Richtig gute Freunde - Carlin Flora - E-Book

Richtig gute Freunde E-Book

Carlin Flora

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Beschreibung

Wer Freunde hat, hat mehr vom Leben: Denn sie machen das Leben nicht nur schöner, sondern prägen auch unseren Charakter, unsere Art zu denken und unsere Gesundheit. Oft haben sie sogar einen größeren Einfluss auf unsere Entwicklung und unser Wohlbefinden als die Familie oder der Partner. Die Wissenschaftsjournalistin Carlin Flora stellt erstmals faszinierende Forschungsergebnisse zum Thema zusammen, verrät die Geheimnisse guter Freundschaften und zeigt, warum Freunde gerade heute so wichtig sind.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 426

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Buch

Gerade in Zeiten von Facebook und sozialen Netzwerken hat der Begriff »Freund« eine ganz neue Bedeutung bekommen. Mit Richtig gute Freunde liefert Carlin Flora nun eine umfassende und zeitgemäße Betrachtung der verschiedenen Arten von Freundschaften und deren Einfluss auf unser Leben. Sie untersucht, ausgehend von Interviews, wissenschaftlichen Studien und persönlichen Anekdoten, das Wesen der Freundschaft und bringt spannende Erkenntnisse zutage: Wie gehen wir mit guten Freunden um, die unangenehme Wahrheiten verschweigen, um die Freundschaft nicht zu gefährden? Welche Lücke schließen Freunde, die Familie, Verwandte und Partner nicht auszufüllen vermögen? Und gehören falsche Freunde zum Erwachsenwerden einfach dazu, oder sollten hier die Alarmglocken schrillen? Flora erläutert die Kriterien, nach denen wir uns unsere Freunde aussuchen, und zeigt, dass Freundschaften unser Wohlbefinden maßgeblich beeinflussen. Denn erst durch Freundschaften wird unser Leben lebenswert.

Autorin

Carlin Flora ist eine erfahrende Wissenschaftsjournalistin und Redakteurin bei Psychology Today. Sie ist Absolventin der University of Michigan sowie der Graduate School of Journalism der Columbia University. Sie lebt in New York.

Carlin Flora

Richtig gute Freunde

Wie Freundschaften uns prägen

und bereichern

Aus dem Amerikanischen

von Gabriele Lichtner

Die Ratschläge in diesem Buch wurden von der Autorin und vom Verlag sorgfältig erwogen und geprüft, dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autorin bzw. des Verlags und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.

1. Auflage

Deutsche Erstausgabe März 2013

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © 2013 Carlin Flora

All rights reserved. Published in the United States by Doubleday,

a division of Random House, Inc., New York, and in Canada

by Random House of Canada Limited, Toronto.

Originaltitel: Friendfluence

Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München

Umschlagfoto: © plainpicture/Cultura

Redaktion: Vera Serafin

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

KW · Herstellung: IH

ISBN 978-3-641-58659-1

www.goldmann-verlag.de

Einleitung

Jeder Freund verkörpert eine Welt in uns, eine Welt, die vielleicht noch gar nicht geboren war, bevor er kam.

Anaïs Nin

Als ich 15 war, zog meine Familie von North Carolina nach Michigan. Dieser Umzug fiel mir deshalb besonders schwer, weil er den Verlust meiner Freundinnen bedeutete. Während der ersten Monate an der Schule in Michigan war ich ständig am Weinen. Zwar versuchte ich, dort Anschluss an die Mädchen zu bekommen, hatte dabei aber dauernd das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören. Während ich die Briefe meiner »alten« Freundinnen wieder und wieder las, fühlte ich mich von den aufregenden Geschichten, die mir die »neuen« schilderten, schmerzhaft ausgeschlossen. Eines Tages sollte sich dies jedoch ändern. Während einer Sportveranstaltung entdeckte ich auf den Zuschauertribünen eine Gruppe ausgelassener Mädchen, sogenannte Alternative, die aber dann wiederum auch nicht zu alternativ waren, wie ich schon bald herausfinden sollte. Denn sie waren nicht nur unternehmungslustig und kunstinteressiert, sondern auch ehrgeizig und legten Wert auf gute Noten. Von dem Tag an, als ich zum ersten Mal mit diesen Mädchen am Mittagstisch saß, fühlte ich mich zunehmend weniger ausgeschlossen und wandte mich wieder interessiert und freudig den Dingen des Lebens zu.

Damals reagierte ich auf alles ausgesprochen emotional und empfand es wohl deshalb als besonders schmerzhaft, meine Freundinnen aus North Carolina verlassen zu müssen. Durch diesen Umzug erhielten Freundschaften denn auch womöglich einen noch höheren Stellenwert als vorher für mich und eine Bedeutung, die bei der Idee, dieses Buch zu schreiben, Pate stand. Diese persönliche Erfahrung ist natürlich nichts Einmaliges, denn Freundschaften sind nicht nur für gefühlvolle Teenager derart lebensnotwendig.

In den acht Jahren, in denen ich für die Zeitschrift Psychology Today als Autorin und Redakteurin gearbeitet habe, beobachtete ich eine stetige Zunahme wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Thema Freundschaft, wobei sämtliche Untersuchungen auf die erstaunlich positiven Auswirkungen einer solchen zwischenmenschlichen Verbindung hinwiesen. Wer hätte schon gedacht, dass Freundschaften nicht nur die Stimmung heben, sondern auch gut für die Gesundheit sind? Eine feste freundschaftliche Beziehung kann einem dabei helfen abzunehmen, besser zu schlafen, mit dem Rauchen aufzuhören und selbst schwere Krankheiten zu überwinden. Sie kann die Gedächtnisleistung und die Fähigkeit zum Problemlösen verbessern, Vorurteile und ethnische Rivalitäten abbauen, sie kann Menschen motivieren, ihre beruflichen Träume zu verwirklichen, und sogar ein gebrochenes Herz heilen. Das hört sich doch fast zu gut an, um wahr zu sein! Und trotzdem beschäftigten sich nur sehr wenige der vielen psychologischen Ratgeber und sozialwissenschaftlichen Bücher, die über meinen Schreibtisch gegangen sind, mit dem Thema Freundschaft. Wenn Sie einmal die Auswahl an Beziehungsratgebern in einem Buchladen betrachten, werden Sie eine Fülle an Literatur darüber entdecken, wie man einen Partner findet und eine Liebesbeziehung aufrechterhält, oder wie man Kinder richtig erzieht. Würde ein Außerirdischer diese Bücherstapel sichten, käme er wohl zu der Überzeugung, dass die einzigen Beziehungen, die wir Menschen pflegen, diejenigen zur Familie oder zu unseren Geliebten sind.

Dabei haben wir natürlich auch Freunde und Bekannte. Und auch auf sie lassen sich unser ganzes Wesen, unsere Sprachgewohnheiten, ja unser ganzes Streben zurückführen, nicht nur auf unsere Gene oder den Einfluss unserer Eltern, wie wir so gerne glauben. Obwohl Freundschaften für die meisten Menschen einen derart hohen Stellenwert besitzen, sind sich doch nur wenige dessen bewusst, wie sehr sie auch unsere persönliche Entwicklung und unser Glück beeinflussen.

Andererseits kann es äußerst negative Folgen haben, wenn man keine Freunde hat. Man kann unglücklich werden, oder schlimmer noch: Die Einsamkeit zieht Körper und Seele in eine Abwärtsspirale und mündet in kognitivem Verfall, Alkoholismus und sogar Selbstmord. Einsame Menschen schlafen nicht nur schlechter, Untersuchungen haben sogar gezeigt, dass sie auch häufiger unter erhöhtem Blutdruck und einer verminderten Abwehrkraft gegen Krankheiten leiden. Keine Freunde zu haben kann also tödlich sein.

Evolutionspsychologen vertreten die Theorie, dass die Wurzeln der Freundschaft in der menschheitsgeschichtlich frühen Abhängigkeit des Menschen von seinesgleichen liegen und damals das Überleben des Einzelnen sichern sollten. Wenn man demnach einen Kumpel hatte, mit dem man auf die Jagd ging, erhöhte dieser Umstand die Wahrscheinlichkeit, dass sowohl man selbst als auch der Kumpel später für sich und seine Familie ausreichend Nahrung heimbrachte, die über dem Feuer gebrutzelt werden konnte. Aber auch wenn die meisten von uns nicht mehr auf Freunde angewiesen sind, um ein Haus zu bauen oder Nahrung zu sammeln, ist uns doch ein starkes Bedürfnis nach Freunden gemeinsam. So haben Anthropologen eindeutige Beweise dafür gefunden, dass es in der gesamten Menschheitsgeschichte und in allen Kulturen Freundschaften gab. Der Mensch ist allgemein so angelegt, dass er auch mit Menschen außerhalb seiner Familie intensive emotionale Beziehungen unterhalten kann. Kaum eine persönliche Lebensgeschichte ist vorstellbar, in der nicht auch Freunde eine wichtige Rolle spielen.

