Rückverbindung - Waltraud Gauglitz - E-Book

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Waltraud Gauglitz

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Beschreibung

Ich litt von meinem 23. - 37. Lebensjahr selbst an einer schlimmen Angst- und Panikstörung. Vier Therapien brachten mir immer nur kurzfristige und vorübergehende Besserung, aber die Angst war nie weg und die Symptome blieben. Als ich als austherapiert galt und jede Hoffnung verloren hatte, fand ich den Weg zurück zur inneren Quelle und Heilung geschah. Akzeptanz, Loslassen und Hingabe sind der Schlüssel. Ich hatte Angst, weil ich diese Verbindung zu meinem wahren Wesenskern verloren hatte. Von dem Weg zurück zur inneren Quelle handelt dieses Buch und soll Dir eine Anleitung geben, diesen Weg in Dir zu finden. Darum heißt es Rückverbindung.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Meine Angstgeschichte in Kürze

Die Angst veränderte sich und damit mich

Das Ende der Suche

Die ersten richtigen Schritte

Der Buddha

Interesse

Gewohnheiten + Prägungen

Ich, Selbst, Ich selbst

Die Verwechslung

Das Ego

Stille

Wenn das Alte zu Ende geht

Warum gibt es Leiden

Warum bin ich überhaupt hier?

Die Angst und die Angst vor der Angst

Die Angst vor der Angst loslassen

Die Stilleübung

Loslassen

Bleib ganz bei Dir

Meins

Wenn das Ich verschwindet

Deine Einstellung

Widerstand

Wut

Der Antrieb

Was tun, wenn es Dir jetzt schlecht geht?

Gewalt

Jeden Tag eine neue Chance

Das Muster des Widerstands

Wenn Du gar nicht loslassen kannst

Heilung

Bestimmung

Mit dem Leben umgehen

Sei kein Opfer

Mitten im Sturm

Fortschritte und Rückschritte

Alleinsein

Versprechungen

Enttäuschungen

Die Illusion der Zeit

Der innere Raum

Bücherliste

Vorwort

Angst ist eine Geisel unserer Zeit. Noch nie war der Mensch so gut informiert über Krankheiten und psychische Störungen. Das Internet macht es möglich. Noch nie gab es so viele Therapeuten und so viele Medikamente gegen Angst und Depressionen wie heute.

Obwohl das so ist, werden die Angststörungen und Depressionen immer mehr. Heutzutage muss man bis zu zwei Jahre auf einen Therapietermin warten. Obwohl es alle möglichen Therapieansätze und Therapieformen gibt und auch in Kliniken versucht wird, den psychischen Störungen beizukommen, erleben sehr, sehr viele Menschen weder eine Heilung noch eine Besserung. Vielen geht es so, dass sie schon mehrmals in der Klinik waren oder schon mehr als eine Therapie gemacht haben und sie haben immer noch Angst. Oder sie erleben eine kurzzeitige Besserung und die Angst kommt immer wieder zurück. So quälen sie sich von einer Angstphase zur nächsten, um zwischendurch immer wieder Hoffnung zu schöpfen und dann wieder enttäuscht und verzweifelt festzustellen, dass die Angst wieder da ist.

Mir ging es genauso. Ich quälte mich 14 Jahre mit der Angst herum, mit vielen, sehr schlimmen Symptomen, aber die Angst ist am Ende doch verschwunden. Sie verschwand aber nicht, weil ich etwas dagegen getan habe oder weil mir jemand geholfen hätte. Sie verschwand, weil ich etwas Entscheidendes verstanden hatte. Danach war die Angst weg und kam auch nicht wieder. Allerdings brauchte es jemanden, der mich auf das, was ich nicht sehen wollte, aufmerksam machte. Verstehen musste ich natürlich selbst. Die Augen aufmachen musste ich auch selbst. Niemand kann für mich etwas erkennen, das ist ganz allein meine Sache.

Meine Gedanken bestimmten von klein auf über mich, ich glaubte alles, was ich dachte und allem, was ich jemals gelernt hatte und war ein Opfer meiner Gedanken und dessen, was ich glaubte zu wissen. Ich glaubte auch alles, was andere Leute sagten oder was ich in Büchern las, Hauptsache es hörte sich so an, als würde es stimmen und Hauptsache, es gefiel mir. Wirklich geprüft habe ich nie etwas, schon gar nicht das, was mir nicht gefiel und was ich nicht hören wollte. Das lehnte ich von vorneherein ab. Erkenntnisse gewann ich, als ich anfing, mich auch dem zuzuwenden, was mir nicht gefiel und aufhörte, abzulehnen.

