Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der gebürtige Grazer Alois Hudal wurde 1908 zum Priester geweiht und in Graz ebenso wie in Rom zum Dr. theol. promoviert; in letzterer Stadt erlangte er zusätzlich die Habilitation. Ab 1923 war er Leiter des deutschen geistlichen "Außenpostens" in Rom, des Priesterkollegiums "Santa Maria dell'Anima", und stand dem damaligen päpstlichen Nuntius für Deutschland nahe, der 1939 selbst zum Papst gewählt wurde. 1933 empfing er die Bischofsweihe. Hudal geriet nach dem Zweiten Weltkrieg als "Fluchthelfer" mutmaßlicher nationalsozialistischer Kriegsverbrecher in die Kritik, die bis zu seinem Tod 1963 und darüber hinaus nicht verstummen sollte. Seine Bemühungen als Brückenbauer zwischen der Kirche und dem Deutschen Reich gerieten darüber in Vergessenheit, ebenso wie seine frühe Auseinandersetzung mit innerkirchlichen Problemen, welche sich schließlich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) verheerend auswirken sollten. Hudals Lebenserinnerungen, erstmals 1976 veröffentlicht und seit Jahrzehnten vergriffen, liegen nun erstmals in einer erweiterten Auflage mit neuem Vorwort und einem ausführlichen biografischen Anhang wieder vor – ein Buch von höchster zeitgeschichtlicher Brisanz.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 520
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Alois C. Hudal
Lebensbeichteeines alten Bischofs
Umschlaggestaltung: Ecotext-Verlag, Mag. G. Schneeweiß-Arnoldstein, 1010 Wien Umschlagabb. Vorderseite: Päpstliches Institut Santa Maria dell’Anima Bildnachweis Innenteil: Archiv des Verlags
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweisen Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art, sind vorbehalten.
Auf Wunsch senden wir Ihnen gerne kostenlos unser Verlagsverzeichnis zu:
Ares Verlag GmbH
Hofgasse 5 / Postfach 189
A-8011 Graz
Tel.: +43 (0)316/82 16 36
Fax: +43 (0)316/83 56 12
E-Mail: [email protected]
Weiter Informationen finden Sie im Internet unter:
www.ares-verlag.com
ISBN 978-3-99081-001-9
eISBN 978-3-99081-058-3
© Copyright by ARES Verlag, 2., erw. Auflage, Graz 2018
Vorwort des Verlages
Vorwort zur Neuausgabe
Zum Geleite
Römische Tagebücher
1. Vorwort
2. Nach Rom (Erste Eindrücke)
3. Der Kampf um die Deutsche Nationalstiftung der Anima – eine gesamtdeutsche Frage
4. Das österreichische und das reichsdeutsche Konkordat
5. Ordens- und Weltgeistlichkeit
6. Habent fata sua libelli (Die Grundlagen des Nationalsozialismus, Wien 1936), Verlag Günther
7. Arme Brüder
8. Rom im Zweiten Weltkrieg
9. Kirchenpolitische Befriedungsversuche im Dritten Reich 1938, 1942
10. Menschliche Irrwege oder Zukunftsträume?
11. Abschied von Rom
Nachwort des Verfassers
Fred Duswald: Gerechtigkeit für Bischof Hudal
Die Herausgabe der „Römischen Tagebücher“, der Lebenserinnerungen von Bischof Alois C. Hudal, ehemals Rektor an der deutschen Anima zu Rom, ist die Erfüllung eines Vermächtnisses, das der Leopold Stocker Verlag mit einem am 26.August 1955 mit dem Autor geschlossenen Verlagsvertrag übernommen hat. Zu den wesentlichsten Vertragsbestimmungen gehört, daß diese Lebenserinnerungen erst posthum veröffentlicht werden dürfen und die anfallenden Autorenhonorare an eine zu gründende „Bischof Alois C. Hudal-Stiftung“ zu überantworten sind. Durch eine testamentarische Verfügung wird es dieser Stiftung obliegen, bedürftige Grazer Hochschüler durch Stipendiengewährung wirtschaftlich zu unterstützen.
Bischof Hudal verstarb im Jahre 1963 während der Tagung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962—1965), in dem die bedeutendsten Probleme, die in unserem Jahrhundert den christlichen Kirchen gestellt wurden, zur Diskussion standen, Probleme, denen auch Abschnitte dieser Lebenserinnerungen gewidmet sind. Diese Umstände und nicht minder die zur Zeit des Todes Bischof Hudais noch vorherrschende politische Beurteilung der jüngsten geschichtlichen Vergangenheit waren es, die den Verlag veranlaßten, aus besonderer persönlicher Verantwortung dem Autor und den staatspolitischen Gegebenheiten gegenüber von einer Veröffentlichung des Manuskriptes vorerst Abstand zu nehmen. So wurde ein Zeitpunkt abgewartet, zu dem die Gedanken und Erinnerungen des Verfassers in zeitlich ausreichendem Abstand bereits der Geschichte zuzuzählen sind.
Wenngleich der Autor an der selbst übernommenen Aufgabe gescheitert ist, innerlich verbittert und zutiefst enttäuscht resignieren mußte, sind seine Tagebücher aber für die historische Wissenschaft und Forschung als einzigartige Dokumente zu werten, Dokumente, die die zeitgeschichtlichen Abläufe einer ohne Zweifel historisch wie auch kirchen- und staatspolitisch besonders interessanten Epoche aus der Sicht einer großen Persönlichkeit beurkunden, deren Wirken und Wollen aus lautersten und hohen ideellen Motiven veranlaßt waren.
Als von sehr wesentlicher Bedeutung soll gewertet werden — wie immer man als Leser auch zu den Ansichten und Überzeugungen des Verfassers stehen möge —, daß der Autor sich sehr bewußt mit den politischen Phänomenen seiner Zeit auseinanderzusetzen bemüht hat. Unter Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit strebt er mit ehrlichem Willen einen Ausgleich zwischen politischer und religiöser Weltanschauung, zwischen Staat und Kirche während der Zeit des Dritten Reiches an. Aus dieser Sicht sollten daher auch nach Auffassung des Verlages Gedanken und Worte Bischof Hudals und seine Stellungnahme für einen Sozialismus christlicher Prägung auf nationaler Grundlage als seiner Meinung nach einzige wirkungsmögliche Gegenkraft zum Bolschewismus beurteilt werden.
Dem Autor war es nicht vergönnt, die mehrfach angesetzte letzte Überarbeitung seiner Lebenserinnerungen, die er mit seinen Tagebüchern als Grundlage verfaßte, abzuschließen. Damit sind geringfügige Ungenauigkeiten in Zeitangaben und gelegentliche Lücken bzw. Wiederholungen begründet, zumal seine ersten Überarbeitungen in verschiedenen Jahren und auch nur teil- bzw. abschnittsweise durchgeführt worden waren. Auch Unterschiede in Schreibstil sind hierdurch gegeben. Da sich der Verlag besonders gebunden fühlt, den dokumentarischen Wert der Tagebücher vollkommen unverfälscht und uneingeschränkt zu bewahren, wurde von den vertraglich vorgesehenen Ermächtigungen stilistischer Korrekturen und Überarbeitungen bewußt kein Gebrauch gemacht. Das Manuskript wurde weder gestrafft noch wurden Wiederholungen eliminiert, sondern lediglich unbedeutende Korrekturen grammatikalischer Art, die ganz offensichtlich durch die Übertragung in Maschinschrift entstanden waren, angebracht. Zur Erleichterung und zum besseren Verständnis für den Leser wurden die im Originalmanuskript in italienischer und lateinischer Sprache ausgedrückten Anmerkungen zusätzlich und ergänzend in deutscher Übersetzung vermerkt, soweit dies nicht vom Verfasser selbst erfolgte.
Die von Bischof Hudal im Manuskript seiner Lebenserinnerungen gewählte Form der Abkürzung sowohl für den rein weltanschaulich verwendeten Begriff des „Nationalen Sozialismus“ wie auch für den „Nationalsozialismus“ wurde in der von ihm gepflogenen Schreibweise „NS“ bewußt beibehalten. Der Verlag glaubt, mit dieser Vorgangsweise dem Werk als historischem Dokument am augenscheinlichsten und besten dienen zu können.
Möge diesem Buch in seiner tiefen Ernsthaftigkeit auch die richtige Beurteilung zuteil und so verstanden werden, wie dies in dem Geleitwort des Nachfolgers von Bischof Hudal als Rektor der deutschen Anima zu Rom, Weihbischof Jac. Weinbacher, ganz besonders zum Ausdruck kommt.
September 1976
LEOPOLD STOCKER VERLAG
25 Jahre waren die „Römischen Tagebücher“ von Bischof Alois C. Hudal vergriffen, doch das Interesse an seiner Person und seinem Wirken ist nach wie vor ungebrochen. Nur selten kamen einzelne Exemplare des Buches antiquarisch auf den Markt und erzielten Höchstpreise.
Aus diesem Grund haben wir uns dazu entschlossen, diese „Lebensbeichte eines alten Bischofs“ neu im „Print-on-Demand“-Verfahren herauszubringen. Die Ausgabe wird vom Ares Verlag veranstaltet, der seit dem Jahr 2005 das politisch-historische Programm des Leopold Stocker Verlages weiterführt. Heute wird Bischof Hudal wieder positiver beurteilt als noch zu Lebzeiten. Unter anderem, weil allgemein bekannt ist, dass seine theologisch-philosophische Analyse „Die Grundlagen des Nationalsozialismus“ von den Behörden des Dritten Reiches verboten wurde (und in Österreich nach dem „Anschluss“ beschlagnahmt wurde), da Bischof Hudal in diesem Werk deutlich machte, dass die biologistischen Elemente der NS-Ideologie (die zu Antisemitismus und Rassismus führten) von der Katholischen Kirche keinesfalls toleriert werden könnten, sondern nur ein von diesen geistigen Strömungen gereinigter NS aus christlicher Sicht annehmbar sei.
Auch hat der neuseeländische General John Burns in seinen Memoiren geschildert, wie Bischof Hudal ihm und seinen aus einem Kriegsgefangenenlager geflohenen Kameraden in Rom Unterschlupf gewährte und ihnen so das Leben rettete. Sogar dem katholischen Informationsdienst „Kathpress“ war das 2002 erschienene Buch einen Bericht wert. Bischof Hudal und seine Bemühungen um Fluchthilfe nach 1945 erschienen nun in einem neuen Licht, schrieb „Kathpress“ in Übereinstimmung mit dem Vorsitzenden der päpstlichen Geschichtskommission, Walter Brandmüller.
