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Mit einem integrativen Ansatz aus humanistischem Menschenbild, systemischen und tiefenpsychologischen Konzepten schlagen die Autoren eine Brücke zwischen psychologischen und spirituellen Modellen. Sie stellen schamanische, buddhistische, Quantenheilungs- und hawaiianische Heiltraditionen vor. So können sich Psychotherapeuten mit den Glaubenssystemen ihrer Klienten vertraut machen. Hilfreich ist dabei eine Haltung der toleranten Neugierde. Therapeutische Rituale sind besonders geeignet, spirituelle Ebenen zu aktivieren und anzusprechen. Zahlreiche konkrete Übungen geben Anregungen für die psychotherapeutische Arbeit. Sie werden zusätzlich als kostenloses Download-Material zur Verfügung gestellt.
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Seitenzahl: 230
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Martin Brentrup / Gaby Kupitz
Rituale und Spiritualitätin der Psychotherapie
Vandenhoeck & Ruprecht
Mit 6 Abbildungen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-647-99735-3
Umschlagabbildung und Bilder im Innenteil:Gaby Kupitz/www.spirituelle-gemälde.de
© 2015, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,Theaterstraße 13, 37073 Göttingen /Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlichgeschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällenbedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.
Inhalt
Dank
Hinweise
Wozu Spiritualität in Psychotherapien?
Theoretische Perspektiven und Modelle
(Therapeutische) Rituale – Merkmale, Struktur und Funktionen
Rituale und ihre veränderte Rolle im Alltag – Religion und Gesellschaft
Therapie als Heilritual und Rituale als Methoden in der Therapie
Definition: Therapeutische Rituale
Rituale als Technik in einer spezifischen Beziehung
Rituale im Vergleich mit anderen Interventionen
Merkmale von Ritualen
Hauptfunktionen von Ritualen
Auffassungen von Spiritualität, ihr Nutzen für den Bereich der Psychotherapie und die therapeutische Arbeit mit Ritualen
Psychologie und Spiritualität
Transpersonale Psychologie
Passung zu verschiedenen Therapieansätzen
Haltung: die Vielfalt nutzen!
Spirituelle Modelle, Strömungen und Praxis
Was bedeutet Spiritualität?
Heilkraft buddhistischer Psychologie (Thich Nhat Hanh)
Anwendungsformen von Ritualen in spirituellen Praktiken
Schamanen – die alten Heiler und ihr schamanisches Weltbild
Die hawaiianische Lehre von Huna
Was ist Aberglaube? – Spiritualität und das Risiko der Verirrung
Grundannahmen zur Wirkungsweise von Ritualen
Psychologische Forschungsergebnisse über Rituale
Veränderung – eine systemtheoretische Perspektive
Das Konzept Veränderung
Rollen von Helfern und Psychotherapeuten im Veränderungsprozess
Rituale und Spiritualität: ein erweiternder Rahmen für Veränderungsprozesse
Psychologische Untersuchungsergebnisse zur Wirkung von Intuition und Selbstheilung
Wichtige Begriffe und Bedeutungen aus einer spirituellen Sicht
Praktische Anwendung
Allgemeine Hinweise zur Durchführung der Rituale und Übungen
Hinweise für Psychotherapeuten
Hinweise für Klienten bzw. Patienten
Einführende Einstimmung und Entspannung als Beginn des Rituals
Rituale für den Einzelnen bzw. in der Einzeltherapie
Rituale sowie Übungen für die Selbstzuwendung (Achtsamkeit) und Selbstentwicklung (sich auf sich einlassen)
Stabilisierung und Selbstzentrierung
Abgrenzung und Schutz
Stärke aus der Herkunftsfamilie ziehen
Musterunterbrechung und Musteränderung
Verletzung und Kränkung
Andauernde Schuldgefühle
Angstbewältigung
Ambivalenz und Entscheidungsprobleme
Hartnäckige (psycho-)somatische Beschwerden
Abschied, Verlust, Trennung und Tod versus Loslassen und Neubeginn
Rituale für Paare bzw. in der Paartherapie
Beziehungspflege
Ambivalenz
Trennung
Dauerhafte Muster
Muster verabschieden
Nähe und Distanz
Spannung und Anziehung
Streitlöser
Woran wir glauben
Literatur
Code für Downloadmaterial
Dank
Wir verdanken viele Ideen und Erfahrungen der Zusammenarbeit mit besonderen Menschen, unter anderem:
–den Kollegen, Patienten und Klienten, die sich mit uns über solche Themen ausgetauscht haben und uns Einblicke in ihre Haltung zur Spiritualität gegeben haben;
–den Begegnungen und dem Austausch mit Dr. Monika Müller (Osnabrück), die in ihrer psychotherapeutischen Praxis spirituell orientiert arbeitet.
Hinweise
Wir haben dieses Buch für Therapeuten als praxisorientiertes Angebot gedacht. Da wir hoffen, dass die Materialien und Übungen leicht in der therapeutischen Arbeit einsetzbar sind, auch indem sie als Hausaufgabe weitergegeben werden können, wollen wir trotz der verwendeten Sorgfalt darauf hinweisen, dass sich die Anregungen nicht auf jede individuelle Situation übertragen lassen. Für professionelle Helfer ist die Reflexion der Beziehung und Haltung in einer Superversion unerlässlich.
