Runen der Kraft - Christopher Weidner - E-Book

Runen der Kraft E-Book

Christopher Weidner

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Beschreibung

Runen und Krafttiere

Runen, die Zauberzeichen der Germanen, üben auch auf uns heutige Menschen eine große Faszination aus. Ihre klaren Botschaften, die aus der Gestalt ihrer Zeichen und den alten Überlieferungen entziffert werden können, berühren uns und bringen uns in Kontakt mit unseren wahren Bedürfnissen.

In diesem Buch werden die Bedeutungen der einzelnen Runen vertieft, indem sie mit dem Konzept der Krafttiere verbunden werden. Auch in der nordischen Mythologie gibt es schützende Wesen in Tiergestalt, die den Menschen durch sein Leben begleiten. Jeder Rune werden Tiere zugeordnet, die mit den Eigenschaften der Rune übereinstimmen. Auf diese Weise nähern wir uns der Bedeutung der Runen von einer neuen Perspektive. Die Eigenarten der Tiere werden zum Schlüssel für das Wesen der Rune. Neue Erfahrungen werden angestoßen und tief greifende Impulse zur Beschäftigung mit diesem jahrhundertealten System aus Zeichen und Symbolen gesetzt.

Die Botschaft der Runen verstehen

Runen sind aus der Bildersprache der Natur entstanden. Neben Naturphänomenen und Pflanzen finden sich auch Anspielungen auf Tiere wie Pferd, Auerochse und Rind. Das Spektrum der Zuordnungen auf weitere Tiere auszuweiten und dadurch den Spielraum für das Studium der Zauberzeichen zu erweitern, ist das Anliegen dieses Buches.

Zusätzlich kann all jenen, die sich mit den schamanischen Wurzeln der germanischen Religion auseinandersetzen, ein Weg aufgezeigt werden, die Idee der Krafttiere mit nordischer Weisheit zu verknüpfen. Neben dem Werfen oder Legen der Runen zu Orakelzwecken, der geistigen Auseinandersetzung mit dem in ihnen wohnenden Weltbild einer fast verlorenen Kultur, öffnet sich so eine neue Dimension der Beschäftigung, die Runen als Wegweiser zu besonderen spirituellen Erfahrungen werden lassen.

Runen führen uns dabei zurück an unsere eigenen Wurzeln und lassen uns die in jedem von uns sprudelnde Quelle der Kraft neu entdecken. Diese Kraft kann sich in Gestalt eines Tieres manifestieren, das uns im Alltag zur Seite steht und uns daran erinnert, dass wir alles in uns tragen, um ein gesundes und glückliches Leben zu führen.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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1. Auflage Dezember 2018 Copyright © 2018 bei Kopp Verlag, Bertha-Benz-Straße 10, D-72108 Rottenburg Alle Rechte vorbehalten Die veröffentlichten Ratschläge wurden mit größter Sorgfalt von Verfasser und Verlag erarbeitet und geprüft. Eine Garantie kann jedoch nicht übernommen werden. Ebenso ist eine Haftung des Verfassers bzw. des Verlages und seiner Beauftragten für Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ausgeschlossen. Covergestaltung: Stefanie Beth Satz und Layout: opus verum, München Lektorat: Barbara Allgeier ISBN E-Book 978-3-86445-647-3 eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Gerne senden wir Ihnen unser Verlagsverzeichnis Kopp Verlag Bertha-Benz-Straße 10 D-72108 Rottenburg E-Mail: [email protected] Tel.: (07472) 98 06-0 Fax: (07472) 98 06-11Unser Buchprogramm finden Sie auch im Internet unter:www.kopp-verlag.de

Runen und Krafttiere

© Fotolia: Pink Badger

Runen und Krafttiere

Runen

Vereinfacht gesagt sind Runen die Schriftzeichen der Germanen. Tatsächlich haben germanische Völker Runen verwendet, um Texte zu verfassen. Dies waren jedoch zumeist Inschriften, wie sie auf den Runensteinen Skandinaviens zu finden sind. Sehr selten finden wir längere, zusammenhängende Texte in Runen geschrieben. Der weitaus überwiegende Teil der Inschriften dient dem Gedenken an Verstorbene. Neben Weiheinschriften finden sich auch Texte mit eher weltlichem Inhalt, zum Beispiel auf Münzen oder zur Anzeige von Besitzverhältnissen auf Gegenständen.

Zeitlich reicht die Verwendung der Runen vom 2. Jahrhundert nach Christus bis ins 14. Jahrhundert. Es waren vorwiegend die Wikinger, die sich der Runen bedienten. Daher finden wir sie hauptsächlich in den Siedlungsgebieten dieses Volkes, also im Süden Skandinaviens. In den übrigen Siedlungsgebieten der Germanen tauchen sie weniger häufig auf. Dies liegt zum Teil auch daran, dass dort die Christianisierung früher einsetzte und das lateinische Alphabet bald zum Schreibstandard wurde.

Woher die Runen kamen, wissen wir nicht genau. Viele Theorien beschäftigen sich damit, ob die Runen ihren Ursprung in der lateinischen oder sogar der etruskischen Schrift gehabt haben könnten. Keine der Theorien ist umfassend genug, um alle Zeichen zu erklären. Daher gehen einige Forscher auch davon aus, dass die Runen eine ganz eigenständige Entwicklung des Nordens und die Ähnlichkeiten eher zufällig sind.

Jeder Rune ist ein Lautwert zugeordnet, wie jedem Buchstaben auch. Daher konnte mit Runen geschrieben werden. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sie nur dazu gedacht waren. Ihre sakrale Bedeutung ist unbestritten. Es waren Zauberzeichen. Dass sie als solche auch verwendet wurden, zum Beispiel zur Weissagung, zeigt sich darin, dass für jede Rune auch ein Name überliefert ist. Dieser wiederum kann als Fingerzeig auf eine tiefere, spirituelle Deutung gesehen werden.

