Verräterische Zeiten - Jana Rudolph - E-Book

Verräterische Zeiten E-Book

Jana Rudolph

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Beschreibung

Conny wächst in einem Kinderheim in der DDR auf. Ihr größter Traum ist es Ärztin zu werden. Angetrieben durch ihren persönlichen Ehrgeiz, lässt sie sich auf eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit der DDR ein. Um Ihr Ziel zu erreichen, schreckt sie nicht davor zurück Menschen, die ihr nahe stehen zu hintergehen. Neunzehn Jahre nach der Wende holt sie ihre Vergangenheit ein. Sie muss sich ihrem früheren Leben stellen. Ihren Entscheidungen von einst und deren Folgen für die Menschen die ihr vertrauten. Doch wie verhalten sich diese heute ihr gegenüber und wie erlebt Conny selbst den Blick in den Rückspiegel ihres Lebens? Ein Rückblick nicht ohne Folgen ...

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Seitenzahl: 408

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Impressum neobooks

Jana Rudolph

Verräterische Zeiten

Roman

Über dieses Buch:

Conny wächst in einem Kinderheim in der DDR auf. Ihr größter Traum ist es Ärztin zu werden. Angetrieben durch ihren persönlichen Ehrgeiz, lässt sie sich auf eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit der DDR ein. Um Ihr Ziel zu erreichen, schreckt sie nicht davor zurück Menschen, die ihr nahe stehen zu hintergehen.

Neunzehn Jahre nach der Wende holt sie ihre Vergangenheit ein. Sie muss sich ihrem früheren Leben stellen. Ihren Entscheidungen von einst und deren Folgen für die Menschen die ihr vertrauten. Doch wie verhalten sich diese heute ihr gegenüber und wie erlebt Conny selbst den Blick in den Rückspiegel ihres Lebens?

Ein Rückblick nicht ohne Folgen ...

Über die Autorin:

Jana Rudolph Jahrgang 1967, lebt mit ihrem Ehemann südöstlich von Berlin. Abitur 1986. Es folgte eine Ausbildung zur Industriekauffrau und Wirtschaftsassistentin. Die letzten zwanzig Jahre war sie erfolgreich in Führungspositionen im Bereich Mode tätig. Sie wollte schon immer einen eigenen Roman verfassen. Um mehr Einblicke in die Vielfältigkeit der Materie zu erlangen, absolvierte sie vor drei Jahren ein Fernstudium für kreatives Schreiben. Ihr Debütroman „S,M,L oder Mut ist der Anfang von Vielem“ erschien 2018 im Frieling-Verlag.

TEIL 1

(1980 – 1984)

Macht ist die einzige Lust,

derer man nicht müde wird.

(Oscar Wilde)

EINS

Conny saß auf der niedrigen, abschüssigen Mauer hinter dem Haus. Von hier aus hatte sie einen uneingeschränkten Blick auf den Spielplatz mit dem alten Kletterpilz. Sein ausgeblichenes Pilzdach, die einsitzige Wippe, die nur noch ein rostiger Festhaltegriff zierte, das war ihr sehr vertraut. Der Kinderspielplatz war einer der wenigen Flecken in dieser Einöde Mecklenburg Vorpommerns, an dem hin und wieder etwas Action war. Wenn man eine Ansammlung rauchender, Bier trinkender Jugendlicher mit einem dröhnenden, nicht störungsfreien Kofferradio als eine Form der Unterhaltung ansah.

Für die Siebzehnjährige war es eher eine Strafe, hier sein zu müssen. Obwohl sie sich schon vor Jahren mit dieser oft trostlosen Lage arrangiert hatte.

Das Heim lag in einer verwaisten Gegend, am Rande einer Gemeinde, umgeben von Wiesen und Wäldern. Die Entfernung bis zur nächsten Kreisstadt betrug zwanzig Kilometer. Es gab zwar eine Busverbindung in Richtung Parchim, doch dem Fahrplan war nicht zu trauen. Per Anhalter fahren, war eine gängige Alternative, die jedoch von den Pädagogen nicht gerngesehen wurde. Aber die bemerkten ja zum Glück nicht alles, nicht nur was das Trampen betraf.

Conny war 1965 als Säugling in das Kinderheim „Clara Zetkin“ gebracht worden. Ihre Eltern waren gemeinsam kurz nach der Geburt der Tochter, bei einem Wohnungsbrand ums Leben gekommen. Conny war damals die einzige Überlebende des furchtbaren Unglücks. Es gab zwar noch die Großeltern mütterlicherseits. Diese sahen sich aber aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters nicht mehr in der Lage, sich um das Baby zu kümmern. Mittlerweile waren sie verstorben.

Conny hatte kaum Grund, sich zu beklagen. Das Kinderheim war wie ein zu Hause für sie, auch wenn der Alltag darin kein reines Zuckerschlecken war. Zu wenig Erzieher mussten sich um viele Kinder kümmern. Nie blieb genug Zeit für jeden Einzelnen. Die Heimeltern gaben ihr Bestes und versuchten ihre Schützlinge fair zu behandeln. Das war nicht ohne Anstrengung möglich und führte hin und wieder zu Reibereien. Dem ging Conny aus dem Weg, indem sie sich in ihre Bücher vergrub. Lesen war ihre Leidenschaft. Neben Mädchenbüchern verschlang sie Werke der Weltliteratur wie Tolstois Anna Karenina, Abhandlungen aus medizinischen Fachzeitschriften und alles, was es an Wissenswertem zu entdecken gab. Das Lernen in der Schule fiel ihr nicht schwer, eher war es eine Art Hobby für sie. Mitunter langweilte sie sich, da ihre Auffassungsgabe weit über der ihrer Mitschüler lag.

Obwohl sie ihre Eltern nie kennengelernt hatte, war sie durch frühere Erzählungen ihrer Großeltern und alte Tagebucheintragungen ihrer Mutter mit ihnen und ihrem damaligen Leben verbunden. Die Großmutter erzählte stolz, dass ihre Tochter bis zu ihrem Tod in der Charité in Berlin beschäftigt war. Conny imponierte das und ihre Mutter wurde zum Vorbild für sie: Sie wollte später als Ärztin arbeiten, wie diese.

Die einzige Erinnerung an ihre Familie waren ein paar Fotos. Ihr Lieblingsfoto war eine schwarz-weiße Aufnahme mit gezacktem Rand aus den sechziger Jahren. Das Bild war mittlerweile total abgegriffen. Es zeigte sie als lachendes Baby auf dem Arm ihres stattlichen Vaters. Ihr Gesicht war zerknittert und ein spärlicher Haarflaum bedeckte ihren winzigen Babykopf. Ihre Mutter war viel zarter als ihr Ehemann. Als würde sie das ausgleichen wollen, stand sie hocherhobenen Hauptes und mit durchgestreckter Brust neben ihm. Doch ihr Blick war sanftmütig und leuchtete. Im Hintergrund war die Ahlbecker Seebrücke zu sehen. Conny liebte die verblichene Fotografie. In einsamen Momenten kramte sie die Aufnahme hervor und betrachtete sie sehnsüchtig. Sie hatte keine Erinnerungen mehr an ihre Eltern, doch oft vermisste sie sie schmerzlich, besonders die Mutter. Gern hätte sie mit ihr geredet, über ihre Probleme, ihren ersten Liebeskummer oder sonstige alltägliche Sachen.

Zum Glück gab es Hanna. Beim Gedanken an sie lächelte Conny. Genau in dem Augenblick bog ihre Freundin völlig außer Atem um die Ecke.

„Ach hier bist du. Wie ich schon vermutet habe. Meine Spürnase hat mich direkt zu dir geführt.“

Mit einem vernehmlichen Schnaufen schwang sie ihren wohlgerundeten Körper zu Conny auf die Mauer. Sie fingerte eine Zigarette aus einer zerknautschten Packung. Bevor sie allerdings dazu kam ein Streichholz zu entfachen, hatte Conny ihr den Glimmstängel rigoros aus der Hand gerissen.

