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Es ist Frühling in Hamburg und für Max, der in seinem jungen Dasein schon unfassbar Schweres erlebt hat, ist die Begegnung mit dem smarten Rebellen Fin Liebe auf den zweiten Blick, aber der erste Schritt zurück ins Leben. Welch grauenvolle Last Fin zu tragen hat, ahnt Max im Taumel der unschuldigen Liebe nicht. Doch das Schicksal schläft nicht und so kommt der Tag, an dem sich die beiden Jungs einer harten Prüfung stellen müssen. Auf dem Boulevard der zerbrochenen Träume, wo Schuld und Hoffnung schwerer wiegen als das Leben selbst, wird die alles entscheidende Frage beantwortet, nämlich ob die beiden Helden ihr Wunder bekommen oder nicht! -Manchmal sind Wörter wie Glasscherben im Mund. Schweigst du, tut es weh. Redest du, fängt es an zu bluten-
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Gay Romance
Copyright © Holly Bell, 2022
Cover by Aliaksandr Karpovich/Dreamstime.com
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
Alle Handlungen, Namen und Lokalitäten in dieser Geschichte sind frei erfunden. Diese Story beinhaltet Sexszenen zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern, die für Leser unter 18 Jahren nicht geeignet sind. Im wirklichen Leben gilt natürlich immer das Safer-Sex-Prinzip.
E-Mail: [email protected]
Über den Autor:
Holly Bell ist das Pseudonym zweier Autoren, D. Holly und Eden Bell. Sie vereinen das Beste aus beiden Ländern, Deutschland und Österreich und sind im Hardcore-Bereich genauso zuhause wie auch im Romance-Sektor. Neben der Wiederveröffentlichung bekannter Klassiker ist auch der Release von neuen Romanen und Serien geplant.
Finley
Jungs in meinem Alter feiern ihren Geburtstag, indem sie sich so lange betrinken, bis sie ins Koma fallen oder sie fahren mit ihren Kumpels nach Berlin und feiern, bis der Arzt kommt. Wenn Jungs 18 werden, bekommen sie von ihren Eltern teure Geschenke und ihre Freundinnen bescheren ihnen eine unvergessliche Nacht. Meinen achtzehnten Geburtstag werde ich nie vergessen, weil ich ihn im Knast verbracht habe. Ich heiße Finley und ich wollte einmal die Welt regieren. So wie alle Halbstarken und Träumer. Bis dann eine einzige Nacht alles verändert hat. Wo soll ich beginnen? Vielleicht am besten bei meiner Geburt. Meine Mutter hat einmal gesagt, dass es besser wäre, wenn ich nie geboren worden wäre. Das bringt es ziemlich auf den Punkt. Aber Fakt ist, dass ich da bin und dass ich definitiv etwas zu sagen habe.
Während ich darauf warte, dass meine Entlassungspapiere fertiggestellt werden und die Leiterin der Jugendstrafanstalt ihr Autogramm auf den Bescheid malt, werde ich kurz etwas über mich erzählen. Mein Vater stammt aus Liverpool, England und als er vor ungefähr 20 Jahren das Haus seines Großvaters in Hamburg Altona geerbt hat, lag seine Zukunft strahlend und glänzend vor ihm. Da gab es ja auch mich noch nicht. Er hat meine Mutter im Krankenhaus kennengelernt. Er war mit einem komplizierten Knochenbruch eingeliefert worden und meine Mum, eine waschechte Hamburgerin und Krankenschwester, hat sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Als ich zur Welt kam, war ich der ganze Stolz und vor allem die Hoffnung meiner Eltern. Als Einzelkind lasteten die Träume einer ganzen Generation auf meinen kleinen Schultern. Und ein paar Jahre lang sah es auch wirklich so aus, als könnte aus mir etwas werden. Ich konnte schon lesen und schreiben, als ich in die Schule kam und war Klassensprecher und Ladykiller, als ich gerade einmal zehn Jahre alt war. Dem ersten Mädchen das Herz zu brechen, fiel mir nicht schwer und ich erbrachte nicht die schlechtesten Leistungen in den Hauptfächern. Aber ich hatte ein Problem mit Schülern aus den höheren Klassen und auch mit einigen Lehrern. Wenn ich etwas hasste, dann war das Ungerechtigkeit. Ich konnte und wollte mir nie etwas gefallen lassen. Warum sollte ich eine Strafarbeit schreiben, wenn andere Idioten der Geographielehrerin einen Streich spielten? Wieso sollte ich tatenlos herumstehen, wenn die Jungs aus der Klasse über mir mich am Schulhof anrempelten? Ich setzte das ein, was ich am besten konnte. Meine Fäuste. Ich schlug mich alle paar Tage und bekam zahllose Verwarnungen und Verweise. Es grenzte an ein Wunder, dass ich die Grundschule abschloss. Ich lernte schon früh, dass man sich sein Recht und seinen Respekt erkämpfen musste. Schnell galt ich als der Junge mit dem Aggressionsproblem. Anfangs bezeichnete man es noch als Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, aber schon nach der fünften Schlägerei war ich Finley, der kleine Raufbold. Ich konnte in einem Moment das Muttertagsgedicht vor der gesamten Elternschaft aufsagen und im nächsten prügelte ich dem Burschen die Scheiße aus dem Leib, der es gewagt hatte, mich als Schwuler zu bezeichnen. Ich wusste mich zur Wehr zu setzen und irgendwann legte sich fast niemand mehr mit mir an.
Ich hatte keine Angst, vor niemandem. Weil ich nicht auf den Mund gefallen war und weil ich wusste, was ich wollte. Ich träumte davon, Pilot zu werden. Ich wusste, dass eine gute Ausbildung unbedingt notwendig war und deshalb beschloss ich, als ich 14 war, mein Leben zu ändern. Ich wollte lernen, meine Wut unter Kontrolle zu behalten und mich aus Ärger herauszuhalten. Meine Eltern hatten bereits die Schnauze voll und mich so gut wie abgeschrieben.
Ich wollte es allen zeigen! Ich glaubte daran, dass ich mehr sein konnte als der unschuldig dreinblickende Knabe mit den eisernen Fäusten. Es gelang mir ein halbes Jahr lang.
