Rückkehr des Wächters - Stefanie Bender - E-Book

Rückkehr des Wächters E-Book

Stefanie Bender

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Beschreibung

Er umgeht jede Regel, liebt den Luxus, schöne Frauen und ein kühles Misty Cloud. Doch eine missglückte Rebellion kostete ihn den Job als Schutzengel. Jetzt zählt für Dastan nur noch eines: wieder in die Engeldatei aufgenommen zu werden, um sein unbeschwertes Leben zurückzubekommen. Dafür muss er allerdings eine Aufgabe bewältigen: den verschwundenen letzten Magier der Menschen finden und in Sicherheit bringen. Um ihn aufzuspüren, muss sich Dastan an den Nichtsnutz Edmund wenden. Doch dieser hat wenig Lust, dem Engel zu helfen. Zu allem Überfluss tauchen unheilvolle Schatten auf und aus der ohnehin schwierigen Mission wird ein Kampf auf Leben und Tod

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Seitenzahl: 480

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Rückkehr des Wächters

Stefanie Bender

© 2023 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

Überarbeitete Neuausgabe

Covergestaltung: Ulrike Kleinert – dreamaddiction.de

Printed in the EU

ISBN TB 978-3-95869-498-9ISBN ebook 978-3-95869-499-6

Alle Rechte vorbehalten

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amrun-verlag.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar.

v1/23

Prolog

Die Schreie wurden lauter.

Erste Sonnenstrahlen des nahenden Morgens stahlen sich durch die Milchglasfenster und rückten das Ausmaß des Kampfes ins rechte Licht.

Die Bilder seiner dunkelsten Visionen brachen unverhofft in seine Realität. Obwohl Dastan wusste, dass ihn kein Tagtraum betäubte, hoffte er, jede Sekunde aufzuwachen.

Ihr Handeln hatte eine Spur der Verwüstung nach sich gezogen. Der Tod war gefolgt, doch fand er seine Opfer auf der falschen Seite des Krieges. Erschlagene Rebellen bedeckten den einst reinen Marmorboden und verwandelten ihn in ein Meer von Blut. Nur ein einziger Feind tat seinen letzten Atemzug, als eine Rebellenklinge sein Herz durchbohrte. Alle anderen waren dem Ansturm fast unverletzt entkommen. Allein der Wunsch zu überleben trieb die Aufständischen noch voran. Sie wollten Helden sein, Ritter in einem paradoxen Gefecht – im Namen der Gerechtigkeit. Sie kannten keine Grenzen, keine Skrupel. Dies war ihr größter Fehler … und ihr Untergang. Die Hoffnung schwand mit jedem weiteren Schritt, der sie tiefer in die Halle des Gerichts hineinführte.

Der Weg war versperrt. Hier endete die Flucht der drei Rebellen – Elise, Mirelle und Dastan gaben auf.

Als die Sicherheitspatrouille die Tür aufstieß und die Halle stürmte, zogen sich die anwesenden Richter in die Schatten zurück. Speere richteten sich auf die Eindringlinge.

Es war die richtige Entscheidung gewesen, die Kameraden zurückzulassen und die Wachen abzulenken. Ethan und Snapz führten die Letzten der Gemeinschaft unbemerkt aus dem Gebäude, hin zur verborgenen Siedlung. Der Preis für diese Freiheit war enorm. Er war nichts geringeres als das Ende. Das Ende einer missglückten Revolte. Sie wehrten sich nicht, als die uniformierten Engel sie hinunter auf die kalten Fliesen drückten und ihre Hände auf dem Rücken fesselten. Es war aus. Vorbei. Elise weinte und flüsterte Dastan etwas zu, doch er hörte sie nicht. Das Rauschen in seinen Ohren übertönte jedes Geräusch. Er wandte seinen Blick von ihr ab und sah in die Augen seines Vaters. Nur kurz war er aus den schützenden Schatten herausgetreten. Auch seine Lippen formten Worte, jedoch konnte und wollte Dastan sie nicht verstehen. Sein Erzeuger war ein Richter. Ein Feind.

Die zwei Frauen verteidigten sich gegen die rüden Griffe der Wachen, die sie auf die Beine zogen. Elise schrie vor Wut und versuchte, in die Hände der Wache zu beißen. Die Faust war zielsicher und traf sie hart an der Schläfe. Bewusstlos sackte sie in sich zusammen.

Dastan brüllte und bäumte sich auf. Niemand durfte ihr wehtun. Niemand durfte sie berühren. Das würden sie bereuen!

Doch sein Widerstand wurde durch zwei Männer gebrochen, die ihn erbarmungslos festhielten. Er konnte sich nicht drehen. Was geschah nur hinter seinem Rücken? Schritte hallten auf den Marmorplatten. Ein kurzer Lufthauch, ein dumpfer Schmerz. Dastan stürzte in einen Abgrund aus tiefster Dunkelheit.

»Im Namen des Volkes von Tutela ergeht folgendes Urteil:

Die Angeklagten Mirelle und Elise Elaah sowie Dastan Davani werden der Rebellion für schuldig befunden. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass sich die Beschuldigten dem Regiment widersetzt haben. Allein der Gedanke, die Regierung zu stürzen, ist strafbar.

Die Angeklagten der Familie Elaah werden als Anführerinnen der Rebellen in das Exil verbannt. Das Stutzen der Flügel sehen die Geschworenen als nicht notwendig an, da die Zeit des Exils nicht begrenzt ist. Verbannung auf Lebenszeit.

Dem Angeklagten Dastan Davani wird aufgrund der Beihilfe zur Rebellion der Titel des Wächters hier und heute offiziell aberkannt. Die Schutzengelakte wird der Engeldatei entnommen und archiviert. Alle Präferenzen, Vergünstigungen und Vorrechte werden ihm hiermit entzogen.«

****

Dastan stand vor seiner Veranda, am Steg des Kristallsees, und blickte abwesend über das ruhige Wasser. Einige Engelsrosen und schwirrende Libellen rundeten das paradiesische Bild ab. Für ihn jedoch war es nicht mehr als eine bunte Fassade. Schwere Schritte näherten sich ihm, deren Rhythmus er nur allzu gut kannte. Seine Lippen verzogen sich zu einem freudlosen Lächeln. »So hast du dir die Karriere deines einzigen Sohnes nicht vorgestellt, nicht wahr?«, begann er das Gespräch. »Du hast sicher nicht gedacht, dass der erfolgreichste Wächter aller Zeiten aus der Engeldatei geworfen wird.«

Der ergraute Richter trat neben ihn und schüttelte enttäuscht seinen Kopf. »Nein, ich hätte mir nie vorstellen können, dass mein Sohn freiwillig aus der Datei aussteigt.«

Dastan hoffte, sich verhört zu haben. Wo war Elfar gewesen, als der Richter das Urteil verkündet hatte. »Freiwillig? Vater, sie haben mir den Titel aberkannt. Sie haben mein Leben gestohlen!«

»Nachdem du dich aus freiem Willen für den Weg der Aufständischen entschieden hattest. Deine Entscheidung, ein Rebell zu werden, war gleichzeitig der Ausstieg aus der Elite der Wächter. Das Urteil war lediglich der endgültige Vollzug.«

»Aber Vater, ich ...«

»Dein eigener Wille, dein eigener Entschluss!«, unterbrach ihn der Richter. Er klopfte Dastan auf die Schulter und wandte sich zum Gehen. »Nun bist du einer von Vielen. Wie lange kann ein Davani das akzeptieren?«

I. Der Auftrag

4 Jahre später

Die Hand war kalt. Schwer legte sie sich auf seine Schulter und drückte Dastan zu Boden. Es umfing ihn Verzweiflung. Ein schmerzhaftes Gefühl, das auch die kleinste Hoffnung zerstörte. Auch die Stimmen, der Singsang der Gelehrten, brachten keine Wärme in ihm hervor. Männer und Frauen umringten ihn, wiegten sich zum Klang der düsteren Melodien. Die Emotion war falsch, ein Fehler. Manipuliert von der Besorgnis. Er fühlte sich wie ein hilfloser Säugling, doch kniete dort keinesfalls ein Kind. Er war ein gestandener Mann mit der Aussicht auf Wiedergutmachung. Warum empfand er dann solche Furcht? Die Kälte fraß sich in sein Leinenhemd, welches sie ihm am Eingang übergestreift hatten. Ein Schmerz durchfuhr seinen zitternden Körper. Schleier tanzten vor seinen Augen und beraubten ihn der Wirklichkeit. Die Hand war kalt. Sie verformte sich, wand sich wie eine Schlange. Finger wuchsen, wurden länger, mutierten zur dämonischen Klaue und gruben sich tief in sein Fleisch. Krampfhaft unterdrückte er den Schmerzensschrei, der seine Kehle unaufhaltsam hinaufzukriechen drohte. Der Boden war weiß. Weiß wie die Wände, weiß wie das Leinenhemd. Jede dritte Fliese war mit einer Gravur versehen. Das Zeichen der Engel: Zwei gekreuzte Flügel mit einem blauen, wachsamen Auge in deren Mitte.

Die Klaue stieß tiefer zu. Tränen traten in seine Augen. Leid, nichts als Leid und Schmerz.

