Roadtrip mit Frau Scherer - Berit Hüttinger - E-Book

Roadtrip mit Frau Scherer E-Book

Berit Hüttinger

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Beschreibung

Roadtrip mit Frau Scherer – auf Tour mit dem Mercedes-Rundhauber Die Mietwohnung kündigen, alles hinter sich lassen und losfahren – ein Traum, den viele Wohnmobil-Fans träumen. Berit Hüttinger und ihr Mann Heppo haben ihn wahrgemacht. Als die beiden 2009 auf ihren fünfzig Jahre alten Mercedes-Benz-Rundhauber stoßen, ist ihnen schnell klar, dass sie mit "Frau Scherer", wie das Gefährt getauft wird, nicht einfach nur fahren wollen. Kurzerhand wird der Mercedes-Lkw zum Wohnmobil umgebaut. Gemeinsam mit Freund Matthias und Hund Sidi geht es im Jahr 2014 los: Ein Jahr lang reisen sie quer durch den unbekannten Osten über Turkmenistan, den Iran und Oman bis nach Kirgistan in Zentralasien. Die Reise eröffnet der kleinen Gruppe einen ihr bisher unbekannten Teil des Erdballs. Begleiten Sie die vier auf Fahrten über spektakuläre Highways, durch atemberaubende Landschaften und auf Ausflüge zu Pferde. Dass das Leben auf zehn Quadratmetern in einem betagten Allrad-Wohnmobil nicht immer ein Zuckerschlecken ist, wird dabei auch nicht verschwiegen. "Frau Scherer" ist nicht die Pflegeleichteste und belastet die Nerven der Reisegruppe durch allerhand kleine und große Wehwehchen. Als Leser sind Sie bei allem hautnah dabei. Von der Adria bis zum Altai: Eine Reisebeschreibung zum Nachmachen Roadtrip mit Frau Scherer. Ein Allradabenteuer von der Adria bis zum Altai ist aber viel mehr als nur ein Reisebericht. Berit Hüttinger schildert nicht nur ihre Abenteuer mit Frau Scherer, sondern hält ihre Reiseroute auch in Fotos, Karten und Daten fest – zum Nachfahren, nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte. • Zum Staunen: 40.000 gefahrene Kilometer durch über 25 Länder • Zum Mitreisen und Träumen: über 40 Farbfotos wundervoller Landschaften • Zum Nachreisen: mit GPS-Daten, Kartenmaterial und praktischen Tipps Steigen Sie ein und gehen Sie mit Frau Scherer, dem historischen Mercedes-Benz-Wohnmobil, auf Abenteuertour!

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Seitenzahl: 368

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INHALT

Von Deutschland bis Lettland auf Umwegen

Autoprobleme in Montenegro

Albanien und die Waschanlagen

Serbiens Heilbäder

Höhenangst in Rumänien

Ukraine an einem Tag

Wir lieben Polen

Magisches Litauen

Weiße Nächte in Lettland

Ambivalentes Russland – goldene Kuppeln und Industriestädte

Zerreißprobe Kasachstan

Kirgistan – Pferde, Jurten und Bauwagen

Durch Tadschikistan auf dem Pamir Highway

Usbekistan und die Seidenstraße

Turkmenistan und das Tor zur Hölle

Anstrengende Gastfreundschaft im Iran

Vereinigte Arabische Emirate und Oman – Zeit zum Nachdenken

Erneut im Iran

Heimreise im Schnelldurchlauf

Alkohol in Armenien

Höhlenklöster in Georgien

Schlaraffenland Türkei

Griechenland und die Krise

Zurück in Albanien

Verdächtig in Montenegro

Hausbesetzer in Kroatien

Der österreichische Schamane

War alles nur ein Traum?

Reisetipps

Mein Dank geht an

VONDEUTSCHLANDBISLETTLANDAUF UMWEGEN

2.3.–24.5.2014

»Metallknetmasse, Isolierband, Multitape, Kupferpaste …«, ruft mir mein Freund Heppo über eine grüne Kiste gebeugt zu, während ich gewissenhaft unsere Ausrüstungsliste abhake. Ich schaue kurz zu unserem Kumpel Matthias, der gerade die Elektrokiste bestückt. »S-c-h-r-u-m-p-f-s-c-h-l-a-u-c-h-s-e-t«, tippt er in seinen Computer. Ich muss schmunzeln. Noch immer amüsieren mich die lustigen technischen Begriffe, mit denen ich konfrontiert werde, seit wir unseren Allradlastwagen Frau Scherer haben. Anfangs konnte ich es kaum glauben: »Frau Scherer hat tatsächlich Schmiernippel?« »Klar«, bekam ich von unseren Rundhauberfreunden zu hören. »Es gibt sogar einen Schmierplan, und dazu benötigt man eine Fettpresse!« Wie sympathisch! Auf Diät ist unsere beleibte Dame also schon mal nicht.

Seit wir 2009 den damals noch dunkelblauen Allradlastwagen erstanden haben, ist viel passiert. Heppo ist mittlerweile ein ganz passabler Autoschrauber, und auch ich habe viel Neues gelernt, zum Beispiel mit einer Flex umzugehen. So wurde aus einem vernachlässigten Nutzfahrzeug ein schmuckes, hellblaues Reisemobil mit Oldtimerstatus. Der einst leere »Koffer«, wie man den hinteren Aufbau nennt, ist nun eine gemütliche Miniwohnung. Auf nur gut neun Quadratmetern befinden sich ein Klappbett, ein Essbereich mit Platz für drei Personen, eine Küchenzeile und viel Stauraum unterm Bett. Sogar eine Nasszelle gibt es. Am Fahrzeug selbst haben wir einiges an Extras verbaut, unter anderem eine motorbetriebene Reserveradhalterung, die abgesenkt zugleich als Außentisch genutzt werden kann, Solarzellen auf dem Dach und ein speziell für uns angefertigter Dachgepäckträger auf dem Fahrerhaus.

Ja, Frau Scherer ist nun wirklich bereit für ihre große Fahrt. Aber sind wir es auch? In wenigen Tagen soll es jetzt tatsächlich losgehen. Seit über einem Jahr planen wir nun schon unsere Reise nach Zentralasien über Osteuropa und die Ukraine weiter nach Russland, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Usbekistan, Turkmenistan bis in den Iran und zurück. Wir, das sind Heppo, unser gemeinsamer Freund Matthias, unser Hund Sidi und ich, Berit. Ob das mal gut geht, zu dritt so lange auf engstem Raum unterwegs zu sein? Ich habe da so meine Bedenken. Aber der Plan entstand nun mal zusammen mit Matthias, als wir 2010 und 2011 sehr schöne gemeinsame Wochen in Marokko verbrachten. »Warum also nicht länger gemeinsam reisen?«, dachten wir uns. Schließlich verstehen wir uns gut, und die Kosten werden gedrittelt. Insbesondere der letzte Punkt ist bei unserem äußerst knappen Budget von 10.000 Euro pro Person nicht zu unterschätzen. Immerhin, Matthias hat ein eigenes Dachzelt bekommen. So viel Privatsphäre muss sein! Ein Zurück gibt es nun sowieso nicht mehr, denn für unseren Aufbruch ist mittlerweile alles in die Wege geleitet. Wir haben zu Hause sämtliche Kosten fast auf null reduziert, Verträge gekündigt und unsere Jobs auf Eis gelegt.

