Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 365

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Sachmet Blutmond - Katharina Remy

Ägypten lebt in Wohlstand und Frieden unter der Herrschaft von Pharao Amenhotep und seiner Gemahlin Teje. Doch der Kampf der großen Göttinnen Isis und Sachmet, über die Herrschaft der Seelen der Hohepriesterin Sahu-Re beginnt erst. Eine unheimliche Himmelserscheinung bedroht das Schwarze Land. Bent, von Visionen geplagt, fürchtet, Sachmet wolle ein zweites Mal die Menschheit vernichten. 1389 v. Chr.: Uaset, Kemet: Bent, äußerlich geheilt, innerlich zerrissen, versucht ihrer grausamen Vergangenheit zu entfliehen, nimmt daher das Amt der Hohepriesterin im Tempel der Isis an. Doch das Studium der geheimen Schriften und das Lernen der Heilkunst sind nicht ihr alleiniges Bestreben. Fieberhaft versucht sie aus den Mysterien der Isis Heka Achu zu lernen - das Zaubern! Wird es ihr gelingen, das Grab ihres Kindes und ihrer Freundinnen zu finden? Wird sie es schaffen, ihr Haus aus Trümmern auferstehen zu lassen? Denn eines Tages steht sie abermals ihrem Peiniger Amenophis Hapu gegenüber! Und was sie einst der furchterregenden Sachmet geschworen hatte, nimmt unverhofft eine blutige und grausame Wendung.

Meinungen über das E-Book Sachmet Blutmond - Katharina Remy

E-Book-Leseprobe Sachmet Blutmond - Katharina Remy

Das Buch:

Ägypten lebt in Wohlstand und Frieden unter der Herrschaft von Pharao Amenhotep und seiner Gemahlin Teje. Doch der Kampf der großen Göttinnen Isis und Sachmet über die Herrschaft der Seelen der Hohepriesterin Sahu-Re beginnt erst.

Eine unheimliche Himmelserscheinung bedroht das Schwarze Land. Bent, von Visionen geplagt, fürchtet, Sachmet wolle ein zweites Mal die Menschheit vernichten.

1389 v. Chr.:

Uaset, Kemet

Bent, äußerlich geheilt, innerlich zerrissen, versucht ihrer grausamen Vergangenheit zu entfliehen, nimmt daher das Amt der Hohepriesterin im Tempel der Isis an. Doch das Studium der geheimen Schriften und das Lernen der Heilkunst sind nicht ihr alleiniges Bestreben. Fieberhaft versucht sie aus den Mysterien der Isis Heka Achu zu lernen – das Zaubern!

Wird es ihr gelingen, das Grab ihres Kindes und ihrer Freundinnen zu finden? Wird sie es schaffen, ihr Haus aus Trümmern auferstehen zu lassen? Denn eines Tages steht sie abermals ihrem Peiniger Amenophis Hapu gegenüber!

Und was sie einst der furchterregenden Sachmet geschworen hatte, nimmt unverhofft eine blutige und grausame Wendung.

Die Autorin

Katharina Remy ist 1963 im Saarland geboren, seit 1983 verheiratet und als freischaffende Künstlerin tätig. Ihre Passion für das antike Ägypten, insbesondere für die Zeit der 18. Dynastie, schlug sich letztendlich in ihrem ersten Roman Am Horizont der Sonne nieder. Deshret - Rote Erde folgte im März 2003. Sachmet erschien erstmals 2010

Der Schreiber errichtet keine Pyramiden aus Erz

und keine Denksteine aus Eisen.

Aber all seine Werke sind ihm als Kinder gegeben!

Ein Buch ist strahlender als steinerne Bauwerke und feste Mauern,

es schafft Bauwerke in den Herzen der Menschen.

DIE GROßE UND MÄCHTIGE

HERRSCHERIN ALLER GÖTTER,

DEREN NAMEN

DIE GÖTTINNEN PREISEN

BIN ICH.

ICH ALLEIN BIN

DIE WOHLTÄTIGE ZAUBERIN,

DIE DEN DÄMON DURCH DIE

WORTE MEINER LIPPEN VERTREIBT.

KEMET, UASET

1389 v. Chr.

„Ich heiße Kara!“

Bent erwachte wie aus einem Alptraum, als die junge, ziemlich verheult aussehende Frau eintrat und sich vorstellte. Sie räumte den Teller mit dem Wasser beiseite, worin sie seit dem Sonnenaufgang wie ein Geist gestarrt hatte. Diese Augen! Waren das ihre? Je länger sie sich angeschaut hatte, umso heller waren sie geworden. Unheimlich, bleich, wie die Augen von Blinden, ohne Leben und Feuer. Und wie ein Schleier - ganz so wie jener, den sie sich immer vors Gesicht gelegt hatte, wenn sie sich unerkannt in der Stadt bewegen wollte – wie ein Schleier, den man sich von den Augen hebt, lichtete sich mit der aufgehenden Sonne ihr Geist. Schmerzlich kam ihr zu Bewußtsein, wer sie war. Beinahe alles kam ihr in den Sinn. Ihr Leben und was noch viel schlimmer war: ihr Sterben! Die schrecklichen Erlebnisse der vergangenen Nacht waren doch niemals ein Traum gewesen? So etwas Grauenvolles träumte man doch nicht? Sie selbst sterbend am Boden. Dazu diese gewaltige Löwin hier in diesem Raum, die während eines grausamem Kampfes mit Iaret im Blutrausch deren Kehle durchbissen hatte; schließlich diese funkelnde Göttin, die die rasende Löwin vertreiben konnte.

Geistesabwesend wischte Bent das verschüttete Wasser von der Tischplatte, rückte den Stuhl zurecht. Nervös schaute sie die Besucherin an. Irgendwo in den Tiefen ihres Bewußtseins war sie sich sicher, diese junge Frau schon einmal gesehen zu haben. Doch wo und wann?

„Ich soll dir das hier geben“, Kara hielt ihr zitternd einen dicken, klimpernden Schlüsselbund und eine Schriftrolle hin. Bent griff gedankenverloren danach. „Iaret hat mir gesagt, daß ich dir das geben soll. Sie hat auch gesagt, wenn sie heute nicht mehr hier sei, wärest du ab jetzt die Oberste unseres Hauses. Sie ist nicht mehr hier. Sie verstarb letzte Nacht.“ Kara hob den Ärmel ihres Kleides und wischte sich damit kräftig über die laufende Nase und den Tränen auf ihren Wangen.

„Tot?“ Bent räusperte sich mehrmals; diese Stimme kam doch nicht aus ihrer Kehle? Rauh, hart, wie wenn sie gestern den ganzen Tag lang verschwitzt und erhitzt in einem zugigen Korridor gestanden wäre. „Sie war aber hier!“ Wieder dieses Krächzen. Tief und dumpf aus den Tiefen ihrer selbst, unheilvoll und böse klingend. Mißmutig, voller Angst, geschockt von dem in der Nacht erlebten schaute sie der Besucherin ins Gesicht. Diese schien ebensolche Angst zu empfinden. Scheu, bebend, zögernd stand sie ihr am Tisch gegenüber.

