Royal Secrets - Geneva Lee - E-Book

Royal Secrets E-Book

Geneva Lee

0,0
9,99 €

Beschreibung

Die große ROYAL-Saga von Geneva Lee: Über 1 Millionen verkaufte Bücher der SPIEGEL-Bestsellerreihe im deutschsprachigen Raum!

Clara & Alexander – Er wurde mit königlichem Blut geboren. Doch erst sie machte ihn zu einem König.
Band 10 der großen, unvergesslichen ROYAL-Saga …

Die Intrigen am Königshof haben ihren Höhepunkt erreicht. Alexander und seine engsten Vertrauten kommen einer politischen Verschwörung unermesslichen Ausmaßes auf die Spur. Kaum jemandem kann er noch trauen. Die Verräter befinden sich in seiner unmittelbaren Nähe. Und es ist Clara und ihr ungeborenes Kind, auf die sie es abgesehen haben. Ihr Leben steht auf dem Spiel, und um sie zu retten, geht Alexander ein hohes Risiko ein. Er könnte alles verlieren – seine Krone und seine Zukunft. Doch für die Liebe zu Clara ist er bereit, all das in Kauf zu nehmen ...

Die gesamte ROYAL-Saga von Geneva Lee

Clara und Alexander:
Band 1 – Royal Passion
Band 2 – Royal Desire
Band 3 – Royal Love

Bella und Smith:
Band 4 – Royal Dream
Band 5 – Royal Kiss
Band 6 – Royal Forever

Clara und Alexander – Die große Liebesgeschichte geht weiter:
Band 7 – Royal Destiny
Band 8 – Royal Games
Band 9 – Royal Lies
Band 10 – Royal Secrets

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 342

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Buch

Die Intrigen am Königshof haben ihren Höhepunkt erreicht. Alexander und seine engsten Vertrauten kommen einer politischen Verschwörung unermesslichen Ausmaßes auf die Spur. Kaum jemandem kann er noch trauen. Die Verräter befinden sich in seiner unmittelbaren Nähe. Und es ist Clara und ihr ungeborenes Kind, auf die sie es abgesehen haben. Ihr Leben steht auf dem Spiel, und um sie zu retten, geht Alexander ein hohes Risiko ein. Er könnte alles verlieren – seine Krone und seine Zukunft. Doch für die Liebe zu Clara ist er bereit, all das in Kauf zu nehmen …

Autorin

Geneva Lee ist eine hoffnungslose Romantikerin und liebt Geschichten mit starken, gefährlichen Helden. Mit der »Royal«-Saga, der Liebesgeschichte zwischen dem englischen Kronprinzen Alexander und der bürgerlichen Clara, traf sie mitten ins Herz der Leserinnen und eroberte die internationalen Bestsellerlisten im Sturm. Geneva Lee lebt zusammen mit ihrer Familie im Mittleren Westen der USA.

Geneva Lee ist online zu finden unter: www.genevalee.com, www.facebook.com/genevaleeauthor

Von Geneva Lee bereits erschienen

Secret Sins – Stärker als das Schicksal

Die Royal-Saga

Royal Passion (01) • Royal Desire (02) • Royal Love (03) • Royal Dream (04) • Royal Kiss (05) • Royal Forever (06) • Royal Destiny (07)

Die Love-Vegas-Trilogie

Game of Hearts (01) • Game of Passion (02) • Game of Destiny (03)

Die Girls-in-Love-Reihe

Now and Forever – Weil ich dich liebe (01) • Now and Forever – Mein größter Wunsch bist du (E-Book-Kurzgeschichte) • With or Without You – Mein Herz gehört dir (02) • Next to You – Du bist mein größtes Glück (03)

Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.twitter.com/BlanvaletVerlag

GENEVA LEE

RomanBand 10

Deutsch von Charlotte Seydel

Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel »Consume Me« bei Ivy Estate, New York.Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright der Originalausgabe © 2019 by Geneva Lee

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2020 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (LANTERIA; Pacrovka)

JaB · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-25736-1V001www.blanvalet.de

Für Ceej.Danke, dass du mir ein Licht gewesen bist. Du wirst mir fehlen.

1

Alexander

Keiner von uns hatte geschlafen, und es bestand nicht die geringste Aussicht, dass in absehbarer Zeit jemand zum Ausruhen käme. Nicht heute Nacht. Nicht bevor wir sie gefunden hatten. Mein engster Kreis war in den letzten Monaten beträchtlich angewachsen, doch das war es nicht, was sich jetzt nicht richtig anfühlte. Es hatte Zeiten gegeben, in denen nur Norris und Brex in einer solchen Krise bei mir gewesen waren. Heute Abend war keiner der beiden hier. Ich vertraute meinen neuen Verbündeten, aber das machte es nicht leichter, die Abwesenheit von Brex und Norris zu ertragen – insbesondere da einer von ihnen der Letzte war, mit dem man Clara gesehen hatte.

»Noch mal«, wiederholte ich und wurde meiner eigenen Frage langsam überdrüssig. Wir mussten etwas übersehen haben, irgendeinen Hinweis darauf, was sich zwischen dem Herzinfarkt und meiner Feststellung, dass Clara nicht da war, ereignet hatte.

Sarah schluckte und sah sich hilfesuchend nach einem Retter um, doch niemand sprang ihr zur Seite. Sie hatte sich umgezogen und trug eine weite Hose und einen farblich nicht dazu passenden Pullover. Ihr dunkles Haar war von der Party noch elegant gelockt, ihr Make-up jedoch tränenverschmiert. »Norris und Clara haben mich nach draußen gebracht. Norris hat einen Wagen gerufen. Er ist vorgefahren, und Norris hat mir hineingeholfen. Ein oder zwei Minuten später ist der Fahrer ohne die beiden losgefahren und hat mich hergebracht.« Sie zögerte und biss sich auf die Unterlippe, während sich ihre Augen erneut mit Tränen füllten. »Es tut mir leid, Alex. Ich dachte, sie würden doch dableiben wollen oder … Eigentlich habe ich nicht wirklich nachgedacht. Ich war … war …«

»Schon okay«, sagte Edward müde und bemühte sich, Mitgefühl aufzubringen. Ich hörte deutlich die Verzweiflung in seiner Stimme. Er hatte sich nicht umgezogen. Nachdem er das Krankenhaus verlassen hatte, war ihm nicht genügend Zeit geblieben, dann hatte ich schon angerufen und ihn hergebeten. Irgendwo unterwegs waren ihm Smokingjacke und Krawatte abhandengekommen. Sein Mann war, immer noch vollständig bekleidet, an seiner Seite. »Du warst aufgelöst. Niemand macht dir Vorwürfe«, sagte er mit fester Stimme zu Sarah.

