ein über Jahrhunderte gewachsener Wirtschaftsraum ohne Kompensation zerrissen wurde. Im Unterschied zur ›deutschen‹ Weimarer Republik existierte kein verbindendes ›österreichisches‹ Nationalbewusstsein, sondern nur der unerfüllte Wunsch eines ›Anschlusses‹ an Deutschland quer durch alle politischen Lager (mit Ausnahme der Kommunistischen Partei). Die Niederlage im Krieg sowie die Erfahrung des Verlustes sozialer Privilegien stellten für die heimkehrenden Offiziere eine tiefsitzende symbolische Kastration dar, die durch ökonomische Verlustängste zusätzlich gesteigert wurde, wie der Wiener Literaturwissenschaftler Wendelin Schmidt-Dengler gezeigt hat:
Daß den Offizieren und Soldaten der geschlagenen Armee bei ihrer Rückkehr nach Wien im Spätherbst 1918 die Kokarden heruntergerissen wurden, gehört zum stehenden Motivinventar der Nachkriegserzählungen. Das war nicht nur ein symbolischer Akt, sondern bedeutete mit dem Verlust der militärischen auch den der männlichen Identität. Die Uniform abzulegen und ein Zivilistendasein führen zu müssen, kam einem Absturz gleich, dem aber [im Unterschied zu Deutschland, N.C.W.] meist nicht der Wunsch folgte, tatkräftig die Größe von einst wiederzugewinnen und Macht nach außen zu demonstrieren. Es ging eher um die nostalgische Wiederherstellung des Zaubers der Montur, sei es in der Operette, in der meist so agiert wird, als hätte es 1918 nie gegeben, sei es in Erzählungen und Theaterstücken, in denen die Treue zu militärischen Symbolen als zeitlos gültige Verpflichtung jeder Veränderung zum Trotz angesehen wird. Neben der Fahne gewinnt vor allem die Uniform an spirituellem Kurswert. Je tiefer der Wert der realen Valuta sinkt, um so höher steigt der symbolische Kurswert von Fahne, Standarte und Uniform […].45
Versteht man mit Hermann Broch die Uniform als »zweite, dünnere Haut des Menschen«, die für ihre Träger die »Aufgabe« erfüllt, »die Ordnung in der Welt zu zeigen und zu statuieren«,46 oder gar mit Alfred Polgar den k. u. k. Untertan als eine »Fortsetzung der Uniform nach innen«,47 dann lässt sich ansatzweise ermessen, wie befreiend einerseits für viele ›einfache‹ Soldaten das Herunterreißen der Kokarden und militärischen Rangabzeichen im November 1918 sein, als wie traumatisch es hingegen von Angehörigen höherer Chargen empfunden werden musste. In der österreichischen Literatur und Publizistik der Zwischenkriegszeit spielt die Uniform bzw. ihre Pflege, Verehrung und ›Schändung‹ deshalb eine maßgebliche Rolle.48
Angesichts dieser und weiterer ungelöster Probleme spricht Schmidt-Dengler von der österreichischen Ersten Republik als einem Konfliktfeld, »das zwar an die Weimarer Republik erinnert, aber grundverschiedene soziale und ideologische Voraussetzungen für die Literatur schuf.«49 Besonders eingehend widmete sich der in den USA lehrende, frühverstorbene Literaturhistoriker Friedrich Achberger den Parallelen und Unterschieden zwischen den neuen deutschsprachigen Republiken um und nach 1918:
[B]eide Gesellschaften gleichen sich in der Erfahrung von Revolution und Inflation, gesellschaftlicher Polarisierung und Unsicherheit im Gebrauch der Demokratie. Freilich sind Unterschiede zu konstatieren, etwa der wesentlich tiefere und traumatischere Einschnitt zwischen Monarchie und Republik in Österreich, nicht nur geographisch und administrativ, sondern eben auch in der Frage der nationalen Identität. Und während die deutsche Revolution sich schärfer und dramatischer entwickelt (Spartakus, Münchner Räterepublik, Ruhrkämpfe) als die österreichische, trägt das physische Nebeneinander der rivalisierenden gesellschaftlichen Mächte in Wien (sozialdemokratische Stadt, antisozialistischer Regierungssitz) zu einer verschärften Polarisierung bei. Ein Zug jedoch kettet die Erste Republik Österreich an die Weimarer Republik: der Anschlußwunsch, für den wohl in jeder Phase der zwei Jahrzehnte Zwischenkriegszeit eine solide Mehrheit unter den 6,5 Millionen Einwohnern zu finden gewesen wäre, der jedoch bis zu Hitlers Machtlösung am 12. März 1938 immer wieder durch Interventionen von außen (Frankreich, Italien) und von innen (Christlich-Soziale Partei) unterbunden wurde, und der erst seit 1945 tatsächlich »erledigt« ist.50
Nicht einfach zu klären ist Achberger zufolge »das Problem der österreichischen Revolution«.51 Gab es denn da überhaupt eine wirkliche Revolution und welchen Bezug hatte sie zur Literatur? Was die Beantwortung der ersten, historischen Frage betrifft, so herrscht in der Forschung weitgehende Einigkeit darüber, dass man mit Blick auf die Ende 1918 erfolgten Umbrüche mit guten Gründen von einer politischen Revolution sprechen kann, allerdings kaum von einer sozialen.52 Weitaus geringerer Konsens besteht bisher über die zweite, literaturgeschichtliche Frage, und dies allein schon deshalb, weil sich noch kaum jemand eingehender mit ihr beschäftigt hat. Spätestens mit dem Jubiläumsjahr 2018 liegt eine Vielzahl von brauchbaren Darstellungen zur Verfassungs-, Politik-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der untergehenden Habsburgermonarchie sowie der (frühen) Ersten Republik vor,53 nicht aber eine Untersuchung mit spezifischem Fokus auf Literaten und Intellektuelle, wie sie dieses Buch anstrebt.54 Das Besondere an der Wiener Revolution, die in mancher Hinsicht an die parallelen Vorgänge in München erinnert, liegt ja darin, dass sich hier recht prominente Autoren – zumindest aus heutiger Sicht – in herausgehobener Position an den politischen Aktivitäten beteiligten, die zum Ende der habsburgischen Herrschaft, zur Ausrufung der Republik sowie zur Propagierung oder Vereitlung radikalerer politischer Optionen führten: Dazu zählt etwa die von Franz Werfel sekundierte Gründung der Wiener Roten Garde unter anderem durch den späteren ›rasenden Reporter‹ Egon Erwin Kisch. In den Tagen und Wochen des Umsturzes agierten auch Franz Blei und Albert Paris Gütersloh sowie – weniger öffentlichkeitswirksam – Leo Perutz und angeblich sogar Robert Neumann im Umfeld der Roten Garde, wobei das Ausmaß an persönlichem Engagement variierte und zum Teil nach wie vor strittig ist.
