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Tim Thomson, jung, gutaussehend, erfolgreich, Profikicker, trifft im Urlaub in Rio de Janeiro auf den mittellosen Straßenjungen Gabriel, der nur den täglichen Überlebenskampf in den Favelas und bittere Armut kennt. Zwei Welten prallen aufeinander, eine zarte Lovestory nimmt ihren Anfang und stellt die zwei Jungs vor die härteste Probe in ihrem Leben. Zwischen gnadenlosen Gangstern, korrupten Polizisten und jeder Menge prickelnder Romantik unter der Sonne Südamerikas entspinnt sich ein freches Coming-of-Age-Drama der etwas anderen Art. Rio Adoro lädt Sie ein, die aufregendste Stadt der Welt neu zu entdecken, mit Erotik, Humor, Thrill & Crime und zwei Titelhelden, die Sie im Fußballumdrehen ins Herz schließen werden!
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gay Romance
Copyright © Holly Bell, 2022
Cover by Kts/Dreamstime.com
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
Alle Handlungen, Namen und Lokalitäten in dieser Geschichte sind frei erfunden. Diese Story beinhaltet Sexszenen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, die für Leser unter 18 Jahren nicht geeignet sind. Im wirklichen Leben gilt natürlich immer das Safer-Sex-Prinzip.
E-Mail: [email protected]
Über den Autor:
Holly Bell ist das Pseudonym zweier Autoren, D. Holly und Eden Bell. Sie vereinen das Beste aus beiden Ländern, Deutschland und Österreich und sind im Hardcore-Bereich genauso zuhause wie auch im Romance-Sektor. Neben der Wiederveröffentlichung bekannter Klassiker ist auch der Release von neuen Romanen und Serien geplant.
Gabriel
Auf der Straße liegen noch die Blumen von letzter Nacht. Es ist der erste Januar und es regnet, als wäre der Himmel offen. Willkommen in Rio, der Stadt der geplatzten Träume. Wenn Gott den Plan hatte, eine perfekte Welt zu erschaffen, dann hat er alle Fehlversuche und gescheiterten Experimente in die Slums von Rio verbannt. Zumindest, wenn man nicht reich ist. Mein Name ist Gabriel und das ist alles, was ich über mein bisheriges Leben sagen kann. Ich weiß weder, wie alt ich bin, noch wer meine Eltern waren oder ob ich Geschwister habe. Aufgewachsen bin ich in Rocinha, einem Stadtviertel von Rio, das zwar über den Rest der Stadt blickt, aber ärmer ist als jeder Straßenköter, denn nichts zu haben ist hier kein Ausnahmezustand, sondern die Lebenseinstellung. Die Favela, aus der ich komme, thront auf einem Berghang und hat so gar nichts Majestätisches an sich. Überlebt habe ich meine Kindheit nur, weil ich in einer Fabrik für Edelsteingravuren eine Maschine bedient und somit eine Funktion erfüllt habe. Der Weg zur Arbeit war ein täglicher Kampf ums Überleben, denn wenn man Brasilianer und arm und Arbeiter ist, hat man mehr als viele andere und das ist nie gut. Die Schule war nie ein Thema, weil ich ja nicht einmal weiß, ob ich für den brasilianischen Staat überhaupt existiere. So etwas wie Papiere über mich existieren nicht. Das Waisenhaus vermisse ich nicht, auch nicht die anderen Kids, denn ich war immer ein Einzelgänger. Wenn ich mich durch meine Jugend klaue – ich schätze wenn ich in den USA leben würde, dürfte ich bereits den Führerschein machen – dann tue ich das für niemanden, außer für mich. Ich will keinen Vorgesetzten, der mir vorschreibt, wie viel und wo ich zu stehlen habe. Freunde gibt es hier keine oder zumindest glaube ich nicht daran. Ich wurde geschlagen, wenn ich in der Fabrik zu langsam war oder wenn die Aufseher mal wieder Bock darauf hatten. Ich habe nie geweint, denn das steht mir nicht.
Ich kenne den Geschmack von Blut und dieser Tag riecht danach. Aber gut, ich erzähle noch etwas mehr über mich.
Ich habe keinen Job mehr. Verloren habe ich die Anstellung in der Fabrik vor zwei Jahren. Es geschah ohne Vorwarnung. Offiziell hieß es, dass es Sparmaßnahmen sind. Am Arsch! Bezahlt bekam ich nur ein miserables Essen und einmal im Jahr neue Kleidung, so viel zum Thema Sparen. Heute gibt es die Fabrik nicht mehr, ich habe gehört, solche Arbeiten werden jetzt in China in noch größeren Firmen und kostengünstiger gemacht.
Ich habe nichts außer der Hose und dem Jurassic-Park-T-Shirt, das ein Tourist mal Strand vergessen hat. Womit wir schon beim Thema Stehlen sind. Lohnen tut sich meine neue Beschäftigung nur dann, wenn ich am Markt in Santa Tereza auf unaufmerksame Marktgeher treffe, die zu sehr damit beschäftigt sind, ihre Centavos zu zählen, denn dann ist es ein Leichtes, Obst und Gemüse zu klauen, um den Tag zu überstehen und nicht zu verhungern. Der Vorteil ist natürlich, dass man immer eine Topfigur hat und nie ein Fitnessstudio braucht.