Die Arbeit mit manchen Ritualen erfordert psychische Stabilität und eine relativ hohe Motivation, um sie durchzuführen (bei der Anwendung wird meist Motivierendes erlebt). Deswegen sollten diese Rituale nicht einfach als Hausaufgaben aufgegeben oder durchgeführt werden. Dies gilt insbesondere für Menschen, die Gewalterfahrungen gemacht haben bzw. noch in Gewaltbeziehungen leben.
Einige der Rituale haben keinen spirituellen Bezug. Wir haben sie eingefügt, weil sie sowohl gut zur Problematik passen als auch andere Wege aufzeigen.
»Wir sind Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen.«Bernhard von Chartres1
»›Woran arbeiten Sie?‹, wird Herr Keuner gefragt.Er antwortet: ›Ich habe viel Mühe,ich bereite meinen nächsten Irrtum vor!‹«Bertolt Brecht
Wozu Spiritualität in Psychotherapien?
Dieses Buch will interessieren und informieren. Es werden psychologische Erklärungen für eine Annäherung an das Phänomen der Spiritualität gegeben. Ausgewählte spirituelle Modelle werden vorgestellt und so beschrieben, dass Psychotherapeuten sich mit den Hintergründen von Glaubenssystemen ihrer Patienten beschäftigen können. Den Lesern wird abverlangt, sich selbst eine Meinung dazu zu machen. Die Autoren stellen hilfreiche und nützliche Ansätze vor, ohne dass für den Leser2 eine Übernahme von Überzeugungen erforderlich ist. Allerdings wird ausdrücklich angeregt, mit einer Haltung der toleranten Neugierde an die spirituellen Themen von Ratsuchenden heranzugehen. Es wird auch auf Risiken eingegangen, die sich aus einer unkritischen Anwendung und aus Weltfluchttendenzen entwickeln könnten. Mit der Darstellung von konkreten Übungen sollen Anregungen und Impulse für die psychotherapeutische Arbeit gegeben werden. Die Autoren hoffen, dass dadurch die Wahrnehmung für spirituelle Glaubenssysteme bei Patienten geschärft wird. Auf diese Weise können kreative Suchprozesse für Veränderungen wirkungsvoll gefördert und bei Interventionen mit einbezogen werden.
Die Autoren vertreten ein Verständnis von Spiritualität, das sich auf die unterschiedlichsten individuellen Grundannahmen von Menschen bezieht. Dazu können ebenso religiöse Weltanschauungen wie humanistische Grundhaltungen gehören. Spiritualität ist sowohl ein Bedürfnis als auch eine Fähigkeit. Gemäß unserer hier zugrunde gelegten Definition umfasst sie alles, woran ein Mensch glaubt und was zu seiner Konstruktion von Identität, seinen Entwicklungsmöglichkeiten und -grenzen beiträgt: Grundannahmen über das eigene und das Leben allgemein, über ihn hinausgehende Erklärungen von Ereignissen, von Verhaltensmustern, Optionen, Sinnhaftigkeit, Stärkendes hinsichtlich der Endlichkeit und bezüglich der Werthaltungen. Die Problematik und Notwendigkeit der Sensibilisierung für Werte- und Glaubenshaltungen ist auch darin erkennbar, dass im amerikanischen Diagnosemanual DSM-IV und DSM-5 (APA, 2013) stärkere Berücksichtigung kultureller und religiöser Wertvorstellungen bei der Diagnostik gefordert wird.
Zur Spiritualität gehört, dass sie auf einer der jeweiligen Glaubenshaltung entsprechenden, subjektiven Bedeutung beruht: meist ein Erleben von Stimmigkeit, Aufgehobensein, Trost und Orientierung. Mit seiner spirituellen Seite beschäftigt sich ein Mensch, wenn er das Vorhandensein überindividueller Phänomene bemerkt. Diese Beschäftigung hilft, individuelle Bedürfnisse zu überschreiten. Das kann schon bei der sozialen Zugehörigkeit und einem Naturerlebnis beginnen. Diese Erfahrungen können eine spirituelle Lebensansicht prägen, ohne dass sie fest in einem eigenen religiösen oder spirituellen Ansatz verankert sind. Esoterik grenzen wir von unserer Auffassung von Spiritualität ab, weil mit dem Begriff Esoterik zumeist ausschließlich ein Wissen beschrieben wird, das nur ausgesuchten Kreisen zugänglich ist. Im Extrem kann dies bedeuten, dass in diesen Kreisen Widersprüche ausgeschlossen werden, so dass ihre magischen Praktiken den Hintergrund von einfachen Heilsversprechungen liefern. Spirituell interessierte und beunruhigte Menschen finden darin häufig keinen auf Dauer befriedigenden, persönlichen Sinn.
