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Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2025
Valerie Parv, Raye Morgan, Lucy Gordon
ROMANA WEEKEND BAND 29
IMPRESSUM
ROMANA WEEKEND erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
Neuauflage 2025 in der Reihe ROMANA WEEKEND, Band 29
© 1995 by Valerie Parv Originaltitel: „A Reluctant Attraction“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Karin Kupffer Deutsche Erstausgabe 1996 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe ROMANA, Band 1104
© 2009 by Helen Conrad Originaltitel: „The Italian‘s Forgotten Baby“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Dorothea Ghasemi Deutsche Erstausgabe 2010 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg,in der Reihe ROMANA, Band 1854
© 2011 by Lucy Gordon Originaltitel: „Rescued by the Brooding Tycoon“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Maria Fuks Deutsche Erstausgabe 2012 by Harlequin Enterprises GmbH, Hamburg,in der Reihe ROMANA, Band 1935
Abbildungen: Daniel / Adobe Stock, alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 08/2025 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751533263
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, HISTORICAL, TIFFANY
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Valerie Parv
Der Himmel über Derby war strahlend blau. Wäre es nach Linden Taylors Stimmung gegangen, dann hätten Gewitterwolken den Postkartenhimmel verdunkeln und heftige Regengüsse die Stadt an der westaustralischen Kimberleyküste heimsuchen müssen.
Stattdessen schien die Sonne hell und ungetrübt, Lindens schlechter Laune zum Trotz. So jedenfalls empfand sie es, als sie vor dem Eingang der eleganten Villa von einem großen, bulligen Mann aufgehalten wurde, der sich als Butler ausgab. Linden war irritiert. Bestimmt war dieser angebliche Türhüter in Wirklichkeit ein Leibwächter. Eine verdächtige Ausbeulung unter seinem Jackett ließ sie eine versteckte Waffe vermuten.
Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe von einssiebzig auf. Trotzdem blieb der Mann ein Riese, gegen den sie keine Chance hatte. „Wenn Greg Hamil erfährt, dass Sie mich nicht hereinlassen wollten, könnte es Sie Ihren Job kosten.“
Das war natürlich ein Bluff. Greg hatte keine Ahnung, dass sie vor der Tür stand, und eine Einladung zur Party hatte sie nicht bekommen. Sie hatte allen Mut zusammennehmen müssen, um hierher zu kommen, aber sie hatte keinen anderen Ausweg gewusst. Sie musste mit Greg reden. Er war ihr eine Erklärung schuldig.
Der Butler ignorierte ihre Drohung. „Es tut mir Leid, Miss, aber ich habe Anweisung, nur die eingeladenen Gäste hereinzubitten.“
Linden hielt ihm ein Päckchen unter die Nase. „Und warum würde ich ein Geschenk mitbringen, wenn ich nicht wüsste, dass Greg seinen dreißigsten Geburtstag feiert?“ Sie sah den Butler mit großen Augen unschuldig an. Sie wusste, dass sie jünger als fünfundzwanzig aussah mit ihrer zierlichen Figur und den blonden Locken. Aber es war vergeblich. Der Mann blieb stur.
„Sie hätten es in der Zeitung lesen können.“
Linden erschrak. Sie fühlte sich ertappt. Sie hatte tatsächlich die Nachricht von der geplanten Party in der Zeitung gelesen, wenige Tage, nachdem Greg sang- und klanglos aus ihrem Leben verschwunden war. Trotzdem wäre sie nicht uneingeladen hier aufgetaucht, wenn Greg sich anders verhalten hätte. Er war für sie nicht mehr zu erreichen gewesen. Nun kam sie auch hier nicht weiter. Vielleicht sollte sie alles vergessen und einfach wieder nach Hause fahren.
Nein, sie würde sich diesmal nicht wegschicken lassen. Man hatte sie in ihrem Leben oft genug verlassen. Sie wollte von Greg wenigstens eine Erklärung. Warum hatte er sich so verhalten, als ob sie ihm etwas bedeutete, und sie dann einfach im Stich gelassen? Sie rang sich ein Lächeln ab. „Ich bin erst kurz in der Stadt. Vermutlich ist meine Einladung zur Party noch unterwegs.“ Sie kam einen Schritt näher. „In Perth waren Greg und ich … nun ja, Sie wissen schon, nicht wahr?“
„Nein, aber sprechen Sie es aus!“ Eine unbekannte männliche Stimme hinter ihr hatte geantwortet.
Erschrocken fuhr Linden herum. Ihr fiel das Päckchen aus der Hand. Der Fremde bückte sich und fing es auf. Er war ihr so nah, dass sie sein After Shave riechen konnte, einen herben, männlichen, sehr verführerischen Duft.
Der Mann war ungewöhnlich groß und athletisch. Er hatte ein markantes Gesicht und braune Augen, mit denen er Linden scharf fixierte. Sie hatte Mühe, Haltung zu bewahren und sich nicht in seinem Blick zu verlieren.
„Danke, dass Sie … mein Päckchen gerettet haben“, sagte sie stockend. „Der Inhalt ist zerbrechlich.“
Der Fremde studierte ungeniert Lindens handgeschriebene Karte. „Für meinen lieben Greg von seiner Linden“. Die Züge des Mannes verhärteten sich. „Dann sind Sie Linden?“
„Ja.“ Sie bemühte sich, ihre Nervosität zu verbergen. „Kann ich das Päckchen zurückhaben?“
Der Mann zog sarkastisch die Augenbrauen hoch. Plötzlich sah er richtig gefährlich aus. „Ich könnte Greg Ihr Geschenk übergeben“, schlug er vor.
Linden musterte ihn unauffällig. Er erinnerte sie an einen Cowboy aus einem Wildwestfilm, obgleich er für den Anlass korrekt gekleidet war. Er trug den üblichen leichten Abendanzug mit weißem Hemd, Krawatte und dunkler Hose. „Sie gehen also auf die Party?“
„Das habe ich vor.“ Er verbarg nur mühsam seine Ungeduld.
„Ich will Sie nicht länger aufhalten. Tatsache ist, dass ich Greg persönlich treffen muss.“
Wieder zog er die Brauen hoch. „Hat er Sie eingeladen?“
Linden trat von einem Bein auf das andere. „Nicht ausdrücklich. Er hatte keine Ahnung, dass ich in der Stadt sein würde. Sie müssen wissen, dass Greg und ich befreundet sind. Als er in Perth war, nun … jedenfalls sind wir sehr oft miteinander …“
„Ich weiß. Ersparen Sie mir Einzelheiten.“
Linden war empört. Was fiel diesem Mann ein? Er hatte kein Recht, sie zu beleidigen. „Ich weiß nicht, warum Sie verärgert klingen. Greg und ich waren in Perth sehr gut befreundet, und so beschloss ich, hierher zu fliegen und ihn zu überraschen.“
„Das wird Ihnen sicher gelingen.“
„Was meinen Sie damit?“ Linden fand, dass seine Bemerkung verletzend klang. „Greg hat selber vorgeschlagen, dass ich eines Tages mal die Kimberleyküste besuchen soll.“
„Eines Tages“, wiederholte der Mann, „was heißt das schon? Das sagt man so daher. Es ist vollkommen unverbindlich, keine richtige Einladung, mehr eine Höflichkeitsfloskel.“
Lindens Empörung wuchs. Die herablassende Art ihres Gegenübers war demütigend. „Sie müssen es ja wissen“, versetzte sie hitzig.
„Das weiß ich auch“, schoss er zurück. „Wenn ich Sie nach Derby eingeladen hätte, dann würden Sie auch wissen, dass Sie willkommen sind. Ich hätte Sie an Ihrer Haustür in Perth abholen und zum Flugplatz bringen lassen. Und dort hätten Sie eine Privatmaschine bestiegen, um zu mir zu fliegen.“
Einen Augenblick lang stellte sich Linden diesen unglaublichen Luxus vor. Sie würde ihn gern einmal genießen. „Vielleicht liegt mir nichts daran, wie eine zerbrechliche Porzellanpuppe in Watte verpackt zu werden.“
Der Mann lächelte ironisch. Er wusste genau, dass sie nicht die Wahrheit sagte. „Wer redet von Watte? Meine Frauen tragen Seide und Samt. Im Übrigen wäre die Reise am Flughafen keineswegs zu Ende“, fuhr er fort. „Eine klimatisierte Limousine würde Sie am Flughafen abholen und Sie zum Kai bringen, wo meine Yacht auf Sie warten würde. Der Champagner wäre eisgekühlt und der Hummer schon zubereitet. Anschließend, als Nachtisch sozusagen …“
„Hören Sie auf“, rief Linden fast panisch. Sie fürchtete, dass die Fantasie mit ihm durchging, und sie wollte sich keinen weiteren Peinlichkeiten aussetzen. „Was bezwecken Sie mit Ihren Märchen?“
„Ich will Ihnen nur sagen, wie es ist, wenn man wirklich willkommen ist.“
„Was bringt Sie auf den Gedanken, dass ich Greg nicht willkommen bin?“
„Ganz einfach. Sie stehen hier vor seiner Tür. Seien Sie ehrlich, Linden, haben Sie Gregs hingeworfene so genannte Einladung nicht etwas zu wörtlich genommen?“
„Nein! Ich muss mit Greg reden und ein paar Missverständnisse klären. Bitte geben Sie mir das Geschenk zurück. Ich werde es ihm persönlich überreichen, und zwar ungestört!“
Linden warf einen zornigen Blick auf den Butler und den arroganten Fremden.