Heppo und ich sind unterdessen in der glücklichen Lage, unsere Lohnarbeit bereits seit letzter Woche hinter uns zu haben. Mein Freund ist selbstständiger Zimmerermeister, und da er weder eine eigene Werkstatt noch Angestellte hat, kann er relativ flexibel sein. Ich hingegen habe schweren Herzens meine Anstellung als Webdesignerin bei einem Sprachreisevermittler gekündigt. Unsere »Hauptwohnung«, einen selbst gebauten Zirkuswagen, lassen wir in der Obhut unserer Freunde am Wagenplatz in Regensburg. Das zweite Zimmer – nämlich Frau Scherer – wird mit uns reisen. Für Matthias aber ist alles ein bisschen komplizierter. Als Elektrikermeister mit eigener Firma konnte er sich nur unter großen Mühen Zeit für eine längere Abwesenheit freischaufeln. Am entspanntesten ist wie immer unser Hund Sidi, den wir vor fast vier Jahren als Welpen aus einer Mülltonne in der Westsahara gerettet haben. Er döst in der Sonne und blinzelt nur ab und zu verstört, wenn wir wieder einmal hektisch fluchend zwischen unseren Wagen hin und her laufen.

»Berit, träumst du?«, fragt Heppo und wedelt mit seinen Händen vor meinen Augen herum. »Tut mir leid!«, murmle ich geistesabwesend und wende mich wieder meiner Inventurliste zu. »Was war das noch einmal? Motorstarthilfe, Silikonbremsflüssigkeit und Rostlöser?«

Irgendwann muss man dann aber einfach losfahren. Denn es wird immer noch und noch etwas zu tun geben. Also starten wir den Motor und winken unseren Freunden zum Abschied zu: »Vergesst uns nicht!«

Auf der Autobahn Richtung Österreich ist Frau Scherer recht flott unterwegs. Bei der Alpenüberquerung ächzt und schnauft sie dann aber schon ordentlich. Weitaus fröhlicher klingt das Tuckern ihres Motors, als wir Slowenien hinter uns haben und Kroatien bereits in Sichtweite ist.

Bei Šibenik entdecken wir ein verwunschenes Grundstück, einen leer stehenden Campingplatz auf einer kleinen Landzunge. Durch einen terrassierten Garten führen Treppchen hinab zum Meer. Oben stehen noch einige der ehemaligen Gebäude in halbwegs gutem Zustand. Wie toll, hier möchten wir wohnen und Campingplatzbesitzer sein. Wir verbringen einen sonnigen Nachmittag voller Träumereien und Gitarre spielend am Meer.

Abends drängt Heppo darauf, dass wir zum Clubbing nach Šibenik fahren. Die mittelalterliche Innenstadt ist schön. Die Gassen sind eng, und die prächtige, weiße Kathedrale zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe. Die Café-Bar Faust an der Hafenpromenade ist ein Schuppen für alte Männer mit einer Vorliebe für schlechte 80er-Jahre-Musik. Wir trinken ein Karlovačko und sind gelangweilt. Daher wechseln wir in einen Club in einem großen Gewölbekeller. Hier legt ein DJ Funk auf. Wir tanzen fröhlich. Allerdings beunruhigt mich eine Gruppe in Springerstiefeln und Tarnfleckhosen. Und tatsächlich outen sich die Typen wenig später als Naziskins: »Ah Germany! Hitler ist cool and Josef Mengele my idol!« Heppos »Fuck you!« und mein »We hate Naziskins!« tragen nicht gerade zur Entspannung der Situation bei. Ich beschwichtige dann aber mit dem – zugegebenermaßen stupiden – Satz: »Let’s meet as people and let’s not talk about politics.« Um ehrlich zu sein habe ich überhaupt keine Lust, diesen Idioten als Menschen zu begegnen, aber es scheint zu helfen. Außerdem findet sich noch ein kroatischer Beschützer mit mehr Haaren und mehr Hirn als seine Kumpels. Mattia begleitet uns zum Laster und lobt uns: »You guys are more open minded than most of the people in Šibenik!«

Der Blaue See in Imotski ist auf den ersten Blick eine herbe Enttäuschung. Er entpuppt sich als riesiges Loch, gefüllt mit Wasser, obwohl doch im Reiseführer von einem Naturwunder die Rede war. Der Ort ist auf der einen Seite bis direkt an den See gebaut, auf der anderen Seite ist das Ufer bewaldet. Irgendwie hatten wir uns vorgestellt, dass wir ganz einsam direkt am See stehen könnten. Aber klar, das ist wohl nicht so ganz einfach, bei einer Einsturzdoline mitten in einem Ort. Schon gestern hatte uns beim nahe gelegenen Roten See ein Kroate angesprochen. Tomislav ist ein netter, ruhiger Mann – Berufssoldat. Er findet Frau Scherer sehr schön. Leider klappt die Verständigung nicht so recht, denn er spricht nur Kroatisch und wenige Brocken Deutsch. Wir glauben herauszuhören, dass er uns gern auf einen Wein einladen würde. Und tatsächlich, pünktlich um acht Uhr morgens steht er mit einer Zweieinhalbliterflasche, gefüllt mit Rotwein aus eigener Produktion, vor unserer Tür. Vom Bruder gibt es als Zugabe einen hausgemachten Schinken, Serrano-Art.

Wir sind noch beim Frühstück und laden ihn zu Kaffee und Linzer Torte ein. Die Verständigung ist wieder schwierig, daher bittet er telefonisch einen Freund dazu. Kurz darauf erscheint ein gut aussehender Rockertyp mit hellen Augen, grauem Bürstenschnitt und Lederjacke. Wie er heißt, haben wir leider vergessen. »Namenlos« kann ganz gut Deutsch und beginnt sogleich, sein komplettes Leben zu erzählen: »Vor dem Krieg habe ich als Automechaniker in Frankfurt gearbeitet. Zu Kriegsbeginn bin ich wieder zurück nach Kroatien, denn ich bin ein Politischer. Mein Land und meine Familie habe ich mit der Waffe verteidigt …« Tomislavs Kumpel kommt nun richtig in Fahrt, qualmt uns die Bude mit einem streng riechenden Tabak voll und textet uns im Staccato zu: »Schönes Auto habt ihr da. Mercedes baut die besten Autos. Ich bin ja Motorradfahrer. Hatte schon viele Unfälle. Und siehst du den Typen da draußen, der da gerade vorbeigeht? Das ist ein Serbe. Die Serben sind schlechte Menschen, aber dieser hier ist schon in Ordnung. Heute haben ja alle frei, ist ein katholischer Feiertag. Jesus wird in neun Monaten wiedergeboren …«

Tomislav ist zum Schweigen verdammt, jetzt, da sein Freund sich so gut an die deutsche Sprache erinnert. »Aber Leute«, fährt dieser fort, »nun müsst ihr euch den See anschauen und, bitteschön, überall weitersagen, dass Imotski – Stadt, See und Menschen – auf jeden Fall einen Besuch wert sind!« Alles klar, das habe ich hiermit erledigt.