Der einzige Sport, den es hier gibt, ist Fußball und der ist kein Medienspektakel, sondern Streetlife pur. Die Kids treffen sich, kicken, labern, vertreiben sich die Zeit und hoffen, dass man selbiges am nächsten Tag gesund und munter wiederholen kann. Und nicht in einem Leichensack endet.
Die Kriminalität ist nicht nur ein großes Problem, sie ist das tägliche Brot. Deshalb bleiben die Touristen ja gerne in den noblen Gegenden und sehen dort weg, wo das Leid am größten ist. Ich versteh’s ja, keiner will Leute verhungern sehen, wenn er tausende von Dollars oder Euros für seinen Urlaub ausgibt.
Die Favelas sind keine heruntergekommenen Behausungen, es sind Hilfeschreie, die niemand erhört. Wenn es im Juli oder August nachts richtig kalt wird, hilft auch der dickste Karton zum Zudecken nichts. Dann friert man und das ist nicht morgen vorbei, denn die kalten Nächte kommen immer wieder. Viele hängen sich alte Klamotten vor die Schachtelhäuser. Wer Glück hat, besitzt Behausungen aus Sperrholz, obwohl das mit der Zeit auch morsch wird.
Um nochmal zu den Touris zurück zu kommen, auch da hat sich in den letzten Jahren vieles geändert. Viele wissen sich zu verteidigen, wenn man ihnen die Brieftasche klaut, die meisten sichern sie mit einer Kette, es ist nicht mehr ganz so einfach wie früher einmal. Manche der alten Cariocas, also Einwohner Rios, erzählen, dass man sich gerade an den Badegästen prima bereichern konnte. Diese Zeiten sind vorbei. Auch dumme Touristen lernen irgendwann dazu und werden vorsichtiger.
Wenn ich morgens aufstehe und das Glück habe, im Müll halbvolle Limo- oder Wasserflaschen zu finden, ist es ein guter Tag. Das Gefühl, nichts im Magen zu haben, gehört zu meinem Leben wie die Luft zum Atmen. Ich kenne nichts anderes. Aber das ist mir egal. Wenn ich aus der Ferne beobachte, wie die Reichen und Schönen ihre fetten Autos besteigen und zum Shopping fahren oder sich riesige Burger rein stopfen, denke ich mir manchmal, dass vielleicht eines Tages die Zeit kommen wird, wo auch wir Armen Glück haben und nicht mehr am unteren Glied der Nahrungskette herumgammeln müssen. Ich habe mal aus einem alten, knatternden Radio am Strand eine Sendung gehört, in der es um Europa ging und der Sprecher erzählte, dass es da viel mehr Gerechtigkeit und eine bessere Verteilung der Güter gibt und so. Klingt ja wie ein Märchen, aber vielleicht stimmt es ja. Nicht dass ich da jemals hin könnte, aber träumen darf man ja.
Gestern war wie gesagt Silvester und in meinem kleinen Haus aus Schuhkartons ist das Wasser teilweise kniehoch gestanden. Draußen gab’s das Fest zu Ehren der Meeresgöttin Lemanjá, also für die, die religiös erzogen wurden und natürlich für die Touris. Ist ein nettes Spektakel, wo Blumen ins Meer geworfen werden, aber ich hab mit Religion nix am Hut. Ich hab mir ein Sandwich geholt, das ein älterer Kerl mit Anzug in die Tonne geworfen hat. Ein Festessen für einen Feiertag. Eine weitere Chance zu überleben.
Mache mich also auf den Weg nach Santa Tereza, lasse mich beregnen, denn nasser als nass kann man eh nicht werden und beobachte einen Obsthändler, der mit seinem Fahrrad und einem Anhänger die Straße entlang fährt. Was mich daran erinnert, dass ich mir als Kind lange Zeit gewünscht habe, auch mal ein Fahrrad zu haben. Ich durfte einmal mit einem fahren, aber das ist schon eine Ewigkeit her. Ein Arbeitskollege aus der Fabrik hat mich damals mit zu sich nach Hause genommen, aus Dankbarkeit, weil ich seine Schicht übernommen und sein Kontingent eingearbeitet habe, weil er krank war. Ich habe es nicht aus Hilfsbereitschaft gemacht oder weil ich eine soziale Ader habe, sondern weil ich wusste, dass er von seinem Vater eine Eigentumswohnung in Botafogo geerbt hat. Und weil es in der Fabrik die Runde machte, dass er großzügiger als die anderen sei. Diesen Nachmittag werde ich nie vergessen, weil ich zum ersten Mal seit langem wieder eine ganze Mahlzeit zu mir nehmen konnte. Und weil ich mit dem Rad seines Sohnes ein paar Runden drehen durfte. Leider hat mein unschuldiger Rehaugen-Blick nicht für eine längerfristige Freundschaft gereicht, aber immerhin hatte ich danach meinen Bauch voll und konnte mal wieder durchpennen ohne ständig mit Magenkrämpfen aufzuwachen.