Der Name diente aber nicht nur dazu, sich den Lautwert einer Rune besser merken zu können, sondern er verrät auch etwas über die Glaubensvorstellungen der Germanen. Viele sind der Ansicht, dass sich in den Runen und ihrer besonderen Abfolge Hinweise auf die spirituelle Weltsicht der nordischen Völker ableiten lassen, auch wenn es darüber keine gesicherten Aufzeichnungen gibt. In meinem Buch Runen – Zauberzeichen der Germanen gehe ich davon aus, dass der Schlüssel zur Bedeutung der Runen in ihrer Gestalt zu finden ist. Die Form der Runen verweist auf ein natürliches Phänomen oder ein Wesen der Natur. So erinnert die Rune FEHU an die Ähre eines Getreidehalms und damit an Fruchtbarkeit. Die Rune EHWAZ wiederum gleicht einem stilisierten Pferd und steht für Geschwindigkeit.

Nicht immer ist die in den Runen verschlüsselte Bilderwelt so offensichtlich. Doch die Betrachtung der Runen in ihrer Gestalt kann uns wichtige Inspirationen geben, um ihre Bedeutung zu verstehen.

Einige der Runen weisen einen sehr deutlichen Bezug zur Natur auf. Da tauchen der Hagel auf und das Eis, die Sonne und der See. Andere wiederum beziehen sich auf Götter und mythologische Wesen, wie den Gott TYR oder INGWAZ, der eine Beziehung zu Yngvi-Freyr haben könnte. Die Rune ANSUZ bezeichnet einen Asen oder Gott, Ausdruck für die Ordnung der Welt nach den Gesetzen der Götter, und die Rune THURISAZ einen Thursen oder Riesen, die für die Kräfte des Chaos in der Natur stehen. Auch Pflanzen, die den Germanen in einem spirituellen Sinne wichtig waren, sind zu finden: BERKANA, die Birke, oder EIHWAZ, die Eibe. Und dann sind da noch Bezeichnungen für Tiere: FEHU, das Vieh, URUZ, der Auerochse, ALGIZ, der Elch, und die bereits erwähnte Rune EHWAZ, das Pferd.

© Fotolia: KMBI

Viele Jahre habe ich mich mit den 24 Runen des älteren Futhark, dem ursprünglichsten und ältesten Runenalphabet, beschäftigt. Daraus entwickelte sich mein Interesse, die Bedeutung der einzelnen Runen durch Bilder aus der Natur zu vertiefen. Dabei ist der Ausgangspunkt stets das Bild, das die Rune durch ihr Aussehen, ihre Gestalt vorgibt. Dieses Bild wird zur Grundlage, um Ideen über die Bedeutung des einzelnen Zeichens zu entwickeln. Das Bild wird in einem übertragenen Sinne als Botschaft an den Menschen verstanden. Wer beispielsweise die Rune NAUTHIZ im Rahmen einer Runenlegung für sich erhält, der erkennt zunächst einmal das Bild eines Weges, der durchkreuzt wird. Dahinter steckt der Gedanke, dass gefasste Pläne nicht den gewünschten Ausgang nehmen werden, was wiederum als Notlage interpretiert wird – »Not« ist auch die Übersetzung des Runennamens. Daraus lässt sich wiederum eine Botschaft an den Menschen ableiten, die Not zu wenden (aus der Not eine Notwendigkeit zu machen, eine Lernaufgabe), zum Beispiel indem man die Störung durch das Durchkreuzen der Pläne als Kurskorrektur durch das Schicksal deutet.

Die Interpretation der Runen als bildhafte Botschaften an den Menschen hat sich als nützlicher Pfad erwiesen, sich der Zauberzeichen der Germanen als Wegweiser durch unruhige Zeiten des Lebens zu bedienen.

Vier der 24 Runen des älteren Futhark tragen eindeutige Tiernamen. Es muss sich also um Tiere handeln, die den Germanen besonders wichtig gewesen sind und denen sie eine gewisse spirituelle Bedeutung gegeben haben. Betrachten wir diese der Reihe nach:

© Fotolia: wlad074

FEHU. Das Vieh. Gleich die erste Rune des Futhark ist einem Tier gewidmet. Gemeint ist wohl das Rindvieh, denn die Form der Rune legt ein Tier mit zwei Hörnern nahe. Für die Germanen war das Rind ein Ausdruck von Wohlstand, und so liegt es nahe, dass die Grundbedeutung dieser Rune Reichtum ist.

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URUZ. Der Auerochse. Die zweite Rune des Futhark verewigt ein bereits ausgestorbenes Tier, den Auerochsen, auch Ur genannt. Dieses gewaltige wilde Tier gehörte einst zu den mächtigsten Landsäugetieren Europas. Kein Wunder, dass die Bedeutung der Rune in erster Linie auf Stärke verweist.

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ALGIZ. Der Elch. Die 15. Rune versetzt uns in die Wälder Skandinaviens, in denen der Elch zu Hause ist. Die Form der Rune erinnert tatsächlich an das Geweih dieses mächtigen Tieres. Dieses Geweih verbindet nach der mythologischen Vorstellung den Elch mit den Göttern im Himmel, vergleichbar mit Antennen. In unseren Breiten hat der Hirsch diese Funktion. Daher steht ALGIZ für göttliche Unterstützung und für Schutz.

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EHWAZ. Das Pferd. Die 19. Rune verkörpert das Pferd, ein in den Mythen des Nordens ebenfalls sehr wichtiges Tier, reitet doch der Göttervater Odin selbst auf einem Pferd mit acht Beinen. Das Pferd ist der Mittler zwischen den Welten, es steht daher für Geschwindigkeit, aber auch für die Kommunikation zwischen dieser Welt und der Anderswelt.

Diese vier Runen besitzen einen klaren Bezug zur Tierwelt. Dabei sind die Mythen des Nordens voller Tiere, die eine besondere Bedeutung besitzen. Warum also ausgerechnet nur diese vier? Mit demselben Recht könnte man auch die Frage stellen, warum es ausgerechnet die Birke und die Eibe, nicht aber andere Bäume in die Reihe der Runen geschafft haben.

