S, M, L oder Mut ist der Anfang von Vielem - Jana Rudolph - E-Book

S, M, L oder Mut ist der Anfang von Vielem E-Book

Jana Rudolph

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Beschreibung

Mode ist Gretas große Leidenschaft. Schon als Kind nahm sie den Kleiderschrank der Eltern auseinander und veranstaltete Modenschauen mit ihren Freundinnen. Nun, endlich erwachsen, entwirft und näht Greta Outfits für Freunde, schreibt ihren eigenen Mode-Blog und träumt von einer großen Karriere in der Fashionwelt. Doch die Realität sieht anders aus . . . Als Verkäuferin bei einem Modeunternehmen berät sie Kunden lediglich bei der Auswahl ihrer Kleidung. Oft stößt sie hierbei an ihre Grenzen, denn so verschieden die Menschen sind, so auch ihre Modegeschmäcker, und bei manchem ist erst gar keiner vorhanden ... Carla, Gretas beste Freundin und in puncto Mode eher der praktische Typ, kann ihr Faible so gar nicht nachvollziehen, unterstützt sie aber dennoch nach Kräften. Und diese Hilfe wird sie brauchen, denn es steht ein Designwettbewerb an, der DIE große CHANCE für sie bedeutet! Hendrik, ein Freund und Kollege, will sie ebenfalls unterstützen, doch er spielt ein doppeltes Spiel . . . Wird sich Gretas Traum von der Karriere als Modedesignerin doch noch erfüllen?

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Seitenzahl: 317

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

EINS

„Greta, Greetaa!“ Leicht gedämpft hörte sie diesen Namen. Es kam ihr vor, als ob die Rufe von ganz weit her, wie durch Watte zu ihr drangen. Was war denn bloß los?

„Hallo Greta, hörst du nicht?“

Der Name kam ihr nicht unbekannt vor. Irgendwo hatte sie ihn schon einmal gehört. Aber wo? Ihr Kopf fühlte sich leer an. Nach einer Weile bekam sie eine vage Vorstellung. Greta, das war doch einer der beiden Vornamen, den ihre Eltern ihr vor neunundzwanzig Jahren gegeben hatten. Tatsächlich, ihr Taufname war Greta Marie. Aber warum schrie man so unkontrolliert nach ihr und vor allem wer?

Soeben war sie doch noch in ein Gespräch mit der Chefredakteurin der „Vogue“ vertieft gewesen. Es drehte sich um Gretas Entwürfe, bei deren Anblick die Frau absolute Begeisterung gezeigt hatte. Gleichzeitig forderte sie von ihr die Präsentation ihrer Modelle bei einer Fashion-Show. Anna Wintour höchstpersönlich hatte mit ihr, Greta Berg aus Berlin-Friedrichshain, gesprochen, einfach Wahnsinn.

Doch nun verblasste das Bild, und es drang wieder dieses fürchterliche Geschrei in ihr Unterbewusstsein und gleichzeitig ein nervtötendes monotones Hämmern. Wobei sie nicht wusste, ob der Ursprung in ihrem Kopf lag oder ganz woanders. Es gelang ihr nicht, die Geräusche zu ordnen. Kurz blitzte die Erinnerung auf: Sie hatte gestern mit Tom noch eine weitere Flasche Wein geleert und dabei wie so oft über ihr momentan nicht vorhandenes Liebesleben philosophiert.

Greta zog sich die Decke über den Kopf und kniff die Augen fest zusammen, aber es war nutzlos. Da war sie wieder, diese ihr nicht unbekannte Stimme. Wann und wo hatte sie sie bloß schon einmal gehört? Sie zermarterte sich das Hirn. Um den Tonfall zu analysieren, schob sie behutsam die Bettdecke vom linken Ohr. Dabei bewegte sie den Kopf und da war er wieder, dieser scharf ziehende Schmerz, der sich wie tausend Nadelstiche anfühlte. Mit einem gequälten Stöhnen sank sie auf ihr Kissen.

Langsam kam die Erinnerung zurück. Die Stimme gehörte Tom, ihrem besten Freund. Er bewohnte das Appartement unter ihr. Aber warum um Himmels willen schrie er um diese nachtschlafende Zeit nach ihr?

„Greta, nun stell endlich den verdammten Wecker aus, du holst ja das gesamte Haus aus den Betten, und nicht nur das!“

Greta seufzte genervt. Sie blinzelte angestrengt. Na, genug von einer Karriere bei der „Vogue“ geträumt. In der Realität zurück, sagte ihr ein Blick auf den Wecker, dass sie wieder einmal verschlafen hatte. Bei dem Gedanken nahm das Dröhnen im Kopf ruckartig an Fahrt auf. Sie kam sich vor, als ob sie auf einem Kahn schaukelte.

Eigentlich hatte sie gestern Abend zwei Wecker stellen wollen, aber es nur bei einem wirklich getan. Den hatte sie dann wohl oder übel in der Diele vergessen, sodass Tom eher was von dem Klingeln mitbekommen hatte. Sein Schlafzimmer befand sich genau unter ihrem.

Sie stellte sich Tom vor, wie er mit seiner auf die Stirn hochgeschobenen rosa Schlafbrille, welche die Form eines Hasengesichtes hatte, und den mit ebenfalls winzigen Häschen besetzten Boxershorts auf dem Stuhl stand und gegen ihre Decke hämmerte. Dieser Gedanke ließ sie leise kichern, verursachte allerdings ein erneutes Stechen hinter ihrer Stirn. Auf einmal drang auch noch ein sanftes Pfeifen an ihr Ohr. Was hatte das wieder zu bedeuten? Zögerlich drehte sie den Kopf. Neben sich sah sie, friedlich schlummernd, ihren zweijährigen Kater Beule liegen. Im Schlaf bewegten sich seine Barthaare leicht zitternd hoch und runter. Unvermittelt zuckte eine Pfote in ihre Richtung. Mit Sicherheit erlegte er im Traum soeben eine Maus. Bevor sie endgültig aufstand, strich sie ihm liebevoll über das getigerte Fell.

Mühsam schleppte sich Greta aus dem Bett. Unter ihrer Schädeldecke pulsierte es heftig. Der Wecker lief mittlerweile auf Hochtouren. Der Ton begann sich bereits loopingartig zu überschlagen. Endlich erreichte sie die Lärmquelle und schaltete diese ab.

