Road to Roth - Stefan Ferber - E-Book

Road to Roth E-Book

Stefan Ferber

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Beschreibung

Ohne den Hauch einer Ahnung von Triathlon beschließe ich am weltweit größten Triathlonevent teilzunehmen. In einem Jahr will ich bei der Challenge Roth starten und die Langdistanz über 3,8 km schwimmen, 180 km radfahren und 42,2 km laufen meistern. Es ist der Startschuss einer 365 tägigen Reise in der es gilt, alles über Triathlon zu lernen, den Körper und Geist fit zu bekommen, Training und Arbeit unter einen Hut zu bringen und das Jahr als ein Erlebnis wahrzunehmen.

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Seitenzahl: 342

Veröffentlichungsjahr: 2017

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“The miracle isn't that I finished. The miracle is that I had the courage to start.”

John Bingham

Inhalt

Juli 2015

Aller Anfang ist Glückssache

Wenn nicht jetzt, wann dann?!

Triathlon

Die Anfänge

Professionelle Hilfe erforderlich

August 2015

Schockerlebnis verdauen

Jetzt geht´s los

Mein Wettkampfgerät

FKK beim ersten Halbmarathon

September 2015

Neo tragen will gelernt sein

Lange Läufe

Teamevent im Ein-Mann-Team

Ein Meilenstein für den Kopf

Brombachseehalbmarathon

Reifenwechseln will gelernt sein

Oktober 2015

Mein sensationelles rechtes Knie

Mein erster Marathon

Materialschlacht

Schwimmen und seine Folgen

November 2015

Phase 2: Trainieren nach Plan

Jedermannsläufe

Garmin Uhr

Frühschwimmen

Abwechslung im Trainingsplan

Dezember 2015

Jugendfreunde, Schuhkondome und Co

Treppenläufe

Mentale Herausforderung an Weihnachten

Mountainbiketour Altmühltal – Teil 2

Freunde sind Gold wert

Ein Hauch von Olympia

In 45 Minuten zum Modellatlethen

Januar 2016

Triathlontraining mal anders

Ein Top Ten Ergebnis

Das Leben und seine Phasen

Wäschewaschen und andere Teildisziplinen

Schwimmen wie Erik der Aal

Kolumne in der Donauwörther Zeitung

Februar 2016

Testosteron und Gewichtsprobleme

Mein Hauptkonkurrent

Verschobene Wahrnehmung

Wetterkapriolen

Gesundheit ist alles

März 2016

Pleiten, Pech und Pannen

Schnee an Ostern

Ästethik

Trainingspartner – Mangelware

Oh wie schön ist Panama!

April 2016

Hör auf dein Gefühl

Neue Trainingsimpulse und rebellierender Körper

Regeneration, Schwimmen und Ernährung

Finanzielle Aspekte

Windschattenfahren

Erster Testwettkampf - Duathlon

Mai 2016

Radfahren in Gruppen und die Folgen

Challenge Feeling

Muttertag am Ammersee

Fotoshooting

Job und Training kombinieren

Premiere - Freiwasserschwimmen

St. Pölten – Ironman 70.3

Glück im Unglück

Juni 2016

Trainingsinhalte

Ingolstadt - Mitteldistanz

Die längste Radtour meines Lebens

Rückschläge

Letztes hartes Wochenende im Allgäu

Juli 2016

Wettkampftag für meine Besucher

Die letzten Trainingseinheiten

Finale Vorbereitungen mit Schockerlebnis

Die letzten Tage vor Ort

17. Juli 2016 – Challenge Roth

3,8 km - SWIM

180 km - BIKE

42,2 km - RUN

Backstage

Was bleibt?

Juli 2015

Aller Anfang ist Glückssache

Montag, 20. Juli 2015 – 09:59 Uhr: Leicht angespannt sitze ich vor meinem Bildschirm im Büro und klicke in kürzesten Abständen auf die linke Maustaste, die den „Aktualisieren“-Button auf der Anmeldeseite für die Challenge Roth 2016 auslöst. Laut den Informationen der Challenge Roth Homepage wird geraten, pünktlich zum Start der Anmeldung um 10:00 Uhr online zu sein, da erfahrungsgemäß die Startplätze innerhalb von wenigen Sekunden vergeben sind.

„Das sind ja tolle Aussichten“ waren meine Gedanken damals, als ich ungefähr im Mai beschlossen habe, mich dem Projekt Ironman in Roth zu widmen. Ich weiß noch, wie ich damals mit dem Gedanken spielte, ob ich es tatsächlich machen soll. Begonnen hat das alles bereits in Jugendjahren. Zwar war ich immer 100%iger Fußballer und in meinem Leben gab es auch nichts anderes, als den ganzen Tag dem runden Leder hinterherzujagen, doch ich kann mich noch an die Berichterstattungen der sonntäglichen ZDF-Sportreportage oder der ARD-Sportschau erinnern, wenn sie vom Ironman auf Hawaii berichtet haben. Auch kann ich mich an Übertragungen vom Triathlon in Roth erinnern, wenn die Sportler diesen einen Berg (jetzt weiß ich, dass das der Solarer Berg war) hochfuhren. Ich habe diese Athleten immer bewundert. Doch so etwas zu schaffen war für mich damals irgendwie unmenschlich und unrealistisch. Es war ein Traum von Ruhm und Ehre, den man als Jugendlicher hin und wieder hat. Doch irgendwie hatte Fernsehen für mich immer etwas von einer Scheinwelt. Etwas, das es in der Realität nicht gibt.

Triathlon spielte lange Zeit ehrlicherweise keinerlei Rolle in meinem Leben. Ich war erfolgreicher Fußballer, spielte 4-5 mal die Woche auf gehobenem Amateurniveau, war dort Führungsspieler, zweiter Kapitän, war bekannt für unbedingten Willen, großer Disziplin sowie enormen Ehrgeiz, für Zuverlässigkeit und ausgeprägtem Teamgedanken und verfolgte zielstrebig meine Ziele. Doch trotzdem schaffte es die Faszination Ironman wieder in mein Leben. Im Jahr 2011 las ich zufällig in der ortsansässigen Zeitung, dass ein Jugendfreund von mir, den ich aus den Augen verloren habe, erfolgreich an der Challenge Roth teilnahm. Mein Jugendfreund war immer der talentiertere Sportler, meine Stärke war hingegen die bereits erwähnten Eigenschaften Disziplin, Wille und Ehrgeiz, wodurch ich so manch fehlendes Talent ausgleichen konnte. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich mit meinem damaligen Arbeitskollegen darüber sprach. Das war der Moment in dem ich erkannt habe, dass es wohl tatsächlich auch für einen normalen Menschen wie mich möglich ist, so etwas zu schaffen. Die Scheinwelt des Fernsehens begann zu bröckeln.