„Wie oft denn noch? Lass es endlich sein! Das Teufelszeug ist nicht gesund für dich oder hast du Lust, dir wiederholt so eine schwere Bronchitis einzuholen wie vor ein paar Wochen?“

„Ach, das war doch nur eine harmlose Erkältung und kam sicherlich nicht vom Rauchen.“ Hanna winkte nachlässig ab.

„Na klar, harmlos. Und wer hat sich die gesamte Zeit um dich gekümmert, als ein Hustenanfall nach dem anderen dich schüttelte? Nix da, du quarzt nicht mehr und basta.“

Mit diesen energischen Worten zerrte sie, wie an dem Ende eines Knallbonbons ziehend, Hanna die Schachtel aus der Hand. Die rollte entrüstet mit ihren hellbraunen Augen, die je nach Lichteinstrahlung einen bernsteinfarbenen Schimmer zeigten, und rubbelte sich heftig durch ihre kurzen schwarzen Haare.

„Eh, was soll das? Nur weil du gerade mal ein Jahr älter bist als ich, hast du keinen Freifahrschein, dich wie eine olle, autoritäre Erziehungstante aufzuführen.“

„Na, so schlimm ist es ja nun auch nicht. Schließlich muss es jemanden geben, der auf so eine Chaotin, wie du eine bist, aufpasst“, erwiderte Conny lachend und stupste dabei ihre Freundin in die Seite.

Hanna war vor zehn Jahren im Kinderheim abgegeben worden. Eine Mitarbeiterin der Jugendfürsorge hatte sie total verwahrlost zuhause in ihrem Kinderbett gefunden. Ihre Mutter war selbst fast noch ein Kind und mit der Erziehung heillos überfordert.

Die beiden Mädchen wuchsen wie Schwestern auf. Conny war zielstrebig und fleißig, Hanna hingegen träumte gern vor sich hin und neigte dazu, die Dinge etwas zu locker zu sehen. Sie standen sich sehr nah, vertrauten einander und redeten über alle Sorgen und Nöte ihres Lebens. Geheimnisse voreinander gab es keine. Gemeinsam hatten sie jene Mauer auf der Rückseite des Haupthauses zu ihrem Lieblingsplatz erkoren. Hier verbrachten sie einen Großteil ihrer Freizeit, wenn sie ungestört sein wollten, sie alles nervte oder um sich mit „Jungs gucken“, wie sie es nannten, die Langeweile zu vertreiben. Sie amüsierten sich prächtig über die schlaksigen und fast ausnahmslos pickeligen Burschen aus dem Ort, die täglich den angrenzenden Spielplatz belagerten.

In unmittelbarer Nähe stand ein Jugendklub. Hier organisierte der kommunistische Jugendverband Freie Deutsche Jugend (FDJ) jeden Freitag und Samstag Diskoabende. Diese Veranstaltungen fingen gegen 19 Uhr an und waren nach sozialistischer Vorschrift um Mitternacht wieder beendet. Auch Conny, Hanna und die anderen Jugendlichen des Kinderheims „Clara Zetkin“ verbrachten hier am Wochenende ihre Freizeit.

Die beiden Freundinnen liebten diese Abwechslung aus dem Heimalltag und es war jedes Mal ein spannendes Ritual sich für den Abend zurechtzumachen. Sie schminkten sich gegenseitig und waren megaaufgeregt bei der Frage: „Was anziehen?“ Da die Anzahl und Vielfältigkeit ihrer Kleidungsstücke begrenzt war, tauschten sie untereinander ihre Klamotten. Auch am morgigen Samstag hatten sie vor, sich wieder in das Getümmel der tanzwütigen Menge zu stürzen.

„Was meinst du?“, fragte Hanna kichernd wie ein Troll, „ob Jörg es schafft eine Flasche von dem Kaugummilikör ins Heim zu schmuggeln? Damit kommen wir vorher schon in Stimmung und sind nicht gezwungen später im Klub so viel Kohle für Alkohol auszugeben.“

„Dein Jörg schafft das mit Sicherheit“, antwortete diese schmunzelnd.

„Das ist nicht mein Jörg. Was unterstellst du mir denn da? Wir verstehen uns halt, das ist alles“, brauste Hanna auf. „Wir sind nur gute Freunde.“

„Ist klar. Nur gute Freunde. Du kennst ja meine Meinung zu diesem Thema. Nur Freundschaft zwischen Mann und Frau gibt es nicht und wird es nie geben. Einer von beiden hegt stets und ständig Gefühle für den anderen. Auch wenn man das nicht wahrhaben will. Man kommt aus der Sache nicht wieder heil raus, ohne dass sie oder er vor den Kopf gestoßen wird. Glaub mir das.“

„Bei uns ist das absolut nicht so“, erwiderte Hanna, allerdings nicht wirklich überzeugend. Sie hatte selbst noch nicht herausgefunden, wie sie zu Jörg stand und wie ihre Verbindung zu deuten war. Um im Moment aber von sich abzulenken, fing sie eifrig an, auf Conny einzureden.

„Na dir ist ja nie ein männliches Wesen recht. Entweder ist er zu kurz geraten, zu dick, zu dünn oder nicht studiert genug. Keiner entspricht deinen Anforderungen. Du bist reichlich wählerisch meine Liebe.“

„So dramatisch ist das nun auch wieder nicht. Aber die meisten Jungs die hier auf dem Dorf rumhängen sind nun mal schlichtweg langweilig, vor allem zu kindlich und ohne jede Lebenserfahrung. Ich wünsche mir eben einen reiferen, gebildeten und kultivierten Freund. Gegen ein wenig Attraktivität seiner Person hätte ich auch nichts einzuwenden.“

Hanna lachte schallend und sagte: „Träum weiter. Wo meinst du denn, den hier herzubekommen? Da wirst du nicht umhinkommen dir einen geeigneten Kandidaten eigenhändig zu backen.“

Während sie sprach, angelte sie betont unauffällig nach der Zigarettenpackung, die Conny neben sich auf die Mauer gelegt hatte. Diese ließ sie gewähren und gab vor, nichts mitzubekommen. Ihr war es eh nicht möglich, Hanna vom Rauchen abzuhalten. Zumindest dämmte sie mit ihren Aktionen den Konsum ihrer Freundin hin und wieder ein.

Verwirrt, da von Conny kein Protest erklang, zündete sich Hanna ihre ergatterte Zigarette an. Genüsslich blies sie winzige Kringel in die Luft. Schweigend saßen die Freundinnen noch eine Weile nebeneinander auf ihrem Lieblingsplatz, genossen den lauen Sommerabend und hingen ihren Gedanken nach.

ZWEI

Falk Wegener arbeitete seit mehr als sieben Jahren als Heimleiter im Waisenhaus „Clara Zetkin“. Er liebte seine Arbeit, trotz der Vielzahl an menschlichen Tragödien, welche er in all der Zeit miterlebt hatte. Bedauerliche Schicksale, die ihn innerlich bewegten. Es gab die unterschiedlichsten Voraussetzungen, aus denen Kinder heraus ein neues Zuhause in einer Institution wie dieser hier fanden. Private, wie mittlerweile vermehrt auch politische Gründe kamen dafür in Frage.