Immer wieder werde ich gefragt, wie ich das gemacht habe, dass die Angst verschwunden ist. Akzeptanz und Loslassen sind der Schlüssel. Akzeptanz und Loslassen kann man aber nicht lernen, wie manche vermuten. Wo die richtigen Einsichten da sind, stellt sich Akzeptanz ganz von alleine ein. Wo die richtigen Einsichten da sind, geht alles von alleine, sogar die Angst geht von alleine weg. Aber die richtigen Einsichten möchte halt niemand haben. Ich wollte die auch nicht, deshalb hatte ich so lange Angst. Wie ich zu den richtigen Einsichten kam, möchte ich in diesem Buch erzählen.

Das Gute wie das Schlechte ist wahr

und beides sind Dinge dieser Welt.

(Fernöstliche Weisheit)

Meine Angstgeschichte in Kürze

Meine Angstgeschichte fing an, als ich 21 war. Die erste Panikattacke warf mich absolut aus der Bahn. Sie kam wie aus heiterem Himmel, aus dem Nichts und ich wusste nicht, was mit mir los ist. Mir ging es so schlecht, wie noch nie in meinem Leben und ich fühlte mich so hilflos wie noch nie in meinem Leben. Es war der pure Horror. Ich dachte wirklich, ich habe einen Herzinfarkt und muss jetzt sterben. Gleichzeitig schämte ich mich wie verrückt, weil ich gar nicht so genau sagen konnte, was ich habe. Ich hatte alles. Herzrasen, Enge in der Brust, Schwindel, Übelkeit, Luftnot, konnte nicht mehr schlucken, zitterte an Leib und Seele, meine Knie waren aus Gummi und schienen mich nicht mehr zu tragen, mir brach der Schweiß aus und ich hatte Todesangst.

Von diesem Tag an befürchtete ich, dass das wiederkommen könnte. Als allererstes vermied ich es, zur Arbeit zu gehen, weil genau an meinem Arbeitsplatz die erste Panikattacke aufgetreten war. Ich wurde mehrfach krankgeschrieben, weil es mir schon bei dem Gedanken, wieder zur Arbeit zu müssen, so schlecht ging, dass ich glaubte, es nicht aushalten zu können. Aufgrund vieler Fehlzeiten wurde mir später gekündigt. Zuerst dachte ich, wenn ich nicht mehr ins Büro muss, an den Ort des Grauens, dann ist die Sache vorbei. Es ging mir auch tatsächlich schnell besser. Ich lernte daraus, wenn ich das, was mir Angst macht, vermeide, dann hilft das. Kurz darauf wurde ich schwanger, ich vergaß die Angst und dachte, das Thema wäre erledigt.

Als mein Baby sechs Monate alt war, also knapp zwei Jahre später – ich war inzwischen 23 -, erwischte mich die nächste Panikattacke, diesmal während ich zu Fuß mit dem Kinderwagen in der Stadt unterwegs war. Mitten auf der Straße. Wieder aus dem Nichts heraus, aus heiterem Himmel, völlig grundlos. Es war wieder genauso wie damals im Büro, das gleiche Grauen, die gleichen Symptome, die gleiche Hilflosigkeit, die gleiche Todesangst. Ich rannte nach Hause, obwohl ich das Gefühl hatte, keinen Schritt mehr tun zu können und jeden Moment umzufallen. Nur weg, nur heim, nur in Sicherheit. Ich war ungefähr zwei Kilometer von daheim entfernt. Die ganze Zeit über hatte ich das Gefühl, es nicht zu schaffen und mein Baby allein zu lassen, wenn ich zusammenklappe. Daheim rief ich sofort den Notarzt. Der konnte nichts finden und meinte, ich soll mich ausruhen, wahrscheinlich war es der Kreislauf.

Ich war fix und fertig. Gott sei Dank wusste ich an diesem Tag noch nicht, dass mich die Angst die nächsten 14 Jahre keinen einzigen Tag mehr verlassen würde und dass sie noch viel, viel schlimmer werden würde. Von diesem Tag an traute ich mich nicht mehr weit von zuhause weg. Ich musste in Sichtweite zu meiner Wohnung bleiben, damit ich mich schnell retten kann, falls das wieder passiert.