Eine Zeitlang habe ich versucht, meine Jugend und meine Männlichkeit an Touris zu verkaufen, aber ich hatte schon am zweiten Abend ein Erlebnis, das mich belehrt hat. Ich geriet an einen bärtigen Weißen, der mir zwar ein paar Real geboten hat, aber mehr wollte als nur Sex, nämlich mein Leben. Ich hatte mehr Glück als Verstand, als ich aus seinem Hotelzimmer getürmt bin. Der Irre hatte einen Koffer voll Messer und Skalpelle dabei und faselte irgendwas in einer fremden Sprache. Ich werde seinen wahnsinnigen Blick nie vergessen. Wenn es so etwas wie Schutzengel gibt, dann hatte ich in dieser Nacht definitiv mehr als einen.
Ich vertraue niemandem. Keinem Fremden und auch nicht den Boys, mit denen ich ab und zu Fußball spiele. Jeder ist sich selber der nächste. Das ist mein Codex. Das gilt natürlich überall auf der Welt, aber in Rio besonders.
Was ich mir wünsche? Ich kenne Bilder von Hotels, die so edle Badezimmer haben, dass ich es nicht mal wagen würde, dort einen Fuß rein zu setzen, aber ich würde viel geben, um eines Tages mal eine richtig heiße Dusche erleben zu dürfen, in einem sauberen Bad. Kein Hilton und kein Marriotts, aber einfach warmes Wasser und irgendeine Seife, die gut riecht.
Der Vorteil ist, wenn man arm ist, dass sich weder Mädels noch Jungs für einen interessieren und dass man sich nicht mit Beziehungsstress und Liebesquatsch herumärgern muss.
Ich habe mich als Kind mal in ein Kino geschummelt und ein paar Minuten von einem Hollywoodfilm gesehen. Es war eine Szene, in der sich zwei sehr schöne Menschen geküsst haben. Von daher weiß ich natürlich, wie so etwas geht, aber selber erleben werde ich so etwas wohl nie. Das hektische Lecken eines Freiers vor einer gefühlten Ewigkeit zähle ich nicht dazu.
Hunger! Ja, er meldet sich und ist da und zeigt mir ziemlich deutlich, wo es lang geht. Die Kaktusfeigen auf dem Anhänger des Obsthändlers sehen verdammt gut aus und ich weiß, dass ich es riskieren soll. Weil ich schnell und verdammt gut bin. Der Mann ist bestimmt nicht mehr so beweglich, er sieht aus, als hätte er die beste Zeit seines Lebens bereits hinter sich. Scheiß drauf, ich mach’s!
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite sehe ich ein paar Touristen mit ihren Regenschirmen. Touris fallen so auf. Das ist so dermaßen klischeehaft. Wie sie sich bewegen, wie sie reden, wie sie die Gegend checken, einfach alles. Irgendwo hört man eine Sirene heulen. Ich sprinte los. Ignoriere einen Schmerz in der linken Wade, presche vor und schnappe mir drei Feigen aus dem metallenen Anhänger. Eine davon fällt mir runter, als ich sie in die Hosentasche stecken will. Egal, bleiben noch zwei. Im Bruchteil einer Sekunde mache ich kehrt und laufe in die andere Richtung davon. Ich höre nur, wie der Obsthändler stehen bleibt und flucht und zumindest versucht, die Verfolgung aufzunehmen. Dann strauchle ich, falle beinahe hin, fange mich aber wieder und laufe so schnell ich kann in eine Seitengasse, die mich hoffentlich in Sicherheit bringen wird. Ich befinde mich nicht mehr auf meinem vertrauten Terrain, dies ist eine Gegend, die ich bei weitem nicht so gut kenne wie Rocinha. Ich stoße aus Versehen eine Mülltonne um, kollidiere beinahe mit einer abgemagerten Tigerkatze und biege am Ende der Gasse um die Ecke. Aus einem Bauchgefühl heraus entscheide ich mich für links. Ich müsste dann irgendwann wieder in die Richtung kommen, aus der ich gekommen bin. Ich merke erst spät, dass ich verfolgt werde. Es ist aber nicht der pensionsreife Obsthändler, sondern es sind drei weiße Kerle um die 30, die zivile Bullen sein könnten. Hab aber keine Zeit, um darüber nachzudenken. Ich renne, als wäre der Teufel hinter mir her.
Meine Lungen brennen, der Regen peitscht mir ins Gesicht, es riecht nach Fisch und verfaulten Bananen. Irgendwo geht der Kanal über. Shit, mein Bein schmerzt! Wie ein Blitz fährt ein Stich durch meine Wade und ich knicke kurz ein. Lange genug, dass die drei Männer aufholen können. Warum, verdammt nochmal, jagen sie mich? Wegen der Feigen? Am liebsten würde ich stehenbleiben und ihnen die Fressen polieren, aber ich schätze mal, dass ich mit meinem Fliegengewicht und den schmächtigen Armen nicht viel ausrichten werde.