Gerade heutzutage ist es besonders wichtig, das Bewusstsein dafür zu schärfen, welchen Einfluss Freunde auf uns haben. Sie spielen nämlich nicht nur eine größere Rolle in unserem Leben, als man annehmen könnte; auch soziologisch betrachtet, kommt ihnen eine wachsende Bedeutung zu. Im Jahr2000 stellte der Journalist Ethan Watters in seinem Buch Urban Tribes die Frage: »Sind Freunde die neue Familie?« Watters beschrieb Freundschaften zwischen Menschen, die in Städten wohnten und noch in ihren Zwanzigern und sogar Dreißigern Hauptbezugspersonen füreinander waren, während sie die Eheschließung hinausschoben und sich ihren beruflichen Weg suchten– ein Phänomen, das typisch für Watters’ Gesellschaftsschicht und Generation ist. Auch wenn für die meisten sozialen Kreise in den USA keine großen, stabilen »Stämme« charakteristisch sind, verlassen sich Menschen jeden Alters auf Freunde, die heute diejenigen Aufgaben erfüllen, welche traditionell in der Vergangenheit von Blutsverwandten oder Eheleuten wahrgenommen wurden.

Das Durchschnittsalter derjenigen, die zum ersten Mal heiraten, steigt in den USA noch immer: 2010 lag es bei 28,7Jahren für Männer und 26,7Jahren für Frauen, verglichen mit 27,5Jahren und 25,9Jahren im Jahr 2006.1) Und Amerikaner heiraten nicht nur später, viele sind geschieden oder verwitwet oder heiraten überhaupt nicht. 100 Millionen Amerikaner (das ist fast die Hälfte aller Erwachsenen) sind nicht verheiratet, und eine Untersuchung des Pew-Forschungszentrums aus dem Jahr2006 hat ergeben, dass 55Prozent der Singles auch nicht vorhaben, jemals zu heiraten.2)

College-Studenten und junge Erwachsene scheinen im Allgemeinen weniger geneigt, feste Liebesbeziehungen einzugehen und lassen sich stattdessen eher auf lockere Liebeleien ein. (Einige Forscher führen dies auf den Frauenüberschuss an den Universitäten zurück. Herrscht ein großer Konkurrenzkampf um die Männer, so argumentieren sie, wird Sex ohne weitere Verpflichtungen häufiger als sonst angeboten.) Es leuchtet ein, dass sich diese Gruppe, die ohne den festen seelischen Halt in einer ernsthaften Liebesbeziehung auskommen muss oder will, stärker auf Freunde stützt, als es die entsprechenden demografischen Gruppen in der Vergangenheit taten.

Der Soziologe Eric Klinenberg weist darauf hin, dass »heute mehr Menschen alleine leben als zu irgendeiner anderen Zeit in der Geschichte.« In amerikanischen Städten wie Atlanta, Denver, Seattle, San Francisco und Minneapolis sind mehr als 40Prozent aller Haushalte Einpersonenhaushalte. Klinenberg widerlegt das Stereotyp des einsamen, schrulligen Singles und kommt zu dem Schluss, dass diese Personen, ob jung oder schon älter, mehr soziale Kontakte zu Freunden pflegen als diejenigen, die mit Partnern oder Familienangehörigen zusammenwohnen.3)

So stellen für die steigende Anzahl von Menschen, die nicht in traditionellen Familienstrukturen leben, Freunde oft die primären Bezugspersonen dar. Sie bieten sowohl intensive emotionale Unterstützung als auch »instrumentelle« Hilfe. Es ist jedoch keine Frage des Entweder-Oder, Freunde sind nicht unbedingt Familienersatz. Singles unterhalten oft auch enge Beziehungen zu ihren Eltern, Nichten, Neffen und Geschwistern. Dennoch können Freunde unserem Leben sogar positivere und bereicherndere Impulse geben als Verwandte, vor allem wenn sie in unserer Nähe wohnen. Ein Grund dafür ist sicher die Freiwilligkeit, dass sie also nicht aus einem Pflichtgefühl heraus handeln müssen.

Bella DePaulo, Psychologieprofessorin an der University of California, Santa Barbara, und führende Verfechterin des Singledaseins, geht sogar davon aus, dass es bei dem nächsten großen Rechtsstreit in den USA um die formale Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen– nach den Schwulenrechten– um die »Rechte von Freunden« gehen wird. Dazu würden beispielsweise die Befugnisse gehören, für einen vorher namentlich festgelegten Freund Entscheidungen zur medizinischen Versorgung zu treffen.

Auch für Eltern, Verheiratete oder in fester Beziehung Lebende haben Freunde eine wichtige Funktion inne. Tatsächlich handelt es sich bei der Zeit, die wir mit Freunden verbringen, um unsere angenehmste Zeit, in der wir tendenziell mehr positive und weniger negative Gefühle als in der Gesellschaft von Ehepartnern, Kindern, Kollegen, Verwandten oder anderen Menschen entwickeln. Wenn sich jemand darüber beklagt, dass er zu einem Familientreffen gehen muss, überrascht uns das nicht weiter, aber wir wären verblüfft, wenn dieselbe Person sich beschwerte, weil sie zu einer Feier mit Freunden gehen muss.

Wie kommt es nun dazu, dass wir unsere Zeit lieber mit Freunden als mit unserer Familie verbringen? Manche führen es darauf zurück, dass wir unsere Freunde selbst wählen, während wir unsere Familienmitglieder hinnehmen müssen. Lediglich durch die Wahl des Ehepartners und die Entscheidung für eigene Kinder haben wir ein gewisses Mitspracherecht in Familiendingen. Wahrscheinlich können wir die mit unseren Freunden verbrachte Zeit aber auch aufgrund anderer Erwartungshaltungen eher genießen. Für Freunde bringen wir Mitgefühl und Verständnis auf und belasten die mit ihnen verbrachte Zeit nicht durch Groll oder Ärger, wie sie häufig bei Interaktionen mit Familienmitgliedern vorkommen. Von Freunden erwarten wir im Allgemeinen weniger als von Familienmitgliedern oder Partnern– und von jedem Freund profitieren wir auf unterschiedliche Weise. Zum Beispiel kann einer unser Vertrauter sein, ein anderer bringt uns zum Lachen, während wir mit einem dritten gern über Politik diskutieren. Von einem einzigen Freund erwarten wir nicht, dass er alles für uns darstellt, was wir mögen und was uns interessiert; daher sind wir auch weniger enttäuscht, wenn ein Freund einen Teil unserer Erwartungen nicht erfüllt, als das bei einem Ehepartner der Fall wäre.

Wenn berufstätige Eltern jede Minute ihrer freien Zeit dem eigenen Nachwuchs widmen, leiden ihre Freundschaften häufig als Erstes darunter. Aus der Forschung wissen wir (und können es auf Anhieb auch intuitiv nachvollziehen), dass es fürchterlich schiefgehen kann, wenn wir von unserem Ehepartner erwarten, dass er alle unsere Bedürfnisse erfüllt. Wenn wir uns dagegen auch an Freunde wenden, um intellektuelle Anregung und emotionale Unterstützung zu erhalten oder einfach nur unterhaltsame Aktivitäten mit ihnen zu unternehmen, nimmt der Erwartungsdruck auf die Familie ab. Vielbeschäftigte Mütter und Väter sollten sich daher davor hüten, Freunde für einen entbehrlichen Luxus zu halten.

Auch für Kinder spielen Freunde heute wahrscheinlich eine größere Rolle als noch vor etwa 50Jahren. Damals waren nur zehn Prozent der Kinder bis zu 18Jahren in den USA Einzelkinder. Die letzte Volksbefragung ergab, dass es heute prozentual doppelt so viele Einzelkinder gibt. Ungefähr 14Millionen sind es in den USA, und da diese Kinder somit zu Hause keine Spielkameraden haben, ist anzunehmen, dass sie sich stärker als früher Freunden zuwenden.

