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Aus der liberalen Revolution ist im Jahre 1848 der moderne Schweizer Bundesstaat hervorgegangen. Er steht auf drei Pfeilern: individuelle Freiheit, freie Marktwirtschaft sowie individuelle Selbstverantwortung. Auf diesem Fundament überstand die Schweiz zwei Weltkriege weitgehend unversehrt und entwickelte sich aus einem armen Alpenland zu einer wohlhabenden Nation. Doch dieses Fundament ist brüchig geworden. Es wächst eine Generation heran, die Wohlstand gewohnt ist und den Staat zunehmend als Selbstbedienungsladen für individuelle Wünsche sieht. Der Historiker René Lüchinger zeichnet in klarer Konsistenz das Werden, die Irrungen und Wirrungen der Schweizer Nation bis in die Gegenwart nach, immer unter dem Fokus des Liberalismus. Der Ökonom Gerhard Schwarz wagt einen Blick auf Chancen und Gefahren für den Liberalismus im 21. Jahrhundert. Was macht Freiheit aus, was bedeutet sie? Nicht zuletzt ist es diese Frage, die im Mittelpunkt des Buchs steht.
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Seitenzahl: 276
Veröffentlichungsjahr: 2024
René Lüchinger Peter Schürmann Gerhard Schwarz
Liberalismus in der Schweiz
Autoren und Verlag danken der Progress Foundation, Zürich und der Walter B. Kielholz Foundation, Zürich
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© 2024 NZZ Libro, Schwabe Verlagsgruppe AG, Basel
Quellenrecherche: Dr. phil. Philipp Hofstetter, Zürich
Karikaturen: Peter Gut, Winterthur
Covergestaltung Buchhandelsausgabe: icona basel gmbh, Basel
Covergestaltung Sonderedition: Silivo Seiler, ORT
Korrektorat: Ulrike Ebenritter, Gießen
Layout, Satz: Claudia Wild, Konstanz
Druck: Hubert & Co., Göttingen
Printed in Germany
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ISBN Print 978-3-907396-92-6
ISBN E-Book 978-3-907396-93-3
www.nzz-libro.ch
NZZ Libro ist ein Imprint der Schwabe Verlagsgruppe AG.
Notizen zu diesem Buch
I. Erste Hälfte 19. Jahrhundert: Föderalismus
Das Projekt Liberalismus schlägt sich eine Schneise
II. Mitte 19. Jahrhundert: Freiheit
Souveräner Bundesstaat und ein Zweikammersystem
III. Zweite Hälfte 19. Jahrhundert: Direkte Demokratie
Ein bürgerliches Zeitalter
IV. Erste Hälfte 20. Jahrhundert: Polarisierung
Der Machtverlust
V. Zweite Hälfte 20. Jahrhundert: Saturiertheit
Gut gebettet
VI. Im Übergang zum 21. Jahrhundert: Orientierungslosigkeit
Aus der Spur
VII. Liberalismus im 21. Jahrhundert: Immer wieder neu herausgefordert
Ein Essay von Gerhard Schwarz
Anmerkungen
Literatur
Personenverzeichnis
Bildnachweise
Die Erfolgsgeschichte der Schweiz, zu deren Grundpfeilern die Urform der Demokratie mit ihren Errungenschaften Fortschritt, Freiheit und Wohlstand gehört, ist ohne Liberalismus als treibende Kraft nicht denkbar. Diese Freiheit ist untrennbar verbunden mit der persönlichen Eigenverantwortung. Als zentraler Wert führt er in der Wirtschaft zum Konzept der Marktwirtschaft, in der Politik zur direktdemokratischen Mitentscheidung der Bevölkerung, zur Mitwirkung im Rahmen des Milizsystems und staatspolitisch zu einem föderalistischen Staatsaufbau.
Die Idee zu einem Buch über Demokratie- und Freiheitsverlust entstand 2016, im Umfeld des US-Wahlkampfs, als urliberale Werte wie Toleranz, Wahrheit, Redlichkeit und Glaubwürdigkeit im demokratischen Amerika gefährdet schienen. Die damit verbundene Frage, ob in naher Zukunft mit dem Zerfall von Grundwerten der liberalen Demokratie gerechnet werden müsse, war starke Motivation für die Realisierung dieser Publikation. Als die Corona-Pandemie auch die schweizerische liberale Gesellschaft herausforderte, war das «Ringen um Freiheit» – so der Titel des Buches – auch in einer der ältesten Demokratien der Welt wieder akute Notwendigkeit geworden.
Im Grunde zieht sich dies durch zweihundert Jahre helvetische Geschichte: Seit dem Gründungsjahr der modernen Schweiz ist der Kampf um Freiheit virulent und stets waren es die staatsgründenden Liberalen, die dabei an vorderster Front standen. «Liberalismus in der Schweiz» lautet deshalb nicht umsonst der Untertitel dieser Publikation. Die Errungenschaften und die Rückschläge auf dem Weg zur heute selbstverständlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Freiheit in diesem Land nehmen grossen Raum ein. Dies mit Absicht: Wohl nie seit dem Zweiten Weltkrieg scheint die individuelle Freiheit auch bei uns immer stärker zur Disposition zu stehen. Auch bei uns verliert sich das Bewusstsein dafür, was wirklich auf dem Spiel steht. Die Vergangenheit wird so zum Spiegel für den möglichen Verlust an Freiheit.