»Dastan Davani!«

Er horchte auf. Jemand nannte ihn beim Namen. Nicht das Wesen, welches ihn peinigte. Die Stimme drang von weiter her zu ihm durch. Die Qual in seiner Schulter benebelte seine Sinne. Schweiß rann seine Wirbelsäule hinunter. Die Angst hatte der Hoffnung längst das Herz herausgerissen. Es war vorbei. Kein Wächter der Welt konnte dieses Leid ertragen. Er gab sich der Dunkelheit hin. Sollte der Dämon ihn holen.

Wohltuende Wärme streichelte seine Haut und vertrieb die Furcht vor dem Tod für Sekunden – doch die Geborgenheit zerplatzte wie Seifenblasen. Blut. Klebriges, lauwarmes Blut lief an seiner Schulter herab. Er wollte schreien, doch erneut drückte es ihn zu Boden. Er sah die messerscharfen Nägel, die in aller Ruhe sein Schlüsselbein aufritzten. Aus Finger wurden Krallen, aus Krallen längliche verbogene Klauen. Fast leidenschaftlich strichen sie über die tiefe Wunde, hinauf zu seinem Kehlkopf. Er wollte dem Monstrum ins Antlitz sehen, doch vor seinen Augen verschwamm jegliches Bild. Nur seine langen, von Arterien durchzogenen Arme, die sich um seinen Körper schlangen, konnte er erkennen.

»Dastan Davani!«

Die Halle gab das Echo wieder. Er hörte seinen Namen und dieses Mal vernahm auch die Kreatur den Ruf. Sie schreckte auf. Ruckartig zogen sich die Fänge aus seinem Fleisch. Scharf sog der Engel die Luft zwischen den Zähnen ein. Das Monster hatte aufgegeben. Aber er hatte sich nicht gewehrt, war bereit, zu kapitulieren. Aus welchem Grund ließ es ihn am Leben? Etwas legte sich auf seine Schulter. Doch die Klaue drückte ihn nicht zu Boden. Die Hitze war verflogen. Fast schon väterlich fühlte sich die Berührung an. Endlich fand er den Mut, seinen Kopf zu drehen. Freudentränen traten ihm in die Augen: Hand und Finger waren die eines Engels. Fein, blass und vollkommen.

»Dastan Davani! Wächter des hohen Gerichts. Erhebe dich und nimm deinen Auftrag in Empfang.«

Vorsichtig hob Dastan den Kopf. Schleier tanzten vor seinen Augen. Er kniete in der Halle des hohen Gerichts. Sonnenstrahlen durchfluteten die Milchglasfenster. Kein Blut zierte die Wände, keine tödlichen Klauen waren drohend erhoben. Die Dunkelheit wich vor dem unschuldigen Weiß des Marmors zurück. Dutzende Engel, Männer wie auch Frauen, blickten auf ihn nieder. Was um alles in der Welt war nur geschehen? Er berührte sein Schlüsselbein. Nichts. Es war unversehrt. Konnten Wachträume schmerzen? Verwirrt kniete er auf dem Boden der Halle. Auf einmal zog ihn ein Mann in die Höhe.

»Worauf wartest du, Dastan? Steh auf und geh nach vorne!«

Vorsichtig tat er einen Schritt nach dem anderen, begleitet von unzähligen Augenpaaren, die jede seiner Bewegungen verfolgten. Noch immer glaubte er, den Schmerz und die Kälte zu spüren. Warum sahen ihn alle so hasserfüllt an? Niemand sprach, nicht mal ein Flüstern. Sie waren ihm nicht freundlich gesonnen, er spürte es. Sie wollten ihn nicht hier haben. Aber weswegen war er überhaupt an diesem Ort? Es gab einen Grund, weshalb er durch diese Halle schwankte und dieses helle Hemd trug.

»Dastan, was ist los mit dir? Reiß dich zusammen. Das hier ist deine letzte Chance!« Die letzte Chance! Die einzige Möglichkeit! Der Auftrag! Die Engeldatei! Er erinnerte sich. In wenigen Sekunden nahm er die wichtigste Mission seines Lebens entgegen. Nach vier langen Jahren des Bangens konnte er beweisen, dass er es wert war, wieder ein Teil der Engeldatei zu werden. Dies war der Weg, seinen Platz im Kreis der Wächter zurückzuerlangen. Seine Schritte wurden fester. Mit erhobenem Haupt trat er vor das Marmorpult.

Ein Blitz hinter zusammengekniffenen Lidern, ein stechender Schmerz in der Schulter, die Klaue holte aus. Dastan riss schützend die Arme in die Höhe.

»Um Tutelas Willen, Dastan, was soll das? Wir sind in einer Auftragsübergabe!« Ein Taumeln inmitten von Wirklichkeit und Traum. Hatte er am Abend zuvor ein Misty Cloud zu viel getrunken? Der Engel rief sich zur Ordnung. Tief atmete er ein und aus. Sein Puls senkte sich. Erst seit wenigen Tagen wusste Dastan, dass er eine letzte Chance bekommen und einen Auftrag in Empfang nehmen sollte. Die Engeldatei hatte ihn auserwählt. Sie mussten seine Akte also wieder in das Computersystem zur Wächterermittlung eingespielt haben. Das war die Gelegenheit, wieder einen festen Platz in der Elite der Wächter zu erlangen. Er war bereit.

Die sonore Stimme des höchsten Richters Onriell ertönte: »Erneut wird heute vor dem hohen Gericht ein Wächterauftrag übergeben! Dieser Tag wird in die Geschichte Tutelas eingehen. Der Engel, der den heutigen Auftrag in Empfang nimmt, ist erstmalig nicht mittels der Engeldatei auserwählt worden.«

Ein Raunen ging durch die Menge der Wartenden. Bedenken und Zweifel spiegelten sich in den Gesichtern.

»Ich bitte um Ruhe!«, bat der alte Onriell, der hinter das Pult trat, um imposanter zu erscheinen. »Auf Grund der Besonderheit dieser neuen Mission war es nicht realisierbar, die Auswertung der Datei abzuwarten. Die Bedenken, die viele von Ihnen nun hegen, sind verständlich. Jedoch können Sie sich sicher sein, meine Damen und Herren, dass die zuständigen Richter diese Entscheidung nach bestem Wissen und Gewissen getroffen haben.«

Ein Gemurmel ging durch die Reihen der anwesenden Engel. Sie steckten die Köpfe zusammen. Manche starrten Onriell verständnislos an, bis ein Mann aus einer der hinteren Reihen das Wort ergriff.

»Darf ich sprechen, Richter Onriell?« Das Nicken des Ältesten ließ ihn entschlossen nach vorne treten. »Bitte verzeiht meine Zweifel an der Arbeit des Gerichts, doch wie kann ein seit hunderten von Jahren genutztes Medium einfach übergangen werden? Die Datei ist der Grundstein der Sicherheit!«

Die erhobene Stimme schenkte auch anderen Zuhörern Mut. Schon trat der Nächste hervor. »Wie auch mein Vorredner hege ich starke Zweifel. Wie kann das hohe Gericht sicher sein, dass dieser Mann der Richtige für die Mission ist? Stellt das Gericht die Erfindung der Alten Wächter in Frage?« Zustimmende Worte ertönten aus der Masse.

»Niemand stellt die Tauglichkeit der Engeldatei in Frage. Uns blieb in dieser Angelegenheit keine Zeit für langwierige Bürokratie, doch kann ich Ihnen versichern, dass Sie uns auch in Zukunft Ihr uneingeschränktes Vertrauen entgegenbringen können.« Missmutig blickte der alte Richter in die Menge, als erwartete er weitere Engel des Volkes, die ihm unangenehme Fragen stellten.

Just in diesem Moment zwängte sich ein Mann in die erste Reihe. Dastan verdrehte die Augen, als er die Person erkannte. Dergil, dieser Idiot, dachte er, als er den verhassten Bekannten erblickte.

Ohne die Menge um Ruhe zu bitten, klagte Dastans ehemaliger Mitschüler an: »Ich frage mich, verehrter Richter Onriell, welch besonderer Auftrag dahinter steht. Wie dringlich kann diese Aufgabe sein, um das Werk der Alten Wächter in Frage zu stellen, nein, es unüberlegt zu übergehen? Ich zweifle nicht nur an der Art und Weise Eurer Arbeit, sondern auch an der Wahrheit Eurer Worte!« Bestürzte Ausrufe hallten durch das Gebäude. Fassungslos hielten sich die Frauen die Hand vor den Mund, während die Männer ungläubig den Engel vor sich anstarrten. Auch Dastan stockte kurz der Atem. Überrascht hob er eine Augenbraue. Mikael Dergil war für seine Stümperhaftigkeit bekannt, doch die Richter der Lüge zu bezichtigen, war schon ein anderes Kaliber. Wenn es schlecht für Mikael ausging, dann würde er angezeigt werden und einen eigenen Prozess erhalten. Das Angehen der Richter, egal auf welche Weise, galt als Straftat. Die Sache begann interessant zu werden. Wie würden die Richter reagieren? Vor allem der alte Onriell. Seine Schlagfertigkeit hatte schon bessere Zeiten erlebt. Onriell winkte Jalfur, seinen Stellvertreter, herbei und flüsterte in sein Ohr. Kaum einen Moment später wandte er sich wieder seinem Publikum zu. Dastan sah, wie der alte Richter zitterte.