Die im Ares Verlag erscheinende Quartalsschrift „Neue Ordnung“, begründet von Ernst Graf Strachwitz, hat Bischof Hudal und den Erinnerungen von General Burns einen Beitrag gewidmet, der am Ende des Buches wiedergegeben wird.
Graz, im Jänner 2018
Mag. Wolfgang Dvorak-Stocker
Der Autor des Buches, Bischof Dr. Alois Hudal, selbst hat zu seinen Erinnerungen — schon zu seinen Lebzeiten nannte er sie seine Memoiren — ein Vorwort verfaßt, das aus bekümmertem Herzen geschrieben die Gründe angibt, warum er diese persönlichen Erinnerungen der Öffentlichkeit übergeben will: das ehrliche, leider im letzten nicht immer erfolgreiche Sich-Abmühen um hochgespannte Ideale.
Wenn ich nun dem Werk auch ein Geleitwort mitgeben soll, so willfahre ich der Bitte des Herausgebers, weil ich mit Bischof Hudal doch viele Beziehungen hatte, besonders an dem Ort seines Wirkens in Rom, wo ich auch 1952 sein unmittelbarer Nachfolger wurde. Schon 1929 begegnete ich dem Rektor der Anima. Als Begleiter von Kardinal Piffl hatte ich bei Gelegenheit des österreichischen Pilgerzuges, der zum goldenen Priesterjubiläum Pius’ XI. nach Rom gekommen war, damals zum ersten Mal die Ewige Stadt betreten. Kardinal Piffl eröffnete mir, daß ich ein Jahr später zum Studium des Kirchenrechtes nach Rom kommen sollte. Tatsächlich habe ich dann zwei Studienjahre unter Hudal in der Anima verbracht und blieb mit meinem Rektor all die Jahre verbunden, in denen ich die Romreisen von Kardinal Innitzer mitmachte, bis ich 1952 der Nachfolger des aus dem Amte geschiedenen Bischofs wurde. Am 6. August traf ich in seinem Haus in Grottaferrata einen seelisch erschütterten Menschen. Es ist mir gelungen, den Anschluß an seine nahezu dreißigjährige Tätigkeit zu finden. Daraus ergab sich ein enger Kontakt mit meinem Vorgänger alle die neun Jahre meines Rektorates.
So möchte ich die Leser dieser Erinnerungen bitten, die Erinnerungen eines Mannes gut aufzunehmen, so wie er es gut gemeint hatte.
Was seine Feuerseele an Bewunderung und auch an Tadel bringt, ist nicht immer auf die Goldwaage zu legen, aber das Wertvolle dieser Lektüre liegt darin, daß ein Mensch aus unmittelbarer Erfahrung spricht. Manchmal überschwenglich, manchmal kritisch schildert er unbewußt das Milieu, in dem er jahrzehntelang stand.
So manches hat er bei meinen Besuchen in Villino Pace erzählt und immer hinzugefügt: „Das werden Sie in meinen Memoiren lesen.“
In manchen Dingen ist er seiner Zeit voraus mit seinen Reformvorschlägen, so zum Beispiel in dem, was er über das Diakonat schreibt, die Behandlung der „Armen Brüder“.
Was ihn bewegte, hat er sich von der Seele geschrieben. Und so soll es auch verstanden werden.
Wien, 16. Februar 1970
† Jac. Weinbacher
Weihbischof
Römische Tagebücher
Ungezählte Bücher sind über Rom geschrieben worden. Gelehrte, Politiker, Künstler und Religionsphilosophen haben alle in ihrer Art Rom mit leidenschaftlicher Liebe oder mit der Ablehnung des „affectus antiromanus1)“ betrachtet. Keine Stadt der Erde kann sich rühmen, daß eine umfassende Bibliothek von Büchern ihr geistiges Schicksal begleitet, das durch das Christentum zum weltanschaulichen Ideal von Millionen Menschen aller Kontinente geworden ist. Von Zola zu Veuillot, von Mommsen, der im römischen Christentum das zersetzende Element großer Staaten sah, um selbst ein religiös imperialistischer Machtfaktor zu werden, von Gregorovius, der alles Unheil nationaler Zerrissenheit im mittelalterlichen Italien und noch mehr in der deutschen Kaiserzeit nur der Vatikanpolitik zuschrieb, ohne dasselbe auch aus dem Relativismus aller menschlichen Entwicklungen zu erklären, bis zu Joseph Bernhart, der im Vatikan geradezu den „Thron der Welt“ erblicken wollte („hart, eigengesetzlich wie die Natur, erbarmungslos Einzelschicksale für das Heil des Ganzen opfernd“) haben sich Menschen verschiedenster Geistesrichtung bald an das weltliche, bald an das christliche Antlitz der Ewigen Stadt herangewagt. Niemand hat je die Seele Roms ausgeschöpft, niemand Mythos, Legende und geschichtliche Wirklichkeit dieser eigenartigen Stadt in ihren letzten Tiefen ergründet. Alle erlebten eine Art Geheimnis. Noch immer die Metropole eines längst versunkenen weltlichen Imperium Romanum, die entthronte Königin einer einst so stolzen Kultursendung Europas, und andererseits noch immer ein religiöser Leuchtturm, die letzte Zufluchtstätte der Humanität und des Naturrechtes, so unklar auch manche seiner Forderungen sein mögen, der Mittelpunkt eines christlichen Universalideals, einer in politischer Schau adeligen und bürgerlichen Weltbetrachtung. Nichts nimmt, so mannigfach die Urteile von Ausländern und Italienern besonders über das kirchliche Rom im Laufe der Jahrhunderte auch gewesen sind, dieser Stadt, die sich immer wieder aus allen politischen Wechselfällen des Unglückes wundervoll erhoben hat, den Ruhm, noch immer Sinn, Ausdruck und Mittelpunkt der europäisch-lateinischen Kultur und damit die einzige und wahre Metropole des sogenannten Abendlandes zu sein. Mit dem Fall Roms würde deshalb Europa aufhören, dieser Kontinent zu sein.
Das vorliegende Buch, das aus meinen römischen Tagebüchern in den langen Jahren meiner Tätigkeit als Rektor der deutschen Nationalstiftung der Anima niedergeschrieben wurde, hat nicht den Zweck, die Romliteratur um ein Geschichtswerk zu vermehren. Es sind nur schlichte Erinnerungen eines fast dreißigjährigen Aufenthaltes in der Ewigen Stadt, besonders in der kirchenpolitisch bewegten Zeit zwischen zwei Weltkriegen. In gewisser Hinsicht sind es Konfessionsbekenntnisse eines deutschen Bischofs mit Freuden und Leiden, Glück und Mißerfolgen. Keine eitle Selbstverteidigung wie manche Memoirenliteratur der Nachkriegszeit. Auch nicht eine „posthume“ Rechtfertigung, noch weniger eine Anklage, sondern das Confiteor und Abendgebet eines Lebens, der Abschied von einem vergeblichen Versuch, dem bischöflichen Wahlspruch „Ecclesiae et Nationi2)“ entsprechend, ein Lebensprogramm gestalten zu können. Es schließt aber trotz vieler schmerzlicher persönlicher Erfahrungen nicht in pessimistischen Gedankengängen, sondern mit einem Treuebekenntnis zur Kirche der stillen, unbekannten und unbedankten Soldaten Christi, der schlichten Opferseelen, durch deren großen selbstlosen Idealismus die Kirche der Macht, Repräsentation, der Lehre und Politik, ihre Sendung in der Welt noch erhalten kann, und mit einem Treuebekenntnis zum Glauben an einen neuen nationalen Aufstieg der Jugend des deutschen Volkes aus tiefster Verwirrung der Begriffe: Nation, Vaterland und Ehre.