„Ich habe Funken gesehen“, erklärte Kara mit bebender Stimme. „Und Iaret verschwand…“ Abermals schneuzte sie sich heftig in den Ärmel. Und da sie sich offensichtlich in ihrer Trauer Asche aufs Haupt gestreut hatte, staubte sie auch ein wenig. „Da ist eine kleine Luke in der Tür. Ich habe das alles mit eigenen Augen gesehen. Aber… es… ich will es gar nicht wissen, und… Iaret hat gesagt, alles käme ins rechte Gleichgewicht. Also bist du ab heute hier verantwortlich… ich will und werde das nicht anzweifeln. Aber du wirst verstehen, daß ich für den Moment…“ Ihr versagte die zitternde Stimme.

Bent beugte sich wütend über den Tisch: „Ich kann das nicht!“ Fauchend klang das, wütend und unbeherrscht.

„Aber du wirst doch schon mal ein Haus geführt haben?“ Fast meinte Bent, kaltes Entsetzen in Karas Stimme zu hören. „Du bist eine erwachsene Frau, hattest bestimmt Mann und Kinder…“

„Schweig!“ Bent fauchte wie eine in die Enge getriebene Katze. „Ich habe weder Mann noch Kinder!“

Ich hatte ein Haus, schoß es ihr durch den Kopf, ich hatte ein Kind, ich hatte einen Mann… Kurru, nein! Nein, ein anderer? Parser? Wer bin ich? Amenophis Hapu? Oh, dieser Name flößte ihr Furcht ein, niemals gehörte diese Person ihrem Leben an. Nefertem? Wie Schwälbchen im Spätsommer schwirrten die Gedankenfetzen in ihrem Kopf umher. Nefertem! Ja, das hörte sich richtig an. Idris? Ach, würden sich doch nur ihre Gedanken ordnen!

„Was ist das hier für ein Haus? Was für eine Wirtschaft?“

Kara wich immer weiter zur Tür zurück. Bent versuchte sich zu beherrschen. Diese Stimme! Oh, sie verstand! Davor hatte Kara Angst. Und bestimmt auch vor den bleichen, toten Augen. „Bitte!“, versuchend, sich ein Flehen in die Stimme zu legen, trat sie hinter dem Tisch hervor. „Ich… es ist, als hätte ich gestern viel Wein getrunken. Ich weiß nicht, wo ich bin, wer ich bin, warum ich hier bin. Und dann kommst du, und sagst, ich solle hier das Haus übernehmen.“

„Du bist im Tempel der Isis!“ Einem abermaligen trompetenden Schneuzen folgte ein bedauernswerter Schluchzer.

Bent sank zurück auf den Stuhl. Beißend klar und schonungslos lichteten sich die Schatten der Vergangenheit. Lauter unsinnige Gedanken kamen ihr. Waren das ihre eigenen? Oder wurden sie ihr von grausamen, unheimlichen Dämonen der Unterwelt eingeflüstert? Sie glaubte, eine keifende, zänkische Stimme zu hören: „Hüte dich vor dem Tempel der Isis! Nichts als Zauberinnen sitzen in seinen Mauern, dazu gemacht, kleine, dumme Mädchen wie dich einzufangen und für ihre Zwecke zu benutzen!“

„Seit wann?“

„Beinahe zwei Jahre!“

„Und wieso kann ich mich nicht daran erinnern?“

„Du warst sehr krank.“

„Aber jetzt bin ich gesund? Und die Herrin dieses Hauses?“ Der Spott in Bents Stimme war nicht zu überhören. „So, wie ich jetzt aussehe? Ich war verbrannt, entstellt, aber ich meine, mich zu erinnern, daß weder meine Augen so aussahen noch daß sich meine Stimme so schauderhaft anhörte. Als würden Raben krächzend um einen Kadaver fliegen…“

Ein leises „Mau“ unterbrach sie. Sanft strich ein Kätzchen um ihre Beine. Sandfarben mit grünen Augen. Es rieb sein Köpfchen an ihrer Wade und schnurrte.

„Das ist ja Iarets Katze!“ Kara freute sich wirklich das Tier zu sehen. Bent nahm es hoch, legte es sich in den Arm wie einen Säugling, drückte es liebkosend an die Brust: „Ich hielt immer Katzen. Meist schwarze. Aber du bist wohl eine kleine Löwin?“ Sie kraulte das Kätzchen hinterm Ohr.

„Sie heißt Bast!“ Kara zog den zweiten Stuhl bei, in den sich zögerlich setzte.

„Ach was? Nein, wirklich ein toller Name für eine Katze! Fürwahr!“, schnaubte Bent spöttisch, „Fast so grotesk wie mein Name!“ Das Kätzchen wand sich aus der Umarmung, setzte sich vor Bent auf die Tischplatte und stupste Bents Nase mit ihrer eigenen an. „Wir zwei verstehen uns!“ Bent zwinkerte und streichelte das Tierchen über den Rücken. Mit einem Satz hüpfte Bast vom Tisch auf das Bett, kuschelte sich in der Decke ein, schnurrte was das Zeug hielt. Bent betrachtete den einfachen Raum: etwas düster, sehr altes Gemäuer. An den Säulen erkannte man beinahe verwitterte Medu Netjer 1, durch die Öffnungen unter der hohen Decke kam kaum Licht. Ein in die Jahre gekommenes Bett, dieser massive Tisch an dem sie saß mit seinen zwei Stühlen, ein kleiner, zierlicher Eßtisch vor einem altersschwachen Sessel, ein Wasserkrug mitsamt Ständer und eine altmodische, rußige Lampe bildeten neben einer Truhe die gesamte Einrichtung.

Die Tür wurde aufgerissen, eine Frau hastete herein, hielt einen Moment inne, betrachtete mißbilligend die anscheinend in angenehmen Plausch vertieften Frauen am Tisch.

„Was quatschst du hier, Kara! Los, komm! Iaret bricht zu ihrer letzten Reise auf. Laß sie, sie ist nur eine arme Irre!“

„Iaret hat aber gesagt…“, versuchte Kara einen Einwand, aber die andere unterbrach sie barsch: „Iaret ist tot und draußen stehen die Mumienmacher. Du bist Iaret einen würdevollen Abschied schuldig. Und dann sieh zu, daß du hier alles am Laufen hältst. Auf wen sollen wir uns nun verlassen, wenn nicht auf dich! Und jetzt komm!“, sie griff Kara zornig am Arm und wollte sie vom Stuhl hochziehen, „Weg hier, die ist unberechenbar!“

„Laß mich los, Pesechet!“ Kara zerrte ihren Arm aus Pesechets Umklammerung und, wütend geworden, ein weiteres Schriftstück aus ihrer Kleidertasche. Obwohl Bent Kara erst wenige Augenblicke bewußt kannte, Wut oder Widerstand hätte sie dieser jungen Frau niemals zugetraut. Die andere las derweil das Schreiben, stopfte es grob zurück in Karas Tasche. Aschfahl geworden verließ sie wortlos den Raum und knallte die Tür hinter sich, daß es nur so schepperte.