Doch, ich machte ihr Vorwürfe, weshalb ich jetzt lieber schwieg. Wie konnte sie nicht bemerkt haben, was vor sich ging? Warum hatte Norris sie zuerst in den Wagen gesetzt? Das ergab alles keinen Sinn. Die Teile passten nicht zusammen, sie ergaben kein klares Bild – sie ergaben gar kein Bild. »Warum hast du den Fahrer nicht gefragt, wo sie sind?«

»Ich habe nicht nachgedacht!« Sie ließ den Kopf hängen und weinte stumme Tränen. »Ich habe einfach angenommen, sie würden mit einem anderen Wagen kommen, oder sie wären wieder reingegangen oder …«

Gegenüber von ihr zwang sich Belle zu einem mitfühlenden Lächeln. Die beste Freundin meiner Frau hatte noch kein Wort gesagt, seit sie mit ihrem Mann vor einer Stunde gekommen war. Doch während Belle benommen und abwesend wirkte, verfolgte Smith aufmerksam jedes Wort. Ich konnte fast sehen, wie er alles für eine spätere Analyse in seinem Kopf ablegte.

Doch was würde er entdecken, was ich nicht schon wusste? Sarah hatte uns erzählt, woran sie sich erinnerte, und es kostete mich Mühe, nicht noch mehr vorwurfsvolle Fragen zu stellen. Ihre Geschichte hatte sich kein bisschen verändert, seit ich sie vor ein paar Stunden geweckt hatte. Sie hatte, noch in ihrem Partykleid, auf einem Sofa in der Belgischen Suite gelegen und fest geschlafen. Die Erleichterung, die ich empfunden hatte, als ich sie fand, war von kurzer Dauer gewesen. Sie war allein, und ihre Erklärung, wie sie nach Hause gekommen war, ergab keinen Sinn. Nicht weil sie nicht klar war. Ich glaubte ihr, dass sie ichbezogen genug war, nicht darauf zu achten, dass die anderen nicht mitgekommen waren. Was keinen Sinn ergab, war die Verletzung des Protokolls.

Wer ganz einfach keinen Sinn ergab, war Norris.

Er hätte Sarah nicht mit einem Fahrer nach Hause geschickt, wenn ich ihn bat, sie nach Hause zu bringen. Er hätte meine Frau nicht in einen anderen Wagen gesetzt. Doch was er nicht getan hätte, war nichts, verglichen mit dem, was er getan hätte.

Er hätte meine Frau beschützt, als wäre es seine eigene.

Er hätte sie sicher nach Hause gebracht, wenn ich ihn darum gebeten hätte.

Er würde ans Telefon gehen.

Ich konnte mir nicht erklären, warum er nichts von alledem getan hatte oder warum ich ihn selbst jetzt, Stunden später, nicht erreichen konnte. Vielleicht weil ich der einzigen Erklärung, die zu meinem besten Freund und vertrauensvollen Berater passte, nicht ins Auge sehen wollte. Nur eine Sache hätte ihn davon abgehalten, und diese Möglichkeit mochte ich mir nicht vorstellen, schon gar nicht, solange Clara vermisst wurde.

Im Türrahmen erschien eine Gestalt, ich hob den Blick und sah Georgia, die sich wachsam im Raum umschaute. Nachdem Norris vermisst wurde und Brex gegangen war, hatte sie ohne mit der Wimper zu zucken die Führung übernommen, die normalerweise einem von ihnen oblag. Ich wäre dankbar gewesen, wenn ich nicht auch auf sie wütend gewesen wäre.

»Die Suche ist abgeschlossen«, sagte sie. Sie zögerte einen Sekundenbruchteil, ehe sie mir erklärte, was ich bereits wusste. »Weder Norris noch Clara befinden sich auf dem Gelände. Wir haben das Material aus den Überwachungskameras gesichtet, die zwei sind nie durchs Tor gekommen. Wir versuchen, den Fahrer zu orten, der Sarah nach Hause gebracht hat.«

Ich wartete auf das Aber, das auf den Satz folgen würde.

»Aber wir werden ihn nicht finden«, sagte ich, als sie es nicht tat. »War er auf dem Material aus der Überwachungskamera?«

»Der MI-5 schuldete mir noch einen Gefallen. Die haben das gecheckt. Der Fahrer hat seine Strecke sorgfältig gewählt.« Die Aussage war schlicht, aber mit Bedeutung aufgeladen. Georgia schien – ebenso wie ich – zu verstehen, in was für einer heiklen Lage wir uns befanden. Würden wir diese Information jetzt genauer analysieren, würden wir die anderen womöglich in Panik versetzen. Und es gab noch eine andere Überlegung: Wir vertrauten allen Personen in diesem Raum. Das hieß aber nicht, dass wir ihnen auch vertrauen sollten.

»Ich verstehe das nicht«, platzte Edward heraus. »Wo soll sie sein? Wo ist Norris? Denkst du, dass sie gegangen ist? Ich weiß, dass ihr zwei darüber gesprochen habt.«

Bei seinen Worten setzte mein Herz aus, ich war überrascht, dass sie ihm davon erzählt hatte. Vor allem weil sie sich nach dem Streit, in dem ich sie um ihren Auszug gebeten hatte – um sie und die Kinder vor mir zu schützen –, strikt geweigert hatte, überhaupt darüber nachzudenken. »Das hat sie dir erzählt?«

»Sie erzählt mir eine Menge«, sagte er sanft.

»Sie hat mir gesagt, dass sie auf gar keinen Fall ausziehen wird.« Seine Stimme brach, als ihm die Bedeutung seiner Worte bewusst wurde.

In diesem Moment wünschten wir uns alle, sie hätte mich ganz einfach verlassen. Wir alle wünschten es uns, weil wir eine Sache mit Sicherheit wussten: Clara würde nicht gehen.

Mit jeder Minute, die verstrich, ohne dass wir etwas von ihr oder Norris hörten, wurde klarer, dass es keine harmlose Erklärung für das gab, was passiert war. Wir würden nicht herausfinden, dass sie sich einen Ausflug erschlichen, sich aufs Land zurückgezogen oder einen Unfall gehabt hatte. Mit jedem Moment schied eine weitere Möglichkeit aus und brachte uns dem Albtraum näher, dem ich mich nicht stellen wollte.