So ist dieses Buch, mit dem ich von Rom Abschied nehme, in mancher Hinsicht die Beichte eines Priesters und Bischofs über sein Leben voll Irrwege und Enttäuschungen geworden, eine Lebensbeichte, die er am Grabe seiner teuren, unvergeßlichen Mutter auf dem deutschen Friedhof im Schatten von Sankt Peter niederlegt. Es ist aber auch ein Nachwort „ohne Maske“ zu meinem im Herbst 1936 mit Zustimmung des Reichskanzlers Adolf Hitler im Wiener Verlag Josef Günther in fünf Auflagen erschienenen Werk „Die Grundlagen des NS“. Gerade dieses Buch, dessen literarische und politische Auswirkung Propagandaminister Josef Goebbels mündlichen und schriftlichen Vereinbarungen entgegen unter dem Druck des Linkssozialistenflügels innerhalb der Parteigruppe Rosenberg in der deutschen Presse verhinderte, brachten mir ungeahnte Angriffe niedrigster Art in weltlichen und kirchlichen Kreisen, obwohl das letzte Wort in diesem Buch deutlich genug war: „Non possumus3)“. Die Gedanken und Probleme aber, die mich seit 1933 zur Abfassung dieses Werkes veranlaßten, sind im Wirbel der weltgeschichtlichen Ereignisse, die seitdem über ganz Europa und besonders über Deutschland wie ein Orkan des Unheils hinweggebraust sind, von keinem meiner Gegner widerlegt worden. Ich kannte noch aus meiner altösterreichischen Studentenzeit die Entwicklung des NS in der deutsch-radikalen Bewegung innerhalb der habsburgischen Monarchie zu genau, um je an eine „Bekehrung“ im Sinne eines dogmatischen Christentums denken zu können. Parteien und noch mehr politische Bewegungen sind, selbst wenn sie nach außen als „christliche oder katholische“ gelten, keine religiösen Vereine oder Bruderschaften, auf die man ohne weiteres den Katechismus oder das Kirchenrechtsbuch anwenden kann. Sie sind vielmehr unter dem Druck der Masse und opportunistischer Machtpolitik in ständigem Fluß und in ständiger Gefahr, das Opfer des Radikalismus und der Intoleranz innerhalb ihrer eigenen Anhänger oder unter dem Einfluß ihrer Gegner im Ausland zu werden. Ich glaubte nie an ein „Brückenbauen“ oder gar Zusammenarbeiten mit Kreisen wie Rosenberg und Günther, vom Untermenschentyp Streicher gar nicht zu sprechen. Es handelte sich damals letzten Endes nur darum, zu verhindern, was auch ein vor kurzem erschienenes Memoirenwerk des ehemaligen deutschen Vizekanzlers von Papen in voller Klarheit betont, daß der linke, aus dem deutschen Sozialismus entstammende Teil der Partei die Oberhand gewinne und den rechten, national-bürgerlich und konservativ denkenden, in dem die besten Kräfte Deutschlands standen, immer mehr zurückdränge, um schließlich die ganze Bewegung in einem national getarnten Kulturbolschewismus hineinzumanövrieren. So stellte mein Buch einen letzten Versuch vor der päpstlichen Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (1937) mit reinstem und bestem Willen dar. Daß er damals gescheitert ist, zum Schaden der gesamten deutschen Sache, ist nicht bloß die Schuld des NS, sondern auch seiner vielen Gegner im Ausland, die jede religiös-rassische Befriedung in Deutschland mit Mißtrauen beobachteten und dagegen Minen legten, weil ihnen ein am Schlachtfeld vernichtetes, gedemütigtes, konfessionell gespaltenes und wirtschaftlich ausgeplündertes Deutsches Reich lieber war als ein siegreiches in der Organisationsform eines christlich gemäßigten NS. So war mein Buch nur ein Wagnis aus christlichem nationalem Mitgefühl für das Schicksal des Deutschtums. Ich habe mich wegen dieses Versuches noch 1944 vor den alliierten Behörden in Rom, die durch Emigranten und sogenannte Widerstandskämpfer gegen mich aufgehetzt wurden, in einer eigenen Denkschrift verteidigt, aber nichts zurückgenommen oder abgeschwächt und keine Zeile geändert. Für mich war schon vor 1936 einzig und allein die Erkenntnis bestimmend, die auch heute, da der Reichsgedanke für einige Zeit versunken ist, noch immer Wahrheit ist und es auch morgen sein wird, was immer das Schicksal in seinem Schoß für Deutschland noch vorbereitet, ohne dessen Einheit, Freiheit und nationalbewußte Haltung eine bessere Zukunft Europas undenkbarist: Nationale und soziale Gedanken — allerdings von den weltfremden Geschichtskonstruktionen des Karl Marx geläutert — sind Ausdruck naturhafter, positiver und deshalb auch lebensformender Kräfte. Beide Gedanken können auf Grund der Zeitgeschichte unwesentliche Wandlungen erfahren, an sich aber sind sie die wahren Grundlagen einer kommenden Staats- und Volkspolitik und einer Neuordnung des Verhältnisses von Staat und Religion. Solange Menschen sich ihres Volkstums und der sozialen Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft bewußt bleiben, werden diese Ideen nie ganz untergehen, sondern in den Herzen der Jugend, soweit diese nicht materialistisch vertiert ist, weiterleben.
Allein beide Gedanken sind ständig in Gefahr, in radikal extreme Richtungen zu entarten, denen nichts mehr heilig ist, um schließlich im Herrenmenschenkult im Sinne der heidnischen Antike und Renaissance im Barbarentum zu enden, das jede andere Nation wirtschaftlich aussaugt und unterdrückt, oder in der Diktatur einer politischen oder wirtschaftlichen Klasse, wenn sie nicht von der ethischen Lebensweisheit der Humanität und Religion, in Europa von jener des Christentums, eine Normierung, Abgrenzung und Mäßigung ihrer Endziele empfangen.
Nationalismus und Sozialismus werden immer konstruktive Kräfte im Aufbau von Völkern und Staaten darstellen, wenn die Nation und in erster Linie die Abeiterschaft nicht als das Opfer internationaler, durch nichts kontrollierbarer Großmächte (anonymer Kapitalismus, Zionismus, Geheimorganisationen welcher Art immer) sich versklaven lassen will. Nach meiner Überzeugung hatte deshalb der NS ebenso wie der Faschismus am Anfang eine providenzielle Aufgabe für die gesamte abendländische Kultur, den Kampf gegen den Ostbolschewismus*). Eine solche Sendung wird einem Volk und einer politischen Bewegung von der Geschichte nur einmal in Jahrhunderten zuteil. Allein die berufenen Männer innerhalb des NS haben gerade diese kulturpolitische Aufgabe, die weit über Deutschland hinausgriff, nicht erfaßt, besser gesagt, mißbraucht, sonst wäre die Bewegung wie eine geistige Weltmacht über alle Hemmungen in Europa hinweggeschritten, um diesen Kontinent neu zu gestalten, der schon, allein vom demographischen und geopolitischen Gesichtspunkt aus beurteilt, gegenüber dem Osten im Niedergang begriffen ist. Tiefer geschaut, wurde der NS zur Kulturwende Europas und zum Abschluß einer geschichtlichen Epoche des Kontinents, wie seinerzeit die napoleonische Ära. Es gab in ganz Europa kein Volk und keine Militärmacht, die das Vordrängen des Kulturbolschewismus so aufhalten konnte wie das deutsche Volk mit seiner seit 1933 glänzend ausgebildeten militärischen und politischen Organisation, mit der verglichen jene der übrigen Nationen und Staaten (Rußland ausgenommen) oft nur ein besseres Soldatenspiel versinnbildete. Bei meinen letzten Besprechungen, die ich auf Grund des Empfehlungsschreibens des Großherzogs von Mecklenburg über Ersuchen hoher konservativ eingestellter Kreise innerhalb der Waffen-SS mit dem Obersturmbannführer Dr. M. in Rom im November 1942, also vor dem Fall von Stalingrad, der zum Wendepunkt des Kriegsglückes wurde, und noch mehr im März 1943 in Rom führte, waren gerade diese Gedanken der Ausgangspunkt eines innenpolitischen Befriedungsplanes für Deutschland, der automatisch auch die Einkreisungspolitik, die von religiösen und rassischen Gedanken beherrscht im gesamten Ausland (mit Ausnahme von Argentinien und Spanien) gegen das Dritte Reich geführt wurde, zunichte gemacht. Mussolini (1942) hat in letzter Stunde durch einen Artikel des Sekretärs der italienischen Akademie Francesco Orestano in der von ihm gegründeten faschistischen Wochenschrift „Gerarchia“ das religiöse Problem Deutschlands aufgerollt, weil der Kirchenkampf eine schwere Belastung auch für die italienische Partei bedeutete und jeden Versuch, über den Vatikan mit den alliierten Staaten Fühlung zu gewinnen, unmöglich machte. So versuchte auch ein allerdings sehr kleiner, aber geistig und charakterlich hochstehender Kreis innerhalb der SS ähnliche Ziele. Diese Versuche kamen leider viel zu spät, nachdem seit dem Beschluß in Casablanca die alliierten Staaten mit beiden Regimen keinerlei Verhandlungen oder Kompromisse mehr wünschten, sondern nur noch ihren Untergang als Ziel ihrer Kriegspolitik festgelegt hatten. Diesem Kreis einer innenpolitischen Befriedungsaktion stand Himmler, den ich bei einem Empfang in der deutschen Vatikanbotschaft kennengelernt hatte, nicht zu fern, da er selbst nach der Macht strebte. Als er ohne Erfolg blieb, vernichtete er, wie ein Fouché des Dritten Reiches, die Freunde von gestern, um jede Spur seiner eigenen „Treulosigkeit“ auszulöschen. Ungeachtet der vorausgehenden schlechten Erfahrungen mit meinem Werke „Die Grundlagen des NS“ drängte mich mein nationales und christliches Gewissen trotzdem, mit den konservativen Kräften innerhalb des NS in Berührung zu bleiben, so aussichtslos und verworren auch alles allein schon auf den ersten Augenblick hin erscheinen mußte; nicht mich aufdrängend, sondern darum gebeten, von niemandem kirchlicherseits amtlich beauftragt oder ermuntert, sondern nur aus einer inneren Gewissensnot beim Gedanken einer drohenden Katastrophe. Bei diesen Verhandlungen, deren Grundlage das neunte Kapitel dieses Buches schildert, handelte es sich zunächst nur um Tastversuche und um die Festlegung eines minimal kirchenpolitischen Programms für spätere Verhandlungen, bei denen gerade die Rassenfrage, das heißt die sofortige Einstellung der Judenverfolgung, einer der ersten Gedanken war, während das entscheidende Wort in allen rein religiösen Fragen, sobald man über diesen ersten delikaten Punkt hinweggekommen war, den maßgebenden Diözesanbischöfen Deutschlands bzw. dem Vatikan vorbehalten sein mußte. Es war nicht schwer, im Ausland Ende 1942 eine beispiellose Tragödie des deutschen Volkes vorauszusagen, wenn nicht innerhalb kürzester Zeit diese innere Befriedung durch neue Religions- und Rassengesetze in Deutschland verwirklicht werden