»Ich bitte um Verzeihung, verehrte Versammelte, aber ich bin alt. Ich muss ruhen. Daher gebe ich das Wort an meinen Stellvertreter. Er wird alle Fragen beantworten und die Auftragsübergabe weiterführen.« Onriell trat vom Podest herunter und verschwand durch eine Seitentüre. Kurz herrschte Stille.

»Meine Frage wurde nicht beantwortet!«, empörte sich Mikael.

»Ist das so?«, begann Jalfur, der hinter das Pult getreten war. »Verzeiht mir, Mikael Dergil, ich muss Euch wohl überhört haben. Könnt Ihr Euer Anliegen noch einmal wiederholen? Aber bitte in einer entsprechenden Kürze, wir haben keine Zeit und auf Kunstpausen legen wir keinen Wert.«

»Habt Geduld, Jalfur, Erwählter des Hohen Rates. Ich werde meine Frage gerne noch einmal wiederholen, doch warum erhalte ich die Antwort von Euch und nicht vom Vorsitzenden?«

»Wenn Ihr Euch schon als Redner vor das Publikum stellt, solltet Ihr besser aufpassen, was besprochen wird«.

»Ebenso wie Ihr!«

Dastan konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als sich Jalfurs Hände in die Platte des Pultes krallten. Er sah seinem ehemaligen Lehrer an, dass es in ihm brodelte.

»Los jetzt, Dergil! Ich habe noch etwas anderes zu tun, als mich mit dir herumzuärgern.« Der Wechsel ins vertraute »Du« warnte den jungen Engel. Er räusperte sich, dann wiederholte er seine Worte: »Ich zweifle nicht nur an der Art und Weise Eurer Arbeit, sondern auch an der Wahrheit Eurer Worte ...«

»Ihr wagt es, uns der Lüge zu beschuldigen?«, fuhr der Richter mit wütender Stimme dazwischen. Doch Mikael ließ sich nicht beirren und sprach ohne Stocken weiter: »Denn eine Frage steht über allen: Warum soll ausgerechnet Dastan Davani diese Mission ausführen? Wurde er nicht erst vor wenigen Jahren suspendiert, weil er sich den Aufständischen angeschlossen hat und einer Rebellion beiwohnte? Und der ein oder andere Bruch der Wächterregeln sollte hierbei auch nicht in Vergessenheit geraten. Zum Beispiel die Affäre mit einer Menschlichen, auf Grund derer er abgemahnt wurde. Dastan Davani sollte in das Nihili abgeschoben werden, nicht als Schutzengel in die Menschenwelt!« Zustimmende Worte hallten aus allen Winkeln des Gebäudes, welche Dastan ein flaues Gefühl in die Magengegend trieben. Zwar hatte sich das Gericht bisher noch nie in seinen Entscheidungen beeinflussen lassen, doch lebte das Volk streng nach den Gesetzen der Alten Wächter. Bei gesetzeswidrigen Handlungen gegen die Wächterregeln wurden harte Strafen gefordert.

»Das hohe Gericht hat Stillschweigen über die Missionen der Wächter zu wahren. Ich bitte, das zu respektieren. Und was den Auserwählten angeht, hast du natürlich recht, Mikael Dergil. Jedoch ist er der am besten geeignete Kandidat für diesen aktuellen Auftrag. Dastan kennt sich in der Heimat des neuen Schützlings bestens aus. So ersparen wir uns unnötige und zeitraubende Recherche«, erklärte Jalfur und blickte dabei direkt in Mikaels Augen. »Oder willst du selbst die Mission in Empfang nehmen und nach Solum, in die Menschenwelt, reisen?«

Eine minimale Pause entstand, in der sich die beiden Parteien schweigend anstarrten. Man hätte glauben können, die Blitze zu sehen, die zwischen ihren Augenpaaren aufflammten. »Ach, nein«, sprach Jalfur weiter. »Die Reifeprüfung zum Erlangen des Wächtertitels hast du ja nicht zureichend abgelegt. Der Beruf des Schutzengels blieb dir verwehrt. Verzeih, das hatte ich vergessen. Leider ist es mir untersagt, einem niederen Drehstuhlpiloten lebendes Schutzgut anzuvertrauen.« Stille herrschte im Saal. Alle Augenpaare wanderten vom triumphierend lächelnden Richter zu Mikael, in dessen Augen Tränen der Wut und der Scham glänzten. Seine Lippen bebten, während er seine Hände so fest zu Fäusten ballte, dass sich die Fingerknochen unter der rosigen Haut weiß abzeichneten. Er öffnete seinen Mund, als wollte er noch einmal Jalfur entgegentreten, doch drehte er sich ruckartig um, drängelte sich rüde an den Zuschauern vorbei und verschwand zwischen ihren Körpern.

Der Richter hatte die richtigen Worte gewählt. Nun war sich Dastan sicher, endlich nach vorne treten zu können. Er wollte den Auftrag schnellstmöglich in Empfang nehmen und hier verschwinden. Die kalten Wände der Halle und die vielen Engel engten ihn ein. Außerdem war er schon wieder genervt von dieser Zeremonie. Warum in aller Welt musste das einfache Volk bei der Übergabe dabei sein, warum hatten sie das Recht, Fragen zu stellen? Doch die Auftragsübergabe wurde erneut unterbrochen. Die Stimme gehörte einem Mann mittleren Alters, der ein kleines Mädchen an der Hand hielt. Dastan kannte ihn nicht und verdrehte ermüdet die Augen.

»Ungeachtet dessen, was wir soeben gesehen und gehört haben, hat das Volk der Engel das Recht zu erfahren, warum in diesem Fall so gehandelt wurde«.

Tief atmete Jalfur hinter dem Pult ein, dessen Rand er krampfhaft mit den Händen umklammerte. Nahezu unbemerkt wechselte er einen hastigen Blick mit der Richterin Philinea, die unweit von ihm wartete. Als sie ihm ein kaltes Nicken zur Antwort gab, räusperte er sich, bevor er sprach: »Der Anlass für die überstürzte und kurzfristige Handlung ist ein junger und wichtiger Mensch, der in Lebensgefahr schwebt. Er wird verfolgt. Man trachtet nach seinem Leben. Wir sind für die Unversehrtheit der Menschen verantwortlich. Folglich werden wir hier und jetzt, ohne noch weitere Fragen zu beantworten, die Aufgabe an unseren Wächter übergeben. Es geht schließlich um ein Leben. Um das Leben des letzten Magiers der Menschenwelt.«

Stille. Kein Ton hallte in der Halle des Gerichts wider. Beschämt sahen die Engel zu Boden. Wie hatten sie nur die Entscheidungen der Richter in Frage stellen können? Dastan erkannte, dass dem Großteil des Engelsvolkes eines noch am Herzen lag: die Sicherheit und das Leben der Menschen. Das war seit jeher die Aufgabe der Engel, ihre Mission, und die Besten unter ihnen waren dafür verantwortlich. Er war einer davon. Die Masse der Zuschauer spaltete sich und machte Platz, um Dastan endgültig vortreten zu lassen. Der Engel schritt hindurch und trat vor das Pult. An dieser Stelle hatte er schon oft gestanden. Hier auf der erhöhten und größten der Marmorplatten, hier auf dem Stein der Wächter.

Drei Richter traten hervor. Einer davon war Jalfur, in dessen Händen die lang herbeigesehnte Hoffnung lag: Ein Umschlag, verschlossen mit einem silberfarbenen Siegel. Dastans Ungeduld wuchs. Zu gerne hätte er dem Richter den Brief entrissen. Es ging ihm alles zu langsam. Links von Jalfur stand Philinea. Ein weiblicher Engel mittleren Alters und mit wundervollen blonden Locken. Mit ihrem Äußeren erfüllte sie vollends das Klischee der Engel, welches in den Köpfen der Menschen seit langer Zeit verankert war. Der Dritte unter ihnen trug den Namen Elfar. Ein von grauen Strähnen durchzogener Kinnbart zierte sein Gesicht. Sein Haar, kurz und gepflegt, ein typischer Männerschnitt, übernommen von den Menschen, hatte die vollste Zeit bereits hinter sich gebracht. Auch wenn Frisur sowie Statur sich nicht sonderlich ähnelten, erkannte man die Ähnlichkeit der zwei Männer auf den ersten Blick. Dastans Blick wanderte von seinem Vater zurück zu Jalfur, der nach vorne trat und ihm den weißen Umschlag überreichte.

»Ich bitte um Euer aller Aufmerksamkeit!«, begann er mit erhobener und bestimmter Stimme. »Dastan Davani, Wächter Tutelas, hier ist dein Auftrag!«

Ein lauter Gong ertönte, als Dastans Hände den Brief entgegennahmen. Der Schlag der großen Glocke war in ganz Tutela zu hören. Ein neuer Auftrag war vergeben worden – jeder sollte es erfahren. Die Säulen der Halle vibrierten und für einen Augenblick hatte Dastan das schmerzhafte Gefühl, die Klaue auf seiner Schulter zu spüren. Er biss die Zähne zusammen. Alles nur Einbildung. Alles nur Einbildung.

Behutsam entfernte er das Siegel. Ein gefalteter weißer Zettel kam zum Vorschein. Tief atmete Dastan ein und aus. Der Auftrag seines Lebens. Würde er einem König dienen oder eine Zarin schützen? Eine reiche Millionärstochter oder einen Präsidenten?