Durch Anschläge wie in Paris im Januar 2015 wird jede Beschäftigung mit und Annäherung an spirituell-religiöse Glaubenssysteme überschattet von der Radikalität und Zerstörungskraft fundamentalistischer Auslegungen und absoluter Überzeugungen. Die Intention dieses Buches ist es umso mehr, Abwehrhaltungen und pauschale Abgrenzungen durch Toleranz zu überwinden. Es geht zum einen darum, neugierig auf das zu machen, woran Menschen glauben, und zum anderen um die Frage, welche Konzepte auf die Entstehung und Veränderung von Problemen positiven Einfluss haben. Dazu gehört auch, die dem Glauben und den Konzepten zugehörigen Grundannahmen respektvoll hinterfragen zu können. Dies ist wichtiger Bestandteil sowohl eines gesellschaftspolitischen als auch eines psychotherapeutischen Diskurses. Wenn eine tragfähige therapeutische Beziehung entsteht, blockiert der Therapeut nicht mit seinen eigenen Überzeugungen, sondern findet einen Zugang zur Bedeutungswelt seiner Patienten. Das bedeutet nicht, dasselbe glauben zu müssen, sondern ein spürbares Interesse zu entwickeln.
Das Unerklärliche beschäftigt Menschen seit jeher. Angesichts der Begrenztheit unseres Wissens, unserer Erfahrung und unserer Vorstellungsmöglichkeiten sind wir häufig überfordert mit dem Leben. Wir üben uns in Voraussagen, Anpassungen, stärken unsere Fähigkeiten, lernen dazu, hoffen, vertrauen und lassen uns überraschen. Die Kräfte, die das Vertrauen, die Zuversicht und Geborgenheit fördern, uns Krisen durchstehen helfen, dem Leben Sinn verleihen, liegen oft außerhalb des logischen Bereiches. Uns beschäftigt, wie wir sie für die menschliche Veränderung in Psychotherapien nutzbar machen können. Um beispielhaft unsere unterschiedlichen Ausgangspunkte darzustellen, führen wir folgenden Dialog:
Frage: Was ist deine erste Assoziation zu Spiritualität?Brentrup: Opium für das Volk! Die alte marxistische Warnung vor einer mystischen Verklärung und Entmündigung durch Vertröstung und Unterwerfung. Mir macht die neu aufkeimende Sinnsuche in Religionen und pseudo-therapeutischen Heilsversprechen Angst.Kupitz: Liebe! Besinnung auf mehr als das eigene Leben. Die Göttlichkeit in allem erkennen und spüren. Das hat viel mit Sinnhaftigkeit zu tun.
Frage: Was hilft Menschen mehr: Vernunft oder Glaube?Brentrup: Ich halte die Fähigkeit, verstehen und reflektieren zu können, für eine große Gabe des menschlichen Bewusstseins. Eine Voraussetzung für das Streben nach Entwicklung, Meinungsfreiheit und individueller Freiheit. Aber Vernunft hilft nicht allein! In Therapien sind emotional korrigierende Erfahrungen das Wichtigste.Kupitz: Vernunft kann nicht alles erklären. An ihr (das heißt, an den Fakten) kann man sich aber leicht festhalten. Glauben zu können ist eine tiefere Verankerung. Wir brauchen eine Ausgewogenheit zwischen beidem.
Frage: Was ist zentral für dich, wenn du an Spiritualität denkst?Brentrup: Einen Schritt zurückzutreten! Die eigene Begrenztheit zu akzeptieren, damit nicht allein zu sein, Gemeinschaft, Fürsorge, Streben nach liebevoller Verbundenheit mit sich, anderen Menschen und der Natur.Kupitz: Verbundenheit zu spüren, mich aufgehoben zu fühlen, daraus Kraft für das Leben zu ziehen.
Frage: Was denkst du über Hoffnung?Brentrup: Enttäuschungen sind nötige und unausweichliche Erfahrungen. Aber sie sind sinnlos und schädlich, wenn man daraus nicht etwas Positives lernt. Wir fallen hin, um das Wiederaufstehen zu lernen. Hoffnung kann trügerisch sein. Und sie bringt uns weiter.Kupitz: Vertrauen ins Leben und zu mir selbst. Es ist für mich gesorgt. Egal was passiert, es kommt eine Lösung.
Frage: Wann und wieso verirrt man sich im Glauben? Was kann ein Therapeut deshalb tun?Brentrup: Das Problem ist das Streben nach Überlegenheit und Unangreifbarkeit! Ein Therapeut sollte eine Haltung anstreben, aus der heraus er respektvoll und neugierig sein kann. Den Mut behalten, etwas offen und unerklärbar zu lassen.Kupitz: Die Suche nach Halt und Zugehörigkeit als alleinige Stabilität führt zu Einengung. Wenn ich mir den Halt nicht selbst gebe, werde ich abhängig von Vorgegebenem, was ich nicht mehr hinterfrage. Ein hilfreicher Glaube macht frei und weit! Ein Therapeut soll ein Modell für Toleranz sein, Sichtweisen erweitern und öffnen können für andere Weltanschauungen.