»Kann man sie irgendwie orten?«, fragte Smith steif und sah von Georgia zu mir.

»Sarah ist nicht mit unserem Wagen hergebracht worden«, sagte ich. »Wir müssen davon ausgehen …« Ich konnte mich nicht überwinden auszusprechen, was mein Gehirn wusste, mein Herz aber nicht akzeptieren konnte.

»Nicht über den Wagen«, stellte er klar.

Belle, die ins Feuer geblickt hatte, drehte sich um und starrte ihn an. Vor Schreck stand ihr der Mund offen, während sie verarbeitete, was er gefragt hatte. »Sie orten?«

»Nein«, sagte ich kühl. Selbst ich war nicht besitzergreifend genug, um meiner Frau einen Peilsender einsetzen zu lassen. Ich versuchte die leise Stimme in mir zu ignorieren, die sich wünschte, ich hätte es getan, als ich es vor einigen Wochen erwogen hatte. »Wir können sie nicht orten.«

Nicht so.

Sarah entfuhr ein Schluchzer, und sie zog die Knie an die Brust und schlang die Arme darum. »Das ist alles meine Schuld.«

Ein guter Mann hätte seine Schwester vielleicht getröstet, aber ich hatte keine Zeit, mich um sie zu kümmern. Nervenzusammenbrüche brachten uns nicht weiter. Wir brauchten einen Plan, wir mussten alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Tränen und Selbstvorwürfe waren Störungen, die wir uns nicht leisten konnten. »Du solltest ins Bett gehen.«

Sie wischte sich durchs Gesicht und schüttelte den Kopf. »Ich sollte bleiben. Vielleicht fällt mir noch etwas ein.«

Das bezweifelte ich und, den Gesichtern der anderen nach zu urteilen, sie auch. David legte ihr einen Arm um die Schulter. »Komm. Ich bringe dich zurück in die Suite.«

Sarah ließ sich von ihm aufhelfen, blieb jedoch an der Tür stehen. »Alex, darf ich in meinem alten Zimmer bleiben – nur für heute Nacht?«

Ihre Angst drang zu mir durch und hinterließ einen kleinen Riss in der Rüstung, hinter der ich mich verbarg. Alle benahmen sich, als würden wir eine Beerdigung planen, merkte ich, nicht, als würden wir eine Strategie besprechen. Ich schob diesen Gedanken beiseite und nickte. »Natürlich.«

Sie waren noch nicht ganz aus der Tür, als Brex mit grimmiger Miene im Türrahmen auftauchte und zur Begrüßung nickte, als sie an ihm vorbeigingen. Doch als sie weg waren, trat er nicht ein. Stattdessen wartete er, dass ich ihn aufforderte, die Schwelle zu meinem Arbeitszimmer zu übertreten. Eine ganze Weile sahen wir uns durchdringend in die Augen. Das übliche Lächeln war aus seinem Gesicht verschwunden, seine Augen waren schwarze Scherben.

»Ich habe ihn angerufen«, erklärte Georgia. »Wir werden seine Hilfe brauchen.«

Sie hatte ihn angerufen, und er war gekommen. Ich hatte ihn ebenfalls anrufen wollen, hatte mir jedoch keine Illusionen gemacht, dass er käme, wenn ich anriefe. Aber wenn Georgia ihn bat, kam Brex, und ich war froh, dass sie es getan hatte.

»Mein Zugangscode war noch gültig«, sagte er. In seinen Worten steckte eine Frage.

Ich vertraute Brex. Ich hatte gehofft, dass er zurückkommen würde. Allerdings nicht unter diesen Umständen. »Ich bin froh, dass du da bist.«

Das genügte nicht. Eines Tages mussten wir darüber sprechen, warum er überhaupt gekündigt hatte. Ich musste ihm erklären, warum ich meine frühere Beziehung mit Georgia geheim gehalten hatte. Ich musste mich entschuldigen. Aber wahre Freunde tauchten immer auf, wenn man sie brauchte, egal wie sehr man sie verletzt hatte.

Brex trat zu uns ins Büro, wollte sich jedoch nicht setzen, sondern lehnte sich lieber an die Wand. Georgia nahm in dem Sessel Platz, den Sarah gerade verlassen hatte, und atmete tief durch. Dann blickte sie zu meiner Überraschung zu Edward und Belle.

»Wir müssen es ihm sagen. Er muss es wissen«, forderte sie leise, aber mit fester Stimme. Belle öffnete den Mund, sagte jedoch nichts, sondern sah stattdessen mit flehender Miene zu Georgia. Edward ließ den Kopf in die Hände sinken, dann sah er auf und traf ihren Blick.

Ich hatte keine Ahnung, was die drei mir hätten zu sagen haben können, aber mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Ich wartete und fürchtete mich mit jeder Sekunde mehr vor dem, was es sein könnte. Georgia war Claras Leibwächterin, Edward und Belle waren ihre besten Freunde. Clara hatte eine andere Beziehung zu ihnen als zu mir. Sie gingen zusammen shoppen und tratschten, und bis zu diesem Moment war ich niemals eifersüchtig auf einen von ihnen gewesen. Ich bildete mir ein, dass meine Frau mir alles Wichtige erzählte. Bis jetzt hatte ich nie Grund gehabt, etwas anderes zu vermuten.

»Mir was sagen?« Ich zwang die Frage über meine Lippen. Eine Million Möglichkeiten schossen mir durch den Kopf. Vielleicht hatte ich mich getäuscht. Vielleicht wollte sie mich verlassen. Hatte mein Bruder das Thema deshalb aufgebracht? Gab es einen anderen? Diese Möglichkeit war lachhaft, aber als das angespannte Schweigen zwischen ihnen anhielt, zwang ich mich zu der Einsicht, dass ich meine Frau vielleicht nicht so gut kannte, wie ich dachte.

Georgia sah erwartungsvoll zu Belle. »Sag es ihm.«

»Ich?« Belle suchte die Hand ihres Ehemanns.

Eifersucht ergriff mich. Sie hatte jemanden, der sie tröstete und ihr Kraft gab, sich dem Grauen zu stellen.