Die damalige Erkenntnis fiel mir wie Schuppen von den Augen. Georg Hettich, der 2006 bei den olympischen Spielen von Turin völlig überraschend und unverhofft die Goldmedaille im Einzelwettbewerb der Nordischen Kombination holte, beschrieb seinen Olympiatriumpf kurz nach der Siegerehrung im Fernsehinterview mit den Worten: „Olympiasieger – ich dachte, das gibt es nur im Fernsehen.“ Ähnlich war meine Erkenntnis auch. Ironmänner gibt es nicht nur im Fernsehen. Mein Jugendfreund hat bewiesen, dass es auch für normale Menschen möglich ist. Erstmals war es greifbar, doch die Vorstellung, es tatsächlich anzugehen, war auch damals noch nicht real.

Dazu brauchte es ein weiteres Aha-Erlebnis. Es vergingen fast drei Jahre, bis ich 2014 den Impuls bekam, es tatsächlich auf meine To-Do-Liste für´s Leben zu nehmen. Bei der Wahl zum Sportler des Jahres unserer regionalen Tageszeitung war ich als Gast eingeladen um auf der Bühne einen kleinen Einblick in meine Arbeit als Mentaltrainer zu geben. Im Vorgespräch berichtete mir der Sportredakteur und Veranstalter, dass ich im Anschluss an die letzte gezeitete Roth-Finisherin an der Reihe bin.

Die Einlage war gelungen, denn Ziel war es, nicht nur den Sportlern die Bühne zu schenken, die in ihren Disziplinen mit Titel oder Erfolgen glänzten, sondern auch einmal die Leistungen von Sportlern zu würdigen, die nicht den ersten Platz belegten, jedoch trotzdem Außergewöhnliches leisteten. Ich war gespannt und als sie aufgerufen wurde, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht wie von vielen jetzt vermutet, kam eine durchtrainierte, schlanke, 1,70m große sportlich wirkende, Modelathletin auf die Bühne.

Nein, es war eine ca. 1,45m große Frau mit weiblichen Kurven, hinter der man diese Leistung keinesfalls vermutet hätte. Großes Staunen machte sich im Saal breit. Ich bin ehrlich, auch ich konnte nicht glauben, dass sie eine solche sportliche Herausforderung erfolgreich gemeistert hatte. Wieder einmal wurde ich darüber belehrt, dass der wahre Wert eines Menschen im seinem Inneren zu finden ist, denn sie entfachte ein Feuerwerk der Emotionen, als sie vom Event sprach. Sie inspirierte den ganzen Saal und sie schloss mit den Worten „Glaubt an eure Träume, sie können wahr werden“. Was für ein magischer Moment. Ich hatte Tränen in den Augen und wurde unsanft in meine aktuelle Realität zurückgeholt, als ich meinen Namen hörte und auf die Bühne ging. Der Moment blieb in Erinnerung und an diesem Abend fasste ich den Entschluss, dass ich es eines Tages versuchen werde.

Anfang 2015 meldete ich mich mit meiner damaligen Freundin unabhängig von den Ereignissen der Sportlerwahl zu einem Sprinttriathlon an. Da kamen die Erinnerungen wieder. Die Rahmenbedingungen es zu versuchen waren gegeben. Meine Karriere als Fußballtrainer endete im Mai 2015 und ich wusste, dass ich den Fußballsport definitiv an den Nagel hängen werde. Ich wollte meine Zeit nun etwas Neuem widmen. Beruflich schien zum damaligen Zeitpunkt auch noch nichts dagegen zu sprechen und auch privat waren die Umstände gegeben, denn ich hatte noch keine eigene Familie und trotz meinen 36 Jahren war Familienplanung auch noch nicht im Gange. Seit Januar habe ich wieder regelmäßig beim Mannschaftstraining meines Fußballteams, das ich zu der Zeit noch trainierte, teilgenommen. Dazu bin ich auch wieder öfters laufen gewesen und regelmäßig mit dem Trekking Rad in meine 20km entfernte Arbeitsstelle gefahren. Ich war also verhältnismäßig fit, wenn auch weit weg von einem Ironman.

Wenn nicht jetzt, wann dann?!

Also erkundigte ich mich nach der Möglichkeit, in Roth bei der Challenge zu starten. Klar, dass ich mich direkt auf der Homepage informierte. Es gab zwei Möglichkeiten. Erstens, sich am Tag nach dem Wettkampf direkt in Roth vor Ort für das nächste Jahr anzumelden, doch diese Möglichkeit schien mir fremd. Also blieb nur die zweite Möglichkeit: Die Online-Registrierung! Doch da stand er, dieser Satz, der das alles hat fraglich werden lassen. „Erfahrungsgemäß sind die Startplätze innerhalb weniger Sekunden vergeben.“ Die Chance auf einen Startplatz war somit nicht sehr groß. Ich fasste für michden Entschluss, das Schicksal entscheiden zu lassen. Ich dachte mir, ich probiere es einfach. Wenn das Schicksal will, dass ich einen Startplatz bekomme, dann bekomme ich einen, will es das nicht, erhalte ich eben keinen. Zwar habe ich versucht, dem Schicksal etwas zu helfen, indem ich Freunde, Familie und Bekannte animierte, sich für mich ebenfalls zu registrieren, aber alle hatten entweder selbst Termine, es vergessen, oder aber gar nicht gewusst, was sie genau machen sollten. Also hing es ganz allein an mir, dem Schicksal die Chance zu geben mich auszuwählen.

Am 01. Juli startete ich bei einem neuen Arbeitgeber als Projektleiter und ausgerechnet am Anmeldetag stand um 10:00 Uhr eine Besprechung auf dem Plan. „Nein, ich muss Prioritäten setzen“. Den Termin habe ich verschoben und so kam es, dass ich an diesem einschneidenden Tag in meinem Leben vor meinem Bildschirm sitze und auf 10:00 Uhr warte.

Noch immer klicke ich wie wild auf den Aktualisieren-Button. Nichts passiert. Gut, es ist noch immer 9:59 Uhr.