Dastan faltete das Papier auf und las den in Großbuchstaben geschriebenen Namen und die Daten seines menschlichen Schützlings. Um ihn herum herrschte gespannte Stille:

Edmund Badocha

23 Jahre, alleinstehend, arbeitslos

Abschluss: Abitur (Note: 3,8)

Abgebrochenes Naturwissenschaftsstudium

Abbruch zweier angefangener Ausbildungen

Problematiken: Alkohol und Drogen

Verwandtschaft (zurzeit keine Art von Kontakt)

Eltern: Helena und Hugo Badocha, Geschwister: keine

Großvater: Balduin Badocha

Freundeskreis: Tommy Moreeno

Zukunft/Perspektive: keine

Wichtigkeitsgrad des Auftrags: sehr hoch

Nähere Informationen erhalten Sie durch das Hohe Gericht. Sie werden über Ort und Zeit durch einen Boten benachrichtigt.

Mit freundlichen Grüßen

Hohes Gericht von Tutela

Wollt ihr mich verarschen?, hallte es in Dastans Gedanken. Das konnten die Richter auf keinen Fall ernst meinen! Nach all der langen Wartezeit stand er in der Halle des Hohen Gerichts, um den Auftrag entgegen zu nehmen, der ihn zurückbringen sollte zu Ruhm und Ehre. Mit dieser Mission musste er beweisen, dass sein Rauswurf aus der Engeldatei ein großer Fehler gewesen war. Keinen Moment hatte er gehofft, eine simple Mission zu erhalten, doch das, was er da in der Hand hielt, das war ein Witz! Wollten sie ihn bloßstellen? War es der Zweck des Gerichts, ihn bis auf die Knochen zu blamieren? Nein, das war nicht ihre Art. Egal was sie planten, sie taten es aus Überzeugung und mit großer Ernsthaftigkeit. Edmund Badocha. Sollte dieser Junge wirklich eine Herausforderung sein?

Dastan blickte wie benommen von dem Schriftstück auf und direkt in Elfars Gesicht. Sein Blick war unerbittlich. Er wusste, was in Dastan vorging. Mit seinen drängenden Augen forderte er ihn wortlos auf, die Annahme zu vollenden.

Sei still Dastan. Sag nichts, gar nichts. Nimm den Auftrag an und dann hau ab. Geh jeglicher Gefahr aus dem Weg. Du bist so weit gekommen, mach es nicht kaputt. Er ordnete seine Gedanken, schaute noch einmal in die Augen seines Vaters und die Jalfurs. Dann stand er auf, riss den Brief in die Höhe, bevor er sich vor den Richtern des Hohen Rates verneigte und sich so für die übergebene Mission und das Vertrauen bedankte.

»Ich nehme den Auftrag an!«

Jubelrufe und tobender Beifall erschallten, versetzten den weißen Raum in einen Ausnahmezustand. Noch nie in der Geschichte Tutelas hatte ein verurteilter Rebell eine Chance erhalten, Ruhm und Ehre zurückzuerlangen. Dastan sah nur Fratzen. Hässliche Gesichter, die ihm schadenfroh entgegenlachten. Schnellen Schrittes lief er durch die Gasse, die ihm in der Masse geöffnet wurde. Die Blicke der Engel bohrten sich in seinen Rücken. Mit großem Schwung stieß er die Flügeltüren des Gerichts auf und trat ins Freie. Endlich konnte er wieder atmen.

II. Der Rebell

Sein Weg führte an den Wolkenalleen vorbei Richtung Schwebendes Gebirge. Vorüber an den Glasflüssen, am Kristallsee und über die Brücke des Bachs der Kleinen Flügel. Er ließ das alte Haupthaus der Ausbildungsstätten, das hinter einem gepflegten Vorgarten lag und von einer Marmormauer umgeben wurde, unbeachtet hinter sich. Er hatte die Schule gehasst und doch war es sein größter Wunsch gewesen, ein Schutzengel zu werden und den Titel des Wächters zu erlangen, egal was er dafür opfern musste. Nach Abschluss der aufwendigen Ausbildung waren viele seiner Aufträge von Erfolg gekrönt gewesen. Eine Vielzahl an Auszeichnungen hatte ihm schließlich den Weg in die Elite der Schutzengel erleichtert: die Engeldatei. Doch auch die Schattenseite des Ruhmes blieb dem Engel nicht verborgen. Dastan sah sich als Sieger und lachte über die Regeln, die ihm als Wächter auferlegt wurden. Es folgte ein Fehltritt nach dem anderen – kurzzeitige Entgleisungen. Er konnte noch heute nicht nachvollziehen, wieso die sexuelle Erfahrung mit einer Menschenfrau als schlimmes Vergehen angesehen wurde. Die Engel waren bemüht, sich die weit gefächerten Wissenschaften der Menschen anzueignen, warum blieben fleischliche Gelüste dabei so weit im Hintergrund? Sie hatte sich ihm hingegeben, ohne etwas von seiner Übernatürlichkeit zu ahnen. Ein verführerisches junges Ding. Fast bedrängt hatte sie ihn. Er hatte sich ihr nicht widersetzen können. Sie war jung, fremd und unerfahren. Alles an ihr war so anziehend, dass es ein Leichtes war, die Regeln der Wächter zu verdrängen. Doch nicht nur die weiblichen Reize ließen Dastan von einem Missgeschick in das nächste treten. Der Reiz des Unbekannten, die Sucht nach Adrenalin und seine Liebe zu einer Engelsfrau hatten ihn zu einem Schritt bewogen, der sein Leben für immer verändert hatte: Er war den Rebellen beigetreten. Mit Leidenschaft und Entschlossenheit hatte er alles in seiner Macht stehende getan, um die Gemeinschaft zu unterstützen. Doch kaum war das erste Jahr verstrichen, kamen ihm Zweifel an seiner Entscheidung. Kein Lohn war in seine Taschen geflossen, sein Haus am Steg des Kristallsees war das Einzige, was er nicht hatte aufgeben müssen. Das Rebellendasein hatte ihm die Möglichkeit gegeben, Rache zu üben an denen, die ihn Auftrag für Auftrag schikaniert hatten und ihm immer wieder Steine in den Weg legten. Auch die Beziehung mit der schönsten aller Engelsfrauen war um einiges leichter geworden. Doch das war Vergangenheit. Elise Elaah war nicht mehr unter ihnen. Fort – für immer. Nichts hielt ihn mehr bei den Aufständischen. Eine missglückte Mission, der Tod von vielen Freunden, die Verbannung seiner Liebe und das Leben als ewiger Staatsfeind ohne Geld konnte er nicht mehr ertragen. Das Angebot der Richter, seine Taten ungeschehen zu machen, nahm er dankend an. Und dann das! Zornig zog er das Leinenhemd aus und warf es in den nächsten Mülleimer, bevor er den asphaltierten Weg überquerte und den Pfad zu den hüttenartigen Häusern einschlug; der Siedlung der Rebellen. Nach der misslungenen Revolte war Ruhe in die Reihen der Rebellen eingekehrt. Die Anführerinnen waren verbannt und schwere Strafen verhängt worden. Die Geflüchteten zogen wenige Wochen später zurück in ihre Siedlung. Der Schock des Verlusts und Versagens saß tief und wuchs zur Schwermut heran, die eine Decke der Stille über die Rebellen legte. Sie fürchteten um ihr Leben und ihre Freiheit. Die Richter begnadigten jedoch die Flüchtlinge. Die Strafen der Rebellenanführer sollten Warnung genug sein – eine trügerische Annahme. Die strengen Einschränkungen und Observationen, die das Hohe Gericht verhängte, machten die Rebellen zu Gefangenen der eigenen Heimat. Dem Schicksalsschlag zum Trotz, wuchs die Gemeinschaft der Aufständischen stetig. Viele junge Engel entschieden sich gegen die Ausbildung zum Wächter und erlernten andere Berufe. Ebenso verschlug es Jugendliche, welche sich ohne Probleme eine Wächterausbildung hätten leisten können, in die Siedlung der Rebellen. Die einst kleine Gruppe von Aufständischen wandelte sich innerhalb weniger Jahre zur Jugendkultur. Nur eine kleine Anzahl sah sich noch in der Pflicht, für einen einzelnen Menschen die weite Reise auf sich zu nehmen und sich in Gefahr zu begeben. Die jungen Engel waren zu Hasenfüßen geworden. Niemand war mehr bereit, etwas zu riskieren. Sie sprachen von fehlender Würdigung der harten Arbeit; auch die großzügige Bezahlung konnte sie nicht mehr begeistern. Diese Frischfleischrebellen wussten nichts – gar nichts. Nicht einmal den wahren Grund des damaligen Aufstands, nicht die Philosophie, die dahinter gelegen hatte. Für sie war nur das Gefühl und das Wissen wichtig, zu den Außenseitern zu gehören. Zu den verstummten Rebellen in ihrer abgeschiedenen Siedlung.