»Du weißt mehr als ich«, drängte Georgia, »und er muss so viel wissen wie möglich.«

Belle schloss kurz die Augen, und ich erkannte die Geste wieder. Sie bezog Kraft aus einer Quelle, tief in ihrem Inneren – irgendwie schienen alle Frauen eine derartige Quelle zu besitzen. Bei zahlreichen Gelegenheiten hatte ich Clara dasselbe tun sehen. Immer, kurz bevor sie mir etwas gesagt hatte, das ich nicht hören wollte.

Ich machte einen Schritt auf den Schreibtisch zu und umfasste die Kante, um mich zu stützen.

»Es geht um das Baby«, begann Belle, und ich verstärkte den Griff um das Holz. Sie schien es zu bemerken und zögerte.

»Was ist mit dem Baby?« Ich musste mich ermahnen zu atmen, während ich auf ihre Antwort wartete.

»Es gibt ein Problem mit dem Herzen des Babys«, sagte Edward, als offensichtlich wurde, dass Belle es nicht konnte.

»Wie meinst du das?«, presste ich heraus.

Nachdem Edward die Bombe hatte platzen lassen, schien Belle in der Lage zu sein weiterzusprechen. »Es gibt ein Problem mit einer Herzkammer. Das Baby wird … muss nach der Geburt operiert werden. Clara wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Sie dachte, du würdest vielleicht …«

Mehr hörte ich nicht, obwohl sich ihre Lippen weiter bewegten. Das Herz des Babys. Clara hatte mich absichtlich von den Arztterminen ausgeschlossen, weil etwas mit dem Herzen des Babys nicht in Ordnung war.

»Alexander?«, drängte Georgia, als ich nichts sagte.

Ich schüttelte den Kopf und wollte, dass sie fortfuhren. Es kostete mich Kraft, mich auf das zu konzentrieren, was sie sagten, denn innerlich war ich tief erschüttert.

»Sie war bei einem Spezialisten. Er hat ihr geraten, Stress zu vermeiden.« Belle weinte, aber ich konnte kein Mitgefühl für sie aufbringen. Ich konnte nichts fühlen außer Scham. Man hatte ihr was geraten? Wie lange hatte sie es gewusst? Wie viel Stress hatte ich ihr in dieser Zeit zugemutet? Warum hatte sie zugelassen, dass ich sie dominierte, wenn sie es gewusst hatte? Hatte sie deshalb Erlösung bei mir gesucht? Ich dachte an den Moment nach der Pressekonferenz zurück. Ich hatte sie wegschicken wollen, hatte ihr gesagt, es wäre vorbei. Jetzt sah ich vor mir, wie sie auf dem Boden zusammengebrochen war, um Atem gerungen und mich angefleht hatte, sie etwas anderes fühlen zu lassen.

Damals hatte sie es bereits gewusst.

Daran bestand kein Zweifel. In der Erinnerung an diesen Moment konnte ich es sehen – ich würde ihn niemals aus meinem Gedächtnis löschen können. Er war in meine Seele eingebrannt. Ich hatte mich so sehr bemüht, sie aufzugeben – und wenn ich es getan hätte …

Wäre sie dann jetzt in Sicherheit? Hätte das Baby gelitten? Gab es irgendeine Entscheidung, die uns nicht vernichten würde?

»Was passiert?«, murmelte ich und brachte nicht die Kraft auf, lauter zu sprechen, Belle hörte mich trotzdem. »Was passiert mit dem Baby, wenn …?«

Ich konnte es nicht aussprechen. Ich konnte es nicht denken. Ich konnte nicht zugeben, was ich bereits wusste.

Was passiert mit dem Baby, wenn wir sie nicht rechtzeitig finden?

Claras Freunde – ihre wahren Vertrauten – tauschten einen Blick, der genug sagte. Dann flüsterte Belle die Worte, die mich töteten.

»Es tut mir so leid.«

2

Clara

Sie war weg. Einen Wimpernschlag lang hatte ich sie gesehen, und schon war sie wieder in die Tür geflüchtet, aus der sie gekommen war – doch das erklärte nicht ihre geisterähnliche Erscheinung. Einen Moment hatte ich sie für jemand anders gehalten. Dann war ich näher getreten und hatte meinen Fehler bemerkt.

Es war nicht Sarah, was bedeutete, dass Alexanders Schwester woanders war. War sie entkommen? Welche Chance hatte sie, nachdem …?

Ich verdrängte das Bild von Norris’ Gesicht, von dem Blut, das aus seinem Mund strömte, doch zu spät. Mein Magen rebellierte.

Vielleicht spielte mir meine Fantasie einen Streich. Vielleicht hatte ich mir das Mädchen nur eingebildet. Ich musste unter Schock stehen oder unter irgendwelchen Nebenwirkungen von dem, was auch immer sie mir verabreicht hatten. Ich rieb mir schützend über den Bauch und spürte einen beruhigenden Tritt. Hauptsache dem Baby ging es gut, das war alles, was zählte.

Fürs Erste.

Aber wie lange würde das der Fall sein? Ich wusste nicht, wo ich war oder warum ich hier war.

Das Zimmer war warm, wenn auch so gemütlich wie eine Gefängniszelle. Ich wollte es nicht verlassen, um etwas hinterherzujagen, das ein Produkt meiner Fantasie gewesen sein könnte. Doch das Mädchen war das erste Zeichen von Leben, das ich gesehen hatte, was bedeutete, dass mir keine andere Wahl blieb. Nicht, wenn ich uns sicher hier herausbringen wollte.

Der Flur lag genauso still und verlassen vor mir wie vor einigen Minuten. Als ich den Hall meiner nackten Füße auf dem kalten Betonboden hörte, zuckte ich zusammen. Konnten sie mich hören? Wer auch immer mich hergebracht hatte? Ich suchte nach Kameras, konnte jedoch keine entdecken.

Egal, wie sehr ich mich bemühte, das alles ergab keinen Sinn. Wer war sie? Warum war sie hier? Warum war ich hier?

Angst stieg in mir auf und krampfte meinen Magen zusammen, bis ich dachte, ich müsste mich wieder übergeben. Ich kämpfte gegen die Übelkeit an. Ich konnte es mir nicht erlauben, noch mehr Flüssigkeit zu verlieren.

Es gab einen Hoffnungsschimmer in diesem Albtraum: Ich war nicht aus Versehen hier gelandet. Man hatte mich hergebracht. Das tröstlich zu finden war merkwürdig, aber es bedeutete doch sicher, dass jemand kommen würde. Irgendwann. Und wenn es so weit war, würde ich Antworten erhalten. Ich würde danach verlangen.

