Rock'n'Roll und Ramadan - Albrecht Johann - E-Book

Rock'n'Roll und Ramadan E-Book

Albrecht Johann

3,7
9,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Als Junglehrer mit hehren 68er-Idealen muss Albrecht Johann erleben, wie seine Klasse über Tische und Bänke springt und ihn zur Verzweiflung bringt. Er lernt mühsam, sich an dieser Schule zu behaupten, seine Schüler zu verstehen und ihren Hintergrund in den Unterricht einzubeziehen. Pointiert und manchmal ironisch zeichnet der Autor ein realistisches Bild von den Verhältnissen an seiner Schule früher und heute, ohne dabei Klischees zu bemühen oder die Probleme zu verharmlosen. Johann lernt, seine Schüler als ernsthafte Gegenüber zu begreifen und dass ihm ihre Meinungen und Anerkennung viel bedeuten. Unterhaltsames und Nachdenkliches aus dem bunten Alltag dieser Schule, gleichzeitig ein Sinnbild für die sich verändernde Gesellschaft.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
3,7 (16 Bewertungen)
7
2
2
5
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



ALBRECHT JOHANN

ROCK ’N’ ROLLUND RAMADAN

LEHRER AUS ÜBERZEUGUNG

Alltag an einerBrennpunktschule

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Klett-Cotta

www.klett-cotta.de

© 2015 by J.G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung eines Fotos von

Ostkreuz Agentur der Fotografen GmbH © Anette Hauschild

Bild im Inhalt: © Stauke (fotolia)

Datenkonvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

Printausgabe: ISBN 978-3-608-98044-8

E-Book: ISBN 978-3-608-10769-2

Dieses E-Book entspricht der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Inhalt

TEIL 1 – Das Erbe von ’68

Schock im Chaos

Irgendwie überleben

Das Erbe von ’68

Reyhan und Emine

Krawalle und Küsse

Böses Erwachen

TEIL 2 – In die Hände gespuckt und angepackt

Alltag

Atatürk und Rock ’n’ Roll

Der Asbestschock

Revolution

Die so genannte Stillarbeit

Muharem

TEIL 3 – Neue Herausforderungen

Durchs wilde Kurdistan

Der Schrei nach Freiheit

High Noon

9/11 und die Bärtigen im Hintergrund

Das Eiserne Kreuz

Die Juden

Identität oder: Wie wird man Deutscher?

In der Türkei

Täuschen, Tricksen, Schwänzen

Der Ramadan

Lampedusa am Schreibtisch

Gedanken in Auerbachs Keller

TEIL 4 – Zwischen Klippen und Untiefen

Das Projekt

Serhat

Im Tollhaus

Auftritt Frau Meier

Gescheitert

Dann eben Kartoffeln malen

Prenzlberger Klagerunde

Luigi, der Stein

Wehmut

Nachwort

SCHOCK IM CHAOS

Es ist noch dunkel, als ich am 11. Dezember 1977 kurz vor acht zum ersten Mal meinen neuen Arbeitsplatz, die 1. Oberschule Kreuzberg, betrete. Aber hier tobt buchstäblich schon das Leben. Hunderte von Schülern drängen von allen Seiten durch die Flure, schlecht gelaunt und eher unfreundlich, scheint mir. Gleich soll ich sie unterrichten – mir hängt das Herz in der Hose. Ich hatte bisher nur als Referendar an einem altsprachlichen Gymnasium im bürgerlichen Bezirk Wilmersdorf unterrichtet. Aber hier, das spüre ich schon, ist alles anders, härter.

Es ist der Schultyp, an dem ich auf keinen Fall landen wollte: eine dieser riesigen neuen Gesamtschulen mit über tausend Schülern, einem Labyrinth von Gängen und Räumen, die nicht mal richtige Fenster haben. Nur echte Idealisten melden sich freiwillig an diese Schulen. Oder Junglehrer wie ich, die im zweiten Staatsexamen keine besonders gute Note erreicht haben.

»Wo ist das Sekretariat?« Jemand hilft mir. Plötzlich ein Gong und die nüchterne Stimme des Stellvertretenden Schulleiters: »Guten Morgen. Hier die Durchsagen zum Vertretungsplan. Frau Enzensberger übernimmt bitte die 912 in GK, Raum B 157, Herr Friedrich den E-Kurs Französisch in Acht in B 087, den WP-Kurs Al in Sieben übernimmt …« Ich verstehe überhaupt nichts. »Scheiße«, hör ich neben mir, »die alte Zicke wieder. Ich schwänze.«

Herr Müller hat eigentlich gar keine Zeit für mich, wühlt hektisch in seinen Papieren. »Schön, dass Sie da sind … aber Sie sehen ja … viele neue Krankmeldungen heute Morgen … wie’s halt so ist. Da müssen Sie wohl gleich ran. Ah, hier ist es: 1. Stunde Mathe, E-Kurs in der Teilgruppe 812, 2. Stunde Bio 711, das ist im Nat-bereich, ganz hinten.« »Und wo finde ich …?« Er zeigts mir auf dem Plan. »Na, dann mal los.« Er versucht aufmunternd zu lächeln. Mir ist schlecht.

Fünf Minuten später habe ich endlich den Raum gefunden. Drinnen scheints sehr laut zu sein. Vorsichtig öffne ich die Tür. Zwölf oder dreizehn Schüler und Schülerinnen lümmeln sich auf ihren Stühlen, teils die Füße auf dem Tisch, oder laufen herum. »Scheiße, ham wir doch Vertretung«, ruft jemand.

Schon der Raum: Auf die grellgelben Wänden sind, halb schon abgerissen, drei sehr kindliche Zeichnungen gepinnt. Auch der Vorhang ist links schon heruntergerissen, und neben der Tür hängen offene Kabel aus der Wand. Das waren wohl mal die Anschlüsse für Telefon und Video. Und die Schule ist gerade mal ein Jahr alt!

Ich stelle mich vor, eher schüchtern. Zwei Mädchen gickeln die ganze Zeit. »Ihre Hosen, Herr … wie heißen Sie noch mal? Ihre Schlabberjeans. Wo haben Sie die denn gekauft?« Sie kichern wieder. Ich schlage vor Mathe zu machen, wie es auf dem Plan steht. »Bitte nehmt eure Mathebücher raus.« »Aber wir haben doch Vertretung. In Vertretung wird immer gespielt«, belehrt man mich mit einer Spur Empörung. Ständig kommen weitere Verspätete. Es wird um Stühle gezankt.

Ein Demagoge ergreift das Wort: »Keiner hier hat ein Mathebuch dabei, stimmts?« Er dreht sich zur Klasse um, und die paar Mathebücher, die eben noch da waren, verschwinden in den Taschen. Hm. Vielleicht Bruchrechnen an der Tafel? Aber alle schreien jetzt »spielen, spielen«, und ich gebe mich geschlagen. Okay, ein Spiel, aber welches? Ehe die Frage geklärt ist, stürmen drei Mädchen nach vorn und organisieren lautstark das Pyramidenspiel. Andere schmollen, wollen was anderes. Drei Jungs rennen plötzlich zur Tür. »Hey, wo wollt ihr hin?« »Wir müssen aufs Klo.« »Da müsst ihr aber bis zur Pause warten.« »Sollen wir uns etwa in die Hose pissen?« Ich kann sie nicht halten.