Dastan ging über die hölzerne Brücke des Bachs, die die Siedlung von der restlichen Stadt abgrenzte. Während der Zeit unter den Rebellen hatte er sich an die bunte Pracht der Gebäude gewöhnt und doch war es immer wieder eindrucksvoll, von Tutelas silberner Reinheit in die farbenfrohe Welt zu treten. Die Bewohner hatten ihre Häuserfronten und kleinen Gärten ganz individuell nach ihren Wünschen gestrichen, bemalt oder mit Accessoires verschönert. Außerhalb der Rebellensiedlung waren solche Ausuferungen, wie sie gerne genannt wurden, nicht denkbar. Alles musste stimmig sein und den Vorgaben des Hohen Gerichts entsprechen.

Zielstrebig ging der Wächter in Richtung der Reihenhäuser, blieb vor einer schwarz gefärbten Tür stehen und klopfte.

»Ethan? Ethan mach auf, ich bin es, Dastan!« Ein wenig mulmig war ihm zumute. Seine Entscheidung, ein weiteres Mal für die Richter zu arbeiten, erntete keine Zustimmung von seinen engsten Freunden. Ethan war erschüttert gewesen und hatte ihn als Verräter beschimpft. Dastan klopfte erneut, als die Tür sich wie befürchtet nicht öffnete. »Mach die verdammte Tür auf, Ethan, ich weiß, dass du da bist.« Das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden, brannte sich in Dastans Nacken. Er blickte über die Schulter; sah nichts, klopfte erneut. Bestimmt war es nur ein Gabryfax, welches sich in unmittelbarer Nähe aufhielt. Diese Siedlung war ein Minenfeld. Keinen Schritt konnte man machen, ohne beobachtet oder verfolgt zu werden. Ein falsches Wort, ein falscher Schritt und die Bomben gingen hoch. Wiederholt klopfte Dastan, diesmal härter, mit der ganzen Faust.

»Ethan, hör auf mit dem Kinderkram und mach diese verdammte ...«

Schlurfende Geräusche hinter der Tür, leises Knacken im Schloss, und die Pforte zur Rebellenwohnung öffnete sich. Der in Jogginghose und Achselshirt gekleidete Hausherr lehnte sich lässig gegen den schwarzen Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Mit einem abschätzenden Blick musterte er seinen Besucher. Spott und Neugier funkelten in seinen dunkelblauen Augen. »Und? Welchen reichen Arsch wirst du diesmal retten?«, fragte er Dastan ohne jedwede Begrüßung.

»Zu deiner grenzenlosen Freude ist es diesmal kein reicher Arsch, sondern ein minderbemittelter Kokser.«

»Hä?«, machte der Mann in der Tür und zog die Stirn kraus. Noch immer hatte er seinen Besucher nicht hereingebeten. Er verharrte in der ablehnenden Haltung und versperrte den Eingang.

»Nichts hä! Ich erklär es dir drinnen«, versprach Dastan und blickte erneut über die Schulter. Das Gefühl, im Visier der Gabryfaxe zu sein, wurde intensiver. Es war an der Zeit, die Unterhaltung hinter sicheren Wänden weiterzuführen.

Ethan bemerkte seine Unruhe. »Oh, hat der große Wächter Angst bespitzelt zu werden? Haben sie dir verboten, mit einem Rebellen zu reden?«

»Verdammt, Ethan! Es geht um einen Auftrag. Strengste Geheimhaltung, alte Leier. Sogar du wirst dich daran erinnern können. Schon allein der Gedanke daran, mit dir über den Auftrag zu sprechen, kann für mich das Aus bedeuten.«

»Die Regeln des Gerichts scheinen sich nicht verändert zu haben, aber die der Aufständischen auch nicht. Dies ist eine Rebellenwohnung; kein Wächter darf eintreten und schon gar kein Verräter. Was davon bist du, Dastan?«

»Scheiß auf deine Regeln, glaubst du, ich nähme das hier in Kauf, wenn es nicht wichtig wäre?«

»Oh, wichtig ist es also? Das heißt, ich muss jetzt stolz da­rauf sein, dass du dich in Gefahr begibst, um bei deinem besten Rebellenkumpel zu schnorren?«

»Schnorren? Bitte ... was?« Ein Grunzen entwich Dastans Kehle. Wütend stieß er seinen Freund beiseite und trat in die Wohnung. Ethan zuckte die Schultern, ging hinter seinem Kumpel her und schloss die Tür. »Ja, schnorren. Du kommst doch immer nur vorbei, um mit mir einen Misty Cloud zu trinken.« Mit einem frechen Grinsen trat er am Wächter vorbei und öffnete den Kühlschrank.

Das übergroße, mit Aufklebern übersäte Kühlgerät stand in einer Nische des Wohnzimmers. Die meisten der Klebebildchen zeigten unbekleidete Engelsfrauen mit weit ausgebreiteten Flügeln in ordinären Posen oder die Schriftzüge bekannter Rebellenrockbands wie Rising Wind oder Guardians Curse. Ethans Wohnung war typisch für einen Rebell: kein Marmor, keine weißen Wände, keine hellen Fliesen. Der Boden bestand aus dunkelbraunen Korkplatten und die Wände waren teils terrakottafarben, teils schwarz gestrichen. Hier fand man keine Portraits der heiligen Ahnen oder Alten Wächter, hier zierten Banner des beliebten Rebellengetränks, Poster von brennenden Flügeln sowie selbstgeschossene Fotos die dunklen Wände. Dastan hatte schon viele Wohnungen in dieser Siedlung zu Gesicht bekommen. Nicht alle waren so düster eingerichtet wie die Ethans. Die meisten strahlten in bunten Farben mit glitzernden Verschnörkelungen. Tutela sollte in einem Farbenmeer glänzen. Fort mit dem tristen Grau und Silber, hinweg mit der Gleichheit, her mit individueller Lebensgestaltung. Dass mit dieser Zukunftsvision nicht gespaßt wurde, hatten die Rebellen schon mehrmals demonstriert. Die Unruhestifter waren verfolgt, bestraft und eingesperrt worden. Um nicht noch mehr Verluste und Rückschläge zu erleiden, hatten sich die Aufständischen nach und nach zurückgezogen. Ethan reichte Dastan die durchsichtige Flasche mit der milchigen Flüssigkeit und setzte sich neben ihn auf das durchgesessene Sofa.

»Du siehst abgespannt aus, Kumpel. Wann hast du das letzte Mal die Flügel ausgebreitet und bist ein Stück geflogen? Es würde dir echt mal wieder gut tun.«

Ja, es war lange her. Damals war Elise noch an seiner Seite. Heimlich traf sich die kleine Clique am Damm, der nördlichen Grenze der Siedlung, um gemeinsam das Gesetz zu brechen.

Die Wächterregel, welches die Nutzung und Demonstration der Flügel untersagte, existierte seit mehr als 500 Jahren und war seit vielen Jahren auch auf das normale Engelsvolk ausgeweitet worden. Kinder hatten die Erlaubnis, ihre silbernen Schwingen bis zu ihrem zwölften Lebensjahr ohne Grenzen zu nutzen. Auch die Pflicht, die Pracht auf dem Rücken zu verbergen, trat erst mit ihrem 13. Geburtstag in Kraft. Ab diesem Tag waren die Flügel eng an den Körper zu legen oder ganz in die Muskeln einzuziehen, wozu die meisten Engel in der Lage waren. In der Öffentlichkeit durften sie keineswegs zur Schau gestellt werden, ihre Benutzung war ausschließlich für Notzeiten oder für die tadellose Ausübung der Missionen vorgesehen. Die edlen Engelwesen waren bescheiden und benötigten keine körperlichen Besonderheiten, um ein anständiges und angesehenes Leben zu führen. An seinem zwölften Geburtstag lernte Dastan die Anstrengung kennen, die dem Anlegen der Flügel zugrunde lag. Der Muskelkater in Schultern und Rücken zog sich über Tage. Erst nach einem Jahr gewöhnte er sich daran und sah es schon bald als selbstverständlich an. Erst im Kreise seiner Freunde wurde die Frage nach dem Grund dieser Regel lauter. Seitdem verfolgte sie ihn. Sie alle waren mit den Flügeln geboren, gesegnet worden, warum also verlangte das Hohe Gericht von ihnen, sie zu verbergen? Rein aus Bescheidenheit? Um den Menschen, denen sie dienten, ähnlicher zu sein? Er glaubte nicht daran, dass sie es aus fehlender Eitelkeit verboten. Seit vielen Jahren strebten die Richter schon nach dem großen Durchbruch, der sie dem technischen Wissensstand der Menschheit näher bringen sollte. Doch nicht nur in Sachen Technik konnte Solum der Welt der Engel etwas vormachen. Insbesondere die Magie hatte es ihnen angetan. Magier gab es bisher ausschließlich unter Menschen. Auch in den ältesten Geschichts- und Ahnenbüchern fehlten Nachweise zu magisch begabten Engeln.

Zweifellos war das Gebot, die Flügel stets zu verbergen, eine Maßnahme des Gerichtes, um das Volk unter Kontrolle zu halten, ihnen zu zeigen, wer die Macht und das Sagen in Tutela hatte. Die Rebellen interessierte diese Regel nicht. Weder Gesetze, Verordnungen noch Regeln befolgten sie. Sie gestalteten sich ihre eigene Welt.