Aber wie es so ist, kamen die Panikattacken jetzt öfter. Im Supermarkt an der Kasse. Ich traute mich nicht mehr, einkaufen zu gehen. Im Auto, während ich an der Ampel stand. Ich traute mich nicht mehr, in die Stadt zu fahren. Beim Friseur. Ich traute mich nicht mehr zum Friseur. Die Panikattacken kamen, wann sie wollten und wo sie wollten und ich wusste nicht, warum. Ich wusste auch nicht, was ich dagegen machen sollte und ich wusste nicht, wie ich mich davor schützen sollte. Meine einzige Bewältigungsstrategie waren Flucht und Vermeidung.

Das war natürlich nur möglich, weil mein Mann mir so viel abnahm. Er übernahm das Einkaufen, weil ich es nicht mehr konnte. Musste ich irgendwohin, hat er mich gefahren, ich gab das Autofahren ganz auf. Auch zu jedem Arzttermin musste er mich fahren. Wollten wir spazieren gehen, war das nur möglich, wenn er dabei war, ich alleine traute mich nicht mehr. Dass ich so viel Hilfe von meinem Mann hatte, war mein Glück, dachte ich, aber im Nachhinein betrachtet, war es das Schlimmste, was mir passieren konnte. Ich wurde immer unselbständiger und habe immer mehr vermieden.

Nach und nach traute ich mir dies nicht mehr und jenes nicht mehr zu. Mein Leben zog sich zusammen, wurde immer kleiner, irgendwann traute ich mich nicht mehr, meine Wohnung zu verlassen. Aber auch daheim wurde ich nicht von den Attacken verschont. Sie kamen, während ich einfach vor dem Fernseher saß oder beim Kochen war, sie rissen mich nachts aus dem Schlaf oder die Angst war schon da, wenn ich morgens wach wurde. Ich ging ein wie eine Primel, wurde immer unselbständiger. War mein Mann nicht erreichbar, drehte ich durch. Ich war nicht mehr fähig, ein normales Leben zu führen, ich bekam auch Angst, wenn mein Mann anwesend war, ich bekam sogar Panik beim Arzt im Wartezimmer. Es gab scheinbar nichts und niemanden, der mich vor der Angst schützen oder retten konnte. Meine Verzweiflung wurde immer größer.

Ich lief zuerst jahrelang von einem Arzt zum anderen, weil ich glaubte, mit meinem Körper stimmt etwas nicht, weil ich ständige Herzbeschwerden, Luftnot und Schwindel hatte. Ich glaubte felsenfest, krank zu sein oder was am Herzen zu haben. Aber alle Untersuchungsergebnisse waren immer normal und es hieß, es sind die Nerven und es ist die Psyche. Ich hatte keine Ahnung, was mit meiner Psyche nicht in Ordnung sein sollte. Ich war doch nicht bekloppt. Ich war der Überzeugung, wenn ich keine Symptome hätte, hätte ich auch keine Angst. Wieso hatte ich so viele und so schlimme Symptome, wenn mein Körper gesund ist? Gibt’s doch nicht.

Das Wort Panikattacken kannte ich nicht, das war damals in den 1980er Jahren noch nicht so geläufig, selbst bei Ärzten nicht. Ein Notarzt, den ich mal wieder rufen musste, stellte eines Tages diese Diagnose und riet mir zu einer Psychotherapie. Zuerst war ich froh, dass ich endlich wusste, was ich habe und dachte, eine Therapie wird mir helfen. Der Therapeut wird mir sagen, was ich machen soll und dann geht die Angst weg.

Ab da befand ich mich acht Jahre in Therapie. Die ersten zwei Jahre in einer Gesprächstherapie, dieser folgten ein Jahr Psychoanalyse, zwei Jahre Verhaltenstherapie und dann drei Jahre Konfrontationstherapie. Alle Therapeuten waren nett und verständnisvoll. Es tat gut, ernst genommen zu werden und es tat gut, wenn mir jemand zuhörte. Mein Umfeld, einschließlich meines Mannes, sagten nach Jahren, in denen kein Arzt irgendetwas fand, ich bilde mir das alles nur ein. Die Therapeuten glaubten mir wenigstens und gaben sich auch alle Mühe, mir zu helfen.