„Nicht so hastig“, beschwichtigte sie der Mann. „Vielleicht sollten Sie tatsächlich auf der Party erscheinen. Das würde uns spätere Probleme ersparen.“
Linden stutzte. Warum plötzlich die Kehrtwendung? Sie warf einen flüchtigen Blick auf den Butler. Aber der tat so, als überhörte er die Unterhaltung. Sie räusperte sich. „Ich komme ja nicht herein. Wie Sie wissen, bin ich kein offizieller Gast, obwohl ich mit Greg befreundet bin.“
„Aber ich stehe auf der Gästeliste, und ich darf eine Begleiterin mitbringen.“
Lindens Zorn steigerte sich. „Ich verstehe“, konterte sie, „Sie brauchen mich, weil es Ihnen peinlich ist, ohne eine Frau an Ihrer Seite zu erscheinen. Das ist es doch, oder?“ Sie konnte eine gewisse Befriedigung nicht verbergen.
„Überschätzen Sie sich nicht“, riet der Mann. „Wenn ich mit Ihnen auftauche, werde ich mehr Probleme haben, als wenn ich solo erscheine. Ich weiß, warum auf meiner Einladung die Anwesenheit einer Dame so dringend gewünscht wurde.“
Linden verstand gar nichts mehr. „Hat Greg das so formuliert?“ fragte sie neugierig.
Der Mann schüttelte unwillig den Kopf. „Nicht Greg“, sagte er, „sondern meine Cousine Sandra Cochran. Sie hat mir die Einladung geschickt. Und ihr Wunsch ist es, dass ich in Begleitung komme. Vermutlich hält sie mich für den einsamen Wolf.“
Linden begriff immer weniger. Wer war Sandra Cochran? Sie hatte noch nie von ihr gehört. Allerdings hatte Greg kaum von seiner Familie gesprochen. Sie wusste nur, dass er aus Industriellenkreisen kam und sehr vermögend war. „Ich kenne Sandra Cochran nicht“, sagte sie laut.
„Das glaube ich Ihnen aufs Wort“, erwiderte der Mann scharf. „Ich denke, es wird höchste Zeit, dass Sie sie kennen lernen. Kommen Sie.“
Linden wusste nicht, wie ihr geschah. Der Mann packte sie fest am Arm und zog sie mit sich. Der Butler machte diesmal keine Einwände. Linden blieb stehen. „Wir sollten wenigstens unsere Namen kennen, wenn wir als Paar hier aufkreuzen. Was meinen Sie?“ Sie sah den Fremden neugierig an.
„Meinetwegen.“ Er machte ein unwilliges Gesicht. „Ich bin Steven Dare. Meine Freunde nennen mich Steed.“
„Dann sollte ich Sie wohl besser Steven nennen, nicht wahr?“ Linden bedauerte bereits, dass sie sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatte. Wäre sie doch lieber wieder gegangen, nachdem der Butler ihr den Zutritt verweigert hatte. Dieser Mensch benahm sich unmöglich.
„Wenn Sie mich Mr. Dare nennen, verraten Sie Ihre Tarnung, ist es nicht so?“
Ihre Tarnung? Schließlich hatte er eine Begleiterin gebraucht, damit sein Machobild der Gesellschaft erhalten blieb! Sie blickte zu ihm auf. „Ich habe keine Tarnung nötig, wie Sie es nennen. Ich bin nur gekommen, um mit Greg zu sprechen. Es gibt da ein paar Dinge zu klären.“
Ja, sie würde Greg fragen, warum er ihr eine Reise nach Derby vorgeschlagen hatte, wenn er sie in Wirklichkeit gar nicht sehen wollte. Natürlich hatte sie versucht, ihn von Perth aus anzurufen, aber Greg hatte das Telefonat sehr schnell beendet, weil er angeblich zu einem dringenden geschäftlichen Treffen verabredet war. Sie hatte ihn nicht mehr erreichen können, obgleich sie sich schon drei Tage in Derby aufhielt. Und wenn Steven Dare am Ende mit seiner Vermutung Recht behielt, dass Gregs Einladung nach Derby nur reine Höflichkeit gewesen war?
Linden unterdrückte einen Seufzer. Diese Haltung hätte gar nicht zu dem Mann gepasst, der sich so auffällig in Perth um sie bemüht hatte. Linden arbeitete in einem Schlaflabor als Therapeutin, und dort war Greg ihr begegnet. Er hatte eine beträchtliche Summe für das Schlafzentrum gestiftet und darauf bestanden, einige Nächte dort zu verbringen, um Linden bei der Arbeit zuzusehen. Aber das war nicht alles. Er hatte sie mit Einladungen in teure Restaurants bombardiert und so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen wollen.
Linden war keine verwöhnte Frau, und Greg war der erste Mann, der sie so stürmisch umwarb. Sie musste zugeben, dass sie es sehr genoss, denn nie zuvor hatte sie das Gefühl gehabt, wirklich die Nummer eins im Leben eines anderen Menschen zu sein. Sie war in Kinderheimen aufgewachsen, und nun bemühte sich ein so mächtiger und wohlhabender junger Mann um sie.
Und dann hatte Greg Hamil ihr eines Tages vorgeschlagen, das Wochenende mit ihm auf seiner Yacht zu verbringen. Die Einladung hatte sie in ein Gefühlschaos gestürzt, weil sie natürlich wusste, was Greg von ihr erwartete. Aber sie bekam Angst. Sie fürchtete sich nicht vor Greg und seinen Umarmungen, sondern vor der Unsicherheit, die damit verbunden war. Wie würde sich ihre zukünftige Beziehung gestalten, wenn sie seinem Wunsch nachgab? Glücklicherweise nahm ihr das Schicksal die Entscheidung ab. Sie bekam eine starke Erkältung und musste das Bett hüten. Und Greg musste zurück nach Derby, bevor er eine zweite Einladung aussprechen konnte. Aber hatte er das überhaupt vorgehabt? Auch darüber wollte sie heute mit ihm sprechen …
„Steven, du bist also doch gekommen und sogar in Begleitung. Das finde ich ganz toll!“
„Sandy, das ist Linden. Sie kommt aus Perth. Linden, dies ist unsere Gastgeberin Sandy Cochran.“
Sandy umarmte Steven temperamentvoll und küsste ihn stürmisch. Sie hatte leuchtend rotes Haar, und ihre grünen Augen blitzten vor Freude. Ihre Begeisterung über Stevens Kommen war groß, und so fiel es gar nicht auf, dass er Linden ohne Familiennamen vorgestellt hatte.
Linden zwang sich zu einem unverbindlichen Lächeln. „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen, Sandra.“
Cousin und Cousine tauschten in aller Eile ein paar Familienneuigkeiten aus. Dabei entging Linden nicht, dass Sandra sie immer wieder neugierig betrachtete. Schließlich machte Steven der Unterhaltung ein Ende.
„Geh ruhig zurück zu den anderen Gästen, Sandy. Ich kümmere mich um Linden.“ Dabei legte er wie selbstverständlich den Arm um sie.
Sandra lachte. „Du scheinst diese Aufgabe sehr gern zu übernehmen.“
„Und ob!“ Er lächelte und begann, mit Lindens Haar zu spielen. Es war eine kleine Geste, und doch zuckte Linden zusammen. Die zarte Berührung ließ sie erschauern, und irritiert sah sie zu ihm auf. Erst dann begriff sie, dass er wegen Sandra diese Komödie spielte. Zu ärgerlich, dass sie trotzdem ein auffälliges Zittern nicht unterdrücken konnte.
Rasch löste sie sich von ihm, um sich ein paar Bilder anzusehen. Sie hatte ihr Ziel erreicht und war an Stevens Arm in die Villa gelangt. Nun musste das Spiel ein Ende haben. Sie hatte eine andere Aufgabe.
„Wie geht es dem Geburtstagskind?“ fragte sie Sandy und gab sich keine Mühe, ihren Groll auf Greg zu verbergen.
Sandras Lächeln gefror. „Sie kennen Greg?“
„Ich habe Linden von ihm erzählt.“ Steven stand urplötzlich wieder neben ihr und antwortete, bevor sie etwas sagen konnte. „Wir haben ihm ein Geburtstagsgeschenk mitgebracht“, fuhr er fort, und Linden sah, wie er die Glückwunschkarte in der Hand behielt, während er das Päckchen an Sandy weitergab.
