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Es gibt keine schönere Stadt und kaum eine unergründlichere und unübersichtlichere. Man wird mit ihr nicht fertig. Das hat einst Stefan Zweig über Rio de Janeiro gesagt, diesen 12-Millionen-Hexenkessel mit dem berühmten Zuckerhut und der weltberühmten Copacabana. Doch Rio ist viel mehr: Fussball, Karneval, Nachtleben, Armutsviertel und mittendrin der Tijuca-Nationalpark, ein riesiger Bergregenwald. Das ganze Jahr über herrscht Badewetter, denn es herrscht ein subtropisches Klima. Eine ausgezeichnete Infrastruktur macht jede Rio-Reise für Touristen zum Erlebnis. Die zweitgrösste brasilianische Industriestadt bietet mondäne Viertel wie Ipanema oder Leblon und moderne Einkaufszentren und überrascht den Besucher durch ihre architektonischen Gegensätze. Rio - das ist eine boomende Stadt: immer mehr Wolkenkratzer ragen in den Himmel hinein, es herrscht Lebensfreude und es gilt “sehen und gesehen werden”, Samba und nackte Haut. Doch die Metropole hat auch ein anderes Gesicht. Zu Rio gehören bedrückend trostlose Armutsviertel, dichter Grossstadtverkehr und tausende Strassenkinder. Rio ist in jedem Fall ein Erlebnis. Manche sagen, die Stadt am Atlantik sei das schönste Chaos der Welt. Andere finden, man kann hundertmal da gewesen sein, ohne alle Facetten erlebt zu haben. Dies wird es wahrscheinlich sein, was Stefan Zweig mit seinem Satz über die Unergründlichkeit Rios gemeint hat und darin hatte der deutsche Schriftsteller zweifellos recht.
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Seitenzahl: 49
Veröffentlichungsjahr: 2024
Rio de Janeiro
Herausgeber: Jean-Paul Manzo
Text: Ingo Latotzki
Umschlagsgestaltung: Cédric Pontes
Layout: Sébastien Ceste
Wir bedanken uns bei der Brasilianischen Fremdenverkehrszentrale in Paris und London für die grosszügige Unterstützung.
© 2024, Parkstone Press International, New York, USA
© 2024, Confidential Concepts, worldwide, USA
© Image-Barwww.image-bar.com
Photographien:
© Klaus H.Carl
© Ricardo Azoury / Brasilianische Fremdenverkehrszentrale in London
© Sue Cunningham Photographic
© J.Valliot
Alle Rechte vorbehalten.
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ISBN: 978-1-63919-831-3
Inhaltsverzeichnis
Als die Glücksritter kamen...-Rio de Janeiro - von einem Portugiesen entdeckt
«Gott hat Rio an einem Sonntag erschaffen»Diese Stadt schläft nie
Arm bleibt arm-Die Favelas
Schön und fit in Rio-Und alle träumen von Pele
Der berühmteste Sandkasten der Welt-Copacabana - sehen und gesehen werden
Eine Stadt im Taumel-Karneval in Rio
Zeittafel Rio de Janeiro
Abbildungsverzeichnis
Es war der Neujahrsmorgen 1502, als ein gewisser Amerigo Vespucci sich gewaltig irrte. Diesem Irrtum aber verdankt Rio de Janeiro seinen Namen. Vespucci erreichte damals mit seiner portugiesischen Forschungsexpedition Südamerika. Er hielt die Guanabara-Bucht für eine Flußmündung und taufte die Gegend deshalb auf den Namen Rio de Janeiro: „Fluß des Januar“.
Zwei Jahre vorher hatte Vespuccis Landsmann Pedro Alves Cabral Brasilien entdeckt und so erhob Portugal Anspruch auf Rio. Die Südwest-Europäer konzentrierten sich aber wegen der Zuckerplantagen zunächst auf den Nordosten des Landes. Zu dieser Zeit interessierten sich die Portugiesen kaum noch für Rio – und sahen zu, wie Franzosen die Stadt in Beschlag nahmen.
1556 wurde Rio dann offiziell gegründet – und zwar wieder von den Portugiesen, die im Laufe der Zeit an der Küstenstadt doch Gefallen fanden und sich einige Kämpfe mit ihren europäischen Nachbarn lieferten.