Gut, es ist noch etwas Zeit, also berichte ich auch von jener Nacht, in der das Unglück geschah. Ich war seit vier Wochen mit Vanessa, dem süßesten Mädchen an der ganzen Schule, zusammen und wollte mit ihr auf ein Konzert gehen. Ich habe ihr die Karten dafür zum Geburtstag geschenkt und sie war so aus dem Häuschen, dass sie sich mit ihrem Taschengeld ein komplett neues Outfit leistete und nächtelang vorher vor Aufregung keinen Schlaf fand. Wir standen also in der Schlange vor dem Lokal und freuten uns aufMs Mrund Vanessa klebte an meinen Lippen, als wären sie ihr Lebenselixier. Ich war so stolz! Und dann kam da dieser Junge daher und wollte sich vordrängen! Zuerst lachte er nur und schob sich vorsichtig an uns vorbei. Ich versuchte es zu ignorieren. Als er dann aber sein Maul aufriss und meine Freundin blöd anmachte, sah ich rot. Ich spürte, wie mein Puls nach oben ging und wie mein Kopf fast platzte. Ich hörte das Blut in meinen Ohren rauschen. Alles geschah wie in Zeitlupe. Vanessa zupfte an meinem Poloshirt und ihr Blick war gezeichnet von Angst und Sorge. Sie sagte irgendetwas darüber, dass ich ruhig bleiben solle. Zumindest glaubte ich das von ihren Lippen abzulesen. Ich nahm keine Laute mehr wahr. In meinem Kopf explodierte etwas. Meine Hände zuckten. Mit zusammengepressten Lippen atmete ich durch die Nase tief ein und fixierte den Jungen mit meinen eisigen blauen Augen. Der Junge, der sich vorgedrängt hatte, würde relativ bald den Bordstein küssen, so viel stand fest. Ich fragte ihn nicht einmal, ob er denn wisse, was er eben gerade getan hatte. Ich wollte nicht reden. Ich wollte ihn schlagen. Ich schluckte noch einmal, löste mich aus Vanessas Umklammerung und baute mich vor dem Burschen auf. Er war einen halben Kopf größer als ich, aber das war mir egal. Ich sah meine rechte Hand hochfahren und sein Genick packen. Links von mir sah ich Vanessas süßen Mund, weit aufgerissen, doch ich hörte ihren Schrei nicht. Warum musste er sich nur vordrängen und seine dumme Klappe aufmachen? Was war das nur für eine Blitzbirne?
Das Gefühl, als ich seine warme Haut berührte, werde ich nie vergessen. Sein Kopf glühte, als würde er in Flammen stehen. Ich packte ihn, als wäre er ein Stück Vieh. Schleuderte ihn mit dem Gesicht voran zu Boden und zielte dabei auf die Gehsteigkante. Er leistete äußerst wenig Widerstand. Es hätte ihm ohnehin nicht viel gebracht. Es lagen Überraschung und Verwunderung in seinem Blick.
Dann nahm ich Vanessas Hände wahr, die an mir zerrten, als wollte sie mich vor einem schlimmen Schicksal bewahren. Was der Sache ziemlich nahekommt. Ich konnte nicht aufhören. Ich hasste die Dreistigkeit, mit der der Bursche sich einen besseren Platz in der Reihe erschlichen hatte. Ich spürte meine Nasenflügel beben, meine linke Hand hatte ich zu einer Faust geballt, während die rechte Hand, streng wie ein Schraubstock, das Genick des Jungen festhielt. Niemand wagte es, dem mir deutlich Unterlegenen zu Hilfe zu kommen. Warum, das weiß ich bis heute nicht.
Ich hörte das Geräusch nicht, als er auf dem Asphalt aufschlug. Ich kochte vor Zorn und wurde erst ruhiger, als die Ratte sich nicht mehr bewegte. Die Leute um uns herum nahmen Abstand und irgendjemand rief mit seinem Handy die Polizei und den Notarzt. Ich hörte mich noch selber sagen, dass der Junge keinen Arzt brauchte, sondern gefälligst wieder aufstehen sollte. Wie ernst die Lage war, konnte ich noch nicht erahnen.
Vanessa flüsterte mir ins Ohr, dass wir weglaufen sollten. Daran dachte ich nicht einmal im Traum! Ich stand zu meinen Taten und trat der Ratte in die rechte Hüfte. Kein Lebenszeichen. Fuck, das war gar nicht gut!
Es folgten Szenen wie aus einer billigen Seifenoper. Vanessa schrie sich die Seele aus dem Leib, während zwei Sanitäter und der Notarzt den zu Boden gegangenen Burschen ins Rettungsauto hievten. Die Polizei kam und ich weiß noch, dass ich die beiden Beamten mit bewundernden Blicken ansah. Sie waren für ihr junges Alter verdammt gut trainiert, der eine hatte einen Ziegenbart und Arme wie Baumstämme. Der andere war zwar etwas schmächtiger, aber er besaß breite Schultern und eine kerzengerade Haltung. Ihre knappen Anweisungen verfehlten ihre Wirkung nicht und als sie mich zu Boden drückten, spürte ich deutlich, dass sich die vielen Stunden im Fitnessstudio der Polizeischule gelohnt hatten. Ich wehrte mich nur kurz. Der Größere der beiden setzte mich mit dem berühmten Polizeigriff schnell außer Gefecht. Sie nahmen mich mit aufs Revier. Ich bekam nur die Info, dass der hässliche Brillenträger schlimme Kopfverletzungen davongetragen hatte und dass man über seinen Zustand noch nichts Genaues sagen konnte. An seine zerbrochene Brille kann ich mich sehr gut erinnern. Sie sah ein wenig so aus, als hätte eine Spinne ein Netz zwischen den Seiten der Fassung gesponnen.