sollte. Dazu kam, daß der römische Kurienkardinal Enrico Sibilia, der aus der Zeit seiner Tätigkeit als Apostolischer Nuntius in Wien Österreich besonders liebte, für Deutschland wenig Verständnis zeigte, mich über die Feloniebestrebungen der italienischen Minister Grandi, Ciano und besonders Aquarones, der die Verhaftung Mussolinis in der Villa Savoia vorbereitete, die ihn wiederholt in diesen kritischen Wochen der Kriegsführung besuchten, genau unterrichtete. Durch ihn erhielt ich die Abschrift eines propagandistisch vortrefflich verfaßten vertraulichen Briefes des letzten Außenministers der vorfaschistischen Ära, Conte Sforza, den dieser aus New York an König Viktor Emanuel geschrieben hatte. Dieser Brief kursierte damals unter Kurienkardinälen und hohen Kurialbeamten des Vatikans und vertiefte noch mehr die gespannte politische Atmosphäre, die ohnedies infolge der ständigen Kirchenkonflikte mit Deutschland wenig erfreulich war. Das Berliner Auswärtige Amt, das in Rom einen enormen Beamtenapparat unterhielt, kannte nicht die politische Tragweite dieses Briefes. Die Beschwichtigungshofräte gaben vielmehr ein völlig unrichtiges Bild von der Stimmung Italiens gegenüber Deutschland nach Berlin weiter. So scheiterten die bestgemeinten Versuche der Jahre 1942 und 1943, die maßgebenden Stellen des NS von ihrer völlig verfehlten Rassen- und Religionspolitik im Interesse des Reichsgedankens abzubringen, am Byzantinismus und Mangel an Zivilcourage der Berliner Sachreferenten, vielleicht noch mehr und in erster Linie am Kirchen- und Judenhaß in Hitlers Privatkanzlei, deren verantwortliche Leiter Christentum und Kirche mit der Leidenschaft von Apostaten und Dämonen ablehnten, weil sie überall nur jüdische Einflüsse erblickten. Durch Gottes Fügung wurden aber gerade diese letzten kirchenpolitischen Vermittlungsversuche zur Damaskusstunde meiner politischen Haltung, denn ich erkannte die Unfähigkeit höchster verantwortlicher Stellen innerhalb der NS. Trotz der immer größer werdenden Not des Reiches und einer beispiellosen, immer wieder vom Religiösen her inspirierten Auslandspropaganda, die bereits den „Antichrist“ (!) in Deutschland kommen sah, neue Wege der Kultur- und Innenpolitik zu beschreiten, erinnerte ich mich der klassischen Worte des österreichisch-ungarischen Außenministers Graf Aehrental, der in seinen Erinnerungen über die deutschen Politiker auf Grund jahrzehntelanger diplomatischer Erfahrungen das folgende Werturteil hinterlassen hat: „Die Deutschen sind hervorragende Militärs und Organisatoren, aber in politischen Dingen von allen Göttern verlassen.“ Anläßlich meiner letzten Aussprache mit dem obengenannten Vertrauensmann der SS erkannte ich leider nur zu sehr die Richtigkeit dieser Worte. So löste ich mich blutenden Herzens von der Ideologie eines christlichen NS, aber auch vom politischen Traum eines kommenden föderativ aufgebauten Großdeutschen Reiches mit Berlin und Wien als führende Kulturmetropolen und mit Österreich als Brücke der Vermittlung zwischen deutscher, slawischer und romanischer Kultur im Donauraum, als einer Insel des Fortschritts für europäisch denkende Menschen, wie die geographische Lage meinem alten Vaterland Österreich bis 1918 diese große Sendung vorbezeichnet hatte. Sobald ich die Unmöglichkeit erkannt hatte, über den Weg einer rassischen und religiösen Befriedung die deutsche Reichsidee gerettet zu sehen, setzte ich mich für die politische Unabhängigkeit Österreichs ein. Aber nicht in der Form eines zweiten St.-Germain-Staates, noch weniger eines deutschfeindlichen Staates, sondern eines solchen, der auf der Gedankenwelt eines Seipel und Erzherzogs Franz Ferdinand ruht, für ein Commonwealth im Donauraum, als einer Burg mitten in der Brandung der politischen Spannungen kommender Jahrzehnte, von der einmal später in glücklicheren Zeiten der deutsche Reichsgedanke, wie er bis 1806 bestand, in modernen Organisationsformen neu erstehen könnte. Es sollte eine Revidierung des Jahres 1866 sein, das weder für Preußen noch für Deutschland oder Österreich ein Segen geworden ist. Leider ist auch diese Hoffnung gescheitert am Unverstand der Alliierten*), die geglaubt hatten, mit dem bolschewistischen Rußland als Kriegsverbündeten nach der Niederlage Deutschlands eine konstruktive Europapolitik beginnen zu können und eher mit den Kommunisten aller Länder zusammengehen wollten, als in einem Ultimatum das bereits schwach gewordene NS-Reich zu einer neuen Staatspolitik zu zwingen. So hatte der Krieg der Alliierten gegen Deutschland in letzter Schau sehr wenig mit Idealen zu tun. Er war kein Kreuzzug, sondern nur die Rivalität wirtschaftlicher Großkomplexe, um deren Sieg gekämpft wurde, ein sogenanntes „business“, während die Schlagworte Demokratie, Rasse, Religionsfreiheit und Christentum als Köder für die Massen benutzt wurden. Alle diese Erfahrungen haben mich schließlich veranlaßt, nach 1945 meine ganze karitative Arbeit in erster Linie den früheren Angehörigen des NS und Faschismus, besonders den sogenannten „Kriegsverbrechern“ zu weihen, die von Kommunisten und „christlichen“ Demokraten verfolgt wurden, oft mit Mitteln, deren Methoden sich nur wenig von manchen ihrer Gegner von gestern unterschieden haben; obwohl diese Angeklagten vielfach persönlich ganz schuldlos, nur die durchführenden Organe der Befehle ihnen übergeordneter Stellen und so das Sühneopfer für große Fehlentwicklungen des Systems waren. Hier zu helfen, manchen zu retten, ohne opportunistische und berechnende Rücksichten, selbstlos und tapfer, war in diesen Zeiten die selbstverständliche Forderung eines wahren Christentums, das keinen Talmudhaß, sondern nur Liebe, Güte und Verzeihung kennt und Schlußurteile über die Handlungen des eigentlichen Menschen nicht politischen Parteien, sondern einem ewigen Richter überläßt, der allein die Herzen, Beweggründe und letzten Absichten überprüfen kann. Über diese letzte geleistete Hilfe, die mir bald an der römischen Kurie den Titel eines „nazistischen, faschistischen Bischofs“ eintrug — „troppo tedesco4)“ —, bin ich schließlich als untragbar für die Vatikanpolitik gefallen. Ich danke aber dem Herrgott, daß Er mir meine Augen geöffnet hat und auch die unverdiente Gabe geschenkt hat, viele Opfer der Nachkriegszeit in Kerkern und Konzentrationslagern besucht und getröstet und nicht wenige mit falschen Ausweispapieren ihren Peinigern durch die Flucht in glücklichere Länder entrissen zu haben.
In der Einsamkeit der römischen Campagna wandern meine Gedanken in die Vergangenheit zurück, während die Kuppel von St. Peter wie eine trotzige Festungskrönung in der Unendlichkeit des Landes meine Blicke trifft. Je dunkler sich die Gegenwart gestalten will, um so weiter wandern die Gedanken in das Sonnenland der Kindheit und Jugend zurück. Sie grüßen den Morgen eines Priestertums voll Idealismus, sie grüßen auch jene Lebensstrecke, die mich, nachdem ich vielen Eitelkeiten den Abschied gegeben und die Welt völlig überwunden habe, von der Zeit hinweg an das lichte Gestade der Ewigkeit führen wird. So ist dieses Buch ein Confiteor verfehlter Hoffnungen und gescheiterter Versuche. Möge es trotzdem für die gebildete deutsche christliche Jugend dereinst ein Trostbuch sein, tapfer aus dem Dunkel der Gegenwart eines politischen Pharisäertums ins helle Licht reiner Menschlichkeit emporzustreben und die moderne Gewissenssynthese von Gottesfurcht, Nation und Sozialismus zu schaffen, stärker zu sein als ein grausiges Schicksal und zu glauben, daß ein Volk in Europa dazu berufen ist, das geschichtliche, wirtschaftliche, politische und kulturelle Glück dieses Kontinents neu zu gestalten, wenn Europa überhaupt noch eine Aufgabe zu erfüllen hat. Es ist das deutsche Volk, was immer seine Grenzen sein mögen. Es ist der nationalbewußte, christlich und sozial modern denkende deutsche Mensch mit seinem Fleiß, seiner Ordnungsliebe, Zähigkeit, Organisationsfähigkeit und Treue, aber auch mit seiner Sehnsucht nach den unvergänglichen Werten des religiösen Gedankens. Dieser Jugend von morgen sei dieses Buch geweiht.
Grottaferrata, Villino Pace, 1962
1)„antirömischer (romfeindlicher) Affekt“
2)„für Kirche und Nation“
3)„wir können nicht!“
*) Vgl. die Worte Papst Pius’ XI. und des Rektors der katholischen Universität in Mailand, des Franziskaners Gamelli (früher Linkssozialist).
*) Nicht wenige Bücher hoher amerikanischer Militärs bestätigen dies (vgl. Captain Russell Grenfell, „Uncoditional Hatred“, New York 1953).
4)„zu sehr deutsch“
Der Weg nach Rom führte mich über drei denkwürdige Stätten, die erste war das Heiligtum von La Salette, ein einsames Dorf in der Dauphiné. Schon als Theologe interessierte mich gerade diese Marienerscheinung, so merkwürdig hart und lieblos die Worte der Madonna über Priester und Kirche klangen, ganz anders als jene von Lourdes und Fatima. Es ist die erste große Marienerscheinung im 19. Jahrhundert, deren Eindruck noch stärker wird, wenn man das Privatgeheimnis, das die Madonna dem elfjährigen Hirtenmädchen Melanie anvertraute, langsam überlegt, das teils im wirklichen, teils im gefälschten Wortlaut der Öffentlichkeit bekannt wurde, gebilligt, verurteilt, maßlos angegriffen, um schließlich als ein „Angriff auf die Ehre der Geistlichen jener Zeit“ von höchsten kirchlichen Stellen versenkt zu werden. Ein Vergleich der Worte der Madonna mit jenen späterer Erscheinungen, besonders von Lourdes, kann aber auch zugunsten von La Salette ausfallen. Ein erschütternder Ernst, eine Sprache, die an die großen Bußprediger des Mittelalters erinnert, und eine prophetische Voraussage über die kommende religiöse Krise, wie sie deutlicher nicht sein konnte. Das alles gibt gerade dieser Marienerscheinung, die später gegenüber Lourdes stark in den Hintergrund gerückt wurde, eine Bedeutung, die unter allen Privatoffenbarungen den ersten Rang einnimmt. Es genügt, nur die folgenden Worte herauszunehmen (in deutscher Übersetzung):
„Der Stellvertreter meines Sohnes wird viel zu leiden haben, denn eine Zeitlang wird die Kirche großen Verfolgungen ausgesetzt werden; das wird die Zeit der Finsternisse sein, die Kirche wird eine furchtbare Krise durchzumachen haben.