Ihre verdammte Schusseligkeit, wieso konnte es nicht einmal klappen, dass sie rechtzeitig zur Arbeit kam? Dabei hatte sie sich das so fest vorgenommen, da ihre Chefin Annette Winter ihr deswegen ständig die Hölle heißmachte. Heute Morgen war sie zur Warenannahme eingeteilt. Ihr Kollege Gerd wäre nicht sonderlich erfreut darüber, wenn er diese Arbeit ohne sie würde erledigen müssen.

Aber gut. Eines ging nur. Entweder pünktlich sein oder fantastisch aussehen. Da sie in einem Modeunternehmen arbeitete und dieses entsprechend repräsentieren sollte, fiel ihr die Entscheidung nicht allzu schwer. Dann würde Gerd sich der Schönheit zuliebe halt etwas in Geduld üben müssen. Wenn sie sich beeilte, schaffte sie es schon mal in einer Viertelstunde durchs Bad. Sie hielt ihren Kopf erst einmal unter Wasser. Danach konnte sie ein bisschen klarer denken.

Jetzt noch schnell in die Maske, dachte Greta. Make-up gehörte bei ihr zum Pflichtprogramm. Ohne ging sie nicht einmal zum Mülleimer. Es wäre ja durchaus möglich, dass sie genau an diesem Tag am Müllplatz ihrem Traummann begegnen würde – und das dann ungeschminkt? Nein, auf gar keinen Fall! Der Typ würde denken, dass bereits wieder Halloween wäre.

Tom zeigte in dieser Hinsicht vollstes Verständnis für sie. Auch bei ihm musste in Sachen Styling, sobald er das Haus verließ, alles perfekt sein. Besonderen Wert legte er auf seine Haare. Für ihn kein Ding, er verdiente sein Geld schließlich als Friseurmeister mit eigenem Salon, einem der hippsten Läden der Stadt. Er hatte Talent und wurde mit jedem noch so heiklen Wirrwarr von „Haar“ fertig. Gott sei Dank auch mit ihrem. Greta bedauerte sehr, dass sie sich den Luxus nicht leisten konnte, täglich Toms Friseurdienst in Anspruch zu nehmen.

Deshalb war sie damit in diesem Moment erst recht auf sich selbst gestellt. Mit ihrem fransigen Kurzhaarschnitt war sie nicht sonderlich glücklich. Ihre Haare standen jeden Tag wirr in eine andere Richtung ab. Auch heute blieb sie davon nicht verschont. Flink zerrte sie noch das Glätteisen durch das Durcheinander auf ihrem Kopf.

Nachdem das Haar gerichtet war, stellte sich die Frage: Was anziehen? Dieses Problem galt es jeden Tag zu lösen. Ihre Freundin Carla schüttelte bei dem Anblick des Inhaltes von Gretas Kleiderschrank immer nur unverständlich den Kopf und sprach von Unmengen unnützen Zeuges.

Greta fand, dass sich gar nicht so viele Sachen in ihrem Schrank tummelten, schon gar keine unnützen. Na gut, es fiel ihr nicht leicht, sich von einigen Teilen zu trennen. Es gab Kleidungsstücke, an denen hingen noch die Preisetiketten. Bei manchen konnte sie sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wann und wo sie sie erworben hatte. Aber bestimmt hatte es dafür einen guten Grund gegeben. Einige Sachen hatte sie gekauft, um sich zu belohnen, dass sie es pünktlich zur Arbeit geschafft hatte, andere wiederum waren wohl auch Frustkäufe.

Fast schon wissenschaftlich bewiesen ist die These, dass man Klamotten, die man eine Saison lang nicht ein einziges Mal getragen hat, nie wieder im Leben anziehen würde. Greta sah das allerdings anders. Aussortieren kam auf keinen Fall infrage, da die Möglichkeit bestand, die Kleidung noch für irgendeine Mottoparty verwenden zu können.

In ihrem Kleiderschrank lagen nicht nur Gegenstände, die sie gekauft hatte, sondern auch Teile der Kollektion ihrer Hobby-Schneiderei. Sie konnte sich von keinem Stück trennen. Ihr Herz hing besonders an ihrem ersten selbst geschneiderten Abendkleid. Bis auf den schrägen Halsausschnitt (es handelte sich um ein trägerloses, schulterfreies Kleid) und den Saum, der Unterschiede in der Länge aufzeigte und sich unten wellenartig zusammenzog, war es wirklich ein Traum. Zumindest die Farben waren wunderschön. Obwohl das Muster sie beim Nähen ein bisschen verunsichert hatte und diese klitzekleinen Fehlerteufel sich deshalb einschleichen konnten. Aber sie liebte das Kleid. Offensichtlich waren allerdings einige Komponenten zusammengekommen, die sich nicht für das Nähen eines solchen langen Modelles eigneten.

Jetzt musste sie sich aber sputen. Greta stolperte durch die Wohnung auf der Suche nach ihrem Handy. Dieses verflixte Ding. Es lag aber auch immer da, wo man es nicht vermutete. Oh mein Gott, schon so spät! In dreißig Minuten begann ihr Dienst. Die Winter hatte sie auf dem Kieker. Greta hatte sich nach der ersten Abmahnung, die sie für ihr Zuspätkommen erhalten hatte, fest vorgenommen, dass ihr das nie wieder passieren würde. Leider war es bei dem guten Vorsatz geblieben. Die aufkommenden Gewissensbisse verdrängte sie gern.

Greta zerrte in Windeseile eine Jeans, ein weißes T-Shirt und einen dunkelblauen Blazer mit silberfarbenen Knöpfen aus dem Schrank. Anschließend stellte sich noch die Frage: High Heels oder Turnschuhe? Sie liebte hochhackige Schuhe in allen Varianten, ob als Stiefel oder Sandalette. Auch davon gab es eine enorme Auswahl bei ihr. Hohe Absätze streckten so vorteilhaft die Beine.

Greta fühlte sich noch nicht absolut fit. Daher entschied sie sich heute für ihre Lieblingssneakers. Somit war ihr Look perfekt. Sie drehte sich vor dem Spiegel. Trotz der kurzen Nacht war sie zufrieden mit ihrem Aussehen. Sie hatte ein wenig Rouge verteilt und ihre grünen Augen mit Mascara betont. Ein bisschen roséfarbener Lipgloss aufgetragen und schon war sie fertig. Mit den auf ihrer Nase befindlichen Sommersprossen hatte sie nach wilden Schminkattacken und Bleichversuchen im Teeniealter mittlerweile Frieden geschlossen.