Dass dies nicht Alarmismus ist, zeigt die Gegenwart. Freiheitliche Werte und wirtschaftliche Erfolgsfaktoren der Schweiz sind für viele Bürgerinnen und Bürger immer weniger schützenswertes Gut und immer mehr gestriger Ballast, der sich auf dem Altar des Zeitgeistes leichtfüssig opfern lässt. Wokeness, die Wachsamkeit gegenüber Diskriminierung zu propagieren vorgibt, mutiert zur illiberalen Attitüde, die Andersdenkende des Autoritarismus bezichtigt. Wer heute bürgerlich-liberale Werte vertritt und sich gegen ein wokes Minderheitendiktat stellt, wird schnell einmal als rechtsextrem, als Faschist oder gar als Nazi beschimpft. Es wächst eine Wohlfühlgeneration heran, die im Wohlstand aufgewachsen ist, Freiheit und Demokratie als unverrückbare Konstanten versteht. Eine Reihe wirtschaftskritischer bis -feindlicher, teilweise erfolgreicher Initiativen und Referenden seit der Jahrtausendwende lässt erkennen, dass sich viele Menschen der Quellen des Wohlstands nicht mehr bewusst sind und nicht verstehen (wollen), dass die Existenz der Schweiz, deren Erfolgsmodell nicht gottgegeben ist, sondern gerade heute angesichts tektonischer geopolitischer Umwälzungen geschützt und neu erkämpft werden müssen. So wie das immer gewesen ist: Die moderne Schweiz entstand 1848 im Freiraum angrenzender europäischer Grossmächte, überstand zwei Weltkriege als demokratische Insel im Meer des europäischen Faschismus und muss sich heute gegen die Grossmacht EU behaupten. Sechs Generationen Schweizerinnen und Schweizer haben seit der Gründung des Bundesstaates Selbstbehauptung gezeigt, weil das Feuer für die Freiheit des Individuums nie erloschen ist. Wir, die heute Lebenden, müssen sicherstellen, dass wir den Nachgeborenen eine Schweiz übergeben, die mehr ist als Glut ohne Feuer.
Wie das auch im 21. Jahrhundert gehen kann: Auch davon handelt dieses Buch.
Peter Schürmann
Zürich, Sommer 2024
Rebellion – Revolution – Restauration – Regeneration
Die Eidgenossenschaft ist traditionell konservativ-föderalistisches Terrain. Im Nachgang der Französischen Revolution treten jedoch liberale Kräfte auf den Plan, die aus Überzeugung und auf Geheiss Napoleons nach französischem Vorbild den ersten schweizerischen Einheitsstaat schaffen. Die Helvetische Republik wird zum Trainingslager für den liberalen Bundesstaat, setzt aber auch das süsse Gift des Zentralismus in die heile helvetische Welt.
Kein Eidgenosse ist er. Sondern Preusse. Keiner, der Mundart über seine Lippen brächte. Sondern auf Sächsisch parliert. Als er in den letzten Jahren des 18. Jahrhunderts in die Schweiz einwandert, schimpfen sie ihn einen Sidian1, einen Franzosenfreund. Möglicherweise liegt dies daran, dass Heinrich Zschokke in einer Zeit aufkreuzt, als hierzulande Restauration und Revolution, Föderalisten und Unitarier hoffnungslos ineinander verkeilt sind, er selbst aber unberührt von jedem Zweifel das Banner des Nationalstaates hochhält, wie er in Frankreich bereits Realität ist.
Ein Bannerträger des Einheitsstaates: Heinrich Zschokke
Mit besonderer Verve vertritt er diesen zentralistischen Standpunkt am 12. Mai des Jahres 1829. An diesem Tag steht er im aargauischen Schinznach und spricht zu den Mitgliedern der «Helvetischen Gesellschaft», die Heinrich Zschokke gerade einigermassen überraschend zu ihrem Präsidenten gewählt haben.
Die Helvetische Gesellschaft ist eine überkonfessionelle, aufklärerische und überkantonal-eidgenössische Vereinigung, die im Jahre 1761 von fortschrittlichen Privatpersonen aus Bürgertum und Aristokratie in Schinznach gegründet wird. Hier werden republikanische Tugenden wie Freiheit, Gleichheit oder Überwindung des Konfessionalismus gepflegt, hier wächst die kantonsübergreifende Idee der Schweiz.
Zwei Stunden lang, atem- und pausenlos, redet er den Anwesenden ins Gewissen. Der Präsident erinnert an die dunklen Jahre des vergangenen Jahrhunderts: «Vor etwa siebenzig Jahren glich die löbliche Eidsgenossenschaft der dreizehn Orte einem ehrwürdigen gothischen Gebäu, im Schatten uralter Freiheits-Eichen, aber vom Finger der Jahrhunderte schon hart betastet. Hin und wieder war durch Verwitterung die äussere Tünche abgefallen und verrieth Risse geborstener Mauern bis in die Tiefen der Grundfeste.»2 Zerfallserscheinungen erkennt der Mahner auch in der Gegenwart. «Das politische Auseinanderfallen, Sichvereinzeln und Insichzusammenschrumpfen von zweiundzwanzig kleinen Gemeinwesen greift feindselig in das edlere Lebensverhältniss der Nation ein, und droht allmälig die Fortschritte des Nationalgeistes zu schwächen, der allein noch, und nichts sonst, ein ruhmvolles und unabhängiges Dasein der Schweiz sichern wird.»3 Wo die Alte Eidgenossenschaft der dreizehn Orte im 18. Jahrhundert nie Nation sein kann, sind die 22 Kantone im beginnenden 19. Jahrhundert in sich zu zerstritten, um Nation werden zu können als Garantin für die Freiheit des Volkes. «Die Untrennbarkeit der Eidgenossenschaft», ruft Heinrich Zschokke nach zwei Stunden vom Rednerpult herab, «steht unausrottbar in der Nation.»4
Wie aber kommt ein Preusse dazu, solches zu fordern? Einer, der vor über drei Jahrzehnten, im Herbst 1795, als damals vierundzwanzigjähriger in einer Art jugendlichem Überdruss über sein Dasein als gefeierter Schriftsteller seiner Heimat den Rücken gekehrt hatte? Über Schaffhausen wandert er in die Schweiz ein und wähnt sich im Paradies. Später notiert er in überschwänglichen Worten und doch in seltsam distanzierter dritter Person: «Er schien in einer verklärten Welt zu schweben, da er diese Gebirge, diese Wasserfälle, dieses üppige Pflanzenleben erblickte. In den Rheinfall weinte er still betend die Thränen seiner Freude. Er durchwanderte nun in allen Richtungen einen beträchtlichen Theil Helvetiens, um sich mit Verfassungen, Sitten und Lebensweisen der Gebirgsvölker, unter denen er einst zu leben dachte, vertraut zu machen.»5
Die Idylle eines Landes, «dessen Bewohner in Freiheit und natürlicher Unschuld lebten»6, wie das Heinrich Zschokke zu sehen glaubt, existiert jedoch lediglich in seinem Kopf. In Wahrheit wirken seit geraumer Zeit gegenläufige Kräfte, welche die kleinteilige Eidgenossenschaft in einer seltsamen gesellschaftlichen und politischen Immobilität verharren lassen – rückwärtsgewandte, die patrizische und aristokratisch-landadlige Herrschaftsstrukturen aus der Alten Eidgenossenschaft auch im Ancien Régime erhalten wollen, und solche, die sich auf das von französischen Aufklärern propagierte Naturrecht berufen und sich nach früheren, als natürlich und frei empfundenen Zeiten sehnen.