Viele Autorinnen und Autoren von Büchern über die Runen haben sich Gedanken darüber gemacht, welche anderen Entsprechungen abseits des Runennamens es zu den einzelnen Zeichen geben könnte. Dabei wurden den restlichen zwanzig Runen auch Tiere zugeordnet. Nicht immer ist klar, welche Intuition hierbei Pate stand.

Neben der Intuition bediene ich mich in diesem Buch vorzugsweise aus dem reichhaltigen Schatz der Mythen, Märchen und Sagen, vorrangig natürlich der germanisch-nordischen Überlieferung. Ich habe viele Bezüge zwischen den Botschaften der Runen und den Bedeutungen von Tieren in der Mythologie feststellen können. Es war eine große Bereicherung, auf diese Weise meinem Wissen über die Runen noch größere Tiefe geben zu können.

Krafttiere

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Verbindung von Runen mit den sogenannten Krafttieren. Darunter versteht man in der schamanischen Tradition einen Begleiter aus dem Tierreich, der oft in einem sehr persönlichen Augenblick des Lebens zu uns kommt, um uns unterstützend zur Seite zu stehen. Die Beziehung zwischen Mensch und Krafttier ist heilig, in einem ganz engen Sinne des Wortes: Sie macht uns »heil«, heilt uns. Das Krafttier verbindet uns mit der sogenannten Anderswelt, ein Begriff, der aus dem keltischen Kulturkreis übernommen wurde und eine Welt beschreibt, die hinter der Welt des Alltäglichen liegt. In vielen neoschamanischen Richtungen wird diese Welt auch die nichtalltägliche Wirklichkeit genannt. In dieser Wirklichkeit finden wir Antworten auf Fragen, die uns gerade beschäftigen. Ob wir uns diese Welt vorstellen, als sei sie real, oder sie nur als Metapher für unser Unbewusstes und die darin schlummernden Kräften sehen, ist unwichtig. Entscheidend ist, dass die Verbindung mit dieser Welt tatsächlich als heilsam erlebt wird. Das Krafttier ist dabei der Vermittler.

Krafttiere gehören zur ältesten spirituellen Tradition der Menschheit. Schon in den frühesten Höhlenzeichnungen finden wir immer wieder Darstellungen von Tieren und sogar erste Darstellungen von Schamanen, die sich in Tiere verwandeln, um sich mit deren Kräften zu verbinden. Ein Echo aus diesen fernen Zeiten mögen die Tiere sein, die den Heldinnen und Helden aus Sagen und Mythen begegnen und sie auf ihrem Weg unterstützen, zum Beispiel die Tauben bei Aschenputtel oder das Pferd in der Gänsemagd. Nicht selten können diese Tiere sogar sprechen.

Es ist aber wichtig, zunächst ein paar Missverständnisse zum Thema Krafttier aus dem Weg zu räumen. Oft wird gesagt, dass Tiere, zum Beispiel in Märchen oder Sagen, nichts anderes als Symbole für die Triebnatur des Menschen seien. Das mag für psychologische Zusammenhänge richtig sein. Doch für den Schamanen ist das Krafttier nicht einfach ein abstraktes Symbol, das im Grunde für etwas anderes steht, sondern es existiert wirklich! Es ist ein spürbarer und erfahrbarer Begleiter auf seinem Weg. Genauso wenig hat es mit den vermeintlichen oder tatsächlichen tierischen Anteilen von uns Menschen zu tun, die wir möglicherweise verdrängt oder sogar dämonisiert haben. Das Krafttier ist nicht einfach eine Funktion unserer Psyche, sondern ein eigenständiges Wesen, mit dem wir eine wirkliche Beziehung eingehen.

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Wenn wir in der Anderswelt auf ein Krafttier treffen, dann begegnen wir darin nicht uns selbst, sondern wir bekommen eine Freundschaft angeboten. In dieser Freundschaft lernen wir erst die Fähigkeiten unseres Krafttieres kennen, erfahren, wie wir davon profitieren können und warum uns gerade dieses Krafttier begegnet ist. Vieles davon ist überraschend, manches mag uns am Anfang sogar überhaupt nicht behagen. Vielleicht treffen wir auf ein Tier, vor dem wir im alltäglichen Leben Angst haben oder vor dem wir uns ekeln. Vielleicht bietet sich uns ein tierischer Begleiter an, der unserer Meinung nach gar nicht zu uns passen will. Doch hier müssen wir vertrauen, dass die Anderswelt ein gutes Gespür für uns hat. Sie weiß, was wir gerade brauchen und noch brauchen werden.

Die Beziehung zu einem Krafttier ist etwas ganz Besonderes und ist tatsächlich am ehesten mit einer Freundschaft zu vergleichen. Das bedeutet aber auch, dass wir nicht nur nehmen, sondern auch geben. Das unterscheidet die Idee eines Krafttieres deutlich von der eines Schutzengels, der ja einfach für uns da ist, ganz selbstlos und ohne Bedingungen zu stellen. Krafttiere stellen eine deutliche Bedingung – und die lautet: Schenke uns deine Aufmerksamkeit! Ähnlich wie wir die Bedürfnisse unserer Haustiere beachten, ihnen unsere Zuneigung zeigen und sie als gleichwertige Partner in unserem Leben akzeptieren, wollen auch Krafttiere respektvoll behandelt werden.

Sie schätzen es zum Beispiel sehr, wenn wir uns mit ihnen auf allen Ebenen ihres Daseins auseinandersetzen. Das bedeutet, dass wir sie nicht nur als geistiges Prinzip würdigen, sondern auch ihre »realen« Vertreter in der Natur kennenlernen, über sie lesen, ihre Verhaltensweisen studieren und uns mit ihren besonderen Fertigkeiten beschäftigen. Wir können sie malen, fotografieren, ihnen Gedichte widmen, sie in freier Wildbahn oder auch im Zoo besuchen.