Bent stand auf, kam um den Tisch herum, Kara kauerte sich auf dem Stuhl, die pure Angst im Gesicht. Anscheinend den letzten Mumm zusammenkratzend, erhob sie sich und machte Anstalten rückwärts den Raum zu verlassen. Bent war schneller und versperrte ihr den Fluchtweg. Wie ein Vögelchen in der Falle schaute sich Kara um. Von hier gab es kein anderes Entkommen als durch diese eine Tür. Bent schaute in das kleine liebe Gesicht der anderen, die gut einen Kopf kleiner als sie selbst war, zierlich, und Bents Meinung nach nicht unbedingt sehr helle. So flink und grausam wie eine Katze eine Maus fängt, drehte sie Kara einen Arm auf den Rücken, entwand ihr das Schriftstück, setzte sich wieder und begann zu lesen:

Wenn ich nach dieser Nacht nicht mehr bin, Kara, dann wirst du dafür sorgen, daß Bent, Die Tochter der Löwin, Die Tochter der Blüten, jene Bent, die wir hier im Hause gesund gepflegt haben, als meine Nachfolgerin meinen Posten einnimmt. Mit allen Pflichten die mit diesem Posten verbunden sind. Uneingeschränkt und unwiderruflich. Sie wird ab heute Sahu-Re genannt! Lehrt sie alles was sie wissen muß. Ich will daß du sie so liebst, wie du mich geliebt hast; daß du ihr so treu zur Seite stehst wie mir. Das ist keine Bitte, Kara, das ist mein Wille und Der großen Mutter, unser aller geliebten Göttin Isis‘ Gesetz.

Bent stopfte, wie eben Pesechet, das Schreiben zurück in Karas Tasche. Diese stand immer noch wie angewurzelt mitten im Raum.

„Ich habe keine andere Wahl, oder?“, fragte Bent nun kleinlaut.

Kara schüttelte den Kopf: „Wohl nicht!“

„Wieso bin ich eine Irre?“

„Ich sagte doch, du warst sehr krank.“

„Das ist ein weiterer Alptraum!“, stöhnte Bent und ließ den Kopf in die auf dem Tisch verschränkten Arme sinken. „Ich wollte, ich gäbe endlich wach!“, brüllte sie unbeherrscht, stand so hastig auf, daß der Stuhl polternd hintenüberkippte, trat wütend gegen den Bettpfosten, riß das Laken vom Bett, die Katze flüchtete fauchend. Sich ganz in das Leintuch einwickelnd, hob sie den Stuhl hoch und setzte sich, einer eingewickelten Mumie gleich, wieder an den Tisch.

„Iaret war gut zu mir“, flüsterte sie nun. „Euer Verlust tut mir leid!“

Kara trat einen vorsichtigen Schritt näher. Immer noch lief ihr die Nase, die Augen rot vom Weinen, aber in ihr wohnte wohl ein sonniges Gemüt, das unerschütterlich an alles Gute in der Welt glaubte.

„Das ist Iarets Gemach“, bemerkte sie nun zögerlich. „Du solltest nicht an ihr Bett treten. Sie war mir wie eine Mutter. Und jetzt du hast ihre Augen...“ Heftiges Schluchzen, gefolgt von hingebungsvollem Schneuzen zeigte Bent an, daß die Ärmel von Karas Kleid einiges aushalten mußten. „Iaret hat sehr einfach gewohnt.“ Kara putzte sich ein letztes Mal die Nase. „Ihr war jeglicher Pomp zuwider. Wir haben einen Kellerraum, dort stehen viele ungenutzte Möbel. Jede von uns kann sich dort was aussuchen und nehmen, was ihr gefällt. Wenn du dich neu einrichten möchtest.“

Bent wachte aus ihrer eigenen Sorgenwelt auf: „Später! Du sagst, ich soll hier…“ Wie formulierte man das?

Herrschen?

Regieren?

Die Wirtschaft übernehmen?

Vorbeten?

Vorbild sein?

„Ich hatte ein Haus“, fuhr sie fort, „und ich weiß, wie man eins führt. Es war nicht groß, aber dennoch dürfte es kein Problem werden. Sag mir, Wieviele hier wohnen, wer wann für – ich denke es ist bald Zeit für das erste Mahl – das Essen verantwortlich ist. Ich denke nicht, daß ich selbst kochen muß. Oder? Oh, ihr Götter, steh doch nicht so entgeistert da an der Tür, setz dich hin und hilf mir!“

„Du mußt doch nicht kochen!“ In Karas Gesicht stand der reine Unglaube. „Du mußt dich hier um die Buchführung kümmern, du mußt dich hier um die Apotheke kümmern, du mußt eine Heilerin werden, du mußt…“

Ich führte ein Hurenhaus! brüllte es in Bents Kopf. Diese neuerliche Erkenntnis über sich selbst brachte sie kurzzeitig aus der Fassung.

„Frau!“, blaffte sie Kara an und fuhr wütend von dem Stuhl hoch. „Ich habe doch keine Ahnung von Heilkunst! Bist du denn von Sinnen? Buchhalterei, ja, das kann ich! Stopfen und flicken und Wäsche waschen kann ich, und auch kochen zur Not. Aber was, bei allen gütigen Göttern, ist Apotheke?“

Als hätte Kara diesem abermaligen Wutausbruch nicht gehört, fügte sie noch kleinlaut hinzu: „…du mußt Isis huldigen!“

Ich bin eine Hure, Kara! Bent biß sich so heftig auf die Zunge, daß ihr die Tränen kamen. Fluchend leckte sie einen Finger ab, schmierte das bißchen Blut und Spucke an ihr Kleid, goß sich den Becher voll Wasser, nahm einen großen Schluck, spülte damit die schmerzende Zunge. Wie ein dummer, klebriger Gassenjunge zog sie ordentlich hoch und spie die ganze ekelhafte Brühe einfach auf den Boden.

Eine feine Dame, Herrin liebe, seid ihr aber nicht. Niemals nicht würde Dame so etwas auch nur denken, geschweige denn tun! Weißt du was Kurru? Du kannst mich…

„Wie soll ich denn der großen Mutter huldigen?“, sagte sie laut, „Seid ihr… Ach…“, keifte sie abfällig und schlug sich gegen die Stirn, „ihr habt doch nicht alle Latten am Zaun!“

„Iaret hat gesagt…“ Dicke Tränen hingen schon wieder in Karas Wimpern, resigniert ließ sie die Schultern fallen und hauchte: „…Ich weiß es nicht!“

Schweigend saßen sie sich gegenüber, jede grüblerisch in ihre Gedanken versunken. Kara leise vor sich hin schniefend, Bent an die vergangene Nacht denkend.

Diese Stimme! Diese sanfte Stimme, kurz vor dem Morgengrauen, in ihrem Kopf! So sanft, so gütig, so eindringlich! Je heller die Sonne stieg, um so deutlicher klang sie:

‚…Du kannst nicht davonlaufen! Nicht vor dir, nicht vor deinem zukünftigen Leben, erst recht nicht vor mir...‘

‚…von nun an, bis ich dich wieder gehen lasse, bist du Sahu-Re…‘

‚…Wenn du es wirklich willst, werde ich dich gehen lassen, Sahu-Re. Aber sei dir gewiß, daß dies den Tod mit sich bringt. Wenn du bleiben möchtest, dann erfülle die Aufgabe, mit der ich dich betraue. Ich werde über dich wachen, so wie ich über Iaret und viele andere gewacht habe. Du brauchst dich nicht zu fürchten, Sahu-Re, denn ich bin Isis…‘

Und ich bin eine vollkommen unberechenbare Irre!