Dass ihn der gewählte Beruf allerdings eines Tages nicht mehr losließ, hätte er seinerzeit nicht für möglich gehalten. Er hatte zuerst andere Pläne für sein Leben. Besser gesagt seine Eltern. Die arbeiteten beide als Lehrer in einer Erweiterten allgemeinbildenden polytechnischen Oberschule, auf der sie Schüler auf das Abitur und das anschließende Studium vorbereiteten. Für Wegeners stand fest, dass ihr Sohn ihre berufliche Laufbahn einschlagen würde. Dessen eigenen Wünschen maßen sie keinerlei Bedeutung bei. Sie hielten seine Vorstellung von Beschäftigung für reine Hirngespinste und nicht für realistische Ziele. Falk faszinierte sich nämlich für alles, was im Zusammenhang mit Musik stand. Seit seiner Kindheit spielte er Gitarre und übte sich in Gesang. Jegliches Zusammenspiel von Klangarten, Spieltechniken und Musikinstrumenten fesselten ihn. Dadurch war für ihn frühzeitig klar: Er wollte Musiker werden. Wie er diese Absicht Mutter und Vater mitteilte, verloren die beiden anfangs die Beherrschung. Musikus, wie sie es abfällig nannten, war letztendlich kein anständiger Beruf, eher eine brotlose Kunst. Als Künstler war es ihrer Meinung nach einem schließlich nicht möglich zu überleben. Sie lehnten die Art jener unnützen Beschäftigung für ihren Sohn kategorisch ab. Falk hatte allerdings den Eindruck, dass in erster Linie ihr eigener Stellenwert im Vordergrund stand. Sie sahen ihren sozialistischen Ruf in Gefahr, da die Berufswahl ihres Sprösslings nicht im Geringsten zu ihrer politischen Einstellung passte. Die Wegeners waren überzeugte Staatsbürger der DDR und gehörten der Massenpartei SED an. Falk hatte nie begriffen, wieso sich seine Eltern darauf eingelassen hatten. Seit er in der Schule in dem Unterrichtsfach Staatsbürgerkunde mit den ersten politischen Themen konfrontiert wurde, versuchten die beiden ihn für ihre Ziele zu gewinnen. Aber ihre Bemühungen prallten an ihm ab, wie ein Gummiball an einer Wand. Er hatte kein Interesse an den Seilschaften des Sozialismus. Ebenso lehnte er es unmissverständlich ab, dass ihrer Ansicht nach für alles im Leben nur eine Richtung maßgeblich war. Er hatte vor sein eigenes Ding durchzuziehen und war absolut nicht dafür zu haben fremdbestimmt zu werden. Sein Wunsch war es, mit Musik Geld zu verdienen, durch die ganze Welt zu reisen und nicht eingesperrt zu sein in ein und demselben Land.

Er durchlebte nach dem Abitur eine überaus rebellische Zeit. In dieser übte er sich mit Gitarre und Gesang in Gestalt eines Straßenmusikers in der Fußgängerzone seiner Heimatstadt Dresden. Oft traf er sich mit Gleichgesinnten und gemeinsam spielten sie kurze Musikstücke für vorbeieilende Passanten. Straßenmusik war in der DDR verboten. Der Staat bezeichnete es als Bettelei, was gegen alle sozialistischen Regeln verstieß. Diese Art der „Zusammenrottung“, wie es im Fachjargon der Staatssicherheit hieß, war illegal. Falk hatte Glück, denn es gelang ihm, sich stets wieder den durch die Stasi durchgeführten Straßenrazzien zu entziehen. Bis auf ein einziges Mal, das war jener Tag, welcher ihn, was seine zukünftige Berufswahl anging, doch noch zum Umdenken gebracht hatte.

Es war an einem Sonntagnachmittag. Das Wetter zeigte sich recht frühlingshaft und es gab eine Menge Schaulustige, die um ihn und seine musizierenden Freunde herumstanden. Sie waren so vertieft in ihre Aufführung, dass sie die drohende Gefahr erst zu spät bemerkten. Es gelang Falk nicht, rechtzeitig abzuhauen. So passierte es, dass die Mitarbeiter der Staatssicherheit ihn brutal festnahmen und in einen ihrer unzähligen Verhörräume abtransportierten.

Er hatte verdammtes Glück. Sein Aufenthalt war nur von kurzer Dauer, da es seinem Vater gelungen war, ihn nach einigen Stunden aus der fatalen Angelegenheit herauszuholen. Es war Falk durchaus bewusst, dass er ohne den Einfluss seines Erzeugers nicht so glimpflich davon gekommen wäre. Er war diesem dafür unendlich dankbar, da ihm dadurch die fatalen Strafen für sein Vergehen erspart blieben. Falk fragte nie nach, wie es seinem alten Herrn so unkompliziert gelungen war, ihn aus jener missligen Lage heraus zu befreien. Es blieb ein unausgesprochenes Geheimnis zwischen Vater und Sohn.

Seitdem Vorfall erübrigte es sich wie von selbst, dass er sich auf das von seinen Eltern favorisierte Lehrerstudium fokussierte. Heute war er ihnen dankbar für die abrupte Wendung, die sein Leben dadurch genommen hatte.

Aufgrund der eigenen gemachten Erfahrungen wurde er das Gefühl nicht los, für die Zukunft seiner jetzigen Schützlinge, vor allem für deren Berufswahl mit verantwortlich zu sein. Die meisten Jugendlichen bekamen Angst vor dem neuen Lebensabschnitt und dem Schritt in die Selbstständigkeit. Hier war er in der Rolle des Pädagogen gefragt, um gegenüber den Schülern mit reichlich Einfühlungsvermögen zu handeln. Nach Erreichen des achtzehnten Lebensjahres und mit Erhalt eines Ausbildungs- oder Studienplatzes, war der Aufenthalt im „Clara Zetkin“ bis auf ein paar Ausnahmefälle vorbei.

Zu einer der Abiturientinnen, der es erlaubt war zu bleiben, zählte Conny Hartmann. Durch ihr eigenes spezielles Wesen unterschied sie sich von den anderen Heimkindern maßgeblich. Sie war unkomplizierter, wissensdurstiger, voller Tatendrang und sie hatte ein festes Ziel vor Augen. Ihre Absicht war es, um jeden Preis Medizin zu studieren, wie ihre verstorbene Mutter. Diesen Wunsch äußerte sie regelmäßig bei passender Gelegenheit.

Als Falk seine Stelle an dem Heim antrat, war Conny zehn Jahre alt. Er hatte sie aufwachsen sehen und einen Teil ihrer Sorgen und Nöte kennengelernt. In der Zwischenzeit war sie zu einer bildhübschen, selbstsicheren jungen Dame herangewachsen. In ihren klaren blauen Augen spiegelte sich verhohlene Neugierde für all das, was in ihrem Umfeld geschah. Die langen braunen, mit einem goldenen Schimmer durchzogenen Haare, trug sie überwiegend klassisch zu einem Zopf gebunden. Dadurch zeigte sich ein schmales Gesicht mit hohen Wangenknochen. Ihre Haut war zart und schimmerte wie Seide.

Die mittlerweile Achtzehnjährige faszinierte ihn seit jeher. Falk merkte, dass es ihn zunehmend mehr zu ihr hinzog. Allerdings war er sich bewusst, dass er in der Position des Heimleiters seine Gefühle für sie unterdrücken und professionelle Distanz wahren musste. Bei dem Gedanken daran seufzte er, denn das war für ihn gefühlsmäßig oft nicht so problemlos realisierbar. Aber er riss sich zusammen. Schließlich war er schon lange in diesem Beruf und hatte gelernt, mit den unterschiedlichsten Gegebenheiten fachmännisch umzugehen. Gedankenverloren erhob er sich von seinem Schreibtisch und trat ans Fenster. Genau in dem Moment sah er eine geduckte Gestalt mit ausgebeultem Campingbeutel auf dem Rücken, hinter dem angrenzenden Zaun langschleichen. Falk Wegener fischte nach der auf seinen Kopf geschobenen Brille und setzte diese umständlich auf.

Nachdem er den Jungen erkannt hatte, riss er impulsiv das Fenster auf und pfiff kräftig durch die Finger, bevor er losbrüllte. „Jörg, wie oft denn noch. Pass gefälligst auf wo du hintrampelst. Die Rabatten sind kein Spazierweg. Erst gestern habe ich dort neue Pflanzen eingesetzt. Vielleicht einfach die Klüsen beim Hackengas geben aufmachen. Obwohl wie ich sehe, ist das wie sonst auch schwer möglich, bei den langgewachsenen Zottelhaaren die dir wieder über deine Augen fallen.“

Durch den Pfiff unverkennbar ertappt schaute der Junge verunsichert in Wegeners Richtung. Mist, das war so nicht geplant. Er hatte nicht vermutet, dass sich der Heimleiter um die Uhrzeit noch in seinem Büro aufhielt, sonst hätte er ja niemals die Abkürzung über dessen innig geliebte Grünfläche gewählt. Jetzt bloß locker bleiben und sich nichts anmerken lassen. Das gestaltete sich zunehmend schwierig mit dem Gewicht in seinem Rucksack. Mit einem schiefen Lächeln hob er grüßend eine Hand.