Aber da ist schon der Streit um das Fenster ausgebrochen. »Es stinkt, es stinkt.« Jemand hat das Fenster aufgerissen, schnappt theatralisch nach Luft, andere mischen sich ein und knallen das Fenster wieder zu. »Wir frieren, du Idiot.« »Die haben mein Deo geklaut«, jammert ein Mädchen. Es stinkt tatsächlich furchtbar nach billigem Parfum. Gekloppe am Fenster. Ich will die Kämpfenden trennen. »Fassen Sie mich nicht an. Ich beschwer’ mich beim Direktor, wenn Sie mich anfassen«. – Mein Gott, noch zehn Minuten. Es ist wahnsinnig laut. Ein Mädchen in der ersten Reihe ruft immer: » Es ist so laut, machen Sie doch endlich was.« – Noch fünf Minuten. – Die ersten gehen einfach raus. Ich stelle mich vor die Tür. »Wollen Sie uns etwa einsperren, oder was? Klingelt doch sowieso gleich.« Ich kann nicht mehr, gebe die Tür frei.

Die zweite Stunde läuft nicht besser. Die Jungs und Mädchen sind jetzt richtig wach geworden. In der großen Pause frage ich in irgendeinem der vielen Lehrerzimmer nach einem Schluck Wasser. Und da höre ich auch schon wieder Herrn Müllers Vertretungsansage: »Herr Johann übernimmt dankenswerterweise Englisch, G-Kurs in der 811/12 in B 105 und in der vierten Stunde …«

In der folgenden Stunde knallt es dann. Keiner scheint wahrzunehmen, dass ich überhaupt in der Klasse bin. Sie toben wie die Verrückten, und plötzlich bricht es aus mir heraus: »Seid ihr alle wahnsinnig, oder was? Bin ich hier im Kindergarten. Ihr spinnt ja.« Meine Stimme droht überzuschnappen, und ich spüre, was für eine furchtbare Wut da hochkommt. Ich könnte alles kurz und klein schlagen. Plötzlich ist Ruhe. Jetzt nehmen sie mich endlich wahr, und ich kann mich vorstellen.

Für zehn Minuten ist es jetzt einigermaßen ruhig. Wir machen irgendetwas, nach Unterricht ist mir nicht mehr zumute. In der fünften Stunde dann plötzlich ein durchdringendes Tuten im ganzen Haus. Alle springen auf. »Feueralarm, Feueralarm, wir müssen raus!« »Haben wir hier jeden Tag«, erläutert man mir. »Irgendein Idiot schlägt halt immer den Feuermelder ein«.

So verläuft auch der Rest der Woche. An richtigen Unterricht ist nicht zu denken. Abends denke ich mir irgendwas Interessantes für die Schüler aus; am nächsten Morgen schlagen sie es mir um die Ohren. Ich kriege kein Bein auf den Boden. Aber bei vielen Kollegen scheint das nicht anders zu laufen. Wenn es bei mir mal nicht so laut ist, kann man im Nachbarraum oft Krachen und Brüllen hören. Nur wenige Kollegen scheinen ihre Klassen im Griff zu haben.

Am Freitag nach der letzten Stunde treffe ich mich mit Hilde in einer Kneipe an der U-Bahn. Hilde kenne ich aus der Referendarzeit, sie hat am gleichen Tag wie ich an der 1.O angefangen. Ihr ist es genauso ergangen wie mir, wir sind beide völlig fertig. Nach dem zweiten Bier erzählt Hilde von ihrem Traum in der letzten Nacht. Von allen Seiten hatten junge, aber extrem gefährliche Krokodile nach ihr geschnappt, und dazu hatte eine Stimme gesagt »Du musst ihnen die Augen ausdrücken, solange sie jung sind, dann können sie nichts mehr machen.«

Da sitzen wir nun, wir ’68er, die in unseren Seminaren über die Befreiung der Proletarierkinder von der rigiden bürgerlichen Moral geredet hatten. Von antiautoritärer Erziehung hatten wir geträumt, und jetzt haben wir Gewaltfantasien, wenn wir an die Schüler denken, die uns diese Woche das Leben geradezu zur Hölle gemacht haben.

Aber ich weiß intuitiv, dass sich schon irgendwie ein Weg finden lassen wird, um auch mit diesen Schülern so etwas wie Unterricht zu machen. Es muss einen Weg geben. Aber würde ich das schaffen? Gerade ich, der Weiche, Ängstliche, Weltfremde? Ich, dem es so schwerfällt, sich abzugrenzen und auch mal hart zu sein? Ich würde mich gewaltig gegen den Strich bürsten müssen.

IRGENDWIE ÜBERLEBEN

Soll ich’s wirklich versuchen? Wochenlang schwebt diese Frage über mir, während ich im chaotischen Schulalltag unterzugehen drohe. Ich habe Erdkunde, Geschichte und Politik studiert mit dem Ziel Lehramt. Aber was heißt das schon. Ich bin schüchtern und ängstlich im Umgang mit Menschen und überdies zurzeit persönlich ziemlich desorientiert. Ich halte wenig von der bürgerlichen Bildung, die ich vermitteln soll, suche das »wahre Leben« eher in verrauchten Kneipen als in Bibliotheken. Und dann Lehrer? Aber das Jahr nach dem ersten Staatsexamen, in dem ich Taxi gefahren war, hatte mir gezeigt, dass auch das keine rechte Alternative ist.

Und nun bin ich hier in Kreuzberg gelandet, diesem heruntergekommenen Proletenviertel an der Mauer, das gerade zu großen Teilen abgerissen werden soll, euphemistisch Sanierung genannt. Studenten und Gastarbeiter sind in die zum Abriss freigegebenen Häuser als Zwischennutzer eingezogen, und in den Ruinen der Abrisshäuser in der Admiral- und Oranienstraße üben amerikanische Soldaten derzeit oft Häuserkampf. Das Klima ist rau hier, und in den Kneipen dröhnt »Macht kaputt, was Euch kaputt macht« von Ton Steine Scherben, dieser Szeneband.

Der Senat hat große Pläne mit Kreuzberg. Aus dem heruntergekommenen Randbezirk an der Mauer soll ein schicker, moderner und autogerechter Stadtteil werden. Weg mit den modrigen Hinterhöfen, den verwahrlosten Mietskasernen und dem proletarischen Milieu. Am Kottbusser Tor haben Spekulanten als Wahrzeichen der Erneuerung schon das »Neue Kreuzberger Zentrum« hochgezogen und etwas weiter südlich soll die brandneue 1. Oberschule, eines von fünfzehn über die Stadt verteilten bombastischen »Bildungszentren«, einen ebenso starken Akzent der Modernisierung setzen – die technokratische Antwort des Berliner Senats auf den von Georg Picht und anderen vor einem Jahrzehnt ausgerufenen »Bildungsnotstand«. Hier wird geklotzt und nicht gekleckert.