Ich soll bleiben und eine Aufgabe erfüllen? Oder gehen und daran sterben! Bent schauderte, blickte sich abermals in der Kammer um. Die vergangene Zeit, welche sie hier im Haus verbrachte, stand auf einmal vor ihrem geistigen Auge. Die Pflege, welche ihr zuteil wurde, die Liebe und der unerschütterliche Glauben an ihre Heilung. Bent versuchte die unguten Gedanken zu ordnen. Angenommen, sie sei tatsächlich irre und bildete sich die Drohung vom Gehen und Sterben nur ein und sie ginge wirklich, wohin sollte sie gehen? Sie besaß weder Heimat, noch Familie, noch Freunde… Und wieso Sahu-Re? Was sollte dieser Name? Sie, der Re nahe ist? Wieso sollte der Sonnengott, der König aller Existenz, ihr zur Seite stehen?

Unvermittelt Karas Verzweiflung gewahr, faßte sie jetzt einen tapferen Entschluß:

„Welche Position hast du im Haus?“ Karas Leid rührte irgendwie ihr Herz. Und, praktisch veranlagt, wie sie einmal war, suchte sie meist nach der sofortigen Lösung eines Problems. Hier fiel offensichtlich Arbeit an, und die mußte sie irgendwie bewältigen.

„Ich bin Iarets Stellvertreterin. War!“

„Also wärest du nachgerückt? Sitze ich jetzt auf deinem Posten?“

„Darüber haben wir nie geredet.“ Kara sank immer tiefer auf dem Stuhl. „Darum geht es nicht.“ Sie straffte sich, stand auf. „Hier leben an die dreißig Frauen, Priesterinnen und Heilerinnen. Dazu kommen ungefähr genauso viele Mägde.“ Anscheinend gefaßt, genauso praktisch veranlagt wie Bent, ging sie die Sache nun richtig an. „Außerdem haben wir fünf Köchinnen und zwei hauptamtliche Wäscherinnen. Zudem pflegen wir acht alte Damen; unsere Vorgängerinnen, alles Priesterinnen.“

„Das hört sich nicht allzu schlimm an und dürfte zu schaffen sein.“ In Bents heiserem, düsteren Gekrächze schwang Erleichterung. Kara machte große Augen: „Und noch die Kranken und Schwangeren und die im Kindbett – im Moment haben wir einiges zu tun, es sind bestimmt vierzig bis fünfzig Leute.“

„Wie bitte?“ Bent glaubte, sich verhört zu haben. „Aber ich kann doch kein Haushaltsvorstand für an die hundertzwanzig Leute sein!“

„Wir wissen doch alle, was zu tun ist, jede hat ihre Aufgabe. Du mußt sie nicht beaufsichtigen. Wenn die Köchinnen und Wäscherinnen zusätzlich Frauen brauchen, stellen sie welche ein. Auch der Gärtner hat seine Leute unter sich und bestellt je nach Arbeit welche zusätzlich. Ebenso die Wächter und die Bootsleute. Die Bauern kümmert es auch nicht, wer hier gerade das Sagen hat.“

„Aber das werden ja immer mehr. Bald arbeitet wohl die halbe Stadt hier! Und was ist Apotheke?“

„Da werden die Arzneien angerührt. Und die Pflanzen und Gifte für die Arzneien aufbewahrt. Im Keller. Du mußt diese Schlüssel gut verwahren! Niemand, außer den geweihten Priesterinnen, darf dort hinein. Alle anderen Heilerinnen, die Medizin brauchen, schreiben das abends auf und geben es einer von uns. Sie warten morgens darauf. Nur Pesechet, Uadja, Mesechnet, Iaret äh… du und ich dürfen das herausgeben.“

„Gift?“ Bent schwirrte der Kopf, das war jetzt aber doch bald alles zuviel. Schon fluchte sie über sich selbst.

„Pesechet wird dir anfangs zur Seite stehen können, sie hat die meiste Ahnung.“

„Die von eben?“, höhnte Bent, „Die wird mir eher den Kopf abreißen oder mich vergiften, als mir zur Seite zu stehen! Die meiste Ahnung? Wenn das so ist, warum habt ihr nicht gleich sie genommen? Da! Werdet glücklich!“ Abermals kochte ihr hitziges Blut hoch, raffte Schlüssel und Schriftstück zusammen, hielt es Kara vor die Nase. Doch der Blick auf ihre Hände erinnerte sie schmerzhaft an die vergangene Nacht: die schönen Hände einer jungen Frau. Schlank, glatt, gepflegte lange Fingernägel, ohne Schwielen vom vielen Arbeiten. Eine Zeitlang hatten ihre Hände nicht so ausgesehen. Denn bis gestern waren sie verkrümmt, verbrannt, entstellt und vernarbt. Häßlich! Und noch häßlicher ihr verbranntes Antlitz!

Kara stand unbewegt vor ihr, im Gesicht die offene Frage: Was ist nun? Wollen wir beginnen?

Bent strich mit der freien Hand über ihre Wangen, den Hals und über den Ausschnitt. Sie fühlte nur glatte, saftige Haut. Wie neu geboren! Wie ein Geschenk! So wie früher, wenn sie in einem Anfall von verschwenderischem Luxus in parfümierter Milch gebadet hatte.

„Oh, mein Kind! Mein schönes Haus! Mein Leben…“ Traurig legte sie Schrift und Schlüssel zurück auf den Tisch.

„Iaret ist für mich gestorben! Und diese große Tat soll nicht umsonst gewesen sein! Und ich will kein zweites Mal sterben, Kara, ich werde sehen, daß ich mich um alles kümmere. Ich nehme das Amt an! Ich bin Bent, und ich werde es richtig lernen!“

Sie kam sich so fürchterlich verloren vor und sehnte sich beinahe nach einer Freundin, oder wenigstens nach einem freundlichen Wort. Doch jede, außer Kara, die ihr begegnete, machte entweder einen weiten Bogen um sie, flüchtete auf die andere Seite des Hofes oder täuschte plötzlich dringende, unaufschiebbare Tätigkeiten vor. Seit Tagen ging es schon so. Aber Bent war das bald vollkommen egal. Wenn sie nicht wollen, dachte sie, dann können sie mich…

Ein fürchterlicher Tag lag hinter ihr. Eine der Frauen, die sich ihr knapp und wenig zugänglich als Uadja vorstellte, ihr kurz und bündig klarmachte, sie sei ihre Lehrerin, schleppte sie mit in die Säle wo die Wäsche gewaschen wurde - in riesigen Kesseln auf loderndem Feuer, die mit Reisig und trockenen Kuhfladen geschürt wurden. Es herrschte eine dämonische Glut in diesen offenen Gewölben, unter dessen Decken Dunstschwaden schwebten, am Boden Berge von schmutziger Wäsche, Körbe voll nasser, gewaschener Stücke. Seile spannten sich kreuz und quer durch die Räume, behängt mit nassen Leinentüchern, dazwischen erkannte sie schemenhaft die Umrisse der Wäscherinnen. Schattengleiche Ungetüme bewegten sich hinter den von der Sonne beleuchteten Tüchern, krummen Kreaturen gleich, der Duat entsprungen, verwachsen, unheimlich, um sich dann im nächsten Moment zu jungen Mädchen zu wandeln, die fröhlich singend das nächste Tuch auf die Leinen hievten. Bent rann der Schweiß aus allen Poren, hielt vorsichtigen Abstand zu den lodernden Feuern, versuchte nicht in die gewaltigen, seifigen Pfützen am Boden zu treten. Schon bewegte sich wieder eine der dämonischen Gestalten auf sie zu, kam hinter dem Leinen hervor. Doch die verwachsene krumme Erscheinung blieb. Ein kleines, rundliches, merkwürdiges Wesen mit kurzen Armen und Beinen trat auf sie zu, schüttelte ihr sehr freundlich und sehr heftig den Arm, unverständliches nuschelnd. Aus dem Gesicht, beinahe so flach wie ein Pesem, blickten freundliche, aber seltsam geformte Augen, ganz so, als besäße die – war das eine Frau? Person, keine Lidfalte. Die Nase war ein wenig breit; der Mund, üppig und schön, die Zähne klein und dicht beieinander, lächelte unentwegt. Bent verstand kein Wort von dem Gesagten, bekam den Eindruck, dieses seltsame Wesen habe zuviel Zunge und Spucke im Mund. Letzteres in jedem Fall. Bent befreite ihren feuchten Arm aus der gutgemeinten Umklammerung.