Jetzt aber los. Obwohl. Ohne Kaffee kam sie nicht in die Gänge. Zum Selberkochen fand sich wirklich keine Zeit mehr. Außerdem: Wie sie sich kannte, war das Kaffeepulver aufgebraucht. Also blieb nur, flugs bei Tom vorbeizuschauen oder bei Freddy im Bistro gegenüber einen Kaffee zu ergattern. Nach diesem wäre sie hundertprozentig wach. Sie entschied sich für Freddys Laden. Tom würde sie nur nerven wegen des unüberhörbaren, klingelnden Weckers und ihr eine Standpauke halten. Denn für ihn kam Zuspätkommen überhaupt nicht infrage. Sie beneidete ihn darum: Sein Zeitmanagement stimmte einfach immer.

Greta schnappte sich Handy, Schlüssel und ihre Handtasche. Anschließend rannte sie, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe nach unten.

Draußen empfing sie unangenehm sprühender Nieselregen, der sich sofort wie ein Gesichtsspray auf ihre Haut legte. Damit hatte sie keineswegs gerechnet. Heute passte auch wieder gar nichts und die Zeit saß ihr im Nacken. Das Haareglätten ist somit wohl für die Katz gewesen, dachte Greta. Sie hastete, ihre Tasche schützend über den Kopf haltend, auf die andere Straßenseite zu Freddys Bistro.

Jedes Mal wenn sie das Lokal betrat, schreckte sie kurz zusammen, da genau hinter der Tür ein Totenkopf hing. Freddy war der Meinung, dass es sich bei diesem um seinen Ururonkel mütterlicherseits handelte. Das Aufhängen des Totenschädels in Geschäftsräumen sollte Glück und Reichtum bringen. Greta bezweifelte das und an den Anblick würde sie sich wohl nie gewöhnen.

Das Bistro war nicht das gemütlichste, aber hier gab es den stärksten und leckersten Kaffee der Stadt, fand Greta. Deswegen ertrug sie regelmäßig den Anblick des Schädels. Außerdem mochte sie Freddy sehr. Einem Schwatz gegenüber war dieser auch nicht abgeneigt. Wenn er allerdings in seinen unbändigen Redefluss verfiel, fand er oft kein Ende.

Besonders gern erzählte er davon, als er in der HO-Gaststätte am Alexanderplatz gearbeitet hatte, ein Glas Helles bis dato 51 Pfennig kostete und der Kellner noch als „der Vorgesetzte des Gastes“ galt, da der immer abwarten musste, bis er vom Ober „platziert“ wurde. Wenn Freddy von den alten Zeiten sprach, fingen seine Augen jedes Mal an zu leuchten. Die Erinnerungen daran ließen ihn nicht los. Aus diesem Grund hatte er auch einige Highlights der DDR-Gastronomie in sein jetziges Bistro übernommen.

So standen auf der Speisekarte Karlsbader Schnitte, Halberstädter Würstchen, Spreewaldgurken, Letscho mit Sättigungsbeilage (das konnte alles sein, außer Gemüse und Fleisch) und sein berühmter Retro-Kaffee, eine Mischung aus Rondo, Muckefuck und Mocca Fix, den bekanntesten Kaffeesorten des ehemaligen Ostens. Auch bei den Getränken konnte sich Freddy nicht von einstigen Klischees trennen. So nannte er seine rote Fassbrause immer noch liebevoll Thälmannlimonade.

„Greta, meene Kleene, na, allet in Butta? Du siehst aus, als ob du heute ’nen doppelten Freddy-Spezial-Wachmachkaffee vertragen könntest.“

Sie nickte einfach nur. „Dir auch einen guten Morgen, Freddy. Das war genau das, was ich jetzt hören wollte. Du kannst einen wahrhaftig aufbauen mit deinen unverwechselbaren, charmanten Äußerungen, da fühle ich mich doch gleich viel besser.“

„Nu stell dich nich so an. Wie lange kennen wir uns schon? Ick dachte, wir sind Freunde und mir war nich klar, dass du dich so pingelig anstellen kannst.“

„Tu ich doch gar nicht. Aber ich bin heute Morgen besonders sensibel. Auch Freunde vertragen nach so einer kurzen Nacht nicht immer die Wahrheit. Was war das überhaupt für ein grässliches Gesöff, das du Tom für unseren Singleabend angedreht hattest? Mein Kopf platzt gleich.“

„Wie, is dir kodderig? Det war ’ne Pulle lecker Rotwein aus meinem Altbestand. Wir haben früher fast ausschließlich halbtrockenen und am allerliebsten lieblichen Wein jetrunken. Allet andere schmeckte total sauer. Den vornehmen Ausdruck bruit gab es da noch jar nich.“

Freddy klang etwas verstimmt und machte sich eilfertig daran, Greta einen Kaffee einzuschenken.

„Schon okay, wahrscheinlich hätte es ein Glas weniger auch getan. Ich muss los. Bin mal wieder spät dran, zu spät. Drück mir die Daumen, dass ich diesmal mit einem blauen Auge davonkomme.“

Freddy wollte eben etwas erwidern, als Greta ihren Bus um die Ecke biegen sah. Sie schnappte sich rasch den bereitgestellten Kaffeebecher, warf ihm zur Versöhnung eine Kusshand zu und rief: „Bis demnächst und danke für den Kaffee.“

Dann rannte sie los und war froh, dass sie sich für die Sneakers und nicht für die High Heels entschieden hatte.

ZWEI

Tom stieg missmutig vom Stuhl und legte den Minigolfschläger aus der Hand, mit dem er die Zimmerdecke malträtiert hatte. Greta trieb ihn in den Wahnsinn! Zum wiederholten Mal dieses unerträgliche Weckerklingeln! Da es ewig dauerte, bis sie reagierte, konnte er sich schon denken, dass es bei ihr mal wieder zeitlich knapp für einen pünktlichen Arbeitsbeginn war. Sie ist und bleibt eine Chaotin, dachte er. Aber eine echt liebenswerte.