Auch Ethan hatte seine Flügel nicht, wie es sein sollte, eingezogen oder eng an den Körper gelegt. Schlaff, nein, eher lässig hingen sie an seinen Schulterblättern hinunter. Da die Herstellung von Oberteilen mit entsprechenden Aussparungen abgeschafft worden war, trug Ethan meist gar kein Oberteil – und das nicht nur in den eigenen vier Wänden. Auch der Öffentlichkeit präsentierte er sie stolz. Dass er beim Umdrehen in seiner kleinen Wohnung gegen die Wand oder einen Türrahmen stieß, schien ihn nicht zu stören.

»Du hättest bei uns bleiben sollen«, stellte Ethan fest und nahm einen kräftigen Schluck des alkoholhaltigen Engelgebräus.

»Nein«, entgegnete Dastan, »wenn ich mich für die Rebellen entschieden hätte, würde ich nicht mehr unter euch sein, sondern wäre bereits dabei, um meine Seele im Nihili zu kämpfen.«

»Hm«, machte Ethan. »Lieber die Seele verlieren als Gefangener im eigenen Körper.«

»Hm«, machte auch Dastan, bevor er ebenfalls einen Schluck der herben Flüssigkeit trank.

»Schon gut. Du hast ja recht. Kein Überwesen will im Nihili gefangen sein«, sagte Ethan verständnisvoll. »Aber stell dir vor, du wirst ins Exil geschickt und kämpfst dort um deine Seele. Stell es dir einfach mal vor. Du reist durch den Wald ohne Aufgabe, immer geradeaus und plötzlich stehst du vor einem Tor. Du hast ihn gefunden, den Weg, der aus dem Nihili führt. Mann, du würdest in die Geschichte eingehen.«

»Hör auf mit dem Mist, Ethan. Mir ist elend zumute. Verkneif dir deine albernen Scherze.« Dastans Ton ließ Ethan stutzen.

»Siehst du, das ist es was dir fehlt, Dazz, du hast deinen Humor verloren.« Ethan erhob sofort entschuldigend die Arme. »Sag nichts, sag nichts. Ich bin schon still. Willst du drüber reden? Gut, dann reden wir mal, so von Frau zu Frau.«

»Wolltest du mit dem Mist nicht aufhören?«

Ethan verdrehte die Augen. »Du bist vielleicht steif geworden in den letzten Jahren. Was ist los mit dir? Dir geht es um deine Mission? Dann schieß mal los, was ist an deinem minderbemittelten Kokser so falsch?«

Ohne ein weiteres Wort nahm Dastan den silbernen Brief aus seiner Hosentasche und reichte ihn Ethan. »Hier, lies selbst.«

Ethan nahm den Brief an sich. Während seine Augen zusammengekniffen über das Papier flogen, umspielte ein leichtes Lächeln seine Lippen. Die Haut auf seiner Stirn formte sich immer wieder neu, streckte und glättete sich unentwegt. Ein ungläubiges Zischen drang durch seine Zähne, bevor sich die Augenbrauen hinauf zogen. »Tja«, seufzte Ethan und legte das Papier offen auf den Tisch. »Nach dem Auftrag deines Lebens sieht es ja nicht gerade aus. Aber ein kleines Abenteuer könnte es schon werden.«

»Hast du noch eins?«, fragte Dastan, ohne auf Ethans Worte einzugehen.

»Was meinst du?«

»Ein Misty Cloud«

»Schon aus? Meinst du, es hilft dir, wenn du noch eins wie Wasser runterkippst?«

»Hast du jetzt noch eins oder nicht?« Die Stimme des Wächters hatte einen aggressiven Unterton, der Ethan wohlbekannt war. Kopfschüttelnd sprang er über das Sofa, zum Eisschrank hinüber. Sein linker Flügel streifte Dastans Wange und hinterließ den Geruch von Freiheit. »Hier«, sagte Ethan und reichte seinem Freund das nächste Kaltgetränk.

»Weißt du, ich dachte, das Gericht würde mich herausfordern. Ich war im Glauben, sie wollten mich testen. Testen, ob ich es wert bin, den Titel des Wächters zurückzuerlangen und wieder in die Datei aufgenommen zu werden. Ich habe mit fast allem gerechnet. Sogar für einen Verbrecher wäre ich bereit gewesen.«

Ethan hob bei diesen Worten skeptisch die Augenbrauen.

»Ich weiß«, fuhr Dastan direkt fort, »du bist einer der Rebellen und kannst das nicht nachvollziehen.«

»Hör zu Kumpel. Ich bin ein Rebell, aber ich bin auch dein Freund. Als du uns den Rücken zugewandt hast, war ich sauer. Ja, ich war stinkwütend. Aber ich habe lange nachgedacht und ich akzeptiere deine Entscheidung. Falls Elise nicht ins Exil geschickt worden wäre, dann...«

»Lass Elise aus dem Spiel!«, fuhr Dastan seinen Freund an. »Sie ist längst tot. Sie kommt nie wieder, nie mehr. Halte sie raus, aus allem und für immer, hast du verstanden?«

Traurig sah Ethan Dastan an. Echtes Mitgefühl spiegelte sich in seinen Augen wider, doch sagte er nichts, sondern sprang erneut über die Couch. Diesmal nahm er zwei Flaschen aus dem Kühlschrank heraus. Er öffnete die Flasche am Tisch, die Verschlüsse gaben mit einem Ploppen nach. Stumm reichte er Dastan das dritte Misty Cloud.

»Ach Scheiße!«, fluchte Dastan und nahm das Getränk an sich, »Es tut mir leid. Ich kann mit dem Thema einfach nicht umgehen.«

»Mir tut es leid«, entschuldigte sich der Rebell. »Ich hätte das Thema nicht ansprechen dürfen. Lass uns zu deinem Auftrag zurückkommen. Edmund Badocha. Der Auftrag ist ungewöhnlich. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, das solch ein Mensch von den Richtern als so wichtig angesehen wird, einen Geächteten ins Vertrauen zu ziehen und hinunterzuschicken. Aber mal im Ernst, wo liegt dein Problem?«

Dastan setzte die Flasche ab und sah Ethan erzürnt an. »Es ist eine Demütigung! Ich habe Königen gedient. Ich habe einen Scheich beschützt. Ich hatte große Aufträge, die Wichtigsten überhaupt haben sie mir anvertraut. Und nun? Nun legen sie mir einen arbeitslosen, faulen Junkie in die Arme?« Dastan war außer sich. Er war aufgestanden und lief mit der erneut halb leeren Flasche Misty Cloud in der Wohnung auf und ab. Es tat ihm leid, dass er Ethan so hart angefahren hatte, als er ihren Namen nannte, doch kam Elise ins Spiel, konnte er einfach nicht an sich halten. Seine Gefühle kochten über. Es schmerzte schon, nur an sie zu denken. Gerade als er wieder tief in die Sehnsucht hinabzugleiten drohte, riss Ethan ihn aus seinen düsteren Gedanken.

»Komm mal wieder runter, Dazz! Was erwartest du? Dass sie den Mann auf Knien anbetteln für sie zu arbeiten, der das Hohe Gericht gestürmt und unzählige Wachen umgebracht hat? Verflucht noch mal, du wolltest eine letzte Chance, Dastan. Nun liegt sie in deinen Händen und du bist trotzdem unzufrieden. Sei froh, dass du nicht schon im Nihili dahinvegetierst. Ein Student, ein bisschen Gras ... wo ist dein Problem? Sei doch froh, das wird ein lockerer Job. Und jetzt hör auf zu jammern und genieße deinen letzten Tag über den Wolken. Atme noch ein wenig die reine Luft von Tutela. In der Menschenwelt stinkt es, hast du das schon vergessen?«

Dastan lächelte in sich hinein. Er ertappte sich dabei, wie er an die weichen und vollen Lippen Neles dachte, der Frau, der er während seiner letzten Reise verfallen war.

»Die Menschenwelt ist nicht ganz so schlimm, wie du sie darstellst. Sie kann sogar duften, glänzen und ...«

»... schmecken wie frische Nebelbeeren,« unterbrach ihn Ethan. »Du sprichst von ihren Frauen, habe ich recht?«

Ja, genau davon sprach er.

»Viele von ihnen stehen unseren Frauen in nichts nach«, behauptete er.

»Du denkst wieder an dieses Mädchen, nicht wahr? Wie hieß sie doch gleich? Nicki?«

»Nele! Sie hieß Nele.«

»Du hast sie nicht vergessen. Hast du dich auf Solum verliebt?«

»Verliebt? Was redest du da. Das ist Jahre her und ich werde in meinem Leben nur eine einzige Frau lieben. Nur sie und keine Andere.«

Dastan hatte seine kurzen Affären mit Frauen aus der Menschenwelt nie als Untreue gesehen. Elise wusste von seinen Seitensprüngen, doch stellte sie ihn nie zur Rede. Vermutlich lag es daran, dass auch sie alles andere als unberührt ihre Missionen ausführt oder auch in ihrer Rebellenzeit ab und an das Bett mit Ethan geteilt hatte. Dastan war sich dessen sicher. Elise und er hatten beide eine lockere Beziehung gewollt, doch mit der Zeit wurde seine Liebe zu ihr stärker und der Wunsch, sie ganz für sich alleine zu haben, immer größer. Warum hatte er ihr das nie gesagt? Elise – oh Elise! Der Wächter trat an das Fenster und sah hinaus über die weiten Wolkenfelder. Ohne sich zu Ethan umzudrehen, forderte er ihn auf, den Ort auf dem Auftrag zu lesen.

