Richard Dünser: Komponist im Kontinuum - Rainer Lepuschitz - E-Book

Richard Dünser: Komponist im Kontinuum E-Book

Rainer Lepuschitz

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Beschreibung

"Täglich geh ich heraus, und such ein Anderes immer, Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands; Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich, Und die Quellen …" Friedrich Hölderlins Worte aus der Dichtung "Menons Klagen um Diotima", die Richard Dünser zu seinem ersten Streichquartett inspiriert haben, lesen sich wie ein poetisches, dichterisches Programm seines gesamten musikschöpferischen Schaffens: sein Streben, mit jedem Werk etwas Anderes, Neues auszudrücken und auch neue kompositorische Pfade zu finden; seine harmonisch-melodischen Wanderungen aus gleichsam ätherischen Höhen in die Schattenreiche der Nacht, des Unbewussten und des Tragischen; seine intuitive musikalische und auch außermusikalische Suche nach Quellen in verschiedenen künstlerischen und geistigen Welten. In diesem Buch wird der Ton- und Klangsprache eines Komponisten nachgespürt, deren enorme expressive Kraft und ihre weitgespannte inhaltliche Fantasie bei einer gleichzeitig umfassenden kompositionstechnischen Qualität sich im Kontinuum der Musik und überhaupt der Künste der abendländischen Kultur entwickelt hat und in diese integriert ist. Interviews mit dem aus Vorarlberg gebürtigen, während seiner Studienzeit in Wien musikalisch stark geprägten Komponisten sowie weitgefasste allgemeine und werkspezifische Erörterungen zu seinem Schaffen, darüber hinaus Zeugnisse von Komponistenkollegen und Interpret*innen geben Auskunft über eine mit ihrer Ausdruckskraft stark berührenden und zutiefst menschlich-einfühlsamen Musik.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Über das Buch

Richard Dünsers Jubiläum

In diesem Buch wird der Ton- und Klangsprache Richard Dünsers nachgespürt, deren enorme expressive Kraft und ihre weitgespannte inhaltliche Fantasie bei einer gleichzeitig umfassenden kompositionstechnischen Qualität sich im Kontinuum der Musik und überhaupt der Künste der abendländischen Kultur entwickelt hat und in diese integriert ist.

Interviews mit dem aus Vorarlberg gebürtigen, während seiner Studienzeit in Wien musikalisch stark geprägten Komponisten sowie weitgefasste allgemeine und werkspezifische Erörterungen zu seinem Schaffen, darüber hinaus Zeugnisse von Komponistenkollegen und lnterpret*innen geben Auskunft über eine mit ihrer Ausdruckskraft stark berührenden und zutiefst menschlich-einfühlsamen Musik.

Über Rainer Lepuschitz

Rainer Lepuschitz, geboren 1957 in Salzburg, Studium an der Hochschule Mozarteum, hat als Musik- und Kulturjournalist bei österreichischen Tageszeitungen und deutschsprachigen Fachmagazinen gearbeitet und als Musikdramatrug bei vielzähligen namhaften Festivals wie den Salzburger Festspielen, Musikfestival Grafenegg uvm.

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leykam:seit 1585

Rainer Lepuschitz

Komponist im Kontinuum: Richard Dünser

Annäherung an den Künstler und sein Schaffen in fünf Abteilungen nebst Synopsis, Präludium, Interludium, Postludium & Ricordanze

leykam:Universitätsverlag

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

© 2024 Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H. & Co. KG,Berlin – Graz – Wien, Richard Dünser, Rainer Lepuschitz

Gesamtherstellung: Leykam Universitätsverlag innerhalb der Leykam Buchverlagsgesellschaft m.b.H. & Co. KG

Berlin – Graz – Wien

Grafik und Satz: Gradhammer · Concept & Design

Coverfoto: Matthäus Stepan

ISBN 978-3-7011-0523-6

eISBN 978-3-7011-0563-2

uni.leykamverlag.at

Die Drucklegung des vorliegenden Bandes wurde unterstützt durch:

Synopsis

Inhaltsübersicht

Editorial

Vermessung des künstlerischen Standorts

Inhaltsübersicht

Synopsis

Inhaltsübersicht

Editorial

Vermessung des künstlerischen Standorts

Präludium

Ohne seine Musik wäre das Leben ärmer (Silver-Garburg)

Erste Abteilung: Komposition

Im Kontinuum

Jede Note am richtigen Platz (Interview)

Archetypen, in Musik verwandelt

Von großer Tragweite (Orchestermusik)

Die wahren Handlungen passieren in der Musik („Radek“)

Zweite Abteilung: Inspiration

Ozean des Wissens und des Fühlens

Die Tiefe der Tragik (Interview)