Wie ein futuristisches Raumschiff hockt der grellbunte Betonkörper der 1.O zwischen den Altbauten, geplant für über 1200 Schüler der Jahrgänge Sieben bis Dreizehn und organisatorisch als Gesamtschule konzipiert. Die altmodische Einteilung nach »Klassen« spielt hier kaum noch eine Rolle. Die Schüler »wandern«, häufig nach Leistung »sortiert«, von einem Fachraum zum nächsten, die alle üppig ausgestattet sind. Es gibt eine Medienzentrale, von der aus zwei Medienwarte Videos in die Räume einspielen, Schulküche, Schreibmaschinenräume, Labore, Räume für die »außerunterrichtlichen Aktivitäten«, eine Mediothek, eine eigene Druckerei und sogar ein Notstromaggregat im Keller. In der Arbeitslehrewerkstatt stehen modernste Maschinen zur Metall-, Holz- und Kunststoffverarbeitung samt Fachpersonal. Hier scheint aus gewaltigen Ressourcen geschöpft zu werden. Dass ein großer Teil der Räume keine Fenster besitzt, wurde von den Planern nicht als Problem empfunden. Sie werden durch eine Klimaanlage belüftet.

Aber fünfzehn neue Bildungszentren wollen auch mit Lehrern bestückt werden, und dazu muss man jetzt, da sich von den »erfahrenen« Lehrkräften nur wenige für die neuen Gesamtschulen begeistern können, auf die neue Lehrergeneration zugehen, die nach ’68 studiert hat. Ich bin einer davon. Bald sollen wir 120 sein, und fast alle Kollegen, die ich in den nächsten Wochen kennen lerne, sind wie ich jung, unerfahren und natürlich »links«, was immer das heißt. Für die meisten ist Lehrersein nicht einfach ein Job, sondern die Möglichkeit, endlich an der Umgestaltung der Gesellschaft mitwirken zu können. Wir haben in einer Zeit studiert, als an den Universitäten mehr diskutiert als gelernt wurde und sind, egal wie wir im Einzelnen zu Kapitalismus und Kommunismus stehen, vollgesogen mit linkem Gedankengut. Wir sind skeptisch gegenüber der Gesellschaft und jeglicher Machtausübung. Wir stellen Überkommenes infrage, insbesondere die traditionelle Lehrerrolle. Unsere Zuneigung gehört den »Unterdrückten«, zu denen wir selbstverständlich auch unsere Schüler rechnen, die ja zum großen Teil Arbeiterkinder sind. Und wir wollen anders unterrichten als unsere früheren Lehrer. Lernen soll ein freiwilliger Akt sein, ohne Zwang und Drohung. Kein Notendruck mehr, keine Strafarbeiten oder gar Nachsitzen. Lernen soll Spaß machen, und die Interessen der Schüler sollen den Lernprozess tragen. Wir wollen nicht draufschlagen, sondern zuhören und verstehen. Wir wollen ehrlich sein, auch mal Schwächen und Fehler zugeben können. Und wir wollen im Geist der Skepsis erziehen, Skepsis vor allem gegenüber der Obrigkeit, zu der nach allgemeiner Überzeugung auch schon die Schulleitung gehört. Unsere Lehrer hatten mit Anzug und Schlips vor der Klasse gestanden und damit Distanz signalisiert. Jetzt tritt eine Generation an, die mit den Beatles, den Rolling Stones und Bob Dylan groß geworden ist und, die langen Haare und die lässig jugendliche Kleidung signalisieren es, nichts von »Erwachsensein« im traditionellen Sinn hält, auch nichts von Distanz und Rangordnung. Wir wollen unseren Schülern gute Kumpels sein.

Soweit die Theorie, aber ich muss, wie alle meine Kollegen, täglich den Praxistest bestehen, und das als »Vertretungslehrer«, als Springer, eine Rolle, in der man weder die Schüler kennt noch Ahnung vom zu unterrichtenden Fach hat. Dummerweise habe ich mich auch bereit erklärt, das Fach Arbeitslehre zu unterrichten. Eigentlich wusste ich nicht einmal, um was es da geht, aber Herr Müller hatte ziemlich gedrängelt. Jetzt soll ich aushilfsweise »Materialprüfung«, »Kunststoffverarbeitung« und »Nähen« unterrichten.

Entnervt von sechs Stunden Vertretung in Mathe, Englisch und Kunst lasse ich mich am Tag vor meiner ersten »Nähstunde« von der Leiterin des Fachbereichs Arbeitslehre einweisen. Die Schülerinnen sollen Schreibmaschinenhüllen fertigen. »Sind ja nur Mädchen, echt kein Problem«, beruhigt mich Frau Geiger, »du musst nur auf die Nadeln aufpassen, davon haben wir nicht so viele.«

Als ich die erste Nähstunde halten will, hat irgendwer das Schlüsselloch mit Pattex zugekleistert, und es dauert, bis ich den Hausmeister gefunden und der den Raum wieder zugänglich gemacht hat. Waren das meine Nähschülerinnen? Ich versuche das gar nicht erst rauszukriegen. Ich kenne ja noch nicht mal die Namen. Die erste richtige Nähstunde scheint zunächst gut zu laufen. Ich stelle mich freundlich vor, und die Mädchen scheinen nett zu sein. Ich renne herum und helfe. Bis dann die Sache mit den Nadeln passiert. »Meine Nadel ist gebrochen, schaun Sie mal«, ruft eine nach der anderen. Nach einer Viertelstunde sind meine Ersatznadeln verbraucht, ständig gehen weitere verloren oder brechen.

Aber die Schülerinnen wissen eine Lösung: »Dann spielen wir eben.« Warum grinsen bloß alle so komisch? »Ja, Viereckenraten. Ich kann das organisieren.« Meine schwachen Einwände werden schnell entkräftet. »Wenn wir doch keine Nadeln mehr haben. Was sollen wir denn sonst machen?« Resigniert lasse ich mich auf das Spiel ein.

In meinem Unterricht merke ich täglich, wie wenig praxistauglich unsere naive Vorstellung ist, man müsse einfach nur nett zu den Schülern sein. Dazu kommen persönliche Defizite: Ich bin zu weich, zu lieb, zu naiv und gutgläubig. Ich kann mich nicht wehren, wenn sie mich provozieren. Jede Verletzung spiegelt sich auf meinem Gesicht. Ich bin nicht schlagfertig und witzig schon gar nicht. Zunehmend merke ich aber auch, dass man im Vertretungsunterricht sowieso keine Chance hat, vor allem, wenn man – wie das ja meist der Fall ist – weder die Klasse kennt noch das Fach beherrscht. Immer häufiger lasse ich daher von Jochen, unserem Medienwart, das Video »Tanz der Vampire« einspielen. Dann herrscht wenigstens Ruhe.