Jeder hatte ein anderes Konzept und einen anderen Ansatz. In der Gesprächstherapie redete ich mir meinen Kummer von der Seele. In der Psychoanalyse bohrte ich in meiner Vergangenheit und Kindheit. In der Verhaltenstherapie stellte ich Angst-Hierarchien auf und arbeitete an meinen Gedanken. In der Konfrontationstherapie versuchte ich, die Angst nieder zu rennen und konfrontierte mich bis zum Geht-nicht-mehr. Das Problem war, alle Therapien haben ein bisschen geholfen, aber die Angst war nie weg und die Symptome auch nicht. Alles war ein Kampf und irgendwann wurde die Angst – obwohl ich alle Anweisungen der Therapeuten befolgte – wieder schlimmer. Ich gab mir wirklich alle Mühe, befolgte alle Ratschläge, die Angst blieb.

Natürlich war ich auch beim Heilpraktiker gewesen, hatte mich akupunktieren und hypnotisieren lassen. Ich war bei verschiedenen Heilern und probierte jede Menge alternativer Methoden aus. Dazwischen las ich unzählige Bücher und versuchte auch alle Tipps, die ich darin fand, so unsinnig manche auch waren. Ich hatte auch Medikamente probiert, aber alles immer nach kurzer Zeit wieder abgesetzt, weil ich die Nebenwirkungen fürchtete und sie meistens auch alle bekam. Zu den Medikamenten gehörten u.a. Antidepressiva, Tranquilizer, Betablocker, Herztabletten und jede Menge anderer Beruhigungsmittel.

Am Ende war ich in der Uniklinik in Heidelberg, weil ich dachte, dort findet man vielleicht auch Krankheiten oder weiß etwas, was die Hausärzte und Fachärzte nicht so auf dem Schirm haben. Dort wurde ich untersucht mit der neuesten Technik, einen ganzen Tag lang und am Ende gab es ein Abschlussgespräch mit dem Arzt, der mir wörtlich sagte: „Freuen Sie sich, Sie sind ganz gesund. Alle Ihre Symptome kommen von der Angst. Die Angst sitzt in der Erinnerung, Erinnerungen können Sie nicht löschen, lernen Sie, damit zu leben. Solange Sie vor etwas Angst haben, werden Ihre Symptome bleiben.“

Das war ein Schlüsselerlebnis. Für mich bedeutete das: Ende der Geschichte. Ich brauche nicht mehr weiter zu suchen und zu hoffen, es gibt keine Lösung. Wenn die Angst in der Erinnerung sitzt und niemand Erinnerungen löschen kann, dann war’s das. Ich muss mit meinen Erinnerungen leben, niemand wird mir helfen können.

Inzwischen galt ich auch als austherapiert. Niemand wusste mehr, was er mit mir anstellen sollte, ich wusste es auch nicht. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit mir zu leben, so wie ich bin. Was sollte ich auch noch tun? Noch eine Therapie anfangen? Noch ein Buch lesen? Nochmal auf irgendwas hoffen? Sinnlos!

Die Angst veränderte sich und damit mich

Meine Angst war ganz am Anfang eine Panikstörung, d.h. die schlimmen Ängste traten in bestimmten Situationen auf, aus denen ich nicht flüchten konnte oder glaubte, mich schämen zu müssen. Im Laufe der Zeit wurde sie recht schnell zu einer generalisierten Angststörung mit Panikattacken, d.h. die Angst war eigentlich dauerhaft da, erreichte aber immer wieder Spitzen, indem sie so schlimm wurde, dass ich es kaum ertragen konnte. War eine Panikattacke vorbei, blieb eine dauerhafte Anspannung, ein dauerhaftes Angstgefühl, ein dauerhaftes Gefühl, in Gefahr zu sein. Es gab keine Minute mehr ohne Angst, die Angst schwankte nur in ihrer Intensität.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran, man kann sich sogar an Angst gewöhnen. Der dauerhafte Angstzustand wurde zur Normalität und ich war schon froh, wenn die Angst erträglich war. Aber ich lag pausenlos und rund um die Uhr auf der Lauer, weil ich nie wusste, wann mich die Panik wieder überfällt und Angst und Symptome unaushaltbar werden. Ich fühlte mich unfrei und gefangen. Nach ein paar Jahren hatte ich völlig vergessen, wie es sich anfühlt, frei, unbeschwert und froh zu sein. Gute Gefühle kannte ich gar nicht mehr. Für mich war es schon ein Glück, wenn ich einigermaßen zurechtkam und ich es schaffte, ohne Katastrophe normal einkaufen zu gehen oder mal einen Tag hatte, ohne schlimme Symptome, die mich in den Wahnsinn trieben.