Alte Eidgenossenschaft wird der Bund vor dem ersten Nationalstaat der Schweiz genannt, der im Jahre 1798 mit der Helvetischen Republik entsteht. Er bestand aus den 13 Alten Orten – Land Uri, Land Schwyz, Land Unterwalden, Stadt Zürich, Stadt Luzern, Stadt und Land Zug, Stadt und Republik Bern, Land Glarus, Stadt Freiburg, Stadt Solothurn, Stadt Schaffhausen, Stadt Basel, Land Appenzell –, deren Untertanengebieten, gemeinen Herrschaften sowie zugewandten Orten.
Ancien Régime ist ein ursprünglich liberaler Kampfbegriff für die Zeiten vor der Französischen Revolution 1789. In der Schweiz bezieht er sich auch auf die Zeit vor 1798, bevor die Eidgenossenschaft zum Einheitsstaat nach französischem Vorbild wird.
Es sind keine gewaltbereiten Aufständischen gegen eine verknöcherte Obrigkeit und sie verwenden den Begriff der Revolution noch in seiner ursprünglichen Bedeutung als Rückwendung zu früheren besseren Zeiten.
Der Begriff der Revolution entstammt dem spätlateinischen revolutio, Umdrehung. In der mittelalterlichen Astronomie bezieht er sich auf revolvierende, immer wieder auf eine gleiche Bahn zurückkehrende Bewegungen der Sterne.
In der Eidgenossenschaft sind es keineswegs Bauern aus der politisch rechtlosen Landschaft, die sich von der Gegenwart abwenden wollen, sondern Fabrikanten, die dort mit Wasserkraft eine mechanisierte Textilindustrie aufgebaut haben, wohlhabend geworden sind und sich nun an den Privilegien der Städter stossen. «Sie wollen die alte Freiheit des Vaterlandes wieder herstellen», urteilt der Historiker Tobias Kästli, «und deshalb nannten sie sich Patrioten.»7
Als Patrioten werden ursprünglich die Unabhängigkeitskämpfer in Amerika, später die Revolutionäre in Frankreich bezeichnet. Der Patriotismus umfasste auch das Streben nach dem Wohl der Heimat auf dem Fundament von Aufklärung und Naturrecht. In der Eidgenossenschaft nannten sich die Gegner der aristokratischen Herrschaft Patrioten – dies bereits vor der Französischen Revolution.
Als Heinrich Zschokke am Rheinfall Schweizer Boden betritt, könnte auch er durchaus als Patriot der Eidgenossenschaft durchgehen, und selbst mit seiner schwärmerischen Schweiz-Begeisterung steht er nicht allein. Frühe Aufklärer wie Albrecht von Haller mit seinem im Jahre 1729 veröffentlichten Bestseller-Gedicht Die Alpen oder auch der «citoyen de Genève» Jean-Jacques Rousseau, der den homo helveticus alpinus zum «glücklichsten Volke auf Erden» adelt und von Landsleuten schwärmt, «die Staatsangelegenheiten unter einer Eiche entscheiden und dabei stets mit grosser Weisheit zu
Abb. 1: Patriot der Eidgenossenschaft: Heinrich Zschokke, um 1801
Werke gehen»8, begründen eine wirkungsmächtige Tradition des «Helvetismus» als Gegenentwurf zum masslos-dekadenten höfischen oder patrizisch-städtischen Lebensentwurf. Viele schlägt diese in ihren Bann und so wächst in der Alten Eidgenossenschaft erstmals überhaupt so etwas wie ein gesamtschweizerisches Zusammengehörigkeitsgefühl, das Jahre später in Teilen der alpinen Bevölkerung den Wunsch nach dem Nationalstaat nährt.
In dieser Gemengelage reicht ein Funke, um aus idealistisch-rückwärtsgewandten helvetischen Patrioten Revolutionäre im modernen Sinn zu machen. Dieser Funke zündet mit der Französischen Revolution, die beim Nachbarn im Westen 1791 zum ersten Nationalstaat der Moderne führt. In den 1790er-Jahren, als Heinrich Zschokke als romantischer Schweiz-Fan hierzulande aufkreuzt, springt dieser Funke auch auf Gebiete der Alten Eidgenossenschaft über. Und als Heinrich Zschokke im Sommer 1848 in Aarau stirbt, ist eine nationalstaatliche schweizerische Bundesverfassung in Sichtweite: In diesen politischen Zeiten, auf diesem Weg wird Heinrich Zschokke zum homo politicus, zum «Wegbereiter der Freiheit»9, urteilt sein Biograf Werner Ort, und wächst im Werdungsprozess der modernen Schweiz zum epochalen Zeitzeugen empor.