Die Entwicklung Rios verlief freilich schleppend. Zwar gab es einen Hafen, aber mit ihm war nicht viel Staat zu machen. Mehr warfen da schon die Zuckerrohrprovinzen im Norden ab. Erst als Ende des 17. Jahrhunderts der große Goldrausch einsetzte, erlebte Rio einen Aufschwung. Das kostbare Edelmetall war in der Nachbarprovinz Minas Gerais gefunden worden. Tausende Goldsucher kamen, viele aus Portugal, und bald wurde eine Straße von Rio in die Goldfelder gebaut. Im Hafen kamen täglich neue Glücksritter an. Gold wurde zum wichtigsten Exportartikel der Kolonie. Alles Gold lief über den Hafen von Rio nach Portugal, das sich in seinem Reichtum sonnte. So wurde Rio wirtschaftliches Zentrum Brasiliens.
Für eine Zeit wurde es gar zum Regierungssitz des Mutterlandes, nachdem der portugiesische König Dom Joao VI. im Jahr 1808 in Begleitung von mehr als 15.000 Adligen nach Südamerika geflüchtet war. Rio entwickelte sich rasend schnell. Es gab Schulen, Banken, Parks und Zeitungen – Rio sah zunehmend europäisch aus.
1. Die Ankunft P.A. Cabrals am 22. April 1500. Oscar Pereira da Silva, Museum für Landesgeschichte, Rio de Janeiro
2. Die Jagd auf Gold
3. Karte Brasiliens aus dem Jahr 1519
4. Die Herstellung von Kaffee
5. Die Herstellung von Rohrzucker
Wichtiger jedoch war die Entscheidung des Königs, die Stadt für den Handel zu öffnen, der bis dahin nur auf Portugal konzentriert war. Es kam zu einem enormen Wirtschaftsaufschwung, Rio wurde ein wichtiges Zentrum des Welthandels. 1821 verließ Dom Joao Rio wieder. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Stadt über 100.000 Einwohner und damit drei Mal so viel wie bei seiner Ankunft 13 Jahre zuvor. Seinen Sohn ließ er als Regenten zurück. Doch Dom Pedro konnte nicht lange die Oberhand behalten und geriet unter den Einfluß von Nationalisten. Schon 1822 wurde Brasilien unabhängig und Rio die Hauptstadt der unabhängigen Nation. Die Entwicklung ging weiter: 1854 wurde die Stadt mit Gaslaternen beleuchtet und 1874 per Telegraph mit London verbunden.
Doch die Glanzzeiten waren bald vorüber. Wohlhabende Landbesitzer ergriffen die Macht, handelten das politische Tagesgeschäft unter sich aus und bestimmten auch den Präsidenten. Ihre Autorität wankte erst, als 1930 Getulio Vargas durch einen Putsch an die Macht kam. Mit ihm gewann der Populismus an Bedeutung. Die Politiker mühten sich, Einfluß auf die Massen zu gewinnen. Vor allem wuchs die Zahl der Einwohner, es entwickelte sich ein chronischer Raummangel. Rio dehnte sich entlang der Strände nach Süden aus.
Die City selbst erlebte eine starke Veränderung mit dem 1905 begonnenen Bau ihrer Prachtstraße, der Avenida Centra. Es entstanden Wolkenkratzer mit dreißig Geschossen. Der Ort kämpfte mühsam um Lebensraum, ein Problem, das Sao Paulo nicht hatte. 1959 hatte diese Stadt Rio wirtschaftlich und in der Einwohnerzahl überholt. Seine größte Demütigung erlebte Rio, als Präsident Juscelino Kubitschek den Regierungssitz nach Brasilia verlegte. Längere Zeit suchte Rio nach einer neuen Identität. Mehr und mehr Industriebetriebe und Arbeitsplätze gehen an den Süden verloren. Rio bleibt aber Anziehungspunkt für viele Arme, die aus dem Nordosten und dem Landesinneren kommen. Sie überschwemmen die Favelas und Slums am nördlichen Stadtrand.
Unvorteilhaft wirkte sich für Rio auch aus, dass Brasilien von 1965 bis 1985 unter einer Militärregierung stand. Der Bundesstaat Rio de Janeiro wurde von Politikern regiert, die sich in Opposition zu den Militärmachthabern befanden. Die Folge waren erheblich geringere finanzielle Zuwendungen für die Stadt.
Erst in letzter Zeit ging es wieder etwas aufwärts. Vor der Küste wurde Erdöl entdeckt, das der Stadt beträchtliche Einnahmen bescherte. Ein Teil des Geldes wurde in die Sanierung der City gesteckt. Mittlerweile üben sich die Einheimischen im Galgenhumor. Die Entscheidungen würden zwar in Brasilia oder Sao Paulo gefällt, heißt es, die Komplotte dafür aber in Rio geschmiedet.
Diese Entwicklung hat ein gewisser Amerigo Vespucci kaum vorhersehen können, als er 1502 sozusagen als erster Tourist nach Rio kam.
6. Bildnis von Dom Joao VI