„Dasch schaffscht du!“, verstand Bent jetzt. Uadja sagte: „Das ist Weredji. Du wirst ihr heute hier helfen. Du mußt alles hier im Haus kennenlernen, warum nicht mit der Dreckwäsche anfangen! Weredji wird mit allem fertig, bekommt jeden Fleck aus dem Leinen, darin ist sie einmalig. Wenn sie mit dir fertig ist, bist du es auch!“ Damit verschwand sie schleunigst aus der Glut und aus Bents Blickfeld. Weredji zog sie begeistert zu einem Haufen Wäsche: „Da, dasch durschgucken! Buht auf den Haufen, Scheische auf den Haufen.“

„Buht?“

„Buht!“

Noch mehr Schweiß konnte in dieser Hitze nicht rinnen, Bent verstand kein Wort. Aber jetzt hob diese… Wäscherin… den Rock! Oh, bitte, nicht! Bückte sich und wies mit dem Zeigefinger zwischen ihre Beine: „Buht!“

„Blut?“ Bent spürte regelrecht, wie ihr Gesicht grün anlief. Jetzt verstand sie auch das andere. Nein, bitte nicht nochmal eine so drastische Erklärung, laß den Rock unten, ich habe verstanden!

„Buht nur mit kaltem Wascher! Hopp!“

Am Ende dieser Marterung drückte ihr Weredji einen kleinen Kübel Asche in die wunde, wehe Hand. Auf Bents verständnislosen Blick und ihre wütende Frage, warum sie ihr nicht gleich noch all den anderen Dreck mitgeben wollte, antwortete sie: „Allesch kriegt ihr nischt. Dasch langt für die Dschähne. Rescht brauchen die für Scheife. Ab! Gibsch Uadja!“

Bent spuckte auf den Boden vor ihrer Tür, an deren Rahmen sie jetzt müde gelehnt stand und in den, ins abendliche Sonnenlicht getauchten Innenhof starrte. Versuchend die dreckigen Leinentücher und das Rätsel des Aschekübels zu vergessen, ihren knurrenden Magen ignorierend, lauschte sie den Spatzen, die in dem wuchernden Blattwerk über ihr nisteten. Sie veranstalteten enormen Lärm. Bent schaute über den stillen Hof und entdeckte die helle Katze. Am Boden geduckt, mit peitschendem Schwanz.

„Wirst du wohl!“, schimpfte sie flüsternd, „Verschwinde in der Küche, such dort nach Mäuschen, sch!“ Die Katze verzog sich. Bent schaute in die Sträucher, die Spatzen gaben das Gekreisch auf. Das große Spalier lehnte sich an vier der vordersten dicken Säulen, überspannte den gesamten Hof. Das ganze Flechtwerk aus Blättern, Spalierholz, knorrigen, in sich verdrehten Stämmchen und dünnen Ästen spendete köstlichen Schatten. Früchte hingen an den Ästen, klein und grün. Ob man das essen kann? Sie pflückte eine der Beeren und probierte. Oh, diese pelzige, bittere, saure Heimsuchung in ihrem Mund war einfach nur ekelhaft. Abermals spuckte sie aus, rannte zu dem Wasserbecken in der Mitte des Hofes, schöpfte einige Handvoll Wasser in den Mund. Die blauen Lotosblüten nickten und schaukelten im aufgewühlten Naß als wollten sie Bent auslachen. Viel zu müde um noch wütend zu werden, ließ sie sich am Beckenrand nieder und tauchte die wunden Hände ins kühlende Wasser, strich sich dann über den Nacken und durchs Gesicht. Sie wartete, daß eins der Küchenmädchen die Abendmahlzeit brachte. Da schien sie zu kommen, oder? Unter dem Säulengang bewegte sich etwas. Aber nein, es kam nur eine alte, uralte Frau auf sie zugeschlichen. Müde – was wohl ihrem Alter geschuldet war – schlurfend, gebeugt über einen knorrigen Stock und so faltig wie in der Sonne verschrumpelte Salatblätter. Sie schenkte Bent ein zahnloses Lächeln, stellte ihren Korb ab, ließ sich umständlich und ächzend neben ihr nieder.

„Bist neu hier, Mädchen, hm?“ Dabei tätschelte sie Bents Knie. „Hast gut daran getan, hierherzukommen, hm! Was fehlt dir denn?“

„Nichts!“ Bent rutschte ein wenig weg, denn die Alte hatte dem Knoblauch ordentlich zugesprochen. „Ich wohne hier“, fügte sie noch hinzu.

„Ah!“ Das Großmütterchen rutschte nach und tätschelte ihr abermals das Knie. „Das ist gut! Junges Blut, das brauchen wir hier, hm! Wirst sehen, wie schön es hier ist. Nur gute Weiber sind hier.“

„Die wollen nichts mit mir zu tun haben!“ Sehr schön ist es hier, fügte sie bitterbös in Gedanken hinzu, vor allem verschissene Bettlaken, beißender Qualm und rußige Asche. Bent verdröselte einen losen Faden an ihrem einfachen Kleid und sagte das eher zu ihren Latschen als zu ihrer Sitznachbarin. Die kramte derweil in ihrem Korb, holte weiße, lange, leinerne Bänder hervor, legte die ordentlich glattstreifend auf einen Oberschenkel und begann mit dem Handballen darüberzustreifen. Alsbald wickelte sich das Band zu einer festen Rolle. Schon suchte sie das nächste Band aus dem Korb, zog ein zweites nach, reichte es Bent. Eigentlich war deren Bedarf an Wäsche für heute gedeckt.

„Viel kann ich nicht mehr tun um ihnen zu helfen“, nuschelte sie dabei. „Gerade noch daß ich die Binden zusammenrolle oder ein paar kleine Wäschestücke zusammenlege. Sie werden froh sein um eine weitere helfende, starke Hand, jetzt wo Iaret gegangen ist. Was fällt der eigentlich ein, hm? Stirbt einfach so, mir nichts, dir nichts. Und wir Alten liegen da und warten darauf! Hm! Ach, heilige Isis, was sind das nur für Zeiten?“

Bent gab keine Antwort. Wenn ihr auch allmählich ein gescheiter Gesprächspartner fehlte, so hatte sie gewiß nicht vor, das Gejammer irgendwelcher wandelnder Mumien anzuhören. Früher war alles viel besser, höhnte sie in ihrem Kopf. Da herrschte noch Zucht und Ordnung! Zu meiner Zeit hätte es sowas nicht gegeben! Hör auf die Alten, sie wissen es besser!