Aktualisieren – und die Uhr springt um auf 10:00 – eine Maske erscheint – schnell die notwendigen Daten (Name, Vorname, Emailadresse) eingeben - bestätigen – ein „Herzlichen Glückwunsch“ ist auf dem Bildschirm zu lesen.

Das Herz pocht. Habe ich mich gerade wirklich für einen Ironman angemeldet? Ja, habe ich, beziehungsweise fast, denn nach diesem Vorgang erhält man per Mail einen Link, über den man eine Woche Zeit hat, seine Anmeldung rechtswirksam abzuschließen.

Ich lasse mich in meinen Bürostuhl fallen, die Anspannung fällt von mir ab. Ich merke, wie sich ein Lächeln auf mein Gesicht zaubert. Und dann kommt die Erkenntnis: „Ich habe tatsächlich einen Startplatz für die Challenge Roth am 17.07.2016. Oh mein Gott, was mache ich denn jetzt?“

Triathlon

Von Triathlon habe ich bis zum heutigen Tag ehrlich gesagt keine Ahnung. Ich weiß nur, dass es eine Kombination aus dendrei Sportarten Schwimmen, Radfahren und Laufen ist. In dieser Reihenfolge werden die drei Disziplinen auch absolviert. Was ich auch herausfinde ist, dass der Start auf unterschiedliche Arten erfolgen kann. Es gibt Massenstart, bei dem alle Teilnehmer gleichzeitig starten. Daneben existiert der sogenannten Rolling-Start. Hier werden die Teilnehmer nacheinander ins Wasser gelassen. Die Zeit für jeden Starter beginnt erst zu laufen, wenn er die Startmatte direkt vor dem Wasser überquert. Bei der dritten Variante startet man in Startgruppen. Hier werden in zeitlichen Abständen von ein paar Minuten jeweils eine bestimmte Anzahl von Teilnehmern gleichzeitig auf die Strecke geschickt.

Teilweise neu ist mir die Erkenntnis, dass es im Triathlon unterschiedliche Wettbewerbe gibt, die sich in ihren zu bewältigenden Distanzen unterscheiden. Das war mir bisher nur unterbewusst klar.

Sprintdistanz:

auch Volksdistanz genannt 0,75 km Schwimmen 20 km Rad fahren 5 km Laufen

Olympische Distanz:

heißt so, weil sie bei Olympia statt findet 1,5 km Schwimmen 40 km Radfahren 10 km Laufen

Mitteldistanz:

auch Halbdistanz genannt 1,9 km Schwimmen 90 km Radfahren 21,1 km Laufen

Langdistanz:

oftmals auch als Ironmandistanz bezeichnet 3,8 km Schwimmen 180 km Radfahren 42,2 km Laufen.

Vollkommen neu für mich war, dass der Begriff Ironman lediglich ein Markenname ist und nicht für eine Wettbewerbsform steht. Die Mittel- und Langdistanz werden in der Regel von zwei Organisationen angeboten. Ein Veranstalter heißt eben Ironman, der andere Challenge. Ironman ist also keine Disziplin oder ein Wettkampf, sondern ein Markenname für einen Veranstalter, der Triathlonevents auf der ganzen Welt ausrichtet. Das Aushängeschild von Ironman ist die Langdistanz auf Hawaii, für die man sich bei anderen Ironmanveranstaltungen qualifizieren muss. Das Aushängeschild der Challenge Familie, die ebenfalls weltweit Veranstaltungen anbietet, ist die Langdistanz in Roth, die als größte Triathlonveranstaltung der Welt gilt. Hier muss man sich nicht qualifizieren, sondern anmelden und mit Glück auf einen der 3.500 Einzelstartplätze hoffen.

Als Ironman wird man bezeichnet, wenn man einen Triathlon der Ironmanserie beendet. Da es aber die gleichen Distanzen und Regeln sind, ist mir das nicht so wichtig. In meiner Welt werde ich trotzdem ein Ironman sein, wenn ich es über die Ziellinie schaffe. Für mich ist jeder ein Ironman, der eine Langdistanz absolviert hat. Auch werde ich den Begriff Ironman immer wieder verwenden, obwohl ich streng genommen nicht bei einem Ironman starte.

Die Anfänge

Seit ein paar Minuten habe ich jetzt einen der begehrten Startplätze für die Challenge Roth. Aber was heißt das jetzt? Die Fakten: In fast genau einem Jahr gibt es einen Tag, an dem ich 3,8 km Schwimmen, 180 km Radeln und einen Marathon über 42,2 km auf der Agenda stehen habe. Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung was das heißt. Die längste Distanz, die ich bisher gelaufen bin, waren 21km. Die letzten beiden Jahre habe ich begonnen, die 21km zu meiner Mama an Weihnachten joggend zurückzulegen, um dort dann mit meiner Familie zusammen Weihnachten zu feiern.

Schwimmen ist für mich quasi völliges Neuland und ich gestehe, schon fast ein Fremdwort. 2013 hatte ich mir einen Knöchelbruch zugezogen und damals bin ich vielleicht 2x 500m geschwommen, im Bruststil und mit langen Pausen bei jeder Schwimmbadwende, um meinen Knöchel bei der Heilung zu unterstützen und um ihm Mobilität zu verleihen. Zum Glück hatte ich im Mai einen Kraulkurs belegt, aber selbst dieser hilft mir aktuell noch nicht, um mir das Gefühl zu geben, dass 3,8 km ein realistisches Ziel sind.

Radfahren ist nicht ganz so rudimentär entwickelt. Zu meinen Fahrten zur Arbeitsstätte gesellten sich auch noch regelmäßige Fahrten zu meiner Freundin und eine gemeinsame Radtour auf dem Donauradweg von Donauwörth aus ins 600 km entfernte Wien. Radhelm habe ich ehrlicherweise noch keinen eigenen, sondern immer den vom Schwager Carsten geliehen. Aber, ich habe ja noch nicht mal ein Rennrad, geschweige denn Erfahrungen mit Klickpedalen. Oh Gott, was habe ich gemacht?

Puh, jetzt stehe ich also da, habe einen Startplatz für eines der härtesten Sportereignisse der Welt und außer, dass ich weiß, wie man Ironman schreibt, bin ich Meilen davon entfernt auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wie ich das jetzt angehen soll. Aber … es gibt ein Zitat, das die aktuelle Situation am besten beschreibt.

„The miracle isn´t that I finished.

The miracle is that I had the courage to start.”

-

„Das Wunder ist nicht, dass ich ins Ziel gekommen bin.