Am Anfang des neuen Jahrzehnts herrscht freilich zunächst Unübersichtlichkeit in Europa und auch in der Schweiz. Heinrich Zschokkes alte Heimat Preussen ist mit Österreich zur Verteidigung der Monarchie seit 1792 in den Ersten Koalitionskrieg gegen das revolutionäre Frankreich verstrickt – die Eidgenossen verhalten sich neutral, obwohl sich die Patrizier in Bern vehement gegen die Revolution stellen und auch die herrschenden Geschlechter in Solothurn, Freiburg, in der Innerschweiz verhehlen ihre Abneigung keineswegs. Revolutionär gesinnt sind dagegen der Aargau und vor allem die Waadt, beides Untertanengebiete Berns. Als die revolutionäre Republik Frankreich mit Preussen und Österreich separate Frieden schliesst, damit die Koalition der europäischen Monarchien sprengt und sich zur gestaltenden Kraft auf dem Kontinent aufschwingt, sehen die dortigen Patrioten einen Weg in die Unabhängigkeit von Bern. Die Neutralität in diesem Krieg und der unverhoffte Sieg der Franzosen gegen den europäischen Absolutismus nährt Hoffnungen auf Unterstützung im Befreiungskampf gegen die Obrigkeiten im eigenen Lande.
Eine gestaltende Kraft in Europa: Napoleon Bonaparte
Die Geschichte schlägt jedoch wieder einen unerwarteten Haken. In Frankreich, wo inzwischen ein fünfköpfiges Direktorium an der Spitze der Republik steht und der im Krieg gegen Österreich erfolgreiche General Napoleon Bonaparte an Einfluss gewinnt, besitzt die Neutralität der Eidgenossenschaft keinen Wert mehr. Im Gegenteil: Die Revolutionäre im Westen sehen insbesondere Bern als Hort der Konterrevolution monarchistischer Strömungen und registrieren auch, dass eidgenössische Orte restaurativen Köpfen Asyl gewähren. Das Direktorium beschliesst also, die patrizischen Régimes zu beseitigen, die Schweiz als zentralstaatliche «Schwesterrepublik» eng an sich zu binden – wie zum Beweis annektiert Frankreich am 14. Dezember 1797 die südlichen Ämter des Fürstbistums Basel, welche eigentlich in die eidgenössische Neutralität eingebunden sind. Die in Aarau versammelte Tagsatzung reagiert zahnlos auf diese Verletzung der Neutralität, ruft nicht zum militärischen Widerstand, sondern beschwört in Worthülsen die alten Bünde.
Die Tagsatzung ist eine regelmässige Versammlung der Abgesandten der Orte, in welcher während der Alten Eidgenossenschaft die Bundesangelegenheiten geregelt werden.
Dies wirkt wie ein Brandbeschleuniger für die Helvetische Revolution.
Die Helvetische Revolution bezeichnet die Umwälzungen innerhalb der Alten Eidgenossenschaft in den Jahren 1797/98 vor der Gründung der Helvetischen Republik.
Ländliche Oberschichten, hauptstädtische Patrioten und Honoratioren aus den Munizipalstädten verbünden sich nun gegen das Ancien Régime. Überall im Land werden Freiheitsbäume errichtet, Revisionen bestehender Verfassungen auf den Weg gebracht, Symbole der alten Herrschaft geschleift und in Basel entsteht Ende Januar 1798 mit der Gleichberechtigung der Baselbieter und der Errichtung einer gesetzgebenden «Nationalversammlung» das erste moderne Parlament im Land.
Freiheitsbäume wurden beispielsweise während der Französischen Revolution aufgestellt und symbolisierten die Freiheit.
Wie ein Tsunami fegt der Ruf nach Freiheit durch die Eidgenossenschaft. Keine zehn Wochen später gibt es keine untertänigen Gebiete mehr, dafür einen lockeren Staatenbund mit knapp vierzig unabhängigen territorialen Einheiten, die als repräsentative Demokratien oder Republiken mit Landsgemeinden organisiert sind. Die befreiten Landschaften betrachten sich nun als gleichrangige Verbündete der dreizehn Orte.
Frankreich jedoch verfolgt mit der nun föderalistisch-demokratischen Eidgenossenschaft andere Pläne, welche die gerade erlangten Freiheiten in den ehemaligen Untertanengebieten Makulatur werden lassen. «Das französische Direktorium liess die konstitutionellen Experimente in der Schweiz im Frühjahr 1798 so lange gewähren, bis es auf den Trümmern der alten Ordnung seine eigene Vorstellung einer erneuerten Schweiz durchsetzen konnte»10, notiert der Historiker André Holenstein. In Paris ist der schweizerische Einheitsstaat nach französischem Vorbild längst beschlossene Sache – zu gross ist die Angst, die alten Eliten könnten durch Zugeständnisse an die Befreiungsbewegungen wieder Oberhand gewinnen.
Ein Handlanger der Franzosen: Peter Ochs
Handlanger für diese Transformation ist ein Eidgenosse, ein überzeugter Liberaler und frankophiler Aufklärer namens Peter Ochs. Der Jurist hat während des Ersten Koalitionskriegs den Friedensschluss zu Basel zwischen Preussen und Franzosen orchestriert und gilt in Paris als «wichtigster eidgenössischer Gesprächspartner».11So sitzt Peter Ochs in Verhandlungen über «eidgenössische Angelegenheiten»12 dem französischen Direktorium und auch Napoleon Bonaparte gegenüber, wird Zeuge des Einmarschs französischer Revolutionstruppen in der Waadt als Brückenkopf gegen Bern – die Stadt ist vehemente Gegnerin einer helvetischen Einheitsverfassung. Den Auftrag, eine solche auszuarbeiten, hat Ochs von Napoleon bereits gefasst. Alternativen zum Willen der Besetzer, zum Entwurf zur zentralistischen Helvetischen Republik, existieren keine mehr: nicht die Berner Sehnsucht nach verflossenen patrizischen Zeiten, nicht eine um die ehemaligen Untertanengebiete erweiterte föderalistische Eidgenossenschaft.