Indem der heilige Gottesglaube in Vergessenheit gerät, wird ein jeder sich durch sich selber führen und über seinesgleichen stehen wollen. Man wird die staatliche und die kirchliche Gewalt abschaffen, alle Ordnung und alle Gerechtigkeit werden mit Füßen getreten werden; man wird nur noch Mord, Haß, Mißgunst, Lüge und Zwietracht sehen, ohne Liebe für Vaterland und Familie. Der Heilige Vater wird viel leiden. Aber ich werde mit ihm sein bis ans Ende und sein Opfer empfangen. Die Bösen werden ihm mehrmals nach dem Leben trachten, ohne seinen Tagen einen Schaden zufügen zu können; aber weder er noch sein Nachfolger … werden den Triumph der Kirche Gottes sehen.
Die Inhaber bürgerlicher Gewalt werden allesamt ein und denselben Plan haben, nämlich jeden religiösen Grundsatz abzuschaffen und zum Verschwinden zu bringen, um Raum zu schaffen für den Materialismus, den Atheismus, den Spiritismus und für alle Arten von Laster.
Während dieser Zeit wird es geschehen, daß der Antichrist geboren wird, von einer hebräischen Nonne, einer falschen Jungfrau, die Verbindung hat mit der alten Schlange, dem Meister der Unreinheit; sein Vater wird Ev. sein; bei seiner Geburt wird er Lästerungen aussprechen, er wird Zähne haben; mit einem Wort, er wird der Fleisch gewordene Teufel sein. Er wird schreckliche Schreie ausstoßen, Wunder tun, sich nur von Unreinem nähren. Er wird Brüder haben, die, wenn auch nicht wie er Fleisch gewordene Dämonen, doch Kinder des Bösen sein werden; mit zwölf Jahren werden sie sich bemerkbar machen durch ihre heldenmütigen Siege, die sie davontragen werden; bald werden sie an der Spitze eines Heeres stehen, und die Legionen der Hölle werden ihnen Beistand leisten.
Die Jahreszeiten werden sich ändern, die Erde nur noch schlechte Früchte hervorbringen, die Gestirne werden ihren regelmäßigen Gang verlieren, der Mond nur noch ein schwaches rötliches Licht zurückwerfen; Wasser und Feuer werden der Erdkugel konvulsivische Bewegungen und schreckliche Erdbeben bescheren, darin Gebirge und Städte verschlungen werden (usw.).
Rom wird den Glauben verlieren und der Sitz des Antichrist werden.
Die Dämonen der Luft werden zusammen mit dem Antichrist große Wunder auf der Erde und in der Luft verrichten, und die Menschen werden immer verderbter werden. Gott wird für seine treuen Diener sorgen und für die Menschen, die guten Willens sind. Das Evangelium wird überall gepredigt werden, alle Völker und alle Nationen werden Kenntnis der Wahrheit erlangen!“
Eine andächtige Schar von Pilgern kniete im Heiligtum, als fühlte sie die Schwere dieser Worte, obwohl seitdem fast neunzig Jahre verflossen sind. Eine eigenartige Atmosphäre herber Frömmigkeit strömt von diesem Heiligtum aus, dessen Heilquelle seit 1846 ununterbrochen fließt und in dem das Wort des Täufers „Tuet Buße“ im Munde der Madonna gleichsam einen zeitgemäßen Kommentar erhalten hat. Mit welcher Andacht beten hier die Pilger, wie ein grandioser Rahmen umschließen die Berge das Heiligtum!
Meine zweite Station war die Klosterzelle Savonarolas in San Marco zu Florenz. Unser Kirchengeschichtslehrer schilderte ihn als politischen Revolutionär und halben Ketzer. Sobald ich Pastors Papstgeschichte mit den tiefschürfenden Forschungen des Münchner Professors Schnitzer und des Italieners Guicciardini verglichen hatte, änderte sich dieses uns jungen Theologen aufgedrängte Urteil. Da ist wenig zu retouchieren, Kirche und Christentum werden nicht glaubhaft durch Worte, sondern in erster Linie durch Taten, sonst müßten wir in das Pharisäertum des Alten Testamentes zurückkehren, der Karikatur des Christentums in Alexander VI., dessen Leben den bereits überall gärenden Reformbestrebungen das beste Material für die Anklagen gegen die römische Kurie lieferte (obwohl sein Zeremoniar und Mitankläger, Jakob Burkart von der Anima, in nichts besser war). Wie sehr haben sich die Zeiten geändert! Wie viele edle heilige Papstgestalten hat allein die Kirche des 19. Jahrhunderts gehabt.
Savonarola, eine rätselhafte Figur der Renaissance, ein katholischer Prophet und wahrer Gottesmann, dessen Verurteilung ein Unrecht war und seine Rehabilitierung fordert, ein Idealist und Weltreformer, der scheitern mußte, wie Macchiavelli ihn treffend nannte „un profeta disarmato5)“, ein Träumer und Kämpfer für eine bessere Zeit. Sein Prozeß wurde in unwürdigster Form geführt mit Fälschungen, um ihn auf jede Weise zu „erledigen“, genau wie seinerzeit jener der Jungfrau von Orleans. Wäre ein Alexander VI., ein Borgia, sein Hauptgegner, durch einen Beschluß des Kardinalkollegs rechtzeitig abgesetzt worden, hätte die ganze Kirchengeschichte einen anderen Lauf genommen; so mußte dieser arme Klosterbruder im Gewande des heiligen Dominikus schauerlich als Märtyrer seiner religiösen Überzeugung und als Opfer einer Zeitenwende enden, in der später andere das Strafgericht Gottes an der Kirche vollzogen haben — zum Schaden des gesamten Christentums, das heute, gespalten und zerrissen, nicht mehr die religiöse einheitliche Welt des Mittelalters verkörpert. Die vielen Fremden, die nicht bloß die Meisterwerke von Fra Angelico betrachten, stehen meist ratlos vor dem Bilde dieses Mönches, dessen Leben und Tod eine ständige Mahnung ist, Reformen rechtzeitig durchzuführen, bevor der grausame Arm der Geschichte eingreift, Böses und Gutes vernichtet und neue Wege weist.
Vor Rom muß man in Assisi — es war meine dritte Station — haltmachen, am Grab des Poverello, des Vertreters eines simplifizierten Christentums, wenn dieses Wort nicht mißverstanden wird. Vielleicht hätte Franziskus in sozialer Hinsicht die Welt, wenigstens Mitteleuropas oder Italiens, geändert, wenn es nach ihm gegangen wäre. Ein wahrer Nachfolger Christi als Weltverbesserer und merkwürdiger Kontrast zu seinem Zeitgenossen Innozenz III., der, um die überlieferte Ordnung nicht zu stören, den starken religiösen Individualismus dieses Armen von Assisi in feste kirchenrechtliche Formen spannen mußte, so daß, wenn man die ursprünglichen Absichten des Poverello mit seinen fast romantischen idealistischen Zielen betrachtet, anderes herausgekommen ist. Es sind die großartigen Leistungen seiner Ordensbrüder in späteren Jahrhunderten in Kunst, Wissenschaft, im Werke der Mission und in kühnen theologischen Spekulationen. Mit ihm ist auch sein eigenes Ideal untergegangen, um in einer gemäßigten, der Wirklichkeit entsprechenden Lebensform zu enden. So umfängt ein mystisches Halbdunkel sein Grab.
Während diese Gedanken mich begleiten — je näher ich Rom bin —, leuchtet im Glanz der Abendsonne wie ein in den Himmel gebauter Dom das Symbol aller katholischen Universalität die Kuppel von St. Peter. Ein Idealismus ohne Grenzen umfaßt meine Seele, als ich längst vor San Lorenzo ihre Umrisse am Horizont erkannte. Ein unbändiger Tatendrang erfüllte mich, den großen gesamtdeutschen Zielen zu dienen, die mein Vorgänger, der Gründer des Priesterkollegs der Anima, der Nordtiroler Alois Flir, das Mitglied des Frankfurter Parlaments, seinen Nachfolgern als heiliges Erbe hinterlassen hatte. Ich will, wenn einmal das Schicksal in mein Leben eingegriffen hat, nicht umsonst als Österreicher und Deutscher nach Rom gerufen sein. „Den Besitzstand der altehrwürdigen deutschen Nationalstiftung der Anima gegenüber den Forderungen der Belgier zu retten, die eine Entschädigung für die im Weltkrieg zerstörte Universitätsbibliothek von Löwen verlangten, die Deutschsprechenden Roms aller Staaten zusammenzuführen oder wenigstens mitbauen zu können im Sinne einer kulturellen Schicksalsverbundenheit, die Seelsorge der Deutschen neuzuordnen, das während des Krieges völlig verwahrloste Kolleg modernen Ansprüchen anzupassen und die Anima bewußt zum Mittelpunkt und zur festen Burg der deutschen Katholiken Roms und Italiens auszubauen“ — das waren Aufgaben und Pläne, wert, ein Leben für sie einzusetzen.