Aus dem Nichts heraus spüre ich, wie eine Hand mich am Genick packt und mich zu Boden stößt. Fuck. Ich bin am Arsch! Ich stütze mich ab, um den Fall abzufedern, aber ich habe verloren. Das war’s dann, Gab! Es war ein beschissenes, kurzes Leben. Keine Ahnung, was die Drei vorhaben, aber ich schätze mal, sie wollen mich nicht auf ein Happy Meal einladen.
Ich öffne die Augen und sehe in drei grimmige, weiße Gesichter. Sie beschimpfen mich auf Portugiesisch und treten mich mit ihren schwarzen Sneakers.
Es dämmert, als ich den ersten Schlag in die Fresse kriege. Ich schmecke Blut. Der eine mit dem Ziegenbart hat Power, das muss man ihm lassen. Dann höre ich nur mehr ein Hupen aus der Ferne.
Tim
Geil. Das Leben kann so schön sein. Ich meine, mir ist ja nicht wirklich etwas zugeflogen in meinem Leben, aber die Idee, mich selbst mit einem Trip in die Metropole Rio de Janeiro in der Winterpause zu belohnen, ist genial. Ich habe ja nicht umsonst mein halbes bisheriges Leben auf dem Fußballplatz und im Fitnessstudio verbracht. Und letztes Jahr habe ich es dann endlich geschafft und einen Dreijahresvertrag beim FC Soccer Münster in der zweiten Liga bekommen. Da ich auch den Sprung in die deutsche U21 geschafft habe und einen kleinen Werbevertrag abschließen konnte, verdiene ich nicht schlecht und außerdem bin ich auf dem Scout-Zettel diverser Bundesligisten. Und da ich ja nun nicht gerade Mindestlohn verdiene, habe ich jetzt die Chance, mal etwas von der Welt zu sehen und einen auf dicke Hose zu machen. Also zwei Wochen nach Brasilien mit der Kreditkarte in der Tasche. Vor einer Woche habe ich in einem Fünf-Sterne-Hotel eingecheckt, welches natürlich direkt an dem vier Kilometer langen Sandstrand der Copacabana liegt. Schöner Balkon in Richtung Strand und eine Fensterfront mit Blick auf die Favelas. Sicher haben diese auf den Granitfelsen befindlichen Armenviertel eine Faszination, aber mir vorzustellen, dass da wirklich ein Großteil der Bevölkerung wohnt … krass! Da bin ich schon froh, dass ich aus Deutschland komme, wo es solch ein Elend nicht gibt.
Es gibt hier zwar Führungen durch die Armutsviertel von Rio, aber es wird einem eigentlich von jedem abgeraten, an diesen Führungen teilzunehmen. Zu gefährlich, sagt man.
Gestern war Silvester. Was hier abgeht in der Silvesternacht kann man gar nicht beschreiben, also versuche ich es auch gar nicht erst. Nur so viel, den Blick von meiner Suite im fünften Stock werde ich mein Leben lang nicht mehr vergessen! Nachdem ich mich ausgeschlafen habe, mache ich mich auf den Weg runter in das edle Hotelrestaurant. Die ersten Tage hat es mich echt genervt, dass alle Tische hier für zwei gedeckt sind, aber inzwischen räumen die freundlichen Servicekräfte sofort ein Gedeck weg, wenn ich den Frühstücksraum betrete. Ich bin halt Single und Einzelkämpfer und lebe für meinen Traum.
Ich hatte vor zwei Jahren mal eine Freundin für ein paar Wochen, die hat mich aber nur genervt und was am Sex mit Weibern so toll sein soll, hat sich mir nie erschlossen. Alles an ihren Körpern ist weich und wenn man sie an den falschen Stellen oder zu grob berührt, ist die Stimmung gleich im Eimer. Und dann noch dieses ständige „ich bin zu fett“ oder „meine Nase ist schief“! Dazu noch dauernd „hab meine Tage“, „ich hab Kopfschmerzen“ oder „du willst immer nur ficken“. Als ich sie nach nicht ganz einem Monat in den Wind geschossen habe, hatte ich Kopfschmerzen. Da wichse ich mir lieber selbst einen!
Nachdem ich mich mit Kaffee, Lachs und anderen Köstlichkeiten gestärkt habe, mache ich mich auf den Weg zur Rezeption. Schließlich ist heute der Tag, an dem ich mir ein Cabrio leihe, um mal etwas durch die Stadt zu cruisen.
Also den Schlüssel an der Hotelrezeption abgeholt und noch schnell aufs Zimmer zum Umziehen. Muskelshirt an und eine leichte Shorts, dazu Sneakersocken und die Adidas Schuhe, in die ich mir an den Seiten meine Initialen hab einsticken lassen. Schnell noch das Bündel Geld eingesteckt und die Ray Ban Sonnenbrille auf die Nase. Ein Blick in den Spiegel. Check! Dann runter in die Garage. Da steht das rote Prachtstück. Scheiße, was für eine geile Karre! Ich sollte wohl darüber nachdenken, mir echt mal so ein BMW M6 Cabrio zuzulegen, aber ich habe meine ersten, fetten Gehälter in eine Eigentumswohnung investiert, also muss dieses Luxusgut noch etwas warten. Ich werfe den Wagen an und genieße das geile Heulen des Motors, ja ich bekomme von dem Sound sogar einen Harten.