„Hallo Herr Wegener. Oh ´tschuldigung hab ich glatt übersehen Ihre neue Bepflanzung. Kommt nicht wieder vor. Bin auch schon weg. Tschüssi.“

„Hiergeblieben Freundchen. Wir sind noch nicht fertig. Was schleppst du da überhaupt mit dir herum? Du bist ja ganz aus der Puste.“

„Ach das ist nix, nur Bücher aus der Leihbibliothek. Dringende Lektüre für ... also zum Lesen, für Deutsch eben, Unterricht und so.“

Jörg merkte, wie er sich verzettelte und um weiteren Unannehmlichkeiten zu entgehen, drehte er flink ab und hastete mit ausladenden Schritten über den Rasen davon. Dadurch vernahm er nicht mehr Falks eindringlichen Zuruf. „Von wegen Leihbücherei. So ein Unfug. Wir sprechen uns noch.“

Wegener schmiss den geöffneten Fensterflügel geräuschvoll zu. Auch für den davoneilenden Jungen war der ohrenbetäubende Widerhall unüberhörbar. Dieser schwirrte lautstark, wie ein betriebsamer Propeller, hinter ihm durch die Luft und grub sich nachhaltig in sein Gedächtnis ein.

DREI

Jörg kam keuchend auf dem Zimmer an. Sein Freund Andreas, mit dem er sich die Bude teilte, lümmelte auf dem Bett und schaute ihm fragend entgegen. Dabei stopfte er sich, knabbernd wie ein Eichhörnchen, eine Salzstange nach der anderen in den Mund.

„Was ist denn mit dir passiert? Hat dich jemand verfolgt? Mit den zerzausten Haaren und deinen dreckigen Latschen siehst du aus, wie ein Tatverdächtiger aus dem Polizeiruf 110.“

„Einen Tick komme ich mir auch so vor. Wegener hat mich erwischt.“

Andreas setzte sich blitzschnell aufrecht hin.

„Wie meinst du das erwischt? Man das hat uns gerade noch gefehlt. Und was hat er gemeint?“

„Na ja, sagen wir mal so. Nicht wirklich erwischt. Ich habe die Abkürzung gewählt, bin auf sein dusseliges Beet getreten, besser gesagt reinversunken und da ist er ausgerastet.“

„Hat er dich kontrolliert?“

„Nein, natürlich nicht. Irgendwie komisch geguckt hat er schon. So blöd wie er mitunter aus seinen wässrigen graublauen Augen starrt, ist der auch wieder nicht. Man der Campingbeutel ist zu allem Überfluss heute überaus wuchtig. Hat ´ne richtige Beule hintendran. Ich hatte echt zu schleppen, so schwer war der.“

„Versteh ich nicht? Sonst benimmst du dich doch auch nicht so mädchenhaft. Also, was war anders?“

„Stell dir vor“, fing Jörg eifrig an zu erzählen, „der Konsum hat eine zusätzliche Lieferung Dessertwein erhalten und die nette Frau Lehmann war so großzügig und hat mir zwei Flaschen mitgegeben. Mit dem Pfeffi Likör und den Vollbierflaschen im Gepäck war die Fuhre megaanstrengend. Deshalb war mein Gedanke, den kürzeren Weg bei Wegener lang zu marschieren.“

Andreas packte voller Neugier den Rucksack seines Freundes aus. „Wow, das ist ja ´ne Menge Hochprozentiges, was du da angeschleppt hast. Da schaffen wir es wieder, es ordentlich krachen zu lassen. Zeig mal weiter.“

Als er die Weinflasche in der Hand hielt und die Marke lauthals vorlas, grinste er über das ganze Gesicht.

„Das ist ja der reinste Büchsenöffner. Da klappt das vielleicht endlich mit deiner Hanna.“

Jörg verdrehte bei der Bemerkung genervt die Augen. Er fand es nicht witzig, wenn Andreas solche Kraftausdrücke benutzte.

„Es ist nicht meine Hanna. Ich finde sie nett. Wir haben halt einen Draht zueinander. Mit der lässt sich echt klasse quatschen und die ist für jeden Spaß zu haben. So wie Kumpels eben, mehr ist da nicht.“

Andreas reagierte nicht weiter auf die Ausführungen seines Freundes, da er dessen fragwürdige Beteuerungen bereits kannte. Vielmehr widmete er sich wieder dem Inhalt des Rucksackes. Die Tüte Knusperflocken, die er dabei fand, riss er auf der Stelle auf, um begierig hinein zugreifen.

„Vor dir ist auch nichts Essbares sicher. Eigentlich war der Süßkram für die Mädels. Aber egal, lass es dir schmecken“, sagte Jörg mit vor Sarkasmus triefender Stimme. „Ich gehe ´ne Runde Laufen, damit ich mich nicht weiter über deine Fresssucht aufrege.“

„Laufen? Bist du sicher? Du warst bis eben erst unterwegs. Im Übrigen siehst du noch völlig fertig aus. Das kann nicht gesund sein.“

„Quatsch nicht, sondern komm mit. Ein paar Durchläufe an der frischen Luft auf dem Sportplatz schaden dir auf keinen Fall.“

„Ach nee, lass mal stecken. Ich habe noch für morgen den Aufsatz in Deutsch auszuarbeiten und außerdem ist ja gleich Abendbrotzeit. Heute gibt´s Karlsbader Schnitte. Lecker. Darauf freue ich mich bereits den ganzen Tag und nur um mit dir so ein paar alberne Runden zu drehen, werde ich auf das Festmahl unter keinen Umständen verzichten.“

„Na dann eben nicht. Wer nicht will, der hat schon.“ Mit einem „Bis später“, schmiss Jörg die Tür hinter sich ins Schloss.

#

Conny und Hanna hatten ihren Mauerplatz verlassen und schlenderten Arm in Arm in aller Ruhe Richtung Kinderheim. Genau in dem Moment kam ihnen ein total verschwitzter Jörg entgegengelaufen. Gedankenverloren nickte er den Mädchen zu. Seine bis zum Kinn reichenden blonden Haare hingen ihm wirr in die Stirn, und er schob sich zwangsläufig eine feuchte Strähne hinter das Ohr. Dabei blitzte der silberfarbene Ohrring auf, den er seit ein paar Tagen trug.

Bei dieser Geste und seinem Anblick fingen Hannas Augen an zu leuchten und Conny fand, dass sie auch ein etwas debiles Lächeln in Richtung des jungen Mannes schickte. Mit spöttisch hochgezogener Augenbraue sah sie ihre Freundin eindringlich an und sagte mit gespielter Ernsthaftigkeit: „Nein, da besteht definitiv kein Interesse an Jörg. Falls doch, dann nur rein freundschaftlich. Ist klar.“

Hanna zuckte zusammen, wie aus einer Hypnose erwacht, und grinste über ihr ganzes sommersprossiges Gesicht wie ein Honigkuchenpferd.

„Er sieht aber schon affengeil aus oder? Und so sportlich wie der ist“, schwärmte sie versonnen. „Da kann ich absolut nicht mithalten.“

„Kein Problem. Unter diesen Umständen ist es wohl an der Zeit, dass du deine Turnschuhe mal wieder aktivierst, um unumstritten Eindruck bei ihm zu schinden.“

„Sport? Ich? Bewegung gehört nicht so zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, wie du weißt. Glaubst du nicht, es gibt eine andere Möglichkeit sein Interesse zu wecken?“, fragte Hanna hoffnungsvoll und kratzte sich nachdenklich am Kopf.