Meine Eltern wurden verständigt und ich nahm alles wie durch eine Welt voller Watte wahr. Alles war leise und gedämpft. Wie nach einem viel zu lauten Schuss, der einem das Trommelfell hat platzen lassen. Ich saß dort auf dem Revier der Polizei und musste Fragen beantworten und die Stunden vergingen und ich sprach mit Psychologen und einem Anwalt und mindestens drei verschiedenen Bullen. Ich wurde hin- und her geschubst, als sei ich ein Gegenstand, um den sich niemand kümmern wollte. Die Nachricht, dass die kleine Ratte im Krankenhaus verstorben war, bekam ich um Mitternacht. Klar hat es mich berührt, aber ich konnte es nicht mehr ändern, oder? Wie viel Ärger das bedeutete, konnte ich mir ungefähr ausrechnen. Ich sehe noch heute den Ausdruck der absoluten Verzweiflung in den Augen meines Vaters und wie er die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat. Meine Mutter weinte nur mehr und ich wurde in einen separaten Raum gebracht, wo die Stille mir fast den Verstand raubte.
Vanessa sah ich nie wieder. Ich musste bei zehn Gerichtsterminen erscheinen und mir wurde bewusst, dass meine hoffnungsvolle Zukunft genau jetzt endete. Mein Leben war vorbei, zumindest dachte ich das damals.
Da ich noch minderjährig war, wurde ich im März 2013 in die Jugendstrafanstalt Hahnöfersand eingewiesen. Das klingt schlimmer als es ist. Das einzige Problem dort ist, dass man seine Träume aufgeben muss. Ich bin mit dem beschissenen Essen klar gekommen, mit den anderen Häftlingen, ich glaube die hatten sogar etwas Angst vor mir, und ich habe mich damit abgefunden, dass meine Eltern mit mir nichts mehr zu tun haben wollen.
Wie es sich anfühlt, wenn man weiß, dass jemand gestorben ist, weil man dafür gesorgt hat, dass sein Schädel zu Brei geschlagen wurde? Beschissen, weil man jeden Tag viel Zeit hat, darüber nachzudenken. Ich habe mich für alle psychologischen Betreuungsprogramme und sozialen Aktivitäten angemeldet, die es gibt. Ich wollte zeigen, dass ich mich bessern kann und das passiert nicht durch ein Wunder, sondern durch Einsatz und Tatkraft. Ich habe jede Menge Raufereien und Schlägereien im Knast hinter mir und habe mir mehr als hundert Tage Isolation eingehandelt.
Ich erfuhr erst im Knast den Namen des Verstorbenen. Sebastian. Ich träumte ab und zu von ihm und es waren immer Albträume.
Da es kein vorsätzlicher Mord war und ich dem Psychologen klarmachen konnte, dass ich alles tun würde, um mein Problem mit der Aggression zu bekämpfen, wurde die Aussicht immer besser, den Laden mit Erreichen meiner Volljährigkeit verlassen zu können. Natürlich unter Bedingungen und Einschränkungen, aber die nahm ich gerne in Kauf.
Die Sache mit der Schuld ist etwas komplizierter, aber es bringt nichts, wenn ich das jetzt hier breit trete. Es ist an der Zeit, die Gefängnismauern hinter mir zu lassen. Ich muss ein Formular unterschreiben, das besagt, dass ich verspreche, regelmäßig meinen Bewährungshelfer aufzusuchen. Außerdem garantiere ich mit meiner Unterschrift, dass ich das Land nicht verlassen werde. Und tausend andere Dinge, die mir jetzt aber scheißegal sind, denn ich will nur raus. Ich muss grinsen, als ich meine persönlichen Sachen wiederbekomme, die ich bei meinem Eintritt abgeben musste. Als hätte ich gewusst, dass ich den Zwanziger einmal brauchen werde, habe ich vor drei Jahren eine Banknote in meine Hosentasche gesteckt. Ich weiß, dass ich im Grunde genommen niemanden habe, an den ich mich zwecks Hilfe wenden kann. Eher würde die Hölle zufrieren, als dass ich bei Mum und Dad anklopfe und um Asyl bitte. Freunde hatte ich nie. Zumindest nicht solche, die ehrlich an meinem Wohlergehen interessiert waren, aber das war meine eigene Schuld. Ich konnte nie jemandem wirklich vertrauen.
Mit meiner Familie zu brechen war eine logische Konsequenz. Ich habe ein ganzes Jahr lang darum gekämpft, einen neuen Nachnamen annehmen zu dürfen. Das Prozedere hierfür ist langwierig. Man muss einen Haufen Gründe vorbringen, warum man eine Namensänderung wünscht und auch dann bleibt noch ein ausgiebiger Papierkrieg zu führen. Ich habe mich fürWalkerentschieden, weilBenson, der Nachname meiner Eltern, nichts mehr mit mir zu tun hat. Und weil an diesem Namen Blut klebt. Ich weiß, eine Namensänderung macht noch lange keine reine Akte, aber sie lässt zumindest auf einen Neuanfang hoffen.
Ich habe einen Plan, natürlich habe ich einen. Sonst hätte ich mich nie so beeilt, aus diesem Loch herauszukommen. Es ist ein komisches Gefühl, mit dem Bus in die Speicherstadt zu fahren, zurück ins Leben. Ich verwendete dafür einen Teil meines Zwanzigers und schaute während der Fahrt die anderen Fahrgäste an. Da gab es einen Penner, der nach Bier roch und unrasiert war und so tat, als würde er eine Zeitung lesen. Eine Mutter mit ihren beiden Kindern, Zwillinge, die so aussah, als lägen ihre glücklichen Zeiten lange zurück. Ihre Augen waren leer und glanzlos.
Ich trage mein weißes Celio-T-Shirt, das mein Vater mir einmal aus Frankreich mitgebracht hat. Dazu die ausgewaschene Diesel und meine schwarzweißen Treter, die ich früher auch zum Fußballspielen angezogen habe. In mir tobt eine Flut aus Erinnerungen und Versuchen, alle aktuellen Probleme zu lösen.
Ich möchte einen Job finden, möglichst schnell, um mir ein Dach überm Kopf leisten zu können. Ich würde so ziemlich alles tun, um Geld zu verdienen. Vielleicht habe ich Glück und ich bekomme einen Hilfsarbeiterjob auf einer Baustelle.