Raus in die Stadt und ich sehe, wie selbst die anderen Touristen mich neidisch anschauen. Ich fahre etwas durch die City und habe dabei immer die Favelas im Blick. Ich merke, wie dankbar ich eigentlich sein kann, mit Talent und im richtigen Land auf die Welt gekommen zu sein. Ich stehe an einer roten Ampel, als ich plötzlich mitbekomme, wie an einer Straßenecke drei weiße Männer einen schwarzen Jungen packen und ihn zu Boden werfen. Danach schlagen sie auf ihn ein.
Mein Verstand sagt mir, dass es mich nichts angeht, aber als der eine ihm ins Gesicht tritt, kann ich nicht länger wegschauen. Ich versuche sie zumindest erst einmal mit einem Hupen kurz abzulenken und hoffe, dass es dem Jungen vielleicht gelingt zu fliehen. Aber keine Reaktion. Ich hupe erneut, diesmal energischer.
Einer der Schläger dreht sich um und schaut in meine Richtung. Dann kommt er auf meinen Wagen zu. Inzwischen stehen diverse Touristen um die prügelnde Meute und machen Fotos. Was für ein asoziales Pack, denke ich nur.
Der weiße Schläger steht jetzt neben meinem Leihwagen und ich zittere etwas.
„Gibt es ein Problem, Sir?“, fragt er mich.
Es scheint so, als würde mein edler BMW etwas Eindruck machen. Als ich gerade zum Antworten ansetzen will, zieht er aus seiner Tasche ein Lederetui und zeigt mir seine sich darin befindende Polizeimarke. Ich schlucke.
„Was hat denn der Mann verbrochen, dass Sie ihn so zurichten?“ Ich staune selber über meinen Mut.
„Er hat Lebensmittel von einem Marktwagen gestohlen.“
Ich denke nach. Der Arme hat sicher Hunger und kommt aus einer der Favelas. Ich schaue nochmal rüber. Die anderen beiden Polizisten haben aufgehört auf ihn einzuschlagen.
Er liegt da. Seine Augenbraue blutet ebenso wie sein Mund. Dazu hat er den Dreck der Straße im Gesicht. Die zwei Bullen stehen grinsend über ihm, als der größere der beiden aus der Hose einen Kabelbinder zieht und dem schwarzen Boy die Hände brutal auf den Rücken dreht.
Der Bursche schreit laut.
„Was erwartet ihn als Strafe?“, frage ich den Zivilpolizisten.
„Das entscheidet der Richter, aber das ist nur ein junger Mann aus der Favela, die werden meist hart bestraft“, erklärt der Bulle und grinst dabei arrogant.
Ich schnaufe. „Okay, gibt es eine Möglichkeit, dass Sie den Jungen gehen lassen?“
Der Polizist grinst und schaut mich an. „An was haben Sie gedacht?“, fragt er mich und reibt dabei die Finger aneinander, was klar macht, dass er Kohle will.
Ich nicke nur. „Wie viel?“
„Naja, er ist nur ein Favelajunge. Gib mir fünf Blaue und es passt.“
Er hält die Hand auf und ich ziehe mein Bündel Scheine aus der Tasche. Mir ist klar, er meint fünf 100 Real Scheine, was umgerechnet etwa 120 Euro sind. Ich bin mir sicher, der Preis wird dadurch beeinflusst, dass ich in einem fetten Cabrio sitze.
Ich gebe ihm die fünf Scheine und der Kerl steckt sie sofort weg. Dann geht er zu seinen Kollegen und der Hüne unter ihnen zieht ein Messer, um den Kabelbinder durchzuschneiden.
Dann verschwinden sie und lassen den schwarzen Boy einfach stehen. Er hat wackelige Beine und schaut mich unsicher an. Ich deute ihm mit einer Kopfbewegung, dass er näher kommen soll.
Erst jetzt sehe ich, dass es sich um ein richtiges Prachtexemplar handelt. Ein bildhübscher, junger Mann.
„Wie heißt du?“
„Gabriel“, antwortet er und schaut mir dabei nicht einmal in die Augen.
„Alles klar mit dir?“
Er nickt nur und greift sich an die Tasche seiner verdreckten Hose. Er holt zwei Feigen hervor und beginnt zu lächeln. Ich schlucke.
War das der Grund? Zwei lumpige Feigen?
Dann steckt er sie wieder weg. „Was immer Sie dem Bullen gegeben haben, ich werde es Ihnen nicht zurückgeben können, Sir“, stellt er unsicher fest. „Es tut mir leid.“
Ich fühle mich schlecht. Da steht dieser attraktive Bursche, vielleicht etwas jünger als ich, und entschuldigt sich dafür, dass ich dafür gesorgt habe, dass die Bullen ihn nicht totschlagen.