Das Wunder ist, dass ich den Mut hatte zu starten.“

Auch wenn ich noch nicht im Ziel bin, ist der Spruch treffend. Nachdem die anfängliche Euphorie verflogen und Ernüchterung eingekehrt ist, frage ich mich ernsthaft, wie und was ich jetzt machen soll. In solchen Situationen denke ich immer wieder gern an mein Motto, das mir schon oft geholfen hat, mir einen Tritt in den Hintern versetzt und Motivation genug ist, um weiter zu machen: „Das haben schon viel Dümmere als ich geschafft.“ Also Ärmel hochkrempeln und ran an das Projekt.

Schon am darauffolgenden Sonntag, den 26. Juli 2015, wartet meine erste Triathlon Erfahrung auf mich. Ein Sprinttriathlon über 500m schwimmen, 20 km radeln und 5 km laufen. Vor dem Schwimmen habe ich am meisten Respekt. Zwar kann ich inzwischen etwas Kraulen, doch die Anfänge dieser Schwimmtechnik werde ich so schnell nicht vergessen.

Im Mai bot die Schwimmabteilung des VSC Donauwörth einen Kraulkurs für Anfänger an. Da ich schon länger mal plante, einen Kraulkurs zu machen und da dieser Sprinttriathlon in Augsburg anstand, habe ich mich dafür angemeldet. Zum Start hatten wir fünf Kursteilnehmer die Aufgabe, einmal 50m zu Kraulen um den Leistungsstand eines jeden zu ermitteln.

Natürlich wollte ich mich von meiner besten Seite zeigen, denn „man will sich ja nicht blamieren“. Also ging ich ins Wasser, ging noch mal kurz in mich um die 50m in meiner besten Art und Weise kraulend hinter mich zu bringen. Natürlich habe ich Vollgas gegeben. Die Luft wurde immer dünner und das Kraulen immer anstrengender. „Wo bleibt nur dieses verdammte Beckenende“ dachte ich mir immer wieder, „aber egal wie weit es noch ist, ich zieh es irgendwie durch“ und das tat ich auch. Vollkommen außer Atem kam ich dennoch stolz am anderen Ende des Beckens an. So schlecht fand ich mich gar nicht. Da gibt es bestimmt ein paar gute Ansätze auf denen man aufbauen könnte, waren meine, mich selbst überschätzenden Gedanken.

Nachdem alle ihre 50m geschwommen sind, kam die aussagekräftige Analyse von Hilde, unserer Schwimmtrainerin. Ich freute mich schon auf die Komplimente für mein Schwimmen. „Okay, ich sehe schon. Da müssen wir bei Null anfangen.“ Ein Satz, der sich zum einen eingebrannt hat und zum anderen deutlich machte, wie mein aktueller Stand in der Disziplin Schwimmen aussieht. Ich fange also ganz am Anfang an. Ernüchternd, aber war doch irgendwie klar. Warum sollte jemand, der seit der Grundschulzeit kein Freistil mehr geschwommen ist, das Niveau eines guten Schwimmers haben. Dass diese Einschätzung meiner Trainerin gar nicht so verkehrt war, durfte ich selbst bald feststellen.

Ich stehe also am Start beim Augsburger Kuhseetriathlon und bin auf meinen ersten Triathlon gespannt. Nervosität macht sich breit und obwohl von den ca. 400 Athleten viele wohl schlechter trainiert sind oder aber genauso viel Triathlonerfahrung haben wie ich, komme ich mir wie ein Außerirdischer vor. Gefühlt ist jeder besser trainiert, jeder professioneller ausgerüstet oder vorbereitet und wenn ich mich so umsehe trügt mich mein Eindruck nicht. Neben mir ein Mädel mit einem Triathlonanzug auf dem ein Vereinsname aufgedruckt ist. Ich trage lediglich meine Badehose und Schwimmbrille. Später in der Wechselzone muss ich erst noch Shirt und Hose anziehen. Weitere Athleten sehe ich mit professionellen Uhren am Handgelenk und manche haben sogar Ohrenstöpsel. Wofür die wohl gut sind? Naja, egal, gleich geht´s los. Da meine damalige Freundin bereits im Vorjahr teilnahm, höre ich auf ihren Rat und wir positionieren uns möglichst weit vorne am Start. An alle Anfänger: Diesen Rat bitte nicht verfolgen! Vor mir also ca. 30 Athleten, hinter mir die restlichen 370.

10:00 Uhr: Los geht´s! Massenstartsprint ins Wasser. Auf einer Breite von ungefähr 30 Metern tummeln sich nun 400 Schwimmer und ich vorne dran. Nachdem alle mit dem Schwimmen beginnen und ich etwa hüfthoch im Wasser stehe, fange ich auch zu schwimmen an. Doch was ist das? Ich sehe ja gar nichts. Klar, ist ja auch ein See und kein klares Wasser wie im Freibad, doch das habe ich bis zu dem Zeitpunkt noch gar nicht bedacht. Chaos pur! Ich bin vollkommen überfordert. Ein Getümmel. Ständig habe ich fremde Hände und Füße irgendwo am Körper, die mich stoßen und unsanft behandeln. Hilfe, wo bin ich denn hier gelandet. Wasser schlucken ist ganz normal, Atemnot auch, hier geht es für mich erstmal ums Überleben. Raus aus dem Gewühl und ins eigene Rennen finden. Keine Chance. Selbst Kraulen geht gar nicht mehr. Okay, neues Motto: Ich schwimme Brust. Brustschwimmen, ja genau, Brustschwimmen könnte klappen und dann, oh Gott endlich, die Panik lässt nach und ich denke: „Du hast doch nicht mehr alle Tassen im Schrank. Wie soll das erst in Roth werden?“ Im Bruststil schwimme ich die komplette Schwimmstrecke durch. Ein paar Mal versuche ich noch zu kraulen, doch da kommt sofort wieder Panik hoch. Endlich am rettenden Ufer angelangt, kommt es mir vor, als würde niemand mehr hinter mir sein. Komischerweise bin ich ungefähr 240., also gibt es tatsächlich noch 160 Teilnehmer hinter mir. Egal, das Schlimmste liegt wohl hinter mir. Jetzt geht es darum, den Rückstand aufzuholen. Radfahren auf Schotter mit meinem Trekkingrad. Windschattenfahren ist verboten, aber „Ähm, wie soll ich hier nicht Windschatten fahren?“ Wir sind in einer nicht enden wollenden Teilnehmertraube auf einer Schotterstraße mit Wendemarke unterwegs. Ich weiß, dass mir bald Athleten entgegen kommen. Es ist unmöglich, nicht Windschatten zu fahren. Das Tempo ist mit etwas über 30 km/h voll okay. Es fühlt sich komisch an, in Badehose zu radeln. In der Wechselzone habe ich mir einfach eine kurze Hose drüber gezogen, doch es fühlt sich trotzdem ungewohnt an. Dennoch, radeln läuft bei mir. Mit einer Gruppe von 5 Personen geht es zügig der zweiten Wechselzone entgegen. Rein in die Wechselzone, Laufschuhe an und weiter geht’s auf die letzten 5 km. Ich bin aktuell ungefähr auf Rang 170. 4:30 min/km bin ich im Training schon mal gelaufen, aber noch nie unter dieser Belastung. Mal sehen, wie es jetzt läuft. Noch fühlt es sich gut an. Was mir aber zu denken gibt: Ich bin nur am Überholen.