Zwar ist das Thema Freundschaft in den besagten Ratgeberbüchern zu zwischenmenschlichen Beziehungen unterrepräsentiert, in der Unterhaltungskultur genießt es dennoch hohe Wertschätzung. Manchmal wird dabei sogar ein deutlich überzeichnetes Freundschaftsideal angepriesen. Denken Sie nur an all die beliebten Filme zur Freundschaftsthematik und Fernsehserien wie zum Beispiel– nun, genau!– »Friends«, die davon handeln, wie Mitglieder fester Freundescliquen einander beim Bewältigen schwieriger Momente und dramatischer Prüfungen im Leben beistehen. Wenn wir uns dessen bewusst wären, wie wertvoll wahre Freunde für uns sind, würden wir uns vielleicht aktiver um solche bemühen und sie entsprechend gut behandeln. Und zwar selbst dann, wenn es daneben auch andere Menschen wie zum Beispiel unsere Partner oder Kinder gäbe, die unserem Herzen noch näher stünden.

Ich hoffe, dass Sie die in diesem Buch dargebrachten sozialwissenschaftlichen Ausführungen über die Freundschaft für sich, gleichsam als Filter nutzen können, durch den Sie Ihre persönliche Geschichte zu diesem Thema besser analysieren und ein tieferes Verständnis für Ihre bereits gewonnenen Freunde erlangen können– und darüber hinaus auch für diejenigen, die Sie möglicherweise gerne noch dazugewinnen wollen. Vielleicht lernen Sie dabei sogar mehr über die Art, wie Sie jemandem als Freund begegnen wollen.

Freunde sind verlässlich da, wenn auch meist aus dem Hintergrund wirkend, vielleicht können Sie die hier dargestellten Forschungsergebnisse jedoch dazu veranlassen, sich einmal bewusster und auch genauer mit diesem Personenkreis zu beschäftigen.

Auf den folgenden Seiten werden Sie erfahren, wie Freunde uns in den unterschiedlichen Entwicklungsphasen beeinflussen. Der Einfluss der Eltern auf ihre Kinder ist unbestritten groß, dennoch ist auch der ihrer Freunde auf sie und ihr Verhalten von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Bei Vorschulkindern zum Beispiel, die Schwierigkeiten haben, Freunde zu finden, ist auch deren Verhältnis zu jüngeren Geschwistern womöglich eher schlecht. Ein Kind, dem es im Alter von zehn bis 13Jahren gleichgültig ist, was seine Freunde von ihm denken, erbringt in den letzten Schuljahren womöglich schlechtere Leistungen und kann sozial weniger erfolgreich sein– und das gilt auch noch für die Zeit nach dem Schulabschluss. Es geht hier nicht nur darum, dass es einfach angenehm ist, gute Freunde zu haben; die Fähigkeiten, die man benötigt, um Freundschaften zu schließen, sind eben ganz genau dieselben, die man im Allgemeinen benötigt, um im Leben erfolgreich zu sein.

Und auch später sind Freunde wichtig, wenn nicht womöglich noch wichtiger: Für Jugendliche spielen Freunde eine große Rolle bei der Ausbildung ihrer Identität. Ob sie Drogen konsumieren, rauchen oder frühzeitig sexuell aktiv werden, hängt weitaus stärker vom Verhalten Gleichaltriger als von dem der Eltern ab. Die häufig übersehene positive Kehrseite dieser Orientierung an den Freunden besteht darin, dass der Gruppendruck auch gute Auswirkungen hervorbringen kann. Wenn sich Jugendliche mit leistungsstarken Schülern anfreunden, verbessern sich oft auch ihre eigenen Leistungen.

Im Erwachsenenalter beeinflussen Freunde häufig, wenn auch meist von uns unbemerkt, unsere Überzeugungen, Werte und sogar unsere physische und emotionale Gesundheit. Menschen, die an ihrem Arbeitsplatz einen Kollegen zum Freund haben, sind im Durchschnitt um 40Prozent zufriedener mit ihrer Arbeit als diejenigen ohne einen solchen Freund. Unsere guten Vorsätze, die Ernährung umzustellen, mehr Sport zu treiben oder unser Verhalten zu ändern, geraten meist schnell in Vergessenheit; sind wir jedoch mit jemandem befreundet, dessen Lebensanschauungen und Gewohnheiten wir bewundern, beginnen wir ganz nebenbei, Aspekte von dessen Persönlichkeit und Lebensstil zu übernehmen. Und das sogar ganz ohne besondere Anstrengung, es geschieht einfach durch den Wunsch, mit dem Freund zusammen zu sein und wie der Freund zu sein. Besonders beeindruckend ist der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Freundschaften. Eine Untersuchung von Krankenpflegerinnen, die an Brustkrebs erkrankt waren, erbrachte folgendes Ergebnis: Bei Frauen ohne enge Freunde lag die Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit zu sterben, viermal höher als bei Frauen mit zehn oder mehr Freunden und guten Bekannten.4)

Aber auch die »dunkle« Seite der Freundschaft wird in diesem Buch behandelt, um Ihnen ein besseres Verständnis der unangenehmeren Gefühle zu ermöglichen, die ebenfalls mit freundschaftlicher Zuneigung einhergehen können. Da unsere Freunde einen derartigen Einfluss auf uns haben, kann ihre Macht uns heilen und helfen, aber ebenso Schaden anrichten und zerstörerisch wirken. Darüber hinaus werde ich auch die unterschiedlichen Ergebnisse der Forschung zu Online-Freundschaften darstellen, um zu verdeutlichen, wie die neuesten Arten elektronischer sozialer Kommunikation unsere realen Beziehungen verändern können.

Freundschaft war wahrscheinlich schon immer ein sehr wichtiger Aspekt des menschlichen Lebens und wird es wohl auch immer bleiben. Heute nun, in einer Zeit sich neu bildender sozialer Strukturen beginnen wir, die komplexen Prozesse zu verstehen, die Freundschaften zu einem derart prägenden Prozess werden lassen. Jeder, der für das eigene Wohlergehen etwas tun will, sollte lernen, wie er eine Freundschaft bestmöglich dafür nutzen kann. Die dicht miteinander verwobenen Fäden einer Freundschaftsgeschichte auszumachen und zu erkennen, ist außerdem faszinierend: In sehr engen Freundschaften wirkt der mysteriöse Funke von Anziehung und Ver-Bindung, spielen Drama, Spannung, Neid, Opfer und Liebe wichtige Rollen– ja, für manche stellt Freundschaft sogar die höchste Form der Liebe überhaupt dar.

Ursprung und Bedeutung der Freundschaft

Für Holly Kile war es höchste Zeit, ihren Ehemann zu verlassen. Er war herrschsüchtig und unberechenbar; er arbeitete nicht und half auch nicht im Haushalt. »Mit jedem Tag wurde es schlimmer«, sagt Holly.1) Ihr Sohn war erst ein Jahr alt, und sie hatte nicht genug Geld für eine eigene Wohnung. Aber sie hatte Erin. »Wir sind zu Erin ins Auto gestiegen«, berichtet Holly über diesen nervenaufreibenden Abend vor zehn Jahren, »und sie sagte ›Wir packen jetzt deine Sachen, und du bleibst bei mir.‹ Erin hatte selbst drei Kinder, aber sie hat keinen Moment gezögert.«

Holly brachte ihr Baby in Erins Gästezimmer unter. Sie hatte Angst, Erin zur Last zu fallen, und überlegte, wie sie ein angenehmer Gast sein könnte, obwohl sie noch völlig durcheinander und aufgewühlt war. »Aber Erin gab mir das Gefühl, dass ich zur Familie gehörte. Es hat unsere Beziehung überhaupt nicht belastet. Ich hatte erwartet, dass es zu einer unangenehmen Veränderung käme, aber dass man mich stattdessen bedingungslos willkommen hieß, war eine tiefgreifende Erfahrung für mich.«

Die beiden Frauen kannten sich erst seit ein paar Monaten, seit Erin eine Arbeit in Hollys Büro aufgenommen hatte. »Wir waren auf Anhieb beste Freundinnen«, erzählt Holly. »Es war wie Liebe auf den ersten Blick– nur nicht auf die romantische Art. Wir wussten sofort, dass wir eine seelische Verbindung hatten. Das habe ich so noch nie erlebt.«

Erin war eher der weibliche Typ und sehr modebewusst, Holly dagegen burschikos und eher sachlich. Die beiden mochten vollkommen unterschiedliche Musik und Filme, aber irgendwie empfanden sie auch grundsätzliche Gemeinsamkeiten– eine Art stillschweigendes Verständnis füreinander, das sie sich noch heute nahe fühlen lässt, obwohl sie in verschiedenen Orten wohnen und nur ein paarmal im Jahr länger miteinander reden. »Wenn wir miteinander sprechen, ist die Atmosphäre liebevoll, und nie haben wir irgendwelche erdrückenden Erwartungen aneinander«, sagt Holly. »Es ist, als hätte ich eine Schwester, aber eine, mit der ich mich niemals streite.«

Manchmal ist das größte Kompliment, das wir einem Freund machen, ihn oder sie mit einem Familienmitglied zu vergleichen. In solchen Fällen enthält dieser Begriff der »Familie« ein bedingungsloses Angenommensein und eine tiefe Bindung und Loyalität. Aber genauso oft wird der besondere Aspekt einer engen Freundschaft ausgedrückt, indem darauf verwiesen wird, dass er oder sie mehr ist als ein Verwandter; dann sagt man zum Beispiel: »Eine Schwester, mit der ich mich niemals streite«, »der Bruder, den ich mir immer gewünscht habe« oder »meine Wahlfamilie«.