Er hatte Greta vor etwa drei Jahren auf einer Party kennengelernt. Tom war mit der Absicht nach Berlin gekommen, den Friseurladen seines Onkels zu übernehmen. Er hatte noch einige Probleme mit der meist schnodderigen und teilweise uncharmanten Art der Einheimischen. Oft beschlich ihn in einer Gruppe das Gefühl, er sei nicht erwünscht. Die Berliner blieben sehr gern unter sich und verhielten sich Fremden gegenüber nicht unbedingt aufgeschlossen. Das hatte er mittlerweile begriffen. Es dauerte eine Zeit lang, bis man das unumstrittene Zugehörigkeitsgefühl bekam. Dafür benötigte man oft die nötige Gelassenheit.

Greta bemerkte an jenem Abend Toms Dilemma und nahm sich spontan seiner an. Er gefiel ihr mit der hochgewachsenen schlanken Figur und den stahlblauen Augen. Auch sein Kleidungsstil kam nach ihrem Geschmack. Sie verstanden sich auf Anhieb. Nachdem sie sich die halbe Nacht alles Mögliche aus ihrem Leben erzählt hatten, war Tom doch ein klein wenig in Greta verliebt. Der Umgang mit ihr war herrlich unkompliziert. Man konnte mit ihr lachen, aber ebenso über ernst zu nehmende Dinge diskutieren. Obwohl sie nur ein paar Stunden miteinander verbrachten, stimmte die Chemie zwischen ihnen beiden. Tom fühlte sich auf seine Art zu Greta hingezogen.

Auch sie empfand ihre gegenseitige Vertrautheit als wohltuend, was sie ihm unmissverständlich sagte. Gott sei Dank, denn dadurch war gleich ihr Verhältnis zueinander geklärt, nicht zuletzt das mit der ‚Verliebtheit‘. Tom gestand Greta, auf Männer zu stehen. Eine Frau als Partnerin kam für ihn nicht infrage. Es fühlte sich gut an, dass sie sich ausgesprochen hatten. Beide genossen es, in dem anderen einen echten Freund gefunden zu haben.

Zu dem Zeitpunkt stand eine Wohnung in Gretas Haus zur Vermietung. Er ergatterte diese mit ihrer Hilfe und sein Glück war somit vorerst perfekt.

Es kostete zugegebenermaßen einige Mühe, an die neuen eigenen vier Wände zu gelangen. Greta meinte, dass sie Frau Steiner, die Vermieterin, mit Charme und einer Flasche selbst gemachtem Eierlikör gemeinsam um den Finger wickeln könnten. Klang erst mal recht einfach.

Es wurde alles, nur nicht recht einfach.

An besagtem Nachmittag klingelten sie bei Frau Steiner, sie wohnte ebenfalls in dem Haus, in dem die Wohnung zur Vermietung stand. Hinter der Wohnungstür hörten sie ein aufgeregtes Bellen mit anschließendem Dauerknurren. Tom sprang entsetzt zurück.

„Greta, warum hast du mir nicht erzählt, dass die Alte so einen Kläffer besitzt? Du kennst doch meine Angst vor Hunden“, empörte er sich. „Trotz alledem schleppst du mich ohne Vorwarnung hierher!“

„Ja, das war der Sinn der Sache, sonst würden wir jetzt nicht hier vor dieser Tür stehen.“

„Das ist unfair. Nein, das kann ich auf keinen Fall. Früher …“

Greta unterbrach ihren Freund unwirsch, langsam verlor sie die Geduld.

„Ich weiß, in deiner Kindheit hat dir in Onkel Hans’ Scheune ein Hund im Dunklen seinen Schwanz übers Gesicht gestrichen. Nachdem du der Meinung warst, es handle sich um eine haarige Spinne, hast du unkontrolliert um dich geschlagen und dabei die Schnauze des Tieres erwischt. Dafür hat er nach dir geschnappt. Seither hast du diese Abneigung gegen jede Art von Hunden. Sicherlich keine angenehme Erfahrung, lieber Tom, aber verdammt lange her. Außerdem willst du doch die Wohnung oder hast du es dir gerade anders überlegt?“, fragte sie ihn provozierend.

Tom nestelte an den Knöpfen seiner Jacke und drehte sich mit angedeutetem Schmollmund von ihr weg. Greta meinte: „Du, wir können auch wieder abhauen. Anschließend hocken wir uns auf die Straße, trinken den Eierlikör und versinken in abgrundtiefem Selbstmitleid.“

Tom zögerte, also setzte sie noch einen drauf.

„Ja, meine Idee gefällt mir, klingt nach einem Plan. Komm, lass uns verschwinden.“

Greta machte eine Kehrtwende und gab vor, die Treppe hinunterzulaufen. In solchen Dingen konnte sie absolut überzeugend sein.

Tom drehte sich zögernd um, er war hin- und hergerissen. Aber er brauchte die Wohnung. Sollte er wegen so einer Kindheitserinnerung – oder handelte es sich dabei etwa doch um ein ausgewachsenes Trauma? – darauf verzichten? Ach, das wirkte wohl etwas übertrieben. Vielleicht entpuppte sich der Hund ja als völlig harmlos und rannte bei seinem Anblick gleich davon. Tom redete sich die Umstände schön.

Greta war mittlerweile einen Treppenabsatz nach unten gestiegen. Aber ohne sie wagte er sich auf keinen Fall in die Höhle des Löwen bzw. des Hundes.

„Du hast ja recht. Komm bitte wieder hoch. Lass uns die Sache hinter uns bringen. Sonst überlege ich es mir womöglich doch noch.“

Greta grinste in sich hinein und kam gemächlich zurück. Sie legte Tom behutsam die Hand auf die Schulter. „Wir schaffen das schon, wirst sehen.“

Toms Kloß im Hals schwoll erheblich an. Er schluckte. Stumm nickte er seiner Begleiterin zu.

Das Knurren verstärkte sich hörbar. Tom versuchte, sich hinter Greta zu verstecken.

Die Tür sprang auf. Vor ihnen stand kampflustig ein mickriger, dicker, pechschwarzer Hund mit leicht nach außen gebogenen Beinen. Er sah aus wie eine Mischung aus Pudel und Mops. Die Augen schielend aufgerissen, bleckte er kleine, spitze Zähne. Er knurrte. Dabei zitterte seine Schnauze vor Aufregung. Dazu drehte er sich wie ein Kreisel um die eigene Achse. Bei diesem Anblick lachte Tom instinktiv auf.