Andere Zeitgenossen wie Robert Musil, Arthur Schnitzler oder Karl Kraus kommentierten die revolutionären Ereignisse distanziert bis sarkastisch, wobei ihre aus unterschiedlicher Nähe erfolgten, häufig ironischen Kommentare durchaus literarische Qualitäten aufweisen. Vollends einen künstlerischen oder zumindest dokumentarischen Anspruch vertraten die rückblickenden erzählerischen Gestaltungen der Wiener Revolution durch Franz Werfel, Franz Blei, Karl Paumgartten und Anton Kuh, die sich aus ganz unterschiedlichen politischen Perspektiven darstellerischer Formen und Techniken der Elegie, Komödie, Satire oder Posse bedienten, um die eminente Theatralität revolutionären Handelns mit literarischen Mitteln einfangen und bewerten zu können. Sehr früh etablierte sich jedenfalls der Topos der österreichischen Revolution als ›unernstes‹ Schauspiel, ja als Farce und Spielboden schriftstellerischer Selbstinszenierung. Aus dem historischen Abstand wird aber zugleich die große Angst und Unsicherheit offensichtlich, in die sich die Intellektuellen und Mitglieder der literarischen Intelligenz Österreichs zu Beginn der Ersten Republik geworfen sahen – nicht allein in kulturpolitischer und ökonomischer Hinsicht, sondern auch bezüglich der weiteren Entwicklung Europas insgesamt sowie des eigenen, dramatisch geschrumpften Staates im Besonderen. Eine Richtung der Entwicklung war noch überhaupt nicht abzusehen. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang der Umstand, dass die Debatten und Auseinandersetzungen der Literaten über die Ausgestaltung des neuen Staatswesens nicht nur zwischen ›links‹ und ›rechts‹, zwischen ›progressiv‹ und ›konservativ‹ geführt wurden, sondern mindestens genauso heftig auch als Kämpfe innerhalb des ›linken‹ Lagers.
Dieses Buch stellt biografische, essayistische und literarische Texte über das Ende der Habsburgermonarchie und – zentraler noch – den damit einhergehenden gesellschaftlichen und kulturellen Umbruch zur Ersten Republik vor und unterzieht sie einer textnahen und kontextuellen Analyse. Untersucht werden im ersten Teil Quellen wie Zeitungsartikel, Briefe, Notizen und Tagebucheinträge, die es erlauben, den damaligen beschränkten Informationsstand zu rekonstruieren und dabei zu unmittelbaren Eindrücken und überraschenden Einsichten in die Hoffnungen und Sorgen der Zeitgenossen zu gelangen. Andererseits treten – aus wachsender zeitlicher Distanz – im zweiten Teil neben Reportagen, Feuilletons u. a. auch literarische Werke im engeren Sinn wie Erzählungen, Romane, Autobiografien und Gedichte etablierter und weniger kanonisierter Autoren in den Fokus. Die Gattungsvorgaben und Erzählkonventionen der Texte wirken dabei ganz wesentlich mit an der Art und Weise, wie Geschichte narrativ gestaltet wird. Dies vor Augen zu führen, ist eine zentrale Absicht des zweiten Teils dieses Buches. In den Blick genommen wurden insgesamt freilich nur Ereignisse und Entwicklungen, die unmittelbar mit dem revolutionären Umbruch und der Problematik von dessen politischer Ausgestaltung zu tun haben. Unterbelichtet bleiben hingegen Fragen nach gesellschaftlichen Folgen und Implikationen des staatsrechtlichen Neuanfangs wie etwa die Debatte um die Stellung der Frau in der neuen Republik, die in die am 12. November 1918 beschlossene Einführung des Frauenwahlrechts münden sollte. Eine Berücksichtigung dieser zweifelsohne wichtigen Thematik, die auch mit einem verstärkten öffentlichen Engagement weiblicher Intellektueller einherging, hätte den zur Verfügung stehenden Rahmen endgültig gesprengt.