Als mir mitten aus dem engen Straßengewirr vom Glockenturm der Anima der deutsche Reichsadler des 16. Jahrhunderts einen Willkommensgruß zu entbieten schien, kannte deshalb meine Freude keine Grenzen. Ich war wieder in Rom, nach zwanzig Jahren. Noch waren die Straßen ungepflegt wie vor dem Ersten Weltkrieg, als wir sorglos unsere Studien machen konnten. Noch hatte der Reformdrang des Faschismus im römischen Stadtbild nichts geändert. Es war das alte Rom der Vorkriegszeit, verwahrlost, in vieler Hinsicht noch jenes der siebziger Jahre mit derselben zum bequemen Leben neigenden Menschenart, die das „vivere e lasciar vivere6)“ zum Grundsatz auch des politischen Denkens erhoben hatte. Als ich die Pforte der Anima überschritt, wühlte ein Gebet meine Seele auf, einst nach Jahren ruhig Antwort geben zu können auf jene Schicksalsfrage, die der erste Brief meiner teuren Mutter, den ich mit einem Strauß von Alpenrosen der Heimat auf meinem Arbeitstisch fand, in so wohltuender milder Form für meine Arbeiten in Rom an mich richtete, daß mein religiöser Idealismus durch nichts geschwächt werde und keine rauhe Lebenserfahrung jenes Bild zerstören möge, das ich mir vor dem Eintritt ins Priestertum erworben hatte. Im alten Höfchen der Anima, das mit seinen Skulpturen und Resten des mittelalterlichen Kirchenbaues noch aus den Tagen der lutherischen Reformation eine eigenartige Atmosphäre atmet, begrüßte mich als erster ein biederer Schweizer, der Freund von Liszt und Mitbegründer des italienischen Cäcilienvereines, der St. Gallener Priester Peter Müller, der vom Germanicum an die Anima als Chormeister übersiedelt war und hier eine weitausgreifende Reformtätigkeit auf dem Gebiete der Kirchenmusik entfaltete. Der Gruß dieses Schweizer Geistlichen war echt und aufrichtig. Ein deutscher Mann, der trotz seiner äußerlichen Italienisierung innerlich seiner herrlichen Heimat verwurzelt blieb. Er hatte seine Ausbildung an der Regensburger Kirchenmusikschule erhalten und brachte die große Überlieferung der Meister des 16. und 17. Jahrhunderts (Palestrina, Vittoria, Orlando di Lasso, um nur wenige zu nennen) auch nach Rom, wo die Kirchenmusik mit Ausnahme der Sixtinischen Kapelle niedergegangen und verweltlicht war. Seit 1870 leitete er einen Chor von dreißig Knaben, die in einem Konvikt der Anima lebten und die päpstliche Mittelschule Sant’Apollinare besuchten. Von der Anima aus wurde dieser Priester zum geistigen Anreger der gesamten Kirchenmusik in Rom. Von prächtigen Männerstimmen unterstützt, wurde dieser Knabenchor so berühmt, daß Scharen von Musikbegeisterten der Stadt Rom zu den kirchenmusikalischen Aufführungen in die Anima strömten, bei großen Jubiläen und Festlichkeiten der Stadt, bei Pilgerempfängen und Jahrhundertfeiern (besonders Papst Gregors I.). Im Quirinal, in der Sixtina und in St. Peter war dieser Chor, aus dem eine Reihe angesehener italienischer Musiker hervorgegangen ist, Gegenstand der Bewunderung. Die Meister des 16. Jahrhunderts und der Gregorianische Choral wurden nach der Regensburger Überlieferung gepflegt. Josef Sarto (der spätere Papst Pius X.), der als Bischof von Mantua in der Anima wohnte, lernte dortselbst den genialen Chormeister kennen und schrieb in einem Brief vom 9. November 1884 mit Bewunderung von den kirchenmusikalischen Überlieferungen der Nationalkirche (in deutscher Übersetzung):
„Monsignore Jacuzzider, der immer soviel Freude an der Musik hatte, kannst Du sagen, daß ich, obwohl ich um 11 Uhr heute morgen im Vorzimmer Seiner Eminenz des Staatssekretärs sein mußte, doch der heiligen Versuchung nicht habe widerstehen können, vorher noch zur Messe in die Kirche der Anima zu gehen. Ich habe das Asperges, den Introitus, das Offertorium im Cantus firmus zu drei Stimmen mit Harmoniumbegleitung und den Rest im Cantus semifiguratus auch zu drei Stimmen, aber ohne Begleitung, genossen. Etwas ganz Wunderbares, besonders der Cantus firmus ist zum Sichdareinverlieben.“
Eine eigenartige, glückliche Fügung war es, daß die von der Regensburger Schule ausgehenden Grundsätze über die Anima durch Peter Müller, dessen Freunde Lorenzo Perosi und Josef Sarto schließlich im Jahre 1903 zum päpstlichen „motu proprio“ über die Reform der Kirchenmusik überhaupt führten. Die Namen Haberl, Mitterer gehören in diese glanzvolle Zeit der Anima hinein. Es war mein großer Kummer, daß ich, veranlaßt durch die überaus schwierige Finanzlage der Anima, nach dem Weltkrieg diesen Knabenchor im Jahre 1924 auflösen mußte. Im folgenden Jahre wurde Peter Müller, einer der bescheidensten und anspruchslosesten Priester, die mir untergekommen sind, im hohen Alter im deutschen Friedhof bei St. Peter begraben, während ein Stein in der Animakirche das Gedächtnis dieses genialen Kirchenmusikers kommenden Geschlechtern weitergibt.
Das Zusammentreffen mit einem Vorgänger, Prälat Brenner, der vom Schlag gerührt, aber noch geistig auf der Höhe in seinem bescheidenen Bette lag, war eine Seelenqual, denn er erfaßte die Schwere seiner Erkrankung nicht, die bald mit einer völligen Lähmung enden sollte. Er war ein befähigter, kluger Mann, aufgewachsen in der Habsburgermonarchie, zum Rektor der Anima durch Kaiser Franz Joseph ernannt, hoffte er auf seine Restauration mit der Wiederkehr des legitimen außer Landes vertriebenen Herrschers Kaiser Karl. Die Begriffe Nation und Deutschtum lagen ihm nicht. Die römische Kurie kannte er genau. Er fand sie dürftig und verbesserungswert im Menschenmaterial und Arbeitsrhythmus, allein er gab mir den Rat, daß es besser sei, nach außen alles zu loben, vieles nicht zu sehen, gegebene kirchliche Slogans wie ein Lautsprecher zu wiederholen, um der Gefahr der in Rom besonders verbreiteten „invidia clericalis7)“zu entgehen, das weise Wort Talleyrands sei hier am Platze: „Surtout pas trop de zéle8)“. Ich habe diesem unglücklichen Prälaten, der vom kirchlichen Beamtentum sehr geschätzt war, alle priesterliche Liebe erwiesen, bis er eines Tages, da die Krankheit stationäre Züge aufwies, dem Rate der Ärzte folgend in seine Heimat zurückkehren mußte. Wenn nicht ein tückisches Schicksal ihn frühzeitig arbeitsunfähig gemacht hätte, wäre ihm eine große kirchliche Laufbahn sicher gewesen.
Mit seiner Abreise war die Verantwortung auf mich allein gekommen. Ich war nicht der erste Steiermärker in der Anima, wenn auch die geschichtlichen Beziehungen des Bistums Seckau zur deutschen Nationalstiftung in den ersten Jahrzehnten wegen des norddeutschen Übergewichtes (Paderborn — Rheinland) gering gewesen sind. Schon im Jahre 1500 wird im Priesterverzeichnis ein Markus Trost genannt, und zwei Steiermärker (Christoph von Zach 1502, Andreas Frühwirth 1907) waren in der Animakirche zu Bischöfen geweiht worden, deren feierliche Grundsteinlegung im Jubeljahr 1500 der Seckauer Bischof und kaiserliche Gesandte Matthias Scheidt vorgenommen hatte. Im päpstlichen Reformbreve der Anima vom Jahre 1858 wurde die Ernennung des Rektors in gleicher Weise wie jene der Bischöfe Österreichs zum ausschließlichen Recht des Monarchen. Auch als 1918 das Kaisertum untergegangen war, wollte Kardinalprotektor Merry del Val diese Richtlinie beibehalten, wenigstens was die Staatsangehörigkeit des Rektors betraf. So wurde ich als erster vom päpstlichen Staatssekretariat zunächst als Koadjutor mit dem Rechte der Nachfolge ernannt. Während die reichsdeutschen katholischen Laien der Gemeinde Roms diese Auffassung keineswegs bekämpften — mit dem Wegfall der Monarchie hatte der betreffende Paragraph des alten päpstlichen Breves den geschichtlichen Sinn verloren —, arbeitete gegen die Berufung eines Österreichers an das Rektorat der Anima überaus heftig der deutsche Jesuiten-Kurienkardinal Franz Ehrle unter Heranziehung mehrerer ähnlich gesinnter Geistlicher, zu denen der Rektor des Päpstlichen Bibelinstitutes, mein früherer Lehrer, P. Leopold Fonck S. J., gehörte, dessen Einfluß aber an der Kurie seit dem Tode Pius’ X. zurückgegangen war. Wie mir der österreichische Gesandte, von Pastor, erzählte, bearbeitete Ehrle den Kardinalprotektor, um einen reichsdeutschen Priester der Kölner Erzdiözese, Emerich David, der Rektor des deutschen Campo Santo war, in die Anima zu bringen. Schließlich ging die Sache an Pius XI., der in der entscheidenden Audienz dem österreichischen Vatikangesandten erklärte: „Sollen auch Wir beitragen, das arme, klein gewordene Österreich zu verdemütigen?“ Damit war die Entscheidung gefallen, während die Rechtsfrage selbst ungelöst blieb, ob künftighin nur Priester österreichischer Bistümer zu Rektoren der Anima ernannt werden sollen. Dieses Vakuum einer Rechtserklärung angesichts des veralteten päpstlichen Breves 1858 brachte mir zahlreiche Schwierigkeiten in der Leitung dieser ehrwürdigen Stiftung. Mein erster Besuch in Rom galt dem Geschichtsschreiber der Päpste und österreichischen Gesandten, Ludwig Freiherrn von Pastor, dessen Hand bei meiner Ernennung zum Rektor im Spiele war. Er wohnte bescheiden in einer besseren bürgerlichen Wohnung in der Via della Croce, die gleichzeitig der Sitz des österreichischen Geschichtsforschungsinstituts war. Das Österreich der ersten Nachkriegszeit war verarmt und ohne jede Möglichkeit großer internationaler gesellschaftlicher Repräsentanz. Universell gebildet, von umfassender Kenntnis der Geschichte und der Kunstdenkmäler Roms, päpstlicher als der Papst, der ihn als Gelehrten überaus hoch einschätzte, hatte Pastor, wie man mir im Wiener Außenministerium sagte, einen bedeutenden Einfluß im Vatikan, nach dem Urteil der Diplomaten fürchtete er sich geradezu vor seinem eigenen Schatten. Als ich ihn am frühen Morgen nicht rechtzeitig angemeldet in seiner Arbeit störte, war er zunächst nicht erfreut. Über seinem Arbeitstisch war der Wahlspruch, die leuchtende Devise dieses reichen deutschen Gelehrtenlebens: „Vitam impendere vero9)“. Seine unheimliche Arbeitskraft wurde auch durch engherzige Kritik nicht gemindert. Kehr, der Direktor des Preußischen Geschichtsforschungsinstituts, machte ihm den Vorwurf, daß seine Bücher nur eine Verherrlichung der Päpste, aber nicht eine Geschichte der Idee des Papsttums seien.