Freundschaften sind die sozialen Beziehungen, die völlig freiwillig und am wenigsten institutionalisiert sind.2) Unsere Freunde können in unseren Herzen und Kalendern auftauchen und wieder daraus verschwinden; sie können uns alles bedeuten oder einfach nur eine erfrischende Besonderheit für uns sein, ein kleiner Farbtupfer in unserer geschäftigen sozialen Landschaft. Von Natur aus vielgestaltig, füllen sie Lücken aus, die in unserer Persönlichkeit, auf unserem Lebenshintergrund oder in den gerade bestehenden Lebensumständen leer geblieben sind. Freunde wählen wir uns unserem Lebensstil und unseren Bedürfnissen entsprechend, so wie sie es umgekehrt auch bei uns tun. Daher ist eine starre Definition praktisch unmöglich. Dennoch können die Beschreibungen eines wahren Freundes ein Gefühl des Wiedererkennens hervorrufen: Für Holly, die ohne ein Wort der Verurteilung oder auch nur den Hauch eines Zögerns im dunkelsten Moment ihres Lebens von Erin aufgenommen wurde, ist ein Freund jemand, der »weiß, dass du ihn brauchst, und der auch weiß, auf welche Art du ihn brauchst. Jemand, der genau weiß, wie er dich trösten und dir helfen kann.«

Versuch, eine Wolke festzunageln: Klassische Definitionen von Freundschaft

Um 44 v.Chr. schrieb Cicero seine bekannte Abhandlung über Freundschaft »De Amicitia«. Darin zitiert er den römischen Dichter Ennius:

Wie kann ein Leben denn lebenswert sein,

das nicht in des Freundes wechselseitigem Wohlwollen ruht?

Was ist denn angenehmer als jemanden zu haben,

mit dem du alles wie mit dir selbst zu reden wagst?3)

Vergleichen wir nun diese anrührenden Worte mit einem anderen Gedicht, das sich direkt an einen Freund richtet:

Malst mir mein Leben bunter

und machst das Herz mir munter4)

Diese Lobpreisung entstammt der Grußkarte an einen Freund. Obwohl Freundschaft unterschiedlich beschrieben wird, kommen in beiden Gedichten zeitlose Gefühle zum Ausdruck. Auch wenn Cicero die Latte für die Aufnahme in den Club der Freunde ziemlich hoch ansetzt– »Freundschaft kann nur zwischen guten Menschen existieren«–, schildert er doch ein Modell dieser Beziehung, das sicher auch heute viele unterschreiben würden: »Wahre Freundschaft ist selten«, schreibt er und definiert Freundschaft als »Übereinstimmung in allen wichtigen Dingen, verbunden mit Wohlwollen und Liebe.« Ein Freund, so fasst Cicero zusammen, »gibt Hoffnung für die Zukunft«, und er behauptet: »Kein Leben ist lebenswert ohne die gegenseitige Liebe von Freunden.«

Der französische Essayist Michel Eyquem de Montaigne schrieb 1580 einen weiteren Essay zum Thema: »Über die Freundschaft«.5) Auch wenn sein spezielles Porträt seiner Verbindung mit Étienne de La Boétie ziemlich idealistisch und ungewöhnlich intensiv ausfällt, erscheinen seine allgemeinen Betrachtungen doch frisch und stimmig und weisen auf ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Freundschaft und deren hohe Wertschätzung hin.

Montaigne vergleicht die Beziehung zwischen zwei Freunden mit derjenigen zwischen Vater und Sohn. Er stellt fest, dass die »Freundschaft durch Kommunikation genährt« wird, während die ganz persönlichen Gedanken von Vätern nicht dazu bestimmt sind, mit Kindern geteilt zu werden, und man von Kindern wiederum nicht erwarten kann, dass sie »Ratschläge und Belehrungen geben, was eine der hauptsächlichen Aufgaben der Freundschaft ist«. Brüder dagegen, so schreibt er, stehen einem nahe nicht aus »selbst gewählter Freiheit«, sondern aufgrund »Gesetz und natürlicher Verpflichtung«.

Geschwister bezeichnen sich manchmal gegenseitig als Freunde oder beste Freunde. Aber die Tatsache, dass dieser Begriff hier das Bild eines sich einander besonders nahe fühlenden, liebevollen und unternehmungslustigen Paares heraufbeschwört, macht deutlich, dass diese Beziehung mehr beinhaltet als die eines typischen Geschwisterpaares. Wenn ich sage, dass meine Schwester meine Freundin ist, dann ist sie eine Schwester und noch etwas darüber hinaus.

Und was die Freundschaft zwischen Eltern und ihren Kindern angeht, stimmen die meisten Experten in Sachen Kindererziehung mit Montaigne überein, nämlich, dass es völlig unangebracht wäre, seinem Kind Freund oder Freundin sein zu wollen anstatt einer liebevollen, aber Autorität ausstrahlenden Persönlichkeit.

Die biologische Anthropologin Gwen Dewar fasste die Untersuchungen zu Erziehungsstilen von Eltern zu der Schlussfolgerung zusammen, dass Kinder zu stark belastet werden können, wenn ein Elternteil ihnen die Sorgen Erwachsener über finanzielle und zwischenmenschliche Probleme anvertraut.6) Wenn Eltern heutzutage oft mehr daran liegt, als Freund »gemocht«, anstatt als Autoritätsperson respektiert zu werden, könnte das nach Meinung einiger Forscher sogar einer der Gründe dafür sein, dass heutzutage, verglichen mit 1979, bei jungen Leuten Anspruchsdenken und narzisstische Gefühle zunehmen.7)

Aber die vielleicht schärfste Unterscheidung trifft Montaigne zwischen der Liebe zu einer Frau und der zu einem Freund.8) (Die Frauen selbst, zu jener Zeit in Montaignes Kreisen weitestgehend ungebildet, waren seiner Ansicht nach für Freundschaften ungeeignet. Wenn Montaigne doch nur wüsste, welche Lizenzerlöse heute die Fernsehserie »Sex and the City« abwirft!) Die romantische Liebe, schreibt Montaigne, ist »aktiver, begieriger« als die freundschaftliche Liebe, aber auch unbeständiger. In Anspielung auf das zeitlose Spiel, so zu tun, als sei man schwer zu erobern, erkennt Montaigne einen anderen wesentlichen Unterschied zwischen diesen beiden Beziehungsarten. Je intensiver unsere Freunde unsere Gesellschaft suchen und sich daran erfreuen, desto eher fühlen wir uns in der ihrigen wohl, während Geliebte manchmal begehrenswerter für uns werden, je mehr sie sich von uns zurückziehen.

Die relativ friedlichen Seen der Freundschaft stellen tatsächlich für viele einen Ort der Erholung von den aufgewühlten Meeren der Partnersuche und des Zusammenlebens mit einem Partner dar. Trotzdem vermischen sich diese Gewässer öfter, als Montaigne sich das damals vorstellte. Im 21. Jahrhundert können sich Partner auf einige mögliche Szenarien beziehen, wenn einer von ihnen zum Beispiel erklärt: »Mein Ehemann ist mein bester Freund.« Um diese Aussage richtig zu verstehen, braucht man allerdings einen Kontext. Wird die Bemerkung in fröhlichem Tonfall geäußert, so, als wollte man sagen »Ich bin ihm so nah. Wir können so gut miteinander herumalbern, selbst beim Erledigen der alltäglichsten Dinge wie Haushaltsarbeiten«, dann kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass dieser Mann Ehemann und gleichzeitig guter Kumpel ist. Wird der Partner jedoch als Freund beschrieben, nachdem man eine wehmütige Feststellung über die natürliche Abnahme des sexuellen Begehrens nach einer gewissen Zeit des Zusammenlebens gemacht hat, dann kann man daraus schließen, dass hier mit Freund ein Ehemann »minus« Romantik und/oder Sex gemeint ist.