„Na ja, bestimmt. Aber über ein Hobby ist es mit Sicherheit unauffälliger mit ihm in engeren Kontakt zu kommen. Jörg ist in der Volleyballmannschaft der Schule, spielt Tischtennis wie Dieter Stöckel und rennt regelmäßig, wie du siehst. Also suche dir was aus davon, wenn für den ultimativen Kuss unbedingt so ein Milchbart herhalten muss.“

„Der Milchbart ist in deinem Alter und außerdem hatten wir das Thema erst. Deshalb ignoriere ich gnädigerweise diesen unoriginellen Einwurf deinerseits“, sagte Hanna und sah Conny gönnerhaft an. Die zog die Nase kraus, um nicht lautstark loszulachen. Sie merkte ja, wie sehr ihre Freundin auf Jörg abfuhr und hatte nicht vor, die Schwärmerei ins Lächerliche zu ziehen. Außerdem fand sie ihn selbst ganz in Ordnung für sein Alter.

„Oookay“, Hanna zog das Wort mit Absicht in die Länge, um Zeit zu gewinnen. „Du meinst also wirklich ich bin gut beraten, es mit sportlicher Betätigung zu versuchen. Hm, dazu ist es unverzichtbar mir erstmal brauchbares Turnzeug zu zulegen, damit ich etwas athletisch und gleichzeitig natürlich ansprechend aussehe. Wenn diese fundamentale Angelegenheit geklärt ist, werde ich weitere Gedanken daran verschwenden, welche Sportart am besten zu mir passt.“

Conny verdrehte genervt die Augen.

„So wird das nichts Hanna. Ein Hauch von Ehrgeiz gehört schon dazu. Beim Sport genauso wie beim Erobern von Milchbärten oder Jungs generell. Also für was für eine Art der Körperertüchtigung entscheidest du dich?“

„Mach mal nicht so ´ne Hektik. Lass mich bitte eine Nacht darüber schlafen. Morgen sag ich dir, zu welchem Entschluss ich gekommen bin. Versprochen. Jetzt marschieren wir erstmal gepflegt zum Abendbrot. Mit angemessener Stärkung gelingt es mir sicher, ausgiebiger über eine geeignete Sportauswahl inklusive Anziehsachen nachzudenken.“

Conny schaute skeptisch, hatte aber nicht vor, Hanna unter Druck zu setzen, und verkniff sich aus dem Grund jeglichen weiteren Kommentar.

„Geh du mal allein Essen, ich habe heute keinen Appetit. Ich verzieh mich aufs Sofa, um noch ein bissel Radio zu hören.“ „Von wegen Radio hören. Wie ich dich kenne, hast du dir schon wieder ein verzwicktes medizinisches Fachbuch ausgeliehen und lernst irgendeine verquere Testreihe auswendig oder was es da sonst so gibt.“ Hanna holte tief Luft, bevor sie weitersprach. „Bisweilen beneide ich dich. Dir fliegt der Lernstoff nur so zu. Du liest etwas und schwupp, schon ist der Inhalt in deinen Kopf katapultiert. Ebenso hast du auf jede Frage der Lehrer eine passende Antwort. Du bist so gescheit, dir macht so schnell keiner was vor. Glaub mir, du bekommst hundertprozentig einen Studienplatz. Wer sonst, wenn nicht du.“

Conny winkte ab. „Auch mir fliegt nicht alles zu und ich muss für meine Ergebnisse büffeln. Aber das ist jetzt egal. Geh du mal ordentlich reinhauen und nicht vergessen über deine zukünftige sportliche Disziplin nachzudenken.“ Dabei zwinkerte sie Hanna fast etwas gehässig zu. „Ich nehme dich beim Wort. Morgen ist der Tag der Entscheidung.“

Auf dem Weg zu ihrem Zimmer begegnete Conny Falk Wegener. Die Freude über das Treffen hielt sich in Grenzen. Auch wenn er erst zweiunddreißig Jahre alt war, war sein Gesicht fahl und aufgedunsen. Es hatte den Anschein, dass er immerfort etwas kränkelte. So war zumindest der äußere Eindruck. Die dicken Brillengläser und sein gewölbter Bauchansatz verbesserten sein Gesamtbild nicht wirklich. Sie hatte es bis heute nicht geschafft, ihn hundertprozentig einzuschätzen.

Die jüngeren Heimkinder bestaunten ihn regelrecht, wohl mehr wegen dieser unsagbaren Art, mit welcher er meisterlich auf der Gitarre spielte. Beim Musizieren blendete er wohl alles um sich herum aus, da er sich ganz den Gitarrenklängen hingab. Dabei verirrte sich schon mal ein Lächeln auf seinem Gesicht, was Seltenheitswert hatte. Oft hörten die Schüler ihm mit staunenden Augen und offenen Mündern zu. Von diesem Zeitpunkt an waren sie alle musikinfiziert und hatten nur einen Wunsch: Gitarre spielen zu lernen. Aus dem Grund gab es auch keinen Mangel an Interessenten für die entsprechende Arbeitsgemeinschaft, die er in dem Kinderheim ins Leben gerufen hatte. Die Musik-AG war eine reine Freizeitbeschäftigung für die Schüler.

Wegeners Beliebtheit in seiner Tätigkeit des Musiklehrers ließ allerdings zu wünschen übrig. Dafür war er zu akribisch und unnachgiebig im Unterricht.

Obwohl Falk sich Conny gegenüber verständnisvoll, stets fair und sogar herzlich verhielt, fand sie ihn auf eine gewisse Art doch unheimlich. Sie konnte allerdings keine plausible Erklärung dafür nennen.

„Guten Abend Conny. Na, war die Karlsbader Schnitte nicht schmackhaft genug oder hattest du wie so oft keinen Appetit? Bei deiner schlanken Figur hast du es doch nicht nötig, auf das Abendessen zu verzichten.“

Die getroffene Feststellung äußerte er ohne jeglichen Unterton in der Stimme, dabei glich sein Gesicht einer starren Maske. Dennoch bekam Conny eine Gänsehaut und ein Schauer kroch ihr wie eine glitschige Nacktschnecke über den Rücken. Der Auslöser für diesen lag eventuell auch an Falks Augen. Sein verschleierter Blick durchbohrte sie so eindringlich, wie wenn er ein Röntgenbild von ihrem Inneren erzeugen würde. Sie hatte keine Lust auf Erklärungen, nur das Bedürfnis schleunigst dieser für sie unangenehmen Situation zu entkommen. Also griff Conny zu einer Notlüge.

„Abend Herr Wegener. Es ist alles in Ordnung. Ich habe nur eine Kleinigkeit auf dem Zimmer vergessen. Bin gleich wieder bei den anderen.“

Mit diesen Worten hastete sie zwei Stufen auf einmal nehmend, in den ersten Stock. Atemlos riss sie die Tür ihrer Stube auf und eilte hinein. Vorsorglich drehte sie den Schlüssel hinter sich zweimal im Schloss herum. Schwer atmend, aber erleichtert, lehnte sie sich mit dem Rücken an das kühle, glatte Holz. Obwohl ihr klar war, dass es absolut keinen Grund für ihre Ängstlichkeit gab, kam ihr das Zimmer sofort wie eine schützende Höhle vor. Langsam ließ ihr Herzklopfen nach und sie atmete wieder gelassener.

Nachdem sie sich gefangen hatte, rappelte sie sich auf, und wankte mit noch ein wenig wackligen Beinen zu ihrem Bett. Was war sie nur für ein Hasenfuß. Wegener hatte ihr doch nichts angetan. Sie lachte kaum vernehmlich ihre eigene Unsicherheit weg.

Um sich abzulenken, kramte sie ihr Tagebuch hervor. Unkonzentriert und ohne zu sehen was sie zuletzt geschrieben hatte, blätterte sie durch die mit Buchstaben gefüllten Seiten. Dabei knabberte sie gedankenverloren an ihrem Bleistift herum.

VIER

Falk Wegener bewohnte eine alte Einliegerwohnung in einem Fünfhundertmeter entferntem Haus der Schule. Eine überschaubare zweckmäßig eingerichtete Küche, Schlaf- und Wohnzimmer in einem Raum, Bad mit winziger Dusche, mehr Komfort brauchte er nicht. Obwohl die Bleibe recht bescheiden und begrenzt war, lebte er gern an diesem Ort. Eine Ehefrau sowie eigene Kinder spielten in seinem Leben keine Rolle. Sicherlich hatte er Frauenbekanntschaften, aber eben nichts Festes. Für solche ausgesuchten Treffen fuhr er lieber in die Kreisstadt. Auf Klatsch und Tratsch im Ort oder gar unter seinen Schülern, was sein Liebesleben betraf, hatte er absolut keine Lust.