Was immer auch das Urteil darüber sein mag, es war ein Gelehrtenleben einziger Art, das in dieser Form nicht schnell wiederkehren wird. Wie war es möglich, in diesem ungeheuren Chaos von Urkunden aus vier Jahrhunderten mit ordnender Hand das Wesentliche vom Nebensächlichen zu scheiden, die große Linie nie zu verlieren und aus tausend Mosaiksteinchen buntester Details das Gesamtbild großer Zeitperioden und die Vollbilder markantester Persönlichkeiten derart souverän zu gestalten? Nur ein großer Idealist, der auf vieles im Leben verzichten konnte, war imstande, sein Leben restlos einer so gewaltigen problemhaften Aufgabe zu widmen. Ich dankte Gott, dieser Persönlichkeit meine Aufwartung machen zu dürfen. Eben hatte ihn ein gelehrter italienischer Franziskaner in einer wissenschaftlichen Arbeit öffentlich wegen seiner Stellungnahme zum Pontifikat des aus dem Minoritenorden stammenden Papstes Clemens IV. angegriffen, unter dem die Gesellschaft Jesu aufgelöst wurde, was die beiden Staaten Preußen und Rußland nicht zur Kenntnis genommen hatten. Man warf dem alternden Gelehrten, der die Höhe des gewaltigen wissenschaftlichen Schaffens überschritten hatte, Abhängigkeit von den Jesuiten vor, er arbeite nicht mehr selbständig. Deutsche Jesuiten aus München, die verschiedenen Abschnitten seiner Werke sozusagen die letzte Feile gaben, benützten nach dem Urteil der Gegner diese Möglichkeit, um in die letzten Werke Pastors ihre persönlichen Geschichtsauffassungen, das heißt jene des Jesuitenordens, hineinzubringen. Pastor beruhigte sich nur langsam wegen solcher Angriffe. Seine einzige Erholung waren Spazierfahrten, besonders auf die Via Appia antica, wo ich später wiederholt die Freude hatte, ihn mit Kardinal Ragonesi, dem früheren spanischen Nuntius, begleiten zu dürfen. Als Wahlösterreicher besorgte er gleichzeitig die diplomatischen Angelegenheiten des neuen Staates beim Heiligen Stuhl. Seine immer klassisch geformten politischen Berichte waren auserlesene Lektüre des Bundeskanzlers Seipel. Unter vier Pontifikaten lebte Pastor in Rom. Zahlreiche höchste Persönlichkeiten des kirchlichen und politischen Lebens sind mit ihm in engem Verkehr gestanden. So war vielleicht meine erste Bitte an ihn verständlich, aus der reichen Lebenserfahrung des Geschichtsschreibers einige Richtlinien für mein Wirken an der Anima zu erhalten, die fast sämtliche deutschen Diözesen bei den päpstlichen Kongregationen zu vertreten hatte. Er hatte gerade den Bericht eines spanischen Botschafters aus dem Ende des 18. Jahrhunderts in den Händen, der ein wenig günstiges Urteil über Rom enthielt. Er werde, so erklärte er mir, ihn nicht benützen, weil ihm das Ansehen der Kirche an erster Stelle stehe, auch wenn manche darüber anders denken. Es sei manches anders geworden, und längst könne man Äußerungen selbst eines heiligen Bernhard (Considerationes IV, 2) nicht mehr als richtig in allem anerkennen („Romani importuni ut accipiant, ingrati, ubi acceperint, docuerunt linguam suam grandia loqui, cum operantur exigua, largissimi promissores et parcissimi exhibitores, blandissimi adulatores et mordacissimi detractores, simplicissimi dissimulatores ecc.: Die Römer sind ungestüm im Verlangen und undankbar, wenn sie etwas erhalten haben. Ihre Rede ist groß, aber ihre Taten sind klein. Sie versprechen alles und halten nichts, süße Schmeichler und beißende Verleumder, arglistige Heuchler und nichtswürdige Verräter.“). Ich brachte den Einwand, da ich diese Stelle zum ersten Mal gehört hatte, ob jemand, der solches geschrieben habe, heute noch heiliggesprochen werden könnte. Pastor, der äußerlich betrachtet wenig Gemüt zu besitzen schien und mir auch die Antwort auf diese Frage schuldig blieb, meinte dann: „Verlassen können Sie sich hier allerdings nur auf wenige, wenn es um Versprechen und Worthalten geht. Der Italiener ist stark Levantiner und diesbezüglich von der Moral des Ostens beeinflußt. Ausländer, vor allem Ordensleute, sind sehr erwünscht, wenn sie unbeachtet in stiller Zurückgezogenheit arbeiten. Die oberste Leitung ist italienisch und war es immer seit der Reformation, denn die Weltkirche ist auch die wesentliche Stütze der romanischen Kultur. Manchen Kurialisten fehlt auch das geschichtliche Denken und ein Sich-Hineinfühlen in die Gedankengänge anderer Nationen. Sie beherrschen aber vorzüglich das theologische System und besonders das Kirchenrecht. Ich sah manche Fehler in einem halben Jahrtausend der Papstgeschichte, die ich wie kein anderer durchforscht habe, aber ich liebe die Kirche wie ein guter Sohn seine Mutter, auch wenn sie mir nicht immer und nicht in allem ein Vorbild ist. Die römische Kirche ist mir Heimat und Vaterland. Mein letzter Herzschlag wird ihr gelten, denn ihr bin ich verschworen und ihr habe ich mein Leben und meine Forschungen geweiht“.
Es waren herrliche Bekenntnisse, die mich mit größter Freude erfüllten. Als wir auf das wissenschaftliche Arbeiten zu sprechen kamen, gestand er mir seinen Unwillen, daß auch ihm trotz der mündlichen Zusage Pius’ X. niemals eine Einsicht in das reiche Archivmaterial des Heiligen Offiziums gewährt worden war. Ein glücklicher Zufall vermittelte ihm aber die Kenntnis von nicht wenigen Urkunden dieser höchsten päpstlichen Behörde, die unter Napoleon nach Venedig und Paris verschleppt worden waren. So war es verständlich, daß manches in seinen Darstellungen im Urteil der Kritik als einseitig empfunden wurde. Daß er selbst an der römischen Kurie Gegner hatte, obwohl seine Papstgeschichte ganz in katholischer Schau geschrieben wurde, sah ich, als ich Kardinal De Lai, Sekretär der Konsistorialkongregation, den wichtigsten Berater Pius X., besuchte, der auch beim Pontifikatswechsel als Vertreter eines zentralistischen Kurses und wesentlicher Mitarbeiter am kirchlichen Rechtsbuch in großem Ansehen stand. Als wir zufällig auf die Papstgeschichte zu sprechen kamen, als ich ihm von meinem Besuche bei Pastor berichtete, meinte er: „Meno verità e più carità sarebbe stato meglio10).“ Es war ein hartes Urteil über das wissenschaftliche Schaffen eines Mannes, der Jahrzehnte der Wissenschaft im Sinne des Papsttums verwendet und zahlreiche Angriffe von Nichtkatholiken geerntet hatte. Warum dunkle Seiten im Buche der Kirchengeschichte überschlagen? Warum eine idealistische Frisierung nach Art von Legenden und frommen Andachtsbüchern! Warum Kirche und Papsttum mit Wolken stützen, während doch beide auf ehernen Säulen ruhen und letzten Endes auch durch eine Darstellung der menschlichen Entwicklung mit Fehlern, Armseligkeiten und tief bedauernswerten Verfallserscheinungen (es genügt an das 9. Jahrhundert, Tuskulaner und an die Vor-Renaissance-Zeit zu erinnern) nichts vom Goldgrund göttlicher Führung verlieren können. Pastors Ruhmesblatt ist nicht bloß das monumentale Werk seiner Papstgeschichte, die kein Panegyrikus nach Art romanischer Darstellung ist, sondern daß er als Laie trotz vieler Tiefenblicke in das Dämonische und Untermenschliche auch in der Welt des Religiösen seinen Kindesglauben rein und unversehrt bewahrt hat. Das ist das Heldische in seiner Persönlichkeit. Feinde, Intrigen, lieblose Kritik, da er von seinem großen Gegner P. Ehrle als „integraler“ Katholik wenig geschätzt war, nichts war imstande, ihn von der Liebe zur Kirche zu trennen. Es war mir oft, als sehe er die Menschen nicht mehr, sondern nur die „civitas supra montem“10a) — das himmlische Jerusalem, die entmenschlichte, geläuterte Kirche.
Pastors Lebenswerk wird aber die Jahrhunderte überragen, auch wenn Nichtkatholiken und einzelne katholische Geschichtsforscher manche Abschnitte seiner Darstellung anders beurteilen, mehr vom Standpunkt einer natürlichen Entwicklung oder des Dämonischen, das auch vor dem Kirchenportal nicht haltmacht. Die Gefahren begannen für ihn, als drei Fragen ein klares und, soweit menschliches Wissen ein sachliches Urteil überhaupt ermöglicht, ein solches forderten: Savonarola, dessen klassische Geschichtsdarstellung durch Schnitzer nicht überboten werden konnte — der Heilige gegenüber einem Alexander VI. —, der Ritenstreit in China, in dem Jesuiten, die weitblickende Männer unter sich hatten, und Dominikaner sich als Gegner gegenüberstanden —, in Wirklichkeit hatte diese Geschichte mit Religion nicht das Geringste zu tun; es war nur eine machtpolitische Frage der europäischen Protektoratsstaaten, für die China als Kolonie ein Geschäft war, dessen Betrieb nicht durch religiöse Neuheiten gestört werden durfte, und endlich die heikelste aller Fragen, die Aufhebung des Jesuitenordens durch Papst Klemens XIII. Hier mußte er, wie immer sein Urteil war, in einen Gegensatz kommen zu den Söhnen des Spaniers Ignatius und den bereits im Niedergang befindlichen Minoriten, die für den Papst als ihren Ordensbruder leidenschaftlich Stellung nahmen. Als dieser letzte literarische Kampf tobte, ohne je wirklich ausgefochten zu werden, da schließlich jeder Teil Gründe für und gegen sich hatte, trat Ehrle hinter den Kulissen in Erscheinung, um Pastors weitere wissenschaftliche Arbeit zu unterbinden. Die wahre Wissenschaft lebt aber nur von der Freiheit des Irrtums, und so habe ich mich niemals dazu hergegeben, Dienste gegen Pastor über Wunsch dieses Jesuitenkardinals zu besorgen. Schmerzlich berührte es mich, als eines Tages der Jesuitenkardinal Ehrle mich ersuchte, in geschickter diplomatischer Form auf Pastor einzuwirken, damit er seine wissenschaftliche Arbeit einstellen möge, „er sei nicht mehr auf der Höhe“. Ich habe dem alten Kirchenfürsten erwidert: „Warum machen Sie denn das nicht selbst angesichts Ihrer hohen Stellung?“ Es war unvermeidlich, daß Pastor, der in Rom als Vertreter des katholischen Integralismus betrachtet wurde, in einen Konflikt mit verschiedenen Mitgliedern der Gesellschaft Jesu kommen mußte, obwohl in München mehrere Jesuiten einen Großteil seiner Arbeiten besorgten. Das Kapitel über die Auflösung dieser bedeutenden Ordensgesellschaft war zu gefährlich, auch wenn er es noch so vorsichtig schreiben wollte. Es ehrt den genialen und wahrheitsliebenden Jesuitengeneral Ledochowski, daß er Pastor stets in enger Freundschaft verbunden war. Ich danke Gott, der Bitte Ehrles niemals entsprochen zu haben.