Frage: Warum findest du Rituale besonders interessant für die therapeutische Arbeit?Brentrup: Rituale sind ein hoffnungsfördernder Kontext, wie die Therapie selbst es sein kann. Sie bieten Struktur für Kontrolle und Zulassen gleichermaßen. Sie helfen bei der Regulierung von starken Gefühlen und der Angst davor.Kupitz: Rituale sind eingängiger, weil sie fühlbar machen und mit Visualisierungen verbunden sind, weil eine Wiederholung möglich ist, weil sie helfen, Ressourcen zu erkennen und zu nutzen. Und sie geben eine Struktur in schwierigen Zeiten.
Frage: Wie stehst du zu Göttlichkeit?Brentrup: Ich glaube nicht an einen Gott. Für mich ist Göttlichkeit ein Moment, in dem ich mich wundere und staune über das Leben, die Menschen und die Natur.Kupitz: Göttlichkeit ist in jedem Menschen enthalten, wie ein göttlicher Funke.
Mit unserem Buch wollen wir zum Überbrücken einer Distanz zwischen Psychotherapie und spiritueller Arbeit beitragen. Dieses Ziel wollen wir praxisorientiert verfolgen und mit ihm fortsetzen, was andere mit Überblicksarbeiten, Studien und auf spezifische Therapieschulen bezogen begonnen haben (siehe vor allem Bucher, 2007; Utsch, Bonelli u. Pfeiffer, 2014; Quekelberghe, 2007).
Die Integration von psychologischen, psychodynamischen und spirituellen (transpersonellen) Aspekten könnte nach unserem Ermessen zu einem vollständigeren, ganzheitlicheren Verständnis von Menschen und ihren Krisen führen. Insbesondere im Sinne einer positiven Psychologie lassen sich durch das Nutzen von spirituellen Themen die Probleme von Patienten neu verstehen und Ansatzstellen für das Stärken von positiven Erwartungen und von Selbstheilungskräften finden.
In den letzten Jahrzehnten wurden in der orthodoxen Psychotherapie im Zusammenhang mit Spiritualität oder Religiosität zumeist nur pathologieverursachende Wirkungen untersucht, sowohl bei Therapeuten als auch bei Patienten (vgl. Utsch et al., 2014). Die psychologischen Menschenbilder waren geprägt von der Vorstellung, dass es als aufgeklärter Mensch richtig sei, unabhängig von etwas »Größerem« zu sein, das dem menschlichen Verstehen nicht zugänglich, ihm übergeordnet ist. Inzwischen hat sich die Psychotherapielandschaft sehr gewandelt. Akzeptanz, Achtsamkeit und innere Weisheit sind zentrale Begriffe in verschiedenen Therapieschulen geworden.
In unseren Diskussionen über die Bedeutung von Spiritualität für die Überwindung von persönlichen Krisen und Weiterentwicklungen näherten wir uns dem Thema von recht unterschiedlichen Positionen an. Auf der einen Seite: ein Psychologischer Psychotherapeut, der im Gesundheitssystem als Therapeut und Ausbilder von Richtlinien-Psychotherapie (Verhaltenstherapie und Tiefenpsychologie) tätig ist. Auf der anderen Seite: eine Sozialpädagogin, die aufgrund ihrer schamanischen Ausbildung und praktischen Erfahrung auf die Heilkraft von aus altem Wissen abgeleiteten Übungen mindestens genauso vertraut wie auf die Heilkraft der Schulmedizin. Wir merkten, dass es nötig war, gewohnte Denkmuster und Grundannahmen zu hinterfragen, um die Thematik gemeinsam anzugehen. Unsere Auseinandersetzung durchlief verschiedene Stadien, in denen wir uns selbst mit Vorurteilen und Berührungsängsten beschäftigen mussten. Wir stellten uns dabei auch Fragen, bei denen wir uns über die Wirklichkeitsauffassungen nicht mehr einigen konnten, wenn sie dogmatisch angewendet wurden. Gegenseitig forderten wir eine selbstkritische Definition von Sorgfalt, Verantwortung und Ethik. Wir gehen im Folgenden näher darauf ein und lassen unsere Diskussionsergebnisse dann in unsere weiteren Ausführungen einfließen. Zunächst ein Beispiel aus Walch (2011b):
»[…] ich hatte kein Vertrauen mehr und ein Schatten legte sich über mein Gemüt […] wie viel Kraft habe ich noch, wie lange werde ich noch leben […] ich hatte keine Kraft mehr, gut für mich zu sorgen […] dann hörte ich einer ruhigen Musik zu, achtete nur auf meinen Atem, die Gedanken wurden stiller […] plötzlich fühlte ich mich von etwas Größerem getragen […] und liebevoll mit der Welt verbunden […] einfach etwas innehalten, etwas tiefer atmen, und die Öffnung nach Innen geschehen lassen […] ich kann auf etwas stets vertrauen, was mir Heimat gibt, mein inneres Wesen«.