Eine Testfrage: Was bedeutet Ihnen Freundschaft?

Seit Montaigne sind wir beim Versuch, genau festzulegen, was jemand zu einem Freund macht, nicht besonders vorangekommen. Aber die Tatsache, dass sich diese Beziehung nicht genau abgrenzen lässt, ist andererseits eben auch ihre Stärke. »In der Freundschaftsforschung«, sagt Brian de Vries, Professor für Gerontologie an der San Francisco State University, »ist es schwer, eindeutige Zuordnungen zu treffen.« Obwohl er sich an der Universität auf das Verarbeiten von Zahlen spezialisiert hatte, erklärt er: »Ich habe mich schließlich für qualitative Forschung entschieden, weil es zu schwierig ist, Freundschaft zu quantifizieren.« De Vries und seine Kollegen beschrieben die typische Reaktion auf diese methodische Herausforderung folgendermaßen: »Anstatt Quellen dieser Verschiedenheiten (in der Definition von Freundschaft) zu studieren, ignorieren die Forscher die Komplexität, beklagen die Schwierigkeit der Analyse oder eliminieren sie.«

De Vries versuchte in ausführlichen persönlichen Interviews, der ungeheuren Vielfalt von Freundschaftsarten gerecht zu werden, indem er die besondere Bedeutung anerkannte, die sich zwischen jedem Freundespaar entwickelt hatte, und erfasste dabei die am weitesten verbreiteten Arten, wie Menschen über ihre Freunde reden und denken.9)

Dazu wurden in einer Studie ältere Erwachsene (55 bis 87Jahre alt) in Kanada und den USA befragt und ihre Antworten anschließend klassifiziert und gezählt.10) Eine Hauptkategorie, die das Untersuchungsteam erstellte, waren verhaltensbezogene Prozesse, die das umfassen, was Freunde zusammen tun, zum Beispiel sportliche Aktivitäten oder die persönliche Aussprache beim anderen. Eine andere Kategorie umfasste kognitive Prozesse, die beschreiben, wie sehr ein Freund den anderen schätzt oder respektiert, dessen Interessen oder Werte teilt und ihm Vertrauen, Loyalität und Einsatzbereitschaft entgegenbringt. Auch der gleiche Sinn für Humor wurde als kognitiver Prozess klassifiziert. Die dritte große Kategorie sind affektive Prozesse, die stärker auf Emotionen als auf ein bestimmtes Verhalten oder Denkweisen bezogen sind. Darunter fällt zum Beispiel, sich mit einem Freund einfach wohlzufühlen, ohne viele Worte verlieren zu müssen. Unter die vierte Kategorie fallen strukturelle Eigenschaften wie der Familienstand des Freundes. Ein Kriterium für das Anbahnen einer Freundschaft könnte zum Beispiel sein, dass beide Personen vor Kurzem Witwe oder Witwer geworden sind. Die letzte Kategorie stellen indirekte Indikatoren (Länge der Bekanntschaft, Häufigkeit und Dauer des Kontakts) dar, zum Beispiel: »Sie ist meine Freundin geworden, weil wir uns schon lange kennen und jede Woche miteinander sprechen.«

Und wie lauteten nun die Ergebnisse? Wie vermutet, sind Freundschaften komplex und verschiedenartig. Die Studienteilnehmer benannten 17Hauptkriterien für Freundschaft, häufiger als alle anderen stand jedoch das Verhalten im Mittelpunkt. Offenbar ist ein Freund das, was er als Freund tut. Sehr häufig wurden auch kognitive Prozesse genannt– ein Freund wurde wegen seiner Loyalität geschätzt oder deswegen, weil er gleiche Werte und Interessen hatte. Weniger oft wurden affektive Prozesse, strukturelle Eigenschaften und indirekte Indikatoren als Hauptmerkmale der Freundschaft genannt.11)

Die Studie könnte nun den Schluss nahelegen, dass jeder Mensch eine eigene Vorstellung von Freundschaft oder seinen eigenen Anspruch an sie hat; für Jane ist ein Freund jemand, dem sie vertrauen und Geheimnisse offenbaren kann, während für Joan ein Freund jemand ist, der ihr beim Ausräumen der Garage hilft und sie vom Flughafen abholt. Stattdessen zeigt sich, dass es zwar einige Faktoren gibt, die bei einer größeren Anzahl von Freundschaften eine wichtigere Rolle spielen als andere, es aber gleichzeitig viele Arten gibt, sich als Freund zu qualifizieren.

Unser persönliches »Markenzeichen« als Freund besteht aus unseren besonderen Talenten und Interessen. Ein Beispiel: Mir fehlt zwar jegliches handwerkliche Geschick, weshalb ich niemals die Freundin sein werde, die für ihre Lieben Sachen repariert. Dafür spreche ich gern mit anderen und höre genauso gern zu, biete meinen Freunden also die Möglichkeit, ihre Ängste offen auszusprechen, mir ihr Herz auszuschütten und über ihre Probleme zu reden– eine Eigenschaft, die sie, wie ich hoffe, an mir schätzen. Wenn sie sich auch bei anderen Freunden darüber freuen, dass diese ihnen bei Klempnerarbeiten oder mit ihren elektrischen Geräten helfen. Die Studie von de Vries besagt, dass Verhaltensweisen und gemeinsame Interessen Hauptkriterien von Freundschaften sind. Aber das Wunderbare an dieser Art Beziehung ist, dass wir normalerweise ja mehr als einen Freund haben und somit eine Vielfalt unterschiedlicher Freundschaften pflegen können, die eine ganze Bandbreite an Bedürfnissen abdecken.

Wenn ich Sie fragen würde »Was bedeutet Freundschaft für Sie?«, könnten Sie mit abstrakten Begriffen wie Loyalität oder Gleichgesinntheit antworten. Würde ich dagegen fragen, warum acht bestimmte Personen Ihre Freunde sind, würden Sie ganz sicher deren individuelle Eigenschaften beschreiben, die Umstände, unter denen Sie sich kennengelernt haben, und welche Wesenszüge diese Freunde in Ihren Augen besonders auszeichnen. So lädt Sie einer zu ausgelassenen Partys ein, während ein anderer in Ihnen den Wunsch weckt, ein besserer Mensch zu werden. Jemanden nach einer allgemeinen Definition von Freundschaft zu fragen, ist ein bisschen so, als würde man ihn darum bitten, Blumen zu definieren. Freunde haben grundlegende Eigenschaften ebenso wie Blumen auch, aber darüber hinaus sind sie einzigartig und gedeihen unter sehr unterschiedlichen Voraussetzungen.

Vergleichen wir nun einen Ehepartner mit diesem farbenfrohen Strauß an Freunden, den wir frei zusammenstellen und wieder verändern können: Ein Ehemann ist per Definition die Person, mit der eine Frau (oder in manchen Ländern auch ein Mann) verheiratet ist. Die Tatsache, dass die Beziehung institutionalisiert und auf eine Person begrenzt ist (es sei denn, man ist Bigamist), lässt keinen Raum für Mehrdeutigkeit oder Interpretationen.

Einer könnte zwar sagen: »Ich habe meine Frau geheiratet, weil sie klug, hübsch und nett ist«, doch ist sie deshalb seine Frau, weil er mit ihr verheiratet ist.

Über die Auswahl des Ehepartners machen sich die meisten Menschen viele Gedanken. (Der Auserwählte hat zwar die Qualitäten A und B, aber was ist mit C?) Eine solche Überlegung kann man bei den eigenen Verwandten gar nicht erst anstellen. Wenn man sich mit den eigenen Eltern oder Geschwistern nicht versteht, ist das eben sehr bedauerlich, weil sie nun einmal die einzigen sind, die man hat. Aber bei Freundschaften muss man nicht abwägen und wird noch weniger unter irgendeine Art von Druck gesetzt, einen möglichst idealen Freund zu wählen. Daher ist es auch gar nicht notwendig, sich darauf festzulegen, welcher Freund uns wie viel bedeutet.

Wenn wir aber doch manchmal darüber nachdenken, dann, weil uns– besonders in Zeiten der Online-Kontakte, mit denen wir uns im Kapitel »Freunde im Netz« ab S. 257 befassen werden– die bange Frage beschäftigt, welche unserer Freunde auch wirklich »wahre« Freunde sind.