Krafttiere unterstützen uns mit ihren besonderen Eigenschaften. Sie begleiten uns durch kritische Lebensphasen und zeigen uns den Weg. Sie bleiben uns treu, auch wenn wir das Gefühl haben, die Welt hat sich gegen uns verschworen. Die Beziehung zu einem Krafttier kann sehr intensiv sein und ein Leben lang halten.

Tiere bei den Germanen

Lässt sich das Konzept der Krafttiere ohne Weiteres auf die Kultur der Germanen und damit auch auf die Runen übertragen? Dieser Frage will ich in dem folgenden Kapitel nachgehen.

Üblicherweise denken wir bei »Schamane« eher an indigene Völker in fernen Ländern, an Zauberer im tiefen Dschungel oder in der Steppe Sibiriens. Vielleicht haben wir Bilder im Kopf von Trommel schlagenden Medizinmännern, die unter dem Einfluss halluzinogener Pflanzen in Trance fallen, um rituelle Heilungen zu vollziehen.

Wenigen ist bewusst, dass Schamanismus kein Phänomen der Fremde ist, sondern auch in unserer Kultur verankert war, dass es eine europäische schamanische Tradition gibt. Viele Bräuche, die sich bis in die Moderne gehalten haben, stehen unter dem Verdacht, ihre Wurzeln in alten schamanischen Riten zu haben, zum Beispiel der Tanz um den Maibaum, die Verkleidung im Fasching und sogar das Aufstellen eines Weihnachtsbaumes. Fest steht, dass es eine Zeit gab, in der auch in unseren Breiten der Schamanismus kulturprägend war und die alltägliche religiöse Praxis bestimmte.

Doch wie sieht es bei den Germanen aus? Gibt es Hinweise auf schamanische Traditionen in ihrer Kultur? Tatsächlich finden wir zentrale Motive der schamanischen Überlieferung auch in der nordischen Kultur. Da ist zum Beispiel der Weltenbaum mit seinen drei Welten: der oberen, der mittleren und der unteren. Der Schamane reist auf diesem Baum durch die Welten, indem er ihn wie eine Leiter benutzt. Die Germanen hätten in diesem Konzept sofort die Esche Yggdrasil erkannt, in deren Wurzeln und in deren Zweigen sich die verschiedenen Reiche des Kosmos gruppieren: Asgard, das Reich der Götter, Midgard, das Reich der Mitte, und Utgard, das untere Reich. In der Edda finden wir jene bemerkenswerte Passage, nach der Odin diesen Weltenbaum für ein rituelles Selbstopfer nutzt.

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Viele germanische Stämme verehrten einen heiligen Baum auf ihrem Gebiet, der als irdischer Stellvertreter dieses kosmischen Baumes betrachtet werden kann. Die südgermanischen Chatten trafen sich beispielsweise unter eine Eiche, die dem Wettergott Donar geweiht war – der Donareiche. Die Sachsen wiederum kannten die Irminsul, einen wohl kunstvoll verzierten Baumstamm, der das All tragen soll. Beide Weltenachsen, die Donareiche und Irminsul, wurden übrigens im Zuge der gewaltsamen Christianisierung zerstört, was wiederum auf ihre große kultische Bedeutung hinweist.

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Der Schamane bedient sich bei seiner Reise durch die Welten veränderter Bewusstseinszustände. Manche Kulturen, wie die der Samen in Skandinavien, versetzen sich mithilfe der monotonen Schläge auf eine Trommel in Trance, andere wiederum benutzen Halluzinogene wie Pilze, Zauberpflanzen und andere mehr oder weniger giftige Substanzen.

Das bereits erwähnte Selbstopfer Odins, wie es in der Hávamal, einem der Gedichte der sogenannten Lieder-Edda überliefert ist, erinnert an die Reise des Schamanen. Odin, von seinem eigenen Speer verletzt und dadurch in einem körperlichen wie seelischen Ausnahmezustand, hängt neun Nächte in einem Baum, der mit der Esche Yggdrasil gleichgesetzt wird. In diesem ekstatischen Zustand empfängt er heiliges Wissen, unter anderem die Runen. Er wird zum Schamanen.

Diese Art von Initiation durch Selbstaufgabe findet sich auch als Grundmotiv im Schamanismus. Im Zuge seiner Ausbildung begibt sich der angehende Schamane alleine in die Wildnis, zum Beispiel in einen tiefen Wald. Dort begegnet er Naturgeistern und Tierwesen, verwandelt sich selbst in ein solches. Die Initiation ähnelt dem Tod und lässt den Schamanen in ein neues Leben eintreten.

Yggdrasil bedeutet so viel wie »das Pferd Odins« (Yggr ist ein Beiname des Gottes). Dahinter steckt möglicherweise ein weiterer Hinweis auf das schamanische Fundament germanischer Spiritualität. In den Mythen ist es das achtbeinige Pferd Sleipnir, auf dem Odin reitet, auf dem er gerne die Wilde Jagd anführt, ein unheimlicher Geisterzug, der besonders in den Raunächten als Sturmwind durch die Lüfte rauscht. Der Ritt auf dem Pferd taucht wiederum in vielen schamanischen Überlieferungen als Reise ins Jenseits auf. Im übertragenen Sinne wird die Schamanentrommel zum Pferd, und in dem rhythmischen Schlagen hört der Schamane dessen Galopp.

Ein weiterer bereits angedeuteter Zug, der typisch ist für schamanische Traditionen, ist die Verwandlung in ein Tier. Schon die frühesten Höhlenmalereien zeigen nicht nur Darstellungen von Tieren wie Auerochsen, Wildpferden, Bären und Vögeln, sondern auch Mischwesen aus Mensch und Tier. Möglicherweise handelt es sich dabei um den Schamanen selbst, der im Auftrag der Gemeinschaft um den Segen des Herrn oder der Herrin der Tiere für die kommende Jagd bat, indem er sich selbst in ein Tier verwandelte. Vielleicht wurzelt in dieser Idee die Vorstellung, dass jeder Mensch mit einem besonderen Tier in Verbindung steht – seinem Krafttier. Dieses Krafttier ist gewissermaßen der Schutzgeist des Menschen und begleitet ihn durchs Leben, gibt ihm Rat und hilft ihm bei der Heilung. Die Verwandlung in ein Krafttier gehört sicherlich zu einer der am weitesten verbreiteten Trancetechniken.