In die Nacht leuchtende Bilder – aus der Nacht klingende Musik

Interludium

Entreacte und Intermezzo

Dritte Abteilung: Bearbeitung

Das Glück des Bearbeiters

Vierte Abteilung: Vollendung

„Drei Sonnen sah ich …“ („Der Graf von Gleichen“)

Eine neue Schubert-Sinfonie

Fünfte Abteilung: Echo

Der Glaube an den Sprachcharakter der Musik (Urbanner)

Die bunten Fernen im Jenseits modischer Grautöne (Renhart)

Magie melodischer Verschmelzung (Schlee)

Große assoziative Kraft (Prießnitz)

Mit Liebe und Hingabe (Steinwender)

Postludium

Den Menschen etwas zu geben (Meissl)

Ricordanze

Fernher und fernhin tönend, golden klingend

Anhang

Werkverzeichnis (Auswahl)

Diskographie

Biographie

Editorial

Richard Dünser: Komponist im Kontinuum

Am 1. Mai 2024 feiert Richard Dünser seinen 65. Geburtstag. Anlass, diesem bedeutenden österreichischen Komponisten eine umfassende Darstellung seines Schaffens, seiner künstlerischen Beweggründe und auch seiner Gedanken über musikalisches Schöpfertum zu widmen, das in seinem Fall nicht nur Eigenkompositionen, sondern auch kreative Bearbeitungen von Werken anderer, ihn auch prägender Komponisten und Vollendungen von Fragmenten ausmacht. Der gebürtige Vorarlberger hat in Wien und Köln studiert und wurde von seinen maßgeblichen Lehrern Francis Burt und Hans Werner Henze in den Gesamtzusammenhang abendländischer Musik und überhaupt Kunst eingeführt, in deren Kontinuum sich Dünser zu einem Komponisten von ungemein umfassender kompositionstechnischer Qualität, enormer expressiver Kraft und weitgespannter inhaltlicher Fantasie entwickelt hat und integriert ist. Richard Dünser ist Professor für Musiktheorie (seit 1991) und Komposition (seit 2004) an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz und lebt und komponiert in Kitzeck in der Südsteiermark.

Das Buch will auch den vielleicht zunächst etwas vermessen scheinenden Versuch unternehmen, Dünsers Musik als eine Markierung in einer österreichischen Linie von Schubert über Bruckner, Mahler und Zemlinsky zu Schönberg, Berg, Webern und Cerha zu verorten, ohne ihn an den Genannten messen, mit ihnen vergleichen zu wollen; vielmehr eine Herkunft, Prägung und Beeinflussung durch diese mehr als 200-jährige Wiener Musikentwicklung festzustellen, in die er sich derart hineindenken und hineinfühlen kann, dass es ihm auch möglich ist, Werke von einigen dieser Komponisten für andere, Sinn machende Besetzungen zu bearbeiten und neuschöpferisch weiterzudenken, oder sogar Fragmente Schuberts weiter zu komponieren und zu vollenden.

Dünsers Weg als Komponist führt aus dieser Wiener Musikatmosphäre zu einer darüber hinaus gehenden Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit als Komponist, der auch starke Inspirationen aus der Moderne von Bartók, Strawinski, aus Frankreich, des Weiteren von Schnittke, Pärt, Henze, Ligeti, um nur einige zu nennen, aber auch aus aktuellen Musikströmungen empfängt, sie filtert und in seinen eigenen Werken weiterentwickelt und eigenständig transformiert. Dünser fühlt sich durch all diese Inspirationsquellen in seinem eigenen Komponieren bestärkt. Solch integratives musikalisches Schaffen setzt eine profunde Beherrschung der alle epochalen Entwicklungen umfassenden Harmonie- und Instrumentationslehre und des kompositorischen Handwerks generell voraus. Deshalb umfasst dieses Buch auch einen eigenen Abschnitt über kompositionstechnische Bausteine Dünsers, der unter anderem über seinen „Akkordkatalog“, über seine komplexe Harmonik, die auch zur Darstellung von Seelenzuständen werden kann, und seine Formgebung informiert. Im Mittelpunkt des Buches steht immer wieder Richard Dünsers scheinbar unversiegbare melodische Erfindungskraft. Er ist unter den zeitgenössischen Komponisten zweifellos einer der bedeutendsten Melodiker. In Verbindung mit oft ernsten, tragischen, trauervollen Inhalten, die seine Werke auslösen und die davon bestimmt sind, entsteht das Wesen von einem modernen Orpheus, der sagt: „Die Trauer muss ausgesungen werden.“