Kann eine Person, die etwas von uns fordert, überhaupt als Freund bezeichnet werden? Wie viel können wir mit einer Freundin von früher noch anfangen, die dauernd in nostalgischen Erinnerungen schwelgt und mit der Gegenwart nichts anzufangen weiß? Oder: Wie ordnen wir einen Menschen ein, mit dem wir jeden Tag mittags im selben Café essen und den wir sehr sympathisch finden, mit dem uns sonst aber nichts verbindet? Ich bin der Meinung, es spielt keine Rolle, wie wir diese Personen benennen. Ihre freundschaftlichen Beziehungen bilden ein Muster– mit der einen Person sind Sie eng verbunden, mit einer anderen nicht; vielleicht mögen Sie manche, denen Sie nicht sehr nahestehen, mehr als andere, denen Sie nahestehen. Früher fühlten Sie sich Menschen verbunden, denen Sie sich heute nicht mehr verbunden fühlen, und jetzt fühlen Sie sich Menschen verbunden, zu denen es Sie früher nicht hingezogen hat. Jeder Freund hat seinen (nicht unbedingt auf Dauer angelegten) Platz in unserem Leben. Wenn man über Freundschaft nachdenkt, trifft man die Entscheidung, wer ein wirklicher Freund ist, besser mithilfe von Intuition und Selbsterkenntnis, als sich Gedanken darüber zu machen, wie andere diesen Begriff verwenden.

Unterschätzte Freunde

De Vries ist der Ansicht, dass Freunde im sozialen Leben eine sehr wichtige Rolle spielen. Und trotzdem, schreibt er in einer seiner Abhandlungen, »werden die Vorteile der Freundschaft leider von einer Kultur und einem Sozialsystem eingeengt, in denen Freundschaften häufig nicht genügend geschätzt oder sogar angezweifelt werden. Die unklare soziale und legale Anerkennung der Freundschaft begrenzt deren Potenzial dramatisch.«12) Vielleicht ist Ihre persönliche Freundeskonstellation davon nicht betroffen, aber im Großen gesehen hat die Definition von Freundschaft spürbare Folgen für deren mögliche Vorteile und ihren potenziellen Beitrag zum Wohlergehen der Bürger sowie dem reibungslosen Funktionieren der Gesellschaft.

Zum Beispiel, sagt de Vries, wird die Rolle von Freunden vom Gesundheitssystem zu wenig anerkannt.13) In einer Studie wurden Personen befragt, die ihre kranken Freunde pflegen. Es stellte sich heraus, dass sie es oft sehr schwer hatten, Krankenhausangestellte und Verwandte von Patienten (die selbst die Pflege nicht übernahmen) von der Redlichkeit ihrer Absichten zu überzeugen. De Vries sieht den Grund darin, dass einem Freund eher als einem Familienmitglied unterstellt wird, Vorteile aus der Pflege eines Patienten ziehen zu wollen.

Die häufig zu geringe Wertschätzung von Freunden wird auch daran deutlich, wie man sich den Menschen gegenüber verhält, deren Freund gestorben ist. »Ich nenne sie entrechtete Trauernde«, sagt de Vries. »Niemand schickt Freunden eines Verstorbenen Kondolenzkarten oder Blumen. Kein Chef würde jemandem freigeben, weil der Freund dieser Person gestorben ist. Nur die Familie hat ein Anrecht darauf zu trauern.«

Dabei schmerzt der Verlust eines Freundes oft genauso wie der eines Verwandten, und dann kann es diesen Trauernden noch erschweren, mit ihrer Situation fertigzuwerden, wenn sie keine formale Unterstützung erhalten. Genauso wie wir von Menschen, die das Beste aus ihren Freundschaften machen, etwas über die Möglichkeiten von Freundschaft lernen können, können wir durch die Trauer etwas über die Bedeutung der Freundschaft erfahren. »In unserer Kultur sagen wir zu einem Freund im Allgemeinen nicht ›Ich liebe dich‹«, schreibt de Vries. »Oft merken wir erst, wenn Freunde sterben, wie viel sie uns bedeutet haben und wie wenig wir sie das haben wissen lassen.«14)

Freunde auf der ganzen Welt

In seinem Buch Friendship: Development, Ecology and Evolution of a Relationship unternimmt der Anthropologe Daniel Hruschka von der Arizona State University eine faszinierende Reise durch die Welt der Freunde und illustriert, wie sich Freundschaft mit dem jeweiligen Kontext verändert. »In Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur, teilen Freunde ihr Essen, wenn es knapp ist, bieten Unterstützung bei ernsthaften Streitigkeiten, helfen beim Pflanzen und Ernten und eröffnen Wege der Kommunikation zwischen sich sonst gleichgültig gegenüberstehenden oder feindlich gesinnten sozialen Gruppen«, schreibt er.15) In einigen Gesellschaften freunden sich Menschen mit denjenigen an, die von ihren Eltern oder der Gemeinschaft für sie ausgesucht wurden. Manchmal werden diese Bindungen durch öffentliche Rituale institutionalisiert, die es erschweren sollen, einen Freund später einmal schlecht zu behandeln. In Zentralafrika zum Beispiel tauschen die Mitglieder der Volksgruppe der Azande Blut aus, um ihre Freundschaft zu besiegeln. Sie glauben, dass »das Blut eines Freundes im Magen des anderen bleibt und giftig wird, wenn man den Freund betrügt.«

Die Amerikaner sind offensichtlich weniger bereit als die Bürger anderer Nationen, für ihre Freunde zu lügen. Hruschka berichtet, dass in den USA im Durchschnitt weniger als einer von zehn Managern unter Eid eine Falschaussage machen würde, um einen Freund zu schützen, während in Japan und Frankreich drei von zehn es tun würden. In Venezuela würden sieben von zehn Managern für einen Freund lügen.

Ein weiterer interessanter Unterschied ließ sich zwischen weißen US-Amerikanern und US-Amerikanern ostasiatischer Abstammung feststellen: Von einem Freund ausdrückliche verbale Unterstützung zu erhalten, wirkt bei Weißen stressabbauend, während sich Ostasiaten dadurch stärker gestresst und nervös fühlen.

Insgesamt, so fasst Hruschka zusammen, sind die Unterschiede in Bezug auf Freundschaften zwischen den verschiedenen Kulturen geringer als die Gemeinsamkeiten. Er konnte sogar eine universal gültige Definition von Freundschaft formulieren: »Eine freundschaftsähnliche Beziehung ist eine soziale Beziehung, in der sich die Partner in Zeiten der Not entsprechend ihren Fähigkeiten unterstützen und in der dieses Verhalten zum Teil durch positive Emotionen zwischen den Partnern motiviert ist. Eine häufig praktizierte Art, diese positive Emotion auszudrücken, ist das regelmäßige Überreichen von Geschenken.« Geschenke für Freunde sind, so scheint es, großartige globale Gleichmacher.

Der Freund im eigenen Bauplan

Die weiblichen Mitglieder einer kürzlich untersuchten Nomadengruppe16) hängen in den für eine begrenzte Zeit errichteten Behausungen zusammen ab. Über Jahre hinweg ziehen sie die Gesellschaft bestimmter Frauen vor, und nach Trennungen gesellen sie sich dann wieder zu genau denselben Frauen. Sie plauschen miteinander und tauschen Informationen über das geplante Weiterziehen der Gruppe aus. Einige dienen einander sogar als Hebammen– sie fächeln sich Luft zu und stehen einander beim Geburtsvorgang bei.

Das hört sich wie ein wenig überraschendes Untersuchungsergebnis an, nur dass das Abhängen in dieser Gruppe ein wortwörtliches Herabhängen ist, und das sogar Seite an Seite. Denn bei den geschilderten weiblichen Wesen handelte es sich um Fledermäuse– und Fledermäuse haben, wie sich herausstellte, ebenfalls Freunde. Der Leiter der Untersuchung, Gerald Kerth, hob hervor, dass andere Tiere mit freundschaftsähnlichen Beziehungen, darunter Elefanten und Delfine, über ein großes Gehirn verfügen, während seine Studie zeigt, dass sogar Wesen mit »erdnussgroßen Gehirnen langfristige Beziehungen unterhalten können«.17)

Eine kürzliche Untersuchung der Makake-Affen beschreibt, auf welche Art und Weise eine Freundschaft kognitive und soziale Fähigkeiten prägt.18) Die Affen der untersuchten Makake-Art erwiderten den Blick eines Freundes schneller als den eines Verwandten. Das Verfolgen der Blicke anderer ist ein wichtiges Zeichen der Entwicklung, weil diese Methode von Tieren (und Menschen) angewandt wird, um Informationen über ihre Umgebung zu erhalten und um kommunizieren zu lernen.