Sandy lächelte wieder strahlend. „Noch ein Geschenk! Ihr verwöhnt ihn. Ich lege es auf seinen Geburtstagstisch zu den anderen Päckchen. Und nun fühlt euch ganz wie zu Hause.“
Sie ging davon, und Linden drehte sich wütend um. „Ich kann mich nicht erinnern, dass wir das Geschenk gemeinsam gekauft haben“, sagte sie. „Außerdem haben Sie die Karte entfernt. Es ist mir nicht entgangen. Warum haben Sie das getan? Was haben Sie vor?“
Steven ignorierte ihren Ärger. „Vergessen Sie nicht, dass Sie mit mir hier sind.“
„Wir haben gemeinsam das Haus betreten. Das ist alles!“
„Sie sind zu optimistisch. Sie sind hier, weil ich Sie mitgenommen habe. Daran sollten Sie denken, bevor Sie etwas Dummes tun oder sagen. Sie wären schneller wieder draußen, als Ihnen lieb sein könnte.“
Linden riss sich zusammen. „Sie drohen mir also?“
Steven zuckte die Schultern. „Sie haben die Wahl. Benehmen Sie sich wie meine Begleiterin, und Sie haben keine Probleme.“
Was blieb ihr anderes übrig? Sie wollte Greg unbedingt sprechen. Ihr dämmerte, dass das gar nicht so einfach sein würde. Greg war ein schwerreicher Mann, und diese Tatsache trennte ihn von den meisten Menschen. Sie dachte an den Koloss von Bodyguard, der vor der Villa Wache schob. Resigniert ergab sie sich in ihr Schicksal. „Okay, Sie haben gewonnen.“
Er nickte grimmig. „Das tue ich meistens.“
„Aber nur so lange, bis ich mit Greg gesprochen habe.“
„Sie werden sich gedulden müssen. Die halbe Provinz ist heute hier zu Gast.“
Die Reichen und die Schönen, dachte Linden, als sie langsam durch die Räume schritten.
Sie hatte sich für die Party in Schale geworfen und dafür ein Wochengehalt investiert. Sie trug ein modisches, kniefreies weißes Kleid mit großem Ausschnitt, das ihre zierliche Figur sehr vorteilhaft zur Geltung brachte. Dennoch fühlte sie sich nicht elegant genug, als sie die anderen Frauen betrachtete. Die meisten trugen Modellkleider mit edlem Schmuck. Zum ersten Mal wurde sie wirklich unsicher. Vielleicht hatte Greg sie nicht eingeladen, weil sie nicht in diese Kreise passte.
Steven schien gut bekannt zu sein. Immer wieder blieb er stehen, stellte Linden vor, ohne seinen festen Griff zu lockern. Sie spielte mit, so gut sie konnte, und zwang sich zu einem freundlichen Lächeln. Schließlich zogen sie sich in eine ruhige Ecke zurück, um ein Glas Champagner zu trinken.
„Müssen Sie unbedingt eine solche Schau abziehen?“ fragte Linden und genoss das kühle, prickelnde Getränk. „Sie machen mich mit Hinz und Kunz bekannt. Was werden Sie denen sagen, wenn ich plötzlich wieder aus Ihrem Leben verschwunden bin?“
„Ich pflege niemals Erklärungen abzugeben, was mein Privatleben betrifft. Und zudem sind Sie ja noch da.“
Linden stellte ihr Glas ab. „Aber nicht mehr lange. Ich verschwinde, sobald ich mit Greg gesprochen habe.“
„Sie glauben immer noch, dass Sie Erfolg haben werden, nicht wahr? Wenn er Sie ernsthaft sehen wollte, dann wäre er doch schon längst gekommen.“
Insgeheim musste sie ihm Recht geben. Schon seit dem letzten, kurzen Telefonat mit Greg quälten sie die Zweifel. Natürlich behielt sie ihre Bedenken für sich. Steven Dare war nicht der Mann, bei dem sie sich ausweinen würde. „Greg ist ein viel beschäftigter Mann. Vielleicht hatte er noch keine Zeit“, sagte sie.
„Jeder Mann hat Zeit für eine schöne Frau“, erwiderte Steven mit seidenweicher Stimme.
„Dann bin ich also Ihrer Meinung nach für Greg nicht schön genug.“
„Im Gegenteil, ich finde Sie sehr schön, und jeder Mann wird mir zustimmen.“ Er fuhr mit dem Zeigefinger über ihre Wange.
Linden zuckte zusammen. „Lassen Sie das. Man sieht uns.“
„Gönnen Sie den Leuten ihren Spaß“, sagte Steven und machte weiter, als ob sie allein wären.
Linden war wie gelähmt. Was ging hier vor? Sie war gekommen, um Greg zu sehen, und plötzlich war sie Steven ausgeliefert. Er hatte den Arm um sie gelegt und stand so dicht vor ihr, dass sein Körper ihren berührte.
Linden spürte, wie er sich an ihre Brust presste, und eine Mischung aus Panik und Erregung erfüllte sie. Instinktiv versuchte sie, ihn von sich wegzuschieben, aber stattdessen rückte er noch näher.
Ihre Aufregung wuchs. Was geschah nur mit ihr? Ihr Herz pochte wild, und sie atmete hörbar. Plötzlich war ihr, als ob es nur noch sie beide auf der Welt gäbe. Wie gebannt sah sie Steven an, unfähig sich seiner männlichen Ausstrahlung zu entziehen.
Irgendetwas brachte sie zurück in die Realität. Sie schaute sich um. „Greg kommt“, stieß sie hervor.
„Und?“
„Lassen Sie mich vorbei. Ich muss ihn unbedingt sprechen.“
Es war unglaublich. Steven zog sie fest in die Arme, und ehe Linden reagieren konnte, spürte sie seinen Mund auf ihren Lippen.
Sie war so überrascht, dass sie keinen klaren Gedanken fassen konnte. Ihre Gefühle waren ein Chaos, das Herz schlug ihr bis zum Hals, und alles schien sich wie in einem Wirbel um sie zu drehen. Es hatte keinen Zweck, sich zu wehren, und so hielt sie still, bis es Steven gefiel, sie wieder freizugeben. Er schien es sehr ungern zu tun, aber Greg war schon fast bei ihnen.
Linden war so außer sich, dass sie Steven am liebsten angeschrien hätte. Mit hochroten Wangen und blitzenden Augen dachte sie an die Schimpfnamen, die ihr auf der Zunge lagen und die sie loswerden musste. Aber dazu kam es nicht. Steven legte den Arm um ihre Taille und zog sie fest an sich. Er nickte, als Greg dazukam. „Oh, die Hauptperson des Abends“, bemerkte er.
Greg kniff die Augen zusammen, und Linden hätte schwören können, dass er erleichtert aussah, als er sie in Stevens Armen fand. Dabei hätte er doch empört sein müssen … „Aber nicht überall, wie man sieht“, entgegnete Greg.
Steven gab sich beschämt, aber Linden sah sofort, dass es gespielt war. „Man kann eben nicht immer dabei sein“, sagte er tröstend und warf Linden einen amüsierten Blick zu.
Greg lachte herzlich, als ob Steven einen besonders guten Witz gemacht hätte. Linden griff ein.
„Greg, es ist nicht so, wie du denkst“, begann sie, aber Greg schüttelte den Kopf.
„Was ich denke, spielt wirklich keine Rolle, Linden. Ich freue mich, dass du den weiten Weg hierher nicht nur meinetwegen, einem alten Geschäftsfreund zuliebe, gemacht hast. Ich wünsche dir noch einen wunderschönen Aufenthalt in Kimberley.“
Einem alten Geschäftsfreund? Linden schluckte. Greg hatte gelogen, ohne rot zu werden. Das einzig Geschäftliche an ihrer Freundschaft war der Ort der Begegnung gewesen. Was danach geschehen war, war eine rein private Angelegenheit gewesen.
„Sie sind ein stilles Wasser, Dare“, bemerkte Greg. „Wie lange geht das schon?“
Linden überließ Steven die Antwort. Auf diese Weise würde er sich am schnellsten verraten. Aber sie hatte sich wieder einmal getäuscht. „Ich wollte Lin erobern, nachdem ich sie zum ersten Mal gesehen hatte“, konterte Steven mühelos.
„Also kennen Sie sich schon eine ganze Weile?“
„Wir haben uns gerade …“
„Ja, gerade haben wir uns eingestanden, was wirklich los ist.“ Steven hatte Linden einfach unterbrochen und den Satz in seinem Sinne vollendet. Sie hätte ihn umbringen können. Ein unbändiger Hass ergriff sie. Greg hätte nur ihren wütenden Gesichtsausdruck sehen müssen, und er hätte die Lüge entlarvt. Stattdessen akzeptierte er Stevens Erklärung. Und wieder sah Linden, wie erleichtert er schien.
Er drückte zerstreut Lindens Arm. „Amüsier dich gut“, sagte er. Dann war er schon in der Menge verschwunden.
Sie wollte sich von Stevens Arm losmachen, aber er hielt sie fest. „Sie gehen nirgendwohin“, befahl er.
„Lassen Sie mich los, oder ich …“
„Was? Sie wollen schreien oder nach Hilfe rufen? Nachdem jeder gesehen hat, wie hingebungsvoll Sie in meinen Armen dahingeschmolzen sind? Niemand würde Ihnen glauben.“
„Das haben Sie absichtlich inszeniert. Sie wollten Greg glauben machen, dass wir ein Liebespaar sind.“ Linden fröstelte bei der Vorstellung. „Lügen haben Sie ihm aufgetischt und ihm zu verstehen gegeben, dass wir uns schon länger kennen. Dabei haben Sie mich vor einer knappen Stunde zum ersten Mal gesehen!“
„Sie irren sich. Ich war in Perth während der letzten Monate. Geschäftlich. Ich habe Augen und Ohren offen gehalten und gesehen, was ich sehen wollte. Allerdings hatte ich nicht erwartet, dass Sie ausgerechnet heute hier persönlich auftauchen würden.“
Linden war schwindelig. Was hatten Greg und sie getan, dass er sie so verachtete? Greg war ein paar Nächte lang bei ihr im Schlafzentrum gewesen, um ihr bei der Arbeit zuzusehen, aber davon konnte Steven nichts wissen. Sie hatten sich kaum geküsst, bis auf jenen Abend, als Greg sie auf die Yacht zum Wochenende einlud.