Auch die Germanen kennen einen solchen Schutzgeist, den sie Fylgja nannten, ein Folgegeist. Darunter verstanden sie ein jedem Menschen beiwohnendes Wesen, das sich zuweilen zeigte, sei es im Traum, aber auch im Wachzustand. Überliefert ist, dass sich die Fylgja ihrem Menschen in erster Linie vor wichtigen Ereignissen seines Lebens zeigt, besonders vor seinem Tod, sehr häufig in Gestalt eines Tieres. Dieses Tier wiederum soll die Charaktereigenschaften des Menschen tragen. Weil die Fylgja in der Regel weiblich ist und sich vor dem Tod ihres Schützlings zeigt, wurde sie auch mit den Walküren in Verbindung gebracht, die wiederum gerne als Schwäne oder Raben in Erscheinung treten. Fylgjen können auch für ganze Familien zuständig sein.

Die Idee der Fylgjen hat große Ähnlichkeit mit dem Konzept der schamanischen Krafttiere. Zumindest ist sie ähnlich genug, um den Schluss zuzulassen, dass die spirituelle Verbindung zwischen Mensch und Tier auch in der Religion der Germanen ihren Platz hatte.

Die Fylgja auf dem Runenkästchen von Auzon

© Wikimedia: Franks Cascet

Dass Tiere im magischen Denken der Germanen wichtig waren, belegt nicht nur ihre ausdrückliche Anwesenheit in den Runenreihen, sondern auch die Kunst. Im sogenannten »germanischen Tierstil« wurden stilisierte Tiere wie Schlangen, Vögel, Pferde, Wölfe und Eber, aber auch Menschen so ineinander verschlungen dargestellt, dass sie zu ornamentalen Bestandteilen von Flecht- und Knotenmustern wurden. Diesen Bildern spricht man eine magische Bedeutung zu, sie sind »Heilsbilder« mit einer unheilabwehrenden Wirkung oder auch Piktogramme im Sinne der Heraldik, mit denen sich bestimmte Gruppen identifizierten und so ihre Zusammengehörigkeit demonstrierten.

Ein weiterer Hinweis ist, dass einige germanische Stämme ihre Namen von Tieren abgeleitet haben, wie die Cherusker vom Hirschen und die Eburonen vom Eber. Dahinter könnte man eine Art Totemismus sehen: Bestimmte Tiere stehen für die besondere Kraft eines ganzen Clans. Typische germanische Namen wiederum verweisen auf die Stärke von Tieren, zum Beispiel Eberhard, stark wie ein Eber, oder Bernhard, stark wie ein Bär. Des Weiteren besitzt nahezu jeder germanische Gott der Überlieferung nach ein ihm heiliges Tier: Thor wird von Ziegenböcken begleitet, die Unterweltsgöttin Hel von Hunden. Freyjas Wagen wird von Katzen gezogen, und ihr Bruder Freyr besitzt einen goldenen Eber. Odin reitet nicht nur auf seinem Pferd, sondern wird auch von zwei Raben beraten. Auch zwei Wölfe liegen zu seinen Füßen. Andere Götter beherrschen gar die Kunst der Verwandlung in ein Tier, wie der listige Loki, der sich mal die Gestalt einer Fliege, mal die eines Falken zulegt.

Die Verwandlung in Tierwesen, die als ein Grundzug der schamanischen Vorstellungswelt gelten muss, lässt sich auch in unseren Breiten bis in die heutige Zeit in einigen Bräuchen wiederfinden. In der Zeit nach der Wintersonnenwende – und teilweise auch davor – wird in vielen Gegenden von den Raunächten gesprochen. In dieser Zeit »zwischen den Jahren«, wenn die Tage am kürzesten und die Nächte am längsten sind, wenn das Alte noch nicht vorbei, das Neue aber gerade erst geboren ist, geht der Überlieferung nach die bereits erwähnte Wilde Jagd um. Das »wütende Heer« rauscht durch die Lüfte – in manchen Landstrichen unter der Führung von Wotan/Odin, in anderen angeführt von Frau Holle oder Frau Perchta.

Die »Habergoaß«, Dämonengestalt in Form eines dreibeinigen Geißbocks mit glühenden Augen und langem Bart

© Fotolia: Manfred Herrmann

Diese Vorstellung ist religionsgeschichtlich sehr alt und fußt möglicherweise auf dem Phänomen der Winterstürme. Doch es ist bezeichnend, dass gerade im alpenländischen Raum diese Wilde Jagd eine rituelle Entsprechung erfährt, und zwar in den zahlreichen Perchten- und Krampusläufen. Dabei verkleiden sich Menschen in Tierfelle und ziehen von Ort zu Ort, veranstalten wilde Tänze und machen einen »Heidenlärm«. Gestalten wie die »Habergoaß«, der Saurüssel und das Hahnengickerl gehen um und versetzen die Menschen in Angst und Schrecken. Dabei werden oft kunstvoll geschnitzte Masken getragen, die sogenannten Larven, die ihre Träger in Wesen aus der anderen Welt verwandeln. Es geht wild und animalisch zu. Hinter diesen Bräuchen sehen manche Forscher die Erinnerung an alte schamanische Verwandlungskulte, bei der die Menschen sich in die tiergestaltigen Geister ihrer Ahnen verwandeln, die in dieser heiligen Zwischenzeit, den geweihten Nächten (Weihnachten), umgehen.