Ich spüre, wie dieses mulmige Gefühl hoch kommt. Laufe ich zu schnell? Teile ich mir das Rennen falsch ein? Aber es fühlt sich aktuell einfach gut an, also laufe ich dieses Tempo weiter. Es gibt gefühlt keine 10 Sekunden in denen ich nicht irgendjemand überhole. Die Strecke ist flach auf einem Damm entlang mit Wendemarke nach 2,5 km. Inzwischen bin ich 21 Minuten unterwegs und das Ziel kommt in Sichtweite. Ich höre, dass wohl gerade eine platzierte Frau ins Ziel läuft, deswegen wird das Zielband da vorne nicht für mich sein, sondern für diese Frau. Elegant schlängle ich mich unter dem Zielband durch. Erst jetzt realisiere ich, dass jeder durch das Zielband laufen darf. Naja, wieder was gelernt. Platzierung im Ziel: 77. Rang! In fünf Kilometern fast 100 Athleten überholt. Ich bin stolz, doch eine Erkenntnis bleibt. Das mit dem Schwimmen kann so nicht weitergehen. Da muss ich schnellstmöglich wieder rauf auf das Pferd und dieses Schockerlebnis verarbeiten.

Professionelle Hilfe erforderlich

Eines ist jetzt klar. Ich brauche Hilfe, professionelle Hilfe, sonst wird das nichts. Doch an wen wendet man sich, wenn man wirklich gar keine Ahnung hat. Und mal ehrlich, einfach wo anrufen und sagen: „Hallo, ich bin der Stefan, ich habe zufällig einen Startplatz für einen Ironman erhalten. Ich habe zwar keine Ahnung vom Triathlon, will aber in einem Jahr in Roth starten und habe mich gefragt, ob du mir dabei unter die Arme greifen willst?“ ist auch nicht so professionell. Es wäre jedoch ehrlich. Aber ich rufe ja auch nicht einfach bei Bayern München an und frage, ob ich bei denen mittrainieren kann, weil ich vor habe, in einem Jahr Champions League zu spielen und das kann ja so schwer nicht sein. Jetzt ist guter Rat teuer. Ich muss wohl über meinen Schatten springen.

Zu Hause überlege ich und mir kommen zwei mögliche Anlaufstationen in den Sinn, bei denen ich es versuchen werde. Zum einen haben wir im Landkreis einen Triathlonverein und zum anderen gibt es da diese Familie Wild. Wolfgang, Carola und Theresa, von denen ich weiß, dass sie bereits Roth finishten, schon Sportler des Jahres in unserer Region waren bzw. sind, sehr viel Sport treiben und auch noch fast aus meinem Heimatort stammen. Ich versuche eserst mal da. Sofort verfasse ich meine erste Kontaktmail an die Wilds, deren Adresse ich über deren Laufgemeinschaft im Internet herausfinde. Mit Herzklopfen klicke ich auf „senden“. Meine Mail, in der ich vorsichtig erläutere, dass ich an ein Ticket für Roth kam und mich frage, ob ich mich mal melden darf, um mit Ihnen darüber zu sprechen, ist auf dem Weg zu den Wilds.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Wir vereinbaren ein Telefonat für den morgigen Tag.

Es ist Montag, ich wähle die mir per Mail durchgegebene Handynummer und mein Herz pocht wie wild. Könnt ihr euch noch an den ersten Anruf bei eurer ersten großen Liebe erinnern? Genau so geht es mir gerade und bevor ich lange nachdenken kann, was ich denn jetzt alles sage, telefoniere ich schon mit Wolfgang Wild. Die Gesprächsatmosphäre ist mir sofort sympathisch, auch die von mir gefürchtete Reaktion bleibt aus. Im Gegenteil. Wolfgang spricht mir von Anfang an Mut zu und gibt mir das Gefühl, dass ich das schon schaffe, obwohl wir uns ja noch nie über den Weg gelaufen sind. Außerdem erzählt er mir, dass er früher direkter Arbeitskollege meines inzwischen verstorbenen Vaters war und er berichtet mir von dieser Zeit. Ich fühle mich gut aufgehoben. Wir verabreden uns zum Lauftraining am Dienstagabend mit der LG Warching, der Laufgruppe der Wilds.

Die ersten Tage sind geschafft und da ich schon Anfang Juli angefangen habe für mich zu trainieren, sieht meine Trainingsbilanz für den Monat Juli wie folgt aus. Insgesamt war ich 12x Schwimmen und habe dabei eine Strecke von 12 km zurückgelegt. 334,7 km bin ich bei meinen 15 Radeinheiten gefahren und während der 10 Laufeinheiten bin ich 120,3 km gelaufen.

Trainingspensum Juli 2015:

Schwimmen:12x12,0 kmRadfahren:15x334,7 kmLaufen:10x120,3 km

August 2015

Schockerlebnis verdauen

Sonntag, 02. August 2015: Ungefähr eine halbe Autostunde von mir entfernt, steht heute mein zweiter Sprinttriathlon an. Nach meinem Debakel beim Schwimmen in Augsburg, ist mir wichtig, dass ich gleich wieder starte, um das Schockerlebnis im Wasser zu verarbeiten. Ziel heute: Ein positives Gefühl mitnehmen. Wolfgang und Carola starten ebenfalls und geben mir schon die ersten Tipps. Wolfgang bringt mir einen Triathlonanzug mit und übergibt mir zudem ein Startnummernband. Da die beiden mir am Dienstag sagten, dass ich in Oettingen fast nicht mit dem Trekking Rad starten kann, besorgte ich mir noch kurzerhand das Rennrad meines Schwagers und gehe mit diesem an den Start. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass ich noch nie mit Klickpedalen Rad gefahren bin und deswegen am Donnerstag schon mal 30min auf dem Rad saß um mich an das Teil zu gewöhnen. Ganz schön wackelig so ein Rennrad. Aber gut, Triathlonanzug, Startnummernband, Rennrad und auch ein geliehener Helm gehören zu meiner Ausrüstung bei diesem Event. Die beiläufige Information von Wolfgang, dass ich unter den Triathlonanzug nichts drunter habe, war Gold wert, denn ich habe mich schon gefragt, was ich denn da drunter trage.