Spät abends besuchte ich den Kurienkardinal Andreas Frühwirth. Der Sohn einer schlichten Bauernfamilie aus dem Grenzgebiet Steiermarks wurde später einer der eifrigsten Vorkämpfer der deutschen Sprache und des Deutschtums im bedrohten Gebiet überhaupt. Er liebte Österreich und Deutschland und fühlte sich in dankbarer Erinnerung an seine Münchner Nuntiaturzeit auch als Anwalt deutscher Angelegenheiten und Wünsche in Rom. Seine besondere Sorge galt der Erhaltung einer deutschen Seelsorge und des Religionsunterrichtes in deutscher Sprache in den öffentlichen Schulen Südtirols. „Die päpstliche Kurie denke in einzelnen ihrer Vertreter zu realpolitisch, da es schließlich nicht wesentlich sei, in welcher Sprache das Christentum von einem Menschen aufgenommen werde.“ Er hatte eben einen Hilferuf der Brixener Bischöflichen Kurie gegen die nationale Unterdrückungspolitik der Faschisten an das Staatssekretariat weitergeleitet. Dann sprach Kardinal Frühwirth, der Mitglied mehrerer päpstlicher Kongregationen, darunter jener für die Riten, war, von den Heiligsprechungsprozessen. Ihm war es in erster Linie um jene für deutsche Heilige zu tun. Daß er mehrere Prozesse (so jenen für Albertus Magnus, die Mystikerin Margarethe Ebner) auch wegen des schleppenden Formalismus nicht weiterbringen konnte und daß im größten Tempel der Christenheit immer nur Romanen auf die Altäre erhoben wurden, als ob deutschen Menschen der Sinn für eine kanonisierte Heiligkeit abhanden gekommen wäre, das alles quälte ihn, auch wenn er andererseits zugab, daß die Kirche des deutschen Volkes an Seligen nicht Mangel hätte. Nach seiner Auffassung besteht bei den Beamten dieser Kongregation, von denen nur wenige die deutsche Sprache beherrschen, mehr Interesse für solche romanischer Länder, während deutsche Prozesse jahrzehntelang im Staub der Archive liegen. Die Weltkirche sei auf diese Weise in Gefahr, in Frömmigkeit und Heiligenkult eine romanische Farbe zu erhalten. Ich bewunderte diese Haltung des Kardinals, dem das römische Volk wegen seines ehrenhaften Lebenswandels den Beinamen eines „Santo“ gegeben hatte. Er selbst war in gewisser Hinsicht nach dem alten Spruch „Vox populi, Vox Dei“11) bereits kanonisiert. Eine Stunde flog im Zuhören wie nichts dahin. Frühwirth war ein liebenswürdiger, stets hilfsbereiter, kluger Mann ohne jede Präpotenz, der seine hohe Würde nicht eitel zur Schau trug. Er hatte sich in Rom sein deutsches Herz bewahrt. Nach dem Urteil italienischer Stellen hätte er als Nuntius versagt, da er die strengen Maßnahmen Pius’ X. gegen die modernistischen Strömungen an deutschen Hochschulen nicht durchführte oder immer wieder milderte. Als ich auf dem Heimweg meine ersten Eindrücke in Rom überlegte und die Urteile dieser beiden Persönlichkeiten Pastor — Frühwirth vergegenwärtigte, war mir eines klar geworden: Beide waren römisch gesinnt im besten Sinne dieses Wortes, aber beide dachten und fühlten deutsch, der hochbetagte österreichische Kardinal mehr als Pastor.
Heute morgen standen im Programm die deutsche Botschaft und bayerische Gesandtschaft beim Heiligen Stuhl, der reichsdeutsche Jesuitenkardinal Ehrle und mehrere päpstliche Würdenträger des Vatikans. Allen war ich ein Unbekannter, der zum ersten Mal ihren Weg kreuzte. Der deutsche Reichskanzler Wirth, der gerade bei einem Empfang in der deutschen Botschaft Villa Bonaparte in der Via Piave, zu dem ich eingeladen war, anwesend war, kannte die Steiermark und meinte, in diesem Grenzlande sei das Deutschtum kein blutmäßiges Bekenntnis, sondern ein nationaler Daseinskampf, die Revolution zweier Rassen, ein seelischer Konflikt. Ich bemerkte aus dem Gespräch mit den beiden Chefs der diplomatischen Missionen, daß die Frage des staatspolitischen Rechtsschutzes der deutschen Nationalstiftung und die Verdrängung der Österreicher vom Rektorat der Anima beziehungsweise wenigstens die paritätische Leitung von abwechslungsweise Reichsdeutschen und Österreichern ihr Sorgenkind war. Beide, Diego von Bergen und Freiherr Ritter von Groenesteyn, die im Vatikan den Einfluß des Gesandten Pastor nicht untergraben wollten, da er ihnen wegen seiner Beziehungen manche wertvolle Auskunft vermitteln konnte, stammten aus der alten Diplomatenschule. Beide waren Grandseigneurs, treffliche Vertreter des Reiches und Bayerns. Ich hatte, nachdem der Einfluß des geistlichen Botschaftsrates Steinmann, eines Schlesiers, mit dem der Breslauer Kardinal Bertram manche Schwierigkeiten durchzukämpfen hatte, zurückgedrängt war, das Glück, mit beiden führenden Diplomaten in freundschaftliche Beziehungen treten zu können. Nach 1930 gab es zwischen uns keine Reibungen mehr. Wiederholt schützte mich besonders der bayerische Gesandte gegen die Hintertreppenpolitik des Jesuiten Ehrle. Wichtige geheime Gutachten für das Berliner Auswärtige Amt sind durch meine Hände gegangen, und ich war immer bestrebt, auch wenn ich keine amtliche Stellung dortselbst annehmen konnte, wie einst der Österreicher Johannes von Montel im Sinne einer gesamtdeutschen Haltung tätig zu sein. Der Weg führte mich zum Jesuiten Ehrle, der in einem bescheidenen Ambiente des südamerikanischen, von seinen Ordensbrüdern geleiteten Kollegs in den Prati wohnte. Eine hoheitsvolle Erscheinung, Gelehrter von Weltruf, huldvoll lächelnd mich zum Ringkuß zulassend. Sein Blick gefiel mir nicht, er hatte etwas an sich, das kein großes Vertrauen einflößen konnte. Von Pius X. wegen seiner Arbeit gegen die Gründung eines internationalen katholischen Geschichtsforschungsinstituts vom Vatikan ausgeschaltet, kehrte er nach dem Krieg wieder nach Rom zurück, wo er für seinen Nachfolger Achille Ratti Stimmung machte und schließlich den Purpur erhielt. Ehrle hatte, wie ich schon bei der ersten Aussprache bemerkte, keine feste nationale Haltung. Er schätzte Österreich nicht hoch ein, obwohl er wiederholt im Jesuitenkolleg von Feldkirch (Vorarlberg) die Verhältnisse beobachten konnte. Er hatte auch kein großes Verständnis für die nationalen Belange der Südtiroler. Es schien ihm selbstverständlich zu sein, daß diese armen, vom deutschen Mutterlande gegen die Versprechungen Wilsons abgetrennten Menschen ihre völkischen Forderungen der deutschen Jugenderziehung, des Unterrichts in der Muttersprache den Interessen der Weltkirche, in diesem Falle Italiens, unterordnen müßten. Er war Römer geworden, der delikaten Fragen und Problemen auf Umwegen auszuweichen suchte. Zwischen uns beiden hat seit dem Kampf um das Rektorat eine Isolierschicht bestanden. Ich klagte diesem Ordensbruder im Purpur meine Anfangsschwierigkeiten, da mit der Anima auch die Vertretung fast aller reichsdeutschen und österreichischen Bistümer bei den päpstlichen Verwaltungsbehörden verbunden war. Ehrle, der Rom aus einem jahrzehntelangen Aufenthalt kannte, gab mir aber einige treffliche Worte: „Italiener haben uns Deutschen gegenüber allerlei voraus. Sie nehmen nichts tragisch und nichts gründlich. Sie weichen, solange als möglich, grundsätzlichen Lösungen aus. Das ‚arrangiare, combinareund dilatare‘11a) ist ihre große Weisheit in der obersten Kirchenleitung. Sie lassen die Zeit arbeiten. Wir Deutschen müßten Gott danken, daß wir nicht zur Regierung der Kirche berufen wurden. Mit unserem Organisationsfanatismus, mit Statistiken und unserer nationalen Eigenart der Gründlichkeit des ‚andare in fondo‘11b) alles ordnen zu wollen, Fragen und Probleme wissenschaftlich bis in die letzten Schlußfolgerungen auszudenken, eigene Auffassungen anderen aufzudrängen, hätten wir eine Weltkirche, die auf so viele Nationen Rücksicht nehmen muß, nur in die größten Schwierigkeiten gebracht. Der Deutsche ist religiös gründlicher als der Italiener, denn er sucht Probleme, wo sie nicht vorhanden oder nicht zu lösen sind, aber gerade seine Kritiksucht macht ihn nicht geeignet, einen so komplizierten Mechanismus, wie es der römische Katholizismus ist, ruhig und ausgleichend ohne Erschütterungen und gewaltsame Lösungen zu regieren.“