Peter Ochs tut, wie ihm aufgetragen. In der Verfassung heisst es: «Die helvetische Republik macht einen unzertheilbaren Staat aus», aufgebaut auf dem Grundsatz der Volkssouveränität, der dem männlichen Volk jedoch nur ein Minimum an demokratischen Rechten einräumt13 und die bislang
Abb. 2: Gesamteidgenössische Beamte: Wilhelm-Tell-Siegel
souveränen Kantone zu blossen Verwaltungseinheiten degradiert. Am 12. April 1798 konstituieren sich in Aarau frisch gewählte Delegierte aus zehn Kantonen zum ersten gesamtschweizerischen Parlament und ratifizieren die aufoktroyierte Verfassung. Die Eidgenossenschaft ist nun ein Nationalstaat mit rotierender Hauptstadt14, einer trikoloren Nationalflagge in Grün/Rot/Gelb und erstmals gesamteidgenössischen Behörden, die ihre amtlichen Papiere mit einem Wilhelm-Tell-Siegel zu schmücken pflegen.
Vier Monate später taucht Heinrich Zschokke nicht zufällig in Aarau, der frisch gekürten Hauptstadt der Helvetischen Republik, wieder auf und ist bereit, sich nun nach Kräften in die zentralstaatliche Tagespolitik einzumischen. Auch er hat strube Zeiten hinter sich, die dem revolutionären Umbruch der politischen Verhältnisse in der Eidgenossenschaft und dem Kampf um einen eidgenössischen Einheitsstaat geschuldet sind. Diese Geschichte beginnt im östlichen Zipfel der Alten Eidgenossenschaft, «in Chur, Hauptstadt der drei ewigen Bünde im hohen Rhätien», dem zugewandten Ort, wo Zschokkes «Lebensschicksal sehr unerwartete Wendung»15 erfährt. Sie ereignet sich im August 1796, als er mit einem Empfehlungsschreiben eines Pädagogen in der Tasche am Seminar von Reichenau an die Tür klopft. Auf Schloss Reichenau hat der frankophile und reformierte Johann Baptist von Tscharner ein Seminar errichtet. Der Aristokrat und Führer der Patrioten will hier Bündens Jugend in aufgeklärtem Geiste und unabhängig von Herkunft und Konfession erzieherisch vorbereiten auf zukünftiges staatspolitisch-republikanisches Wirken – und er legt die Leitung seiner Schule in die Hände des Zugewanderten Heinrich Zschokke.
Dieser gerät mit dem Seminar zwischen die politischen Fronten. Die republikanische Ausrichtung der Erziehungsanstalt, die Begeisterung des Gründers für die Ideen der Französischen Revolution passen nicht allen in Graubünden – etwa der mächtigen, nach Österreich orientierten Bündner Aristokratenfamilie von Salis. Historiker Werner Ort spricht von offener «Feindschaft zwischen den Patrioten und der ‹Salis-Partei›»16und der Bischof von Chur gibt gar die Weisung heraus, sämtliche katholischen Zöglinge hätten Reichenau zu verlassen – trübe Aussichten für den inzwischen zum Mitbesitzer aufgestiegenen Heinrich Zschokke: Eltern ziehen ihre Kinder aus dem Seminar ab, und im Mai 1798 ist das Seminar Reichenau am Ende.
Etwas Gutes hat diese Entwicklung für Heinrich Zschokke dennoch. Enthoben als Seminardirektor und inzwischen erhoben zum Bündner Bürger, kann er die politische Zurückhaltung ablegen, die er sich als Ausländer bisher auferlegt hatte. Er stürzt sich, urteilt der Bündner Schriftsteller Martin Schmid, «leidenschaftlich und ehrgeizig ins lohende Feuer der politischen, blutigen Auseinandersetzungen»17, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Kampf um die Freiheit in der Alten Eidgenossenschaft auftun. Als am 12. April 1798 kantonale Delegierte in Aarau die Helvetische Republik ausrufen, tritt in Chur auch Heinrich Zschokke in Aktion. «An das freie Bündnervolk» verfasst er die Flugschrift Soll Bünden sich an die vereinte Schweiz schliessen?. Ein Plädoyer ist’s für den Anschluss an den Nationalstaat. Damit öffnet der Zugezogene die Büchse der Pandora: Fortan stehen sich im Bündnerland, dem Grenzland zwischen dem republikanischen Frankreich und dem monarchistischen Österreich, Integrationsfreudige und auf Unabhängigkeit pochende Traditionalisten unversöhnlich gegenüber. In Chur versuchen Bewaffnete das Rathaus zu stürmen und die Neueste Weltkunde meldet, «in Chur verbrannte eine grosse Gesellschaft von Bauern in einem öffentlichen Wirtshause»18 Zschokkes Schrift Freie Bündner, verlasst die braven Schweizer nicht!, die dieser als zweites publizistisches Wurfgeschoss publiziert hatte. Dabei bleibt es nicht. Bauern aus dem Untervaz erkundigen sich mit der Flinte in der Hand nach dem Aufenthaltsort von Heinrich Zschokke und behaupten, auf diesen sei ein Kopfgeld ausgesetzt – die Obrigkeit hatte beschlossen, Anschlusswillige an die Schweiz seien mit dem Tod zu bestrafen. Heinrich Zschokke versteht die Zeichen: Am 9. August 1798 besteigt er ein Floss, das ihn rheinabwärts in Sicherheit bringt.