„Schon okay, Kleiner. Schöner Name übrigens. Du siehst aus, als bräuchtest du mal eine Dusche. Soll ich dich heimbringen?“
Er lacht. „Das ist sehr nett von Ihnen. Aber sehe ich so aus, als hätte ich ein Zuhause oder eine Dusche?“ Er wird ernst.
Und ich fühle mich von Sekunde zu Sekunde schlechter, obwohl ich gar nichts Schlechtes getan habe. „Du kannst bei mir duschen und etwas essen, wenn du willst.“
Er zögert sichtlich. „Und was soll ich dafür tun?“
Was für ein schlechtes Menschenbild hat dieser junge Mensch bitte? Alles, was man für ihn tut, ist für ihn anscheinend mit einer Gegenleistung verbunden.
„Du brauchst gar nichts machen. Steig einfach ein und wir fahren in mein Hotel. Du kannst duschen, deine Klamotten waschen und dich satt essen. Dann kannst du wieder verschwinden. Keine Verpflichtung. Einfach nur, weil ich denke, du kannst es mal brauchen und außerdem will ich deine Wunden desinfizieren, sonst wirst du krank“, sage ich jetzt etwas energischer.
Er überlegt kurz und steigt dann ein. Ich fahre los in Richtung Hotel, da es auch langsam dunkel wird und ich mir sicher bin, dass es keine gute Idee ist, bei Dunkelheit noch in dieser Gegend zu sein.
Der Kleine krallt sich in die Griffe an der Tür. Spannt alle seine Muskeln an.
Ich frage mich, ob er schon jemals in einem Auto gesessen hat.
Gabriel
„Frohes, neues Jahr!“, sage ich leise. Mein Kopf ist am Explodieren, die Schürfwunden und Stellen, wo ich getreten wurde, schmerzen höllisch, aber ich bin in Sicherheit. Wir verständigen uns auf Englisch. Ich denke an Filipe, den einzigen Menschen, der mir je etwas bedeutet hat. Von ihm habe ich wichtige Lektionen in Sachen Überleben auf der Straße gelernt, und quasi als Draufgabe einige Brocken Englisch. Er starb vor zwei Jahren, nein, keinen Heldentot. Er war zur falschen Zeit am falschen Ort und wurde von einem Bus angefahren, starb dann noch an der Unfallstelle. Filipe war ein alter Mann, der in der gleichen Favela lebte wie ich. Er hatte keine Familie und wenn ich je so etwas wie Freundschaft erlebt habe, dann durch ihn.
Ich habe nie um ihn getrauert, weil ich weiß, dass er jetzt an einem besseren Platz ist.
Die Scheibenwischer machen ein nerviges Geräusch. Aber es fühlt sich gut an, in diesem weichen Autositz zu sein. Aus den Augenwinkeln beobachte ich den weißen Kerl, der mir den Arsch gerettet hat. Er ist etwas älter als ich, sieht verdammt gut aus, für ein Weißbrot, hehe, und obwohl er sicher jede Menge Kohle hat, scheint er ein geerdeter, cooler Typ zu sein. Viele Reiche lassen das so raushängen, dass ihnen die Welt gehört, dass es zum Kotzen ist.
Er wirkt auch nicht so, als wäre er überheblich genug, um zu glauben, dass er uns Brasilianer versteht, nur weil er irgendwann mal den FilmCity of Godgesehen hat. Kenne den Film klarerweise nicht, aber Filipe hat oft gesagt, dass er keine gute Werbung für unsere Stadt sei.
Woher das Weißbrot kommt? Ich schränke es mal auf zwei Länder ein. England oder Deutschland. Seine Haut ist weiß wie Schnee, sein Gesicht frisch rasiert, er duftet nach irgendeinem Wässerchen, für das bestimmt ein Hollywoodstar Werbung macht. Seine Haare sind kurz, aber nicht so kurz wie bei einem Soldaten, und von der Farbe her dunkelbraun. Er hat Muckis, das lässt ihn größer erscheinen als er in Wirklichkeit ist. Er trägt schicke Klamotten, aber das beeindruckt mich wenig.
Nein, er ist kein Irrer. Das spüre ich. Wobei man ja nie weiß, was für Fetische die Europäer haben. Im Autoradio läuft ein Popsong, den ich irgendwo schon mal gehört habe. Ich esse eine der beiden Feigen und hoffe, nix von dem feinen Stoff der Sitzbezüge vollzukleckern.
„Du bist definitiv lebensmüde. Einer gegen drei ist kein fairer Kampf“, sagt das Weißbrot. „Mein Name ist Tim.“
Ich schaue aus dem Fenster. „Ich hätte die drei Bullen locker fertig gemacht, wenn ich nicht vorher hingefallen wäre.“ Er soll nicht denken, dass ich ein Schwächling oder Loser bin. Ich kann gut auf mich selbst aufpassen.
Tim schmunzelt. Er lenkt das Cabrio geschickt durch den Abendverkehr.
Wir nähern uns dem Touristenviertel. Nach weiteren zehn Minuten befinden wir uns unmittelbar neben dem Ipanema Strand. Hier hatte ich mal eine Schlägerei mit einem Erdnussverkäufer. Fragt nicht, wie der danach ausgesehen hat.