In den Texten und Essays sowie im Gespräch wird eine Annäherung an Richard Dünsers musikalisches Schaffen, seine weit über die Musik in die Bildende Kunst und Dichtkunst, die Philosophie, die Mythologie hinausreichenden Inspirationsquellen, seinen Drang zur tiefernsten musikalischen Erforschung tragödischer Inhalte und seinen Hang zu musikalisch-atmosphärischen Nachtstimmungen unternommen. Des Weiteren gibt es detaillierte Beschreibungen von ausgewählten und im Repertoire renommierter Interpreten befindlichen Kompositionen Dünsers aus seiner mehr als 40-jährigen Schaffenszeit, darunter auch eine Darstellung der Oper „Radek“ vom Komponisten selbst. Ebenso ist einigen seiner international anerkannten Bearbeitungen, Weiterkompositionen und Vollendungen anderer Komponisten ausführlich Raum gewidmet. Auch dieser nach- und bei Dünser durchaus neuschöpferische Aspekt sagt sehr viel aus über sein kompositorisches Denken und Fühlen, über seine musikalische Sensibilität und seine im Kontinuum der abendländischen Musik veranlagte Schaffensweise.

Im Anhang enthält das Buch ein von Dünser selbst zusammengestelltes Werkverzeichnis, das eine große Auswahl aus seinem mittlerweile gut 70 Kompositionen und Bearbeitungen umfassenden Schaffen enthält, das beim Musikverlag Doblinger, bei der Edition Gravis und seit 2006 bei der Edition Peters als Dünsers Hauptverlag sowie bei der Universal Edition (Bearbeitungen von Werken der Wiener Schule und Richard Strauss) verlegt ist. Des Weiteren gibt eine Diskographie Überblick über zahlreiche Aufnahmen von Werken und Bearbeitungen des Komponisten mit exzellenten Interpret*innen. Im Anhang findet sich auch eine Biographie des Komponisten.

Der Autor möchte herzlich Dr. Johannes Steinwender für seinen profunden Artikel über Dünsers Vollendung der Schubert-Oper „Der Graf von Gleichen“ danken, ebenso dem Klavierduo Sivan Silver und Gil Garburg und dem Geiger, Dirigenten und Pädagogen Prof. Johannes Meissl für ihre warmherzigen und fachbezogenen Würdigungen von Richard Dünser und seiner Musik zum Auftakt und zum Ausklang dieses Buches. Der Autor schätzt sich auch glücklich, dass er schöne und kompetente Texte zur Person Dünser und zu seinem Schaffen von den Komponisten Erich Urbanner, Thomas Daniel Schlee und Christoph Renhart sowie von dem Dirigenten Gerrit Prießnitz und von dem Musikpädagogen und Dirigenten Johannes Steinwender, Dünsers langjährigem Kollegen an der Kunstuniversität Graz, in das Buch aufnehmen konnte.

Ganz besonders richtet sich der Dank des Autors aber an Richard Dünser für seine Hingabe in zahlreichen ausführlichen Gesprächen, auf deren Grundlage dieses Buch zu einem wesentlichen Teil entstehen konnte, für seinen organisatorischen Einsatz während der Produktion des Buches, sowie insbesondere für seine tiefgehende, berührende, überwältigende, innige und seelenvolle Musik, die mich seit den späten 1980er Jahren begleitet, beeindruckt und bereichert.

Rainer Lepuschitz

Rainer Lepuschitz, geboren 1957 in Salzburg, schreibt seit einem halben Jahrhundert über Musik. Er hat nach dem Musikstudium (u. a. Gesang und Violine) am Mozarteum Salzburg als Musik- und Kulturjournalist bei österreichischen Tageszeitungen und deutschsprachigen Fachmagazinen gearbeitet, ehe er als Musikdramaturg und Autor für Veranstalter wie das Wiener Konzerthaus, das Festspielhaus St. Pölten, das Musikfestival Grafenegg, die Salzburger Festspiele, die Internationale Stiftung Mozarteum Salzburg, die Mozartwoche Salzburg, das Kammermusikfest Lockenhaus (langjährige Zusammenarbeit mit Gidon Kremer), die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik sowie für Ensembles wie die Camerata Salzburg, das Tonkünstlerorchester Niederösterreich und den Bachchor Salzburg tätig wurde und ist. Er verfasste mehr als 1000 Werkeinführungstexte für die genannten und weitere Musikveranstalter in Österreich und Deutschland. Für die Wiener Jeunesse plante er 2000 das Bach-Festival Wien. Er war in den ersten Jahren des Salzburger Festivals Aspekte für Musik unserer Zeit Mitglied des Gründungsteams und gestaltete und plante mehrere Jahre lang als Dramaturg das Festival Wien Modern mit und das ebenfalls der zeitgenössischen Musik gewidmete Festival Hörgänge. Publikationen (Auswahl): Die Tonkünstler. Orchester-Geschichten aus Wien und Niederösterreich (Residenz Verlag); Der Stimmen-Magier. Gerhard Schmidt-Gaden und sein Lebenswerk, der Tölzer Knabenchor (Eigenverlag Tölzer Knabenchor); 50 Jahre Ambraser Schlosskonzerte (Publikation der Innsbrucker Festwochen).