Okay, ihre Treffpunkte waren meist etwas abseits der üblichen Szene gewesen, weil Greg Angst vor Klatschreportern hatte. Sie hatte seine Gründe sehr gut verstanden und ihn unterstützt. Einmal waren sie in einem kleinen französischen Restaurant gewesen, als Greg einen Reporter erkannte. Rasch hatte er ihr Geld für die Rechnung in die Hand gedrückt und sich so unauffällig wie möglich davongemacht. Sie war später nachgekommen, und beide hatten furchtbar gelacht und sich wie Kinder nach einem gelungenen Streich gefühlt.
Ob Steven sie bei diesen Eskapaden gesehen hatte und ihnen schlechtes Benehmen in der Öffentlichkeit nachtrug? Wenn es so war, dann war es sein Problem. Sie jedenfalls hatte keinen Grund, sich zu schämen. „Ich glaube nicht, dass mein Privatleben Sie etwas angeht“, erwiderte sie trotzig.
„Wie viel?“ erkundigte sich Steven. Er machte eine entschlossene Miene.
„Was meinen Sie?“
„Was immer Greg Ihnen für Ihre Dienste gezahlt hat, ich zahle das Doppelte.“
Es dauerte ein paar Augenblicke, bis Linden den Inhalt der Botschaft begriff. Aber dann reagierte sie impulsiv. Sie hob die Hand und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Sekunden später erschrak sie. So etwas hatte sie noch nie getan. Sie hatte ihre Beherrschung verloren und Steven Dare geschlagen.
Stevens Gesicht war völlig ausdruckslos. Er rührte sich nicht. Seine Beherrschung war perfekt.
Linden riss sich aus ihrer Starre, hob den Kopf und ging davon. Jetzt musste sie unbedingt allein sein. Zum Glück wusste sie, wo die Gästetoiletten waren. Steven sah ihr nach, und Linden spürte seine bohrenden Blicke wie Messerstiche im Rücken.
Linden lehnte sich erschöpft an die kühle Marmorwand. Steven Dare hielt sie also für eine Frau, die sich von Greg Hamil hatte aushalten lassen. Er glaubte, Greg habe für ihre Gesellschaft mit barer Münze bezahlt. Es war nicht zu fassen … Wie konnte Steven nur so etwas annehmen?
Plötzlich erinnerte sie sich an Momente, in denen Greg ihr Geld gegeben hatte, damit sie Rechnungen bezahlen konnte, während er im Hintergrund blieb. Einmal waren sie bei einem Immobilienhändler gewesen, von dem Greg ein Apartment gekauft hatte. Sie hatte in seinem Auftrag die finanzielle Seite geregelt, weil er nicht in Erscheinung treten wollte. Dinge dieser Art musste Steven Dare beobachtet und er musste falsche Schlüsse daraus gezogen haben.
Die Tür wurde geöffnet, und Linden griff rasch nach ihrer Puderdose. Sandy Cochran stellte sich neben sie und ordnete ihr Haar. „Gefällt Ihnen die Party?“ fragte sie höflich.
„Ja, danke.“ Linden konzentrierte sich auf ihr Make-up.
„Ich bin sehr froh, dass Sie Steven begleitet haben“, fuhr Sandy fort, „er scheint total verliebt zu sein. Jedenfalls haben Sie ihn erobert.“
Linden zog die Lippen nach. „Sie übertreiben, Sandra.“
„Bestimmt nicht. Ich kenne Steven doch! Er ist für mich mehr ein Bruder als ein Cousin. Als ich elf Jahre alt war, starben meine Eltern, und ich kam zu meinen Verwandten. Steven und ich sind viele Jahre zusammen aufgewachsen. Ich habe immer gehofft, dass er eines Tages eine Frau trifft, die ihn von seinen ewigen Expeditionen kuriert! Er ist schon viel zu lange allein.“ Sandy lächelte verschwörerisch und verschwand wieder.
Linden sah ihr nach. Expeditionen? Dann war er tatsächlich der bekannte Steven Dare, Autor vieler Bücher und Produzent von Filmen über das australische Outback? Sie war erstaunt, dass sie ihn nicht wieder erkannt hatte.
Trotzdem, sagte Linden sich selbstbewusst, hat er kein Recht, mich zu beleidigen. Sie verließ die Toilette und beschloss, Steven Dare unter allen Umständen zu meiden. Aber sie hatte kein Glück. Er erwartete sie bereits.
„Du kannst sie wohl keinen Augenblick allein lassen, Steven, nicht wahr?“ Einer der Partygäste warf ihm einen neidischen Blick zu.
Steven nickte recht schuldbewusst. „Kannst du es mir verdenken?“
Lindens Geduld war erschöpft. „Hören Sie endlich damit auf“, sagte sie laut und ohne Rücksicht auf Zuhörer. „Es überrascht mich ohnehin, dass Sie noch mit mir gesehen werden wollen, nach allem, was Sie von mir halten.“
Er fuhr sich mit dem Finger über die Wange. „Einiges scheint mir doch entgangen zu sein“, erwiderte er, „zum Beispiel die Kraft Ihrer rechten Hand!“
Linden wurde rot. „Sie haben mich beleidigt, Mr. Dare. Sie hatten Ihren Spaß dabei. Aber nun ist die Show vorbei. Ich gehe.“
Er musterte sie streng. „Ohne das bekommen zu haben, weswegen Sie hier sind? Ich wollte Sie eben zu Greg bringen.“
Linden stutzte. „Was? Jetzt?“ Sie sah ihn ungläubig an.
„Ja.“ Er nahm ihre Hand. „Es gibt etwas, das Sie wissen sollten.“
Sie versuchte, sich loszumachen. „Was immer es ist, es kann warten.“
„Nein.“
Linden ließ sich mitziehen, blieb jedoch misstrauisch. Warum wollte er plötzlich, dass sie doch noch mit Greg zusammentraf? Sie betraten den großen Empfangssaal und mischten sich unter die Gäste, die um ein Podium versammelt waren. Linden entdeckte Greg, der hinter einem älteren Mann stand. Der war gerade im Begriff, etwas bekannt zu geben.
„Ich möchte Sie also bitten, auf das Wohl und das Glück meines Sohnes Greg und seiner bezaubernden Braut Sandra Cochran zu trinken.“
Sandra Cochran war Gregs Verlobte? Linden begriff nur schwerfällig. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sandra strahlte vor Glück, und Greg hatte natürlich kein Interesse, sie, Linden, wieder zu sehen.
Ihr war, als schwankte der Boden unter ihren Füßen. Jemand drückte ihr ein Glas Champagner in die Hand, und sie verschüttete die Hälfte. Allmählich begriff sie die Zusammenhänge. Kein Wunder, dass Greg sie in Perth so sorgsam vor der Öffentlichkeit versteckt hatte. Es war weniger die Angst vor den Klatschreportern als die Sorge vor der Entdeckung ihrer Beziehung gewesen. Und wie erleichtert war er gewesen, sie an Stevens Arm zu sehen! In Perth hatte er nur eines gewollt: ein Liebesabenteuer vor der Hochzeit mit Sandra Cochran. Lindens Verwirrung konnte nicht größer sein …
„Ich fahre Sie nach Hause“, bot Steven an. „Wo wohnen Sie?“
„Dazu besteht kein Anlass. Sie haben Ihr Ziel erreicht.“
Steven ignorierte ihre Absage. „Also, wo wohnen Sie?“
Linden gab nach. Es war sowieso egal. Sie nannte ihm die Adresse des Apartments, das sie für einen Monat gemietet hatte. Wie naiv war sie doch gewesen, so optimistisch zu sein. Bestimmt war Greg peinlich berührt, weil sie tatsächlich den weiten Weg nach Derby gemacht hatte. Damit hatte er gewiss nicht gerechnet.
Sie fand sich plötzlich in Stevens Range Rover wieder. „Ich nehme an, Sie sind zufrieden mit Ihrem Erfolg, nicht wahr? Sie haben Ihre Cousine vor der habgierigen Schlampe aus der Großstadt bewahrt. Erwarten Sie bloß keinen Dank von mir!“
Steven gab Gas. „Das tue ich bestimmt nicht. Aber ich erwarte Ihre faire Mitarbeit.“
Lindens Verwirrung wurde immer größer. „Was soll das jetzt wieder heißen?“ fragte sie irritiert.
„Vielleicht sind Sie in dieser Geschichte wirklich unschuldig. Ich weiß es nicht. Aber Sandra Cochran ist es mit Sicherheit. Sie mag einen verdammt schlechten Geschmack haben, was Männer angeht, aber sie steht mir sehr nah, und ich lasse nicht zu, dass sie verletzt wird. Ich rate Ihnen also, sich nicht in ihre Angelegenheiten zu mischen, sonst werden Sie es mit mir zu tun bekommen. Haben Sie verstanden?“
„Ich bin ja nicht schwerhörig.“ Linden schluckte trocken. Auf keinen Fall wollte sie in Stevens Gegenwart losheulen. Sie fühlte sich elend. Ihr einziger Trost war zu wissen, dass sie diesen brutalen Mann nie wieder sehen würde, sobald dieser Tag vorbei wäre. Sie warf ihm einen Seitenblick zu. Er sah schrecklich selbstzufrieden aus. „Sie genießen dieses Theater, nicht wahr?“
Er nickte, den Blick auf die Fahrbahn gerichtet. „In gewisser Weise ja. Es tut mir gut, wenn ich sehe, dass Sie es mit gleicher Münze zurückbekommen haben.“
Linden wäre am liebsten aus dem fahrenden Auto gesprungen, so zornig war sie. „Was soll denn das schon wieder?“ zischte sie böse.