Im Epizentrum der Politik19 taucht Heinrich Zschokke wieder auf, erwirbt das Bürgerrecht der Helvetischen Republik und mischt sich mit vollem Einsatz in eidgenössische Belange ein. «In der Helvetischen Republik schien ihm möglich, was in Frankreich misslungen war: dem Prinzip von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit zum Durchbruch zu verhelfen», konstatiert sein Biograf Werner Ort. Er «war gewillt, in der Schweiz zu einer aufgeklärten Gesellschaft beizutragen und gegen alle Widerwärtigkeiten und Widersacher zu kämpfen»,20 und er identifiziert ein dafür geeignetes Aktionsfeld: die positive Beeinflussung der öffentlichen Meinung insbesondere bei der Bauernschaft für den neuen Einheitsstaat mittels der Presse.21 Im November 1798 nimmt Heinrich Zschokke dies an die Hand. Drei Jahre nach seiner Zuwanderung ist er als Chef eines «Bureaus für Nationalkultur» staatlicher Beamter im helvetischen Kulturministerium22 und Herausgeber einer Wochenschrift mit dem sperrigen Titel Der aufrichtige und wohlerfahrene Schweizer-Bote, welcher nach seiner Art einfältiglich erzählt, was sich im lieben schweizerischen Vaterlande zugetragen, und was ausserdem die klugen Leute und die Narren in der Welt thun, und auf dem Cover prangt als Reminiszenz an die Gründung der Eidgenossenschaft eine Darstellung des Rütlischwurs. Der Schweizer-Bote ist ein «ächtes Volksblatt»23, erste Boulevardzeitung überhaupt, die sich in einfacher und direkter Sprache an das ungebildete bäuerliche Volk wendet, Propagandistin der Helvetischen Republik und eines schweizerischen Nationalbewusstseins, vorsichtig wohlwollend gegenüber der französischen Besatzungsmacht, ablehnend gegenüber den Exponenten des Ancien Régime und jeglichem österreichischem Einfluss – innert weniger Wochen erreicht er eine Auflage von 3000 Exemplaren und avanciert zu grundsätzlicher pressehistorischer Bedeutung als erster «Versuch systematisch und über einen längeren Zeitraum auf die bäuerliche Bevölkerung einzuwirken und von den Vorteilen der bürgerlichen Ordnung zu überzeugen»24, urteilt der deutsche Medienhistoriker Holger Böning.
In politisch aufgeladenen Zeiten hat freilich nur wenig Bestand. Von aussen und innen wirken destabilisierende, ja zersetzende Kräfte auf die Helvetische Republik ein. Die französische Besatzungsmacht zwingt Gebiete mit föderalistischer Landsgemeinde-Tradition als neuformierte Kantone in den republikanischen Einheitsstaat – etwa Uri, Schwyz, Unterwalden in einen Kanton Waldstätte, beide Appenzell in einen Kanton Säntis, Glarus in einen Kanton Linth.25 Um in solchen Gebieten des Widerstands die Autorität der Zentralregierung aufrechtzuerhalten, wird aus der Hauptstadt Heinrich Zschokke als Kommissär mit weitgehenden Vollmachten dorthin entsandt. Dieser merkt bald, wie wenig Kredit die Helvetische Republik in Stans oder Schwyz, in Lugano oder Bellinzona besitzt, wird aber auch Zeuge von Plünderungen der französischen Armee in den Dörfern draussen im Land. Im Zweiten Koalitionskrieg um die Wende zum 19. Jahrhundert werden Teile des Landes zum Schlachtfeld zwischen Frankreich und einer österreichisch-russisch-britischen Allianz. Nach dem Sieg der Franzosen scheint die Aussenfront einigermassen befriedet, die Helvetische Republik zumindest an der Oberfläche stabilisiert – im Innern jedoch gärt es weiter.
Föderalisten aus den alten Orten verharren in vorrevolutionären Vorstellungen von kantonaler Souveränität in einem eidgenössischen Staatenbund. Selbst bei den Anhängern der Revolution herrscht nun Dissonanz: Sie separieren sich in die alten unitaristischen Patrioten, die sich als eigentliche Volkspartei mit starkem Rückhalt in den ehemaligen Untertanengebieten sehen, und in die Republikaner aus dem gebildeten städtischen, durchaus
Abb. 3: «Ächtes Volksblatt»: Schweizerbote, Erstausgabe 1798
einheitsstaatlich gesinnten Bürgertum, das aber ein allgemeines Wahlrecht ablehnt und das Zensuswahlrecht präferiert.
Im Gegensatz zum allgemeinen Wahlrecht bevorteilt das Zensuswahlrecht bestimmte Personengruppen etwa durch eine höhere Stimmenzahl.
Die Regie im Hintergrund übernimmt nun der mittlerweile zum Ersten Konsul der Ersten Französischen Republik aufgestiegene Napoleon Bonaparte. Der Kopf der neuen europäischen Hegemonialmacht Frankreich hat kein Interesse an revolutionären Unruhen in der Helvetischen Republik. Nicht nur er, auch führende helvetische Politiker der Unitarier kommen zum Schluss, «die Schweiz könne nur durch eine föderalistische Organisation inneren Frieden finden»26, und laufen über in das Lager der Föderalisten, während die Mehrheit der helvetischen Abgeordneten unbeirrt an der unitarischen Doktrin des Zentralstaates festhält – eine französische Erfindung, deren Ausläufer bis in die heutige EU hinein wirksam bleiben.
Ein Gegner der Revolution: Alois Reding
Als Folge dieser Zwietracht kommt es zwischen 1800 und 1802 zu insgesamt vier Staatsstreichen gegen die Helvetische Republik. Im Januar 1800 stürzen nun von Frankreich unterstützte gemässigte Republikaner dogmatische Unitarier. Die unitarische, somit einheitsstaatliche Verfassung der Helvetischen Republik stellt in der Schweizer Geschichte eine Ausnahme dar. Vorher und nachher dominieren föderalistische Prinzipien, wie sie sich gegen Ende der Helvetik auf Intervention Frankreichs wieder anbahnen. Vor 1798 bildet die Schweiz eine Konföderation, die ihre Legitimation aus einer mittelalterlichen coniuratio speist und einen durch Eid beschworenen (Staaten-) Bund hervorbringt – die Eidgenossenschaft.
Der zweite Staatsstreich sieben Monate später entzündet sich an der Frage einer neuen Verfassung, in welcher die Patrioten die umfassende Volkssouveränität beibehalten, die Republikaner eine eingeschränkte Demokratie zugunsten der Herrschaft einer Elite einführen wollen: eine erneute Pattsituation, in die Napoleon eingreift und für die Schweiz ein föderalistisches System sowie die Wiedereinführung der Tagsatzung aus gewählten Kantonsvertretern dekretiert – die «Verfassung von Malmaison»27, ein Dokument aus französischer Feder, welches das Ende des bisherigen Direktoriums markieren soll.28 Als die nun regierenden Unitarier Anstalten machen, eigene Wege zu beschreiten, unterstützt Napoleon am 28. Oktober 1801 einen nächsten Staatsstreich und putscht die föderalistische Opposition an die Macht – die neue Regierung in Bern besteht nun mehrheitlich aus Revolutionsgegnern mit dem Schwyzer Alois Reding an der Spitze. Dieser versucht, sich umgehend von der französischen Umklammerung zu lösen, und strebt unter dem Einfluss von Berner Patriziern wieder die Zustände vor der Helvetischen Republik an.