Umso froher bin ich, als ich im Februar endlich eine »richtige« Klasse als Geschichtslehrer bekomme. Wenigstens eine, neben all den Vertretungsstunden. Es ist eine Neunte. »Sind Sie der Neue?«, begrüßt mich ein Bulle von Junge schon vor der Klassentür. Wahrscheinlich mal sitzengeblieben und deshalb schon 16, denke ich. »Ich bin der Thorsten.« Er streckt mir die Hand entgegen. Ich drücke sie, und schon hat er mich. Die Schüler scheinen erst einmal ganz friedlich zu sein, hören sich meine freundliche Begrüßungsrede an. Ich sage auch, dass ich bei Unterrichtsstörungen sehr streng bin. Das scheint sie wenig zu beeindrucken. Sie sehen ja meine Körperhaltung und hören den ängstlichen Unterton in meiner Stimme. Aber die erste Stunde scheint ganz gut zu laufen, obgleich es ein bisschen laut ist. Bis ich diesen kapitalen Fehler mache.

»Trauen Sie sich, mit mir Armdrücken zu machen?«, fragt Thorsten. »Ja, machen Sie Armdrücken mit Thorsten«, höre ich von allen Seiten. Die Schüler bilden sofort einen Kreis um uns. So wie Thorsten gebaut ist, habe ich meine Befürchtungen, aber darf ich jetzt kneifen? Ich will den Schülern ja auch ein guter Kumpel sein, und wie kann ich ablehnen, ohne mein Gesicht zu verlieren? Also gut. Kerstin zählt: »Eins, zwei, drei … und los.« Die Sache dauert keine fünf Sekunden. Gegen dieses Kraftpaket habe ich keine Chance. Zack, liegt mein Arm auf dem Tisch. Die Schüler johlen, »Thorsten hat Herrn Johann gepackt. Herr Johann hat verloren, verloren.«

Kein Wunder, dass Thorsten seither das große Wort führt. »Herr Johann, Sie müssen strenger sein; Herr Johann, Sie müssen auch mal bei den Mädchen gucken, nicht nur bei uns Jungs; Herr Johann, machen Sie so und machen Sie so.« Ich fange an, mein Vorgehen zu erläutern und zu rechtfertigen. Wieder ein Fehler. Bald sind es auch andere, die sich herausnehmen, mich zu kritisieren und mir Ratschläge zu geben. Fred verkündet lauthals, mein Unterricht sei linkslastig. »Sie sind wohl so ein ’68er, aber damit können Sie bei uns nicht landen.« Thomas, ein Freund Thorstens, fängt an, hinter meinem Rücken Schweinereien in die Klasse zu rufen, worauf natürlich alle prusten vor Lachen. Wenn mir bloß ein witziger Spruch dazu einfallen würde. Dann fängt das mit den Papierkügelchen an. Jedes Mal, wenn ich an der Tafel schreibe, treffen mich kleine Papierkugeln im Rücken. Auch der Overhead-Projektor hat dauernd einen Wackelkontakt, wenn ich der Klasse den Rücken zuwende. Für sie scheint es ein lustiges Spiel zu sein, für mich ist es das Zeichen einer verheerenden Niederlage. Sie haben keinen Respekt vor mir.

»Du musst in jeder neuen Klasse gleich ein Exempel statuieren«, hat mir neulich einer der wenigen älteren und erfahrenen Kollegen gesagt. »Greif dir den Erstbesten und mach ihn fertig, egal, ob er wirklich was getan hat. Dann hast du Ruhe.« Also greife ich mir Thomas, behaupte, er habe mit Papierkugeln geworfen, obgleich ich nicht ganz sicher bin. Er wehrt sich stärker, als ich vermutet habe. »Ich? Ich soll es gewesen sein? Na, sagen Sie mal … Das ist ungerecht. Ich gehe jetzt sofort zum Direktor und beschwere mich.« »Das ist ungerecht«, echoen die Mädchen, »Sie haben gar keine Beweise.« Ich lasse die Anklage fallen. »Okay, dann arbeiten wir jetzt schriftlich. Hefte raus. Bücher raus.« Die Klasse reagiert mit einem einzigen Aufschrei: »Schreiben sollen wir? Nur weil Sie nicht in der Lage sind, den Schuldigen zu finden? Was können wir denn dazu?« »Kollektivstrafen sind verboten«, belehrt mich Regina, die Klassensprecherin. Diese Schüler scheinen ihre Rechte zu kennen. Mit dem Mut der Verzweiflung gebe ich diesmal trotzdem nicht nach. Aber viel zu spät. Die Stimmung ist längst hinüber. Vor drei Wochen war ich noch der »Liebe«, jetzt bin ich der Ungerechte – ein Ungerechter, der sich nicht einmal durchsetzen kann. Sie haben mich durchschaut. Sie spüren, dass ich im Grunde Angst habe vor ihnen. Wie so viele ihrer Lehrer. Die Versuchung ist einfach zu groß. So ein schwacher Lehrer, das muss man doch ausnutzen.

Ich spüre, dass das alles nicht nur eine Frage der Technik ist. Mein Problem geht viel tiefer. Ich kann mich nicht abgrenzen, nicht rechtzeitig »Nein« sagen. Ich brauche ihre Zuneigung, und deshalb zögere ich zu sehr mit Strafen und Zurechtweisungen. Sie sehen an meinem Gesicht, wie verunsichert ich bin, wenn sie mich mit Liebesentzug strafen. Morgens komme ich mit schlotternden Knien und zusammengebissenen Zähnen hier an, mittags bin ich schon fertig. Ich kann nicht mehr. Ich will nur noch raus. Es sind grauenhafte Monate.

Einmal die Woche habe ich abends Therapie. Eine gute Sache. Herr V. raucht dann seinen Zigarillo, und ich hänge leidend im Sessel gegenüber, die Stiefel der Bequemlichkeit halber ausgezogen. Ich habe volles Vertrauen in ihn – bis zu dieser einen Sitzung. Nachdem ich ihm wieder einmal eine viertel Stunde lang von meinem täglichen Elend vorgejammert habe, unterbricht er mich abrupt: »Ach hören Sie doch endlich einmal auf mit diesem Gejammer. Ich kann es nicht mehr hören.« Ich kann es kaum glauben, dass er das gesagt hat. Dieser Vertrauensbruch. Dafür zahle ich doch, dass ich hier ehrlich meinem Herzen Luft machen darf. »Wollen Sie Ihr ganzes Leben lang jammern, Herr Johann?« Wie kalt er da sitzt. In mir kommt eine furchtbare Wut hoch und ohne nachzudenken schnappe ich meinen Stiefel, werfe ihn haarscharf an seinem Kopf vorbei. »Genau«, ruft Herr V., seelenruhig an seinem Zigarillo ziehend. »Schmeißen Sie ruhig an Ihrer Schule auch mal Stiefel, statt sich ständig alles gefallen zu lassen von Ihren angehimmelten, ja mystifizierten Proletarierkindern. Kämpfen Sie, statt zu jammern.«

Irgendwie hat er ja recht, spüre ich. Ich versuche klarer aufzutreten, lasse mir weniger gefallen. Manchmal bekomme ich dabei sogar Schützenhilfe von Schülern. Einmal dreht sich Jachja, das einzige Gastarbeiterkind in dieser 9. Klasse, zu Thorsten und den anderen Krawallbrüdern um: »Sagt mal, spinnt ihr oder was? Lasst ihn doch mal unterrichten. Merkt ihr nicht, dass er eigentlich nett ist?«