Es gab Momente, da sehnte er sich nach einer festen Bindung. Heim kommen, sich über den Tag austauschen, Probleme des Alltags teilen, mit jemandem der einem zuhörte, all das konnte er sich mühelos vorstellen. Das Ritual des gemeinsamen Beisammenseins zum Beispiel beim Abendessen, kannte er aus seinem Elternhaus. Obwohl man nicht nur positive, sondern auch unschöne Ereignisse in jener abendlichen Runde besprochen hatte, erinnerte er sich sehr gern an diese Augenblicke. Zeitweise vermisste er das Gefühl der Geborgenheit.

Die Arbeit in seinem Heim wie er es nannte, war sein Lebensinhalt. Aufgrund der räumlichen Nähe war er im Notfall schnellstens vor Ort. Dennoch kam er nicht drum herum sich ein Telefon anzuschaffen, ob er wollte oder nicht. Eigentlich hatte er nicht vor, sich einen Apparat ins Haus zu holen. Er brachte ausreichende Argumente, wer im Ort viel dringender einen benötigte. Aber das fand bei niemandem Beachtung. Ihm als Heimleiter, verantwortlich für einhundertfünfzig Kinder, stand nun mal so ein Telefonapparat zu. Trotz endloser Diskussionen mit den bevollmächtigten Funktionären, gelang es Falk nicht, sich gegen die Anschaffung des Telefons für seine Privaträume zu wehren. Er haste es zu telefonieren. Lästige Anrufe über Problembeschreibungen waren anstrengender, wie mal eben flink im Kinderheim vorbeizuschauen. Wenn nötig auch nach Feierabend. Bei den anderen Mitarbeitern des Heimes stieg er durch seine ständige Anwesenheit, und die damit verbundenen Kontrollen nicht gerade in der Beliebtheitsskala auf. Aber das war ihm egal. Wer meinte ein Problem mit ihm zu haben, der hatte es ihm gefälligst zu sagen. Diese Einstellung versuchte er auch seinen Schülern mit auf den Weg zu geben. An dem Eintritt der Kinder in die Massenorganisationen der DDR, einmal die Pionierorganisation „Ernst Thälmann“ zum anderen der kommunistische Jugendverband der Freien Deutschen Jugend (FDJ), führte kein Weg vorbei. Beide Vereinigungen fungierten schließlich wie ein Teil eines Erziehungssystems zeitgleich zum Schulalltag. Das SED Regime sah vor, Kinder und Jugendliche dieser Organisationen zu klassenbewussten Sozialisten zu erziehen. Davon hielt er überhaupt nichts. Wegeners Antrieb war es, seine Schützlinge darin zu bestärken, dass sie offen, ehrlich, mit Selbstvertrauen und eigener Meinung auftraten. Diese Einstellung eines Pädagogen, sahen manche Funktionäre des Rates des Stadtkreises nicht so gern. Denen war es lieber, wenn sich alle Kinder gleichermaßen zu sozialistischen Persönlichkeiten entwickelten. Falk legte keinen gesteigerten Wert auf deren Meinung und hielt an den eigenen Erziehungsmethoden fest. Ihm lag nur das Wohlbefinden seiner Schüler am Herzen, auch wenn diese das durch sein oft schroffes Benehmen, nicht zu schätzen wussten.

Heute war es ab dem frühen Abend, wie an fast jedem Samstag, recht friedlich in dem Gebäude, denn ein Großteil der Heimkinder war auf dem Weg in den ortsansässigen Jugendklub. Er gönnte den Heranwachsenden ihren Spaß. Ihm war klar, dass Jörg, den er die Tage vor seinem Bürofenster erwischt hatte, in dem mitgeschleppten Rucksack weder Limo mit sich trug und erst recht keine Bücher, wie er behauptet hatte. Durch sein bewusst aufbrausendes Verhalten hoffte er, dem Jungen gegenüber klarzumachen, dass ihm aufgefallen war, was er da tatsächlich ins Heim geschmuggelt hatte. Mit Sicherheit war das Signal bei Jörg angekommen und sein Auftritt würde sich ruck zuck unter den Jugendlichen rumsprechen. Da es noch nie ernsthafte Probleme mit Alkohol bei diesen gegeben hat, drückte er in den meisten Fällen ein Auge zu. Schließlich war er auch mal in dem Alter und hatte gemeinsam mit seinen Freunden vor den wöchentlichen Tanzveranstaltungen ein paar Biere gezischt. Er trat ans Fenster und schaute gedankenverloren hinaus. In Erinnerung an diese Abende huschte ein verklärtes Lächeln über sein Gesicht.

In dem Moment erblickte er Hanna und Conny. Die beiden Freundinnen hätten von ihrem Äußeren unterschiedlicher nicht sein können. Hanna trug eine rote Steghose aus Cord, welche ihrer Figur nicht sonderlich schmeichelte. Abgestimmt auf die Farbe ihrer Hose zeigte sich ihr Lippenstift, der kräftig aufgetragen war und ihren Mund, wie den von Clown Ferdinand erstrahlen ließ. Conny hingegen war ganz in schwarz gekleidet. Auch an diesem Abend trug sie ihr Haar zum Pferdeschwanz, zusammengebunden mit einem glitzernden Samtband. Ihr Make-up war dezent gehalten und auf den zarten Lippen schimmerte ein Hauch von rosafarbenem Lippenbalsam. Hanna tobte vorneweg und redete mit den Händen wedelnd, ohne Punkt und Komma auf ihre Freundin ein. Es sah aus, wie wenn sie einen Schwarm Mücken verscheuchte. Conny schmunzelte über das Gesagte und schritt leichtfüßig mit wippendem Gang hinter ihr her.

Falks Augen klebten an ihrer Erscheinung wie eine Fliege an einem Klettband. Sie sah hinreißend aus. So unschuldig und zugleich reizvoll. Sicherlich würde sie sich vor Verehren nicht retten können. Der Gedanke daran versetzte ihm einen kurzen Stich, der ihn bis ins Innere schmerzlich zusammenzucken, ließ. Natürlich träumte er schon mal davon, wie es wäre, mit diesem zauberhaften Wesen zusammen zu sein. Allerdings hatte er nicht das Recht dazu, irgendwelchen Hoffnungsschimmer aufkommen zu lassen. Conny war nur eine Schülerin und daran würde sich nichts ändern. Seufzend wendete er sich vom Fenster ab. Er kam nicht umhin, diese Gefühle endgültig zu verdrängen.

#

Vor dem Eingang des Jugendklub „Scheune“ drängelten sich seit einer Ewigkeit ein Haufen Jugendlicher, um endlich hineingelassen zu werden. Wie so oft waren es mehr Tanzwütige, wie in den Räumlichkeiten Platz fanden. Irgendjemand würde mal wieder das Nachsehen haben. Genau aus dem Grund standen Hartgesottene bereits bis zu zwei Stunden vor Beginn der Veranstaltung am Einlass an.

Jetzt im Sommer war das nicht das Problem. Im Winter hingegen, kam einem diese Warterei unendlich vor. Hände und Füße waren taub von der Kälte, die Nase tropfte unaufhaltsam. Die Mädchen hatten das Gefühl, dass ihr Gesicht samt Make-up starr und eingefroren war wie eine Faschingsmaske. Aber sobald sie einen der begehrten Plätze im Inneren des Klubs ergattert hatten, war der Unmut über die vorherigen Widrigkeiten schlagartig verflogen.

Wie Conny und Hanna vor dem Jugendklub eintrafen, erwarteten sie bereits winkend Jörg und Andreas. Die beiden hatten einen Platz in der Menge erobert und die Mädchen drängelten sich zu ihnen durch. Das Gemaule der anderen Gäste ignorierten sie geflissentlich. Conny nieste einmal kräftig, nachdem sie sich neben Andreas geschoben hatte.

„Bist du erkältet oder was?“, fragte er und schaute sie argwöhnisch an, da sie gleich noch ein Niesen hinterher setzte.