„Was ist so lustig, junger Mann?“, hörten sie eine dunkle, rauchige Stimme nuscheln. Vor ihnen stand eine Frau in einem pinkfarbenen ärmellosen Baumwollkleid, das gerade mal bis zur Mitte ihrer – nicht mehr ganz faltenfreien – Oberschenkel reichte. Darunter zeichnete sich ein doch recht üppiger Busen ab. Die Füße kleideten ein paar Pantoffeln mit getigertem Plüschbesatz und Pfennigabsätzen. Ihre aschblonden Haare waren auf dicke Lockenwickler gedreht. Mehrere Strähnen hatten sich gelöst. Diejenigen, die nicht wirr wie Igelstachel aus den Wicklern standen, umrahmten fedrig ihr Gesicht. Dabei sah sie aus wie ein pausbäckiger Engel. Zwischen ihren wulstigen Lippen wippte eine Zigarette auf und ab. Sie machte keine Anstalten, diese beim Sprechen herauszunehmen.

Der Anblick von Frau Steiner überraschte Tom doch sehr. Obwohl, seine Gedanken kreisten mehr um den Hund und weniger um dessen Herrin.

Der Mops-Klops drehte sich noch immer um seine eigene Achse. Sein Versuch, dabei zu bellen, misslang gewaltig. Es kam nur ein krampfartiges Fiepen aus seiner Schnauze. Bei dem bestehenden Kampfgewicht kein Wunder.

„Rüdiger, aus! Jetzt hör endlich auf! Dreh dich nicht so unkontrolliert! Doofer Hund, du!“

„Was für ein Name“, grinste Tom. Bei dem Anblick des Vierbeiners entspannte er sich ein bisschen.

Rüdiger und seine Besitzerin sahen sich, zumindest um den Kopf herum, zum Verwechseln ähnlich. Ihre Frisuren erinnerten ihn an einen Strauß krauser Petersilie.

„Ah Greta, das ist also dein Freund Tom. Hm, gefällt mir.“ Frau Steiner musterte Tom ungeniert von oben bis unten, aus schwarz umrandeten Augen. Dabei leckte sie sich durchaus lasziv über ihre dicken, rot geschminkten Lippen.

„Na, dann kommt mal rin in die gute Stube, ihr beiden Hübschen“, sagte sie und winkte sie einladend herein. An Tom gewandt gurrte sie mit ihrer sonoren Stimme: „Keine Angst, junger Mann, ich beiße nicht.“

Tom lächelte gequält und schob sich im Handumdrehen an ihr vorbei in die Wohnung. Dabei hatte er das Gefühl, dass Frau Steiner ihm absichtlich ihren mächtigen Busen entgegenstreckte.

Rüdiger, bereits auf der Couch sitzend, empfing sie im Wohnzimmer und hechelte sabbernd vor sich hin. Tom stellte den Eierlikör auf den Tisch. Er glitt vorsichtig, den Hund nicht aus den Augen lassend, in einen Sessel.

„Aha, ein Bestechungsgeschenk“, bemerkte Frau Steiner mit einem Strahlen. „Dafür hole ich uns doch gleich mal die passenden Gläser.“ Sie tänzelte aus dem Raum. Zurück kam sie mit drei Waffelbechern, die innen mit dunkler Schokolade überzogen waren und in die sie großzügig den Likör einschenkte. Die Becher kannte Tom noch von seiner Mutter. Diese zauberte sie meist nur zu besonderen Feierlichkeiten aus dem Schrank. Unwillkürlich musste er schmunzeln. Frau Steiner zwinkerte ihm verschwörerisch zu und hob ihr Getränk.

„Prösterchen.“

Mit einem einzigen kräftigen Schluck kippte sie den Eierlikör hinunter. Anschließend leckte sie den Rest genüsslich mit der Zunge aus, die aussah wie ein sich windender Wurm. Ein Teil der Schokolade klebte unbemerkt in ihren Mundwinkeln. Tom und Greta nippten ebenfalls an ihrem Likör.

„So Tom, Sie haben also Interesse, in unser wunderschönes Haus einzuziehen. Na, Sie können sich glücklich schätzen, dass Sie Greta kennen. Sie hat mir ja schon so einiges von Ihnen erzählt und ein gutes Wort für Sie eingelegt. Allerdings, meine Liebe“, bemerkte sie an Greta gewandt, „haben Sie mir verschwiegen, was für ein attraktiver junger Mann Ihr Tom doch ist.“

Bei diesen Worten lächelte Frau Steiner süffisant. Sie blies genüsslich den Rauch ihrer erneut angezündeten Zigarette in Toms Richtung. Der verzog gequält das Gesicht und unterdrückte einen aufkommenden Hustenanfall.

„Ja, Frau Steiner, schön haben Sie es hier, so behaglich und geschmackvoll eingerichtet, eine wahrhafte Wohlfühlatmosphäre, wie ich finde. Ihre Wohnung und das ganze Haus gefallen mir. Der Vorgarten macht auch einen gepflegten Eindruck.“

Greta verdrehte die Augen und unterdrückte ein Lachen. Tom ließ sich nicht aus dem Konzept bringen.

„Auch Ihr liebenswertes Hündchen habe ich bereits in mein Herz geschlossen. Also was ich sagen will, ich mag Hunde, ehrlich. Sie müssen mir einfach die Wohnung vermieten. Wenn ich ein Teil dieser Familie, äh, Ihrer Hausgemeinschaft werden könnte, das wäre herrlich. Selbstverständlich beachte ich die Hausordnung. Auch das Treppenhaus wische ich regelmäßig, versprochen.“

Nach seiner kurzen Ansprache entspannte Tom sich etwas. Greta hüstelte verlegen bei so viel dick aufgetragenen Komplimenten und Versprechungen.

Frau Steiner lehnte sich in aller Ruhe auf ihrem Sofa zurück. Gelassen schlug sie die Beine übereinander. Dabei wippte der Pantoffel an ihrem Fuß unaufhaltsam hin und her. Sie kniff die Augen zusammen und sah Tom durch ihre Rauchschwaden hindurch nachdenklich an.