Trotzdem überlege ich immer wieder, ob ich nicht doch einen Versetzungsantrag an eine einfachere Schule schreiben soll. An ein Gymnasium zum Beispiel. Eines Tages habe ich dann das Erlebnis, das mich bewegt, doch an dieser Schule zu bleiben: Anne, eine Kollegin, die schon etliche Jahre im Schuldienst ist und ihre Lektion gelernt hat, nimmt mich mit in ihren Erdkunde-Kurs. Ich soll demnächst die Hälfte dieses Kurses übernehmen, da er zu groß geworden ist. Schon als wir die Klasse betreten, merken wir, dass hier totales Chaos herrscht. Es geht über Tische und Bänke. Vom Hof her fliegen Schneebälle durch das Fenster, ›unsere‹ werfen sie mit Geschrei zurück. Kaum einer nimmt wahr, dass Lehrer im Raum sind. Ich hätte instinktiv losgebrüllt, wäre ausgerastet. Nicht so Anne. Laut, aber gelassen, gibt sie ihre Anweisungen, lässt die Fenster schließen, fordert auf sich zu setzen, die Sachen rauszuholen. Sie brüllt nicht, straft nicht, sie fordert bloß auf, geduldig aber energisch und entschlossen. Fast jeden Schüler muss sie einzeln ansprechen. »Mario, jetzt ist Schluss, Sylvia, auch du setzt dich jetzt, Onur, hier spielt die Musik.« Ganz langsam spürt man die Wirkung, es wird ruhiger, Arbeitsmaterialien erscheinen auf dem Tisch. »Was haben wir jetzt? Ach so, Erdkunde«. Erst ganz zum Schluss, als nur noch wenige sich uneinsichtig geben, kriegt ihre Stimme einen drohenden Unterton, und schon kuschen sie. Und dann ist es wirklich ruhig. Ein Wunder.

Es ist möglich, stelle ich fest, man kann das Chaos in den Griff bekommen durch klares, entschlossenes Auftreten, jedenfalls wenn man die Schüler kennt und sich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Sogar ohne zu brüllen. Warum sollte ich das langfristig nicht auch hinbekommen können? Wie oft hatte ich in den letzten Wochen daran gedacht, alles hinzuschmeißen, aber jetzt nehme ich mir vor, zunächst einmal die Techniken zu erlernen, die man hier im Umgang mit den Schülern braucht.

Der erste deutliche Erfolg auf diesem Weg ist mein »Frühstückswettbewerb« in Arbeitslehre zum Thema »Haushaltsführung«. Da mir nach »Das Haushaltsbuch« nichts Rechtes mehr einfällt und der Kurs morgens in den ersten beiden Stunden liegt, organisiere ich einen Frühstückswettbewerb in Kleingruppen. Die Gruppe, die pünktlich um Neun das beste Frühstück für die eingesammelten 1,30 DM pro Person auftischt, soll den Siegespreis und die beste Note bekommen. Jede Woche ist eine andere Gruppe dran. Hallo, da geht es aber ab. Während Sara Rührei brutzelt, mit und ohne Zwiebeln, presst Thomas Orangen, und Linda füllt ausgehöhlte Tomaten. Die schäbigen Tische in der Schulküche biegen sich unter der Last von Schinken, selbstgemachten Gelees und Früchten. Manuela rennt noch schnell frische Brötchen holen. Selbst das Spülen und Aufräumen hinterher klappt. Ich erlebe, was Schüler leisten können, wenn sie motiviert sind. Zum ersten Mal macht mir Unterricht ein bisschen Spaß.

Trotzdem ist das erste halbe Jahr insgesamt eine schreckliche Zeit. Es kostet mich viele schlaflose Nächte, aber ich spüre auch eine gewisse Hartnäckigkeit in mir. »Du kündigst hier nicht, eh du nicht gelernt hast, hier besser zurechtzukommen«, sage ich mir immer wieder. Vielen Kollegen geht es nicht anders. Vielleicht müssen wir alle umlernen. – Am Ende wird mein Vertrag tatsächlich verlängert, und ich soll eine eigene Klasse als Klassenlehrer bekommen. Endlich.

Meine Kollegin Regina hatte mich gefragt, ob ich bereit sei, als Ersatz für ihren von der Schulleitung abgesetzten männlichen Kollegen einzuspringen. Er sei von seiner Funktion entbunden worden, weil er die Klasse nicht unter Kontrolle bekommen habe. Die Klasse sei allerdings schwierig, gelte als die schlimmste überhaupt. Mit etwas Bauchgrimmen sage ich zu.

DAS ERBE VON ’68

Da sitzen sie nun, die 28 Schüler der 915 (= die 5. Klasse im 1. Halbjahrgang der 9. Jahrgangsstufe), meiner ersten Klasse, angeblich die schlimmste im ganzen Haus. Heute soll ein Klassensprecher gewählt werden. So, wie sie rumhängen, habe ich den Eindruck, dass sie nicht gerade scharf sind auf Schulstress und lieber ein bisschen Fun und Action in den langweiligen Alltag bringen möchten. Da lümmelt sich Fred vor mir, eine markante Erscheinung, lange Haare, geföhnte Tolle vorn, ein richtiger Rockertyp, der bei Frauen was hermacht. Neben ihm Hotte, der Bulle, mit seinem Pokerface. Waren es diese beiden, die schon in der 8. Klasse eine Spritztour rund um die Schule mit dem Lieferwagen eines Handwerkers gemacht hatten, der den Schlüssel steckengelassen hatte? Klaus mit dem grimmigen Gesicht würde ich es auch zutrauen. Aber da sind auch die Mädchen, darunter vier Türkinnen, die eigentlich ganz brav aussehen. Haben die auch mitgemacht, als die Klasse Frau D. solange mit Coladosen beworfen hat, bis sie weinend rausrannte? Da sitzt der lange, hübsche Christian. Der geborene Frauenaufreißer, denke ich. Der ewig grinsende Nobby erinnert mich an Jean Paul Belmondo. Ihm traue ich in dieser Hinsicht auch einiges zu. Auch Peter, der Neue, der sich gerade mit einer gekonnten Rede als Klassensprecher bewirbt, scheint einiges draufzuhaben. Welche geballte Kraft sitzt da vor mir. Das sind keine Kinder mehr, sondern Heranwachsende, junge Persönlichkeiten, scheint mir. Obgleich sie erst fünfzehn sind, beeindrucken sie mich, mit ihrer Sinnlichkeit, ihrer Cleverness und ihrem gesunden Egoismus.

Das Proletariat eben, von dem wir linken Intellektuellen geradezu mit Ehrfurcht sprechen. Wir mögen über so etwas wie Bildung verfügen, die hier stehen mit beiden Beinen im prallen Leben. Sicher, aus den Schülerakten weiß ich, dass da auch eine gehörige Portion Bürgertum untergemischt ist, aber auch die haben sich im harten Kreuzberger Proletenmilieu durchkämpfen müssen. Wenn die mal nicht lebenstüchtiger sind als ich, der schüchterne Träumer. Werden die mich respektieren, mir gar gehorchen? Einige schauen mich freundlich an, andere eher skeptisch. Ich habe Angst vor der Rolle, die ich hier spielen muss. »Sind Sie streng?«, hat Heike mich gestern vor der Klasse gefragt. Mit meinem eher witzigem »und wie« habe ich schon signalisiert, dass ich sie nicht beherrschen will.