Autoprobleme in Montenegro

Es regnet in Strömen, und kalt ist es auch. Bei Vitaljina geht es dann nach Montenegro. Die Beamten durchsuchen halbherzig unseren Lkw, und erstmals müssen wir die Hundepapiere vorzeigen. Immer wieder ist es erstaunlich, wie sich gleich nach der Grenze alles verändert. Der Verkehr in Montenegro ist chaotisch. Plötzlich sieht man kyrillische Schriftzeichen, und die Landschaft wirkt dramatisch. Die Berge sind tatsächlich schwarz – wie der Name Montenegro schon sagt – und steigen gleich hinter der Küste steil an. Die größte Überraschung jedoch ist, dass man hier mit Euro zahlt. Montenegro hatte bereits 1999 die DM eingeführt und dann gleich mit auf den Euro umgestellt. Und das, obwohl Montenegro kein offizielles Mitglied der EU und auch nicht Teil der Währungsunion ist! Daher darf das kleine Land auch keine eigenen Münzen prägen.

Die Bucht von Kotor ist zauberhaft schön – und ein teures Pflaster. Am Straßenrand sieht man einen Schilderwald aus Werbetafeln in mehreren Sprachen – Serbisch, Russisch und Englisch: Penthouse für 1,5 Millionen, Luxury Residences, der Quadratmeter ab 180 Euro. Montenegro steht Monte Carlo offensichtlich in nichts nach. Reiche Russen kaufen sich hier Land und Häuser in bester Mittelmeerlage.

Die Stellplatzsuche gestaltet sich für uns schwierig. Wir haben uns hinter der Bucht von Kotor einen Landzipfel ausgesucht, der laut unserer Straßenkarte etwas weniger dicht besiedelt sein soll. Aber das ist reine Theorie. Die Straßen werden einspurig und sind sehr eng. Erschwerend kommt hinzu, dass der Weg eine einzige Baustelle ist und uns immer wieder dicke Lkw entgegendonnern. Zusätzlich sind mehrere Schikanen eingebaut: Eisenstäbe, die aus dem Boden ragen, oder metertiefe, ungesicherte Löcher. An der Spitze des Landzipfels entdecken wir dann Bedrückendes. Der ehemalige Militärstützpunkt ist eine Geisterstadt, ziemlich gruselig. In einer verlassenen Kaserne finden wir Einschusslöcher, deutliche Spuren des Krieges. Darüber hinaus ist der Schotterweg beiderseits mit Bändern als vermintes Gebiet gekennzeichnet. Hier möchten wir nicht bleiben. Nach längerer Suche finden wir einen Stellplatz neben den Ruinen eines Hofes mit mehreren Gebäuden, in der Nähe der Plaža Mirišta bei Žanjic. An sich ist das ein wildromantisches Grundstück mit Zypressen und Blick auf die Berge. Sogar ein Stückchen Meer kann man sehen. Aber richtig wohl ist mir auch hier nicht. Hier hat einmal eine Familie gewohnt, sie wurde vielleicht vertrieben oder sogar getötet. Ich möchte mir das gar nicht so genau vorstellen.

Nachts entdecken wir am sternenklaren Himmel seltsame Leuchterscheinungen. Eine Disco? Leuchtbojen? Ufos? Geister? Außerdem hören wir ein durchdringendes Heulen ganz in unserer Nähe. Indianer? Kinder? Echte Gespenster? Gar die ruhelosen Seelen der ehemaligen Bewohner? Oder Schakale? Matthias in seinem Dachzelt träumt nachts von Menschen, die auf dem Grundstück hin und her gehen und sich lautstark auf Serbisch unterhalten. Als er schweißgebadet aufwacht und nach dem Pfefferspray greift, ist weit und breit niemand zu sehen.

Weil wir hier nicht bleiben mögen, beschließen wir, einige Hundert Meter bergab an die Plaža Mirišta zu fahren. Da greifen beim Bergabfahren plötzlich die Bremsen nicht mehr! Wir sind entsetzt! Vor unserer Abreise haben Heppo und Matthias die Bremsanlage komplett erneuert, das heißt, neue Bremsleitungen und neue Bremsbeläge eingebaut sowie das ganze System mit wartungsfreier Silikonbremsflüssigkeit befüllt. Die Bremszylinder, die neu nicht mehr erhältlich sind, wurden von einem Fachbetrieb überholt. Da die Bremse mit das Wichtigste am Fahrzeug ist, gingen die beiden mit großer Sorgfalt vor, besonders beim abschließenden Entlüften. Beim TÜV erzielte Frau Scherer auf dem Prüfstand hervorragende Werte. Daher ärgern wir uns nun umso mehr, dass plötzlich so gravierende Probleme auftreten. Bei einer Inspektion stellen wir fest, dass der Kupferring am Hauptbremszylinder ganz leicht undicht ist. Da aber bei mehreren nachfolgenden Tests die Bremse wieder einwandfrei funktioniert, schließen wir daraus, dass nicht ein Druckverlust das Problem ist, sondern das System an dieser Stelle Luft saugt. Das könnte der Grund für das einmalige Versagen sein. Also machen wir uns sofort an die Arbeit und entlüften die Bremse. Zum Nachziehen der undichten Schraubverbindung benötigten wir jedoch einen 41er-Schraubenschlüssel, den wir dummerweise nicht an Bord haben. Deswegen fahren wir weiter Richtung Budva und halten in Radanovici bei einer Lastwagenwerkstatt. Dort vereinbaren wir mit Chef Stanko für den nächsten Morgen einen Termin.

Da die Werkstatt direkt neben einer stark befahrenen Straße liegt, wollen wir uns in der Nähe ein ruhiges Plätzchen für die Nacht suchen. Das ist echt schwierig. Alle Straßen führen zu Häusern oder sind ausgesprochen eng und steil. Wenigstens finden wir eine Quelle, wo wir unseren Wasservorrat auffüllen können.

So ein Versorgungsstopp ist bei uns immer sehr aufwendig, da wir Trink- und Brauchwasser ausschließlich in stapelbare Zehnliterkanister der Marke Kabi abfüllen. Diese haben gegenüber einem fest verbauten Tank den Vorteil, dass sich keine Algen- oder Bakterienkulturen entwickeln können. Außerdem haben wir so eine bessere Kontrolle über die verschiedenen Wasserqualitäten. Dafür haben wir ein internes Markierungssystem entwickelt. Ein blaues Bändchen bedeutet zum Beispiel Trinkwasser, gelb hingegen Brauchwasser. Der Nachteil von Kanistern liegt aber auf der Hand: Wir müssen jeden Behälter einzeln aus unserem Lagerplatz in der Dusche holen, befüllen, abtrocknen und zurücklegen. Bei 15 Kanistern kann die Mission Wasser daher schnell mal zu einer längeren Aktion werden.

Vier Stunden später. Es ist bereits dunkel, als wir Frau Scherer auf einem Schuttabladeplatz abstellen. Wir konnten einfach keinen besseren Platz finden. Montenegro beginnt uns langsam zu nerven!

Frühmorgens einen Termin zu haben, ist für uns eine echte Herausforderung. Nicht, weil wir so furchtbare Langschläfer sind, sondern vielmehr, weil unsere Art zu reisen für viele Dinge mehr Zeit erfordert. Allein schon das Sichern unserer Habe im Lkw dauert. Beim Fahren soll schließlich nicht alles wild durcheinanderpurzeln. Dazu ist Frau Scherer mit ihren 100 PS auch eine echte Schnecke, und so brauchen wir schon mal für Strecken von nur zehn Kilometern bis zu einer Stunde – je nach Straße und Gelände. Trotzdem sind wir wie vereinbart kurz nach acht Uhr in der Werkstatt. Stanko bedeutet uns, auf die Grube zu fahren, und ruckzuck ist der Kupferring ausgebaut, der tatsächlich eine deutliche Kerbe aufweist. Wie ärgerlich, so etwas sollte nach einer Generalüberholung nicht vorkommen. Da der Ring eine Sondergröße hat, müssen wir uns leider mit Abschleifen zufriedengeben. Für kurze Zeit sieht alles sehr gut aus. Als der Chef dann aber persönlich zum Schlüssel greift und die Schraube fest anzieht, höre ich Heppo aus der Grube heulen: »Jetzt hat er ihn kaputtgemacht!« Es folgt eine Serie von hässlichen Flüchen. Der Worst Case ist eingetreten, das Gussgehäuse hat einen Riss. Eine schreckliche Schockstarre macht sich breit. Ein Mechaniker versucht uns einzureden, dass ein bisschen Metallkleber das Gussteil so gut wie neu werden lässt und wir damit locker bis nach Russland und zurück kämen. Von wegen! Das Teil ist hinüber. Da ist nichts mehr zu machen. Eine schöne Bescherung!