Werwolf, 1512. Holzschnitt von Lucas Cranach d. Ä. (1472–1553)

Bestens bekannt sind die sogenannten Berserker (aus altnordisch ber für »Bär« und serkr für »Hemd«). Es handelt sich dabei um Krieger, die mit einem Bärenfell bekleidet an vorderster Front in die Schlacht zogen, dabei brüllten wie Tiere und eine insgesamt äußerst furchteinflößende Erscheinung boten. Durch das Umlegen des Tierfells verwandelten sich die Menschen in Raubtiere, waren schmerzunempfindlich und konnten ohne Rücksicht auf den eigenen Leib und das eigene Leben kämpfen. Sie waren »außer sich«. Auch hier trägt die Verwandlung in ein Tier dazu bei, Zugang zu übermenschlichen Kräften zu erlangen.

Natürlich dürfen bei diesem Thema auch die Werwölfe nicht außer Acht gelassen werden. Werwolf bedeutet so viel wie »Menschenwolf«. Ursprünglich handelt es sich, wie bei den Berserkern, um Krieger, die durch das Anlegen einer Wolfshaut die Verwandlung vollzogen. Erst später wurde daraus ein Motiv für Schauergeschichten. Die Verwandlung in einen Wolf lässt sich für den gesamten europäischen Raum nachweisen und reicht bis in die Antike zurück. Eigene Kulte sind belegt. Möglicherweise existierten Erinnerungen an die Rituale, die in diesen Kulten vollzogen wurden, bis in die frühe Neuzeit und führten zur Legendenbildung vom menschenmordenden Werwolf, der uns in zahlreichen Hexenprozessen begegnet. Auch hier spielen die Raunächte wieder eine wichtige Rolle als Zeit der Verwandlung.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Germanen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit das Konzept eines Krafttieres in der einen oder anderen Form kannten. Menschen konnten sich mit der Kraft eines Tieres verbinden, indem sie sich in dieses Tier verwandelten. Die Identifikation mit einem bestimmten Tier diente dazu, sich als Einzelner oder als Gruppe mit entsprechenden Eigenschaften zu versehen. Götter wurden von ihren heiligen Tieren begleitet, und auch Menschen hatten einen Schutzgeist, der sich ihnen gerne in Tiergestalt zeigte.

Anderswelt

Wie der germanische Schamane Kontakt zu seinen Krafttieren aufgenommen hat, wissen wir nicht. Uns sind keine Rituale überliefert worden. Wir können jedoch davon ausgehen, dass hier Trancetechniken eine besondere Rolle gespielt haben. Möglicherweise schlug man die Trommel, unterstützt durch berauschende Substanzen, beispielsweise den Fliegenpilz, von dem es heißt, dass er dem Geifer entspringt, der aus dem Maul von Sleipnir tropft, dem Pferd des Ekstasegottes Odin.

Oisín and Niamh reisen nach Tír na nÓg, 1910. Illustration von Stephen Reid (1915–2018)

Tír na nÓg (frei übersetzt etwa Land der ewigen Jugend) ist einer der bekanntesten mystischen Orte der Anderswelt in der irisch-keltischen Mythologie.

Der Zugang zu seinem Krafttier vollzieht sich über den Kontakt zur sogenannten Anderswelt, der nichtalltäglichen Wirklichkeit. Der Begriff »Anderswelt« ist dem Kreis der keltischen Mythen entlehnt, trifft aber die Bedeutung dieser Wirklichkeit, die neben unserer Wirklichkeit besteht, sehr genau.

Für die meisten Völker, die eine schamanische Tradition kennen, existiert diese Anderswelt neben der unseren. Sie kann nur in einem bestimmten Zustand betreten werden, in dem unser Bewusstsein vorübergehend auf andere Art und Weise funktioniert und einen stärkeren Zugang zu der uns innewohnenden Welt der Bilder hat. Diese andere Welt kann in einem psychologischen Sinne mit dem Unbewussten verglichen werden, ist aber nicht identisch. Ähnlich wie das Unbewusste hat diese Welt neben der unseren eigene Gesetzmäßigkeiten, die sich zum Teil deutlich von denen der alltäglichen Wirklichkeit unterscheiden. So gibt es in der Anderswelt eben Krafttiere, die uns helfend zur Seite stehen, entweder unser ganzes Leben lang oder über einen bestimmten Zeitraum hinweg. Diese Tiere verhalten sich nicht so wie Tiere in unserer alltäglichen Wirklichkeit, sondern gehen auf uns zu und schließen Freundschaft mit uns. Sie stehen uns mit Rat und Tat zur Seite und können zu so etwas wie unserem Seelenpartner werden.

Die Anderswelt ist auch mit der Traumwelt vergleichbar, ohne mit ihr identisch zu sein. Wie in der Traumwelt können dort Dinge geschehen, die in der alltäglichen Wirklichkeit nicht möglich sind. So können wir uns in der Anderswelt in Tiere verwandeln, unsere Körpergröße nach Bedarf verändern und mit Tieren sprechen. Ähnlich wie in der Traumwelt besitzen wir in der Anderswelt ein eigenes Bewusstsein, ein Anders-Ich.

Die Anderswelt oder nichtalltägliche Wirklichkeit ist in sich noch einmal strukturiert und kennt drei Ebenen: die untere, mittlere und obere Welt. Für die Arbeit mit Krafttieren ist die untere Welt entscheidend, denn dort ist ihr Zuhause. Aus diesem Grund begeben wir uns auf der Suche nach unserem Krafttier genau dorthin. Die untere Welt steht in Beziehung zu den Anteilen unseres Menschseins, die auf die animalische Seite der Natur besonders gut ansprechen und am ehesten mit unwillkürlichen Motiven in uns zusammenhängen. Die mittlere und die obere Welt werden wiederum von anderen Wesen bevölkert. Die schamanische Arbeit jedoch sollte immer in der unteren Welt beginnen, in der Regel mit dem Aufsuchen des Krafttieres.

Runen mit Krafttieren verbinden

Nun geht es darum, die Idee des Krafttieres mit den Runen selbst zu verbinden. Jeder Rune verkörpert eine Kraft, die auch in der Natur und im menschlichen Miteinander vorkommt. Es gibt solche, die auf Stärke verweisen, wie URUZ oder TIWAZ, andere wiederum bieten Schutz und Geborgenheit wie ALGIZ, wieder andere beschreiben unser Bedürfnis nach Verbindung mit anderen wie MANNAZ.