Der Komponist Richard Dünser im „Porträt“: Die Kunstuniversität Graz feierte 2019 ihren Professor für Musiktheorie und Komposition anlässlich von dessen 60. Geburtstag. (Foto: KUG)

Vermessung des künstlerischen Standorts

In der Komposition „Synopsis I“ für Klavier zu vier Händen und Streichquartett sind alle kompositorischen Qualitäten Richard Dünsers fokussiert und führen zu einer Gesamtschau auf die Charakteristik seiner Musik.

Als Richard Dünser im Jahr 2008 von der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien den Auftrag zu einem Werk für Klavier zu vier Händen und Streichquartett erhielt, war dies für den Komponisten ein willkommener Anlass, nach fast 30 Jahren Komponierens eine Art künstlerischer Standortbestimmung vorzunehmen und die Elemente seiner Musik in Hinblick auf Harmonik, Melodik, Form, Instrumentierung, Strukturierung, Ausdruck und Stimmung zu vermessen, eine in einem Werk gebündelte Gesamtschau auf seinen Kompositionsstil zu schaffen, einen Überblick über die kompositorischen Charakteristika zu geben – zusammengefasst im Titel mit dem altgriechischen Wort „sýnopsis“ (= Zusammenschau, Gesamtschau etc., englisch auch Inhalt, Übersicht). Die Fassung des Werkes für Klavier zu vier Händen und Streichorchester trägt den Titel „Synopsis II“.

Der Hörblick auf die in „Synopsis“ fokussierte Musik Dünsers zeigt einen Komponisten, der auf einer fundamentalen Satztechnik und komplexen eigenständigen Harmonik aufbaut und daraus all seine Ideen und Einfälle, die Motive und Themen, die Melodik und Polyphonie entwickelt. Es ist kein Zufall, dass er dies in „Synopsis“ in einem von der Besetzung vorgegebenen, zweimal vierstimmigen Satz tut, die Töne also wie in einer doppelchörigen Motette setzt. Er ist dazu aufgrund seines profunden kompositionstechnischen Handwerks in der Lage. Dünsers Musik ist verankert in der Tradition der abendländischen Musik, er wirft den Anker aber in jeder seiner Kompositionen neu aus, die er eigenständig auslotet und ausrichtet. Der Kurs, den seine Musik nimmt, führt immer in die Gegenwart. Wegweiser können ihm dabei aber Komponisten aus dem 16. bis 20. Jahrhundert sein.

Auf einen dieser Komponisten rekurriert Dünser im ersten der beiden Sätze von „Synopsis“ ausdrücklich: Alfred Schnittke, den 1998 verstorbenen wolgadeutschen Komponisten, der im Uraufführungsjahr von „Synopsis“, 2009, seinen 75. Geburtstag gefeiert hätte. Schnittke lebte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg mit seiner Familie mehrere Jahre in Wien (wo sein Vater als Journalist tätig war). Schnittkes musikalische Ausbildung wurzelt in Wien, hier hatte er prägende Erlebnisse mit Musik von Mozart über Schubert bis zu Schönberg, Berg und Webern. Komponisten, deren Musik auch Dünser, der als Student in Wien musikalisch „sozialisiert“ wurde, maßgeblich verinnerlichte. Mit Schnittke wollte Dünser in „Synopsis“ eines Komponisten gedenken, der „mir sehr wichtig geworden ist, dessen Werk mich immer wieder bestärkt hat, um meinen Weg des Nonkonformismus, der kompromisslosen Suche und Findung meiner eigenen kompositorischen Sprache zu gehen“. Dünser ließ im ersten Satz von „Synopsis“ mit den tönenden Buchstaben des Namens Alfred Schnittke, a–f–e–d es-c-h, ein Monument ein: Die Töne erklingen Mitte des Satzes in einem erratischen Block von sechs Akkorden, dabei die Töne „d“ und „es“ gleichzeitig.

Die Musik von „Synopsis“ steht mit ihrem „espressivo“-Charakter, ihren emphatischen wie empathischen Kräften, ihrer gleichsam polyphonen Gesanglichkeit, ihren weitgespannten melodischen Bögen und ihrer phantasievollen und variantenreichen Verarbeitung des Materials stellvertretend für Dünsers kompositorisches Gesamtschaffen. Aus der Sicht von heute war „Synopsis“ 2009 bei der Uraufführung gleichzeitig Rückschau, Standortbestimmung und Ausblick, wobei sich die Qualitäten von Dünsers Musik in all den Schaffensjahren fließend weiterentwickelten und immer in neuen kompositorischen und inhaltlichen Zusammenhängen entpuppten.