„So, so, ausgemachte Gewohnheiten scheinen Ihnen ja unentbehrlich zu sein. Klingt mir irgendwie anstrengend. Früher haben wir ja gut und gerne darauf verzichten können. Regeln sind dazu da, um sie zu brechen, so meine Devise. Sie sollten wissen, junger Mann, dass dieses Haus hier ein absolut historischer Ort ist.“

Oh je, dachte Greta. Jetzt trägt sie wieder den Monolog ihres Lebens vor. Frau Steiner erzählte bei jeder passenden Gelegenheit mit Begeisterung davon. Wenn man sich hierauf einließ, erfuhr man viele spektakuläre Dinge. Das Opfer, sich das anzuhören, musste heute Tom bringen. Sie blieb natürlich auch nicht verschont, sie konnte ja schlecht aufstehen und den Raum verlassen.

Frau Steiner fuhr fort:

„Ende der 60er-Jahre gab es in dem Haus sogar eine Kommune. Hier haben die Uschi und ich die freie Liebe gelebt. Also, ich meine natürlich Uschi Obermaier. Wir beide waren unzertrennlich. Da gab es noch Knallerpartys. Mit Uschi kam nie Langweile auf. Ein Joint hier, ein bisschen Sex da.“

Frau Steiner kicherte, in Erinnerung schwelgend, wie ein Teenager.

„Später lernte sie ja den Rainer kennen, ihren Freund. In den war ich eine Zeit lang bis über beide Ohren verknallt. Scherte sich doch keiner darum, wer mit wem oder so. Hab ihm auch mal Avancen gemacht. Da hätte sie mir fast die Augen ausgekratzt. Sie war mächtig eifersüchtig. Tja, und eines Tages war sie weg, ohne ein Wort verschwunden. Wir haben seither keinen Kontakt mehr miteinander, haben uns verloren. Freiheit bedeutete ihr immer mehr als Geld und Sicherheit. Ja, das ist lange her.“

Frau Steiner guckte durch Tom hindurch. Dabei zog sie fast schon zärtlich an ihrem Glimmstängel.

„Heute würde man sagen, das war eine absolut geile Zeit.“

Sie verstummte. Es sah aus, als ob sie mit ihren Gedanken Lichtjahre entfernt sei. Tom und Greta trauten sich nicht, ihre Nachdenklichkeit zu stören. Mucksmäuschenstill saßen sie wie Auswechselspieler auf der Bank, auf ihren Plätzen. Nach einigen Minuten fuhr Frau Steiner unbeirrt fort:

„Aber ich bin mir wirklich noch nicht im Klaren darüber, ob Sie, Tom, der passende Bewohner für unser Haus sind. Bisschen schüchtern würde ich sagen und dann so bodenständig, mit eigenem Salon, einem Hang zu Regeln und so. Ich weiß nicht, ich weiß nicht …

Es gibt da ja noch den Steven Pascal, den Enkel meiner Skatfreundin Henriette. Der hat auch enormes Interesse an der Wohnung. Was sagst du denn, Rüdiger?“

Sie kraulte dem Hund gedankenverloren das Fell. Dieser ließ es geschehen und glotzte, wie Tom fand, dabei leicht debil vor sich hin. Nachdenklich schüttelte Frau Steiner ihren Kopf.

Greta versuchte, die Lage etwas aufzulockern. Bei ihrer Vermieterin konnte man nie so recht erahnen, in welche Richtung sich der Verlauf des Gespräches entwickelte.

„Also, der Tom, Frau Steiner“, sagte sie, „der hat da ja noch was ganz Besonderes, was er Ihnen anbieten will, nicht wahr, Tom?“

Sie schaute ihren Freund Zustimmung heischend an. Dieser wusste nicht, worum es ging.

„Etwas Besonderes?“ Tom guckte fragend und überlegte panisch. Was meinte Greta? Urplötzlich riss er vor Schreck die Augen auf und rutschte unruhig auf seinem Sitz nach vorn.

Frau Steiner beugte sich interessiert vor, sodass sich ihre Brüste ausladend auf ihre Oberschenkel legten. Sie sah gespannt zwischen Greta und Tom hin und her.

„So, so, na, dann schieß mal los, Kindchen. Was hat der Tom denn Besonderes zu bieten?“ Dabei betonte sie das Wort extra und zog es absichtlich in die Länge.

Lass es nicht das sein, was ich denke. Tom schluckte und redete sich selbst Mut zu. Du musst jetzt ganz stark sein, alter Junge.

Greta sagte an Tom gewandt: „Du hast mir doch noch vorhin von deiner Idee erzählt.“

Welche Idee?, dachte Tom angestrengt. Worum ging es hier eigentlich? Wieso erinnerte er sich an nichts mehr? Am besten in der Defensive bleiben und abwarten. Wie beim Fußball. Mit der Taktik konnte man nur gewinnen. Greta machte ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung.

„Du hast doch gesagt, dass du auf jeden Fall Frau Steiner regelmäßig kostenlos die Haare frisieren wirst. Das war dein Vorschlag.“ Sie guckte ihn mit unschuldigem Augenaufschlag an.

Tom verschlug es die Sprache. Jetzt hatte sie komplett den Verstand verloren. Greta hatte doch nur einen einzigen Eierlikör getrunken. Was sollte das denn? Vor allem: Was meinte sie mit regelmäßig? Dazu noch unentgeltlich einer völlig fremden Frau die Haare aufpeppen. Von wegen Taktik und gewinnen, pah. Das durfte doch nicht wahr sein! In was für einen Albtraum war er hier nur geraten? Wo war die versteckte Kamera?

Er atmete heftig. Das würde er sich nicht gefallen lassen. Soeben wollte er aufbrausen, da sprang Frau Steiner ruckartig von der Couch auf. Im selben Moment flog der Hund mit einem Jaulen in hohem Bogen auf den Teppich. Seine Besitzerin ignorierte die Verfassung ihres Vierbeiners, beugte sich abrupt zu Tom und umfasste dessen Kopf mit beiden Händen. Mit ihren wulstigen Lippen drückte sie ihm einen feuchten Kuss auf die Wange.

„Junge, Tom, das ist ja fantastisch! Ein eigener Hairstylist, wow! Wenn ich das in meinem Klub erzähle, das glaubt mir keiner. Meine Freundinnen werden vor Neid erblassen.“

Frau Steiner klatschte vor Entzücken in die Hände. Sie sammelte Rüdiger auf und tanzte mit ihm durchs Wohnzimmer. Tom atmete hörbar aus. Sich hin- und herwiegend trällerte sie ihm zu: „Dann steht ja dem Mietvertrag nix mehr im Weg. Das wird fein.“ Vergessen war Steven Pascal.