Steven ließ sich nicht lange bitten. „Wenn Sie es unbedingt hören wollen! Als Sie Greg Hamil kennen lernten, waren Sie gleich hinter seinem Geld her. Sonst wären Sie bestimmt nicht so mir nichts, dir nichts hierher geflogen. Immerhin liegen zweitausend Kilometer zwischen Perth und Derby. Das ist etwas weit für einen unverbindlichen Katzensprung, nicht wahr? Das Apartment ist für einen Monat gemietet. Sie haben also vor, sich hier länger herumzutreiben.“
Linden hatte keine Lust, diesem ungehobelten Mann den wahren Grund ihrer Reise nach Derby zu sagen. Unter anderen Umständen wäre sie nicht so einfach losgeflogen. Sie hätte ihre Ankunft mitgeteilt. Aber sie brauchte Abstand, und ein Besuch bei Greg erschien ihr das Beste in dieser Situation.
„Woher wollen Sie eigentlich wissen, dass Gregs Einladung so unverbindlich war, wie Sie es darstellen?“ fragte sie kühl. Sie hatte das Bedürfnis, diesem arroganten Kerl eine Lektion zu erteilen.
„Ich kenne Greg. Seit sich meine Cousine dummerweise in den Kopf gesetzt hat, dass er der richtige Mann für sie ist, habe ich immer wieder von seinen Seitensprüngen und Abenteuern gehört. Ich wollte mich selbst davon überzeugen und flog nach Perth.“
„Und dabei haben Sie uns gesehen. Sie kamen zu dem Schluss, dass ich eine liederliche Frau bin.“
„Den Gerüchten zufolge, soll Hamil nicht sonderlich wählerisch sein, was seine Seitensprünge betrifft. Ich wollte Sandra vor Kummer bewahren. Aber trotzdem hatte ich keinen schlechten Eindruck von Ihnen.“
„Oh, Sie sprechen in der Vergangenheit. Was hat Ihre Meinung geändert?“
„Ein etwas indiskreter Immobilienmakler, der Greg ein Apartment verkaufte. Greg und seiner Sekretärin, um genau zu sein.“ Stevens Stimme klang verächtlich. „Zufällig kenne ich Hamils Sekretärin. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.“
„Ah, ich verstehe. Sie kombinierten also messerscharf, dass Greg dieses Liebesnest für mich gekauft haben muss. Sie sind wirklich sehr einfallsreich!“
„Es gehörte nicht viel Fantasie dazu, um herauszufinden, was los war. Leugnen Sie auch, dass er Ihnen eine neue, komplette Garderobe gekauft hat? Natürlich nur Designermodelle.“
„Die Kleider waren nicht für mich. Sie waren für seine Schwester bestimmt. Ich habe nur bei der Auswahl geholfen.“
„Wunderbar. Aber Hamil hat keine Schwester. Und mit großer Sicherheit waren sie nicht für Sandra bestimmt.“
Linden zuckte zusammen. War Greg wirklich so charakterlos? Sie wusste keine Antwort darauf. „Wenn Greg also notorisch untreu ist, warum will Sandra ihn dann heiraten?“
Steven presste wütend die Lippen aufeinander. „Sie wissen ja selbst, dass er sehr anziehend und charmant ist. Ich habe Sandy gewarnt, aber sie ist erwachsen und muss ihre eigenen Fehler machen. Mein Ziel ist es, dafür zu sorgen, dass sie wenigstens einen guten Start hat. Sie ist fest davon überzeugt, dass Hamil sich durch die Ehe mit ihr ändern wird.“
Linden sah, dass er verächtlich die Mundwinkel herabzog. „Sie teilen natürlich Sandras Hoffnung nicht.“
„Nein, sicher nicht. Aber Sandy mag heiraten, wen sie will, und ich werde weder Ihnen noch einer anderen Person erlauben, sie daran zu hindern.“
Linden löste den Sicherheitsgurt. „Okay. Wir sind da. Sie können mich an der Haustür absetzen.“
„Ich bringe Sie bis zur Wohnungstür.“
„Das ist nicht nötig. Es ist noch hell, und ich bin ein großes Mädchen.“
Steven ignorierte ihre Bemerkung. Er nahm ihr sogar den Wohnungsschlüssel aus der Hand und öffnete die Tür zum Apartment selbst.
„Möchten Sie hereinkommen?“ fragte Linden ironisch. Sie wusste längst, dass dieser Mann grundsätzlich das tat, was ihm passte, ohne auf Einwände oder Hindernisse zu achten.
„Ein Kaffee wäre nicht schlecht. Während Sie ihn zubereiten, rufe ich den Flughafen an und buche Ihren Rückflug nach Perth.“
Linden blieb unvermittelt stehen. Das war zu viel! Sie wurde rot vor Zorn. „Wird man mich teeren und federn, bevor ich aus der Stadt verbannt werde?“ Ihre Augen blitzten und gaben ihren Worten den erwünschten Nachdruck.
„Nun, nicht gerade teeren. Aber das mit den Federn wäre zu überlegen“, entgegnete Steven schlagfertig.
Linden hätte ihm am liebsten die Kaffeedose entgegengeschleudert. Es kostete sie Mühe, es nicht zu tun. Aber er war der Stärkere. In jeder Hinsicht. Das hatte sie in der kurzen Zeit ihrer Bekanntschaft zu spüren bekommen. Er war immer der Sieger geblieben.
„Vergessen Sie es“, sagte sie schließlich, äußerlich gefasst und ruhig, „ich werde noch nicht abreisen.“
Steven verschränkte die Arme vor der Brust und sah Linden wütend an. „Warum nicht? Sie wissen, dass Greg Hamil verlobt ist. Es gibt keinen Grund für Sie, noch länger hier in Derby zu bleiben.“
Seine Drohung bewirkte nichts. Er wusste noch nicht, wie stur Linden Taylor sein konnte, wenn sie es für angebracht hielt. Auf Verbote hatte sie stets ablehnend reagiert. Zudem hatte sie ihre eigenen Gründe, noch in der Stadt zu bleiben, Gründe, die Steven Dare nichts angingen.
„Ich möchte mir die Gegend ansehen“, erklärte sie von oben herab.
„An welche Plätze haben Sie gedacht?“
„Woher soll ich das wissen? Es gibt hier sicher sehr vieles zu sehen.“
Steven nickte. „Oh ja, aber für ein Partygirl wie Sie dürfte die Umgebung wenig Reiz haben. Dazu gehören andere Voraussetzungen.“
Linden war empört. „Ich habe genug von Ihren Unterstellungen. Hören Sie endlich damit auf. Sie haben kein Recht, mich auf Grund gewisser Beobachtungen zu verurteilen. Ich weise Sie darauf hin, dass jedes Ding zwei Seiten hat. Auch Sie sind nicht unfehlbar!“
Steven betrachtete sie abschätzend. „Ich kann mich auf meine Augen verlassen. Außerdem konnte ich eigene Erfahrungen sammeln. Ihr Benehmen heute Abend war sehr aufschlussreich. Sie haben sich bereitwillig in meine Arme geworfen.“
Das war zu viel! „Was reden Sie da?“ rief Linden empört. „Sie haben mich dazu gezwungen! Es war mir zuwider, von Ihnen festgehalten und geküsst zu werden.“
Er lächelte zynisch, und sie hätte ihm am liebsten eine zweite Ohrfeige verpasst. Aber sie schwor sich, niemals wieder die Beherrschung zu verlieren, auch wenn er sie bis zum Äußersten provozierte.
„Ich habe Sie nicht zwingen müssen“, fuhr Steven fort, „und zuwider war Ihnen der Kuss keineswegs. Im Gegenteil, Sie haben ihn genossen. Es lohnt sich auch gar nicht, darüber zu streiten, denn Ihr Körper hat mir die Wahrheit gezeigt.“
Linden war nicht bereit, irgendetwas zuzugeben. „Ihre Rechthaberei ist unerträglich. Aber diesmal haben Sie sich getäuscht. Und Sie täuschen sich ebenfalls, wenn Sie glauben, dass ich abreise. Sie wissen bereits, dass ich die Wohnung für einen Monat gemietet habe. Ich bleibe, ob es Ihnen passt oder nicht.“
„Sie gingen wohl davon aus, vier Wochen seien lang genug, um Ihr Opfer in die Falle zu locken“, bemerkte Steven mit hochgezogenen Brauen.
Vermutlich spielte er auf Greg an. „Ich habe Urlaub“, verbesserte Linden ihn gespielt ruhig, „und ich brauchte Tapetenwechsel. Aber wenn man Sie hört, dann klingt es so, als ob ich auf Männerfang wäre.“
„Woran Sie natürlich nicht im Traum dachten“, ergänzte Steven sarkastisch.
„Denken Sie, was Sie wollen“, erwiderte Linden zornig. Es hatte sowieso keinen Sinn, gegen seine vorgefasste Meinung anzugehen.