„Hihi!“, kicherte die Alte neben ihr, „Ich hör mich an wie meine Mutter. Die hat oft mit erhobenem Zeigefinger gedroht: du wirst noch an mich denken! Und wie oft habe ich nachher an sie gedacht“, fügte sie dann traurig hinzu. Schon wieder tätschelte die faltige knochige Hand das rosige junge Knie: „Lern schön, das wird nie zu deinem Schaden sein! Wer weiß, vielleicht kannst du irgendwann hier mal die Oberpriesterin werden? Wenn man fleißig ist, kann alles passieren, hm! Ich selbst strebte nie nach Höherem. Mir war meine Arbeit Erfüllung genug. Habe bestimmt tausend Kinderchen in die Welt geholfen und manch Leben gerettet. Sechzig Jahre bin ich nun schon hier, und ich habe keinen Tag bereut, hm!“

Bent schaute sie neugierig an: „Sechzig Jahre? Bist du… eine Isispriesterin?“

„Sechzig, hm!“, nickte ihr Gegenüber bestätigend. „Ich war die Beste, wenn es darum ging, ein Kind zu holen. Doch guck“, sie zeigte auf ihre Augen und hielt ihre Hände hoch, „alles geht einmal vorbei. Jetzt ist die kleine Pesechet die Beste und ich gönne es ihr! Bete immer schön zu Isis, sie wird dir helfen, wenn du zweifelst. Und halte dich an Mesechnet. Von der kannst du viel lernen. Ah, da! Guck! Jetzt haben wir schön zusammen den Korb geleert, hm, und du bist nicht mehr so traurig! Und wenn du nochmal die Beeren da probierst“, grinste sie wissend, Bent dabei die Wange streichelnd, „dann warte wenigstens, bis sie reif sind! Oder bis man sie zerquetscht und zu Wein gekeltert hat, hm!“

„Was ist das?“

Bent betrachtete verzweifelt das Kraut, welches sie benennen sollte. Dann schaute sie ihrer Lehrerin ins Gesicht. Die stämmige alte Mesechnet duldete keine Unwissenheit.

„Bockshornklee?“ Tief zog sie den Atem zwischen den Zähnen durch und wußte nur zu genau: diese Antwort klang viel zu zögerlich, eher nach einer Frage anstatt einer Bestätigung und stellte Mesechnet ganz gewiß nicht zufrieden.

„Wofür ist das?“, blaffte die Lehrerin.

„Zum Essen? Nach Geburten? Zur Verdauung? Ach, es ist heiß hier!“

„Was ißt man? Natürlich ist es hier heiß im Kräutergarten! Allmählich wächst in mir die Befürchtung, daß du immer noch keine Ahnung hast.“

„Die Samen!“ Bent war sich sicher. Jetzt würde diese Folter unter glühender Sonne hoffentlich ein Ende finden. Aber nein, Mesechnet führte sie weiter zum nächsten Strauch.

„Sodomsapfel?“

Mesechnet wippte genervt mit einem Fuß und schaute in den Himmel.

„Wie heißt die alte Frau, die die Binden zusammenlegt?“

„Was hat das mit deinem Unterricht zu tun?“

„Nichts, ich wollte nur ihren Namen wissen, ach, das ist Tepenen! Ja, ich bin sicher, das ist Kreuzkümmel!“

„Wofür? Sag mir ein Rezept! Sie heißt Tachut.“

„Ein Heilmittel für den Bauch, wenn er krank ist…“, Bent leierte das auswendig gelernte herunter, „ein vierundsechzigstel ro 2 Tepenen, ein Achtel ro Gänsefett und zwanzig ro Irtet 3 werden gekocht, durch ein Tuch gepreßt und getrunken.“ Sie hoffte, daß das richtig war.

„Weiter!“

„Das ist der Sodomsapfel! Was machst du?“

Mesechnet pflückte wahllos Blätter, Stiele und Blüten von den Pflanzen.

„Mir scheint, daß du flunkerst. Denn du kennst die Pflanzen nicht, sondern du benennst sie nach ihrem Platz im Beet. Ich seh‘s an deinen Augen, du zählst die ab!“

Bent fühlte sich ertappt. Hatte sie je einmal frech weg behauptet, lernen macht solchen Spaß? Da hatte sie sich aber gewaltig geirrt!

Die dicke Lehrerin drückte ihr nun einen Grabstock in die Hand: „Grab das aus!“

„Was? Ja bin ich denn eine Bäuerin? Soll ich vielleicht auf der rohen Erde knien? Mich schmutzig machen? Ich glaube, du vergißt, wer ich bin!“ Bent empörte sich gewaltig.

„Für den Augenblick bist du meine Schülerin! Du hast dich in den vergangenen Tagen nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert! Wenn du das werden willst was du dir anmaßt, rate ich dir, aufmerksamer zu sein! Kommst hierher und meckerst wie ein altes Schaf! Du bist nur meine Schülerin! Alles andere mögen mir Isis und die großen Götter verzeihen. Grab!“

Der Trotz stand Bent offensichtlich im Gesicht. Beinahe überkam sie das Gefühl, sie spüre, wie die rote Glut der Wut in ihr hochkroch. Mesechnet stupste sie unhöflich auf die Brust: „Was ist das? Hä? Was hast du da?“ Fast gewalttätig schubsend trieb sie Bent immer weiter hinein in das große Beet. Bent verlor rückwärts taumelnd einen Schlappen, spürte, wie der Dreck sich in ihre gepflegten Füße und unter die Zehennägel grub. „Der Name der Mächtigen! Hast du überhaupt eine Ahnung, was das bedeutet? Du brüstest dich mit dem Namen der größten Heilerin die unter den Göttern wandelt aber bist auch so dumm wie ein Schaf! Warum steht das da? Was weißt du schon von der Mächtigen?“

„Es ist ein Schwur!“ Dabei angelte sie mit dem Fuß nach dem Latschen.

„Ein Schwur?“ Ein unglaublich höhnisches Lachen hallte durch den Garten, „Wofür?“

Bent kam sich mit einem Mal dumm und blöde vor. Nur der Trotz behielt die Oberhand. „Ein Schwur, daß ich nie wieder lieben werde! Wenn nur Sachmet an meiner Seite stünde und mich stark macht! Und ich halte mich daran. Nie wieder habe ich einen Mann geliebt!“

Mesechnet lachte weiter, Bent fürchtete, bald hüpfe ihr der riesige Busen aus dem Ausschnitt. Als sich die bedrohlichen Massen wieder beruhigten und ihre eigentliche Position weit unter der Höhe des Magens einnahmen, verschränkte Mesechnet mühsam die Arme darüber: „Hörst du dir eigentlich zu?“ Sie wiegte den Oberkörper hin und her. „Hörst du den Unsinn, den du da brabbelst? Wie kindisch ist das denn? Ich habe zehn Kinder und mein Mann ist dann auf und davon. Die Kinder haben sich in alle Winde zerstreut. Aber denkst du, ich schwöre der Mächtigen solch einen Quatsch? Nie wieder lieben! Pah! So ein Unsinn! Grab das jetzt aus!“ Mesechnets Gesichtsausdruck ließ keine weitere Widerrede zu. Bent bückte sich, voller Zorn rammte sie wütend den Grabstock in die Erde. Nach ein paar Stößen war ihre Wut verraucht; interessiert stocherte sie nun in der Erde. Bei allen Göttern, was war denn das? Hat da jemand etwa ein Kind vergraben? Das Gewächs sah aus wie ein kleiner Körper mit Armen…

„Oh, was ist das?“

„Hol es heraus!“

Bent grub eifrig, kratzte die Erde ab und hob das Gewächs schließlich ganz aus seinem dunklen Gefängnis. Ein kleiner, dunkler Körper mit Armen und Beinen, anstelle eines Kopfes wucherte ein Blattbüschel.