Der Start rückt näher. Die Wilds tragen alle Neoprenanzug, was bei einer Wassertemperatur von 18 Grad auch durchaus sinnvoll ist, doch ich habe so was nicht und deswegen kraxel ich mit meinem neuen Triathloneinteiler ins kühle Nass. Im Wellenstart (die Teilnehmer sind in mehrere Startgruppen aufgeteilt, die zeitlich versetzt starten) beginnt mein Rennen mit ungefähr 60 weiteren Teilnehmern um 10:06 Uhr und im Vergleich zur Vorwoche habe ich schon die erste Lektion gelernt. Ganz hinten in der Gruppe stehen. Startschuss und los geht´s. Mein Ziel ist, wenigstens die Hälfte der Strecke zu kraulen. 50 Meter sind rum und ich merke, dass dieses Ziel vielleicht doch nicht so realistisch ist. Das unruhige Wasser, die nicht vorhandene Sicht in dem Wörnitzflüßchen, die fehlende Orientierung und die immer noch vorhandenen Gegner rechts und links von mir machen mir zu sehr zu schaffen. Doch mein primäres Ziel lautet ja nicht, alles schnellstmöglich zu erledigen, sondernnach Strategien, Lösungswegen und Umgangsformen zu suchen, wie ich mit der Schwimmsituation zurechtkomme. Immer wieder beginne ich mit Kraulen, aber spätestens nach fünf Armzügen muss ich wieder in den Bruststil wechseln. Es ist mir einfach noch nicht möglich, all diese „Nebenkriegsschauplätze“ in den Griff zu bekommen. Die 500m mit positiven Gefühlen zu schaffen, fordert mich schon genug. Allerdings geht es mir diesmal schon viel besser als noch vor einer Woche. Zwar immer noch miserabel, aber deutliche Fortschritte sind erkennbar und ich bin stolz, immer wieder ein positives Gefühl in mir aufkommen zu lassen. Plötzlich überholt mich ein Rückenschwimmer, und das in einem Moment, als ich mal wieder mit Kraulversuchen durch das Wasser ackere. Ein Bild für Götter. Du schwimmst schnellstmöglich in deiner Kraultechnik und neben dir überholt dich ein Rückenschwimmer. Auch wenn es eigentlich bitter ist im Hinblick auf Roth, so kann ich mir ein Lachen hier nicht verkneifen.

Nach über 15 min schwimmen und meinem Wechsel aufs Rad, überholt mich plötzlich Carola. Ich muss gut unterwegs sein, denn wenn sie, die 6 min vor mir startete jetzt erst auf das Rad steigt, bin ich noch gut im Rennen. Diese Einschätzung werde ich im Ziel dann leider revidieren müssen, denn Carola ist nur deswegen gerade auf meiner Höhe, weil ihr Rad einen Platten hatte und sie fast eine Viertelstunde durch den Radwechsel verloren hatte. Schon irgendwie süß von mir, dass ich nach einem Monat Training denke, dass ich mit einer langjährigen Triathletin mithalten kann, aber es zeigt doch irgendwie treffend, wie unbedarft und mit welchem Optimismus ich an die Sache herangehe. Der restliche Wettkampf läuft ähnlich wie in Augsburg. Radfahren normal und beim Laufen wieder die Überholspur genutzt, um meinen enormen Rückstand aus dem Schwimmen zu egalisieren. Nach 1 Std und 22 min liegen die 500m Schwimmen, 23 km Radeln und 5,1 km Laufen hinter mir und mit einem deutlich besseren Gefühl als noch vor einer Woche überquere ich glücklich die Ziellinie.

Am Veranstaltungsgelände treffe ich dann noch viele Bekannte und Freunde und zum ersten Mal sage ich öffentlich, dass ich mich für eine Ironmandistanz in einem Jahr bei der Challenge Roth angemeldet habe. Die verdutzten Augen und verwunderten Blicke sind nicht zu übersehen. Das Schöne jedoch, ich spüre, wie so eine Stimmung in der Luft ist „Wenn es einer schafft, dann du.“. Das gibt mir Auftrieb und ich bin dankbar für diese Reaktion, allen voran von der Familie Braun.

Jetzt geht´s los

Der Startschuss ist gesetzt und jetzt geht es los, mich auf die Challenge Roth am 17.07.2016 vorzubereiten. Wie ich in den Gesprächen mit Carola erfahre, geht die tatsächliche, zielorientierte Vorbereitung mit ausgearbeiteten Trainingsplänen 31 Wochen vor dem Startschuss los, was bei mir heißt, dass dies irgendwann im November der Fall sein wird. Bis dahin lautet meine Aufgabe, selbstverantwortlich eine möglichst gute Grundlagenausdauer aufzubauen. Mein Training unter der Woche setzt sich nun bis zum Ferienende Mitte September ungefähr wie folgt zusammen: 3x wöchentlich Schwimmen (einerseits läuft der Kraulkurs noch, andererseits gehe ich selbständig schwimmen), 2x die Woche laufe ich mit der LG Warching und 1x die Woche schnappe ich mir mein Rad. Einen Tag die Woche habe ich trainingsfrei.