„Vergessen Sie den Kaffee. Ich werde nicht bleiben.“
Linden war überrascht. Ob er sie schließlich doch für unschuldig hielt? Sie verzichtete vorsichtshalber darauf, ihn danach zu fragen. Sie war heilfroh, dass er verschwinden wollte. „Wie Sie wünschen“, sagte sie nur. „Danke fürs Herbringen.“
„Keine Ursache. Ich melde mich wieder.“
„Bemühen Sie sich nicht“, sagte Linden noch, aber er war schon gegangen.
Plötzlich kam ihr die Wohnung sehr verlassen vor. Fast rechnete sie damit, dass Steven zurückkäme. Sie lauschte hinaus in den Flur. Aber es blieb still.
Linden goss sich einen Kaffee ein und setzte sich auf den Balkon. Sie hatte einen weiten Blick über die Bucht und auf die vielen Boote, in denen Fischer im flachen Wasser des King Sound nach Dorschen und Lachsen angelten.
Sie zwang sich, Steven Dare nicht nachzuschauen, wie er ins Auto stieg und davonfuhr. Sie wollte ihn nie wieder sehen. Er hielt sie für eine geldgierige Frau, die sich einen reichen Mann angeln wollte.
Ob Steven es glaubte oder nicht, Tatsache war, dass Greg in Perth den Ehrenmann gespielt hatte. Gut, sie hatte ihm vertraut und an seine Gefühle geglaubt. Mehr hatte sie sich nicht vorzuwerfen. Wie konnte sie ahnen, dass hinter den Blumensträußen und Dinnereinladungen nur der Wunsch nach einem flüchtigen Abenteuer gestanden hatte?
Linden legte erschöpft den Kopf auf die Knie. Es lohnte sich nicht, um Greg zu weinen. Nicht um Greg und nicht um Andrew.
Andrew Edmett war der nette Junge von nebenan gewesen. Linden hatte sich geschmeichelt gefühlt, weil er unbedingt mit ihr hatte ausgehen wollen. Sie hatte seine Bewunderung genossen, bis sie feststellte, wie unzuverlässig er war. Andrew sah in ihr eine gleich gesinnte Seele, die unabhängig und fröhlich in den Tag hinein lebte. Er fand es sehr angenehm, dass sie keine lästige Familie im Hintergrund hatte. Er selbst betrachtete seine Eltern als Fesseln und besuchte sie nie. Aber sie waren sich nicht ähnlich. Linden war ohne Wurzeln, und sie sehnte sich brennend nach einem Zuhause. Sie fand Andrews Lebensphilosophie, nur im Augenblick zu leben, beängstigend. Und sie begriff nicht, warum er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen hatte.
Ihre Beziehung zu Andrew zerbrach an der ersten Hürde. Linden wollte Urlaubspläne für Weihnachten machen. Er war dagegen. „Wer weiß, was bis dahin ist“, meinte er, „wie wir uns fühlen …“ Linden wusste genau, wie sie sich fühlen würde. Heimatlos und ungeborgen wie bisher.
Greg schien ganz anders zu sein. Er strahlte Charakterstärke und Selbstbewusstsein aus. Seine Familie bedeutete ihm viel. Es war ein mächtiger Clan, der im ganzen Land bekannt war. Nach der Enttäuschung mit Andrew war Linden anfällig für Männer, die wie Felsen in der Brandung wirkten. Nichts in seinen Worten oder in seinem Benehmen hatte angedeutet, dass er bereits in festen Händen war.
Aber irgendetwas musste sie doch geahnt haben, denn sonst hätte die Einladung auf die Yacht sie nicht in ein Dilemma gestürzt. Es war mein Selbsterhaltungstrieb, dachte sie. Er hat mich vor dieser Dummheit bewahrt.
Leider schien dieser wunderbare Instinkt versagt zu haben, als sie mit Steven Dare zusammentraf. Es war eine verrückte Idee gewesen, mit ihm die Party zu besuchen, genauso verrückt wie der Plan, Gregs Einladung nach Derby wörtlich zu nehmen und hierher zu fliegen.
Wahrscheinlich wäre es gar nicht zu dieser Reise gekommen, wenn Mrs. Elmira noch gelebt hätte.
Die alte Dame war für Linden mehr als eine Patientin gewesen. Sie war die Großmutter, die sie nie gehabt hatte, mit Strickzeug im Schoß, selbst gemachter Marmelade auf dem Tisch und der Fähigkeit, Geschichten zu erzählen.
Linden hatte alles tun wollen, um Mrs. Elmiras Schlafstörungen erfolgreich zu therapieren, aber dazu war es nicht mehr gekommen. Die alte Dame starb an Herzversagen, und trotz besserem Wissen fühlte Linden sich noch immer schuldig.
Ihr Chef hatte darauf bestanden, dass sie Urlaub machte, damit sie wieder Abstand gewinnen und neue Kräfte sammeln konnte. Linden war bisher niemals lange fort gewesen. Während des Psychologiestudiums und der Arbeit im Schlafzentrum hatte sie nur selten ausgespannt. Es wurde Zeit, dass sie lernte abzuschalten.
Der letzte Anstoß war Gregs überstürzte Heimreise gewesen. Sie hatte daraufhin beschlossen, nach Derby zu fliegen und herauszufinden, was zwischen ihnen schief gelaufen war.
Linden seufzte. Nun, das wusste sie ja jetzt. Steven Dare hatte erreicht, was er wollte. Vielleicht sollte sie wirklich nach Perth zurückfliegen.
Aber dann entschied Linden doch anders. Warum sollte sie Steven Dare den Gefallen tun? Hier gab es viel zu sehen. Die Kimberleyküste war bekannt für ihre Naturschönheit. Sie würde Ausflüge machen und die neuen Eindrücke aufnehmen. Ja, sie würde sich etwas Gutes tun, als eine Art Trostpreis nach der Enttäuschung. Steven Dare hatte kein Recht, sie vorzeitig zu vertreiben. Sie konnte ein schadenfrohes Lächeln nicht unterdrücken, als sie sich vorstellte, wie grimmig er aussehen würde, sollte er entdecken, dass sie noch hier war. Als Pflegekind war Linden oft hin und her geschoben worden, und sie hatte sich anpassen müssen, um zu überleben. Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse waren immer zweitrangig gewesen. Jetzt war sie unabhängig, und ihre Entscheidungen traf sie selbst.
Sie dachte unwillkürlich an Stevens leidenschaftliche Umarmung und an ihre verräterischen Gefühle dabei. Nie zuvor war sie sich ihrer eigenen Weiblichkeit so sehr bewusst gewesen.
Sie schloss die Augen und versuchte, das Bild aus ihren Gedanken zu verbannen, die wohligen Gefühle zu vergessen. Dann öffnete sie die Augen wieder, griff nach einer Mappe mit Reiseprospekten und vertiefte sich in ihr Studium. Aber ganz gelang ihr die Ablenkung doch nicht. Sogar in der Nacht noch spukte Steven durch ihre wirren Träume.
Am nächsten Morgen war alles anders. Linden war plötzlich sicher, dass sie Steven Dare nicht wieder sehen würde. Sie war nichts weiter als eine harmlose Touristin an der Kimberleyküste.
Umso größer war der Schock, als sie vor dem Reisebüro seine unverkennbare Stimme hinter sich vernahm.
„Kann ich davon ausgehen, dass Sie im Begriff sind, einen Rückflug nach Perth zu buchen?“
Linden fuhr erschrocken herum. „Nein, das können Sie nicht. Ich bin eine freie Bürgerin in einem freien Land.“ Stolz hob sie den Kopf.
Mr. Dare quittierte diese Aussage mit einem ironischen Lächeln. „Nichts in diesem Leben ist frei. Alles hat seinen Preis.“
„Was ist Ihr Preis?“ fragte Linden.
Sie fand, dass der Morgen schon unerträglich heiß war, oder war es Stevens Gegenwart, seine körperliche Nähe, die ihre Temperatur steigen ließ?
Plötzlich packte er sie bei den Schultern und wirbelte sie herum. „Jedenfalls wären Sie nicht bereit, ihn zu bezahlen“, antwortete er leidenschaftlich und ließ sie abrupt los.
Linden stolperte über die Schwelle des Reisebüros. Panik erfasste sie. Sie spürte Stevens Berührung wie Feuermale auf ihren Schultern. Wie war es möglich, dass sie so heftig auf ihn reagierte?
„Kann ich Ihnen helfen?“
Linden riss sich zusammen. „Ich … ich möchte eine Rundreise buchen“, sagte sie stockend und ärgerte sich über ihre Schwäche. „Ich dachte an die Segeltour zu der Winjana-Insel … mit Übernachtung …“
„Oh, aber diese Tour ist nicht mehr …“
„Nicht mehr so oft auf dem Fahrplan wie früher.“
Die Frau hinter der Theke blickte überrascht auf. Dann lächelte sie, als sich Steven neben Linden stellte.
„Morgen geht die vorerst letzte Fahrt dorthin, nicht wahr, Helen?“ Steven wandte sich jetzt direkt an die Reiseberaterin.
„Moment, ich sehe eben mal nach.“ Die Frau namens Helen schien etwas irritiert. Offensichtlich schaffte es dieser Mann, alle Frauen aus dem Konzept zu bringen. Zum Glück fand sie äußerlich zu ihrer coolen Haltung zurück.
„Kann ich die Fahrt gleich buchen?“ Linden registrierte die Blicke, die Helen und Steven wechselten. Ob Helen eine alte Flamme von ihm war … oder seine derzeitige?