Wenn das Verhalten von Tieren und Menschen derart übereinstimmt, ist das häufig ein Hinweis darauf, wie tief verwurzelt dieses Verhalten beim Menschen ist. Dass Menschen offenbar schon seit frühen Zeiten das Bedürfnis haben, sich mit anderen Menschen anzufreunden, stellt aus evolutionärer Perspektive betrachtet auf den ersten Blick ein Rätsel dar. Wenn das vorrangige Ziel des Lebens darin besteht, das Fortbestehen des eigenen Genpools zu sichern, warum entwickeln wir dann ein so intensives, nicht sexuelles Interesse an Menschen, mit denen wir nicht verwandt sind? Der Evolutionspsychologe Michael Tomasello hat eine wegweisende Studie durchgeführt, in der er das Verhalten von Schimpansen mit dem von Kleinkindern vergleicht. Das Ergebnis daraus bestätigt seine Annahme, dass die Fähigkeit zur Kooperation– wahrscheinlich ein Vorläufer der Bildung von Freundschaften– den Menschen vom Affen unterscheidet.

In seinem Buch Warum wir kooperieren schreibt Tomasello: »Die menschliche Kultur entstand somit, indem sich Menschen zu gemeinsamen Aktivitäten zusammenschlossen. Noch ist unbekannt, wie und warum es in der menschlichen Evolution dazu kam, aber es kann vermutet werden, dass die Menschen im Zuge der gemeinsamen Nahrungssuche (sowohl beim Sammeln als auch beim Jagen) zunehmend zur Zusammenarbeit gezwungen waren– anders als alle anderen Primaten.«19)

Man könnte annehmen, dass es die Familienmitglieder waren, die einander in der evolutionären Umwelt etwa vor Feinden, schlechtem Wetter oder dem Verhungern geschützt hätten, aber Hruschka schreibt, dass die Familie, um diesen Zweck zu erfüllen, zu klein war, also zu wenige Personen zur Verfügung standen.20) Und dann hatte ein Verwandter womöglich Zugang zu denselben Ressourcen wie man selbst, womit sein Beitrag zu deren Beschaffung wieder nichtig war. Außerdem reichte bei großen Vorhaben die Arbeitskraft einer einzelnen Familie zu deren Verwirklichung nicht aus. Und schließlich finden sich Menschen manchmal auch in allein nicht zu bewältigenden Situationen wieder, in denen kein Verwandter zur Stelle ist.

Evolutionspsychologen weisen darüber hinaus darauf hin, dass bei vielen unserer Vorfahren die Frauen bei der Eheschließung ihre Familie verlassen und sich dem Stamm ihres Ehemannes angeschlossen hatten; daher war es für sie wichtig, auch Bindungen zu Nicht-Verwandten aufzubauen. So sicherten sie sich die Hilfe, die sie brauchten, um zu überleben und ihre Kinder erfolgreich großzuziehen. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum Frauen sich auch heutzutage intensiver als Männer um enge Freundschaften bemühen– jedenfalls wird diese Ansicht häufig vertreten.21) Männer ihrerseits benötigten ebenfalls die Fähigkeit, Freundschaften und Allianzen zu bilden, um Macht- und Schutzfunktionen innerhalb der Stammeshierarchie zu erlangen.

Heutzutage brauchen wir im Allgemeinen keine Freunde, um zu überleben. Weil wir aber so veranlagt sind, dass wir eine hohe mentale und emotionale Energie investieren, um Verbindungen zu anderen Menschen aufzubauen und unseren Platz in der wärmenden Sicherheit einer Gruppe abzustecken, haben wir manchmal doch das Gefühl, ohne unsere Freunde sterben zu müssen.

Kurze Freundschaft, lange Wirkung

Die indirekten Indikatoren, mit denen einige Testpersonen ihre Freundschaften beschrieben (vor allem Männer, wie de Vries herausfand)– also zum Beispiel, wie lange man sich kennt und wie häufig man Kontakt hat–, korrelieren nicht unbedingt mit dem Einfluss der Freundschaft. Der heute 60-jährige Steve Weitzenkorn lernte Jerry in seinem ersten Jahr an der Ohio University kennen, wo der gescheite Jerry schon im zweiten Jahr studierte. »Ich war schüchtern und unsicher, und Jerry war durchsetzungsfähig und wusste, wie man Kontakte zu Professoren und Assistenten herstellte«, erinnert sich Steve.22) Schon bald brachte Jerry Steve dazu, mit ihm im Psychologie-Labor zu arbeiten, wo er bei Forschungsprojekten half, meist im Bereich von Leistungsmotivation. Dass Jerry dort freiwillig Aufgaben übernahm, war für Steve wie eine Offenbarung. »Das war für mich eine ganz neue Art Kompetenz, denn ich war nicht der Typ, der Gelegenheiten beim Schopf packte. Jerry half mir, aus meinem Schneckenhaus herauszukommen, durch eigene Aktivität etwas zu lernen, mehr Selbstvertrauen zu erlangen und mir ein sehr profundes Wissen in meinem Fachbereich anzueignen.«

Zwei Jahre ihres Universitätslebens waren die beiden unzertrennlich, dann fing Steve an, sich auch für andere Freunde zu interessieren. »Die Kehrseite von Jerry war, dass er eine sehr starke Persönlichkeit hatte. Er war sehr intellektuell. Er diskutierte wahnsinnig gerne. Und ich merkte, dass andere, mit denen ich an der Universität gern zusammen war, Jerrys streitlustige Seite nicht mochten.« Steve und Jerry entfernten sich mehr und mehr voneinander, dann gingen sie an verschiedene Universitäten, um einen akademischen Titel zu erwerben.

Ab und zu sahen die beiden sich noch, aber die Abstände zwischen ihren Treffen wurden länger. »Jeder war mit seinem eigenen Leben beschäftigt«, sagt Steve. Aber er lebte noch immer nach Jerrys Code. »Ich wendete an, was ich von ihm gelernt hatte; ich zeigte Eigeninitiative und ließ mich auf überschaubare Risiken ein– in verschiedenen Jobs, unternehmerischen Initiativen und kommunalen Aktivitäten. Diese Lektionen habe ich auch an meinen Sohn weitergegeben, der sie wiederum in seiner eigenen College-Karriere eingesetzt hat; er arbeitete beim Radiosender der Universität und entdeckte neben dem Lernstoff weitere Leidenschaften.«

Vor drei Jahren hat Steve versucht, über eine Internetrecherche wieder Kontakt zu Jerry aufzunehmen. Das erste Ergebnis, auf das er stieß, war Jerrys Todesanzeige. »Ich war schockiert. Es tut mir so leid, dass ich ihm nie ausdrücklich gesagt hatte, wie dankbar ich ihm für seine Hilfe war und wie sehr sie mich beeinflusst hatte«, sagt Steve. »Ich habe noch immer diese altmodische Rolodex-Rollkartei, und vor vielen Jahren hatte ich seine Karte dort abgelegt. Wenn ich die Kartei durchblättere, stoße ich ab und zu auf die Karte und denke daran, dass er mein Freund war und mein Leben verändert hat.«

Gute Kumpel und schwatzende Freundinnen?

Die Freundschaft von Steve und Jerry ist typisch männlich, gegründet auf gemeinsame Aktivitäten (die Arbeit im Labor) und nicht darauf, sich über Gefühle auszutauschen. Geoffrey Greif, Professor an der University of Maryland School of Social Work und Autor von Buddy System: Understanding Male Friendships (Kumpelsystem: Männerfreundschaften verstehen), warnt jedoch vor der voreiligen Annahme, dass aufgrund einiger festzustellender Unterschiede bei den Freundschaften zwischen Männern und denen zwischen Frauen, diese immer bestünden.23)

Greif befragte etwa fünfhundert Personen nach ihrem sozialen Leben in Vergangenheit und Gegenwart und bestimmte die hauptsächlichen Unterschiede bei gleichgeschlechtlichen Freundschaften.24)»Männer haben eher »Schulter-an-Schulter-Freundschaften«, während Frauen eher »Von-Angesicht-zu-Angesicht-Freundschaften« haben, schreibt Greif in einer Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse.