Mit Alois Reding ist Heinrich Zschokke seit Jahren befreundet. Beide haben sie den barbarischen Einfall der Franzosen in Schwyz vor drei Jahren erlebt29 und sind sich einig, dass ein moderater Zentralstaat mit föderalistischen Elementen für Republik und Volk die einzige Zukunftsperspektive sein kann, auch um den Dualismus zwischen Unitariern und Föderalisten im Land aufzulösen. Dass sein Freund nun offenbar von diesem Pfad abgekommen ist, beunruhigt Heinrich Zschokke. Er befürchtet einen erneuten Einfall der Franzosen und eilt nach Bern, um das Gespräch mit Reding zu suchen, das jedoch keine Klärung der Standpunkte bringt.
Was im Kleinen nicht gelingt, misslingt auch im Grossen. In Bern kommt es am 17./18. April 1802 zum erwarteten vierten Putsch der Republik: Alois Reding wird entmachtet, wieder übernehmen die Unitarier das Ruder und bringen eine neue Verfassung auf den Weg30 – für Napoleon der Zeitpunkt, seine Truppen aus dem Land zurückzuziehen.31
Nun bricht das blanke Chaos aus: Am 1. August 1802 treffen sich in Schwyz Föderalisten zu einer Tagsatzung und wählen Reding zu ihrem Anführer32 – wie ein Schwelbrand schwappt ein unkontrollierter föderalistischer Aufstand gegen die verhasste Helvetik über das Land.
Im sogenannten Stecklikrieg erheben sich im Spätsommer/Herbst 1802 Föderalisten aus den Kantonen Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Glarus, Bern, Aargau, Solothurn, den beiden Appenzell sowie der Stadt Zürich erfolgreich gegen die Helvetische Republik. Es ist eine amorphe Masse von Aufständischen. Patrizische Anhänger des Ancien Régime, die ihre alten Vorrechte wieder installieren wollen, Kantone mit Landsgemeinde-Tradition sowie 1798 befreite ehemalige Untertanengebiete, die angesichts vielfältiger finanzieller zentralstaatlicher Abgaben sich nun auf die Seite der Aufständischen stellen. Vielfach sind diese nur dürftig mit Knüppeln und Stecken bewaffnet, was zu einer kreativen Bezeichnung dieses Kriegs führt, und viele von ihnen aus der Innerschweiz erinnern sich nostalgisch an das Ancien Régime, das im Gegensatz zur Gegenwart weder staatliche Schulden noch Steuern gekannt hatte.
Es ist eine «buntbewaffnete Horde aus den untersten Klassen des Volkes zusammengeschart; berauscht, jauchzend und johlend, mit Säcken und Körben, die durch Plünderung der Reichen gefüllt werden sollten. Da flammte keine Begeisterung für Volksrecht, Freiheit und Vaterland. Aussicht auf gute Beute, Wein und Geld: das waren die wirklichen Hebel, welche diese Massen bewegten», notiert Heinrich Zschokke, als er die Aufständischen vorbeiziehen sieht.33 Vor diesem Mob flieht die helvetische Regierung nach Lausanne; in Bern installieren die Patrizier wieder die alte Republik und deklarieren den Aargau erneut zum Untertanenland.34
Ende September wendet sich das Blatt erneut: Als sich die helvetische Regierung vor den Föderalisten über den Genfersee absetzen will, trifft ein Erlass Napoleons ein. Er fordert die Kantone auf, die Regierung in Bern aufzulösen, ebenso die Ansammlungen von Steckli-Kriegern, die helvetischen Behörden wieder einzusetzen und umgehend Delegierte zu einer Consulta35 nach Paris zu schicken. 45 Unitarier und 18 Föderalisten pilgern nach Paris und haben dort nichts zu sagen: Napoleon händigt ihnen am 19. Februar 1803 die Mediationsakte zur Unterschrift aus.
Mit der Mediationsakte wird die Eidgenossenschaft wieder zum Staatenbund, erneut mit einer Tagsatzung und einem Landammann an der Spitze. Enthalten sind die Verfassungen der nun 19 Kantone sowie in Artikel 20 eine Bundesverfassung – zu den 13 alten Kantonen kommen neu Aargau, Thurgau, St. Gallen, Tessin, Waadt und Graubünden dazu.36
Damit ist die Helvetische Republik Geschichte – folgenlos bleibt sie im Urteil der jüngeren Geschichtswissenschaft jedoch keineswegs. Als «Laboratorium der Moderne»37 im Übergang zum liberalen Bundesstaat 1848 sieht sie etwa der Historiker André Holenstein.