Ethan nahm das Papier zur Hand und las die Zeile laut vor: »Ort beziehungsweise Aufenthalt des Schützlings: Frevelstein / Deutschland.«

»Die Stadt ist heruntergekommen. Viele Armenviertel. Aber sie ist klein. Ich denke nicht, dass sie sich im Laufe der letzten Jahre vergrößert hat.«

»Die gleiche Stadt?«, unterbrach Ethan ihn. »Du bekommst nach über vier Jahren einen neuen Auftrag und wirst zufällig in die gleiche Stadt geschickt? Findest du das nicht merkwürdig?«

Der Wächter leerte den Rest der Flasche in einem Zug, dann wandte er sich vom Fenster ab und hielt seinem Freund die Flasche entgegen. Er zuckte mit den Schultern. »Merkwürdig, ja. Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main. Dorthin hätten sie mich endlich mal wieder schicken sollen, aber es hätte mich auch schlimmer treffen können. Schließlich gibt es in Frevelstein angenehme Aussichten.«

Ethan lachte auf. »Du willst das Dienstliche mit dem Angenehmen verbinden und dich erneut auf Nele einlassen. Ich kenn dich doch! Wäre es nicht besser, du konzentrierst dich diesmal nur auf deine Mission? Du kannst von Glück sagen, dass dein Vater ein Richter ist, sonst würdest du schon längst mit den Geistern im Nihili ums Feuer tanzen.« Dastan wollte etwas erwidern, als es an der Tür läutete.

»Erwartest du Besuch?«, fragte er.

»Nein, ich wollte mir eigentlich einen gemütlichen Nachmittag vor der Glotze machen«, gab Ethan zur Antwort, »aber das habe ich mir schon abgeschminkt, als ich dich vor der Tür habe stehen sehen.«

»Sehr witzig«, antwortete der Wächter.

Leise gingen sie zur Eingangstür. Die Rebellen mussten trotz aller Freiheit, die ihnen gelassen wurde, immer auf der Hut sein. Ethan griff nach dem Baseballschläger, der an der Wand hinter der Tür lehnte. Dastan sah ihn an und schüttelte den Kopf. »Lass das! Ich will keinen Ärger«, flüsterte er seinem Kumpel zu.

Mit einer Geste brachte Ethan ihn zum Verstummen. Er sah durch den Spion. Bäume, Sträucher, der kleine Weg mit feinen Wolken überzogen, doch niemand vor der Tür. Es klingelte erneut. »Was zum Wolkenschimmel ...?« Es klopfte.

»Wer ist da?«, rief Ethan. Ein elektrisches Surren erklang und das Klopfen gegen die Tür begann von Neuem.

Ethan atmete tief durch, griff die Türklinke und hob angriffsbereit den Schläger in die Höhe. Dann zählte er langsam bis drei und riss die Tür auf.

Tschriep tschriep, hörte Dastan es von draußen. Sein Freund stand mit dem erhobenen Baseballschläger starr in der nun offenen Tür. Nur sein Kopf folgte dem kleinen Flugobjekt in die Richtung, in die es sich bewegte; an ihm vorbei direkt in seine Wohnung. Mit einem weiteren klirrenden tschriep tschriep hielt es direkt vor Dastans Gesicht an.

»Seit wann besitzt du ein Gabryfax?«, fragte Ethan, der mittlerweile den Schläger herunter genommen hatte und dabei war, die Tür zu schießen.

»Ich besitze kein Gabryfax. Das ist bestimmt vom Gericht geschickt worden. Im Auftrag steht, dass sich das Gericht bezüglich genauerer Informationen mit mir in Verbindung setzen wird.«

Das silberne, kuppelförmige Gerät, das an beiden Seiten mit Engelsflügeln im Miniformat ausgestattet war, besaß an der Vorderseite einen neongrünen und einen feuerroten Knopf. Unter den Tasten gab es zwei schmale Schlitze. Auf dem Kopf hatte es eine Art Lautsprecher und einen winzigen Bildschirm. »Weißt du, wie man das Ding bedient?«, fragte Ethan.

»Nein, ich habe keine Ahnung. Ich kenne die Gabryfaxe nur vom Sehen und habe mich auch meist von ihnen ferngehalten.«

»Schlauer Junge.«

Auf einmal fing der rote Knopf an zu blinken. Dastan starrte gebannt darauf.

»Vielleicht solltest du drauf drücken«, schlug Ethan vor.

»Und eventuell deine Bude in die Luft jagen?«

»Ich würde das Risiko eingehen.« Dastan zog eine Augenbraue in die Höhe, dann zuckte er mit den Schultern und betätigte die rote Taste.

Tschriep tschriep erklang das Geräusch diesmal um einiges lauter, darauf folgte ein kurzes Pfeifen.

Die Männer traten vorsichtig ein paar Schritte zurück. Das Gabryfax vibrierte, schüttelte sich wild hin und her, während es aus seinem unteren Schlitz einen Zettel hervorbrachte.

Als Dastan keine Anstalten machte, etwas zu unternehmen, trat Ethan heran und zog das Papier mit einem groben Ruck aus dem Roboter heraus. Ein kurzer Blick auf den Briefkopf genügte: »Oh«, machte er. »Eine Nachricht vom Hohen Gericht«, sagte er. Das Zeichen der Wächter prangte am rechten oberen Rand: ein Auge, umrandet von riesigen Flügeln.

»Gib her!«, rief Dastan und wollte ihm den Zettel aus der Hand reißen. Ethan drehte sich geschickt zur Seite. Dastans Hand schlug an ihm vorbei.

»Sie wollen dich vor deiner großen Mission noch einmal persönlich sprechen und ...«

»Her damit!«

»Nichts da! Du musst noch heute Nachmittag in das Gericht. Es wird ein Gespräch zwischen Jalfur, Philinea, Elfar und dir geben. In einem geschützten und abgeschotteten Raum. Niemand darf davon etwas erfahren. Strengste Geheimhaltung erwünscht. Wow, nicht schlecht. Der Auftrag wird dir doch mehr abverlangen, als für einen kleinen Junkie den Babysitter zu spielen.«

»Großartig, ich freu mich. Jetzt gib den Wisch her!«

»Elfar ist doch dein Vater, warum ist er dabei und nicht Onriell? Ich dachte immer, dass Onriell als Ältester in allen Bereichen ein Wörtchen mitzureden hat.«

»Woher soll ich das wissen!«, fuhr Dastan ihn an.

Ethan runzelte die Stirn und blickte seinen nervösen Freund prüfend an.

»Wann hast du den Termin?«, wollte er wissen.

»Das hast du mir leider nicht vorgelesen!« Dastan überflog den Brief, den er sich endlich erkämpft hatte, und erschrak: »Zu Uriels Flügelschlag!«

»Oh. Dann solltest du aber mal los. Ich würde deinen Daddy nicht warten lassen, mal ganz abgesehen von Jalfur.«

Dastan nickte und wandte sich zum Gehen. »Moment mal, Dazz.« Ethan winkte Dastan noch einmal heran. »Hauch mir mal bitte ins Gesicht.«

Der Wächter tat wie ihm geheißen. »Junge, Junge. Lass das nicht Papi merken.«

»Idiot!«

»Wenn deine Plauderei mit dem hohen Aas vorbei ist, dann komm noch mal zu mir. Wir sollten zu Snapz gehen und diesem Edmund auf den Zahn fühlen.«

Ethan klopfte Dastan ermutigend auf die Schulter und schloss hinter ihm die Tür.

Der Plan, der Rebellensiedlung einen heimlichen Besuch abzustatten, war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Hatte er wirklich geglaubt, die Richter würden ihn unbeobachtet ziehen lassen? Jetzt konnte er sich gewiss auf eine lange und nervige Moralpredigt gefasst machen.

Das Gebäude des Gerichts war von der Siedlung aus zu sehen. Düster und bedrückend ragte es zwischen all den anderen Häusern empor. Dastan atmete tief durch und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Das Gabryfax folgte ihm wie ein lästiger Schatten.

III. Zwischen Recht und Macht

Déjà-vu. Eindeutig ein Déjà-vu. Abermals fröstelte ihn und er glaubte, eine eisige Hand auf seiner Schulter zu spüren. Die Visionen blieben jedoch aus. Keine Klaue wollte sein Fleisch herausreißen, auch der Raum war für Tutelas Verhältnisse völlig normal. Sie saßen an einem runden, wie sollte es auch anders sein, Marmortisch. Die große Flügeltür schloss sich wie von Geisterhand. Das Echo, das folgte, ging Dastan durch Mark und Bein. Er fühlte sich an dem großen Tisch verloren, der für mindestens 45 Richter ausgelegt war. Außer ihm saßen jedoch nur vier weitere Personen um ihn herum. Wie angekündigt, bestand die kleine Versammlung aus Jalfur, Philinea, Elfar und einem weiteren Richter, den der Wächter nur flüchtig kannte.

Dastan legte den entgegengenommenen Auftrag demonstrativ auf den Tisch und wartete darauf, das Jalfur, der ihn mit steinernem Blick anstarrte, die Gesprächsrunde eröffnete.

»Ich rede nicht lange drum herum, Davani; der Grund für dieses Zusammentreffen ist der neue Schutzauftrag, den du heute Morgen vom Hohen Gericht übergeben bekommen hast«, begann der Richter.