Wir haben den Austausch vor allem auch im Hinblick auf die Praxis gesucht. Dabei stellten wir meistens fest, dass wir unsere Erfahrungen und unser Tun im Konkreten viel leichter verstehen und billigen konnten – auch wenn sich unsere persönlichen Bedeutungsgebungen bei den Erfahrungen unterschieden. Infolge unserer Diskussionen haben wir eine Basis für dieses Buch gefunden, die unserer Absicht erkenntnistheoretisch, ethisch und anwendungsorientiert entspricht: Wir zweifeln beide an endgültigen Aussagen. Es geht uns nicht um das Aufstellen von allgemeinen Theorien und Heilungswegen, sondern um den Überblick über Ansätze, um Möglichkeiten, sie zu nutzen und auf Problembereiche in Psychotherapien anwendbar zu machen.
Die subjektive Wahrheit und die Passung zum jeweiligen Klienten erscheinen uns wichtiger als eine auf unsere eigenen Überzeugungen abgestimmte Vorgabe. Wir betrachten jede Form der therapeutischen Einflussnahme als in höchstem Maße verantwortliches Tun und erwarten, dass diese entsprechend hinterfragt, reflektiert und ausgebildet wird. Spiritualität wollen wir vor allem dann einbeziehen, wenn es darum geht, hilfreiche Veränderungsprozesse zu entwickeln. Denn wir erkennen, dass dem Bereich der Spiritualität eine große Bedeutung im Hinblick auf Veränderungen zukommt. Das Ansprechen von spirituellen Aspekten kann eine sinnvolle Perspektiverweiterung für Patienten sein. Es kann Konflikte und Belastungen klarer werden, aber auch Ansatzstellen für Hoffnung, Stabilisierung und das Nutzen von Selbstheilungskräften finden lassen. Es ist mit dem Sich-Öffnen für Erfahrungen und Entwicklungen verbunden, die Menschen darin unterstützen, einengende Vorstellungen, zu hohe Ansprüche an die eigene Kontrolle über das Leben und die Angst vor Neuem zu überwinden. Interessant erscheint uns die Parallele mit anderen Therapieformen (vor allem der Systemischen Therapie), die über Imaginationen und Fragetechniken einen Möglichkeitsraum kreieren. Kreativität, Intuition, Vertrauen auf vorhandene Kompetenzen und auf das, was kommen könnte, können sich neu entfalten.
Wir haben uns auf folgende Grundhypothesen einigen können:
–Spiritualität kann sowohl eine wesentliche Bereicherung der allgemeinen Lebenserfahrung als auch eine Ebene für hilfreiche Prozesse bzw. ein Zugang zu hilfreichen Prozessen in Psychotherapien sein.
–Ob die Spiritualität als hilfreich und bereichernd empfunden wird, hängt vom Nutzen und der Passung für den Klienten ab.
–Für viele günstige Veränderungsprozesse sind die Förderung von Fühlen, Erspüren, Vertrauen in Intuition sowie ein größerer Rahmen für Entwicklung nötig.
Wir hoffen, mit der Verbindung von Ritualen und Spiritualität auf einen Bedarf zu reagieren. Vielfach wird auf die gestiegene Bedeutung von Religiösem und Spirituellem hingewiesen. In der in Deutschland geregelten Angebotsstruktur von Psychotherapie ist bisher wenig Platz für den Umgang mit Menschen und »ihrer spirituellen Seite« (Bucher, 2007). Menschen ganzheitlich zu verstehen und zu behandeln ist zwar eine relativ oft geäußerte Absicht, aber wichtige mit ihrer inneren Welt im Zusammenhang stehende Phänomene wie Hoffnung, Glaube und die Erfahrung überindividueller Kräfte – siehe nachfolgendes Fallbeispiel aus meiner (M. B.) Praxis – werden noch wenig und selten offen einbezogen, wenn nicht sogar ausgeblendet bzw. ausgegrenzt.
Einem Klienten wird die Frage gestellt: »Wenn Sie so viele Anstrengungen in Ihrem aktuellen Leben bewältigen müssen, wie und wobei tanken Sie auf?« Er antwortet: »Was mir jetzt spontan dazu einfällt, war ein Moment, als ich etwas über ein frühes Buch eines bekannten Autors las. Ich war so berührt davon, ergriffen geradezu. So etwas wie Ehrfurcht vor den Fähigkeiten dieses Menschen. Und darüber, was Menschen alles können. Das ermutigt mich, in das Leben wieder mehr Vertrauen zu setzen.«
Bezogen auf die therapeutische Praxis und die mit ihr verbundenen therapeutischen Prozesse erweist sich Spiritualität durch ihren Einfluss auf den gesamten Kontext als eine relevante Ebene, diesbezüglich begreifbar:
–als ein Bündel von Grundannahmen über den Anteil der subjektiven Beeinflussbarkeit des eigenen Lebens,
–als Erwartungshorizont für Möglichkeiten und Grenzen der Freiheit des Einzelnen,
–als Ressource für Phasen der Irritation, Betroffenheit durch Angst und Niedergeschlagenheit,
–als Impuls für Suchprozesse, die Achtsamkeit und Akzeptanz fördern sollen,
als Angebot für einen sinnstiftenden Rahmen für Wandlungsprozesse,
–als Trost und Ermutigung bei individueller Überforderung und Verwirrung,
–als ergänzende Einladung zum entlastenden und berührenden Empfinden von Dankbarkeit.