Peter und Heike werden zu Klassensprechern gewählt. In ihren Antrittsreden betonen beide, dass sie auf eine gute Zusammenarbeit mit den Klassenlehrern hoffen, die ja »ganz nett zu sein scheinen«. Ich atme etwas auf. Und erst einmal geht es tatsächlich. Mein Auftritt war sicher eher schwach, aber der Unterricht läuft, wenn auch mit beträchtlichem Kraftaufwand meinerseits. Sie kämpfen jedenfalls nicht gegen mich, versuchen nicht, mich fertig zu machen und signalisieren, dass sie mich eigentlich sympathisch finden. Wahrscheinlich haben sie erwartet, dass man ihnen nach den Exzessen im vorigen Jahr einen Bluthund schickt, der brachial Zucht und Ordnung durchsetzt, und dass da nun ein eher Weicher, Ängstlicher vor der Klasse steht, beruhigt sie. Gegen den kämpfen? Warum eigentlich? Vielleicht haben sie auch einfach genug. Die Verluste sind hoch gewesen, mehrere Klassenkameraden sind in andere Klassen versetzt worden oder sitzen geblieben. Außerdem zögert man, es sich gerade mit dem Klassenlehrer zu verderben. Er ist schließlich der einzige, der einem helfen kann bei Konflikten mit anderen Lehrern oder der Schulleitung.

Eine solche Situation kommt schon nach wenigen Wochen. »Du sollst sofort zum Chef«, rufen mir Kollegen schon auf dem Flur zu. Vorsichtig öffne ich die Tür zum Schulleiterzimmer. Regina sitzt mit betretener Miene schon an der Seite. Ich setze mich leise neben sie, ohne dass der Schulleiter groß Kenntnis von mir nimmt. In Kampfpositur sitzt er hinter seinem Schreibtisch – lange Haare, Brille, Sakko. Neben ihm steht, offensichtlich wütend, der pädagogisch-didaktische Koordinator (Päko). Vor ihnen, eingesunken auf ihren Stühlen, Hotte, Fred und Uli.

»Wer hatte die Idee? Diese bescheuerte Idee, das Auto zu klauen? Ich will das jetzt wissen, sonst knallt es, verstanden?« »Die sind mit dem Mercedes des Hausmeisters im Schulhof rumgefahren«, flüstert mir Regina zu. »Diebstahl? Das war doch kein Diebstahl, ham doch bloß mal ’ne Runde drehen wollen.« Fred übernimmt die Verteidigung. »Hört mal zu, Jungs. Wenn ihr die rechtlichen Folgen eurer idiotischen Einfälle nicht überschaut, ist das nicht mein Problem«, der Direktor beugt sich vor, fixiert die Jungs, »sondern euers. Hier geht es jetzt nicht nur um Diebstahl, sondern auch um Fahren ohne Führerschein, Gefährdung eurer Mitschüler, und, und, und … Ich bin hier für den Laden verantwortlich, und jetzt will ich endlich wissen, wer die Idee hatte?«

»Wenn der Kerl seine …« »Das ist kein Kerl, sondern unser Hausmeister«, fährt der Päko dazwischen. »Okay, also ich meine, wenn der die Karre mit Schlüssel drin im Hof stehen lässt, dann ist das doch geradezu Verführung Minderjähriger, oder was …?« Fred beugt sich jetzt auch kämpferisch vor. »Wenn du glaubst«, der Direktor deutet auf Fred, »hier mit Frechheit durchzukommen, dann hast du dich aber gewaltig getäuscht, mein Lieber, gewaltig. Wer war’s? Und wer ist gefahren?« »Wir alle.« Uli übernimmt. »Wir wollten alle mal wieder fahren.« »Mal wieder? Und wer saß am Steuer?« Die Drei sehen sich an, dann Hotte, eher vorsichtig: »Was kriegt ’n der, der gefahren ist? Also die Strafe, mein ich«. Der Schulleiter greift zum Telefon. »Wen rufen Sie denn jetzt an?« »Die Polizei, oder was hast du gedacht? Deinen Freund und Helfer.« Sein Lächeln hat jetzt etwas Zynisches.

Ich hasse die Situation, und ich hasse den unbarmherzigen Schulleiter. Da sitzt der Feind. Nicht im Traum ist mir klar, dass ich schon bald selbst solche Verhöre werde leiten müssen. Klar ist das nicht in Ordnung, was die Jungs gemacht haben, aber der scharfe Ton des Rektors stößt mich ab. Mit Polizei drohen, Druck ausüben, genau, wie man die Obrigkeit kennt. Fieberhaft suche ich nach einer Möglichkeit, ›meine‹ Jungs vor dem ›bösen Mann‹ zu retten. Für mich ist das ein »Dummer Jungenstreich«, und ich muss verhindern, dass sie deswegen vor Gericht kommen oder von der Schule fliegen. Regina scheint eine Idee zu haben. »Meinen Sie nicht, dass man das vielleicht intern regeln könnte. Eine Vorstrafe schon mit Fünfzehn, das ist doch …«. Der Rektor legt den Hörer wieder auf. »Solange ich nicht weiß, wer …« In diesem Stil gehts rund zwei Stunden weiter.

Die Jungs halten zusammen: Alle hatten die Idee, alle sind gefahren. Regina und ich versuchen, das Ganze als Streich hinzudrehen, weisen darauf hin, dass nichts Schlimmes passiert ist, erzählen von den häuslichen Problemen der drei, bieten »pädagogische Gespräche« an. Wir kämpfen verbissen »Wenn das hier einreißt, können wir das Institut gleich schließen«, macht uns der Schulleiter klar. Wir ahnen, dass er Recht hat. Wir fühlen uns unwohl, aber in der Tradition von ’68 müssen wir einfach unsere »underdogs« gegen die rigide Obrigkeit verteidigen. Oder sind wir nur scharf auf Punkte bei unseren Schülern? – Auch am Schulleiter, der den »Scharfen Hund« gespielt hat, sind die Gedanken von ’68 wohl nicht spurlos vorübergegangen. Die Geschichte wird unglaublich milde hingebogen. Die drei Jungs können sogar in der Klasse bleiben.