Toms Wut war nach wie vor nicht verraucht. Obwohl, wenn er noch mal darüber nachdachte . . . ‚Haare‘, das war doch seine absolute Leidenschaft. Eigentlich ein willkommener Deal. Dadurch bekam er ohne Frage exakt die Traumwohnung. Dennoch, Greta konnte was erleben, ihn so auszutricksen.

Den Mietvertrag unterschrieb er letztendlich noch an diesem Abend, nachdem Frau Steiner sie beide zu einem zweiten – oder war es der dritte? – Eierlikörbecher überredet hatte.

DREI

Schon reichlich durchgeschwitzt kam Greta in dem Geschäft, in dem sie seit fünf Jahren als Verkäuferin arbeitete, an. Mal wieder mit Verspätung! Was hatte sie nicht alles versucht, um pünktlich zu sein! Jetzt die Aktion mit den beiden Weckern, aber irgendwie klappte es nicht. Greta schlüpfte rasch durch den Personaleingang, vorbei an einem knurrenden Gerd: „Danke, dass du mich mal wieder hast hängen lassen.“ Ihr Kollege schob heftig die angekommenen Warenboxen ins Lager. Mist, dachte Greta, jetzt ist auch noch mein Lieblingskollege sauer. Mit zerknirschtem Gesichtsausdruck wendete sie sich an ihn: „Es tut mir echt leid, Gerdchen. Wird nicht wieder vorkommen, ehrlich. Hast was gut bei mir.“ Gerd schnaubte hörbar und widmete sich abermals seiner Arbeit.

Außer ihm war im Moment niemand zu sehen. Vielleicht war die Winter ja noch nicht da. Das wäre von Vorteil, denn nicht täglich kontrollierte sie die Einstempelzeiten. Aber über kurz oder lang würde sie es mitbekommen. Wenn nicht von selbst, auf jeden Fall tat Büro Elvira ihr Nötigstes dazu. Gut, ändern kann ich es jetzt eh nicht, dachte Greta. Geschwind eilte sie in den Verkaufsraum.

Mode war Gretas absolute Leidenschaft, sie brannte dafür. Sie hatte ein Händchen, was man miteinander kombinieren konnte und welches Outfit jemanden am besten kleidete. Ihre Kolleginnen holten sich oft bei ihr Rat. Sie waren aber auch in gewisser Weise neidisch auf sie. Gretas Motto lautete: Immer ehrlich zu den Kunden sein, auch wenn die Beratung dann schon mal zuungunsten eines Käufers ausfiel. Angenommen, ein Teil passte zum Beispiel nicht, man bzw. frau musste sich für eine größere Konfektionsgröße entscheiden oder ein Kleidungsstück erschien für den Kunden unvorteilhaft – nichts fand Greta peinlicher, als wenn eine Kundin mit ihrem sogenannten „ultimativen Lieblingsteil“, nur weil sie gesagt hatte, dass es bombastisch an ihr aussehe, nach Hause kam und der Rest der Familie in Ohnmacht fiel und fragte anschließend, welchen Idioten sie für diese Tat verklagen sollten.

Keine Ahnung, von wem Greta ihr Talent geerbt hatte. Ihre Eltern übten beide weniger kreative Berufe aus. Ihr Vater fuhr als Busfahrer durch Berlin, ihre Mutter arbeitete als Krankenschwester in der Charité.

Bereits als kleines Mädchen hatte sich Greta für den Inhalt des Kleiderschrankes ihrer Eltern interessiert. Mit diesen Kleidern veranstaltete sie regelmäßig mit ihren Freundinnen Modenschauen. Damit brachte sie ihre Erziehungsberechtigten oft zur Verzweiflung. Eines Tages entdeckte Greta eine Zeitschrift mit Schnittmustern. Sie überredete ihre Mutter, ihre klassische Singer-Nähmaschine benutzen zu dürfen. Auf dieser begann sie ihre ersten eigenen Teile zu schneidern. Es bereitete ihr unheimlich viel Spaß. Von Mal zu Mal verbesserte sie sich in dem, was sie tat. Bis heute ist sie der Näherei treu geblieben. In ihrer Freizeit kreierte sie für Freunde und Bekannte die fantastischsten Klamotten.

Da wäre es doch naheliegend gewesen, dass sie den Beruf der Schneiderin ergriffen hätte. Sie hatte sich jedoch dagegen entschieden. Aus einem einzigen Grund: Nähen konnte sie ja bereits. Sie dachte, etwas Sinnvolleres, außer Hosen zu kürzen und Kleider abzustecken, würde dabei eh nicht herauskommen. Für ein Studium in der Modebranche fehlte ihr der Mut. Mit achtzehn mangelte es wohl auch noch an Entschlossenheit, sich darauf einzulassen. Sie wollte endlich ihr eigenes Geld verdienen.

Im Endeffekt beendete Greta eine Ausbildung im Textileinzelhandel, hier bot sich ihr letztendlich die Möglichkeit, sich den ganzen Tag mit Mode zu beschäftigen. Dass es im stationären Handel nicht nur um Textilien, sondern in erster Linie um Menschen ging, daran hatte sie bei ihrer Berufswahl vordergründig nicht gedacht. Nicht dass Greta nicht gern mit Leuten zu tun hatte, aber diese unterschiedlichen, jeden Tag anders gelaunten, immer gestressten, manchmal auch übel riechenden Gestalten, das täglich erleben zu müssen, empfand sie oft als zu viel.

Man kam nicht umhin, ihnen alles hinterherzuräumen – Pullover, Hosen, Kleider. Unkoordiniert zerrten sie die Sachen aus den Regalen, ließen sie irgendwo liegen oder fallen. Auch das Schleifen über den Boden blieb nicht aus. Für die eigene Beschmutzung der Teile wünschten sie selbstverständlich noch einen saftigen Rabatt. In den Umkleidekabinen verblieben regelrechte Haufen, die einen an Maulwurfshügel erinnerten. Beim Abbauen dieser musste man extrem wachsam vorgehen. Es war kaum zu glauben, was sich darunter verbergen konnte. Zwischen Pappbechern mit eingetrockneten Getränkerückständen, Fischbrötchenpapier und einmassierten Kaugummis fanden sich ebenso Exkremente. Greta hätte es nicht geglaubt, hätte man es ihr nur erzählt. Aber auch sie hatte vor Kurzem das „Glück“, so einen Schatzhaufen zu bergen.