Im Gefängnis hatte ich viel Zeit, um meinen Körper zu trainieren und so scheue ich mich nicht vor harter Arbeit. Ein Priester hat mich mal gefragt, ob meine Gewaltneigung daher rührt, dass ich keinen Glauben habe. Weit gefehlt, denn ich glaube an mich und meine Kraft und meinen jugendlichen Körper! Aber schon klar, er meinte wohl so etwas wie Religion. Wobei ich mir da gar nicht sicher bin, er sah zwar etwas underfucked aus, aber ich glaube, er war schwer in Ordnung. Er hat nie die Bibel zitiert, sondern immer nur Shakespeare, was ich lustig fand, weil das für einen Pfarrer untypisch ist.
Ich habe nichts und vielleicht ist genau das meine große Chance, endlich etwas aus meinem Leben zu machen. Außer einer alten, abgegriffenen Taschenbuchausgabe vonMacbethhabe ich nichts in den Taschen, mein Magen rebelliert laut und mir ist klar, dass ich dringend etwas zwischen die Zähne brauche. Ich hätte Bock auf Fleisch, aber da mein Budget eingeschränkt ist, wird es wohl ein Croissant werden.
In Altona springe ich aus dem Bus und mache mich auf die Suche nach einem Café. Ich passiere zwei Fastfood Restaurants und eine abgefuckte Bar, als ich dann eine kleine Bäckerei entdecke, die im Gästebereich einen Ständer aus Holz präsentiert hat, in dem alle wichtigen Tageszeitungen aufliegen. Das ist es! Ich werde die Zeit beim Kaffeetrinken nutzen, um offene Stellenangebote durchzusehen! Bevor ich in dem nett aussehenden kleinen Laden Platz nehme, suche ich aber die Toilette auf. Ich muss so dringend pissen, dass es schon schmerzt. Die sanitären Anlagen sind jetzt zwar nicht der Burner, aber sie sind sauber. Ich wasche mir die Hände und blicke in den Spiegel. Ein verdammt gut aussehender Bengel blickt mir entgegen, dessen blonden Haare zwar schon lange keinen ordentlichen Schnitt mehr abbekommen haben, der aber mit seiner süßen Fresse gut und gerne an jeder Hand mehrere Boys und Girls abschleppen könnte. Wie ich jetzt auf Boys komme? Na das ist schnell erklärt. Fast drei Jahre lang keine Ladys verfügbar, machen jede Hete bi. Druck ist da, um abgebaut zu werden und wenn es ein schneller, harter Fick unter der Dusche ist, und das mit einem Knastbruder, tut es auch keinem weh.
Ich befeuchte meine Haare, um die Strähnen etwas zu ordnen, die mir in die Stirn fallen und zwinkere mir zu. Ich atme durch. Check, Fin, das ist jetzt der Moment, wo ich meine zweite Chance bekomme. Verkack’s nicht, Alter!
Ich setze mich an einen Tisch neben der Glasfront, durch die man nach draußen auf die Straße schauen kann. Die Sonne scheint und macht große Lust auf den bevorstehenden Sommer. Ein junger Kellner steuert auf mich zu, der mit seinen abstehenden Ohren und den schokoladenbraunen Haaren ein bisschen verloren, aber auch derb sexy aussieht.
Ich bestelle einen Kaffee und zwei Croissants. Die Frau am Nebentisch, eine Businesslady im maßgeschneiderten, dunkelblauen Kostüm, starrt abwechselnd ihr iPhone und mich an. Der Kellner mit seiner roten Schürze bringt mir auf einem schwarzen Tablett eine große Tasse Kaffee und als er sie mir auf den Tisch stellen will, kippt sein Handgelenk und die heiße Brühe ergießt sich über meinen Schoß. Der Schmerz ist mir egal, aber dieser Vollidiot hat soeben die einzige Hose eingesaut, die ich besitze! Und ich frage mich, ob er in der Schule je gelernt hat, Gegenstände zu halten und geradeauszulaufen. Ich ahne, dass er für beides zu dumm ist. Ich kann nicht anders und brülle ihn an. In meinen Händen kribbelt es, aber ich versuche ruhig zu bleiben.
„Hey, du kleiner Kaffeeterrorist, was soll der Scheiß? Wo ist dein Idiotenabzeichen, das brave Bürger wie mich vor Bedrohungen wie dir warnt? Fuck! Sieh dir an, was du angerichtet hast!“ Ich gestikuliere wild und spüre, wie mir das Blut in den Kopf schießt.
Der sichtlich geschockte Kellner tupft mit einer weißen Serviette an meinen Oberschenkeln herum. „Oh, es tut mir so leid. Wie ungeschickt! Ich bringe Ihnen sofort einen neuen Kaffee!“
„Wenn du mich noch einmal anrührst, zeige ich dir mal, wie es unter der Erde aussieht“, knurre ich und setze den bösesten Blick auf, den ich habe.
Die Frau in Dunkelblau wirft uns entgeisterte Blicke zu, doch ich lasse mich davon nicht beirren. Ich packe den Hemdkragen des Burschen und ziehe ihn nah an mein Gesicht heran. „Das ist meine einzige Hose und wenn du nicht vorhast, den Schaden wiedergutzumachen, will ich jetzt echt nicht in deiner Haut stecken!“, presse ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
Der Kellner wird immer kleiner und seine Stimme versagt. Es dringen nur mehr unverständliche Laute aus seiner Kehle.
„Er hat es doch nicht mit Absicht gemacht“, mischt sich die Businesslady ein. Ich spende der neugierigen Frau einen grimmigen Augenaufschlag und wende mich dann wieder dem Kaffeedesaster zu. „Verzieh dich!“ Ich lasse den Kellner los und schnaufe genervt.
Nein, sind das wirklich Tränen, die da in seinen Augenwinkeln glitzern? Ich beiße mir auf die Unterlippe und schaue woandershin, nur nicht in seine Augen. Die Umgebungsgeräusche sind jetzt ganz laut, das Zwitschern der Vögel, die Motorengeräusche der fahrenden Autos. Die Tür zum Café steht weit offen und mir wird schlagartig bewusst, dass ich absolut überreagiert habe. Nicht, dass ich es bereue, denn Blitzbirnen wie dieser Kaffeeonkel müssen ab und an geordnet werden, aber wenn ich so sein Profil von hinten sehe und wie er mit herunterhängenden Schultern und vollkommen geknickt in Richtung Küche geht, könnte man beinahe so etwas wie Mitleid empfinden.