Trotzdem sind anschließend die Fronten klar: hier die Klasse und die ›guten‹ Klassenlehrer, die sie immer raushauen werden, wenn sie etwas angestellt haben, da die ›böse‹ Schulleitung und gelegentlich auch die Eltern. Auch für Regina und mich ist das erstmal so in Ordnung. Wir folgen einfach unserem Bauchgefühl, und die »Stimmung« zwischen Klassenleitung und Klasse ist richtig gut. Manchmal kochen wir im benachbarten Jugendheim Spaghetti und essen als Klasse gemeinsam. Wir machen spannende Geländespiele und eine Nachtwanderung. Nach Unterrichtsschluss biete ich Nachhilfe für die Schwachen an. Mit einigen Jungs gehe ich abends in den jamaikanischen Musikfilm »The harder they come«, damit sie sehen, was bei kriminellen Lebenswegen so alles schieflaufen kann. Hinterher gehe ich mit ihnen in eine Kneipe, und sie erzählen mir bei einem Bier (oder waren es mehr?) von den Problemen mit Eltern und Lehrern. Ich zeige vollstes Verständnis. Nur gelegentlich raffe ich mich zu einem vorsichtigen Einwand auf. Diese Gespräche fallen mir nicht leicht. Ich spüre, wie schwer es mir fällt, mich von ihnen abzugrenzen. Und doch fühle ich mich zunehmend akzeptiert. Als einer der ihren, hoffe ich. Das macht mich sicherer.

Und der Unterricht? Es ist es immer ein Kampf, bis sie ruhig sind, aber langsam lerne ich mein Handwerk: jeden ansprechen, ermahnen, Blickkontakt suchen, mit jedem einzelnen. Nach einigen Wochen kommt die Frage auf, wie gemütlich man es sich als Schüler im Unterricht machen darf. Nobby, Marion und Hotte haben ihre Beine auf den Tischen liegen, als ich reinkomme und nehmen sie demonstrativ nicht runter. »Könntet ihr vielleicht bitte …« Ganz vorsichtig versuche ich sie dazu zu bewegen, die Beine runterzunehmen. »Aber wieso denn?«, mosert Nobby, »auch mit hochgelegten Beinen kann man mitarbeiten.« Sogar die Mädchen finden, dass sich das vereinbaren ließe. »Sie können doch auch was unterlegen, damit die Bank nicht schmutzig wird.« Ich erkläre mich bereit »es so zu versuchen«, aber nur, solange die Betreffenden auch gut mitarbeiten. Zu meinem Erstaunen tun sie das auch.

Wieder einige Wochen später hat Fred dann nicht nur die Füße auf dem Tisch, sondern auch Julia im Arm. Ein rührendes Bild eigentlich, wie sie da kuscheln. Wie oft haben wir in unseren pädagogischen Seminaren gegen die »Unterdrückung der Sexualität in der bürgerlichen Gesellschaft« gewettert. Wir haben begeistert von »Summerhill« gelesen, dieser englischen Privatschule, an der fast alles erlaubt ist, selbst sexuelle Kontakte der Jugendlichen untereinander. Die ganze Klasse wartet jetzt auf eine Reaktion von mir. Ich ignoriere es einfach, lasse sie schmusen. Die beiden schaffen es sogar, mir zu beweisen, dass das Kuscheln ihre Mitarbeit nicht beeinträchtigt. In Freds Arm geschmiegt liest Julia den Text über Bismarcks unterdrückerische Innenpolitik vor, und Fred rafft sich zu einem Kommentar auf: »Unterdrückung bringts eben nicht. Damit musste Bismarck ja scheitern.« In den folgenden Wochen demonstrieren auch Birgit und Nobby im Unterricht sehr deutlich, dass sie sich lieben. Aber das war es dann auch. Nach einigen Monaten ebbt die Schmusewelle ab, nur die Füße bleiben auf den Tischen. Das ist nun mal so in der 915. So macht Unterricht einfach mehr Spaß. Und die Leistungen dieser Klasse sind gar nicht so schlecht, stelle ich fest.

Höhepunkt dieser Verbrüderung mit meinen Schülern ist das Klassenfest, das natürlich in den großen Räumen meiner Wohngemeinschaft stattfindet. Zum Abschluss trägt Peter den 1015-Song vor: »Johann, Johann, ich kann nicht mehr. Gib mir ’n Tadel oder gib mir ’n Bier«. Ich komme mir vor wie der Boss einer Bande von Ghettokids, spüre, dass ich darauf auch stolz bin.

Herr V., mein Therapeut, sieht das kritischer: »Hm, Bandenchef also. Warum nicht?« Aber nach einer längeren Pause kommt es dann: » Meinen Sie, Sie sind wirklich der Typ dafür? Warum sind Sie nicht stolz auf das, was Sie wirklich gut können, was Sie ausmacht?« »Was mich ausmacht?« »Na, das Geistige, Ihre Fähigkeit zu analysieren, zu strukturieren, zu planen. Ihr Wissen, Ihre Bildung. Das ist es, was Sie beherrschen und was Sie Ihren Ghettokids weitergeben können. Daraus sollten Sie Ihr Selbstbewusstsein ziehen. Dann haben Sie auch eine ganz andere Ausstrahlung. Bandenchef, bloß weil Sie kein Intellektueller sein wollen.« Er schüttelt den Kopf.

Das Gespräch gibt mir zu denken, aber in dieser Klasse habe ich nun einmal die Rolle des Bandenchefs.

Einige Wochen später habe ich erneut Gelegenheit, mich als solcher zu bewähren. Hotte, Fred und Uli sprechen mich auf dem Flur an: »Wir kommen nicht aus der Schule raus, da stehen so Typen am Eingang, mit denen wir gestern in der Disko Stress hatten.« »Die wollen euch verkloppen, oder was?« »Sieht so aus. Und die sind viel älter als wir.« Ich erkunde die Situation am Schultor. Stimmt, da stehen ein paar düstere Gestalten mit Lederjacken, beobachten genau, wer die Schule verlässt. Also lade ich unser jetzt überraschend kleinlautes Krawalltrio in mein Auto. Mit aufheulendem Motor durchbrechen wir die Linie der Gegner. Andy kurbelt noch die Scheibe runter und zeigt ihnen den Stinkefinger.

Aber der Preis dieser lockeren und verständnisvollen Haltung unseren Schülern gegenüber ist hoch. Bei Regina und mir im Unterricht geht es so, aber bei anderen, strengeren Kollegen gibt es ständig Ärger. Dort sind sie frech und aufmüpfig, fordern die gleichen Privilegien, die sie bei uns haben. Auch von aufsichtführenden Kollegen kommen Klagen: Sie rauchen, wo es verboten ist, legen auch in der Mensa die Füße auf den Tisch, schmeißen Müll irgendwo hin und zeigen bei Ermahnungen keine Einsicht. Im Gegenteil, sie fallen durch ihre Unverschämtheit auf. Ständig müssen wir »Tadelgespräche« führen.

Und dann die »größeren« Vorfälle: Wieder wird ein Auto »entführt«. Waren es ›unsere‹? Es kommt nie raus, auch nicht, wer dauernd Feueralarm auslöst. Bei einem Museumsbesuch in Ostberlin müssen wir fluchtartig abhauen, weil Uli sich mit einer Wärterin angelegt hat. Klaus wird von mir öffentlich gelobt, weil er ein Feuer auf dem Flur gelöscht hat. Bis ich erfahre, dass er selbst es gelegt hat. Im Chemieunterricht versprühen sie Buttersäure. Immer wieder finden Regina und ich morgens Zettel im Fach: »Bitte sofort beim Schulleiter melden wegen Vorfall in Ihrer Klasse.« Regina und ich reden und ermahnen, aber es nutzt wenig. Kein Wunder. Immer wieder schützen wir unsere Übeltäter vor Strafen, verwischen Spuren, decken sie. Aber wir fühlen uns immer unwohler dabei.