„Nee, nicht das ich wüste. Äh, dein Duft reizt wohl meine Nasenschleimhäute. Du hast dir geschnüffelt eine halbe Flasche Rasierwasser an den Hals gekippt. Vorhin in eurem Zimmer habe ich das noch nicht gerochen.“

„Kein Wunder. Du warst ja auch abgelenkt durch Puffbrause und Salzstangenwettessen.“

„Du bist ja bloß neidisch, dass ich flotter im Knabbern bin als du. Aber egal. Viel prickelnder ist der Punkt wann und wie dir das mit dem Eintauchen in das unsagbare Duftwasser gelungen ist?“

Andreas ignorierte Connys Frage. Statt zu antworten, reckte er ihr wie ein Kater, der auf Streicheleinheiten hoffte, seinen Kopf entgegen. „Gefällt´s dir? Hab ich neu. Gestern erst in der Drogerie ergattert. Bückware“, verkündete er mit stolzgeschwellter Brust. „Also das Rasierwasser hat nicht jeder, gibt´s nur unterm Ladentisch.“ Gespannt und mit zustimmungsheischendem Blick schaute er Conny aus seinen fast schwarzen Augen an. Diese nickte. Sie kannte den Begriff Bückware. Aber spärlich vorhanden und kostspielig hieß nicht gleich Qualität. Sie hatte nicht vor ihren Freund zu verletzen und versuchte Zeit zu schinden, für eine diplomatische Antwort. Andreas dauerten ihre Überlegungen zu lange und er fing an, aufgeregt hin und her zu zappeln.

„Meinst du, den anderen Mädels gefällt das auch?“, fragte er mit Ungeduld in der Stimme, da Connys Reaktion auf seine Frage ausblieb.

Auch hat mir gefallen, dachte Conny. Ich finde es absolut furchtbar. Der Duft hat etwas Aufdringlich und riecht gewöhnungsbedürftig. Aber Geschmäcker waren nun mal verschieden. Sie holte tief Luft, bevor sie ihm antwortete.

„Also der Geruch deines Rasierwassers ist nicht wirklich meine Richtung. Ich finde ihn irgendwie bissel streng. Aber das heißt ja nichts. Sicherlich gibt es andere weibliche Fans dafür. Ein Tipp von mir als Freundin. Weniger ist manchmal mehr.“ Den letzten Satz sagte sie in verschwörerischem Ton und knuffte ihn dabei vertraulich in den Oberarm.

Andreas sah Conny etwas frustriert an und brummte nur ein: „Wenn du meinst.“

Aber so leicht verdarb ihm keiner die Stimmung. Er war ein sehr positiv denkender Mensch und sah solch eine

ausgeteilte Schlappe schon wieder als eine weitere Herausforderung an. Andreas war nie um eine Antwort verlegen und ein ausgesprochener Optimist. Niemand war lange auf ihn sauer. In seiner Gegenwart vergaß man gern die eigenen Sorgen und hatte einfach nur gute Laune.

„Ach was soll´s. Du hast bloß keine Ahnung, was gerade angesagt ist. Im Westen ist das der Hit. Wirst schon sehen, wie die Bräute gleich auf mich abfahren.“

Er zwinkerte Conny verschwörerisch zu und spitzte die Lippen in ihre Richtung, zu einem imaginären Kuss. Seine Charmeoffensive hatte sie mal wieder voll erwischt, und sie prustete lauthals los. Woraufhin ihr erneut ein kräftiges Niesen entfuhr.

Hanna und Jörg standen dicht aneinandergedrückt in der wartenden Menschenmenge. Damit man sie bei dem Gedränge nicht auseinanderriss, klammerte sich Hanna an Jörgs Arm. Vielleicht krallte sie sich ein Ticken zu fest an ihn. Jörg schien das nicht sonderlich zu stören. Obwohl das eher so ein Mädchending war. Beim nebeneinander Laufen hakten die sich auch ständig bei jemandem ein. Das fand er schon von jeher total affig. Wie wenn man steinalt war und ohne Hilfe nicht vorwärtskam. Aber hier und jetzt störte es ihn nicht. Es behagte ihm sehr an Hannas Seite. Zum Glück sah ihn keiner seiner Kumpels, dazu war zu viel Gewühle vor dem Klub. Die hätten nur wieder einen blöden Spruch gebracht.

Hanna sah Conny fragend an. Beide Wangen glühten und ihre Augen strahlten. So aufgekratzt hatte sie ihre Freundin lange nicht gesehen. Zuletzt wo diese die Zusage für ihre Lehrstelle erhalten hatte. Ab Herbst fing sie ihre Ausbildung zur Facharbeiterin für Kinderpflege, in der

nahegelegenen Kreisstadt an. Ihre momentane Hochstimmung lag mit Sicherheit an Jörgs Gesellschaft. Ihm schien Hannas Nähe nicht zu missfallen, denn er war seit ihrer Ankunft noch keinen Meter von ihr abgewichen. Bis zu Connys Lachanfall waren sie in einem angeregten Gespräch vertieft und hatten die Umgebung um sich herum völlig ausgeblendet. Conny schnappte Hannas fragenden Blick auf und winkte lachend ab. Dabei deutete sie auf Andreas. Der schüttelte unmerklich den Kopf, denn er verspürte keine Lust das Thema ihrer Unterhaltung über sein Rasierwasser, erneut aufzuwärmen. Soeben öffneten sich die Türen zum Klub. Rasch wand er sich an Jörg und schlug diesem freundschaftlich auf die Schulter.

„Komm Alter, es geht los. Kirschen pflücken ist angesagt.“ Bei seiner eigenen Bemerkung fing er meckernd an zu lachen. Jörg stöhnte auf und rollte genervt mit den Augen. Das störte Andreas nicht im Geringsten.

„Mach dir nicht gleich ins Höschen. Auf zur Theke. Du zahlst die erste Runde.“

Bevor einer seiner Freunde Zeit hatte, etwas zu erwidern, schnappte er sich Jörg und schob diesen, beschwingt wie bei einer Polonaise, geradewegs in Richtung Eingangstür.

FÜNF

Dröhnende Musik empfing Conny. Obwohl der Einlass soeben erst angefangen hatte, war es in dem begrenzten Raum stickig, wie in einem feuchten Zweimannzelt. Bislang war die Tanzfläche leer. Daneben standen einige Tischgruppen, wobei die meisten Plätze davon besetzt waren. Die Sitzgelegenheiten erwiesen sich als Objekte der Begierde und die Gäste steuerten diese regelmäßig zuerst an. In der Regel fingen die ersten Furchtlosen, nur nach Begrüßung und Aufforderung durch den Schallplattenunterhalter mit dem Tanzen an. Wenn aber alle in Fahrt gerieten, gab es kein Halten mehr. Da wurde gewippt, gehüpft und lautstark mitgegrölt. Am liebste zu englischsprachigen Liedern. Musik mit deutschen Texten war bei den Jugendlichen nicht wirklich beliebt. Westmusik zogen diese eindeutig dem Ostrock vor.