In diesem Buch werden wir die Runen um die Zuordnung zu Tieren erweitern, entsprechend den überlieferten Eigenschaften der Runen. Neben den vier bereits mit Tieren in Verbindung stehenden Runen FEHU, URUZ, ALGIZ und EHWAZ werden wir auch für alle anderen Runen Entsprechungen aus dem Tierreich vorschlagen.

Dabei spielt einerseits die Überlieferung aus Sagen, Mythen und Märchen eine große Rolle, andererseits aber auch die Beobachtung der Verhaltensweisen von Tieren. Aus diesen lassen sich Wesensmerkmale ableiten, die wiederum Hinweise auf ihre Zuordnung zu Runen geben.

Diese abgeleiteten Merkmale müssen zwangsläufig sehr fokussiert sein. Jedem dürfte aber klar sein, dass Tiere nicht nur auf eine Eigenschaft reduziert werden können. Die Kuh kann aufgrund ihrer Größe für Stärke stehen, aufgrund der Milch, die sie gibt, für Fürsorglichkeit, aufgrund ihres Herdentriebes für Gemeinschaft und als Stier sogar für Kampfbereitschaft. Dennoch haben sich gerade durch die Beschreibungen in Märchen und Fabeln sowie anderen Überlieferungen bestimmte Eigenschaften herausgebildet, die als wesentlich für ein Tier angesehen werden. Es handelt sich um bewusste Stilisierungen des Wesens von Tieren, die zwar nicht aus der Luft gegriffen sind, aber dem wahren Wesen jedes einzelnen Tieres selbstverständlich nicht allumfänglich gerecht werden können. Grundlage ist und bleibt der Blick des Menschen auf das Tier als Vertreter seiner Gattung. Dieser stilisierende Blick wird uns in den Mythen präsentiert.

Schon in frühmenschlichen Kulturen waren Tiere nicht nur Nahrungsquelle, sondern wurden auch als Schicksalsgemeinschaft verstanden. Wenn wir uns Totemtiere, Stammestiere und heraldische Tiere anschauen, wie sie überall und zu allen Zeiten auf der Welt vorkommen, dann erkennen wir, dass Menschen schon immer von einer, wie auch immer gearteten Verwandtschaft mit bestimmten Tieren ausgegangen sind. Der Mensch spiegelte sich in den Tieren und erkannte sich selbst in diesem Spiegel als Teil der Natur. Gemeinsam ist Mensch und Tier dieses Eingebundensein in die Kräfte des Lebens. Raubtiere wurden zu Stellvertretern natürlicher Prozesse, die als grausam erlebt wurden und in denen es um das nackte Überleben ging, um Fressen und Gefressenwerden. In anderen Tieren erkannte der Mensch die nährenden und fürsorglichen Aspekte der Natur, in wieder anderen ihre Fruchtbarkeit. Gerade das Gefühl, eingebunden zu sein in etwas Höheres, das das Schicksal des Menschen als Einzelnen übersteigt, gehört zum Grund aller Spiritualität und ist damit das Fundament aller Religionen. Hier wird es zu etwas Göttlichem, zu Göttern und schließlich zum einen Gott. In den Tieren sah man den Ausdruck für dieses Göttliche, insbesondere jene Anteile, die als geheimnisvoll erlebt wurden. In den Tieren wurde das Göttliche sichtbar, Tiere waren oftmals Sendboten der Götter selbst. Im Tier offenbart sich das Höhere, wird für uns greifbar.

Die Tiere waren mythischer Ahne, Bruder und Helfer, Führer durch die geistigen Welten und Botschafter der Götter. Ihre Wesensmerkmale verraten uns etwas über die Natur der Welt und die Natur des Menschen. In ihnen spiegeln wir uns selbst und damit die uns von Natur aus innewohnenden Kräfte. Unsere Vorlieben für und Abneigungen gegen bestimmte Tiere mögen Zeichen dafür sein, auf welche Weise wir in Verbindung mit den entsprechenden Kräften in uns sind. Immer aber erzählt uns das Tier auch etwas über uns selbst, im besten Falle führt es uns zur Quelle unserer ganz persönlichen Kraft, mit der wir in diesem Leben angetreten sind.

Solange wir uns aber bewusst bleiben, dass diese typischen Eigenschaften aus der Sicht des Menschen zu betrachten sind, machen wir nicht den Fehler, ein Tier auf ein einziges Merkmal zu reduzieren. Für uns werden Tiere in diesem Zusammenhang zu Symbolen, zu Archetypen für eine Kraft der Natur. Sie stehen für etwas, das unserem Leben als Mensch Bedeutung geben kann. Sie verkörpern Prinzipien – wie die Runen auch.

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Die Runen in die Sprache der Krafttiere zu übersetzen ist das Hauptanliegen dieses Buches. Diese Annäherung kann für Menschen, die sich mit Runen beschäftigen, eine Vertiefung der Erkenntnisse bieten. Denn die Runen, die ihre Wurzeln in der Beobachtung natürlicher Phänomene haben, ergänzen sich wunderbar mit dem Konzept der Krafttiere, die uns dabei helfen, den Zugang zu den oftmals verschütteten Wurzeln unserer eigenen inneren Natur wiederzufinden.

Umgekehrt können Menschen, die sich bereits mit der Idee der Krafttiere vertraut fühlen, sich der Welt der Runen nähern, indem sie ihre Erfahrungen mit dieser alten Weisheitslehre verknüpfen, die im System der Runen verborgen ist. Gerade für diejenigen, die sich sowohl zu Runen als auch zum schamanischen Weltbild hingezogen fühlen, ist dieses Buch gedacht. Es soll eine Brücke schlagen, um die Erkenntnisse in beide Richtungen zu bereichern.