Die Darstellung soll nicht rein chronologisch, sondern in aspektgeleiteten Kapiteln erfolgen. Angestrebt wird erstmals eine monografische Darstellung der österreichischen, vor allem aber der Wiener Gesellschafts-, Kultur und Literaturgeschichte jener spannenden Umbruchsmonate im Herbst/Winter 1918/19. Thematisch ist die Untersuchung in gewisser Weise ein Seitenstück zu Volker Weidermanns Buch über die Rolle der Literaten bei der Münchner Revolution und Räterepublik,55 wenngleich der hier vertretene Anspruch mehr als dort auch in der bisher kaum erfolgten wissenschaftlichen Dokumentation besteht. Das Ziel der Arbeit ist dabei keine monologische historische ›Meistererzählung‹, sondern der Versuch, mittels zahlreicher historischer Zitate die damals herrschende Vielfalt der Stimmen, Ansichten, Urteile und Perspektiven einzufangen und für die interessierte Nachwelt zu dokumentieren.
TEIL I
Die ›österreichische Revolution‹ der Literaten im Spiegel von Presse, lebensgeschichtlichen Zeugnissen und Erinnerungen
In den Tagen der Wiener Revolutionswirren 1918 wurden neben politischen Optionen auch unterschiedliche Schriftstellerrollen ausverhandelt. Dabei geschahen die seltsamsten Verwandlungen und wurden zumindest kurzzeitig die unwahrscheinlichsten und fantastischsten Entwürfe in die Welt gesetzt. Ein sichtbares Zeichen für die Veränderungen war das Entstehen neuer politischer, intellektueller und literarischer Institutionen, häufig mit linksradikaler Tendenz; das hatte es vorher in Österreich nicht gegeben: So wurde am 1. November 1918, dem Tag nach der Bildung der ersten deutschösterreichischen Regierung aus Sozialdemokraten, Christlichsozialen, Deutschnationalen und parteifreien Beamten unter der Führung Karl Renners, als die Delegierten des Parteitags der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) die Einführung der republikanischen Staatsform verlangten, bei einem Soldatentreffen vor dem Wiener Deutschmeisterdenkmal in unmittelbarer Ring-Nähe die Rote Garde gegründet. Zu deren Kommandanten bestimmte man bald den Journalisten, Schriftsteller und bisherigen k. u. k. Oberleutnant Egon Erwin Kisch – einen der Redner.1 Diese Funktion hatte er bis zum 11. November inne, als er unter Druck der regierenden SDAP einen sozialdemokratischen Vorgesetzten akzeptieren musste; die Soldaten wählten ihn dann aber gegen den Plan der Sozialdemokraten zum ›Kommissar‹ der Roten Garde, und er befehligte noch eine Zeitlang das zweite Bataillon.2
Unabhängig davon erfolgte am 3. November 1918 in relativ kleinem Kreis die von der russischen Oktoberrevolution inspirierte Gründung der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs (KPDÖ), die damit »zu den ältesten kommunistischen Parteien der Welt« gehört, unter anderem durch Elfriede Friedländer, Paul Friedländer, Karl Steinhardt sowie die russischen Emissäre Leo Suniza und Philipp Filippowitsch.3 Auf der Gründungskonferenz in den Eichensälen in Wien-Favoriten wurde an Stelle der bürgerlichen Umwälzung eine soziale gefordert.4 Am 28. November 1918 schließlich rief Kisch gemeinsam mit Julius Dickmann, Berta Pölz, Leo Rothziegel, Hilde und Johannes Wertheim sowie anderen Sozialrevolutionären aus der Rätebewegung die bereits informell wirkende Föderation Revolutionärer Sozialisten »Internationale« (FRSI) offiziell ins Leben, »deren Bedeutung zeitweilig die der KPDÖ bei weitem übertraf, obwohl sie nur einige hundert eingeschriebene Mitglieder umfaßte.«5 Ihre Vorläufer waren Netzwerke revolutionärer Aktivisten aus der Zeit des Jännerstreiks 1918.6 Die Gruppe hatte eine föderative Organisations-form und unterschied sich so maßgeblich von den zentralistischen Parteimodellen der Sozialdemokratie sowie der Kommunisten, zu denen sie sich zunächst sogar in einem distanzierten Konkurrenzverhältnis befand.7 Sie war als eigene Fraktion in den Arbeiterräten vertreten und zielte auf die Ausrufung einer gesamtösterreichischen Räterepublik.8
Daneben wurden von Wiens Intellektuellen neue revolutionäre Journale wie Franz Bleis und Albert Paris Güterslohs Wochenschrift Die Rettung gegründet, die den ambitionierten Untertitel Blätter zur Erkenntnis der Zeit trug, oder bereits bestehende Periodika wie Karl F. Kocmatas Monatsschrift Ver! in den Dienst der revolutionären Sache gestellt, was sich in der Veränderung des bisherigen Untertitels Auf daß der moderne Geist in Allem und Jedem zum Ausdruck komme (noch im Oktober 1918) zu Auf daß der revolutionäre Geist in Allem und Jedem zum Ausdruck komme (ab November 1918) niederschlägt. Autoren wie Kocmata oder Leo Perutz wurden bald in den Wiener Soldatenrat gewählt, andere wie Robert Musil und Oskar Maurus Fontana engagierten sich für den Aktivismus und traten der von Robert Müller ins Leben gerufenen Geheimgesellschaft »Katakombe« bei. In dieser stürmischen Zeit entstanden unzählige agitatorische, denunziatorische und deklamatorische Texte, die heute kaum noch bekannt sind oder nicht in ihrem ursprünglichen Zusammenhang wahrgenommen werden. Im Folgenden soll es darum gehen, einen Gesamtüberblick dieser Vorgänge zu geben und die Beschäftigung damit auf eine neue Grundlage zu stellen.