Und dann würde ich sie um das Leben meines Kindes anflehen.

Das war ein ernüchternder Gedanke. Ich hatte mich die letzten Monate darauf vorbereitet, um dieses Baby zu kämpfen – dafür zu sorgen, dass er oder sie leben würde. Mit so einer Situation hatte ich jedoch nicht gerechnet.

Ich strich mit der Hand über die Wand, aber der Beton gab nichts preis. Es gab keine geheimen Gänge, keine versteckten Türen. Die einzigen waren die, die mir von den beiden Enden des Flurs entgegenstarrten – sie waren verschlossen. Sie führten zu unbekannten Orten.

Es gab auch keinen Hinweis auf das Geistermädchen. Ich musste es mir eingebildet haben. Nach allem, was heute Abend geschehen war – wenn es immer noch heute Abend war –, konnte ich mir nicht trauen.

Ich dachte zurück und ging noch einmal den gesamten Abend durch. Wir waren zu der Geburtstagsfeier gefahren. Alexander und ich hatten uns davongestohlen und uns im Museum geliebt. Meine Gedanken wanderten zu dem Gefühl seiner Zähne in meinem Fleisch. Instinktiv strich ich mit den Fingern über meine Brüste und spürte die empfindlichen Stellen, an denen er mich gezeichnet hatte.

Diese Erinnerung war real. Ein Teil von mir wollte dahin fliehen – zu diesem letzten Moment, in dem ich sicher und beschützt in seinen Armen gewesen war. Doch die Bissspuren erinnerten mich noch an etwas anderes: Ich war stärker, als irgendjemand vermutete.

Das hatte Alexander mir gezeigt.

Jemand meinte, mich brechen zu können. Das war der erste Fehler. Ich rechnete damit, dass noch weitere Fehler folgen würden.

Ich wollte mich nicht von dieser Erinnerung lösen, doch sie half mir nicht weiter. Dennoch gestattete ich mir, noch eine Sekunde daran zu denken, wie sich seine Haut auf meiner angefühlt hatte, konnte ihn noch zwischen meinen Beinen spüren. In mir drohte etwas zu zerbrechen. Wie viel Zeit war seit diesem Moment vergangen? Suchte er jetzt nach mir? Ich sandte ihm einen stillen Gruß.

Er sollte wissen, dass ich am Leben war. Dass ich den Weg zu ihm zurückfinden würde. Ich wünschte, er spürte in diesem Moment meine Liebe. Ich schob den Schmerz beiseite, der mich zu überwältigen drohte, und konzentrierte mich wieder auf die Details der Party. Ich hatte mit Anders getanzt.

Nein, das war, bevor Alexander mich entführt hatte.

Rechtzeitig zum Anschneiden der Torte waren wir auf die Party zurückgekehrt. Mein Magen drehte sich erneut um, und das Baby trat, als wäre es verstimmt über dieses Wechselbad der Gefühle.

Mary hatte einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten.

Warum war alles so verschwommen, je näher ich dem Moment meiner Entführung kam? Etwas hatte ich übersehen, etwas, das nicht an diesem Abend passiert war … Schlagartig fiel mir ein, wie man mich aus dem Child Watch Symposium geschafft hatte. An jenem Tag hatte Alexander auf mich gewartet. Was wäre passiert, wenn er heute Abend auf mich gewartet hätte?

Doch das war unmöglich gewesen. Er war mit seiner Großmutter beschäftigt. Er war mit ihr ins Krankenhaus gefahren. Norris hatte sich um mich gekümmert.

Ich schlug mir die Hand vor den Mund und sank an die Wand.

Wir hatten nicht aufgepasst, weil wir alle auf Mary konzentriert gewesen waren. Wir waren abgelenkt gewesen.

Dass bei dem Angriff auf Child Watch niemand verletzt wurde, war kein Wunder gewesen. Der Angriff war ein Testlauf, bei dem sie die zwei wichtigsten Fakten über mein öffentliches Leben erfahren hatten – Alexander würde immer kommen, um mich zu holen, und Norris würde mich mit seinem Leben beschützen.

Und nun hatten sie beide Hindernisse aus dem Weg geräumt.

Alexander war abgelenkt, weil er ins Krankenhaus gefahren war. Was sie mit Norris gemacht hatten, unserem besten Freund und ständigem Begleiter, wollte ich mir gar nicht vorstellen.

Wenn sie dazu fähig waren, wozu waren sie noch in der Lage?

Ich musste dieses Mädchen finden. Ich hatte sie mir nicht eingebildet. Ich wurde nicht verrückt. Ja, man hatte mir Drogen verabreicht und mich hergebracht, aber jetzt funktionierte mein Kopf wieder einwandfrei. Sie war aus Fleisch und Blut – und die einzige Hoffnung auf Antworten.

Bislang war ich auf und ab getigert und hatte gewartet, dass sie sich zeigte, während ich die Ereignisse durchgegangen war, die mich hierhergebracht hatten. Jetzt packte mich neue Entschlossenheit. Ich eilte zur ersten Tür und drehte den Türknauf. Er bewegte sich nicht.

Der zweite ebenso wenig.

Auch der dritte nicht.

Keiner.

Selbst der Raum, in dem ich aufgewacht war, war jetzt verschlossen. Es gab nur einen Raum, den ich betreten konnte, doch dort warteten keine Antworten auf mich, nur ein zerlesenes Buch und eine Kommode mit Kleidung, die für jemand anders bestimmt war.

Das Geistermädchen.

Ich wusste nicht, wie ich sie sonst nennen sollte. Befand sie sich hinter einer dieser Türen? Warum war sie zu mir gekommen? Das hier musste ihr Zimmer sein. Sie musste mich gesehen oder gehört haben, dass man mich hergebracht hatte. Vielleicht hatte sie Antworten.

Die Tatsache, dass sie sich hinter einer dieser verschlossenen Türen befand, bedeutete allerdings, dass sie keine Verbündete war.

Panik stieg in mir auf, und das Baby wand sich und reagierte auf irgendeinen Hormoncocktail, den meine Angst auslöste.

»Beruhige dich«, befahl ich mir. Alexander würde inzwischen nach mir suchen. Sarah hatte gesehen, was passiert war. Es sei denn, sie war hier.