Uns tröstet lediglich ein wenig, dass wir zu Hause noch einen alten Zylinder haben. Jetzt tritt das Notfallszenario in Kraft: mit dem Handy teuer nach Regensburg telefonieren und veranlassen, dass dieser sofort zum Überholen geschickt wird. Außerdem den ADAC anrufen, da meistens auf die Einfuhr von Ersatzteilen Zoll erhoben wird und nur der Automobil-Club dies umgehen kann. Vom Mobiltelefon aus führe ich ein paar verzweifelte, überaus kuriose Gespräche, um Informationen über die Einfuhrbestimmungen zu bekommen. Mit dem Flughafen verläuft das Gespräch folgendermaßen: »Could you please help me with information about custom regulations?« »No, I am not the captain!« Acht ähnliche Telefonate später gebe ich entnervt auf.

Wegen des besseren Internetempfangs setze ich mich zu Recherchezwecken in die Werkstatt, wo die Mechaniker ihre wahre Freude mit mir haben. Sie machen mir Komplimente und füllen mich mit Raki ab. Es ist erst 13 Uhr, und ich habe schon zwei Schnaps getrunken. Sie kramen sogar ihr Englisch hervor: »You have beautiful eyes!« Na, so was.

Der Tag verläuft äußerst frustrierend. Wir laufen zu dritt los und versuchen, in der gut drei Kilometer entfernten Shoppingmall eine montenegrinische SIM-Karte aufzutreiben, um uns die teuren Roaminggebühren zu ersparen. Erfolglos. Von einer gelangweilten Verkäuferin werden wir auf die nächstgrößeren Städte Kotor oder Tivat verwiesen. Die sind aber sechs beziehungsweise acht Kilometer entfernt. Busse gibt es hier nicht, geschweige denn Taxis, also weiter zu Fuß. Plötzlich stehen wir vor einem mehrere Kilometer langen Autotunnel ohne Fußgängerweg. Da kommen wir nicht durch. Mein Trampversuch bleibt ebenfalls erfolglos. Mein gekränktes Ego – ich bin leider keine süße 20 mehr – tröstet sich damit, dass es wirklich viel verlangt ist, drei Personen und einen Hund mitzunehmen. Bei großer Hitze müssen wir also unverrichteter Dinge wieder zurückmarschieren. Wir sind übrigens die einzigen Fußgänger weit und breit. Im Straßengraben liegen unzählige tote Tiere, skelettierte Hunde, Marder, Frettchen, Schlangen und wer weiß, was noch alles. Die Montenegriner fahren wie die Henker, und Bürgersteige oder gar Radwege gibt es nicht. Wir müssen verdammt aufpassen, dass wir nicht Teil der makabren Road-Kill-Sammlung werden.

Als Lichtblick des Tages dürfen wir dann jedoch hinter der Werkstatt auf dem Grundstück des netten, Deutsch sprechenden Opas Janko stehen. Vorsichtig tasten wir uns nur mit der Handbremse auf das Gelände, das recht idyllisch und vor allem ruhig an einem Bach liegt. Heppo, der einen besonderen Sinn für das Praktische hat, säubert die Stelle vor unserer Tür vom Müll und richtet uns einen Duschplatz ein. Über den Bach läuft nämlich eine schlecht verlegte Trinkwasserleitung, die an einer Stelle undicht ist. Nach mehreren Stunden Steine schleppen und Kies harken präsentiert er uns stolz eine Outdoordusche mit halbhohem Mäuerchen und kleinen Stufen, die er in die Böschung gegraben hat. Wie herrlich, Wasser im Überfluss! Bei unserer Art zu reisen ist es ratsam, jede potenzielle Waschgelegenheit zu ergreifen, denn wir haben ja nur maximal 150 Liter Wasser an Bord. Das brauchen wir zum Trinken, Kochen, Abspülen und natürlich auch für die Körperpflege. Wir waschen uns daher, wenn es die Umstände zulassen, vorzugsweise in freier Natur. Wenn nicht, dann bleibt eben nur unsere Nasszelle. Diese ist eine mit Dachbegrünungsfolie ausgeschlagene Kammer im Lastwagen, die allerdings gleichzeitig als Lagerraum dient. Wollen wir dort duschen, müssen wir sie also vorher jedes Mal ausräumen. Dann stapeln sich in unserem Wohnbereich plötzlich Wasserkanister, Ersatzteile, Reis- und Kartoffelsäcke, Tonnen mit Hundefutter und Lebensmittel in Dosen. Niemand kann sich dann noch bewegen. Mit Humor betrachtet, hat ein Duschtag also Ähnlichkeit mit einem sehr fortgeschrittenen Level des Computerspielklassikers Tetris. Ein sonnig warmer Tag, ein uneinsichtiger Platz und eine unerschöpfliche Wasserquelle sind daher ein wahnsinniger Luxus. Wen stört es da bitte, dass das Wasser kalt ist?

Wir kommen auf die tolle Idee, uns über den ADAC einen Leihwagen zu besorgen. Wir hängen hier ja wirklich fest. Und tatsächlich bekommen wir für sieben Tage ein Fahrzeug. Trotz der Panne sind wir daher plötzlich guter Dinge. Mit unserem Leihauto, einem Golf TDI, fahren wir nach Budva, einem der ältesten Orte am Mittelmeer. Leider wurde die Stadt 1979 bei einem Erdbeben komplett zerstört, danach aber wieder originalgetreu aufgebaut. Jetzt tummeln sich dort reiche Russen und gehen mit ihren Luxusyachten vor Anker. Wir fühlen uns reichlich deplatziert.

Die mittelalterliche Festungsstadt Kotor ist dagegen sehr schön. Von drei Seiten ist sie von hohen Bergen umgeben und liegt an einer malerischen Bucht. Zusätzlich wird der Ort von einer Stadtmauer geschützt, und den Berg hinauf zieht sich eine ausgedehnte Burganlage. Die Stadt muss einmal sehr reich gewesen sein, denn wir entdecken überall Paläste, Prunkbauten, kleine Türmchen und Kirchen. Ein Rundweg führt auf die Bergrückseite zur Burg, dem St John’s Castle. Hier sieht es wie im Auenland aus, dem Land der Hobbits. Die Geräusche der Stadt verstummen, dafür hört man die Vögel singen. In Schlangenlinien geht es, einem Eselspfad folgend, wieder hinunter nach Kotor.