Helvetische Beamte gibt es nun nach dem Ende des ersten Nationalstaates auf Schweizer Boden keine mehr. Dafür den Aargau als neuen Kanton, und dort quartiert sich Heinrich Zschokke nun ein. Die Mediationsakte taxiert er in seiner Rückschau zwar als «weises Werk»38, die Realität im neu formierten Staatenbund zeigt jedoch auch lange, dunkle Schatten. Nach den Verfassungen der Mediation gibt es in der Eidgenossenschaft zwar keine Untertanengebiete und keine Privilegien von Geburt mehr – die Macht, diesen Verfassungsgrundsatz in den Kantonen auch durchzusetzen, hat der Bund jedoch nicht; zahlreiche Verfassungsverstösse sind die Folge. Das Wahlrecht ist in verschiedenen Kantonen abhängig von Vermögen und Konfessionszugehörigkeit. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit ist nicht gewährleistet, und von Pressefreiheit ist in der Mediationsverfassung keine Rede mehr. Von einer «reaktionären Zeitströmung»39 in der Helvetik spricht denn auch der Historiker Ernst Bohnenblust. In dieser Situation gelangt eine eindringliche Aufforderung bis zu Heinrich Zschokke: «Treten Sie noch einmal als ‹Schweizerbote› hervor wie vor fünf Jahren mit ihrem Volksblatt. Belehren Sie die Leute von dem Schatz der Freiheit, den man ihnen erkämpft hat; die Leute kennen ihn noch nicht. Wenn sie ihn aber kennen gelernt haben, lassen sie ihn nicht wieder von herrschsüchtigen Schlauköpfen sich aus den Händen locken. Sie werden ihn festhalten und zu vermehren wissen.»40 So feiert der Schweizerbote im Jahr 1804 Wiedergeburt, zensurbedingt unpolitischer als in seinem ersten Leben während der Helvetik, als Ratgeber für die ungebildete Landbevölkerung, eine Art Schweizerischer Beobachter41 für Bauern. Das ist den politischen Zeitläuften geschuldet: Nach dem Sturz Napoleons etabliert sich das «Restaurationssystem Metternichs»42und die Eidgenossenschaft erhält 1815 einen massgeschneiderten Bundesvertrag, in dessen optischer Umsetzung eine Helvetia mit Rutenbündel sowie Winkelried und Willhelm Tell Einigkeit und Souveränität von neu 22 Kantonen symbolisieren43 – die Vorstellung des nationalen Einheitsstaats, wie ihn die Helvetik propagiert hatte, ist zertrümmert, die vorrevolutionären Verhältnisse sind weitgehend wiederhergestellt.
Heinrich Zschokke kämpft von Aarau aus mit subversiven Mitteln gegen Restauration und Zensur.
Der Epochenbegriff Restauration und dessen Programm gehen auf die mehrbändige Schrift Restauration der Staatswissenschaft des Berners Karl Ludwig von Haller zurück, eines katholischen Konvertiten, der dem aufklärerischen Ideal seines Grossvaters Albrecht von Haller das Gottesgnadentum des Adels entgegensetzt.
Die Erweiterung der Eidgenossenschaft spiegelt sich auf der Frontseite seines Schweizerboten in der steigenden Anzahl von Kantonswappen unter dem Schweizerkreuz – Zschokke hält seine Vision vom Einheitsstaat wie auch den nationalen Anspruch seiner Zeitung gleichermassen hoch, bei Letzterer manches Mal zusätzlich geschmückt mit Zensurlücken.44 Das kommt nicht von ungefähr. Der Aargau, Zentrum seines politisch-publizistischen Wirkens, entwickelt sich zu einer Art Blaupause für den späteren Nationalstaat unter dem Schweizerkreuz. Der Kanton war 1803 aus vier kaum verbundenen Regionen zusammengewürfelt worden – ein Gebiet ohne gemeinsame Geschichte, ähnlich der Frühzeit der modernen Schweiz. Er durchlebt «von 1815 bis 1830 eine Epoche des inneren Werdens, Aufbruchs, die zur Blütezeit des Staates führte».45 Mittendrin steht Heinrich Zschokke, dieser «Erbwalter der Ideen der Aufklärung im Kanton Aargau»46: Er nimmt Platz im Grossen Rat, wird Teil der obersten Staatsgewalt, profiliert sich als Kämpfer für eine Pressefreiheit, die in der Helvetik Versprechen geblieben, die Napoleon nie zu gewähren gewillt und die nach dem Wiener Kongress in der aargauischen Verfassung toter Buchstabe geblieben war.
Nach der Niederlage Napoleons werden am Wiener Kongress unter Führung des österreichischen Aussenministers Fürst Klemens von Metternich die Grenzen europäischer Staaten neu gezogen.
Ein einig Vaterland durch Bundesstaat und Zentralregierung sowie Volksaufklärung zu einer politisch mündigen Bürgerschaft durch Pressefreiheit: Auf diese Säulen fokussiert sich immer drängender das Denken und Wirken des Heinrich Zschokke. Was bürgerliche Freiheit für jedermann bedeutet, bringt er einmal in seinem Schweizerboten zu Papier: «Du hast bürgerliche Freiheit, wenn du, so gut wie jeder, treiben kannst, was die Gesetze erlauben.»47Eine Vision über einen Schweizer Bundesstaat mit sieben Bundesräten bringt er im Jahre 1824 in gedruckter Form48 unter das Volk. Er spricht vom «Bundesrath» als «Retter-Behörde des Vaterlandes», als führender Instanz im Kriegsfall, bestehend aus dem Vorsitzenden des turnusmässig wechselnden Vororts und «sechs eidsgenössischen Repräsentanten».49 Vier Jahre später bringt er in seinem Schweizerboten eine Art politisches Glaubensbekenntnis über die Zukunft des Landes zu Papier. Dort heisst es etwa: «Ich glaube an einen Bund, der da verbindet alle Schweizer
Abb. 4: Schatz der Freiheit: Schweizerbote mit Zensurlücke, 1825
in der Freiheit. Und an alle 22 Stellvertreter dieses Bundes, in der Gestalt von Kantonen, welche entstanden sind in den Wirren der Zeit und nur durch ihre Verbindungen in der Einheit des Bundes Bedeutung erhalten haben. Ich glaube an die öffentliche Meinung, eine heilige Stimme des Volkes. Ich bin überzeugt, dass die Zeit den Schweizerbund kräftigen wird.»50 Und als er im Wonnemonat Mai des Jahres 1829 vor der Helvetischen Gesellschaft51 steht, will er solchen Worten Nachdruck verleihen, geisselt die Zwietracht im Land und fordert eindringlich Land und Leute auf, sich endlich zu einer Nation zusammenzufinden. Diese Frage wird vor 1830 freilich nur in privaten Gesellschaften erörtert, eine wirklich öffentliche Debatte darüber findet nicht statt.52