Es sei denn, sie war bei Norris …

Wenn ich mir aber um ihre Sicherheit Sorgen machte, konnte ich nicht herausfinden, wo ich war. Ich musste zwei Dinge tun – Ruhe bewahren und dieses Mädchen finden.

Das Herz des Babys kam an erster Stelle, aber es war nicht leicht, in dieser schrecklichen Situation buddhistisch gelassen zu sein. Das musste ich aber, zu unser beider Wohl.

Ich klopfte an die nun verschlossene Tür des Raumes, in dem ich aufgewacht war. Ich war lange genug benommen herumgelaufen. Ich hatte lange genug gewartet, dass eine Tür aufging. Ich hatte die Nase voll.

»Hallo?«, rief ich. »Warum zeigt ihr feigen Arschlöcher euch nicht? Soll das ein Scherz sein?«

Das war es nicht. Zumindest nicht die Art Scherz, bei dem man am Ende feststellte, dass Freunde einen die ganze Zeit über gefilmt hatten, während man sich zum Affen machte. Ich wünschte, es wäre so. Ich wünschte, dass eine Tür aufgehen und meine besten Freunde lachend hereinkommen und verkünden würden, dass das der schlechteste Scherz der Welt war.

Nein, dies war kein Scherz. Sobald es um Leben und Tod ging, gab es nichts zu lachen. Ich hatte das schon einmal erlebt. Ich hatte dem Tod ins Gesicht gesehen und würde es jetzt wieder tun.

»Mein Mann findet euch!«, schrie ich, und meine Wut kam wie ein Bumerang zurück und verstärkte meinen Ärger noch. Er würde kommen. Das wusste ich. Das Baby trat so fest, als wollte es diese Meinung unterstreichen. Er oder sie war genauso renitent wie ich.

Gut so, das Baby musste ein Kämpfer sein. Es sollte bald zur Welt kommen und würde bei der Operation die ganze sture Beharrlichkeit seiner Mutter und seines Vaters brauchen.

Aber es konnte auch hier geboren werden.

Diese Erkenntnis traf mich wie ein Schlag. Das Baby sollte noch nicht kommen, aber wenn, was würde dann passieren?

Es war niemand da, um uns zu helfen. Es gab keine lebensrettende Operation. Keine Hoffnung.

Danach suchte ich aber – nach Hoffnung. Ich hätte alles genommen. Einen Fetzen Hoffnung. Einen Krümel.

Doch je länger ich mich umsah und immer dieselben verschlossenen Türen erblickte, desto schwerer wurde es, die Panik zu unterdrücken. Ich wusste nicht, wo ich war. Ich wusste nicht, warum ich hier war.

Ich sank auf dem abgewetzten Teppich in dem kleinen Zimmer am Ende des Flurs auf die Knie und schickte ein Gebet gen Himmel.

Ich betete für Alexander.

3

Alexander

Wortlos stolperte ich aus dem Raum und ging zu unseren Privatgemächern. In jedem Zimmer, durch das ich kam, stieß ich auf Clara und spürte zugleich auf das schmerzlichste ihre Abwesenheit. Im Wohnzimmer waren überall Spuren von ihr: rote Rosen auf dem Beistelltisch – eine sentimentale Geste –, auf dem Sofa lag ein Buch, das sie las, Fotos von uns mit Elizabeth. Im Schlafzimmer war es noch schlimmer, dort fühlte ich mich wie ein räudiger, einsamer Hund, ich hätte jaulen mögen. Ihr Parfüm hing in der Luft, ihr Morgenrock lag über dem Bett. Ich hatte sie einmal gescholten, weil sie das Personal nicht so oft hier hereinließ, doch Clara wollte ungestört sein, insbesondere abends. Als ich den Seidenmorgenrock in die Hand nahm, war ich dankbar, dass sie so stur auf ihrer Unabhängigkeit bestand.

Sie war nicht da. Damit hatte ich gerechnet. Aber hier, in dem privatesten Zimmer des Palastes, empfand ich ihre Abwesenheit stärker, und zugleich fühlte ich mich ihr besonders nah. Die zwei Gefühle rangen miteinander und zerrissen mich innerlich. Ich drückte ihren Morgenrock an mein Gesicht und atmete ihren Geruch ein – Rosen und Vanille – Zuhause.

Ich hatte erwartet, dass mich ihr Duft trösten würde – dass ich mich ihr näher fühlen würde. Stattdessen zwang er mich in die Knie, ich brach zusammen und vergrub das Gesicht in ihrem Duft. Tränen liefen mir über die Wangen, während ich mich an die Seide klammerte, als könnte ich Clara darin irgendwie finden.

Doch sie war weg.

Sie war verloren.

Ich hatte versagt. Ich hatte versprochen, sie zu beschützen, und ich hatte versagt. Ich war besessen gewesen von meiner Aufgabe und hatte alles zu ihrem Schutz unternommen, und dennoch war sie entführt worden. Und an ihrer Stelle war nichts. Ihre Abwesenheit war wie ein schwarzes Loch, das mich zu verschlingen drohte. Zuerst nahm es mir die Beherrschung. Als Nächstes den Glauben. Dann meine Hoffnung, am Ende blieb nichts übrig als eine Hülle, die die Bruchstücke meines Herzens barg.

Mehr war ohne sie von mir nicht übrig.

Meine Finger tasteten nach der Seide, suchten nach Clara und wussten, dass sie sie nie wieder berühren würden. Bald würde ihr Duft verblassen. Bald würde sie aus meinem Leben verschwunden sein, aber niemals aus meinen Erinnerungen. Bald würde aus Clara eine Ansammlung von Erinnerungen geworden sein.

Der Morgenrock glitt mir aus den Händen, und Galle brannte in meiner Kehle. Ich erbrach mich, bis ich körperlich so leer war, wie ich mich fühlte.

Die Tür ging auf, und Edward spähte herein. Sein Blick wanderte zu dem Erbrochenen und dem Morgenrock daneben. Stumm kam er zu mir und kniete sich neben mich, und ich klammerte mich an ihn.

»Wir werden sie finden«, versprach er leise.

»Was, wenn nicht?«, fragte ich. Es gab noch weitere Variationen dieser Frage. Was, wenn wir sie fanden, aber es zu spät war? Was, wenn er sie fand, und sie nicht mehr …? Was, wenn wir uns täuschten? Was, wenn wir sie nicht finden konnten?