Heppo und Matthias starten früh am nächsten Morgen nach Dubrovnik, wo unser mittlerweile überholter Hauptbremszylinder eingetroffen ist. Wegen der Zollbestimmungen – Kroatien ist ein EU-Land – ist es anscheinend einfacher, das Ersatzteil dorthin zu schicken. Ich bleibe mit Sidi bei Frau Scherer. Ich wäre zwar gern mitgefahren, aber mit dem Hund wollen wir keine unnötigen Grenzübertritte wagen. Außerdem ist die Tour ja auch nicht als Vergnügungsfahrt gedacht. Am frühen Nachmittag sind die beiden wieder zurück. Die Zollbeamten hatten sie bereits erwartet, und die Übergabe des Zylinders klappte ohne Probleme. Jetzt kann es mit dem Einbau losgehen. Bitte Daumen drücken, denn schon morgen wollen wir weiter nach Albanien reisen.

In der Nacht stürmt es orkanartig, und Matthias steht morgens total zerknittert vor uns. Er hat die ganze Nacht nicht geschlafen, und außerdem hat es in sein Dachzelt geregnet. Heppo hat von der Bremse geträumt und ich wirres Zeug von Albanien. Dann bekommen sich Matthias und ich wegen irgendeines Unsinns in die Haare, und zu allem Überfluss schwitzt der neue Zylinder nach dem Einbau schon wieder Bremsflüssigkeit am Kupferring aus. Das darf doch nicht wahr sein! Was für ein unglaubliches Pech. Nach zehntägiger Wartezeit hat das Ersatzteil genau den gleichen Defekt wie sein Vorgänger. Wir sind verzweifelt. Also zerlegen wir erneut den Hauptbremszylinder und überprüfen den Kupferring. Und siehe da, der ist tatsächlich schon wieder komplett zerfurcht und sieht nicht wie neu aus. Da wir keine andere Wahl haben, machen wir den Ring heiß, um ihn weicher und damit dichter zu bekommen. Weit nach Einbruch der Dunkelheit beginnen wir langsam zu hoffen, dass diese Maßnahme von Erfolg gekrönt sein könnte.

Die ganze Aktion hat uns einen weiteren Tag plus graue Haare plus Lebensjahre gekostet. Doch können wir weiterfahren und schaffen es noch an diesem Tag bis Bar in die Berge. Dort sieht es landschaftlich vielversprechend aus. Aber wir können die schöne Natur kaum genießen, denn Matthias und ich bekommen schon wieder einen Riesenstreit. Schuld bin ich, da mir scheinbar grundlos der Kragen platzt und ich den armen Kerl wild schimpfend aus Frau Scherer werfe. Klar, nun ist die Gesamtstimmung nachhaltig dahin, und Heppo ist jetzt ebenfalls böse auf mich. Das tut mir alles furchtbar leid, ich habe sicher nicht besonders erwachsen reagiert. Aber manchmal weiß man ja selbst nicht, was man so genau möchte, oder? Ich würde am liebsten die Reset-Taste drücken, aber wo gibt es die im richtigen Leben?

Später weiß ich dann, was mich stört, und kann es auch benennen. Ich merke einfach, dass ich mehr Zeit für mich und auch mit Heppo brauche, und so genügen im Moment schon Kleinigkeiten, dass ich aus der Haut fahre. Uns allen war schon im Vorfeld klar, dass es schwierig werden würde, in einer Dreierkonstellation zu verreisen. Bereits letztes Jahr im Juni war ich kurz davor, das Unternehmen abzublasen. Aber schließlich haben wir uns dann doch dafür entschieden, es zumindest zu versuchen. Jeder muss wohl erst seinen Platz finden. Da wir so lange Zeit auf so engem Raum zu dritt unterwegs sind, ist Ärger wahrscheinlich vorprogrammiert. Ich versuche, mich in Matthias hineinzudenken, dessen privater Bereich sich nur auf das Dachzelt beschränkt. Heppo und ich bewohnen immerhin den gesamten Koffer, was mehr Bewegungsfreiheit und bei schlechtem Wetter ein warmer Platz am Holzofen bedeutet. Andererseits befinden sich hier neben unserem Bett auch der gemeinsam genutzte Essbereich und die Küchenzeile. Schwierig ist das für beide Parteien. Matthias muss sich beim Essen und Kochen stets nach uns richten, er ist uns somit ein gutes Stück weit ausgeliefert. Wir hingegen haben so gesehen gar keinen Privatbereich, da der Lastwagen Versorgungsstation für alle ist. Innerlich verfluche ich mich für die Schnapsidee, zu dritt wegzufahren. Trotzdem tut mir meine miese Laune schrecklich leid, und ich bemühe mich nun sehr, für eine harmonische Stimmung zu sorgen.

Albanien und die Waschanlagen

Albanien heißt auf Albanisch Shqipëria und wurde 1967 zum »ersten atheistischen Staat der Welt« erklärt. Die Gottlosigkeit war staatlich verordnet, aber heutzutage gibt es wieder zahlreiche Moscheen und Kirchen. Überhaupt hat Albanien sehr harte Zeiten hinter sich, vor allem das letzte Jahrhundert war schrecklich für Land und Leute. Erst wurde Albanien von italienischen und deutschen Faschisten besetzt, dann folgten über 40 Jahre Kommunismus unter dem paranoiden Diktator Enver Hoxha, der überall kleine Einmannbunker bauen ließ und das Land komplett isolierte. Diese Bunker sieht man noch jetzt überall; sie werden aber von den Albanern kreativ genutzt, zum Beispiel als Geräteschuppen. Später folgte im Rahmen des sogenannten Pyramidenskandals der wirtschaftliche Ruin vieler Albaner, die auf dubiose Geldanlagefonds mit angeblichen gewaltigen Zinssätzen hereingefallen waren. Das hart erarbeitete Geld der kleinen Leute verschwand in ominösen Quellen. 1997 kam es daher zum Lotterieaufstand, zu einer landesweit herrschenden Anarchie und vorgezogenen Neuwahlen. Erst seit 2000 geht es langsam bergauf. Albanien ist aber noch immer eines der ärmsten Länder Europas.

Für uns fühlt sich Albanien statt europäisch schon eher ziemlich exotisch an: Plötzlich gibt es Moscheen neben Kirchen, Mofafahrer mit bekopftuchten Frauen auf dem Rücksitz, Motorradeigenbauten mit einem kleinen Wagen vorn dran – zum Transport der Freundin, der Familie, der Tiere und Güter –, weidende Kühe am Straßenrand und mehrstöckige Betonbauten, die nur aus Säulen und Treppen bestehen. Wirklich lustig sind die Waschanlagen (Lavazh), die alle 250 Meter auftauchen. Da findet sich die Profianlage bei einer Tankstelle bis hin zur einfachsten Variante nur mit Gartenschlauch. Lavazh, Lavazh, Lavazh … überall. Auch Brautmodengeschäfte und Beautysalons stehen hoch im Kurs. Dafür ist es nicht ganz einfach, Brot oder Milch aufzutreiben. Erst im vierten Geschäft bekommen wir die gewünschten Lebensmittel. Die vermeintliche Milch entpuppt sich dann allerdings als Trinkjoghurt.