In „Synopsis“ besteht das Gebilde des ersten Satzes aus thematischharmonischen „Zellen“, aus deren unregelmäßigem, aber aus der Natur der Musik sich ergebendem Wachstum und wiederum ihrer Verkürzung die Dramaturgie des Satzes entsteht. Aus der dialogischen Struktur zwischen Klavierstimmen und Streicherstimmen entstehen die Spannung und der Ausdruck des Satzes. Der Dialog vollzieht sich einerseits in einer Art Wechselgesang zwischen dem Tasteninstrument und den Streichinstrumenten, andererseits in einer Gleichzeitigkeit, wobei dies keineswegs etwa ein „Durcheinanderreden“ wäre, vielmehr eine in der harmonischen, melodischen und motivischen Verdichtung überaus konzentrierte, aussagekräftige, sinnvolle Stimmführung ist. Aus ruhigen, aber dissonanzreichen und spannungsgeladenen „legato“-Passagen und sphärisch flimmernden Akkordflächen entstehen im Verlauf des Satzes zwei Steigerungswellen in mitreißenden Bewegungen (und überaus eindrucksvollen Überlagerungen in Triolen, Quintolen, Septolen und weiteren kleinstteiligen Figurationen). In diesen Steigerungen ist ein weiterer Schnittke-Bezug eingelassen, in Form einer Allusion an strukturell ähnliche Aufwallungen in seinem Klaviertrio.

Auf dem Höhepunkt des zweiten Satzes taucht dieses dichte, dynamische Stimmengewebe wie ein Déjà-Vu wieder auf, ebenfalls aus einem dichten Geschehen von flächigen harmonischen Entwicklungen und motivischen Steigerungen zwingend hervorgehend. Begonnen hat dieser zweite Satz mit einem gleichsam nach innen hörenden Solo der Bratsche, dem im Verlauf des Satzes weitere elegische Soli auch der anderen drei Streichinstrumente folgen, die jeweils von zunehmend sich steigernden, kantabel zu spielenden „espressivo“-Passagen im vierhändigen Klavierpart und nachtmusikartigen Phrasen der Streicher unterbrochen werden. Diese expressive Notturnomusik mündet schließlich in einem dichten Geflecht von allen erstmals in diesem Satz gleichzeitig erklingenden Stimmen. Nach der letzten Steigerungswelle mit der Schnittke-Allusion in der Mündung entsteht ein ruhiger Zwiegesang der Violinen, der schließlich in Achtstimmigkeit aller Instrumente übergeht. Das Bratschensolo vom Anfang des Satzes kehrt noch einmal wieder und wird nun von den anderen Streichern und dem Klavier fortgeführt und harmonisch kommentiert, bis einsam der Ton „f“ im Violoncello übrigbleibt. Indem er von den weiteren drei Streichinstrumenten zu einem Vierklang (f-Moll plus der Ton „e“) erweitert wird, bietet Dünser eine mögliche Interpretation der Gesamtheit der das Werk bestimmenden Klänge zwischen Einzelton, Dreiklang, Fläche und Cluster – also auch eine „Zusammenschau“, „Synopsis“.

„Synopsis I“ wurde am 3. Dezember 2009 im Brahmssaal des Wiener Musikvereins uraufgeführt, das mitwirkende Artis Quartett konnte bereits durch Aufführungen anderer Werke eine große Erfahrung mit Dünsers Musik einbringen, während das Klavierduo Silver-Garburg damals zum ersten Mal mit Dünsers Musik in Berührung kam, jedoch in weiterer Folge zu einem besonders wichtigen Interpretenteam für den Komponisten und Bearbeiter wurde. „Synopsis“ ist Dr. Thomas Angyan, dem langjährigen Intendanten und „Hausherren“ des Wiener Musikvereins gewidmet, jener weltweit führenden, klassischen Musikinstitution, in der Richard Dünsers Musik seit mittlerweile 35 Jahren kontinuierlich gepflegt wird und Aufführungen durch renommierte Ensembles wie den Wiener Concert-Verein, das Artis Quartett und das Ensemble Kontrapunkte erfährt.