Ebenso gab es Abwechslung in den Umkleidekabinen, die ganz anderer Natur war. Nämlich wenn es menschlich heiß herging. Nach einiger Zeit konnte jeder die sich steigernden Geräusche deuten. Bevor mit einer passenden Bemerkung mit der Faust heftig gegen die Tür geklopft wurde, amüsieren sich davor erst einmal Mitarbeiter und Kunden köstlich. Die betreffenden Personen schlichen anschließend unter den belustigten Mienen und Kommentaren aller mit gesenkten Augenpaaren und hochrotem Kopf hinaus.

Was Gretas Nerven ebenfalls strapazierte, waren schreiende Kinder. Den kleinen Würmern konnte man keinen Vorwurf machen. Wer wäre schon happy, wenn er zwischen übel riechendem Porree und Blumenerde aus dem Baumarkt in einem Einkaufswagen sitzen müsste? Das fühlte sich doch an wie in einem Gefängnis. Welcher Dreijähriger bekommt in dieser Umgebung Lust auf shoppen? Dann der ständige Befehl, sich nicht zu bewegen, und die Notlüge der Eltern: „Wir gehen gleich nach Hause.“ Wer’s glaubt …

Gern wurden die Knirpse geparkt. Im Geschäft gab es eine Fernsehecke für Kinder. Davor konnten sie sich hinsetzen und einen Film nach dem anderen ansehen. Für eine Weile waren sie abgelenkt, ruhiggestellt. Clevere Eltern hatten das erkannt und waren dann mal weg. Das hieß, sie waren nicht nur hier im Geschäft unterwegs, sondern marschierten ganz selbstverständlich auch noch in umliegende Läden, um sämtliche Besorgungen zu erledigen. Da sich nach einer gewissen Zeit die Bilder im Fernsehen wiederholten, fingen die Kleinen sich an zu langweilen. Die Suche nach Mama und Papa begann. Da sie nicht fündig werden konnten – die Eltern waren ja „außer Haus“ – fing das heftige Geschrei an. Greta und ihre Kollegen überließen die Kinder natürlich nicht ihrem Schicksal. Sie kümmerten sich um sie. Ab und an spürte sie dabei den Unmut, verschiedener Kunden. Sie fühlten sich vernachlässigt, wollten wissen, ob das ein Geschäft oder ein Kindergarten sei. Wenn schließlich die Eltern der allein gelassenen Kiddies vollgepackt mit Tüten anderer Labels auftauchten und Greta sie höflich darauf hinwies, dass ihr Kind bitterlich geweint hatte, musste sie sich die dreiste Frage gefallen lassen: „Wieso ist das passiert, hätten Sie nicht besser aufpassen können?“ Ohne ein weiteres Wort, geschweige denn ein „Danke!“, zogen sie anschließend davon. Greta empörte sich über derartige Bemerkungen. Am liebsten blendete sie alle Störfaktoren um sich herum aus und widmete sich nur dem Verkauf von Mode.

An diesem Tag begrüßte sie zuerst ihren Kollegen Hendrik Heuer. Er dekorierte gerade einige Figuren im Innenraum mit neu eingetroffenen Kleidungsstücken.

Es war seine Party gewesen, auf der sie Tom kennengelernt hatte. Sie war noch nicht dahintergekommen, wie sich das Verhältnis zwischen den beiden Männern gestaltete. Bei diesem Thema wich ihr der Arbeitskollege immer geschickt aus. Sie selbst sahen sich mehr beruflich als privat. Aber sie mochte Hendrik. Allerdings vermittelte er den Eindruck, dass er lieber für sich sein wollte. Im Team fand diese zurückhaltende Art keine ausreichende Akzeptanz. Die Kollegen quatschten nämlich gern über alles und jeden. Aber es gab Tage, an denen selbst Hendrik – was den Informationsfluss betraf – über sich hinauswuchs, so wie heute.

„Greta, na endlich, da bist du ja! Büro Elvira hat schon Sehnsucht nach dir. Sie fragte, ob jemand wüsste, wo du seist.“

„Habe mich leider in der Zeit vertan. Mein Handy war nicht auffindbar, kein Kaffee im Haus. Ach, das Übliche halt.“

„Warum hast du denn nicht angerufen, dass du dich verspätest? Geh auf jeden Fall zu Elvira, es gibt irgendeinen Auftrag von der Winter. Genaueres hat sie nicht durchblicken lassen.“

Sie überlegte kurz, was das denn für eine Aufgabe sein könnte, die ihre Chefin für sie bereithielt. Zum Nachdenken blieb allerdings keine Zeit mehr, da der Laden öffnete.

Die ersten Kunden betraten das Geschäft und Greta meinte, dass sich das Wetter wohl gewendet haben musste, der Sommer hatte an diesem Tag doch endlich Einzug gehalten. Hellhäutige Menschen in viel zu knappen Oberteilen bevölkerten schlagartig den Verkaufsraum. Sie sichtete einige Mädchen mit bauchfreien, ausgewaschenen Tops. Nicht alle Figurtypen waren dafür geeignet, so etwas zu tragen, und diese jungen Damen gehörten definitiv dazu. Vielleicht waren sie noch zu „unbedarft“, ihre Problemzonen zu erkennen, oder sie verdrängten sie erfolgreich. Es gab nun mal eben Zeitgenossen, die sämtliche Trends mitmachen wollten.

In ärmellosen Teilen sollte auch nicht jeder unterwegs sein. Vor allem, wenn die Oberame nicht mehr ganz so straff sind. Greta stellte mal wieder fest: Viele Kleidungsstücke schauten auf einem Kleiderbügel doch wesentlich besser aus als angezogen und sollten einfach auf diesem bleiben.

In ihre Beobachtungen hinein hörte sie hinter sich, mit einem Mal, das wohlbekannte: „Hallo, hallo. Sind Sie hier zuständig, also verkaufen Sie hier? Sie sehen so aus, als ob Sie hierhergehören.“