Die kleine Stadt Shkodra macht einen recht netten Eindruck. Sie liegt zu Füßen einer großen Burg, zwischen dem Skutarisee und den Flüssen Drin, Kir und Buna. Mehrere Erdbeben und die Jahre im Kommunismus haben viel von der alten Bausubstanz zerstört, und so ist der Ort zu weiten Teilen etwas gesichtslos. Eine hübsche alte Straße gibt es aber noch, und durch die schlendern Heppo und ich nun, gehen zum Kaffeetrinken und essen ein Stück Kuchen in einem plüschigen Omacafé. Auf dem Nachhauseweg entdecken wir ein schlimm aussehendes Romaviertel. Die Leute dort wohnen auf einer Müllhalde. Ich habe ja ein Faible für Randexistenzen, aber das hier kann ich gar nicht einschätzen: Slum? Getto? Keine Ahnung! Weil ein Hund kläglich winselt, spähen wir über die Mauer: Ein Kind steht vor einem angebundenen Welpen und täuscht immer wieder Schläge an. Das Tier fängt jedes Mal sofort bitterlich zu winseln an. Überhaupt fallen die vielen räudigen und abgemagerten Hunde ins Auge. Uns blutet das Herz.

Heppo isst bereits seit einiger Zeit kein Fleisch mehr. Ich hingegen gönne mir ab und zu noch einen Braten oder eine Wurstsemmel. Und Fisch finde ich einfach superlecker. Ein Erlebnis in einem Restaurant lässt mich dann aber doch zur Vegetarierin werden. Vor unseren Augen angelt der Chef einen schlappen Karpfen aus einem trüben Becken und schneidet dem Tier bei lebendigem Leibe alle Flossen ab, bevor er es ins Frittierfett wirft. Es reicht! Ich nehme mir vor, ab sofort weder Fisch noch Fleisch zu essen. Dennoch weiß ich schon jetzt, dass dieses Vorhaben in vielen Ländern auf unserer Reise nur schwer durchzuhalten sein wird …

Schon im Reiseführer hatten wir gelesen, dass die Albaner täglich zwischen 18 und 20 Uhr ein Schaulaufen veranstalten. In den besten Klamotten – Kostüm und Stöckelschuhe bei den Frauen, Sakko und blank gewienerte Stiefeletten bei den Männern – zeigt man sich auf den Straßen, geht etwas trinken und essen, hält ein Schwätzchen. Und tatsächlich, pünktlich um 18 Uhr ist Primetime! Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Gegen 22 Uhr ziehen auch wir drei los, aber da ist der Zauber bereits vorbei. Nur in den Sportwettenbars sitzen noch ein paar Männer. Frauen sind so gut wie gar keine mehr unterwegs. Andere Länder, andere Sitten! Frustriert trinken wir noch eine Cola in einer neonbeleuchteten Bar mit lila Seidentapeten und kehren dann wieder zu unserem Zuhause zurück.

Wir brauchen dringend einen Recherchetag, denn noch immer wissen wir nicht, wie wir nach Russland einreisen sollen. Die Krise in der Ostukraine hält unvermindert an und bringt somit unsere Routenplanung durcheinander. Unzählige Stunden haben wir bereits im Internet nach Alternativen gesucht, aber bisher konnten wir nur Folgendes herausfinden: Es gibt wohl eine Fähre vom türkischen Trabzon nach Sotchi. Diese hat aber keine geregelten Abfahrtszeiten. Angeblich existiert auch eine Verbindung über das Schwarze Meer, von Aserbaidschan nach Kasachstan. Dazu findet man aber so gut wie gar keine Informationen. Außerdem benötigt man für Aserbaidschan ein Visum, das wir nicht haben. Dann finden wir Informationen über eine neue Fährgesellschaft ferryknowhow. Diese will das Schwarze Meer befahren, und zwar vom ukrainischen Odessa nach Sotchi in Russland und weiter nach Batumi in Georgien und wieder zurück. Die Agentur sitzt in Berlin und schreibt auch prompt zurück: »Wegen der unsicheren politischen Lage können wir im Moment keine genauen Angaben zum Fahrplan machen. Bitte melden Sie sich in zwei Wochen noch einmal.« Schade, diese Möglichkeit kommt also ebenfalls nicht infrage.

Auch der Landweg über den Kaukasus ist so gut wie ausgeschlossen. Kein Mensch fährt da, so glauben wir zumindest. Später im August werden wir Reisende treffen, die ohne Probleme über die georgische Heerstraße gefahren sind. Also doch durch die Ukraine? Aber die Nachrichten von Terrorakten und Toten in Donetsk und Kharkiv beunruhigen uns. Außerdem findet genau am 25. Mai die Präsidentschaftswahl statt. Wenn es zu Ausschreitungen kommen sollte, dann sicher in diesem Zeitraum. Die Überlegung, nördlich von Kiew das Krisengebiet weiträumig zu umfahren, verwerfen wir gleich wieder, da dort das riesige Sperrgebiet von Tschernobyl liegt!

Aber wie wäre es, die geplante Strecke einfach anders herum zu fahren? Also über die Türkei in den Iran, nach Turkmenistan usw.? Dann verfallen allerdings unsere ersten drei Visa, und wir sind jahreszeitlich voll daneben, also in der größten Hitze im Iran und im Winter in Russland. Die Situation scheint aussichtslos. Zu allem Überfluss beginnt es am späten Nachmittag auch noch sintflutartig zu regnen und heftig zu gewittern. Die Internetverbindung funktioniert nicht mehr. Irgendwie wird es uns im Moment nicht leicht gemacht: Prüfungen über Prüfungen.

Das Wetter ist immer noch scheußlich, und die Prognose für die nächsten Tage verheißt keine Besserung. Es soll sogar bis auf minus zwei Grad abkühlen. Dafür hat Heppo über Nacht einen Geistesblitz gehabt, denn es gibt noch eine weitere Möglichkeit. Wegen der vielen Extrakilometer hatten wir eigentlich von Anfang an den Landweg über das Baltikum nach Russland kategorisch ausgeschlossen. Angesichts der vielen Risikofaktoren bei allen anderen Varianten erscheint dieser jetzt aber als die einzig sinnvolle Alternative. Ein Blick in die Karte ergibt, dass der Umweg machbar ist. 1.000 Kilometer hin oder her, die Fähre hätte schließlich auch eine Stange Geld gekostet. Der neue Plan steht. Morgen fahren wir gen Norden.

Bei der Ausreise werden wir auf der albanischen Seite gefilzt und müssen dazu in die Durchsuchungsgarage fahren. Der Grenzpolizist fragt uns streng nach »Narcotis«, worauf ich mit einem entrüsteten »Oh, no!« antworte. Dann wühlt er sich gründlich durch unsere nassen Klamotten, die Unterwäsche, den Schuhschrank, das Küchenkästchen, das Gewürzregal, die Badezimmerutensilien und den Gitarrenkoffer. Größtes Misstrauen erregen der Majoran in unserem Gewürzschrank und der rote Koffer mit den Tees. Insbesondere der Pfefferminztee ist ihm ein Dorn im Auge. Mir tut er fast schon leid, der Grenzbeamte, denn unseren Lkw zu durchsuchen ist kein Spaß. Nach zwei Stunden erfolglosem Wühlen hat er wahrscheinlich erst ein Zehntel durchforstet. Seine anfängliche Euphorie und Energie versiegen zusehends, denn mittlerweile sind auch ihm die Untiefen unseres Fahrzeugs und der damit verbundene Arbeitsaufwand klar geworden. Spätestens als er die mannshohen Kisten- und Kanisterstapel in unserer Dusche zu Gesicht bekommt, gibt er ein lautes Seufzen von sich und verlässt mürrisch vor sich hin brummelnd unseren Wagen. Mit einer fahrigen Handbewegung und verärgertem Gesichtsausdruck bedeutet er uns, dass wir uns vom Acker machen sollen.