Wir fahren weiter. Direkt an die Copacabana. Ich hätte es mir denken können. Das Belmond, nobel, nobel. Park Boy und Lobby Boy kümmern sich um das Auto und letzterer um Eiswürfel zum Kühlen. Beide sind schwarz. Aber sie haben einen anständigen Job und sicher auch ein Zuhause, daher haben wir außer der Hautfarbe nichts gemeinsam.
Erst jetzt bemerke ich, dass einer meiner Backenzähne wackelt. Shit. Dieser verfickte Bulle hat mir beim Tritt in die Fresse einen Zahn gekillt. Ich helfe mit der Zunge nach und pull‘ das Teil endgültig raus. Ist ja nicht so, dass ich ihn zum Beißen brauche, habe ohnehin nichts, was ich mir hinter den Gaumen schieben könnte.
Niemand guckt blöd, als ich mit Tim den Lift betrete. Was Geld nicht alles bewirkt.
Ich falle bestimmt auf wie ein bunter Hund. Die Touris tragen edle Anzüge, ich ausgewaschene, löchrige Fetzen, die nach Slum, Fäulnis und Schweiß riechen. Und doch interessiert es außer Tim niemanden, dass meine Fresse blutverschmiert ist und ich Abschaum von der Straße bin.
In der fünften Etage hält der Aufzug, wir steigen aus. Ich kann all die Eindrücke, die sich mir bieten, gar nicht aufnehmen. Ein Hotel wie das Belmond von innen zu sehen kommt für einen Straßenjungen wie mich dem Entdecken des Paradieses gleich. Meine Augen sehen den Luxus und den Prunk, aber mein Verstand kann damit nicht viel anfangen. Außerdem konzentriere ich mich lieber auf Tim, das Weißbrot. Im Normalfall lassen mich Typen und Weiber relativ kalt, aber dieser knackige Europäer hat irgendetwas an sich, das in meinem Bauch ein Kribbeln auslöst.
„Deutschland“, sagt Tim ganz trocken. „Für den Fall, dass du dich fragst, wo ich herkomme.“
Oha, ein Gedankenleser.
Ich nicke. „Geschäftsreise oder Urlaub?“
Das Weißbrot lacht. „So was von Urlaub.“
Zum ersten Mal seit der Begegnung auf der Straße bringe ich ein Lächeln zustande. Es fühlt sich gut an, im Trockenen zu sein. Die Suite ist größer als der Schlafsaal des Waisenhauses, in dem ich einen Teil meiner Kindheit verbracht habe.
„Setz dich, ich organisiere derweil einen Erste-Hilfe-Koffer.“ Tim zieht ein Smartphone aus seiner Hosentasche.
Ich bestaune die Möbel im Lounge-Bereich. So etwas kenne ich nur aus dem Fernsehen, wenn ich es wieder mal geschafft habe, die Security der Shoppingmall auszutricksen und dann bei den Fastfood Läden vorbeigehe, die Flachbildschirme haben, auf denen Werbesendungen laufen.
Es fühlt sich an, als würde man in ein weiches Bett aus Watte fallen, wenn man sich in einen dieser gemütlichen Sessel wuchtet. Vielleicht bin ich ja tot und das ist die Himmelspforte. Könnte doch sein. Meine Sinne sind geschärft, denn immerhin ist es möglich, dass er ein freundlicher Kannibale ist, der für seine Stammeskollegen Frischfleisch sucht. Oder die Schläge und Tritte haben mich endgültig verrückt werden lassen.
Nur langsam entspanne ich mich. Ich merke, wie sich meine Nackenhaare aufstellen, als er vor mir steht. Ich schaue ihm lange und fest in seine saphirblauen, klaren Augen. Die Zeit scheint stillzustehen. Ich bin gespannt, wer zuerst weg sieht. Wir fixieren einander. Keiner weicht aus. Ich blinzle. Er kommt einen Schritt näher auf mich zu. Ich halte den Atem an.
In der rechten Hand hält Tim einen Beutel mit Eiswürfel. In der anderen ein weißes Tuch und eine Spraydose.
Tim
Wie gern würde ich wissen, was Gabriel denkt, als er mich während der Autofahrt immer wieder mustert. Als wir vor dem Hotel ankommen und den BMW abstellen, ernten wir beim anschließenden Gang in die Suite zwar ein paar komische Blicke, aber keiner sagt etwas. Schließlich wissen ja die meisten, dass ich ein Fußballstar aus Deutschland bin. Sicher denken sie, ich habe den Kleinen als meinen Toyboy mitgenommen. Aber ich habe mir über die Jahre angewöhnt, einen Scheißdreck darauf zu geben, was andere denken. Also fahren Gabriel und ich nach oben in den fünften Stock. Gabriel hat so leuchtende Augen wie ich sie zuletzt bei der kleinen Tochter eines Freundes an Weihnachten gesehen habe, als sie ihre Lieblingspuppe geschenkt bekommt hat.