Die Highlights sind nach wie vor meine Schwimmeinheiten. Im Kurs „dürfen“ wir immer eine oder zwei Bahnen nur Beine schwimmen, was heißt, dass die Arme auf dem Schwimmbrett liegen und nur durch Beinschlag die 50m zurückzulegen sind. Hier bin ich regelmäßig als Letzter von uns fünf Teilnehmern im Ziel und dieses Talent werde ich hartnäckig verteidigen. Ein Beweis gefällig? Wieder mal stehen 50m Beine an. Ich strample mich hochmotiviert ab, bis Hilde zu mir kommt und mich mit den Worten „Vorwärts schwimmen, Stefan, nicht rückwärts!“ aus meiner Konzentration herausholt und beim Blick auf das Geländer neben dem Beckenrand fällt mir auf, dass es mir tatsächlich gelingt, trotz vollem Beinschlag rückwärts zu schwimmen. Schon jetzt ist mir eine Strategie für Roth vollkommen klar. Beim Schwimmen werde ich mich auf meine Arme verlassen, die Energie für die Beine schone ich für Radeln und Laufen. Zwar würdigt mich Hilde mit bösen Blicken für diese Taktik, doch das ertrage ich mit einem schelmischen Lachen. Ihr Anspruch ist es, wenn Sie jemand Schwimmen beibringt, dann ganz und mit sauberer Technik und nicht so Alibischwimmen wie es der Herr Ferber wünscht, deswegen darf ich auch weiterhin immer fleißig Beine trainieren. Jedes Mal kommentiert mit wortloser Mimik, die bei uns beiden für ein Lächeln sorgt.

Mein Wettkampfgerät

Beim Radfahren habe ich ebenso noch einige Defizite bzw. ich würde eher sagen Nachholbedarf. Ohne Rennrad ist es nun mal schwer, zu trainieren. Deshalb ist eine meiner ersten Aufgaben, mir so einen schnittigen Drahtesel zu besorgen. Die Wilds raten mir gleich zum Fritz Buchstaller in Hilpoltstein zu gehen. Der Name ist in der Triathlonszene ein Begriff, was ich bis heute noch nicht wusste. Da dessen Radgeschäft jedoch nur eine Stunde von mir entfernt ist, beschließe ich, diesen Tipp anzunehmen und der erweist sich als goldrichtig. So kommt es, dass ich Samstagmorgen in Hilpoltstein im Radladen stehe und mir mein Fahrrad für den Wettkampf aussuche. Der Radkauf läuft allerdings nicht so ab, dass ich mein Rad auswähle, bezahle und mein Bike mit nach Hause nehme, sondern nachdem ich mich für das Ding entschieden habe wird ein separater Termin zum Vermessen ausgemacht.

Der Kauf klappt relativ fix. Nach der finalen Wahl des Modells geht es nur noch um die Accessoires (Tacho, Triathlonlenker, Schuhe, …). Da ich von Fahrrädern ungefähr so viel Ahnung habe, wie vom Fliegen eines Airbus 380 verlasse ich mich voll auf die Meinung und die Aussagen des Teams vor Ort. Neben Charly, dem eigentlichen Inhaber des Radladens, mischt auch immer wieder Fritz mit seiner Meinung mit und auch Marion, die gute Seele des Ladens betreut mich in allerlei Fragen. Nach ca. einer Stunde sind die Würfel gefallen. Ein Alurad der Marke Cannondale wird im Juli 2016 in Roth für 180 km mein bester Freund sein.

Eine Woche später erscheine ich wieder zum Einstellen des Rades. Interessanterweise ist jedoch nicht mein Rad der Hauptdarsteller beim Einstellen, sondern mein Körper, denn dieser wird erstmal ausgerichtet, in dem ich auf der Massageliege bearbeitet werde, bis mein Körper im Lot steht. Da ich öfters bei Osteopathen bin, kenne ich die Griffe, die Fritz an mir tätigt. Er trifft sofort meine mir bekannten Baustellen am Körper. Einziger Unterschied, meine Osteopathin geht doch etwas zarter mit meinem Luxusgut namens Körper um. Mit der Überzeugung, dass die Basis ein richtig eingestellter Körper ist, trifft Fritz auch meine Meinung! Nachdem mein Körper im Lot ist, setze ich mich auf mein Rad, das auf einer Rolle fixiert und mit allerlei elektrischem Equipment verkabelt ist. Videoanalysen, Laservermessungen, Druckmessungen an den Satteln usw. sorgen dafür, dass das Rad jetzt perfekt auf mich eingestellt ist und das in zweierlei Varianten. Ich habe nämlichzwei Sattel. Einen für das normale Rennrad fahren und einen für die Fahrt im Wettkampf auf den Triathlonlenkern.

Der ganze Spaß hat zur Folge, dass mein Konto nun wieder mehr Platz bietet, da fast 2.500 Euro nun den Urlaub von Charly und seinem Team finanzieren. An dieser Stelle noch mal ein großes Dankeschön an Fritz, Marion und Charly. Ich hab mich echt super gut aufgehoben gefühlt bei euch.

Radtechnisch bin ich nun bestens gerüstet. Jetzt fehlt nur noch, dass der Typ, der da drauf sitzt in Form kommt. Dass dies so kommt, nehme ich nun regelmäßig meinen neuen besten Freund in Anspruch um mit ihm diverse Touren der Region abzufahren. Das Wetter meint es gut mit mir, was dazu führt, dass ich gerne mal mit dem Rad zur Arbeit fahre, dies aber mit Umwegen. Der direkte Weg zur Arbeit umfasst ungefähr 16 km, je nachdem, welche Streckenführung ich wähle. Um zu trainieren fahre ich Umwege, so dass ich nach 60km und über 2 Stunden in der Arbeit ankomme. Dort kann ich duschen und danach mache ich mich an meinen Schreibtisch. Arbeit und Training lassen sich aktuell noch gut miteinander in Einklang bringen, doch ich merke bereits, dass es nach sechs Wochen beim neuen Arbeitgeber langsam stressiger wird. Mit dem aktuellen Trainingsumfang ist das zwar noch machbar, doch es zeigt sich bereits jetzt, dass die Kombination Arbeit und Trainingsvolumen noch eine Herausforderung werden kann.

FKK beim ersten Halbmarathon

Von Woche zu Woche merke ich, dass ich in einer neuen Welt angelangt bin, denn ein Highlight bzw. ein neues Ereignis jagt das Nächste. Auch für die LG Warching, meine Laufgemeinschaft, wartet das diesjährige Highlight. Im September nehmen sie am Berliner Marathon teil.

Im Januar habe ich mich für meinen ersten Marathon, der in München stattfindet, angemeldet. Es war für mich an der Zeit, das zu machen und so habe ich im Januar kurzerhand das Anmeldeformular ausgefüllt. Jetzt passt der Marathon nicht 100%ig in mein Trainingskonzept. Da aktuell der Fokus eher auf einen Ironmangerichtet ist, fällt eine spezielle Vorbereitung auf den Marathon ein bisschen ins Wasser. Zur Vorbereitung auf Berlin steht am Sonntag, den 30.08. für einige Warchinger der Kissinger Halbmarathon auf dem Programm. Spontan nehme auch ich teil. Mein erster Halbmarathon.