„Ja, natürlich.“ Helen füllte Formulare aus, und Linden bezahlte. Die ganze Prozedur schien kein Ende zu nehmen, weil Steven darauf bestand, alles zu überwachen. Warum war er plötzlich so hilfsbereit? Genervt wandte Linden sich um.
„Wollten Sie irgendetwas von mir?“
„Sie haben es mir gerade gegeben“, antwortete Steven ohne Umschweife.
Linden fröstelte trotz der Wärme. War er froh, dass sie die Stadt für zwei Tage verließ? „Ich habe die Absicht, nach der Tour zurückzukommen“, erklärte sie. „Es ist also noch etwas verfrüht, meine Abreise zu feiern.“
Glücklicherweise verwickelte Helen Steven in eine Unterhaltung, so dass sie ungestört das Reisebüro verlassen konnte. Ihre Gefühle waren gemischt. Die Freude an der kleinen Kreuzfahrt war ihr merkwürdigerweise etwas vergangen. Lag es daran, dass sie Steven damit einen Wunsch erfüllt hatte?
Am nächsten Morgen fühlte Linden sich wieder wohlauf. Sie freute sich auf die Fahrt durch den Buccaneer-Archipel mit den vielen kleinen Inseln, von denen die meisten unbewohnt waren. Sie zu erkunden versprach romantisch und aufregend zu werden.
Linden wurde immer aufgeregter, je näher sie dem Hafen kamen. Bestimmt würde sie unvergessliche Erinnerungen mit nach Hause nehmen.
Sie hatte sich entschlossen, ihre Aufzeichnungen für ein geplantes Buch über Schlaftherapie mitzunehmen. Greg hatte seinerzeit Interesse an der Veröffentlichung gezeigt. Natürlich konnte sie dieses Angebot in den Sand schreiben. Aber es gab ja noch andere Verleger auf der Welt.
Linden entdeckte die weiße Yacht sofort. Sie ankerte am Ende eines langen hölzernen Landungsstegs. Ein wettergegerbter alter Seemann arbeitete an Bord. Er sah auf, als sie näher kam. „Sie haben für die Kreuzfahrt gebucht?“ fragte er.
„Ja. Und Sie müssen Käpt’n Bill sein. Ich habe den ganzen Prospekt durchgelesen.“ Sie hielt ihm das Ticket vor die Nase, aber er sah kaum hin, sondern nahm ihre Reisetasche und hievte sie an Bord. Dann streckte er seine Hand aus und zog Linden nach.
Sie sah sich aufgeregt um. „Wie viele Passagiere gibt es?“
Bill zeigte in Richtung Kajütentür. „Sie sind die Letzte. Setzen Sie sich auf die Bank. Es kann losgehen.“
Man hat also schon auf mich gewartet, dachte Linden und setzte sich. Interessiert sah sie zu, wie Bill mit dem Seil hantierte und es vom Anlegepfosten löste. Schon war da ein Meter Abstand zwischen dem Schiff und dem Steg. Bill reckte sich auf zu seiner vollen Höhe und winkte ihr zu.
„Kommen Sie denn nicht mit?“ rief Linden erstaunt und etwas beunruhigt.
„Nein, er kommt nicht mit. Es gibt nur zwei Leute an Bord. Sie und mich.“
Linden wurde blass vor Schreck. Sie wirbelte herum und blickte direkt in Stevens Gesicht mit den harten Zügen. Instinktiv rannte sie an die Reling, aber die Anlegebrücke war schon zu weit entfernt. „Das können Sie nicht machen!“
„Was meinen Sie?“ fragte er mit unverhohlenem Spott. „Ich kann Sie nicht mit auf eine Kreuzfahrt nehmen, die Sie gebucht und bezahlt haben?“
„Aber nicht mit Ihnen. Jetzt verstehe ich, was Helen gestern erklären wollte. Sie war im Begriff, mir zu sagen, dass diese Kreuzfahrt nicht länger stattfindet! Warum haben Sie mich in dem Glauben gelassen, sie finde doch noch statt?“
„Weil ich Sie im Auge behalten wollte. Käpt’n Bill war so nett und hat die kleine Komödie mitgespielt. Er tat mir gern den Gefallen, eine gute Freundin zu überraschen!“
Linden spürte die aufkommende Panik. Sie überlegte sogar, ob sie einfach ins Wasser springen und zurückschwimmen sollte. Aber Steven schien ihre Gedanken erraten zu haben, denn er verstellte ihr den Weg zur Reling.
„Sie können mich nicht gegen meinen Willen an Bord festhalten. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?“
Wütend trat sie gegen sein Schienbein und verlor dabei das Gleichgewicht. Prompt landete sie in Stevens ausgebreiteten Armen, die er sofort um sie schloss.
Sie konnte kaum atmen und rang nach Luft. Die widersprüchlichsten Gefühle kämpften in ihr. „Das ist eine Entführung. Damit kommen Sie nicht durch!“ Ihre Stimme überschlug sich vor Empörung.
Steven maß mit einem Blick die Entfernung zum Ufer. „Es sieht ganz so aus, als hätte ich es schon geschafft.“
Steven drehte sich um und begab sich ohne Eile zurück ans Steuerdeck. Er kontrollierte die Voreinstellungen, nahm hier und da kleinere Korrekturen vor und schien ganz in dieser Tätigkeit aufzugehen.
Linden hätte vor Zorn und Frust schreien und toben können. Aber was hätte das genutzt? Niemand konnte sie hören. Es gab nur Wind, Wasser, kreischende Möwen und manchmal einen Delfin, der hochsprang und im schäumenden Kielwasser der Yacht wieder verschwand.
Schließlich hielt Linden es nicht mehr aus. Sie stellte sich neben Steven, damit er sie besser verstehen konnte. „Ich verlange, dass Sie mich sofort zurückbringen“, schrie sie gegen den Wind.
Steven blieb unbeeindruckt. „Sie haben gar nichts zu verlangen“, erwiderte er ruhig. „Zudem hat der alte Bill mit eigenen Augen gesehen, dass Sie freiwillig an Bord gekommen sind. Wer wird Ihnen die Geschichte der angeblichen Entführung abnehmen?“
Er hatte Recht. Linden presste die Lippen aufeinander. Meine Güte, in was war sie da nur hineingeraten? Sie musste es anders versuchen. „Sie haben mir noch nicht gesagt, wohin die Reise geht“, sagte sie so ruhig wie möglich. War sie erst wieder an Land, dann würde sie alles tun, um diesem schrecklichen Mann zu entkommen.
„Sie kennen die Route“, antwortete er grimmig. „Schließlich haben Sie doch Bills Tour gebucht.“
Linden schluckte. „Ja … sicher. Im Prospekt steht, dass auf einer kleinen Insel namens Winjana übernachtet wird. Dann soll es weiter durch den Buccaneer-Archipel gehen. Hat das eine Bedeutung?“
„Vermutlich nicht für Sie, aber für Sandra, wenn sie es herausfände.“
„Sandra? Was hat sie damit zu tun?“
Steven drehte an den Knöpfen der Steuerarmatur und stellte den Motor ab. Plötzlich war es ungewohnt still an Bord. Die Yacht schwankte, und Linden wäre um ein Haar gestürzt, hätte Steven sie nicht fest am Oberarm gepackt. „Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie nicht wüssten, wem der größte Teil der Insel gehört?“ fragte er lauernd.
Linden versuchte, seinen schmerzhaften Griff zu lockern. Steven war ihr sehr nah, und einen verrückten Moment lang dachte sie, er würde sie küssen. Stattdessen schüttelte er sie brutal. „Nun? Antworten Sie!“
„Nein, ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass Sie mich aufklären.“
„Mit Vergnügen, obgleich es keine Überraschung ist. Denn Sie hatten ja nichts Eiligeres zu tun, als auf diese Insel zu gelangen, nicht wahr? Greg Hamil ist der Eigentümer. Ihm gehört das meiste Land dort.“
Es war eine Überraschung, und Linden musste sehr erstaunt ausgesehen haben, denn etwas in Stevens entschlossener Miene änderte sich. Natürlich hatte sie keine Ahnung gehabt, dass die Winjana-Insel den Hamils gehörte. Sonst hätte sie diese Tour nicht gebucht.
„Die Übernachtung auf dieser Insel ist in der Kreuzfahrt inbegriffen. Man kann also annehmen, dass Besucher dort willkommen sind.“ Linden bemühte sich um Sachlichkeit.
Steven schüttelte den Kopf. „Nicht mehr. Diese Fahrten wurden gestrichen, als Bill in den Ruhestand ging. Wir haben mit Rücksicht auf ihn gewartet, sonst hätten wir schon früher damit Schluss gemacht.“
Linden zog die Brauen hoch. „Wir? Ich denke, die Insel gehört Greg?“
„Nicht ganz. Er besitzt den größten Teil. Der zweite Eigentümer bin ich. Ich muss Ihnen sogar noch eine weitere Enttäuschung bereiten. Hamil pflegt die Insel kaum zu betreten. Ich kümmere mich hier um alles.“
Linden fühlte sich plötzlich wie in einem Traum. Alles kam ihr unwirklich vor. Das konnte doch nicht wahr sein. Sie holte mühsam Luft. „Aber es leben sicher noch mehr Menschen auf der Insel, oder?“
„Ein paar. Sie arbeiten für mich.“
Linden begriff. Sie konnte also nicht mit Hilfe rechnen, sobald sie an Land war. Außerdem würde niemand glauben, dass sie gegen ihren Willen festgehalten wurde. Steven Dare hatte an alles gedacht. Bill war Augenzeuge und konnte bestätigen, dass niemand gegen sie Gewalt angewendet hatte. „Wie lange beabsichtigen Sie mich dort festzuhalten?“ fragte sie gespielt ruhig.