Max
Ich strecke mich in meinem kuscheligen Bett und merke, dass das komplette Bett nass ist von letzter Nacht. Das liegt zum einen an den immer wiederkehrenden Albträumen und zum anderen daran, dass das Wetter heute zum ersten Mal das macht, was es soll. In meinem Schlafzimmer sind gefühlte 35 Grad und ich werde von den Sonnenstrahlen, welche sich durch die Rillen meiner Jalousien kämpfen geweckt und steige aus dem Bett. Ich schüttle meine Kissen aus und ziehe die Rollläden nach oben. Sofort spüre ich die Wärme auf meiner nackten Haut und auf der Stelle überkommt mich ein Gefühl des Glücks. Ich öffne das Fenster und stelle fest, dass es draußen doch noch etwas kühl ist, was dafür sorgt, dass ich kurz eine Gänsehaut bekomme. Okay, was für eine Temperatur habe ich erwartet, morgens um sieben Uhr am ersten wirklich schönen Sonnentag des Jahres? Ich greife mir meine Bettdecke und hänge sie zum Auslüften ein Stück aus dem Fenster.
Dann führt mich mein Weg ins Bad, um mein Morgengeschäft zu erledigen und um eine heiße Dusche zu genießen. Perfekter Start in den Tag? Fast. Es fehlt noch das Frühstück. Also ab in die Küche und Frühstück gemacht. Eine große Schale Milchkaffee und zwei belegte Aufbackbrötchen, welche ich mir auf meinem Toaster erhitze, runden den perfekten Start in den Tag ab. Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich langsam los muss, denn ich habe heute Morgen eine Kellnerschicht im Café Zimtstern. Da zurzeit Pfingstferien sind, werde ich die Zeit nutzen, um ein paar Überstunden zu schieben, bevor das langweilige Betriebswirtschaftsstudium wieder losgeht. Die Chefin vom Café Zimtstern ist immer froh, wenn ich ihr sage, dass ich mehr Stunden arbeiten will, denn in Hamburg ist es ziemlich schwer, gutes Personal für den Service zu finden, und ich liebe den Job wirklich. Dass meine beste Freundin Marie auch in dem Laden arbeitet, ist so etwas wie ein Bonuspunkt. Das Personal besteht hauptsächlich aus Studenten. Und da jetzt die Zeit wieder losgeht, wo auch die Terrasse wieder für Gäste genutzt werden kann, brauchen die im Café Zimtstern jede verfügbare Arbeitskraft.
Der Gang vor die Haustür ist eine Offenbarung. Zum ersten Mal in diesem Jahr kann man nur mit T-Shirt vor die Tür, und ich sauge jeden Sonnenstrahl und jeden Ton, den die Vögel von sich geben, in mir auf. Selbst meine sonst immer zickige Hausmeisterin, die einzige, die in diesem Haus wohnt und nicht studiert, geht mit ihrem hässlichen Yorkshire Terrier spazieren und grüßt mich sogar. Ich glaube das ist das erste Mal, dass sie das tut, und daher bin ich so perplex, dass ich etwas brauche, bis ich sie zurück grüße. Mein Vorteil in diesem Moment ist sicherlich, dass ich jedes Mal wenn ich sie und ihren Köter sehe, grinsen muss, denn sie und ihr Hund haben in etwa das gleiche Gesicht und die gleiche Frisur. Ich gehe in den zum Wohnhaus gehörenden Fahrradkeller und hole meinen Drahtesel hervor und genieße die Fahrt zum Café, welche mir bei diesem Wetter viel zu kurz vorkommt.
Ich klopfe an die Scheibe, denn Marie, unsere freundliche Küchenfee und meine Beste, die gern und gut auf mich aufpasst, ist schon fleißig und bereitet alles für den Frühdienst vor. Außerdem habe ich als Aushilfe keinen eigenen Schlüssel. Sie begrüßt mich mit einem freundlichen „Guten Morgen Maximilian“, und verschwindet dann wieder in der Küche. Meine Mutter ist die einzige, die mich sonst noch Maximilian nennt und das auch nur, wenn ich Mist gebaut habe, aber Maries Exfreund hieß Max, und daher habe ich ihr erlaubt, mich Maximilian zu nennen, denn zum einen ist es nun mal mein Name, und zum anderen soll sie mich nicht mit schlechten Erinnerungen in Verbindung bringen. Aber ansonsten bevorzuge ich ganz klar, dass die Leute mich Max nennen.
Ich schalte also die Kaffeemaschine ein und höre den Geräuschen zu, die sie macht, bis sie einsatzbereit ist. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch knapp zehn Minuten habe, bis ich das Café aufschließen muss. Ich mache also etwas Milch heiß und ziehe zwei Espresso aus der Maschine und mache für Marie und mich zwei leckere Latte Macchiato. Auf den von Marie zaubere ich mit Hilfe einer Schablone einen Smiley aus Kakaopulver. Ich bringe ihn Marie in die Küche, wo es schon herrlich nach frisch gebackenen Brötchen duftet, und sie strahlt mich an. „Du musst mir dringend mal zeigen, wie man so was aus dieser Monstermaschine herausbekommt“, sagt sie und nippt an ihrem Kaffee. Ich muss kurz schmunzeln, weil es einfach zu niedlich ausschaut, wie sich diese kleine Frau den Milchschaumbart mit der Zunge weg leckt. Wir lachen noch beide kurz und dann schließe ich die Tür zum Café auf und baue draußen ein paar Tische und Stühle auf. Nicht das volle Programm, aber genug, um den guten Willen zu zeigen.
Der Morgen verläuft recht ereignislos. Es ist für einen Wochentag recht gut zu tun, und mit Marie in der Küche läuft die Schicht sowieso fast von allein. Zum einen weil sie einfach die schnellste und beste in der Küche ist, und zum anderen, weil ich mit ihr so herrlich lachen kann.