Warum überkam Dastan gerade das unangenehme Gefühl, dass etwas nicht stimmte? Seine Hände wurden feucht und sein Adrenalinspiegel stieg an.

»Bevor du die Mission antrittst«, fuhr Jalfur fort, »sind dir noch Details mit auf den Weg zu geben.« Seine Worte klangen beinahe fürsorglich, doch Dastan kannte den Richter und wusste, dass hinter diesem Gespräch alles andere als gut gemeinte Fürsorge steckte. Er nickte nur stumm und sah Jalfur abwartend an. Seit Jahrtausenden machten es sich die Engel zur Aufgabe, für das Wohl der Menschen zu sorgen, doch noch nie in der Geschichte der Wächter hatte es vor Missionsantritt eine Besprechung in diesem Rahmen gegeben. Die ausgewählten Wächter hatten ihren Auftrag überreicht bekommen und waren an einem der darauffolgenden Tage auf die Reise geschickt worden.

»Edmund Badocha, der von dir zu beschützende Mensch, ist nicht allein die Hauptfigur deiner Mission. Er ist vorerst nur eine Art Wegweiser. Sobald du auf Solum angekommen bist, wirst du dich auf die Suche nach Balduin Badocha begeben; dem Großvater des Jungen. Wir recherchieren schon sehr lange, konnten ihn jedoch bis heute nicht auffinden. Er ist untergetaucht, als wüsste er, dass wir schon seit Jahren nach ihm suchen. Dann, endlich, vor nicht ganz zwei Monaten, haben wir seinen Enkel ausfindig machen können. Er ist unsere einzige Hoffnung, den alten Badocha aufzuspüren. Gewiss ist auch der junge Badocha wichtig, keinem von beiden darf etwas zustoßen. Sie sind die Letzten ihrer Art.«

Was ging hier vor? Seit wann befassten sich die Richter mit zeitraubenden Detektivspielen?

»Aha«, machte Dastan. »Wenn der Alte sich versteckt und ihr ihn nicht findet, woher wollt ihr wissen, dass er schutzbedürftig ist? Wir kümmern uns doch sonst nicht um Menschen im Untergrund? Was verschweigst du mir, Jalfur?«

»Du stellst zu viele Fragen! Das war schon immer dein größter Fehler«, sagte der Richter.

»Du hast mich zu dieser Gesprächsrunde eingeladen. Und du hast angefangen mir Dinge zu erzählen, über die ich ohne dieses Gespräch nie nachgedacht hätte. Ist es nicht mein gutes Recht, den Auftrag nun zu hinterfragen?«

Jalfurs Faust sauste auf den Tisch und ließ die Gläser wackeln. »Du bist ein Wächter! Du hast Missionen zu erfüllen und keine Fragen zu stellen!«

Dastan zuckte zurück. Nicht schon wieder, dachte er, nicht schon wieder. Es waren nur Sekunden, in denen die Faust anschwoll, sich dehnte und zu einer entsetzlich verkrümmten Pranke wandelte. An den schwarzen langen Nägeln tropfte dampfendes Blut in Fäden hinunter und verteilte sich auf dem Tisch. Als wäre es ein insektenhaftes Lebewesen, floss das Blut über den hellen Marmortisch direkt auf Dastan zu. Dastan sprang auf. Der Stuhl kippte nach hinten und ... die Vision verschwand ebenso schnell, wie sie ihm erschienen war.

»Was soll das nun schon wieder, Davani?«

»Ähm, äh ...«, stotterte er. »Nichts, ähm, gar nichts. Ich habe nur Durst. Haben wir etwas Wasser hier?«

»Dastan, es steht direkt vor dir, auf dem Tisch«, sagte sein Vater und gab ihm mit einer Geste zu verstehen, sich unverzüglich hinzusetzen. Schweigend griff Dastan zum Wasserglas und trank einen großen Schluck, ohne noch einmal auf die Faust des Richters zu blicken.

Jalfur fuhr fort: »Wir würden dich nicht hinunterschicken, wenn die Menschen keiner Gefahr ausgesetzt wären, Davani. Stell unser Wissen nicht in Frage.«

Dastan schluckte. Er durfte keinesfalls seinen Mut verlieren – nicht hier, nicht vor seinem Vater.

»Um ehrlich zu sein, ich wundere mich über diesen Auftrag. Ich bin natürlich unendlich dankbar für diese letzte und gutgemeinte Chance. Solche Großzügigkeit habe ich nicht erwartet, aber ich konnte das Volk verstehen. Dass die Engeldatei übergangen wird, ist auch mir befremdlich vorgekommen«.

»Kein Wort mehr, Dastan!«, herrschte Jalfur ihn an. »Nimm die Chance, die dir gegeben wurde. Ein weiteres Mal bekommst du diese Möglichkeit nicht. Du bist eine Ausnahme. Füge dich.«

Dastan hatte geglaubt, seine Worte dieses Mal weise gewählt zu haben – dem war nicht so. Doch in Jalfurs Augen konnte der Wächter ohnehin nichts richtig machen. Warum hatten sie ihn ausgewählt? All das war zu suspekt. Es passte nichts, aber auch gar nichts zusammen.

»Ist es nicht mein Recht, zu erfahren ...«

»Schweig!«, befahl Elfar. »Aber Vater!«, protestierte er.

»Sei still und hör zu!« Dastan verstummte, rutschte in seinem Stuhl nach unten und versuchte Jalfurs weiteren Erklärungen zu folgen: »Die Badochas sind eine besondere Familie. Genauer gesagt sind sie die letzten menschlichen Wesen, in deren Venen magisches Blut fließt.«

»Und?«

»Und sie sind demnach vom Aussterben bedroht. Der alte Badocha wird keine Nachfahren mehr zeugen können und der Junge ist auf einem gänzlich falschen Weg.«

»Und ich soll Erziehungsarbeit leisten und ihn auf den richtigen Weg geleiten?«

Elfar, der neben ihm saß, legte seine Hand auf Dastans Oberschenkel und sah ihn durchdringend an. Seine Geste sagte ihm, dass es genug war. Keinen Schritt weiter durfte er gehen. Explodierte Jalfurs Wut, konnte auch sein Vater nicht mehr für sein Leben in Tutela garantieren. Der Richter sprach weiter: »Magie ist gewaltig. Sie ist mächtiger als wir Überwesen, mächtiger als die Dämonen aus der Unterwelt. Sie kann alles geben und erschaffen und ist in der Lage, alles zu zerstören, was die Welt in den Fugen hält. Die wenigsten Menschen konnten in der Vergangenheit mit dieser Art von Macht umgehen. Seit jeher haben die mächtigsten unter ihnen ihre Fähigkeit dazu genutzt, um ihrem eigenen Wohl zu dienen oder gar, um ihresgleichen Schaden zuzufügen. Menschen sind schwach und doch gehört seit jeher die Magie zu ihrem Volk. Zu den Sonderlingen, wie die Sterblichen ihre magisch begabten Kinder nennen. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Fähigkeit aus der Welt verschwindet. Es ist unsere Pflicht, den Magiern im Umgang mit ihrer Macht beizustehen. Insbesondere ist es unsere Aufgabe, diejenigen zu schützen, die ein Gespür für das Gute in sich tragen. Ich weiß, dass es diese Menschen dort draußen noch gibt. Sie könnten einen erheblichen Teil zu einer friedvolleren Zukunft leisten. Darum müssen wir dafür Sorge tragen, dass das mächtige Blut noch viele weitere Generationen übersteht.« Dastan wurde immer verwirrter. Die Badochas waren die Letzten ihrer Art, sie mussten bewacht werden, das verstand er alles noch, aber was war an all dem so geheimnisvoll und ... Jalfur unterbrach sein Denken: »Deine Aufgabe ist es, Dastan, Edmund und Balduin Badocha hier herzubringen, hierher in das Hohe Gericht Tutelas. Nur bei uns werden die Magier in vollkommener Sicherheit sein.«

»Sicherheit? Wovor müssen wir sie denn bewahren? Gibt es Auftragskiller, die hinter ihnen her sind? Warum solch ein großes Aufheben?«

»Schlimmer, Davani, schlimmer. Bisher haben wir noch keine Anzeichen, aber es könnte sein, dass Dämonen durch die Tore gekommen sind und sich in Solum ausbreiten. Balduin Badocha ist Wissenschaftler. Magische Wissenschaftler sind äußerst gefährlich, denn sie wissen, dass es nicht nur eine Sphäre gibt. Er hat sie gefunden, die Sphärentore, und sie durch seine Forschungen unwissentlich geöffnet.«

»Schweben alle Menschen jetzt in Gefahr? Ich meine, die Dämonen, sie ...« Dastan wurde erneut unterbrochen.

»Nein«, sagte der Richter, »Dämonen aus Orcus dürstet es nur nach dem süßen Blut der Magier. So steht es in den alten Wächterschriften. Eine Sorge weniger. Aber die Badochas müssen jetzt intensiver geschützt werden, als je ein Mensch zuvor. Ist dir das klar, Dastan Davani?«

Der Wächter nickte. »Ich habe verstanden.«

»Wenn du dir ganz sicher bist, dass Edmund Badocha kein magisches Blut besitzt, lass ihn zurück. Wir benötigen keinen unnötigen Ballast.«