Therapeutische Übungen werden zu Ritualen, wenn ein Klient sie als solche auffasst und dem Tun somit eine zeremonielle Struktur verleiht, die für die Veränderung des Problems einen subjektiv relevanten Rahmen bietet. Rituale und spirituelle Heilverfahren haben viel gemeinsam. Diese Gemeinsamkeiten beziehen sich auf die strukturierte Durchführung und die Suche nach hilfreichen Ressourcen und Kräften. Zudem wird die Durchführung bei beiden Verfahren meist mit einer Veränderung von Aktivierungs- und Bewusstseinszuständen verknüpft:
–Zulassen und Akzeptanz des Leids,
–Unterstützung und Förderung einer mehr gefühlsmäßig als vernunftmäßig wahrnehmenden (erspürenden) Haltung,
–Hinwendung zu einer achtsamen und differenzierten Wahrnehmung von sich selbst,
–Öffnung für einen Möglichkeitsraum, in dem Veränderungen nicht gemacht werden, sondern sich entwickeln dürfen.
Wir wollen im Folgenden themenzentriert und anwendungsnah Rituale darstellen, die auch spirituelle Zugänge nutzen. Eine Verwendung von solchen Ritualen setzt mehr noch als sonst eine Passung mit den Glaubenssystemen von Nutzern voraus. Dann aber ermöglichen sie wirksame Perspektivveränderungen und sinnstiftende Verarbeitungen.
In unserer therapeutischen Arbeit haben wir die Erfahrung gemacht, dass Veränderungsprozesse meist nicht planmäßig und vorhersagbar verlaufen. Stattdessen scheinen bestimmte und unbestimmte Faktoren günstige Auswirkungen auf die Prozesse zu haben. Positive Entwicklungen werden in einem therapeutischen Raum und durch das Suchen und Nutzen von Kräften gefördert, die als Ressourcen vorhanden sind, aber oft erst wieder angeregt werden müssen. Diese Kräfte leiten sich aus den Welt- und Eigenansichten der Hilfesuchenden ab, sie koppeln sich an die bestehenden Erklärungskonzepte an.
Wir sind der Auffassung, dass in Psychotherapien und insbesondere bei der Anwendung psychotherapeutischer Rituale folgende Faktoren zur Entfaltung kommen, die sich inhaltlich mit spirituellen Arbeitsansätzen (über den Einzelnen hinausgehende hilfreiche Kraft/Energie) gut verbinden lassen:
–Förderung von Hoffnung,
–Finden von Sinnhaftigkeit,
–Entwicklung einer positiven Veränderungserwartung,
–Eigenaktivierung.
Rituale und spirituelle Themen haben eine Geschichte und Traditionen. Menschen scheinen ihr Leben schon immer mit Ritualen strukturiert zu haben. Diese akzentuieren Bedeutungen, schärfen die Wahrnehmung des Moments, schaffen besondere Stimmungen und Zugänge zur Wirklichkeit.
Wie alle therapeutischen Interventionen unterliegt die Arbeit mit spirituellen Ansätzen und Ritualen spezifischen Regeln der Fürsorge, Verantwortlichkeit, ethischen Vertretbarkeit und Hinterfragbarkeit. Wir vertreten eine Herangehensweise, die sorgsame Zweifel für erwünscht und notwendig hält.
Rituale sind demnach für uns Angebote, die passen müssen, das heißt, deren Wirkung von ihrer Passung zu den Selbstorganisationskräften des Ratsuchenden abhängt, und die hinterfragbar bleiben. Die Akzentuierung durch das Ritual und die Anleitung im Ritual beinhalten eine Betonung und gewissermaßen auch eine Überhöhung des Einflusses eines Heilers bzw. Therapeuten. Das sollte im Rahmen der Gestaltung der therapeutischen Beziehung mit reflektiert und relativiert werden. Auch wenn sich die Wirkungen des Rituals oft erst im Kontext der therapeutischen Beziehung entfalten können, sollte darauf geachtet werden, dass sie nicht einem vermeintlichen Wissen oder den Fähigkeiten des Therapeuten zugeschrieben werden. Die Beziehung zwischen Therapeut und Klient schafft einen Raum, in dem es möglich wird, Gewohntes zu hinterfragen, alte durch neue Sichtweisen zu erweitern, das bisherige Eigene zu einem neuen Eigenen umzuwandeln. Die therapeutische Beziehung und der durch sie ermöglichte Freiraum scheinen vor allem eine Ausrichtung auf eine Wirklichkeit mit mehr Hoffnung und Zuversicht zu bewirken.