Etwa eine Stunde nachdem ich das Café geöffnet habe, betritt ein junger Mann den Laden, der mich kurz schlucken lässt. Er verschwindet direkt in Richtung der Toiletten und ich bin mir sicher, er wird hier nur kurz sein Geschäft verrichten und dann wieder gehen. Im Café Zimtstern verkehren eher Geschäftsfrauen und ab und an eine Weight Watchers Gruppe, um mit einem Stück Sahnetorte zu feiern, dass sie in der letzten Woche ein Pfund abgenommen haben, oder um ein Stück Sahnetorte zu verputzen aus Frust, weil sie ein Pfund zugenommen haben.
Solche Prachtexemplare wie das, das eben das Lokal betreten hat, beehren uns hier eher selten. Umso erfreuter bin ich, als sich Mister Perfect, so nenne ich ihn jetzt einfach mal, einen Platz in der Nähe der Glasfront sucht, und sich dort mit einer Zeitung und Blickrichtung zu mir hinzusetzen. Perfekt.
Er bestellt bei mir einen großen Pott Kaffee und zwei Croissants. Ich serviere ihm das Plundergebäck und schaue dabei in seine Augen, die so blau sind wie das Meer vor Mykonos, das wohl reinste Blau, das ich je gesehen habe. Dann geschieht es und ich übersehe einen etwas ungeschickt platzierten Stuhl und das Tablett mit dem heißen Kaffee macht sich selbstständig. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, ergießt sich das heiße Bohnengetränk schon über den Schritt von Mister Perfect. Scheiße!
Ich greife mir sofort ein paar Servietten und ohne näher darüber nachzudenken tupfe ich Mister Perfect über die strammen in einer Blue Jeans verpackten Oberschenkel. Ich höre wohl, dass mein Opfer etwas sagt und sehe, das sich seine Fäuste ballen, bin in diesem Moment allerdings selbst so geschockt, dass ich nicht wahrnehme, was er da eigentlich von sich gibt. Lediglich seinen Tonfall nehme ich wahr, und der ist alles andere als freundlich. Gerade als ich wieder anfange, Luft zu bekommen, packt mich Mister Perfect am Kragen und zieht mich zu seinem Gesicht. Ich zittere und habe wirklich Schiss, dass er mir etwas antut. Ich bekomme Panik und kann mich kaum rühren.
„Das ist meine einzige Hose und wenn du nicht vorhast, den Schaden wiedergutzumachen, will ich jetzt echt nicht in deiner Haut stecken!“, höre ich ihn sagen. Einzige Hose? Welcher Mensch hat denn nur eine einzige Hose? Ich könnte heulen, will mir die Blöße aber nicht geben. Trotzdem schießen mir die Tränen in die Augen. Dann endlich lässt mich Mister Perfect, oder nennen wir ihn besser mein Opfer, denn ein Mister Perfect hätte sich anders verhalten, los und ich mache sofort zwei Schritte zurück. Selbst Marie schaut durch die Durchreiche in den Gästebereich. Ich gehe zitternd und mit schlechtem Gewissen weg, um vom Tatort wegzukommen und erst einmal durchzuatmen. So eine extreme Auseinandersetzung mit einem Gast habe ich in meiner ganzen Kellnerkarriere noch nicht erlebt. Ich verziehe mich kurz auf die Mitarbeitertoilette und schaue mich im Spiegel an. Ich beginne zu heulen. So ist es also, wenn jemand durchdreht. Grundlos. Ich zittere und muss an meinen Albtraum der vergangenen Nacht denken. Wie schnell Dinge aus dem Ruder laufen können, macht mich in diesem Moment fassungslos. Ich sammle mich und nehme mir vor, mir nichts anmerken zu lassen. Ich gehe wieder hinter den Tresen und schaue kurz in meinen Rucksack. Ich nehme mir das Pfefferspray, das ich zum Schutz immer dabei habe und stecke es mir in die Hosentasche, falls es weiter eskalieren sollte. Eigentlich habe ich es immer im Rucksack, denn man weiß ja nie, wann und wo jemand durchdreht. Allerdings habe ich mich hier im Café immer mehr als sicher gefühlt. Bis jetzt!
Ich nehme das Tablett mit dem neuen Kaffee, dieses Mal mit beiden Händen und atme tief ein. Dann mache ich mich erneut auf den Weg zu dem jungen Mann mit den schlecht geschnittenen aber derb geilen blonden Haaren, und den blauen Augen in welchen ich versinken hätte können, würden sie nicht auch so kalt und erbarmungslos schauen können, wie gerade eben. Ich stelle den Kaffee sicher und so selbstbewusst wie möglich ab und gehe dann zu der Durchreiche. Ich habe einen kleinen Aufschnittteller bei Marie bestellt mit Lachs, Käse, etwas Schinken und Rührei. Dazu gibt es einen kleinen Brotkorb mit zwei Brötchen und zwei Scheiben Schwarzbrot. Ich stelle alles meinem Kaffeeunfallopfer auf den Tisch und lächle so freundlich wie es mir nach seiner Aktion von eben noch möglich ist. „Geht aufs Haus, lassen Sie es sich schmecken. Für die Reinigung der Hose komme ich natürlich auch auf“, sage ich mit leicht zitternder Stimme und drehe mich wieder um. Als ich mich die ersten zwei Schritte vom Tisch entfernt habe, vernehme ich eine jetzt um einiges sanftere und hellere Stimme. „Danke, das ist echt nett von dir. Sorry, ich hab überreagiert. Tut mir leid.“
Ich spüre wie meine Beine etwas weich werden. Ich drehe mich nochmal um und betrachte den Kerl und sehe sein Lächeln, und merke, dass es ihm scheinbar wirklich etwas peinlich ist. Meine Fresse, entweder meint der Kerl das von Herzen und hat sich in seinem Leben noch nicht oft entschuldigt, oder das ist seine Masche weil er weiß, wie unglaublich sexy er ist. Ich bin der festen Überzeugung, dass es Letzteres sein muss. Selbst die adrett gekleidete Frau am Nebentisch, wo ich eben noch dachte, dass ich mich zwischen sie und Mister Perfect werfen muss, schaut erstaunt und lächelt jetzt freundlich. Ich schaue den schneidigen Boy an und lächle auch. Dann kratze ich mich am Hinterkopf. „Joa, schon okay. War ja auch echt ungeschickt von mir. Lass es dir schmecken“, bringe ich heraus und spüre, wie ich nicht anders kann, als den Burschen anzustarren und zu mustern.