Präludium

Ohne seine Musik wäre das Leben ärmer

Ohne seine Musik wäre das Leben ärmer

Sivan Silver und Gil Garburg über ihre langjährige Zusammenarbeit sowie ihre Freundschaft mit Richard Dünser

Unsere erste Begegnung mit der Musik von Richard Dünser fand 2009 statt, als wir auf der Suche nach einer neuen Auftragskomposition waren, die im Wiener Musikverein uraufgeführt werden sollte. Dünsers Kompositionen zu hören, ist eine echte Offenbarung. Großartige Musik, reich an Textur und Harmonie, hochexpressiv und farbenreich, mit einer Kombination aus zarten Motiven, die akribisch in Raum und Zeit platziert wurden, um die Illusion völliger Spontaneität zu erzeugen, aber auch mit großen Eruptionen dunkler Energie, die in den Bässen donnern und den Raum mit Klangkaskaden füllen. All dies bei hervorragender Beherrschung polyphonen Schreibens und einer brillanten Struktur. Man hört darüber hinaus in seiner Musik einen Komponisten, der eindeutig in den musikalischen Traditionen verwurzelt ist, in denen er aufgewachsen ist, von Palestrina und Bach bis Schönberg und Henze.

Nachdem wir das großartige Werk „Synopsis für Klavier zu vier Händen und Streichquartett“, das er für uns geschrieben hat, einstudiert hatten, trafen wir Richard schließlich persönlich in Wien. Man hatte sofort das Gefühl, dass der Mann eine Erweiterung seiner Musik ist. Wir fanden einen warmherzigen und großzügigen Menschen vor, begabt, faszinierend und ein hoffnungsloser Optimist, der zudem sehr bodenständig und in seinem Familienleben verwurzelt ist.

Richards Freundschaft hat einen tiefgreifenden Einfluss auf unser Leben, sowohl auf musikalischer als auch auf persönlicher Ebene. Unser Leben wäre ohne Richard und seine Musik viel ärmer.

Unsere musikalische Freundschaft hat sich zu einer langjährigen kreativen Zusammenarbeit entwickelt. Drei weitere Originalkompositionen, die Richard mittlerweile uns als Klavierduo widmete, sind allesamt phantastische musikalische Geschenke, deren Uraufführungen und weitere Aufführungen uns eine Ehre waren und sind. Darüber hinaus begibt sich Richard mit uns immer wieder auf die Reise der Transkription, bisher von Werken von Mozart, Schubert, Schumann und Brahms. Hier lernen wir eine neue Facette des Komponisten kennen, der auf höchstem Niveau kompositorische Techniken einsetzt, um eine phantastische Synergie mit den Komponisten selbst zu schaffen. Dünser erklärte, dass er eine ähnliche Rolle wie ein Übersetzer einnimmt und seinen Respekt für die Komponisten, die er adaptiert, mit einer phantasievollen, ideenreichen Schreibweise, voll mit Überraschungen, verbindet.

Originell, aber klar und strukturiert, ist Dünsers Musik immer ehrlich, immer menschlich!

Richard Dünser – a composer, a musician, a friend, „a mensch“.

Sivan Silver und Gil Garburg bilden eines der im heutigen internationalen Muskleben erfolgreichsten Klavierduos, das in den bedeutendsten Konzertsälen von der Carnegie Hall New York und der Berliner Philharmonie bis zum Salzburger Festspielhaus und Wiener Musikverein konzertiert, Tourneen in mittlerweile 70 Länder der Welt unternahm, mit Orchestern wie The Israel Philharmonic, der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, den Wiener Symphonikern und dem Wiener Concert-Verein musiziert sowie bereits zahlreiche exemplarische CD-Aufnahmen vom seltenen Repertoire für seine Besetzung vorgelegt hat, von Werken Schuberts und Mendelssohns bis Richard Dünser.

Herausragende Interpreten von Richard Dünsers Musikschaffen: Das Klavierduo Sivan Silver und Gil Garburg (2. u. 3. v. l.) sowie das Artis Quartett Wien mit Peter Schuhmayer (1. v. l.), Johannes Meissl, Herbert Kefer und Othmar Müller (3.–5. v. l.) anlässlich der CD-Aufnahme bei Radio Bremen von Dünsers „Synopsis I“ für Klavier zu vier Händen und Streichquartett im Oktober 2020. (Foto: Privat)

Erste Abteilung: Komposition

Im Kontinuum

Jede Note am richtigen Platz (Interview)

Archetypen, in Musik verwandelt

Von großer Tragweite (Die Orchestermusik)

Die wahren Handlungen passieren in der Musik („Radek“)

Im Kontinuum

Als Komponist und schöpferischer Bearbeiter immer ganz bei sich und dennoch nicht allein: Unbeirrt seinen Schaffensweg gehen, bestärkt und inspiriert von Gefährten im Geiste