Serbiens Heilbäder

Was weiß man schon von Serbien? Ich denke an den Jugoslawienkrieg, den Kosovokrieg, Kriegsverbrechen und -verbrecher. Meine Freundin Kathi, die vor ein paar Jahren kurz entschlossen mit zwei ihr nur flüchtig bekannten englischen Rockern mitten im November auf dem Motorrad mit nach Serbien gefahren ist, hatte uns ein wenig von dem Land erzählt. Ihre Erinnerungsfotos zeigten bärtige Männer, selig auf dem Sofa schlummernd, die Schrotflinte im Arm. Daher sind wir ziemlich überrascht, als sich uns Serbien eher beschaulich als Land der Heilwässer und -bäder präsentiert.

Weil es mittlerweile schon fünf Tage regnet, sind wir ziemlich durchgefroren. Unser kleiner Holzofen wärmt den Innenraum normalerweise innerhalb kürzester Zeit ohne Probleme auf. Aber wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir um diese Jahreszeit noch einheizen müssen, und daher ist trockenes Brennholz, das wir stets vor Ort suchen, gerade Mangelware. In klammen Klamotten sitzen wir im Laster und ziehen lange Gesichter. Ein Thermalbad käme uns in dieser ungemütlichen Situation also gerade recht. Wir haben ziemlich konkrete Vorstellungen davon, wie es sein sollte, und malen uns den Wellnessbereich schon in den schönsten Farben aus. Doch die Realität hält sich selten an die Fantasie, und so kommen wir in Bujanovac, einer öden Kleinstadt, vor einem hässlichen, heruntergekommenen Zweckbau aus den 1970er- oder 1980er-Jahren zum Stehen. Das Bad hat bereits geschlossen. Der Nachtwächter signalisiert uns immerhin, dass wir gern über Nacht auf dem Parkplatz bleiben können. Im Internet lesen wir dann, dass es in Serbien über 238 geothermische Phänomene gibt, unter anderem auch einen Geysir. Wir sind gespannt!

Auch bei Tageslicht wirkt die Banja bei Bujanovac beunruhigend. Im Hinterhof des Rehazentrums stehen zwei dampfende Betonbecken, die wie die Meiler eines Atomkraftwerkes aussehen. Heppo schleicht sich an der Rezeption vorbei und riskiert einen Blick in die »Saunalandschaft«. Er berichtet von einer regennassen, tropfenden Decke und vielen alten Männern in dampfenden Becken. Wir hoffen, dass es im Land der Heilbäder auch noch schönere Optionen gibt und wollen daher weiter nach Vranjska Banja fahren, um dort unser Glück zu probieren.

Auch diese Stadt hat ihre besten Zeiten schon lange hinter sich, wirkt aber insgesamt wie ein gediegener Kurort. Überall dampft es aus der Erde und riecht nach Schwefel. Die Straßenhunde wärmen sich auf den Betondeckeln auf, unter denen die heißen Quellen entspringen. An vielen Stellen hört man es blubbern und aus der Erde rülpsen. Die Empfangsdame des Bades kann kein Englisch und zeigt uns daher kurzerhand die Waschkabinen. Es sind schmuddelig wirkende, geflieste Baderäume, groß genug für ein oder zwei Personen. Egal, Wellness sieht war anders aus, aber das nehmen wir trotzdem. Endlich, ein heißes Bad!

Die Sonne scheint wieder, und die Landschaft ist sehr reizvoll. Die Hügel sind vom zarten Grün der Laubwälder bedeckt und überall dampft es aus den Wäldern. Serbien hat eindeutig noch unentdecktes touristisches Potenzial! Wir möchten gern ein weiteres Highlight Serbiens kennenlernen, und zwar den Geysir bei Sijarinska Banja. Der Ort liegt Luftlinie nur 40 Kilometer von Vranjska Banja entfernt, da aber keine Straßen direkt dorthin führen, müssen wir über 80 Kilometer fahren. Unser Ziel liegt nahe der Grenze zum Kosovo. Die Dörfer auf der Strecke werden zunehmend ärmlicher. Kaum vorzustellen, dass es hier Tourismus geben soll.

Sijarinska Banja ist ein verschlafenes Nest mit immerhin einem Hotel und einem Restaurant. Der Rest des Dorfes präsentiert sich in verschiedenen Stufen des Zerfalls. Unser Kommen löst gleich ein großes Hallo unter den Einwohnern aus. Von jungen, sportlich aussehenden Männern bekommen wir einen Parkplatz auf einer Wiese mitten im Ort zugewiesen und werden sogleich ermahnt, uns sofort registrieren zu lassen.

Die Polizeistation befindet sich in einem winzigen Metallcontainer am Ortsrand. In diesem sitzen ein älterer Polizist, der sich gerade die Nachrichten vom Hochwasser in Serbien ansieht, und sein junger Kollege. Beide sind sichtlich überfordert und genervt von unserem Erscheinen. Der Senior blättert in unseren Reisepässen und kann angeblich den Einreisestempel nicht finden, hat aber augenscheinlich überhaupt keine Lust, uns zu registrieren. Der jüngere, Alexander, taut langsam auf und fördert recht gute Englischkenntnisse zutage. Er bietet sich sogar an, mit uns eine kleine Heilwasserführung zu machen. Leider ist vom Geysir nichts mehr zu sehen, da er mittlerweile zur Beheizung des Hotels genutzt wird. Angeblich war die Fontäne einmal bis zu 70 Meter hoch, im Internet steht allerdings etwas von acht Metern. Eine echte Attraktion hat der Ort aber dennoch zu bieten: Innerhalb von nicht einmal einem Kilometer gibt es 18 Mineralwasserquellen mit einer Temperatur zwischen 32 und 72 Grad. Jede Quelle hat ihre eigene mineralische Zusammensetzung und wird zur Heilung einer anderen Erkrankung verwendet. Das Wasser der Jablavica-Quelle zum Beispiel ist warm, schmeckt säuerlich und prickelt auf der Zunge.

Bei weiteren Erkundungen entdecken wir das stillgelegte Hallenbad namens Gejser. In seiner Mitte scheint der Geysir einst verschiedene terrassenförmig angelegte Becken mit Warmwasser versorgt zu haben. Das Bad war wirklich mal sehr hübsch. Doch nun wirkt die Anlage nur noch traurig. Trotz der eigentlich ernüchternden Situation sind wir erheitert und fühlen uns wie Pioniere im serbischen Heilbadtourismus. Zur Feier des Ostersonntags und zur Unterstützung von Sijarinska Banja gehen wir im Restaurant essen: Omelett, Fritten, Salat und Pfannenbrot mit Schafskäse für uns und für Matthias ein riesengroßes Schweinefilet, Schuhgröße 45!

Die Sonne weckt uns auf, und bei unserer Abfahrt aus dem kleinen Ort erleben wir eine Überraschung. Der Geysir im Hallenbad ist plötzlich doch aktiv. Irgendjemand hat den Schlauch entfernt, und nun spritzt es ungefähr vier Meter hoch aus dem Loch im Boden. Die Tropfen sind tatsächlich warm. Wir verlassen Sijarinska Banja amüsiert und wünschen dem Ort das Beste für seine Zukunft.