Je mehr ich versuchte, die Angst loszuwerden, mit jeder weiteren Therapie, die nicht wirklich half und nur Besserung, aber keine Heilung brachte, mit jedem Buch, das ich las und das mir wieder nicht half oder mich weiterbrachte, wurde ich verzweifelter. Als die Angst kam, um zu bleiben, als ich mit meinem Baby in der Stadt unterwegs war, war das Kind sechs Monate alt. Nun war mein Sohn 14 Jahre alt. Das ist so eine unendlich lange Zeit, dass die Angst schon dermaßen Besitz von mir ergriffen hatte, dass ich zwar immer noch hoffte, sie irgendwie loszuwerden, aber gar nicht mehr daran glaubte, dass das möglich ist. Ich wusste zwar, dass es ein Leben ohne Angst gibt, immerhin hatte ich mal so eins, aber das war so lange her und inzwischen war das nur noch ein Wissen, ich wusste nicht mehr, wie sich das anfühlt. Wie sich Freude, Leichtigkeit, Entspannung, Gelassenheit, Zufriedenheit usw. anfühlen, das hatte ich vergessen. Diese Gefühle waren für mich nur noch Worte, ich hatte sie seit einer Ewigkeit nicht mehr gefühlt und erlebt.

Jetzt war ich 37 Jahre alt und seit meinem 23. Lebensjahr bestand ich praktisch nur noch aus Angst. Meine ganzen jungen Jahre hatte mir die Angst genommen und zerstört. Nun sagte man mir, die Angst sitzt in der Erinnerung und Erinnerungen kann man nicht löschen, ich muss lernen, damit zu leben. Auf was hoffte ich eigentlich noch? Es würde so bleiben. Damit musste ich mich abfinden. Ich hatte schöne Gefühle verloren, sie waren irgendwo auf der Strecke geblieben, die Angst hatte sie zerstört und jeden Millimeter in mir ausgefüllt und übernommen. Wahrscheinlich würde das erst ein Ende haben, wenn ich sterbe.

Der Besuch in der Uniklinik Heidelberg, an den ich mich mit letzter Hoffnung geklammert hatte, zerstörte die Illusion, ich könnte irgendwann wieder ohne Angst leben. Ich wünschte mir, ich wäre nie dort hingegangen. Das hatte ich jetzt davon.

Wieder veränderte sich etwas - ich wurde depressiv. Die Hoffnung war gestorben. Ich würde den Rest meines Lebens mit Panikattacken und Angst verbringen müssen, ich würde nie so leben können wie andere Menschen. Ich hasste mein Leben und ich hasste mich selbst. Ich fing an, zu begreifen, dass es keinen Ausweg gibt. So hatte ich mir mein Leben nicht vorgestellt. So ein Leben wollte ich nicht haben.

Ich schwankte immer wieder hin und her. Einmal war ich so hoffnungslos und depressiv, dass sich mein Leben anfühlte wie ein dunkles, schwarzes Loch, in dem ich voller Verzweiflung hing und nicht mehr herausfand und mal schöpfte ich wieder einen Funken Hoffnung und fing an zu kämpfen und zu strampeln und dann war die Depression besser, dafür war die Angst wieder schlimmer. Irgendwann kippte es wieder auf die andere Seite, dann wurde die Angst etwas besser, dafür die depressiven Gefühle, die Verzweiflung wieder stärker. In diesem Hin und Her zwischen Depression und Verzweiflung und Hoffnung und Kampf gegen die Angst, verbrachte ich Monate.

*****

Das Ende der Suche

Als mir die Hoffnung genommen wurde, dass ich die Angst loswerden könnte, wurde ich zwar depressiv, aber ich hörte auch auf, nach einer Lösung und einem Ausweg zu suchen. Ich fand mich damit ab, dass es keinen gibt, weil man Erinnerungen nicht löschen kann. Schön war das nicht. Aber es hatte auch etwas Gutes, denn als die Suche nach der Lösung oder Ursache zu Ende war, fing ich langsam und zaghaft an, meinen Verstand zu benutzen, was ich bis dahin noch nie getan hatte – und das, obwohl ich den ganzen Tag am Grübeln war.