»WIR WERDEN DEN KAMPF GEGEN DEN JETZIGEN NATIONALRAT FÜHREN«. GRÜNDUNG DER WIENER ROTEN GARDE
Wie der Historiker Hans Hautmann betont hat, war die Wiener Rote Garde die »wohl bekannteste Gründung der linken Opposition in Deutschösterreich und der Bürgerschreck Nummer 1 der ersten Novembertage«, darüber hinaus zugleich »ein Beispiel par excellence für die damals erregt-hektische Zeit der allgemeinen Umwälzung« sowie »das allererste Symptom der nun akut revolutionären Situation des Jahres 1918«, da sie »noch vor der Gründung der Kommunistischen Partei« entstanden ist.9 Insbesondere für die literarische Intelligenz kann ihre Bedeutung in diesen Tagen kaum überbewertet werden. Um einen möglichst plastischen Eindruck von den sich Ende Oktober, Anfang November 1918 überstürzenden Ereignissen zu vermitteln, stützt sich die Darstellung auf zahlreiche Berichte aus der damaligen Wiener Presse: Dazu zählt das Fremden-Blatt, eine bis ins letzte Kriegsjahr zentralistisch-kaisertreu und großösterreichisch eingestellte Tageszeitung, die Anfang 1918 unter den Einfluss der Großindustrie geriet, in der Folge zunehmend deutschnationale Tendenzen aufwies und die Schaffung eines deutsch-österreichischen Staats forderte;10so spiegeln sich in ihrer Entwicklung die ideologischen Umbrüche und auch die manifeste Revolutionsangst beträchtlicher Teile des ›besseren‹ Wiener Bürgertums. Das Fremden-Blatt wird gegen Ende des hier behandelten Zeitabschnitts noch einmal eine gewisse Rolle spielen, weil Egon Erwin Kisch, einer der Hauptakteure der Wiener Revolution, sich direkt nach der am 22. März 1919 erfolgten Einstellung der Zeitung und ihrer nahtlosen Weiterführung als Der Neue Tag ab dem 23. März 1919 zum Ärger seiner sozialrevolutionären Kombattanten dort engagieren ließ bzw. als Lokalreporter in die jetzt freilich fortschrittlicher eingestellte Redaktion eintrat. In dem bis dahin alles andere als umstürzlerischen Organ wurde am 1. November 1918 über Die Versammlungen der Soldatenräte, deren erste am 31. Oktober11 im Brauhaus Beim Dreher im 3. Wiener Gemeindebezirk (Landstraße) stattgefunden hat, Spektakuläres berichtet:
Schon um die fünfte Stunde war auf der Landstraße eine große Bewegung zu konstatieren. Mehrere Trupps Soldaten, die von einer lebhaften Demonstration beim Kriegs-Ministerium herkamen, zogen lärmend über die Landstraße dem Versammlungslokal zu. Die Wagen der Elektrischen wurden angehalten und das Publikum nach Militärs abgesucht, die die Kokarde noch nicht abgelegt hatten. Nachdem sie ihr Werk vollbracht hatten, gaben sie dem Schaffner das Zeichen zur Weiterfahrt.12
Um die ganze Tragweite dieses Berichts über die Ende Oktober 1918 wild durch die Hauptstadt ziehenden Soldaten ermessen zu können, ist eine rückblickende Bemerkung des späteren KP-Funktionärs Franz Koritschoner aus dem Jahr 1928 hilfreich: »Während der ursprüngliche Beschluß des Staatsrates das Tragen der habsburgischen Kokarde neben der alldeutschen schwarz-rot-goldenen vorgesehen hatte, überwog gar bald durch das Beispiel der Roten Garde die rote Kokarde der Arbeitersoldaten.«13 Das Fremden-Blatt führt recht anschaulich vor Augen, wie das von der neuen republikanischen Obrigkeit zunächst gar nicht vorgesehene, explizit revolutionäre soldatische Zugehörigkeitszeichen bald dermaßen offensiv das Straßenbild prägte, dass sich ihm niemand zu widersetzen wagte und sich unter den selbstständig Gewerbetreibenden rasch Angst und Schrecken einstellte:
Alle Geschäftsläden hatten die Rollbalken herabgelassen, weil sie Ausschreitungen der Soldaten befürchteten. Um halb 6 Uhr war der große Drehersaal, in den nur Soldaten hineingelassen wurden (später hatten auch einzelne Zivilisten Zutritt), bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Viele Hunderte blieben im Hof und auf der Straße vor dem Gebäude stehen. Punkt 6 Uhr eröffnete ein Mitglied des provisorischen Soldatenrates die Versammlung.14
Wie nicht allein der große Zulauf zu der von der SDAP einberufenen Gründungsversammlung der Wiener Soldatenräte nahelegt,15 an der etwa 2000 Uniformierte im Saal und weitere 1000 davor teilnahmen,16 war den an ihr beteiligten Armeeangehörigen bewusst, dass es sich um einen historischen Augenblick handle: »Ausnahmslos waren die Rosetten von den Kappen verschwunden und an deren Stelle schwarz-rot-goldene Bändchen getreten.«17 Auch die würdevolle Sprechweise der ersten Redner aus dem Offizierskader nahm darauf Rücksicht – soweit sich das aus der stilistisch manchmal etwas holprigen Wiedergabe durch eine Zeitung erkennen lässt, die dem Stand der damaligen Medienentwicklung entsprechend noch nicht auf Audiodaten, sondern nur auf stenografische Protokolle zurückgreifen konnte:
Als erster ergriff der Zugsführer Gabriel vom Infanterie-Regiment Nr. 4 das Wort. Er sprach langsam und gemessen, jedes Wort war mit Bedacht gesetzt: »Wir alle, die wir da sind, wollen das Friedenswerk vollbringen. Mit dem verschlampten, verknöcherten Bureaukratismus müsse aufgeräumt werden. Auf der Trümmerstätte des alten Oesterreich wollen wir ein edles Werk errichten. Wir sind Deutsche mit Leib und Seele, deutsch und treu bis ins Grab. Niemand darf uns mehr das Recht auf Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nehmen. Arbeiter, Soldaten, seid einig, haltet den Kopf hoch!«18
Dies klingt in seiner nationalen Emphase nach vielem, aber sicher nicht nach proletarischem Aufruhr und sozialrevolutionärem Umsturz, sondern allenfalls nach einer Wiedergeburt der bürgerlichen Revolutionen von 1848. Gleichwohl berief sich der an die ›notwendige Disziplin‹ appellierende Zugsführer auf einen damals äußerst prominenten Helden der Arbeiterschaft:
Der Redner, der oft durch außerordentlichen Beifall unterbrochen wird, spricht zu den Anwesenden von der notwendigen Disziplin, die allein imstande ist, das gut zu machen, was im Jahre 1914 verbrochen wurde. »Der Mann, der den Krieg hervorgerufen hat, hat sein Verbrechen gesühnt. Gesühnt durch jenen Mann, der sich für uns geopfert hat. (Lebhafte Rufe: Hoch Fritz Adler!) Ihm schulden wir unseren Dank. Er wird bald wieder in unserer Mitte weilen.« Zum Schlusse kündigte er für heute 11 Uhr vormittags die Inbesitznahme des Kriegsministeriums mit zwei Kompagnien Deutschmeistern und der Militärmusik an.19
Es war Ende Oktober 1918 offenbar auch für einen deutschnationalen Offizier der sich auflösenden k. u. k. Armee unumgänglich, dem in der Wiener Arbeiterschaft leidenschaftlich verehrten Sozialdemokraten und gerade erst begnadigten Attentäter Friedrich Adler die Reverenz zu erweisen – obwohl Adler 1916 mitten im Weltkrieg nichts Geringeres getan hatte, als den diktatorisch regierenden österreichischen Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh zu erschießen. Bezeichnend ist an dieser Nachricht außerdem, dass in Wien selbst ein revolutionärer Akt wie die Besetzung des Kriegsministeriums durch republikanisch eingestellte Truppen nicht – wie in anderen Revolutionen dieser Zeit – von politischen Abrechnungen mit bisherigen Machthabern und Nutznießern begleitet wurde, sondern von der Militärmusik. Hier ging alles einen ordnungsgemäßen Gang:
Der Einberufer der Versammlung berichtet nun über die Besprechungen des provisorischen Soldatenrates im Parlament mit den Mitgliedern des Staatsrates. Es wurde vor allem beschlossen, daß das k. u. k. Heer aufgehört habe, daß sich vorläufig eine deutschösterreichische Armee gebildet habe, daß aber sehr bald die Demobilisierung und der Friede da sein werden. »Ihr wißt,« sagte er, »daß wir nicht mehr einem Kaiser Karl unterstehen, sondern dem gewählten Staatsrat.« Ferner teilt der Redner mit, daß morgen früh eine Abordnung von Offizieren und Soldaten von einer Kaserne zur anderen ziehen wird, um aus den Soldaten vor allem die nichtdeutschen Elemente zu entfernen, um ein einiges deutsches Heer zu schaffen. Auch soll in jeder Kaserne sich ein eigener Soldatenrat gründen, der Delegierte in den großen Soldatenrat entsendet.20
In einem ersten Akt neuer, revolutionär-republikanischer Politik sollte die konsequente Aussonderung von »nichtdeutschen« bisherigen Kameraden der k. u. k. Armee, die zudem abschätzig als »Elemente« bezeichnet wurden, eine keineswegs sozial, sondern national homogene Truppe herstellen. Es überrascht kaum, dass dieses selektive Vorhaben einiger Offiziere den Widerstand der sozialrevolutionär eingestellten Mannschaften hervorrief, führte doch der Trainsoldat Adolf Triefer der Neuen Freien Presse zufolge im Namen Friedrich Adlers aus:
Die Wiener glauben, jede Revolution wird mit dem Umwerfen von Gaslaternen und dem Zerschlagen von Fensterscheiben gemacht. Revolution machen, heißt aber nicht alles zusammenhauen, sondern Revolution ist die Veränderung der politischen und sozialen Ordnung. Diese Revolution durchzuführen ist unsere Hauptaufgabe. Wir müssen in erster Linie die Ordnung aufrechterhalten, wir müssen nicht nur die Firmatafel k. u. k. herunterreißen und dafür eine neue Firmatafel Deutschösterreich aufpflanzen, sondern wir müssen eine Institution von sozialem Inhalt schaffen, die wirtschaftliche und soziale Interessen vertritt.21