„Kann ich noch einen Kaffee haben?“, sind die lauten Worte aus einer anderen Ecke des Cafés, die mich aus meiner Bewegungsunfähigkeit befreien.
Finley
Ich denke an das Meer. Das hilft mir normalerweise immer, wenn ich am Explodieren bin. Ich kenne den großen Teich zwar nur aus Büchern und dem Fernsehen, aber irgendwann möchte ich an einem Strand stehen und das Rauschen der Wellen hören. Lustigerweise beruhigt mich dieser Gedanke. Ich atme also tief durch und entschuldige mich bei dem Jungen. Fuck, ich muss wirklich lernen, mich zu beherrschen. Es ist ja schließlich kein Weltuntergang und außerdem hat der Kleine mir sogar ein Königsfrühstück als Entschädigung gebracht. Gut, das entschädigt mich zwar nicht für meine eingesaute Jeanshose, aber der Ausdruck in seinen Augen – und es war nackte Angst – gibt mir auf alle Fälle zu denken. Ich schaue ihm hinterher, wie er in die Küche geht und greife das erste Brötchen. Ich verteile einen halben Zentimeter breit Butter darauf und belege es mit Pressschinken und Käse. Himmel, ein solches Frühstück bekommt man normalerweise ja nur in Vier-Sterne-Hotels! Ich zuckere meinen Kaffee und genieße das heiße Getränk, das um so vieles besser schmeckt als die Bambusplürre aus dem Jugendknast. Ich blinzle in die Sonne und schlage die Zeitung auf. Wieder kommt mir der Kellner in den Sinn und schon nach wenigen Sekunden wuselt er an mir vorbei und bedient neue Gäste. Ich scanne sein Rückenprofil und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, weil ich finde, dass ihm die Schürze verdammt gut steht. Gut, sie passt so überhaupt nicht zum türkisblauen T-Shirt, aber der Chaoslook seiner Haare macht das alles wieder gut. Süßer Bursche. Ich beschließe, etwas abzuwarten und wenn es etwas ruhiger ist im Café, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Ich überfliege den Anzeigenteil mit den Stellenangeboten und kann mich nicht recht konzentrieren. Mein vom Kaffee noch immer nasser Schrittbereich fühlt sich verdammt unangenehm an und ich rutsche auf dem nicht gerade gemütlichen Sessel hin und her.
Als der Servicebursche ein weiteres Mal an mir vorbeigeht, schenke ich ihm ein kleines Lächeln, quasi ein weiteres Friedenszeichen. Die Businesslady bezahlt und verlässt das Lokal. Im Laufe der nächsten halben Stunde leert sich das Café. Ich sehe, wie der süße Kellner mit seiner Kollegin quatscht und als er in meine Richtung schaut, winke ich ihn zu mir.
Ich räuspere mich. „Hi, sag mal, wie heißt du eigentlich?“
Der Junge schaut mich an, als hätte ich ihm gerade gesagt, dass ich der neue Papst bin. „Äh, Max. Kann ich noch irgendwas bringen? Ist alles in Ordnung?“
Ich checke recht schnell, dass sein Puls viel zu hoch ist und sein Herzschlag mit einer mörderischen Geschwindigkeit dahingaloppiert.
Ich grinse. „Alles gut. Hi Max. Mein Name ist Finley. Eigentlich Fin.“ Dann deute ich auf meinen Schritt. „Dir ist schon klar, dass wir hier noch ein Problem haben?“
Max zieht seine Augenbrauen hoch. „Äh, verdammt, ja, ich habe ja versprochen, dass ich die Reinigung bezahle …“
„Andere Frage. Wann hast du Dienstschluss?“
Max‘ Kinnlade klappt runter. „Äh, wie bitte?“
Ich lache. „Na wann du Dienstschluss hast. Wenn du eine Waschmaschine in deiner Wohnung hast, ist mein Tag gerettet.“
Max ist sprachlos. In seinem Kopf arbeitet es. Wäre das jetzt ein Comic, würde man kleine Rauchwolken aufsteigen sehen. Dann findet er seine Stimme wieder. „Aber ich kann doch nicht. Ich meine. Ich.“
„Du weißt schon, dass es ungemein hilfreich wäre, wenn du in ganzen Sätzen sprechen würdest?“ Ich mustere ihn und sein hübsches, unschuldiges Gesicht. Verdammt, der Junge hat was! Ich kann es noch nicht einordnen und bestimmt ist es wohl der Frühling, der mir solche Gefühle beschert, aber seine Art und auch sein Äußeres treffen einen Punkt in mir, den ich selber noch nicht kenne.
Max geht einen Schritt zurück. „Das ist heute irgendwie ungünstig.“
Ich denke nicht daran, aufzugeben. „Ach? Du willst mich also so, in dem Aufzug, mit dieser dreckigen Hose, zu einem Vorstellungsgespräch schicken?“
Die Kollegin aus der Küche klopft auf den Tresen. Verdammt, warum haben Weiber nur so ein verdammt schlechtes Timing?
Max schaut sich um. Er sieht aus wie ein in die Enge getriebenes Tier. „Um drei am Nachmittag endet meine Schicht. Ich mach das mit der Hose wieder gut. Versprochen. Ich muss jetzt weiter.“
Eins zu null für mich! Yeah! Ich esse auf und trinke aus und lege einen Zehner auf den Tisch, bevor ich gehe. Dann winke ich Max zu und verlasse das Café.
Mit vollem Magen und einem Lächeln auf den Lippen fühle ich mich wie neugeboren. Ich habe zwar keine Ahnung, wo ich die kommende Nacht verbringen werde, aber seit ein paar Minuten habe ich zumindest eine Option und die trägt den schlichten Namen Max.