Der Ruf des Krafttieres

Wie nimmt man nun Kontakt mit einem Krafttier auf? Üblicherweise geschieht dies, indem wir uns in einen leichten Trancezustand versetzen. Dieser Trancezustand wird von den Schamanen auf vielfältige Weise erreicht. Einige Kulturen verwenden dazu bestimmte Pflanzen, sogenannte »Medizin«, andere wiederum arbeiten mit der sogenannten »sensorischen Deprivation«, das heißt, die alltäglichen Umweltreize werden ausgeschaltet, indem sie durch andere, nichtalltägliche Sinneswahrnehmungen überlagert werden. Ein Beispiel dafür ist das monotone Schlagen von Trommeln oder das Schütteln von Rasseln. Wenn wir uns eine Zeit lang einer solchen, alle anderen Geräusche überlagernden Kulisse ausliefern, werden wir feststellen, dass unsere Aufmerksamkeit sich nach innen richtet und wir einen leichteren Zugang zur Welt der inneren Bilder bekommen.

Genau darum geht es bei einer Trance: Wir isolieren unsere Aufmerksamkeit und richten sie auf ein inneres Geschehen. Wie wir dies erreichen, ist letztlich egal, empfehlen aber kann man nur Wege, die unserer Gesundheit nicht schaden und die auch in unserem kulturellen Rahmen sinnvoll sind. Entsprechend kann ich von Experimenten mit sogenannten Zauberpflanzen nur abraten. Das Schlagen einer Trommel hingegen ist eine durchaus praktikable Methode, setzt allerdings ein wenig Übung voraus. Es gibt mittlerweile CDs mit Trommelklängen, die man für eine solche Reise in die Anderswelt einsetzen kann.

Es gibt aber noch weitere Möglichkeiten, sich in einen leichten Trancezustand zu versetzen. Dazu gehören Entspannungs- und Atemübungen oder eine Kombination aus beidem. All das erleichtert das Aufsteigen von inneren Bildern.

Die folgende Übung ist in zwei Teile aufgeteilt: eine vorbereitende Entspannung und eine anschließende Reise in die Anderswelt, in Form einer geführten Meditation.

Diese Übung ist ganz darauf ausgerichtet, Sie in Kontakt mit Ihrem Krafttier zu bringen. Seien Sie nicht enttäuscht, wenn es nicht gleich beim ersten Mal klappt. Erzwingen Sie nichts. Viele Menschen brauchen zwei bis drei Anläufe. Bei anderen wiederum gelingt es auf Anhieb. Das ist völlig normal. Sie werden auch merken: Je öfter Sie diese Reise wiederholen, umso intensiver wird sie werden, umso mehr Einzelheiten werden Sie erfahren.

Entspannung – Ihre Reise in die Anderswelt

Suchen Sie sich einen Ort, an dem Sie für eine halbe Stunde ungestört sind. Sorgen Sie dafür, dass Sie weder durch die Türklingel noch das Telefon unterbrochen werden. Am besten eignet sich die Zeit in der Morgen- oder Abenddämmerung, jener Zeit des Zwielichts also, in der die Grenzen zwischen unserer Welt und der Anderswelt ohnehin durchlässiger ist. Sie können aber auch jede andere Tageszeit wählen. Dann bereiten Sie den Raum, in dem Sie sich befinden, entsprechend vor, indem Sie die Vorhänge zuziehen, um das Licht zu dämpfen. Kleine, isoliert liegende Räume sind erfahrungsgemäß besser als große Räume mit vielen Türen. Das Schlafzimmer ist in der Regel eine gute Wahl, weil Sie dort zumeist ohnehin schon auf Entspannung eingestimmt sind.

Legen Sie sich hin, idealerweise auf den Boden, vielleicht auf eine Matte oder eine Decke. Finden Sie eine bequeme Position indem Sie alle Fünfe von sich strecken. Sie können ein kleines Kissen in den Nacken legen, sollten aber ansonsten so viel Bodenkontakt wie möglich haben. Vermeiden sollten Sie hingegen die Position, in der Sie sich auch schlafen legen würden, denn wir wollen ja nicht einschlafen, sondern bei Bewusstsein bleiben, auch wenn wir eine andere Ebene erreichen möchten. Sie können sich auch zudecken und eine Augenbinde tragen. Manch einer empfindet es auch als hilfreich, die Ohren zuzudecken. Unternehmen Sie alles, was Ihnen hilft, die Sinne von außen nach innen zu lenken.

Wenn Sie so weit sind, fühlen Sie den Kontakt des Bodens unter sich. Spüren Sie, wie Sie getragen werden, wie die Erde Sie hält und stützt. Bleiben Sie so lange bei diesem Gefühl, wie es angenehm für Sie ist. Sie können auch die Extremitäten – Arme, Beine, Kopf – nacheinander kurz anheben und dann wieder ablegen, um das Gefühl der Erdung zu verstärken. Lassen Sie Ihren Körper ganz los, überlassen Sie ihn dem Erdboden. Vielleicht stellen Sie sich auch vor, wie alle Anspannungen, die Sie im Körper wahrnehmen, sich verflüssigen und nach unten abfließen, wo sie von der Erde wie von einem Schwamm aufgesogen werden. Versuchen Sie dabei ganz bewusst und wach zu bleiben. Sie werden jedoch merken, wie sich schon jetzt eine tiefe Form der Ruhe einstellt, sich Ihr Geist und Ihr Körper beruhigen.

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Um jetzt nicht in Schlaf zu fallen, beginnen Sie ganz bewusst zu atmen. Atmen Sie langsam und genüsslich ein und aus. Lassen Sie den Atem ganz natürlich fließen, erzwingen Sie nichts. Der Atem muss nicht besonders tief sein, er sollte nur ebenmäßig und entspannt fließen. Konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf dieses Fließen des Atems, auf das Hin und Her, das Ein und Aus. Folgen Sie mit dem Geist der Bewegung Ihres Atems und bleiben Sie dabei.

Wenn Ihr Verstand langsam aufgehört hat, Gedanken und Reflexionen über Themen Ihres Alltags durch ihren Kopf kreisen zu lassen, gehen Sie zum nächsten Schritt über, der eigentlichen Reise in die Anderswelt.