Schon bei der Anreise morgens können wir spüren, dass die Sonne heute mächtig Spaß am Himmel hat. 9:30 Uhr morgens und das Thermometer zeigt schon Temperaturen im Bereich Sonnenbaden im Freibad, aber wir haben heute ja nichts Besseres zu tun, als 21,1 km zu laufen.

Neben Dieter, Armin, Günther und Thomas bin ich Nummer 5. Da es mein erster Halbmarathon ist und ich keinerlei Erfahrung habe, ist mein „Matchplan“ relativ einfach. Immer von Dieter ziehen lassen, der bereits viele Läufe dieser Art in den Knochen hat und ungefähr mein Tempo läuft.

10 Uhr – Startschuss zu 3x 7 km. Es hat 30 Grad. Zum Glück findet das Rennen zu 99% in der Sonne statt. Schatten? Fehlanzeige! Also dümpel ich im Windschatten von Dieter vor mich hin. Teerweg, Schotterweg, Waldweg, usw. bis die Landschaft bei Kilometer fünf auf einmal Bevölkerung aufweist. Die Strecke geht doch tatsächlich mitten durch den FKK Bereich von irgendeinem See. Meine neugierigen Augen sind natürlich abgelenkt. Leider entspricht der optische Genuss nicht ganz meinen Vorstellungen, doch man kann ja nicht alles haben. Nach 31,5 min läuten wir die zweite Runde ein. Ganz schön flott denke ich mir.

Es wird immer heißer. Nach ziemlich genau der Hälfte meint Dieter nur, dass ich allein weiterlaufen soll, das Wetter macht ihm zu schaffen. Na gut, dann halt allein. Tempotechnisch bin ich noch gut drauf. Kurz vor dem Ende der zweiten Runde schaue ich nochmal schnell bei meinen neuen Freunden der textilfreien Zone vorbei, bevor ich einem Läufer näher komme, der der Nächste auf meiner internen Überholspur ist.

Und da ich ein recht geselliger Mensch bin, wechsle ich noch ein paar Takte mit ihm. Auf einmal fragt er mich, ob ich noch eine dritte Runde laufe, was bei mir Fragezeichen aufkommen lässt. Warum sollte ich denn nicht drei Runden laufen? Es heißt doch Halbmarathon und nicht „EinDrittelMarathon“. Wie ich jetzt erfahren darf, konnte man sich auch für die 7km oder die 14km anmelden und man darf sogar während des Rennens entscheiden, wie lang man läuft. Ganz ehrlich, das geht gar nicht. Wenn ich 21,1 km aufdem Papier stehen habe, dann lauf ich das auch. Er jedenfalls beschließt, Feierabend zu machen. Als ehemaliger Fußballer, der durch Disziplin, Ehrgeiz und Trainingsfleiß mit begrenztem Talent in der 5. Liga zum Führungsspieler wurde, weiß ich, dass ich diese Eigenschaften auch in der vor mir liegenden Zeit bis Roth brauchen werde.

Aber gut, bin ich ab der dritten Runde wieder allein und einsam. Vor mir lange nichts, hinter mir lange nichts. Bei inzwischen 37 Grad, wie es laut Veranstalter heißt, bin auch ich, der es liebt in der Sonne zu laufen am Ende mit meinen Kräften. Kurz vor der FKK Zone überhole ich noch zwei Teilnehmer, grüße meine neuen Freunde bei Kilometer 19 und freue mich nach 1:39:17 Std über meine Zeit und über den Gesamtplatz 24 im Ziel. Platt bin ich wie Sau, denn das Wetter ist wirklich unerträglich heiß, und dennoch bin ich richtig stolz auf meinen ersten Halbmarathon.

Trainingspensum August 2015:

Schwimmen:15x21,3 kmRadfahren:13x667,3 kmLaufen:7x90,3 km

Trainingspensum Gesamt:

Schwimmen:27x33,3 kmRadfahren:28x1.002,0 kmLaufen:17x210,6 km

September 2015

Neo tragen will gelernt sein

Am 02. September verabrede ich mich mit Theresa Wild zum Schwimmen im Donauwörther Freibad. Theresa ist zwar erst 24 Jahre, hat aber schon einige Erfolge im Triathlon vorzuweisen. Deutsche Meisterin in ihrer Altersklasse über die Mitteldistanz, Sportlerin des Jahres in meiner Heimatregion, Sportlerin des Jahres im benachbarten Landkreis, weil sie dort für den Triathlonverein startet und im Oktober wird sie erstmals beim legendären Ironman auf Hawaii starten, für den sie sich bei den Weltmeisterschaften über die Mitteldistanz in Zell am See, qualifiziert hat. Mit Theresa gehe ich heute schwimmen, weil sie mir den Neoprenanzug von Wolfgang, ihrem Dad, mitbringt. Dieser hat mir das Angebot gemacht, dass ich seinen alten Anzug günstig erwerben kann, wenn er mir passt. Dies teste ich sogleich. Rein in den Anzug und es ist doch etwas beschwerlich, sich da rein zu zwängen. Als ich mich nach einigen Minuten endlich fertig gequält habe, lacht mich Theresa nur an und sagt mir so höflich und respektvoll es eben gerade noch geht, dass der Reißverschluss nach hinten gehört. Oh Mann, wie peinlich. Doch es zeigt einmal mehr, wie sehr ich Anfänger bin und nach wie vor von Tuten und Blasen keine Ahnung habe. Ich kann es mit einem Schmunzeln nehmen und befreie mich erst wieder vom Anzug um ihn danach richtig anzuziehen. Das Erlebnis mit dem Anzug im Wasser ist hingegen echt beeindruckend. Ich spüre, wie ich förmlich durch das Wasser gleite und meine Zeiten sind Hammer, also für mich. Theresa überholt mich ständig, aber das ist mir egal. Es fühlt sich echt super an mit dem Neo. Kein beklemmendes Gefühl oder ein Gefühl Atemnot, nein, es ist einfach nur schön. Einzig kleiner Wehrmutstropfen, ich brauche durch die Ärmel am Anzug, die enganliegend auf meiner Haut platziert sind, viel mehr Kraft in den Schultern. Meine Überlegung, ob ich mir einen ärmellosen Anzug besorgen soll, verschiebe ich einfach mal auf ein paar Monate in die Zukunft.

Lange Läufe