Bisher war ich immer auf der Suche gewesen, die ganzen 14 Jahre lang. Ich suchte nicht nur die Ursache für die Angst und den Weg heraus oder die Lösung, ich suchte auch den Menschen, der mir helfen kann. Ich suchte den Rat, der mir etwas bringen würde. Ich suchte den Tipp, die Methode, den Ansatz, nach dem ich mich richten kann und der mir hilft. Ich suchte nach anderen Menschen, die Angst hatten, um zu sehen, wie die damit umgingen oder was denen geholfen hatte. Ich suchte, was mit meinem Körper nicht stimmt oder mit meinen Gedanken. Ich suchte, was in meinem Leben nicht stimmt und wer oder was schuld an der Angst sein könnte. Ich suchte nach Erklärungen und nach dem, was ich scheinbar nicht verstand und nicht begriff.

Ich war also immer auf der Suche, d.h. ich war geistig unterwegs, irgendwas zu finden. Der Besuch in Heidelberg machte dieser Suche ein Ende. Als wäre auf der Straße, auf der ich bisher unterwegs war, plötzlich eine Mauer aufgetaucht, die den Weg versperrte und mir sagte: „Hier ist dieser Weg zu Ende. Es gibt keinen Schritt mehr, den Du gehen kannst. Du hast zwei Möglichkeiten – entweder Du versuchst, diese Mauer weiterhin einzurennen oder Du hältst endlich an und bleibst stehen.“

Der Satz, dass die Angst in der Erinnerung sitzt und man Erinnerungen nicht löschen kann, kam bei mir kurz nach dem Besuch in Heidelberg an. Es war der Satz, der durchgeschlagen ist. Er traf mich wie ein Pfeil mitten ins Innerste. Er blieb nicht irgendwo in meinem Verstand hängen und mein Verstand wollte dann wieder irgendwas damit machen oder daran herum denken oder etwas hineindeuten oder ihn analysieren, sondern er traf bei mir ins Schwarze. Es hatte nichts mit den Worten zu tun, sondern damit, dass ich kapierte, was das bedeutet.

Es war so ein Aha-Moment, der mich auf den ersten Moment zutiefst erschrocken hat. Na klar, alles, was ich jemals erlebe, fühle, denke, höre, erfahre, ist im nächsten Moment Erinnerung. Die Erinnerungen speichern sich irgendwo und ich habe keine Ahnung, wo das ist. Was ich einmal weiß, daran werde ich mich immer erinnern. Es ist nicht möglich, das auszulöschen und es ist genauso wenig möglich, absichtlich etwas zu vergessen oder davor zu flüchten oder dagegen zu kämpfen. Es hatte keinen Sinn mehr, mir noch irgendwas vorzumachen oder auf irgendwas zu hoffen. Erinnerungen kann man nicht löschen, das ist eine Tatsache und ob mir die gefällt oder nicht, es ist sinnlos, einen Ausweg daraus zu suchen oder eine Lösung oder einen Ansatz oder Rat oder Tipp. Ich werde mit meinen Erinnerungen leben müssen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

In dem Moment, wo mir das wirklich klar wurde, war das wie ein Schock. Ich wollte das gar nicht wissen, ich wollte das nicht sehen, ich wollte nicht, dass es keinen Weg aus der Angst gibt. Die erste Reaktion war Abwehr. Ich wünschte mir, ich wäre nie in Heidelberg gewesen und hätte diesen Satz nie gehört. Ich wollte die Wahrheit nicht wissen, ich wollte es nicht wahrhaben. Dann wurde ich wütend, schimpfte auf den Arzt in meinen Gedanken, machte ihn nieder, nannte ihn alles Mögliche, von rücksichtslos bis gemein, wie kann man jemandem wie mir, der so leidet, nur sowas sagen? Hat der keine Empathie und kein Mitleid? Dann wurde ich depressiv. Ich hatte das kapiert, dass die Angst in der Erinnerung sitzt. Es hatte drei, vier Tage gebraucht, dann war mir das klar. Eigentlich hatte ich es schon gewusst, dass es stimmt, als ich vor dem Arzt saß und es hörte, aber weil ich es nicht hören wollte, versuchte ich zuerst, diese Tatsache abzuwehren. Die Abwehr hielt nicht, sie brach zusammen und dann war klar, die Angst sitzt in der Erinnerung, ich kann sie nicht loswerden. Game over.