In Belgrad treffen wir eine alte Bekannte wieder, die Donau. Sie ist ein bisschen trüber als in Regensburg, aber ebenso breit. Auch landschaftlich sieht es beinahe wie zu Hause aus. Ohne Schwierigkeiten finden wir einen Stellplatz in einer Wohngegend am Fluss, zwischen dem Sportzentrum und der Marina. Hier gibt es etliche kostenlose Parkplätze, und zu Fuß ist man in einer Viertelstunde in der Innenstadt. Der einzige Nachteil ist, dass sich vor unserem Wagen zahlreiche Sportgeräte befinden, die stark frequentiert werden und grausam quietschen. Aber sonst lässt es sich hier aushalten. Nur einen Kilometer flussaufwärts strömt die Sava in die Donau. Die blaue Donau und die braune Sava fließen noch lange voller Berührungsängste unvermischt nebeneinander her. Doch manchmal schiebt sich schon ein mutiges Fleckchen Blau in das Braun. Ein erster Annäherungsversuch.

Zu dritt erkunden wir am Nachmittag die Innenstadt und versuchen, etwas über das Wochenendprogramm herauszufinden. Die Fußgängerzone ist riesig und ähnelt der aller anderen Innenstädte Europas. Die Partymeile scheint sich neben der Innenstadt auf die Uferzonen der beiden Flüsse zu konzentrieren. Hier befinden sich die berühmten Discoboote und viele Clubs. Unsere erste Anlaufstelle am Abend ist die Industrjia Bar, die im Industrie-Schick eingerichtet ist. Allerdings gefällt uns das Publikum nicht. Und das Bier wird tatsächlich aus Miniaturweizengläsern getrunken. Eine Beleidigung für jeden Bayern. Unser zweiter Versuch endet in einer rustikalen Kneipe, in der ein serbisches Volksmusiktrio Liebeslieder und Gassenhauer zum Besten gibt. Das Publikum liegt sich sturzbetrunken in den Armen. Alle, ausnahmslos alle, singen mit. Die Band spielt tapfer mitten im Raum, in einer Besetzung aus Akkordeon, Gitarre und Bass, umringt von kreischenden jungen Frauen. Uns steht der Mund offen, wie gebannt verfolgen wir das Spektakel. Das sind also die berühmten Livekonzerte und die tanzlustigen Serben. Bei uns wäre das so nicht vorstellbar, allenfalls beim Oktoberfest oder bei einer Burschenschaftsfeier. Also probieren wir es noch mit einem der Schiffe, um das Belgradprogramm komplett zu machen. Der Eintritt kostet moderate 200 Dinar. Drinnen sind jedoch so viele Menschen, dass man sich keinen Zentimeter bewegen, geschweige denn tanzen kann. Auf dem Außendeck dagegen ist es ganz angenehm. Leider klingt der Sound dort furchtbar blechern. Vor dem Boot lernen wir ein junges Mädchen kennen, die wie Lady Gaga aussieht. Kiki stammt aus dem Kosovo und ist zusammen mit einem Zyprioten namens Claudius unterwegs. Sie überreden uns, noch ein anderes Partyboot zu besuchen. Dort ist es viel angenehmer, es wird guter Electro aufgelegt, das Publikum ist weniger gestylt, und wir haben Platz zum Tanzen. Glücklich und müde treten wir um fünf Uhr morgens den Heimweg entlang der Donau an.

Gegen Mittag werden wir von den quietschenden Sportgeräten geweckt, auf denen fitnesswütige Serben ihre Körper stählen. Leicht zerknittert öffne ich die Lkw-Tür und blicke auf die Promenade vor unserer Tür. Dort flanieren scheinbar sämtliche Hundebesitzer Belgrads mit ihren Vierbeinern vorbei, und ich sehe längst vergessen geglaubte Rassen wieder. Hier erfreuen sich anscheinend toupierte Königspudel und dürre Windhunde großer Beliebtheit.

Wie schön, denn heute werde ich allein mit Heppo einen Ausflug in die Stadt unternehmen und diesen seltenen Moment der Zweisamkeit genießen. Am Rand der Altstadt, direkt an der Donau, sehen wir die riesige Festungsanlage Kalemegdan. Hier spazieren Jung und Alt durch ausgedehnte Parkanlagen, trinken Cappuccino, knutschen auf den zahlreichen Parkbänken oder spielen Schach. Eine Fotoausstellung zeigt die mehrmalige Bombardierung Belgrads, erst durch die Deutschen und dann durch die Alliierten. Das erklärt auch, warum in der Altstadt wenig historische Bauten herausstechen. Im Viertel Durcol haben wir am Abend die Qual der Wahl zwischen verschiedensten Bars und Kneipen. Wir entscheiden uns für einen bunt bemalten Innenhof mit Biergarten, und ich genieße es, die Zeit nur mit meinem Freund zu verbringen. Aber unser Idyll wird nach einiger Zeit jäh gestört. Ein entzückendes, bildhübsches Romakind bettelt uns um Geld an: »Money!« Stumm schüttele ich den Kopf. Was macht die Kleine um diese Uhrzeit hier draußen? Sie ist maximal sechs Jahre alt. Entsetzt beobachten wir, wie einige Gäste dem Mädchen Geld geben und sich mit ihr fotografieren lassen. Das kann man doch nicht unterstützen, oder? Das Kind gehört ins Bett und nicht zu fremden Männern auf den Schoß, nachts um eins in einer Kneipe. Für einen Moment kann ich ihre Zukunft sehen – und die sieht nicht rosig aus. Sie ist schon jetzt mit allen Wassern gewaschen, flirtet und hüpft kokett durch die Menge. Als sie nach einer Weile wieder zurück auf die Straße läuft, taucht aus dem Schatten eine falsche Blondine auf – wahrscheinlich die Mutter – und zieht das Kind grob an den Haaren. Sie hat wohl zu viel Zeit vertrödelt. Nachdenklich gehen wir nach Hause.

Höhenangst in Rumänien

In Rumänien zeigt das Thermometer erstaunliche 24 Grad an, ein Segen nach dem kalten Regenwetter der letzten Wochen. Wir finden einen feinen Übernachtungsplatz östlich von Deta auf einer mit Weiden bewachsenen Wiese an einem unbefestigten Flussufer. Schon wieder sieht es aus wie bei uns zu Hause in der Oberpfalz, nur weniger dicht besiedelt – grüne Wiesen, Flüsse und sanfte Hügel. Die Ortschaften sind wahnsinnig idyllisch. Hier könnte man einen Film über das romantische Landleben um 1900 drehen, vor allem, wenn dann noch ein Pferdekarren durch das Bild rumpelt. Vor dem Grünstreifen der bunt getünchten Häuser sitzen alte Mütterchen mit Kopftüchern und tauschen den neusten Dorfklatsch aus. In allen Gärten wird fleißig gewerkelt und Gemüse angebaut. Es ist kaum auszuhalten, so schön ist es!

Doch wieder werden wir jäh auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt, denn irgendwas stimmt mit unserer Einspritzpumpe nicht. Frau Scherer verliert am Belüftungsfilter leicht Diesel und schleppt sich schlapp und müde durch die Landschaft. Heppo, der die meiste Zeit fährt, bemängelt einen Leistungsverlust. Alles deutet darauf hin, dass die Förderpumpe die eigentliche Ursache ist. Das wäre schlimm genug, aber noch relativ einfach zu beheben. Da unser Russlandvisum aber schon in vier Wochen beginnt, müssen wir Strecke machen. Deshalb bestellen wir in Deutschland eine Förderpumpe und lassen uns diese an eine DHL-Station in Warschau schicken. Mal sehen, ob das klappt.