„Bis zur Hochzeit.“
„Hochzeit?“ Sie fühlte sich plötzlich schwindelig.
„Greg und Sandras Hochzeit.“
„Ach so, ich dachte schon …“
„Sie dachten an unsere Hochzeit, nicht wahr?“ Steven betrachtete sie eindringlich. „Soll das ein Alternativvorschlag sein?“
Linden hob stolz den Kopf und begegnete seinem zynischen Lächeln mit kalter Abneigung. „Es könnte eine Alternative sein, wenn ich zwischen Ihnen und einem heißen Ölbad wählen müsste!“
Er fuhr mit dem Zeigefinger über ihr Kinn, und sie erschauerte. „Ich kenne Mittel und Wege, mit denen sich Ihre Einstellung ändern lässt“, versprach er.
Sie wandte sich ab, um nicht in seine Augen sehen zu müssen. „Ist das der einzige Weg für Sie, eine Frau ins Bett zu bekommen, indem Sie sie entführen?“
„Oh nein. Gewöhnlich bevorzuge ich raffiniertere Methoden, wie diese, zum Beispiel.“
Er zog sie in die Arme. Linden versteifte sich und versuchte sich abzuwenden – vergeblich. Sie war nicht nur gegen seine körperliche Überlegenheit machtlos, sondern auch überwältigt von seiner erotischen Ausstrahlung. Als er seine Lippen auf ihre presste, vergaß sie alles um sie herum. Dabei wollte sie wirklich nicht, dass er sie küsste …
Sie spürte seine Leidenschaft, die wie ein Feuer auf sie überging und jeden Widerstand zunichte machte. Unwillkürlich hatte sie ihm die Arme um den Nacken gelegt, und ihre Fingernägel gruben sich in seine Schultern, während sein Kuss ihr den Atem raubte. Mit geschlossenen Augen überließ sie sich den heftigen Gefühlen, die sie durchströmten. Und dennoch versuchte sie, nicht in dieser Flut zu ertrinken, sondern stark zu sein. Aber sie gab auf, weil es sinnlos war. Er wusste genau, wie er sie demütigen konnte, indem er ihre Schwäche ausnutzte und sie willenlos machte. Sie konnte nur noch auf seine Küsse reagieren, und sie tat es …
Als er sie endlich losließ, zitterte sie. Ihre Lippen waren von seinen Küssen leicht geschwollen, und ihr Blick war verschleiert von dem Verlangen, das er in ihr geweckt hatte. „Ich hasse Sie“, brachte sie mühsam hervor.
Seine Augen leuchteten. „Sie haben eine ungewöhnliche Art, Ihren Hass zu zeigen. Daran könnte ich mich gewöhnen.“
„Zum Teufel mit Ihnen!“ Linden sah sich suchend nach einem Gegenstand um, den sie ihm an den Kopf werfen konnte. Sie fand nichts. Er war auch schon längst wieder am Steuerbord und ließ den Motor an. Außer sich vor Wut, beobachtete sie, wie er mit den Hebeln und Knöpfen hantierte, so ruhig und konzentriert, als hätte er nie etwas anderes getan. Sie dagegen … Immer noch spürte sie seine heißen Küsse auf ihren Lippen, und in Gedanken spann sie die Fäden weiter, bis sie sich zitternd an der Reling festklammerte. Endlich überwog der Zorn, der ihr die Kraft gab, die quälenden Fantasien auszuschalten.
Sie war erleichtert, als sie am Horizont Land erblickte. Neugierig spähte sie hinüber. Weißer Sandstrand umsäumte die grüne Insel wie ein Band. Schon bald legten sie an, und Steven hievte ein paar Kartons auf den Landungssteg, gefolgt von Lindens kleiner Reisetasche. Schließlich reichte er ihr die Hand und zog sie von Bord.
Linden war sicher, dass sie auf der Insel jemand auftreiben würde, der sie mit dem Boot zurückbrachte. Und wenn nicht … es gab bestimmt eine Telefonverbindung zum Festland. Sie würde den passenden Augenblick abwarten und telefonisch ein Boot ordern. Sie hatte nur einen Wunsch: Dieses absurde Theater musste so rasch wie möglich beendet werden. Natürlich durfte Steven nichts merken.
„Sie sagten, ein Teil der Insel gehöre Ihnen“, begann sie harmlos eine Unterhaltung. „Wie sind Sie dazu gekommen?“
„Ich habe beim Pokern gewonnen.“
Natürlich glaubte Linden ihm kein Wort. „Nein, antworten Sie ehrlich. Gehörte der Besitz Ihrer Familie?“
Er verzog das Gesicht. „Meine Familie besaß gar nichts. Mein Vater war ein notorischer Goldsucher, und meine Mutter pflegte ihn zu begleiten, mit mir im Schlepptau. Ich war schon halbwüchsig, als die beiden das Haus meiner Großeltern in Derby erbten und endlich sesshaft wurden. Damals kam Sandra zu uns. Ein paar Jahre führten wir ein ziemlich normales Familienleben, bis meine Eltern bei einer Überschwemmung ums Leben kamen.“
„Das tut mir Leid“, sagte Linden spontan.
„Ach!“ wehrte Steven unwillig ab.
„Doch, wirklich. Ich meine es ernst“, versicherte sie. „Ich war ein Pflegekind, als ich klein war. Ich weiß, was es heißt, entwurzelt zu sein.“
Er machte ein verächtliches Gesicht. „Kommen Sie mir bloß nicht auf die Mitleidstour“, sagte er scharf. „Das zieht bei mir nicht. Ihre Eltern sind Lee und David Taylor aus Fremantle. Ich habe mich nach der Party etwas kundig gemacht.“
„Wie bitte? Haben Sie denn überhaupt keine Skrupel? Einfach im Privatleben fremder Menschen herumzuschnüffeln!“
„Skrupel helfen mir nicht weiter“, erklärte Steven gelassen.
„Nun, wenn Sie sich gründlicher informiert hätten, dann wüssten Sie, dass die Taylors die Leute waren, die mich aus dem Kinderheim holten, als ich dreizehn war. Sie schickten mich auf eine gute Schule und ließen mich studieren. Aus Dankbarkeit meinen Pflegeeltern gegenüber habe ich ihren Familiennamen angenommen.“
Steven schien unbeeindruckt. Er hielt es offensichtlich auch nicht für nötig, sich zu entschuldigen. „Was geschah mit Ihren leiblichen Eltern?“
„Meine Mutter war nicht gesund. Sie konnte mich nicht versorgen. Ich kam in ein Heim, als ich sechs Jahre alt war. Meinen Vater habe ich nicht gekannt.“ Linden gab wieder, was man ihr gesagt hatte, als sie anfing, sich für ihre Herkunft zu interessieren.
„Haben Sie jemals versucht, Ihre Mutter ausfindig zu machen?“
„Natürlich. Aber sie starb vor vielen Jahren. Meine Familie sind die Taylors.“
„Jetzt verstehe ich, warum Sie Greg so anziehend fanden.“
Das war ungerecht, denn die Taylors liebten sie wie ein eigenes Kind. Sie waren die besten Eltern, die Linden sich vorstellen konnte. „Sie geben wohl nie auf, wie?“ fragte sie.
Steven lachte laut. „Nein, und das sollten Sie niemals vergessen.“ Er nahm die Gepäckstücke und machte sich auf den Weg zu einem Haus, das dem Stil der Kolonialzeit nachempfunden war. Linden blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
Das Haus hatte zum Meer hin eine überdachte Veranda. Es war luftig und leicht gebaut mit Sonnenblenden, die die frische Brise vom Meer durchließen und das subtropische Inselklima erträglicher machten. Es leuchtete weiß durch das Dschungelgrün, und Linden war angenehm überrascht.
„Das haben Sie wirklich beim Pokerspiel gewonnen?“ fragte sie ungläubig.
„Ja. Es gab eine Auktion und eine Pattsituation. Also spielten wir um das Vorrecht des letzten Gebots.“
„Der Gegenspieler war Greg Hamil, nicht wahr?“
„Das Haus und die Umgebung sind das Einzige, das nicht den Hamils gehört“, sagte Steven.
„Ich nehme an, dass Greg ziemlich sauer war, als Sie gewannen“, bemerkte Linden.
„Ich sollte wissen, wo Ihre Sympathien liegen, aber Sie täuschen sich. Was immer Sie auch denken, für das Land bin ich der bessere Hüter.“
Sympathie und Mitgefühl waren das Letzte, was Linden für Greg empfand. Fast freute sie sich, dass er wenigstens hier einmal verloren hatte. „Wo sind die anderen Häuser?“ wollte sie wissen.
Er zeigte auf einen Pfad, der in den Busch führte. „Die Besitzungen der Hamils befinden sich am anderen Ende von Crescent Beach. Aber machen Sie sich keine falschen Hoffnungen. Im Augenblick ist dort niemand.“
„Sicher gibt es doch sonst irgendwelche Leute hier.“ Lindens Stimme klang ängstlich und besorgt.
„In der Mitte der Insel wohnen Chloe, Ernest und ihr Sohn Terry. Sie kümmern sich um alles, wenn ich nicht da bin.“