„Mandragora“, hauchte ihr die Lehrerin geheimnisvoll ins Ohr. „Damit kannst du zaubern! Heka4 in seiner reinsten Form! Und Sachmet huldigen, damit ihr Name nicht unnütz auf deiner Brust zu lesen ist! Wenn du Heka Achu beherrschst, beherrscht du alles!“

„Zaubern?“ Bent vergaß augenblicklich die Hitze, die Frechheiten, die sie eben erdulden mußte, den Dreck an Füßen, Knien, Kleid und Händen. Ehrfürchtig versenkte sie die unheimliche Wurzel in Mesechnets Korb. Diese war gerade dabei den Garten zu verlassen. Bent hastete ihr nach: „Sachmet heilt? Damit? Tachut hat gesagt, ich könne viel von dir lernen, bleib doch mal stehen!“

„Komm, wir wollen in den Schatten gehen. Im Schuppen ist ein Krug kühles Bier. Und wenn du mir alle Pflanzen richtig erklärst, dann erzähle ich dir bald von dem Geheimnis der mächtigen Mandragora. Tachut ist eine weise alte Seele. Hat sie dich in ihre knorrigen Finger gekriegt, hä? Jetzt bist du wach, wie ich sehe!“

Wie unter einem Bann folgte Bent ihrer Lehrmeisterin in den dämmerigen Schuppen. Mit dem Korb voller Grünzeug im Arm betrachtete sie die dicken Zwiebelstränge die von der Decke hingen, daneben ebensolch prächtiger Knoblauch. Kräuter, zu Bündeln gebunden verbreiteten einen würzigen Geruch. Soviel hatte Bent schon gelernt, daß sie erkennen konnte, was da zum Trocknen hing: Würziger Sellerie, Matetgenannt, daneben das aromatische Imset 5; die kräftige Minze erkannte sie sofort an ihrem Duft. Darüber hinaus hing da noch Kümmel und Koriander. Sonnenstrahlen fielen wie weiße, glitzernde Bänder durch das Dach aus Palmwedeln, Staub tanzte in der Luft und aus den hinter dem Schuppen aufgestellten Bienenkörben drang emsiges Brummen. Hier war es irgendwie merkwürdig, ja fast mystisch. Der Duft der trocknenden Kräuter, das friedliche Bienengesumme, das Dämmerlicht, ja selbst die im tiefen Schatten vermuteten Rechen und Besen verbreiteten eine beinahe heilige Stimmung.

Mesechnet breitete alles aus dem Korb auf einem großen Tisch aus: „Jetzt zeig mal, daß du Sachmet würdig bist. Mach ihr Ehre. Sag mir die Namen der Pflanzen, Mädchen und wofür sie gut sind. Wenn du unsicher bist, bitte mit deinem Herz um Sachmets Hilfe. Hier! Trink‘n Schluck, es war wirklich viel zu heiß draußen.“

Bent konzentrierte sich. Tatsächlich gelang es ihr, alles fehlerfrei zu erkennen. Doch bei den letzten Blättern begann sie haltlos zu kichern.

„Was ist denn daran so witzig?“

Unter weiterem Gekicher rezitierte Bent: „Ja, ja, mit diesem Zeug hat sich so mancher schon geirrt. Von wegen, du mögest den Mund jeder Vulva probieren. Sei steif! Nicht schlaff! Sei kräftig, nicht schwach. Mögest du mit Hilfe von Seth deine Hoden stärken!“

„Also bitte! Was soll das denn sein?“ Mesechnet stand die Schamesröte im Gesicht.

Zehn Kinder und nun zimperlich werden, dachte Bent. Laut sagte sie in schulmeisterlichem Tonfall:

„Das gibt man Männern, wenn es nicht mehr geht, das weiß doch jede. Aber es wirkt nicht, alles bleibt schlaff! Wie eine zu weichgekochte Rübe!“ Bent kicherte immer noch, als sie sich an manch unglückseligen, doch so hoffnungsvoll begonnen Abend erinnerte. An die Enttäuschung der Männer, die all ihre Hoffnung auf die Künste des Hurenhaus setzten und nichts gewannen außer Erfahrung und mehr Luft in ihren Börsen. „Meines Erachtens kann man mit dem Abu nichts weiter anfangen außer, daß man ihn mit Granatapfelkernen garniert, Knoblauch zugibt, gerne auch eine kleingehackte Zwiebel, ihn mit Öl und saurem Wein übergießt und als Salat serviert.

„Salat? Den guten Lattich?“ Jetzt war es Mesechnet, die keine Ahnung hatte. Empört raffte sie den Lattich an sich, drückte die bereits zu welken beginnenden Blätter an ihren ausladenden Busen.

„Salat! Ohne irgendeine Wirkung!“ Bents heftiges Nicken drückte wilde Entschlossenheit aus.

„Äh… wir wollen nun uns wieder den anderen Pflanzen widmen… um die heilige Pflanze des Gottes Min kümmern wir uns dann ein andermal.“

Würde sich doch nur die Duat auftun und alle verschlingen! Mit samt ihrer Wäsche, ihrem Grünzeug, ihrem Chaos und ihrer Boshaftigkeit! Abermals saß sie am Beckenrand, betrachtete die wunderschönen Blüten des Lotos, wünschte sich, die Alte käme zu ihr, genau wie vor ein paar Tagen. Bei ihr spürte Bent keine Verachtung, nur gutgemeinte Freundlichkeit. Irgendwie ging ihr das Herz auf, als sie Tachut über Hof trippeln sah. Sie trat ihr entgegen, nahm ihr den Korb ab, hakte sie unter und führte sie zu dem Becken.

„Bist ein liebes Ding! Aber warum bist du so dreckig, hm?“

„Ich war mit Mesechnet im Garten. Mandragora ausbuddeln. Wofür braucht man das?“

Tachut grinste sie an: „Sowas gibt es gar nicht. Auf was für Gedanken du kommst!“

„Und wofür braucht man Sodomsapfel?“

„Bist aber ganz schön neugierig, hm!“

„Ich soll das alles lernen. Würdest du mit mir in die Apotheke kommen, mir Heka Achu beibringen und mir das richtig zeigen?“

„Ich?“ Tachut lachte laut. „Meinst du wirklich, ich käme mit meinen alten Knochen die ausgelatschte Treppe dort hinunter? Was willst du denn dort, hm? Da hast du aber gar nichts verloren, Mädchen! Jetzt guck nicht so bös! Da runter dürfen nur geweihte Isispriesterinnen. Bist du eine?“

„Nein!“

„Na siehst du!“

„Und Asche?“

„Wie Asche?“

„Was macht man mit Asche?“

„Seife!“

Wie konnte man aus Dreck etwas machen, das sauber machte? War das Zaubern?