An der Theke im vorderen Raum des Klubs tummelten sich die ersten Trinkwütigen. Noch erstrahlte die reinste Festbeleuchtung. Bei gedämpftem Licht fiel die gesamte Atmosphäre schon etwas intimer aus. Mit einer völligen Abdunkelung war frühestens bei einer langsamen Tanzrunde zu rechnen. Es gab noch den einen oder anderen Jungen, der die Mädchen bei angesagten Schmusewalzern zum Tanzen aufforderte. Conny mochte es nicht sonderlich leiden sich mit Fremden, eng umschlungen im Kreis zu drehen. Einen Korb zu geben fiel ihr allerdings schwer, denn sie war nicht scharf darauf, die Couragierten vor den Kopf zu stoßen. Sie seufzte. Vielleicht rang sie sich doch mal zu einem nein durch. Zuerst würde sie sich jedoch ein Getränk gönnen. Sie schlenderte durch den Klub und stellte sich, an der mittlerweile anwachsenden Schlange, vor der Theke an. Conny schaute sich nach ihren Freunden um. Sie sah eben noch Hanna auf der Toilette verschwinden und auch die beiden Jungs tauchten in der wogenden Menge unter. Ein Jugendlicher in einem Fleischerhemd und einer kopierten Boxer Jeans rief Andreas lautstark meckernd hinterher. „Eh Kröte, halbe Flasche „Polar“ über den Kopf gegossen. Meinst wohl damit kannst du bei den Perlen punkten?“

Der Rest seines Zurufes verhallte im Getümmel und war nicht mehr zu hören. Sie grinste wegen der gehörten Bemerkung. Ihr war gar nicht geläufig, dass Andreas einen Spitznamen hatte. Na ja, keine Ahnung, wie das zustande kam. Er hatte eine Menge Bekannte auch außerhalb des Heimes. Durch seine unkomplizierte Art kam er mit den unterschiedlichsten Typen ins Gespräch und war mit einigen befreundet. Das Publikum im Klub war gemischt. Hier hingen Kinder aus dem „Clara Zetkin“ genauso wie die Jugendlichen aus der Umgebung rum. Von denen wurden sie oft überhaupt nicht beachtet und links liegengelassen. Vielleicht ein Vorurteil gegenüber Heimkindern, hervorgerufen durch die Eltern? Die meisten der Einheimischen gaben sich klein kariert und hielten Kinder, die ohne Mutter und Vater aufgewachsen sind, genauso wie Familien mit mehr als vier Sprösslingen, für Asoziale. Das empörte Conny regelrecht, denn natürlich waren alle aus ihrem Heim weder verwahrlost noch gesellschaftsschädigend.

Sie war der Meinung, dass sie bei Begegnungen mit den Ortsansässigen in deren Verhalten eine gewisse Unsicherheit und Verlegenheit erkannte. Vielleicht war denen nicht klar, dass es verschiedene Gründe gab, weshalb Kinder in einem Heim aufwuchsen. Die Mehrheit dieser Leute war sicher der Meinung, dass alle Schutzbefohlenen aus einem zerrütteten Elternhaus kamen und entsprechend auch heute noch absolut verwildert waren. Ob von denen bisher keiner davon gehört hatte, dass man Kinder ihren Eltern ebenso eigenmächtig wegnahm? Es gab Fälle, da war der Staat der Meinung, dass dieser Schritt besser für das Wohlergehen der jeweiligen Mädchen oder Jungen sei. Da hatte kein anderer ein Mitspracherecht. Beziehungsweise wie bei ihr selbst, wo das Elternpaar tödlich verunglückt war. So etwas suchte man sich doch nicht aus, erst recht nicht als Kind. Was würde jedes Einzelne von ihnen für ein eigenes Zuhause geben? Auch wenn die Erzieher sich täglich bemühten, kamen Liebe und Geborgenheit oft zu kurz und waren nicht vergleichbar mit der Zuneigung durch die leiblichen Eltern.

Conny hatte absolut kein Verständnis für die ablehnende Art, die ihnen ihre Mitmenschen entgegenbrachten. Natürlich hatten nicht alle Menschen ein Problem mit den Heimkindern.

Die Schulklassen waren gemischt. Sie bestanden sowohl aus ortsansässigen sowie aus Kindern aus dem Heim. In der Schule entwickelten sich mit der Zeit ganz normale Freundschaften. Dennoch hielten viele der alteingesessenen Familien Distanz. In den seltensten Fällen gab es deshalb auch Einladungen von Schulfreunden in deren Zuhause. Ob das nur ein Phänomen vom Land war? Conny rätselte, ob die Mentalität in der Großstadt eventuell eine andere sei. Aber das würde sie heute nicht mehr herausfinden. Jetzt hatte sie Lust zum Tanzen und Feiern. Zwischenzeitlich war sie am Tresen angekommen und Tobi der Barmann strahlte sie mit leuchtenden Augen an. Da Conny mittlerweile zu den Stammgästen im Klub zählte, kannten sie sich vom Sehen.

„Hallo, schön dass du da bist. Was kann ich dir zu trinken anbieten?“

„Die Frage ist ja wohl eher, was habt ihr auf Lager?“

„Na noch sieht´s erfreulich aus. Zu fortgeschrittener Stunde besteht die Gefahr, dass es eventuell zu Engpässen kommt. Unter den Umständen werde ich bei den Zutaten wieder improvisieren müssen und meiner Kreativität freien Lauf lassen. Dabei entstehen die wildesten Mischungen und die sind nicht die Schlechtesten. Also worauf hast du Lust?“

„Ich fange mal mit was Süßem an. Misch mir mal bitte das Getränk mit dem komischen Namen.“

Tobi schaute sie fragend an. „Na ja, es gibt so manche seltsame Bezeichnungen wie Grüne Wiese, blonder Engel oder Havanna Mädchen.“

„Keine Ahnung wie die Mixtur hieß. Du hast mir das letzte Mal Eierlikör mit Kirschlikör gemischt. Wie nennst du das noch mal?“

Wie Conny die Zutaten aufzählte, erhellte sich Tobis Gesicht und er nickte zustimmend.

„Ach so, du meinst ein Blutgeschwür. Das ist wirklich ein megasüßes Zeug. Ein echtes Mädchengetränk. Kommt sofort.“

Mit der linken Hand schnappte er sich ein bauchiges Glas mit Stil. Hinein kippte er fast bis zum Rand Eierlikör, der wie dicker gelber Mus aus der Flasche tropfte. Im Anschluss gab er darauf in ähnlicher Menge einen Schuss Kirschlikör. Mit einer routinierten Handbewegung und angedeuteter Verbeugung stellte er das Gemisch vor Conny ab.

Die strahlte über das ganze Gesicht und schob ihm das Geld auf den Tresen.

„Danke und bis später.“

Sie schnappte sich ihr Glas und steuerte auf den Tisch zu, an dem sie ihre Freunde entdeckt hatte. Andreas stach mit seiner Körpergröße von einem Meter neunzig selbst im Sitzen aus der Menge hervor.

„Da bist du ja endlich. Wo warst du denn?“, empfing Hanna sie fragend. Wie sie das Glas in Connys Hand entdeckte, verzog sie widerwillig das Gesicht.

„Bäh, das hätte ich mir denken können. Wie schaffst du es nur, dieses Gelabber zu trinken? Das klebt doch alles zusammen.“

Conny grinste und leckte genüsslich mit der Zunge an ihrem Eierlikörgemisch.

Andreas, Jörg und Hanna, die jeder ein Glas Helles vor sich stehen hatten, stießen mit ihr an.

„Auf einen genialen Abend“, schrie Andreas, um die Musik zu übertönen. Nach einem eingehenden Blick an den Nachbartisch fügte er hinzu: „Und das ihr euch ohne mich nicht langweilt, denn ich habe es furchtbar eilig, muss mal kurz weg.“

Zügig trank er noch einen kräftigen Schluck aus seinem Glas und schon hatte er die kleine Blondine vom Nachbartisch, die er vorher einer ausführlichen Musterung unterzogen hatte, zum Tanzen aufgefordert, Mit der rebellischen Vokuhila Frisur und dem Bartflaum sah er aus wie ein Rockstar. Er war ein lustiger Vogel, jederzeit zu einem Spaß aufgelegt und bei den Mädchen durch seine unkomplizierte Art beliebt. Schwierigkeiten quatschte er einfach weg, was mitunter in einem Gesabbel in Endlosschleife endete und gewaltig an den Nerven zerrte.

Mittlerweile hielt es auch die anderen drei Freunde nicht mehr auf ihren Plätzen und die nächsten Stunden verbrachten sie gemeinsam mit tanzen, trinken, lachen und reden. Leider vergingen diese Abende jedes Mal viel zu rasch. Conny sah auf ihre Armbanduhr und seufzte. Es blieb ihnen nur noch eine halbe Stunde, bevor die Musik abgeschaltet und weitere zwanzig Minuten später der Klub schloss. Sie schaute sich um und sah Hanna und Jörg auf der Tanzfläche herumzappeln. Die beiden hatten wirklich viel Spaß miteinander.