80Prozent der von Greif interviewten Männer sagten, »dass sie zusammen mit ihren Freunden in Sportorganisationen eingebunden sind; dagegen war keine Frau mit dieser Antwort vertreten, und nur wenige Frauen gaben an, dass sie mit ihren Freundinnen Gymnastik betrieben. Zu den häufiger benannten Aktivitäten von Freundinnen gehört, gemeinsam shoppen zu gehen– nur einer von 386Männern sagte, dass er mit seinen Freunden einkaufen geht.«

Greif fand auch heraus, dass bei Frauen die Wahrscheinlichkeit der Kontaktpflege zu einer Freundin um der Freundschaft willen höher ist als bei Männern; diese stört es weniger, wenn der Kontakt zu einem Freund einschläft, und sie werden daraufhin auch nicht so häufig aktiv wie Frauen. Frauen unterstützen sich gegenseitig eher durch Zuhören, Männer durch Ratschläge. »Und Frauen senden ihren Freundinnen gegenüber emotional und physisch stärkere Signale als Männer (hier besteht vielleicht ein Zusammenhang mit der Angst der Männer, schwul zu erscheinen, aber wahrscheinlich spielen andere Sozialisationsfaktoren und biologische Bedingungen eine größere Rolle).«

Hruschka kommt bei diesem Thema im Großen und Ganzen zu dem Schluss, dass der in letzter Zeit häufig behauptete große Unterschied zwischen Männer- und Frauenfreundschaften im Gegensatz zu Hunderten von Untersuchungen steht, die beweisen, dass die beiden Geschlechter »sich tatsächlich ziemlich ähnlich in der Art sind, wie sie sich Freunden zuwenden«.25) Sowohl Männer als auch Frauen sagen, dass sie eher die Gesellschaft von Freunden bevorzugen als die von Eltern oder Geschwistern. Beide Geschlechter haben ähnliche Erwartungen an enge Freunde, und beide haben Freunde für »bestimmte Zwecke«– mit denen sie zum Beispiel nur eine Aktivität zusammen betreiben– und daneben »vielseitige« Freunde, mit denen sie fast alles gemeinsam unternehmen können. Mit einer Entschuldigung bei den Anhängerinnen der »Mars-gegen-Venus«-Philosophie schließe ich aus diesen Ergebnissen, dass wir dann doch alle aus dem gleichen Holz geschnitzt sind.

Die Porträts männlicher Freundschaften in der Unterhaltungskultur halten trotz ihres hippen Anstrichs an Standardgeschlechterrollen fest. Die Männerfreundschaft, für die in den USA der Begriff »Bromance«– eine Verschmelzung der Wörter »brother« und »romance«– geprägt wurde, ist der Beweis dafür. Dabei geht es um eine idealisierte, aber auch infantilisierte Beziehung zwischen heterosexuellen Männern, die in vielen Filmkomödien von Judd Apatow thematisiert wird. In diesen bilden Videospielkonsolen den Klebstoff, der die großen Jungs zusammenhält, und die Ratschläge, locker dahergesagt und im Allgemeinen unmoralisch, sind eine süße Versicherung gegenseitigen Beistands.

Männer, die eher »Von-Angesicht-zu-Angesicht«-Beziehungen pflegen, indem sie zum Beispiel in ein ruhiges Restaurant gehen, um miteinander zu reden und sich über private Neuigkeiten auszutauschen, erhielten für ihr geschlechtsmäßig atypisches Verhalten auch ein neues Etikett– die Reporterin der New York Times Jenny 8. Lee prägte 2005 den Begriff »Männer-Date«, den sie so beschrieb: »Zwei heterosexuelle Männer, die sich ohne die Krücken von Geschäft oder Sport treffen, um miteinander zu reden.«26) Die für den Artikel interviewten beiden Männer erklärten, dass die gemeinsame Zeit ihnen wichtig sei, und bekannten sich zu ihrer Sorge, schwul zu erscheinen.

Vielleicht sind meine männlichen Freunde ja alle verweichlicht, aber viele davon analysieren das Leben und sich selbst ernsthafter, als es die Charaktere in Apatows Filmen tun. Es würde sie absolut nicht stören, wenn man sie mit einem Freund in einem Restaurant beim Abendessen sähe. Tatsächlich ist meine (vielleicht romantisierte) Vorstellung eines Männer-Dates eher machohaft als verweiblicht und reicht wohl in jene Zeiten zurück, in denen die Frauen sich nicht ernsthaft über Politik und Kultur unterhalten konnten oder durften und die Männer sich zu dieser Art Austausch mit einem Brandy in der Hand in den Salon zurückzogen.

Harry und Sally oder: Können Frauen und Männer überhaupt Freunde sein?

Die University of Chicago änderte 2009 ihre Hauspolitik und gestattete es männlichen und weiblichen Studenten, ein Zimmer miteinander zu teilen, »etwas, das in der 117-jährigen Geschichte der Universität immer verboten gewesen war«, berichtet die Chicago Sun-Times.27) Eine Studentin, die die neue Möglichkeit wahrnahm und mit einem engen männlichen Freund zusammenzog, erklärte: »Ich komme mit Jungs meist besser klar.« Die Leiterin des Wohnbereichs, Katie Callow-Wright, sagte, dass es in Bezug auf die Neueinrichtung von Wohnräumen für beide Geschlechter weder Klagen noch Probleme und auch keine Bedenken gab.

Geschlechtsübergreifende Freundschaften sind also trotz der in dem Film Harry und Sally aufgestellten Behauptung– »Männer und Frauen können keine Freunde sein!«– offenbar sehr wohl möglich und werden auch zunehmend akzeptiert. Sie können sogar besonders hilfreiche und wertvolle Bindungen darstellen, auch wenn sie möglicherweise Spannungen und Schwierigkeiten mit sich bringen.

Die britische Journalistin Lucy Taylor beginnt ihre Darstellung, warum Frauen männliche Freunde haben sollten, mit der Schilderung eines Campingausflugs, den sie zusammen mit ihrem besten Freund Andy unternommen hatte. »Er zeigte mir, wie man angelt und Feuer macht. Wir verbrachten den Abend, indem wir in die Flammen schauten, unseren (okay, seinen) Fang verspeisten, Wein tranken und redeten– über das Leben, einen gemeinsamen Freund aus Schultagen, der vor Kurzem gestorben war, unsere Arbeit und auch ein bisschen über unsere jeweiligen Beziehungen. Dann gingen wir schlafen, teilten uns ein Zelt, aber nicht den Schlafsack. Ja, er ist ein Mann, und ich bin eine Frau. Wir sind beide heterosexuell. Wir sind sehr gut miteinander befreundet. Und wir tun es nicht, wir haben es nie getan und– es sei denn, die sprichwörtlichen Schweine fangen an zu fliegen– werden es auch nie tun.«28)

Taylor beschreibt hier einen extremen Grad an Nähe, auf den romantische Partner verständlicherweise eifersüchtig werden könnten. Und während sie darauf besteht, dass ihr Partner und Andys Partnerin den Campingausflug im Besonderen und die Freundschaft im Allgemeinen tatsächlich für platonisch halten, finden manche ihrer Freundinnen die Beziehung »merkwürdig, unglaublich und äußerst verdächtig«. Taylor räumt ein, dass viele Ehen an andersgeschlechtlichen Freunden zerbrochen sind und Männer sich weiblichen »Nur«-Freundinnen besser als männlichen Freunden gegenüber öffnen können, was den Weg dafür bereiten könnte, dass aus einer emotionalen Beziehung eine sexuelle wird. Sie argumentiert jedoch überzeugend, dass dies nicht dazu führen sollte, dem Partner oder der Partnerin solche Freundschaften zu verbieten.

Taylor berichtet, dass im Gegensatz zu ihren Freundschaften mit Frauen, die manchmal in kleinliche Streitereien und Gehässigkeit übergehen, ihre Beziehung zu Andy erfrischend neidfrei ist. Sie ist froh über Andys männliche Perspektive und meint, dass auch andere von den Vorteilen einer geschlechtsübergreifenden Freundschaft profitieren sollten, ohne dafür verurteilt zu werden.

Etwa um dieselbe Zeit, als Taylors Manifest veröffentlicht wurde, schrieb ihr britischer Journalistenkollege Sarfraz Manzoor seinen Essay, warum er Freundschaften mit Frauen schätzt.29) »Als ich jung war, durfte ich weder eine Freundin noch platonische Freundschaften mit Mädchen haben. Meine Eltern gehörten der traditionellen Arbeiterschicht pakistanischer Moslems an und waren streng dagegen, dass Jungen und Mädchen Umgang miteinander hatten«, erklärt Manzoor. »