Ich muss noch zwei Stunden rumkriegen, bis Max endlich Zeit für mich hat. Ich weiß nicht, was süßer an ihm ist. Seine Dumbo-Ohren oder die Vermutung, dass er keinen blassen Schimmer von Sex hat. Er sieht tatsächlich so aus, als würde er seine niedliche Nase in jeder freien Minute seines Lebens in Bücher stecken und für die Uni büffeln und nicht einmal im Traum an Dates mit Mädchen oder Burschen denken. Wobei, fuck, ich will nicht wissen, wie viele Studienkolleginnenherzen er schon gebrochen hat. Mit seiner naiven, fast biederen Art verkörpert er mehr Sex als irgendein benutzter Straßenköter von der Reeperbahn.
Ich gehe an ein paar Straßenbaustellen vorbei und lasse mich von den Bauherren verjagen, die mir mit ihren finsteren Blicken klarmachen, dass sie keine Schwarzarbeiter brauchen oder wollen. Ich ärgere den Mops einer alten Dame, die auf den Bus wartet und lese ein paar Zeitschriften, die jemand in den Mülleimer geworfen hat.
Ich weiß nicht, ob Max damit rechnet, aber ich habe vor, pünktlich um fünfzehn Uhr am Eingang des Cafés auf ihn zu warten. Ich werde seinen Gesichtsausdruck bis an mein Lebensende nicht vergessen, als er in seiner lässigen, grünen Freizeithose aus der Küche kommt und mich erblickt.
„Fin!“ Das ist alles, was er sagt.
Ich lächle und deute wieder auf meinen Schritt. „Dein Verdienst, dein Versprechen.“ Dann zwinkere ich ihm zu und begleite ihn zu seinem Fahrrad.
Es sind nur ein paar Straßen bis zu seiner Studentenbude und das Phänomenale ist, dass wir kein einziges Wort miteinander wechseln und dass das Schweigen aber keinesfalls unangenehm ist. Es fühlt sich ein bisschen so an, als wären wir Kinder, die einen anstrengenden Schultag hinter sich haben.
Maximilian Müllersteht auf einem kleinen Schildchen, das an der Wohnungstür klebt. Klischee Olé, schrei‘ diesen Namen in einem Saal mit hundert Deutschen und mindestens 20 werden ihre Hand heben. Ich muss schmunzeln.
Erst als wir seine Wohnung betreten, bricht er das Schweigen.
„Weißt du, das tue ich normalerweise nicht. Fremde mit nachhause nehmen.“
Ich schaue mich um. „Das hätte mich jetzt auch stark gewundert. Nette Bude.“
Max nickt. „Danke. Die Waschmaschine steht im Bad.“
Ich schlucke meine freche Bemerkung, die mir auf der Zunge liegt, runter und folge ihm. Ich knöpfe meine Jeans auf und schäle mich aus der Hose.
Max starrt mich an. Ich sehe, wie sein Adamsapfel rauf und runter geht beim Schlucken.
„Verwende die EinstellungPflegeleicht, Flüssigwaschmittel steht da hinten“, stammelt er.
Ich lache und werfe die Hose in die Maschine. Ich weiß nicht, ob ihm bewusst ist, dass ich sehe, wie stark er zittert. „Hey, chill‘ mal, Kleiner. Wenn ich ein Psycho wäre, hätte ich dich längst außer Gefecht gesetzt, gekillt und gegessen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Ich bevorzuge eher Croissants und Kaffee.“
Max atmet auf und schüttelt den Kopf. „Ach, ich, keine Ahnung, ich bin nur etwas nervös.“
„Soso“, ist mein knapper Kommentar. Bevor ich die Hose in die Trommel werfe, fische ich noch mein Shakespearebuch aus der Gesäßtasche und lege es auf die Waschmaschine.
„Du liest Shakespeare?“, fragt Max, als wäre es ein Weltwunder, dass ich lesen kann, wobei ich mir sicher bin, dass er es nicht böse meint.
„Hab das Buch mal geschenkt bekommen und finde es nicht so schlecht.“ Ich nicke und mein Tonfall deutet an, dass das Thema abgeschlossen ist. Ganz kurz spiele ich mit dem Gedanken, mir mein Shirt auszuziehen mit der Begründung, dass ich es drei Jahre nicht gewaschen habe, was ja auch die Wahrheit ist, aber dann beschließe ich, es nicht zu tun. Will ja nicht dafür verantwortlich sein, dass der schöne Mann einen Herzinfarkt bekommt. Ich starte den Waschgang.
„Magst du einen Eistee?“ Max weicht meinen Blicken aus.
Ich nicke. „Irre gern, ja.“
Keine drei Minuten später kommt er zurück ins Bad und hält mir zitternd ein Glas mit kaltem, roten Inhalt hin. „Waldbeere.“
„Danke.“ Ich nehme das Getränk an und schlürfe daran.
„Wo willst du dich eigentlich vorstellen?“
Ich verschränke meine Arme und lehne mich an das Waschbecken. „Ganz ehrlich gesagt, weiß ich es noch nicht. Aber Fakt ist, dass ich eine Arbeit suche.“
„Was kannst du denn?“ Max kratzt sich hinterm Ohr. Fuck, was für eine süße Geste.
Jetzt sehe ich genau, wie er ganz kurz meine schwarze Boxer anstarrt. Ich grinse.
„Och, ich will mich da nicht so festlegen. Ich habe mal in den Ferien Eis verkauft. Und ich kenne mich ein bisschen mit Autos aus. Und ich kann alles, wo man schwer heben, stemmen und arbeiten muss.“ Das Wortstemmenbetone ich besonders.
„Na ich habe gehört, dass in der Nähe des Hafens ein neues Einkaufszentrum gebaut wird. Vielleicht findest du ja dort etwas.“
Ich fixiere den süßen Kerl mit meinem Blick. „Klingt gut. Werde ich mir mal anschauen.“
Max schnappt nach Luft. „Aber, sag mal, warum hast du nur die eine Hose?“
Ich lache. „Das ist schnell erklärt. Weil ich keine Kohle habe.“
Max‘ Augen werden groß. „Oh.“ Nach einer kleinen Pause fügt er hinzu: „Und woher kommst du?“