Therapie betrachten wir als (Heil-)Ritual (mit alten Traditionen), bei dem Rollen und kommunikative Kompetenzen genutzt werden, um autonome Kräfte zu fördern und anzustoßen. Unsere Darstellung der Rituale und Spiritualität in der Psychotherapie umfasst einen Theorie- und einen Praxisteil. In unseren theoretischen Betrachtungen versuchen wir Spiritualität, die unserer Ansicht nach den Begriff Religiosität mit umfasst, aus verschiedenen Perspektiven zu beschreiben. Psychologische Ansätze und Konzepte wie auch relevante Hauptströmungen in spirituellen Heilansätzen/Modellen werden dargestellt (vor allem im Kapitel: »Auffassungen zur Spiritualität, ihr Nutzen für den Bereich der Psychotherapie und die therapeutische Arbeit mit Ritualen«).
Anhand von vier Symbolen stellen wir Querbezüge zwischen vier von uns dargestellten, wesentlichen Quellen/Hauptströmungen für spirituelle Heilansätze und den von uns aufgeführten Ritualen her:
Rituale, die der buddhistischen Psychologie entstammen
Rituale, die unterschiedlichen spirituell orientierten Sichtweisen und Praktiken entstammen
Rituale, die dem Schamanismus entstammen
Rituale, die der hawaiianischen Lehre (Huna) entstammen
Rituale werden definiert, ihre Funktion und therapeutische Einsetzbarkeit werden erörtert (siehe das sich diesem anschließende Kapitel zu Merkmalen, Struktur und Funktionen der Rituale sowie das Kapitel zu den Grundannahmen zur Wirkungsweise von Ritualen). Für die praktische Umsetzung haben wir uns auf verschiedene Anwendungsgebiete und therapeutische Rituale, die diesen entsprechen, konzentriert, zunächst in Bezug auf die Einzeltherapie und dann in Bezug auf die Paartherapie (siehe das Kapitel: »Rituale für den Einzelnen bzw. in der Einzeltherapie« und das Kapitel: »Rituale für Paare bzw. in der Paartherapie«). Aus den Übungen sind jeweils Haltungen und Zugänge ableitbar, die für gesprächsorientierte Therapieformen zur Hypothesenbildung und Therapieplanung genutzt werden können.
Natürlich sind unsere Ritualvorschläge so gemeint, dass sie umgewandelt und angepasst werden können. Manche Rituale müssen und können wiederholt werden. Wir versuchen solche Möglichkeiten und Erfordernisse in den Anleitungen zu berücksichtigen.
1Das Zitat ist durch Johannes von Salisbury überliefert, er zitiert Bernhard in seinem »Metalogicon« (3, 4, 46–50).
2Wir verwenden der besseren Lesbarkeit wegen die männliche Form für Personen beiderlei Geschlechts.
Theoretische Perspektiven und Modelle
»Eine obskure Kraft, die unser Dasein bestimmt.«Fred Langer
Um ein Ritual von Gewohnheiten, Aufgaben und Traditionen zu unterscheiden, ist zunächst wesentlich, ob der Handlung die subjektive Bedeutung eines Rituals zugeschrieben wird. Dazu kommt, dass ein Ritual eine nach vorgegebenen Regeln ablaufende, feierlich-festliche Handlung mit hohem Symbolgehalt ist.
Rituale sind allgemeine Phänomene des Alltags und stellen eine kommunikative Handlung dar. Diese Handlungen sind zum einen Bestandteil des individuellen Verhaltens (als persönliche Rituale, aber auch als Symptome von sogenannten Störungen, wie es bei autistischen Ritualen oder Zwangshandlungen der Fall ist), zum anderen gehören sie zum menschlichen Miteinander (als Rituale im Familienleben, geregelte Kommunikationsabläufe, Feste, gesellschaftliche Veranstaltungen, Gepflogenheiten, Konventionen, religiöse Riten und Zeremonien).
Ein Ritual bekommt seine Bedeutung durch die kulturelle Einbindung. Es wird damit strukturiert, um die Bedeutung einer Handlung sichtbar oder nachvollziehbar zu machen. Damit werden über deren profane Alltagsbedeutung hinausweisende Bedeutungs- oder Sinnzusammenhänge symbolisch dargestellt bzw. auf sie verwiesen.
Rituale bilden vorgefertigte Handlungsabläufe und nutzen altbekannte Symbole, womit sie Halt und Orientierung geben. Das Ritual vereinfacht die Bewältigung komplexer lebensweltlicher Situationen, indem es durch Wiederholung krisenhafte Ereignisse in routinierte Abläufe verwandelt. Auf diese Weise erleichtern Rituale den Umgang mit der Welt, das Treffen von Entscheidungen und die Kommunikation. Durch den gemeinschaftlichen Vollzug besitzen viele Rituale auch einheitsstiftenden und einbindenden Charakter, fördern den Gruppenzusammenhalt und die intersubjektive Verständigung.
Rituale dienen insbesondere der Rhythmisierung zeitlicher und sozialer Abläufe. So gibt es:
–zyklische Rituale, die dem tageszeitlichen, wöchentlichen, monatlichen oder jährlichen Kalender folgen (wie das Weckritual, die Sonnenwendfeier usw.);
–lebenszyklische Rituale, zum Beispiel Initiationsrituale (bei Geburt, Mannbarkeit usw.);
–ereignisbezogene Rituale, zum Beispiel auf bestimmte Krisen (wie Todesfälle, Notlagen usw.) oder auf Feiertage bezogen;
–Interaktionsrituale, wie zum Beispiel Gruß- und Wunschrituale (bei Ankunft, Abschied, Essen, Trinken usw.).