Eingedenk solcher Überlegungen stellte sich unter den Zuhörern schnell Unruhe ein, die von Provokateuren offenbar gezielt geschürt und nur vorübergehend beseitigt werden konnte:
Plötzlich wird vom Eingang in den Saal gerufen: »Vom Kriegsministerium hat man mit Maschinengewehren geschossen!« Dieser Zuruf, der sich später als Unwahrheit herausstellt, löste aber augenblicklich einen unbeschreiblichen Lärm aus. Es sieht aus, als ob die Anwesenden aus der Versammlung gegen das Kriegsministerium ziehen wollten. Nur mit großer Mühe gelingt es den Vorsitzenden, unter die sich inzwischen eine Anzahl von Offizieren eingefunden hatten, die Ruhe wieder herzustellen. Die Ruhe wird vollkommen, als Oberleutnant Leo Berger das Rednerpult betritt, um eine zündende Ansprache zu halten. Er schlägt die Schaffung einer Nationalgarde vor. Seine Ausführungen werden begeistert aufgenommen. Es sprechen dann noch Mannschaftspersonen und Offiziere. Alle sind einig in der Schaffung einer Nationalgarde, die Ruhe und Ordnung schaffen und aufrechterhalten soll.22
Hier war wohl ein Wunsch der Vater des Gedankens, denn so groß, wie vom anonymen Berichterstatter des Fremden-Blatts suggeriert, dürfte die Einigkeit unter den versammelten Soldaten nicht gewesen sein, sonst hätte es nicht bloß eines kleinen Funkens bedurft, um die beschworene Homogenität der Interessen und Ansichten gleich wieder zu sprengen. Bezeichnenderweise meldete nur die Neue Freie Presse, dass Berger auch folgende Warnungen zum Besten gegeben hat:
Wir wollen nicht in die Fehler Rußlands verfallen. Machen wir uns frei von den Behörden, die, anstatt die Bildung einer Nationalgarde zu unterstützen, mich auf den Dienstweg verweisen. Kommt in unsere Bureaux am Mittersteig 14 und in die Singerstraße 8 und meldet euch freiwillig zu der Nationalgarde, deren wir nicht entraten können, wenn wir nicht in russische Zustände verfallen wollen.23
Damit legte Berger wohl etwas naiv seinen Finger direkt in die Wunde zahlreicher sozialrevolutionärer Soldaten, die als Kriegsgefangene zum Teil selbst die bolschewistische Oktoberrevolution miterlebt hatten;24 sie aber waren gegenüber der Schaffung ›russischer Zustände‹ auch in Österreich keineswegs so abgeneigt, wie der Oberleutnant ungefragt annahm. So geschah mit einem Mal völlig Unerwartetes:
Es scheint, daß alles in bester Ordnung zu Ende geht, als sich plötzlich ein kleiner, junger Mann, ein Korporal, zum [sic] Wort meldet. In ruhigen, kurzen Sätzen sagt er ungefähr folgendes: »Ich bin mir bewußt, daß nur ein Bruchteil meiner Ansicht sein wird, aber ich sage es doch zu euch, was ich meine. Wer steckt denn hinter dem Imperialismus, der diesen Krieg heraufbeschworen hat, wenn nicht der Kapitalismus? (Lebhafte Zustimmung.) Der Friede kommt, aber es kommt nur ein Friede, und nicht der Friede… (Die Versammelten werden während dieser Worte immer erregter. Man hört nicht mehr genau, was der Redner sagt. Doch wird wieder Ruhe, und der Redner setzt fort:) Jeder, der Geschichte studiert hat, weiß, daß jetzt die bürgerliche Revolution ist. Nun kommt aber der Kampf zwischen Bürgertum und Proletariat. (Zuruf: Adlers Ideen.) Die Nationalgarde, die jetzt geschaffen werden soll, ist der Ursprung weiterer kommender Kriege.«25
Der entstehende Tumult zeigt deutlich, dass eine »bürgerliche Revolution« für viele Anwesende mit »Adlers Ideen« nicht mehr unter einen Hut zu bringen war, was auch der namentlich noch ungenannte Korporal suggerierte, der laut Neuer Freier Presse folgenden Aufruf machte:
Wir wollen keine Nationalgarde, sondern wir wollen eine rote, republikanische revolutionäre Garde. Gehen wir alle zusammen mit der revolutionär-sozialistischen Föderation. Die wird uns die Wege weisen, die wir gehen müssen. Von mehreren Seiten wurden Unterbrechungsrufe laut, die zeigten, daß ein Teil der Versammlung mit dem Redner nicht übereinstimmte. Da rief dieser in den Saal: Kommt alle, die ihr gleich mir gesinnt seid, an einen Ort, wo nicht bürgerliche Elemente, wie hier uns an der Bildung der revolutionären roten Garde verhindern. Wir wollen uns morgen um halb 1 Uhr Mittags unter freiem Himmel versammeln, und wenn die Polizei unser Vorhaben verhindert, dann soll es nur aufgeschoben und nicht aufgehoben sein.26