Als eine nette Junglehrerin weinend zu mir gerannt kommt, weil meine Klasse ihr das Notenbuch geklaut und aus dem Fenster geworfen hat, reicht es mir. Ich stürme in die Klasse, schlage auf den Tisch und brülle sie zusammen: »Seid ihr wahnsinnig geworden, oder was? Warum erlaubt ihr euch solche Gemeinheiten mit Frau B., die doch eigentlich nur nett und freundlich zu euch ist? Ihr enttäuscht mich, ja ihr enttäuscht mich.« So wütend und entschlossen kennen sie mich nicht. Ich mich eigentlich auch nicht. Schnell ist das Notenbuch wieder aus dem Schulgarten geholt.

Nein, so geht das nicht weiter. Die nutzen unsere Gutmütigkeit aus, haben keinerlei Respekt vor Lehrern, verachten uns vielleicht sogar für unsere Nachgiebigkeit. Die schlagen ja die ganze Schule zusammen. Auch Regina hat immer häufiger solche Erlebnisse. Manchmal fragen wir uns, ob wir sie mit dieser Laissez-faire Haltung adäquat auf die Anforderungen des Berufslebens vorbereitet haben. »Wir lassen die hier jede pubertäre Anwandlung ungehemmt ausleben«, bricht es eines Tages aus Regina heraus »und hinterher fallen sie damit auf die Schnauze.« »Vielleicht haben wir selbst unsere Pubertät noch mal ausleben müssen«, fällt mir dazu ein. Wir müssen einfach abgegrenzter und strenger werden. Wir beginnen die Monate zu zählen, bis unsere Schüler endlich ihren Abschluss haben und die Schule verlassen. Der Abschied ist herzlich, aber Regina und ich spüren auch, dass mit dieser Klasse ein Experiment zu Ende geht, dass wir so nicht fortsetzen wollen. Und wir sind nicht die einzigen Kollegen, die zu dieser Einsicht kommen.

REYHAN UND EMINE

Letztes Jahr erhielt ich plötzlich eine Mail aus Konya in der Türkei, Absender Reyhan E. »Können Sie sich noch an mich erinnern? Ich war 1978 bis 80 in Ihrer Klasse, und Sie haben mir so geholfen damals.« Natürlich erinnere ich mich an Reyhan, und sofort fällt mir auch Emine ein, die andere junge Türkin aus der Klasse. Sie waren die ersten Migrantinnen, mit deren Problemen ich mich auseinandersetzen musste und die mir klar machten, was es bedeutet, als junge Türkin in die deutsche Gesellschaft hineinzuwachsen. Ich sehe sie wieder vor mir sitzen: die energische Reyhan, klein, knubbelig, strenges Gesicht, lange Haare, und die große, schlanke Emine mit ihrem freundlichen und gelassenen Wesen. Sie sind so unterschiedlich, aber sie halten immer zusammen in dieser wilden 915, meiner ersten Klasse. Anfangs fallen sie mir gar nicht auf, so sehr haben sie sich angepasst. Ihre Leistungen sind gar nicht so schlecht, nur in Deutsch hapert es ein bisschen. Bis ich mir eines Tages die Zeit nehme für ein persönliches Gespräch mit ihnen. Sie sind so glücklich, einfach weil ich sie wahrnehme und hören will, wie es ihnen geht. Es sprudelt nur so heraus aus ihnen. Mit Erstaunen erfahre ich, dass Emine in Istanbul geboren ist und erst nach der ersten Klasse hierher kam. Der Vater war schon lange vorher eingereist, hatte dann Frau und Kinder nachgeholt. Emine musste die erste Klasse noch einmal machen. Kein Deutscher wollte neben ihr sitzen. Anfangs verstand sie kein Wort, konnte nicht einmal nach der Toilette fragen. Sie und das andere türkische Mädchen in der Klasse wagten auch nicht, die Lehrer über die ständige Anmache und die Beleidigungen durch die deutschen Schüler zu informieren. Täglich mussten sie damit rechnen, verprügelt zu werden. »Ich habe nie offene Haare und Ohrringe tragen können, weil mich das bei den Prügeleien behindert hätte«, erzählt Emine. Ich bin entsetzt, als ich das höre.

Ohne Emines Bericht hätte ich eine solche Diskriminierung auf unseren Schulhöfen nicht für möglich gehalten. »Meinen Bruder haben die deutschen Jungs einmal an einen Straßenbaum gefesselt. Mein Vater musste ihn befreien. Die deutschen Jungs haben auch gleich die ersten türkischstämmigen Lehrer verprügelt, die wir im zweiten Jahr bekamen.« Reyhan hat Ähnliches erlebt. »War das in unserer Klasse auch so?« »Anfangs ja. Aber seit wir jede Aktion gegen Lehrer mitmachen und nie petzen, sind wir, glaub ich, einigermaßen akzeptiert«.

Dieses Hin und Her zwischen zwei Ländern, zwei Kulturen. Emine wurde nach der 5. Klasse wieder zurück in die Türkei geschickt, wo sie merkte, wie schlecht sie inzwischen türkisch sprach. Nach einem Jahr kam sie wieder nach Berlin und musste noch einmal eine Klasse wiederholen. »Ich war so stolz, dass man mir am Ende der 6. Klasse dann doch den Besuch einer Gesamtschule zutraute.« Ich sehe plötzlich die Leistungen und Schwächen der beiden in einem ganz neuen Licht.

Auch zuhause gibt es Probleme. Reyhans Eltern lehnen alles Westliche ab und überwachen ihre Tochter sehr streng. Emines Vater terrorisiert Mutter und Bruder mit seiner Gewalttätigkeit. »Seit er gemerkt hat, dass Mama und wir Kinder besser Deutsch können als er und überhaupt besser zurechtkommen, ist es immer schlimmer geworden. Eine Nacht haben wir mal im Park geschlafen aus Angst vor ihm.« Und da wundere ich mich, wenn Emine im Unterricht unaufmerksam ist. Nach dem Gespräch leben sie auch im Unterricht richtig auf, werden aktiver.

Einige Wochen danach kommt Emine ganz aufgeregt zu mir: »Meine Mutter kommt gleich, wegen der Knutschflecken. Sie denkt, ich hätte einen Freund.« Sie zeigt mir den Fleck. Ist das ein Knutschfleck? Egal. Wir organisieren schnell ein kleines Rollenspiel, und als Frau B. kommt, erzählt ihr meine Kollegin Regina, dass die Mädchen das im Schwimmbad als Spiel machen. Marion wird geholt und bestätigt, dass sie Emine gestern im Schwimmunterricht aus Spaß einen Knutschfleck gemacht hat. Frau B. bleibt skeptisch, beruhigt sich aber. Monate später erzählt Emine lachend, dass sie jetzt ihre Mutter »aufgeklärt« habe. »Na, Sie wissen doch, mit der Pille und so, alles was wir in Biologie gelernt haben.« Sie wird immer fröhlicher und lockerer.