Rituale ermöglichen die symbolische Auseinandersetzung mit Grundfragen der menschlichen Existenz, etwa mit dem Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Beziehung, dem Streben nach Sicherheit und Ordnung, dem Wissen um die eigene Sterblichkeit oder dem Glauben an eine transzendente Wirklichkeit (z. B. Freundschaftsrituale, Staatsrituale, Begräbnisrituale, Grabbeigaben).
Manchmal verkehren sich ihre Wirkungen aber auch ins Negative, Rituale werden als abgegriffen, überholt, sinnentleert oder aufgesetzt empfunden und einer Kritik unterzogen.
Rituale gehören zum Alltag und haben geschichtliche und kulturelle Wurzeln. Soziologische Analysen beschreiben ihre Funktion und Veränderung innerhalb der gesellschaftlichen Entwicklung sowie ihre Einbindung in Religion und Religiosität. Da Präsenz und Einbindung in Kirchen und überhaupt Religiosität in der westlichen Welt auf dem Rückzug sind, scheinen Psychotherapie und Spiritualität – angesichts dieser Verlusterfahrung und aufgrund einer zunehmenden Unübersichtlichkeit des Lebens, in der dieser Verlust umso mehr spürbar wird – größere Bedeutung bekommen zu haben.
In den letzten Jahrzehnten findet eine gesellschaftliche Umbewertung von Ritualen statt: Rituale wurden im 20. Jahrhundert aus einer aufklärerischen Perspektive als irrationaler Ausdruck von kultischen Mysterien und als starre Stereotypen betrachtet. Inzwischen werden viel öfter ihre zwischen Individuum, Gruppe und Gesellschaft kompensierende Kraft und ihre stärkende, kulturelle Identität bzw. Zugehörigkeit sichernde Wirkung betont. Rituale werden allmählich wieder gesucht und gebraucht.
Aus einer (therapie-)schulenübergreifenden Perspektive und im Hinblick auf (therapie-)schulenübergreifende Arbeitsweisen sind Rituale wirksamer Bestandteil von Therapien und Veränderungsprozessen. Therapeutisches Handeln und ausgelöste Prozesse lassen sich insgesamt als ein Heilritual verstehen und reflektieren: Rituelle Vorgaben im Setting und in der Begegnung strukturieren die Erwartungen, Hoffnungen und Suchprozesse; dabei korrespondieren die Art der Vereinbarungen, die jeweilige Einladung des Therapeuten, dessen bevorzugte Fragen, Vorgehensweisen und Settings, die angestrebte und für sinnvoll gehaltene Frequenz der Sitzungen mit den Erwartungen zur Dauer und zum Ablauf von Prozessen. Das heißt: Das jeweilige Heilritual strukturiert und füllt den Therapieprozess und fördert Bedeutungen und Erlebnisse.
Die Interventionen – Verarbeitungshilfen, Strukturierungshilfen, Kontexte für neue Suchprozesse – können als rituelle Handlungen mit einem Bedeutungsrahmen und das therapeutische Gespräch als ein Heilritual für sich angesehen werden.
»Rituale sind Verdichtungen von Abläufen, die sich im Sinne einer komprimierten, kollektiven und symbolischen Handlung wiederholen. Die Schlussintervention [ein abschließender Kommentar oder eine Aufgabe; Anm. der Verf.] und Rituale gehören in die Traditionen aller Kulturen und stellen vielleicht die älteste Form der Psychotherapie dar« (Gilligan, 1995, S. 26). Sie werden in der Forschung als vorgeschriebene rituelle Handlungen definiert, die auf eine bestimmte Art und Weise, in einer bestimmten Reihenfolge und mit viel Engagement ausgeführt werden (vgl. van der Hart, 1982; Imber-Black, Roberts Whiting, 1988), und bieten einen methodischen Rahmen, in dem ein Übergang von einem alten oder problematischen Zustand in einen neuen, möglichst problemfreien Zustand ermöglicht werden soll.
Psychotherapieforscher haben herausgefunden, dass zur therapeutischen Wirksamkeit die gelungene Ritualisierung (»glaubhafte Inszenierung eines heilsamen Vorgehens«, so Frank, 1961) gehört. Ihre Betrachtungen und Ergebnisse (siehe z. B. Frank u. Frank, 1991) legen nahe, dass der Kontext von Psychotherapie ein mit Hoffnung und positiver Erwartung verknüpfter Raum ist. Sowohl die Beziehungsgestaltung als auch die Überzeugungen von Therapeuten wie Patienten in bestimmte Vorgehensweisen, gehören zu diesem kulturell, gesellschaftlich und historisch eingebundenen Bereich. Es geht um einen Raum für die Gestaltung eines Überganges, von Veränderung, von Verabschiedung, von Identitätswandel, Sinnfindung usw.