Ich mustere den Kleinen und stelle fest, dass dieser ebenholzfarbene Teint extrem sexy ist. Irgendwie ist der Name Gabriel auch passend. Ich kenne mich ja nicht so gut mit religiösen Sachen aus, aber dass der Erzengel Gabriel als Bote Gottes bekannt ist, weiß sogar ich. Wobei, heute war wohl eher ich der Engel, der ihn gerettet hat. Naja, ich bin mir sicher, dass wenn der Kleine mal die Chance bekommt sich zu pflegen und er in vernünftigen Klamotten steckt, er sicher vom Aussehen her einem Gott nahe kommt. Aber das steht hier ja nicht zur Diskussion, ich will dem Kleinen nicht noch mehr von seinem Weltbild zerstören. Andererseits habe ich wohl keine Ahnung, wie sein Weltbild aussieht.
„Setz dich da hin!“, sage ich zu ihm und er setzt sich in das Fauteuil mit Blick in Richtung Fenster.
Er hat so einen Ausblick über die Shoppingmeile der Reichen und sieht zugleich in der Ferne eine Favela.
Ich drücke ihm den Eisbeutel an die Schläfe und er zuckt kurz. „Halte ihn selbst, ich will derweil deine anderen Wunden desinfizieren.“
Er greift den Beutel und drückt ihn an seinen Kopf. Ich sprühe seine anderen Wunden mit Desinfektionsmittel ein und reinige sie so gut ich kann.
Der Kleine zuckt nicht einmal, als ich seine Wunden ansprühe.
Ich selbst hasse es, wenn ich mich verletzt habe, einfach weil es höllisch brennt.
„Hast du Hunger?“, frage ich ihn.
Er nickt nur und wie bestellt knurrt sein Magen, was mich zum Lachen bringt.
Gabriel schaut kurz verschämt und beginnt dann auch zu lächeln.
Wow, was für ein Lächeln.
„Auf was hast du denn Appetit?“
Er schaut verwirrt. „Was hast du denn?“
Ich lache. „Na alles, was du willst.“
Er schaut mich wieder beschämt an.
Ich gehe zum Telefon und bestelle an der Rezeption ein paar Sandwiches und zwei Flaschen Cola. „Wenn wir mit dem Essen fertig sind, gehst du erst mal duschen oder baden. Wie du willst. Du muffelst etwas“, stelle ich fest und kurz nachdem ich es gesagt habe, schäme ich mich auch schon dafür. Wahrscheinlich hat er gar keine Möglichkeiten für eine ordentliche Körperpflege. „Deine Klamotten sind kaputtgegangen bei der Rangelei mit der Polizei. Ich denke, meine könnten dir passen. Ich gebe dir dann, wenn du sauber bist, etwas zum Anziehen.“
Er schaut zu Boden. „Die waren schon vorher kaputt. Ich habe nichts anderes.“
Kann das denn wahr sein? Dass jemand nicht mehr hat als das, was er am Körper trägt?
Ich bekomme eine Gänsehaut. Ich gehe auf ihn zu und streiche einmal sanft über seinen Kopf. Um ihm zu zeigen, dass ich nichts Böses mit ihm vorhabe. „Na umso mehr hast du dir dann mal was Neues verdient.“
Er schaut hoch und seine Augen sind gleichzeitig dankbar und unsicher.
„Solange du hier bei mir bist, wird dir keiner etwas tun“, sage ich mit ruhiger Stimme.
Leider ist uns beiden klar, dass das hier für ihn nur eine kurze Chance ist, sich mal etwas zu erholen.
Er schaut dann auf meinen aufgeklappten Laptop, welcher auf einem kleinen Holztisch am Fenster steht. Der Bildschirmschoner, der mich mit meiner Mannschaft zeigt, ist aktiviert.
Gabriel steht auf und schaut sich das Bild an. „Bist du das?“, fragt er mich.
Ich nicke.
„Bist du so etwas wie ein Star?“
„Naja, ich bin ganz gut“, erwidere ich und blinzle Gabriel zu.
„Was steht da?“ Er zeigt auf den unteren Rand des Bildes.
Gut, dass er nicht lesen kann, trifft mich jetzt nicht ganz so überraschend.
„Mannschaft des FC Soccer Münster, zweite Liga Deutschland.“
Seine Augen leuchten. „Dann musst du ja mega berühmt und ein Millionär sein.“
Ich lache und sehe jetzt tiefe Bewunderung in seinen Augen. Wahrscheinlich ist Fußball etwas, das ihn und viele andere Brasilianer an ihr Land glauben lässt.
Es klopft und ein Page bringt den Speisewagen mit Sandwiches und Cola. Ich gebe ihm 20 Real und er verbeugt sich. Für mich ist es ein Taschengeld, nicht einmal fünf Euro. Aber der Boy ist sehr dankbar für das Trinkgeld und Gabriel schaut fassungslos auf das Bündel Geldscheine, das ich aus der Tasche gezogen habe. Ich stecke die Scheine wieder weg und schaue zu Gabriel.
„Na dann, guten Appetit, lass es dir schmecken!“