Alles, was ich die letzten 14 Jahre getan und versucht hatte, war sinnlos und umsonst. Es war, als wären mir zum ersten Mal die Augen aufgegangen und ich würde die Mauer sehen, die auf meinem Weg stand und die ich seit 14 Jahren versuchte zu überwinden, wegzuschieben oder einzurennen. Was hatte ich die ganzen 14 Jahre getan? War ich blind? Ich hatte etwas versucht, das nicht möglich ist. Kein Wunder, dass ich es nicht schaffte.

Und warum hatte mir das vorher nie jemand gesagt, kein Arzt und kein Therapeut? Oder hatte man es mir gesagt und ich hatte es nicht verstanden? Auch in meinen Therapien waren immer wieder Worte gefallen wie akzeptieren, integrieren, annehmen. Und ich sagte immer: „Ja, ja, mache ich doch“. Aber jetzt wurde mir klar, ich hatte gar nicht verstanden, was mit diesen Worten gemeint war. Scheinbar hatte der Arzt in Heidelberg einfach die richtige Formulierung gefunden, die ich erfassen konnte, während Worte wie “akzeptieren, integrieren, annehmen” abstrakte Begriffe waren, mit denen mein Verstand nicht zurechtkam. Diese Worte waren zu wenig greifbar, ich brauchte Klartext.

Jetzt ging mir ein Licht auf. All diese Worte wie “annehmen, akzeptieren, integrieren” bedeuten dasselbe wie „Die Angst sitzt in der Erinnerung und Erinnerungen kann man nicht löschen, man muss lernen, damit zu leben“. Es gibt keinen Ausweg. Es gibt keinen Weg aus der Angst. Ende der Suche, es gibt keine Lösung, die man finden kann. Es gibt auch keine Ursache, die man finden kann. Es gibt auch keinen Schuldigen, den man verantwortlich machen könnte. Wenn jemand verantwortlich ist, dann ist es das Leben, das Schicksal, das mir meine Erfahrungen bringt. Jede Suche nach Ursache, Lösung, Schuldigem, einem Ausweg usw. ist sinnlos. Kein Wunder, wenn ich nie etwas gefunden hatte und wenn bisher nichts geholfen hatte.

Ich erlebe das auch bei meinen Klienten andauernd, dass sie Worte wie akzeptieren, integrieren und annehmen nicht verstehen. Wenn man sich unter einem Wort keine genaue Vorstellung machen kann, dann ist der Begriff abstrakt und Kopfmenschen kommen mit abstrakten Begriffen nicht zurecht. Sie deuten sie dann, glauben, sie zu verstehen und in Wirklichkeit läuft ihr Verständnis meilenweit an dem vorbei, was es eigentlich wirklich bedeutet.

So werde ich immer und immer wieder gefragt: „Ich habe Deine Bücher gelesen. Das mit der Akzeptanz und dem Loslassen leuchtet mir ein. Kannst Du mir beibringen, wie man akzeptiert und loslässt?“ Allein schon diese Frage zeigt, dass die Worte nicht verstanden wurden. Die Leute denken, sie können akzeptieren und loslassen lernen, es wäre etwas, was man machen kann. Sie haben die Vorstellung, wenn sie es endlich gelernt haben und akzeptieren und loslassen können, dann geht die Angst weg. So, als wären Akzeptanz und Loslassen irgendwelche Tools, mit denen man die Angst besiegen kann. Sorry, das ist nicht so.

Akzeptanz ist die Einsicht, dass es so ist wie es ist und dass man nichts machen kann. Loslassen ist, aufzuhören zu suchen, was man machen könnte und sich dem hinzugeben, was jetzt ist. Wer nicht zu dieser Einsicht kommt, weil er es nicht sehen und nicht wahrhaben will, der wird auch sein Suchen nicht beenden und wird dadurch im Denken gefangen bleiben. Die Einsicht zu haben oder einzusehen, dass man nichts machen kann, ist nicht wirklich schön, das kann sich schon mal anfühlen wie ein Schock.