Es beginnt im Dachstüberl eines Hauses im neunten Wiener Gemeindebezirk. Richard Dünser, Absolvent des Kompositionsstudiums bei Francis Burt an der damaligen Wiener Musikhochschule, instrumentiert Franz Schuberts f-Moll-Fantasie für Klavier zu vier Händen. Das für Dünser „tiefgehende, komplexe Werk von so starker Atmosphäre“ wandelt er in ein Orchesterstück in der großen Schubertschen Sinfoniebesetzung um. Dünsers Vorarlberger Landsmann Rainer Honeck, damals schon Konzertmeister der Wiener Philharmoniker, ist in die Studentenstube gekommen und schaut sich die Bearbeitung unter rein instrumentations- und orchestertechnischen Aspekten an, wobei er nur eine einzige Verbesserung vorzuschlagen hat. Mit seiner Bearbeitung von Schuberts f-Moll-Fantasie taucht Dünser mitten in die Wiener Musikatmosphäre ein, die ihn umfängt und kreativ anregt. Er spürt, dass es kein Zufall gewesen sei, Wien als Studienort ausgewählt zu haben.

Ein Ton ist ein Punkt, zwei Töne sind eine Linie, drei Töne ein Gesetz

In dieser Atmosphäre, die Dünser umgibt, sie aufgesogen und in sich aufgenommen hat, stellt für ihn Schubert ein Zentrum und einen wesentlichen Ausgangspunkt in einem dar. Die Musik Schuberts wird ihn durch all die Jahrzehnte seiner Laufbahn begleiten. Einer Laufbahn, in der über das Eigenkomponieren hinaus auch das Bearbeiten und Vollenden von Musik anderer Komponisten, denen er sich nahe fühlt, zum schöpferischen Betätigungsfeld wird. Von keinem anderen Komponisten als von Schubert wird er mehr Werke nachschöpferisch und neuschöpferisch bearbeiten, weiterführen, vollenden. Schubert-Musik, die Dünser emotional immer wieder aus der Fassung zu bringen vermag, bringt er auf dem Notenpapier in neue Fassungen, die auch neue Blickwinkel, besser gesagt: Hörwinkel ergeben. Von Mal zum Mal kommt ihm und kommt er Schuberts Musik noch näher. Für Dünser ist es die Entwicklung einer unausweichlichen Serie. Es sei ja interessant, dass im Leben wie in der Musik ein Schritt immer andere Schritte nach sich ziehe, sagt Dünser, so wie in der Musik ein Ton ein Punkt sei, zwei Töne eine Linie ergäben, drei Töne ein Gesetz darstellten. Die Schubert’sche Gesetzmäßigkeit in Dünsers Schaffen: nach der Instrumentation der f-Moll-Fantasie die Erstellung einer Fassung von Schuberts unvollendeter Oper „Der Graf von Gleichen“, die Bearbeitung von drei Klavierstücken (Deutschverzeichnis 946/I/II und 625/IV) für Kammerorchester, die Ergänzung der „Grande Sonate“ C-Dur für Klavier zu vier Händen (D 617) mit Streichorchester und schließlich die Vollendung der Sinfonie E-Dur (nach Skizzen D 729, D 936 und D 708). Die in all diesen Werken zu findenden, musikalischen Landschaften mit ihren teils düsteren Stimmungen, dunklen Seelenlandschaften und fragilen Utopien hätten ihn, Dünser, wie auch manch andere Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts (Anton Webern, Edison Denisow, Hans Zender) fasziniert und inspiriert.

Unvollendete Synthese aus Brüchen

Die Vollendung der Oper „Der Graf von Gleichen“ auf Wunsch des Dirigenten Andreas Stöhr und im Auftrag des Festivals „styriarte“ für eine konzertante Aufführung in Graz 1997 habe er, so Dünser, in jugendlicher Unbekümmertheit in Angriff genommen. Rückblickend sei es eigentlich ein Wahnsinn gewesen, Schuberts letzte Oper zu vollenden, in der teilweise „nur mehr einstimmige Melodien oder im Finale gar nichts mehr vorhanden war“. So habe er, Dünser, alle Nummern, bei denen es Skizzen von Schubert gab, so vollendet, wie er sich „seinen“ Schubert vorstelle, er habe aber auch umgeändert, gekürzt und erweitert. Das Ergebnis sei ein Schubert, der durch Kompositions-, Klang- und Hörerfahrungen des 20. Jahrhunderts durchtöne. Im vollständig neu zu komponierenden Finale habe er zu einer Art „unvollendeter“ Synthese aus Brüchen gefunden, so Dünser, die Welt Schuberts klinge noch an und werde im Zuge der sich zuspitzenden, immer seltsamer werdenden Handlung Fremdem, Heutigem gegenübergestellt und dadurch überlagert und in ein ganz anderes Licht getaucht. Speziell im „Graf von Gleichen“ hätte er, Dünser, gesehen, wie Schubert schon um ein halbes Jahrhundert nach vorne geschaut habe. Da gäbe es Passagen, die wie Mahler klängen. Da würden Hörerinnen und Hörer vielleicht denken, das sei von ihm komponiert, so Dünser, dabei seien es originale Schubert-Stellen. Währenddessen seien andere Passagen, die mehr der Schubert-Zeit entsprächen, dann tatsächlich von ihm, Dünser, ergänzt.