Demnach sollte einer erst zu gründenden Nationalgarde, die der sozialrevolutionäre Korporal als Herrschaftsinstrument des Bürgertums verdächtigte, durch die Einrichtung einer Roten Garde als Schutztruppe des Proletariats zuvorgekommen bzw. begegnet werden, wobei der Föderation Revolutionärer Sozialisten »Internationale« eine integrative Rolle zugedacht war; das Fremden-Blatt kündigte dies in der Überschrift des folgenden Abschnitts an – Gründung einer Roten Garde – und führte dann im weiteren Verlauf des Berichts genauer aus:
Diese Worte lösen ungeheuren Beifall aus. Von allen Seiten wird gefragt, wer denn der Redner sei. Die Antwort gibt der Sprecher selbst: »Schreibt an Haller Universität! Meldet euch an. Ich gehöre der sozialen revolutionären Föderation an! Wir werden den Kampf gegen den jetzigen Nationalrat führen, weil alle die Mitglieder ja Abgeordnete des alten, morschen Parlaments sind!« Ein ungeheurer Lärm erhebt sich. Dem Sozialisten werden große Ovationen bereitet. Noch versucht Oberleutnant Berger, die Oberhand zu gewinnen, indem er seine Nationalgarde der Führung des Haller unterordnen will. Dieser wird auf den Schultern seiner Anhänger wieder zum Podium gebracht. Alle sind ruhig und hören, was Haller spricht. Er will aber nichts von der Nationalgarde wissen. Er kennt nur eine Rote Garde.27
Es handelt sich beim fraglichen ›Korporal Haller‹, einem offenbar aufpeitschenden Redner, um einen angeblich aus Galizien stammenden k. u. k. Soldaten mit dem bürgerlichen Namen Bernhard Förster, über den der Geschichtsschreibung wenig Konkretes zu entlocken ist,28 was wohl auch mit seiner bald darauf erfolgten polizeilichen Ausweisung aus Österreich zusammenhängt. Dieser als Stefan oder Stephan Haller29 auftretende Agitator kann neben (und vor) Egon Erwin Kisch als »der eigentliche Gründer der Roten Garde« gelten,30 als derjenige, der den Stein ins Rollen brachte:
Das Wort ist gefallen. Eine ungeheure Aufregung bemächtigt sich der Anwesenden. Die nationalen Elemente, die Bürgerlichen, versuchen noch, den Führer der Roten Gardisten für ihre Sache zu gewinnen. Einzelne möchten die Masse beruhigen. Inzwischen aber bildet sich Haller einen eigenen Soldatenrat. Zuerst einen Marinesoldaten, dann je einen Vertreter der verschiedenen Regimenter. Die Nationalgardisten rufen hinein: »Das ist ja ein Pole, ein Galizianer!« Aber diese Rufe verhallen im großen Getöse. Inzwischen ist Haller Kommandant der Roten Garde geworden und wird auf den Schultern seiner Anhänger, die die Versammlung auflösen, hinausgetragen.31
Den ›national‹ gesinnten bürgerlichen Kräften gelang es nicht mehr, durch das Schüren von chauvinistischen Ressentiments die Stimmung zu ihren Gunsten zu wenden. Dies zeigt indirekt auch der Artikel der schon damals virtuos auf der Klaviatur negativer Emotionen spielenden Illustrierten Kronen-Zeitung vom Folgetag, der ›Haller‹ gleich eingangs als Vertreter einer ›fremden‹ Nation sowie gleichzeitig einer unerheblichen Minorität unter den anwesenden Soldaten vorstellte:
Nun bestieg Korporal Haller die Rednertribüne, der sich als Mitglied der sozialrevolutionären Partei Polens vorstellte und erklärte, er wisse, daß er nur im Namen einer kleinen Minderheit spreche. Unter ungeheurem Lärm sprach er sich gegen die Schaffung einer Nationalgarde aus, denn eine solche wäre der Ursprung kommender Kriege. Man müsse eine Rote Garde gründen. (Großer Lärm. Rufe: »Wer ist das?« »Wie heißt er?« – »Das ist ja ein Pole! Ein Galizianer.«) Der Redner ruft: »Schreibt an Haller – Universität!« und fährt fort: Wir wollen keine Nationalgarde, sondern wir wollen eine rote, republikanische revolutionäre Garde. Gehen wir alle zusammen mit der revolutionär-sozialistischen Föderation. Die wird uns die Wege weisen, die wir gehen müssen.32
Auch die ausdrückliche Erwähnung der – zwar schon de facto als Arbeitsgemeinschaft bestehenden, aber offiziell noch gar nicht gegründeten!33 – FRSI, welche den orientierungslosen Soldaten »die Wege weisen« solle, befördert die Suggestion einer Verschwörung dunkler Mächte, die der Bildung einer Roten Garde zugrunde gelegen sei. Die christlichsoziale Reichspost verfuhr hier noch direkter, indem sie am 1. November 1918 unter der Überschrift Bolschewikische Putschhetze weniger berichtete als beklagte, »Bolschewikische Elemente« hätten versucht, die Soldatenversammlung »zu einer revolutionären Putschhetze zu mißbrauchen, was bei der überwiegenden sozialdemokratischen Mehrheit einen derart stürmischen Widerspruch hervorrief und zu solchen Tumultszenen führte, daß es nicht einmal zur Fassung einer Entschließung kam, sondern die Versammlung vorzeitig geschlossen werden mußte.«34 Im Einzelnen wurden die Vorgänge in einer Weise zusammengefasst, die geeignet war, bei den Leserinnen und Lesern der Reichspost sämtliche Ressentiments gegen ›Fremdes‹ – Russisches, Jüdisches, Französisches – und ›jugendlichen‹ Übermut zu aktivieren:
Es bestieg sodann Korporal Haller die Rednertribüne, dessen Ausführungen, als er die Schaffung einer Roten Garde nach russischem Muster anregte, den leidenschaftlichen Widerspruch und heftige Tumultszenen in der Versammlung hervorriefen. Der jugendliche Redner, von dem es in der Versammlung gleich bekannt wurde, daß er als Jude und Angehöriger einer französisch-revolutionären Sekte spreche, wurde von dem Großteil der Versammelten niedergeschrien. Fast nach einem viertelstündigen Tosen und Lärmen, das bereits in Tätlichkeiten zwischen den Anwesenden und Anhängern des Sprechers auszuarten drohte, konnte der Redner seine Ausführungen fortsetzen und die Anwesenden auffordern, sich bei ihm für die sozialrevolutionäre Föderation zu melden.35
Nirgendwo sonst werden die tumultuarischen Aspekte der Auseinandersetzung so plastisch vermittelt wie hier, nirgendwo sonst aber auch die erbitterte Fraktionierung innerhalb der Linken so anschaulich auf den Punkt gebracht wie im Organ der christlichsozialen Partei, das sich daran sichtlich delektierte: »Diese Äußerungen erregten abermals einen Sturm sowohl der Entrüstung als wie der Zustimmung von Seite der bolschewikischen Minderheit. Tosende Rufe: ›Es gibt keine sozialrevolutionäre Föderation, wir kennen nur eine internationale Sozialdemokratie!‹ wurden laut. ›Das ist eine Spaltung der Partei!‹ usw. brauste es durch den Saal.«36 Zu den verzweifelten Versuchen der Organisatoren, einen Konsens zu erzielen, heißt es lapidar: »Oberleutnant Leo Berger erklärt sich mit den Worten des Korporals Haller einverstanden und trug sich als erster unter Hallers Werbeliste ein.«37 Angesichts der anhaltenden »leidenschaftlichen Protestrufe«38 konnte jedoch kein Konsens mehr erreicht werden. Genau diese manifeste Uneinigkeit innerhalb des Proletariats galt es aus Sicht der Sozialdemokratie zu kaschieren; deren offizielles Parteiblatt, die Arbeiter-Zeitung, lobte, »daß sehr viel Richtiges und Vernünftiges gesprochen wurde«, teilte aber nur folgende Wortmeldung daraus mit:
Insbesondere war es ein Rittmeister, der in einer längeren Rede treffend auf die Gefahren hinwies, die entstehen können, wenn nicht alle, Offiziere und Mannschaften, kameradschaftlich zusammenwirken, um nach dem vielen vergossenen Blute im Felde nicht noch kostbares Blut in den Wiener Straßen zu vergießen. Diese Worte erhielten allgemeine Zustimmung und soweit schien die Versammlung programmgemäß verlaufen zu wollen.39
Bezeichnend für die sozialdemokratische Beschwichtigungspolitik ist hingegen die äußerst spärliche und tendenziöse Information der Arbeiter-Zeitung über die Vorgänge, die bei der Soldatenversammlung zur Gründung der Roten Garde führten:
Nach dem Rittmeister meldete sich ein junger Mensch zum [sic] Worte, der sich als Mitglied der revolutionär-sozialistischen Partei Polens vorstellte und eine überaus heftige Rede hielt, die alle Tatsächlichkeiten außer acht ließ. Obwohl seine Worte nur bei einem kleinen Teil der Zuhörer Anklang fanden, so gelang es ihm dennoch mit seinem Anhang, die allgemeine Aufmerksamkeit von den folgenden Rednern abzulenken, es bildeten sich Gruppen, die erregt aufeinander lossprachen, und schließlich sah sich der Einberufer genötigt, die Versammlung zu schließen, ohne daß es zu einem Beschluß gekommen wäre. Da es heißt, daß der Mann selbst gesagt habe, er fahre am Abend wieder weg, war es von ihm doppelt gewissenlos, eine solche Rede zu halten, denn ohne sie wäre die Versammlung vielleicht zu einem nützlicheren Ergebnis gelangt.40
Der in der Arbeiter-Zeitung nicht einmal namentlich genannte ›Korporal Haller‹ wird hier als »junger Mensch« und Fantast vorgestellt, dessen herausragendes Kennzeichen die Mitgliedschaft in »der revolutionär-sozialistischen Partei Polens« sei, also in einer unerheblichen politischen Splittergruppe – wobei der Name des neu entstandenen ›fremden‹ Staates als einziges Wort des gesamten Artikels auf maliziöse Weise typografisch hervorgehoben ist. Das hintergründig gestreute Gerücht, wonach ›Haller‹ nach seinem Auftritt gleich abreisen wollte, lässt ihn als ›doppelt gewissenlosen‹