„Da gibt man Fett hinzu. Die aus der Küche haben genug davon. Manchem Hammel geht’s hier zu gut, hm! Man kann es auch aus Knochen nehmen. Oder Gänsefett. Dann kocht man das zusammen mit einem geheimen Zusatz, aber den muß man genau abmessen. Und irgendwann hat man Seife. Hör auf so zu gucken. Meinst du, ich wäre nicht mehr richtig im Kopf, hm? Ich weiß doch, wie man Seife kocht!“

„Ich habe die immer am Markt gekauft.“

„Wo denkst du, kämen wir hin, wenn wir alles, was wir benötigen kaufen würden, hä? Du kannst die Asche auch mit einem Bröckchen Myrrhe mischen und drauf rumkauen, ist gut für die Zähne.“

„Wer ist diese Weredji? Ist sie krank?“

„Das ist die aus der Waschküche, hm? Sie ist wie sie ist und das ist gut so. Fanden sie eines Tages vor der hinteren Tür. Angebunden an ein dickes Lämmchen. Wußten nicht, wer lauter blökte. Das pummelige Lämmchen oder das pummelige Kind, hm! Wir lehrten sie, zeigten ihr alles, als sie verständig genug war. Steckten sie überall hin, doch sie schlief immer ein. In der Küche, im Kräutergarten, beim Hüten vom Vieh, bei der Aufsicht von Kranken. Nur bei der Wäsche wurde sie munter, also ließen wir sie dort, hm.“ Tachut klopfte Bent wohlgemeint auf das Knie: „Du mußt es auch so machen, hm!“

„Was?“

„Sehen, was deine Bestimmung ist. Das, was dich richtig fordert, dann bist du auch gut darin. Wie Kara oder Pesechet, hm. Das sind richtige Wehmütter! Sie sind lieb, zeigen Mitgefühl, haben Ahnung von allem was eine Frau ausmacht. Es ist ihr Leben, Mädchen. Was willst du denn hier? Auch Wehmutter sein? Oder dich um Kranke kümmern und deren Krankheiten heilen? Vielleicht fühlst du dich berufen, Verletzungen, Skorpion- und Schlangenbisse zu heilen, hm? Du wirst merken, wenn du alles gelernt hast, was deine Berufung ist. Hast du denn schon ein Gefühl, hm?“

„Die Apotheke! Und Zaubern!“

„Ach, jetzt hör doch mit diesem Unsinn auf! Hm! Ich glaube, da kommt das Mädchen mit deinem Essen und ich sollte auch gehen!“

Hunger und Durst plagten Bent jetzt aber gewaltig. Sie verschwand schleunigst in ihrer Kammer. Hatte sie seit dem Morgenmahl doch nichts mehr zu sich genommen. Und wie sah sie überhaupt aus? Das schmutzige Kleid, voller Gartendreck, schwarze Ränder unter den Fußnägeln, verschwitzt und staubig.

Die Tür ging auf, die Magd trat mit dem Tablett ein. Reichlicher konnte man Bent heute nicht beschenken: ein Krug Wein, ein Stück zarter Lammbraten, gekochter Lotos, Linsen mit Zwiebeln, frisches knuspriges Pesem! Ihr knurrte laut der Magen.

„Aber Herrin!“ Die Magd stellte das Tablett auf den Eßtisch. „Habt ihr denn das Bad vergessen?“

„Ich bin zu müde, um über die Höfe zu laufen.“ Nicht nur zu müde, fügte sie in Gedanken dazu.

Dort hinten, links, weit hinter dem ersten Innenhof, gegenüber der riesigen Küche, kurz vor den großen Sälen, wo in den gewaltigen Kesseln die gesamte Wäsche des Hauses gewaschen wurde, befanden sich zwei große Bäder und die Abtritte. Und dort badeten immer einige! Aber das gemeinsame Baden wurde zur Folter. Keine wollte etwas mit Bent zu tun haben. Da fand sich keine, die ihr gefallenshalber den Rücken schrubben würde, freundschaftlich besorgt nach einem möglichen Sonnenbrand schauend. Keine, die ihr das nasse Haar entwirren würde, geschweige denn, ihr mit dem Wasser aus dem kleinen Kübel die Seife aus dem Haar spülte. Ganz zu schweigen von dem Gekicher, Geläster und Gequietsche, welches üblicherweise herrschte, wenn Frauen beieinandersaßen.

„Hier ist doch auch ein Baderaum!“

„Wo?“ Bent sprang von ihrem Stuhl hoch.

„Hinter dieser Tür!“

„Sie ist verschlossen! Oh! Der Schlüsselbund!“ Hastig kramte sie den Bund hervor, probierte mehrere Schlüssel, einer paßte endlich! Tatsächlich – ein Baderaum!

„Geh, stell das Essen irgendwohin, wo es warm bleibt. In die Küche am besten, hilfst du mir? Wie geht das? Ah, ja ich sehe, hier den Pfropfen herausnehmen und am Boden hineindrücken. Oh, welch eine Freude! Heißes Wasser! Und hier ist Seife, Tücher. Ach, wie herrlich!“ Hastig streifte sie das Kleid ab, griff nach dem Wein und dem Stück Brot, bevor die Magd wieder damit verschwand. Mit dem Fuß prüfte sie die Wassertemperatur. Heiß! Da war noch ein Pfropfen: herausziehen! Da kam kaltes Wasser. Seufzend ließ sie sich in das Wasser hinab. Welch eine Wohltat, auch zeigte der Becher Wein Wirkung. Kaum hatte sie sich dem Müßiggang hingegeben, ging die Tür abermals. Kara trat, mit Schriftrollen und Palmblättern und anderem Kram beladen, in das Badezimmer.

„Die Liste für die Arzneien.“ Damit reichte sie die Palmblätter und Leinenfetzen zu Bent hinab. „Diese Schriftrollen, sagt Mesechnet, sollst du noch durchlesen. Und diese beiden Rollen sind eben abgegeben worden. Scheint wichtig zu sein.“

„Lies es mir vor!“, grummelte Bent müde mit geschlossenen Augen. Allein es kam keine Antwort. Als es Bent zu lange dauerte, öffnete sie die Augen. Kara stand unbewegt am Beckenrand. Immer noch hielt sie die wichtigen Schriftrollen hin. Die Blätter lagen am Boden.

„Was ist?“

„Nichts!“

„Dann lies! Ich will mich jetzt nicht kümmern.“

„Ich kann doch keine Briefe lesen! Wie kommst du denn darauf?“

„Und, wie bitte schön, kannst du dann hier deine Arbeit erledigen?“

„Ich kann nur die Namen der Arzneien und die Rezepte lesen. Auch kann ich die königlichen Kartuschen erkennen. Und noch so ein paar weitere wichtige Sachen. Aber ich kann keinen großen Text lesen. Wo soll ich das gelernt haben? Wenn ich wichtiges lesen oder schreiben muß gehe ich zu einem der Schreiber. Aber das kommt nicht oft vor.“

„Und die anderen?“

„Pesechet kann richtig lesen, Uadja auch. Aber die meisten von uns machen das auch so.“