»Wir werden sie finden«, sagte er mit der Überzeugung eines Mannes, der seine Seele nicht vom Körper abgespalten hatte. Mir fehlte die Kraft zu glauben, doch ich zwang mich, mich an seine Zuversicht zu halten. »Vielleicht solltest du dich hinlegen«, sagte er milde.

Ich schüttelte den Kopf. Ohne Clara würde ich keine Ruhe finden. Einerseits wäre ich gern in unser gemeinsames Bett gekrochen und hätte mich in den Erinnerungen an ihren Körper verloren, der sich an meinen presste. Andererseits wollte ich dieses Zimmer niederbrennen. Weder das eine noch das andere würde sie mir wiederbringen.

Ich hatte keinen Glauben mehr, aber als ich in mich hineinhorchte, fand ich etwas Wertvolleres: Entschlossenheit. Kalte, eiserne Entschlossenheit. Ich wusste nicht, was meiner Frau zugestoßen war, doch ich würde alles tun, um sie zu finden. Selbst vor einem Verbrechen würde ich nicht zurückschrecken. Keine Sünde war mir zu schwer, kein Opfer zu groß. Ich würde alles tun. Ich war zu allem fähig. Und wenn ich herausfand, wer sie entführt hatte, würde ich das Leben aus ihm herauspressen. Aus einer Person. Aus zehn. Aus hunderten. Mit meinen eigenen Händen würde ich ihnen den Atem rauben.

»Hol Smith«, sagte ich, »Brex. Georgia. Ich muss allein mit ihnen sprechen.«

»Und ich?«, fragte Edward ohne ein Anzeichen von Enttäuschung. Er war schon aus vielen vertraulichen Unterredungen ausgeschlossen worden.

Diesmal überließ ich ihm die Entscheidung. »Ich will dich da nicht mit hineinziehen. Ich werde alles tun, um sie zurückzubekommen.«

»Ich weiß«, sagte er schnell. »Ich auch.«

Ich wich zurück und musterte ihn. Stimmte das? Und wenn, dürfte ich es zulassen? Durfte ich dieses Geschenk annehmen? »Edward, das weiß ich, aber vielleicht solltest du es nicht tun. Kannst du weiterleben, wenn du jemanden getötet hast?«

»Und du?«, fragte er.

»Das tue ich bereits«, sagte ich leise. Ich hatte ja schon getötet – nicht nur im Krieg. Todesfälle, die nicht untersucht, die nicht aufgeklärt worden waren. Ich ging nicht ins Detail, das hätte Edward nicht ertragen.

Wie erwartet schluckte er schwer bei meinem Geständnis. Ich konnte sehen, wie er mit sich rang. Er liebte Clara wie seine eigene Schwester. Ich wusste, dass er alles tun würde, um sie zu retten und mir zu helfen.

»Clara würde nicht wollen, dass du ihretwegen jemanden verletzt. Sie wird mir niemals vergeben, wenn ich das zulasse.«

»Und wird sie dir vergeben, wenn du jemanden verletzt? Wenn du jemanden tötest?« Er stockte bei der Frage, und ich hatte meine Antwort. Edward war bereit, jede Sünde zu begehen, um die ich ihn bat, aber das war nicht nötig. Nicht, wenn ich selbst dazu bereit war. Nicht, wenn es um uns herum Leute gab, die mit dieser Entscheidung leben konnten.

»Das spielt keine Rolle«, sagte ich knapp. »Meine Frau muss mir nicht vergeben, sie muss zurückkommen.«

»Ich will nicht nutzlos herumsitzen. Das habe ich schon genug getan, es reicht für ein ganzes Leben«, sagte Edward bitter. Ich fragte mich, wie viel von der Wut, die ich in ihm spürte, gegen unseren Vater gerichtet war und wie viel davon mir zukam.

»Du kannst einiges tun.« Dinge, bei denen er keine Schuld auf sich laden würde. »Jemand muss sich um Sarah und Belle kümmern und sie beruhigen.«

»Wie lange?«, fragte er seufzend.

Ich hatte erwartet, dass er mir widersprechen würde, aber heute war keine Zeit für kleinlichen Zwist. Wir mussten uns alle fügen. Es wurde Zeit, dass wir alle unsere Plätze einnahmen. »Solange es dauert.«

Mein Arbeitszimmer war zu klein, um anständig planen zu können, außerdem mussten wir vollkommen ungestört sein. Im Morgengrauen versammelten wir uns darum in einem alten Konferenzraum, der meinem Großvater während des Kriegs für geheime Unterredungen gedient hatte. Der Raum war aus verschiedenen Gründen ideal. In der Mitte stand ein großer Besprechungstisch, an dem wir alle Platz fanden, und an der Wand hing eine große Tafel – ein Relikt aus Tagen, in denen man Karten und strategische Bewegungen diskutiert hatte. Ich nahm mir vor, Computer herbringen zu lassen.

»Ein Kriegszimmer?«, fragte Brex und sah sich in dem Raum um. »Wie weit wollen wir gehen?«

»Wir müssen ungestört sein«, sagte ich, knöpfte die Ärmel auf und rollte sie hoch. Irgendjemand, wahrscheinlich Edward, hatte vorgeschlagen, ich sollte duschen, aber wir durften keine Zeit verlieren. Keiner hier hatte geschlafen. Keiner hatte geduscht. Sie waren Soldaten, die auf Anweisungen ihres Königs warteten, und ich würde nicht den Hauch von Schwäche zeigen oder ein Sonderrecht beanspruchen. »Ich will nicht, dass von hier etwas nach außen dringt.«

»Wir werden diese Information nicht unendlich lang unter Verschluss halten können«, sagte Brex und drehte einen Stuhl herum, um sich rittlings darauf zu setzen.

»Darum sollten wir meine Frau schnell finden«, schoss ich zurück. Ich hatte meine Angst und meinen Schmerz weggepackt, damit sie mich nicht länger lähmten. »Ich will eins klarstellen, es gibt nur eine mögliche Lösung: dass Clara nach Hause kommt. Es ist mir egal, was wir dafür tun müssen. Mit wem wir dazu ins Bett steigen müssen. Es gibt nichts, was ich nicht tun würde. Ist das klar?«

Jeder meiner drei Begleiter nickte.