Wahnsinnskontraste und Wehmutsespressivo

Die drei Schubert-Klavierstücke habe er dann, erinnert sich Dünser, als Etüde für sich selbst bearbeitet. Die „unglaubliche Ansammlung von Wahnsinnskontrasten auf minimalsten Raum und heftigen Abstürzen“ in diesen von ihm für Kammerorchester instrumentierten Klavierstücken habe es ihm ermöglicht, in Abwandlung eines Schönberg-Zitats, „Schubert den Modernen“ darstellen zu können. Gleichzeitig spüre er aber auch in diesen Stücken teilweise dieses für Schubert typische „Wiener Espressivo der Wehmut von einem, der nichts mehr erwartet vom Leben“. Von einem, der gewusst hätte, das es eigentlich aus sei, und dies mit einer unglaublichen Schönheit aussinge. „Das hat mich umfangen“, so habe er, Dünser, auf eine Stimmung reagiert, die bei Schubert, teilweise noch übersteigert, auch in Liedern der „Winterreise“, im c-Moll-Klaviertriosatz und im langsamen Satz des Streichquintetts C-Dur aufkomme. Manchmal gäbe es da Abstürze ins Grauenvolle. „Solche Stimmungen mit einem Minimum an kompositorischen Mitteln zu erzeugen, ist etwas, was über Bruckner und Mahler direkt zu Anton Webern führt“, zieht Dünser eine kontinuierliche Linie in der österreichischen Musik vom 19. ins 20. Jahrhundert.

Mit minimalen Mitteln der Seele nahekommen

Nach der Bearbeitung der „Grande Sonate“ für das mit ihm befreundete Klavierduo Silver-Garburg stelle die Ergänzung, Weiterkomposition und Vollendung der nur in Fragmenten hinterlassenen E-Dur-Sinfonie und zweier weiterer Sinfoniesätze die Krönung seiner Schubert-Bearbeitungen dar. Wie er da vom „Graf von Gleichen“ und von den einzelnen Sinfoniesätzen die Skizzen vor sich gehabt hätte, sei er dem Komponisten schon sehr nahegekommen, stellt Dünser fest. Es habe auch Auswirkungen auf ihn als Komponisten gehabt. Durch die Befassung mit den Autographen habe er gesehen, wie Schubert komponierte, riesige Abschnitte konzipierte, sie aber noch nicht ausgefeilt habe.

Seither komponiere auch er, Dünser, anders. Dass es eben nicht immer hochstehende komplexe Gebilde brauche, um eine intensive Aussage zu erzielen, sondern man mitunter auch mit minimalen Mitteln unglaublich nahe an die Seele herankommen könne. Wie man mit einfachen Themen derart große Stücke bauen könne. Wie jeder Ton wirklich eine Bedeutung habe. Das alles sei auch für ihn, Dünser, im Komponieren bedeutsam geworden, habe ihn gerade damit Schubert stark beeinflusst. Etwa auch der Anfang der „Unvollendeten“ Sinfonie, wo die Musik mit ganz wenig Motivik in das „zentrale Nervensystem einfährt“. Wie Schubert mit scheinbar simplem Material größte Wirkung erziele, sei gerade in einer Phase der musikalischen Moderne, als eine Zeitlang geradezu ein Komplexitätswahn vorgeherrscht habe, eine für ihn ganz wichtige Beobachtung gewesen, blickt Dünser 20 oder 30 Jahre zurück. Aus dieser Zeit gäbe es viele Kompositionen, die graphisch hochinteressant seien, aber man schon beim Partiturlesen merke, dass man das alles nicht hören würde. Was nicht heißt, dass es bei Schubert keine komplexen Strukturen gäbe, ganz im Gegenteil – und Dünser führt als Beispiele die f-Moll-Fantasie für Klavier zu vier Händen und den Variationensatz aus dem Streichquartett d-Moll „Der Tod und das Mädchen“ an. Auch in seiner Musik, so Dünser, komme es natürlich zu komplexen Strukturen, um deren möglichst kunstvolle Verarbeitung er sich bemühe. Aber es müsse eben nicht immer nur ein „Maximum an Material-Komplexität vorherrschen“. Manchmal sei es bei Schubert auch einfach nur wie Wiener Volksmusik, wie beim Heurigen und den dort gesungenen Liedern über den Tod. „Diese Wiener Atmosphäre ist etwas, das mich sehr beeinflusst hat.“

Struktur wie bei einem Kristall