»Wenn einer von euch sich nicht die Hände schmutzig machen will, sollte er gehen. Ich werde ihm deshalb keine Vorwürfe machen.« Niemand stand auf. Niemand ging. Das hatte ich nicht anders erwartet, aber es war mir wichtig zu wissen, dass sie freiwillig hier waren. Jeder von ihnen war zu einem Mord fähig. Jeder von ihnen hatte bereits zuvor getötet, doch die Zeiten änderten sich und Menschen ebenso. »Ich weiß, dass ich viel von euch verlange.«

»Du weißt, warum wir hier sind«, murmelte Georgia.

Wir waren eine Familie – eine seltsame, verdrehte Familie. Wir fühlten uns stärker verbunden, als es Blutsbande vermocht hätten, wobei uns in gewisser Weise auch Blut verband – aber es war das Blut anderer, das an unseren Händen klebte. Vom Krieg. Oder einer Verschwörung. Wir hatten alle für König und Land getötet. Jetzt war es an der Zeit, unsere Hände erneut in Blut zu tauchen. Diesmal für unsere Königin.

»Das war ein gut organisierter Überfall«, sagte Smith und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Ich hoffe, Sie vertrauen den Menschen in diesem Raum.«

»Das tue ich.« Ich wusste, worauf er hinauswollte.

»Es ist unwahrscheinlich, dass dieser Übergriff ohne Unterstützung von innen stattfinden konnte«, sagte er. »Sie müssen jeden überprüfen.«

»Das habe ich bereits angeordnet«, sagte Georgia und erhielt dafür einen scharfen Blick von Brex. Bei dem stummen Vorwurf auf seinem Gesicht kniff sie die Augen zusammen. »Du warst nicht da, um dich darum zu kümmern. Jemand musste nachdenken.«

»Danke«, sagte ich, um jede Diskussion im Keim zu ersticken. »Wenn das stimmt, dann müssen wir einige Leute in Bewegung setzen. Brex, du weißt, wem wir vertrauen können. Teile Leute für den Schutz meiner Familie ein. Elizabeth, Edward, Sarah – ich will wissen, wer auf sie aufpasst.«

Er nickte. »Ich weiß, wen ich nehme.«

»Gut. Ich will dennoch …«

»Und meine Frau?«, unterbrach mich Smith. Er sah mich durchdringend an. »Ich hätte sie fast verloren, weil ich diese Familie geschützt habe.«

»Wenn Sie aussteigen wollen …«, sagte ich kühl.

»Das habe ich nicht gesagt. Ich habe doch schon eingewilligt«, erinnerte er mich, »aber meine Frau ist ebenfalls schwanger, und ich muss mehr Wert auf ihre Sicherheit legen. Vielmehr hat sie oberste Priorität.«

Georgia zog eine Augenbraue nach oben, aber wenn sie erwartet hatte, dass ich ihn zurechtwies, wurde sie überrascht. Von einem Mann wie Smith Price hatte ich nichts anderes erwartet, darum hatte ich Vertrauen zu ihm gefasst. Er war der einzige Mann, der annähernd dieselbe zehrende Liebe für seine Frau empfand wie ich für Clara. Es bedeutete, dass er zu denselben dunklen Handlungen fähig war wie ich. Ich bildete mir allerdings nicht ein, dass er so weit gehen würde wie ich, um meine Frau zu retten. Trotzdem, er war schon weiter gegangen als die meisten.

Jeder in diesem Raum hatte das getan, darum waren sie hier.

»Wollen Sie einen meiner Männer haben? Sehr gern, aber …«

Smith schien darüber nachzudenken. Er selbst hatte darauf hingewiesen, dass wir vermutlich mehrere Verräter in unseren Reihen hatten. Wenn er meine Security nutzte, war es, als würde er Russisches Roulette mit seiner Frau spielen. »Georgia?«

»Ich kenne jemanden.« Damit schien die Sache erledigt. Angesichts ihrer Verbindungen und ihrer Vergangenheit wollte ich nicht mehr darüber wissen.

»Du willst das geheim halten«, lenkte Brex das Gespräch wieder auf das vorige Thema zurück. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie das gehen soll, und verstehe nicht, warum.«

»Weil alles andere die komplette Katastrophe wäre«, sagte Georgia geradeheraus. »Wir werden nicht mehr niesen können, ohne dass die Presse uns dabei filmt.«

»Aber wir können doch nicht so tun, als wäre nichts passiert«, sagte er.

»Da hat er recht. Wir können die Nachricht vom Tod meiner Großmutter nicht länger zurückhalten. Das ist zwar unglücklich, wird aber für Ablenkung sorgen. Sie wird allerdings auch das Interesse auf Clara lenken.« Ich räusperte mich und gab wieder, was der Arzt über die Tabletten meiner Großmutter gesagt hatte. »Es könnte ein ganz normaler Herzinfarkt gewesen sein, aber der Arzt schien zu vermuten, dass mehr dahintersteckt.«

»Wie tief reicht dieses Komplott?« Brex stieß einen leisen Pfiff aus.

»Würde Clara so etwas tun?«, fragte Smith, und alle drehten sich zu ihm um und starrten ihn an. Er hob abwehrend die Hände. »Sie wirkt nett, aber wir haben nicht viel Zeit miteinander verbracht.«

»Das freut mich zu hören«, sagte ich. Allein die Vorstellung, dass meine Frau mit einem anderen Mann alleine sein könnte, riss an meinen Nerven. Ich kämpfte gegen das Bild an, dass sie jetzt mit einem Mann allein sein könnte. Dass jemand sie anfasste. »Nein. Meine Frau hat meine Großmutter nicht vergiftet.«

»Niemand würde es ihr verübeln«, bemerkte Georgia.

Das stimmte. Mary war weder in der Familie noch in der Öffentlichkeit beliebt gewesen. Zumindest bei niemandem, der ihr begegnet war. »Großmutters Tod und gleich darauf die Entführung – das war einfach ein unglücklicher Zufall.«

»Ach, ja?«, fragte Brex. Er und Smith tauschten einen finsteren Blick.

Die beiden wussten etwas. »Raus damit«, befahl ich.

»Der Herzinfarkt Ihrer Großmutter war eine hübsche Ablenkung. Er hat die ganze Party gesprengt«, erklärte Smith. »Sie sind ohne nachzudenken mit ihr ins Krankenhaus gefahren.«

»Ich hatte alles unter Kontrolle«, zischte ich, leicht gekränkt, dass er so eine geringe Meinung von mir hatte. »Ich habe Norris mit ihr weggeschickt. Er hat sich ans Protokoll gehalten und stand mit mir in Kontakt, bis plötzlich Funkstille herrschte.«