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Wie ist es eigentlich als Langnase plötzlich in Shanghai zu leben und zu arbeiten? Wie kann man seiner Putzhilfe klar machen, dass man sich zwar sehr über ihre Hilfe freut, sie aber nicht mit dem selben Lappen zunächst die Toilette und dann den Esstisch putzen soll? Wie kann man "nein" sagen, ohne dass der Geschäftspartner sein Gesicht verliert und warum sollte man in China keine grünen Hüte verschenken? Die Autorin gibt mit einem Augenzwinkern Antworten auf diese Fragen, indem sie dem Leser sehr private Einblicke in E-Mails gibt, die den täglichen Wahnsinn einer deutschen Familie im Reich der Mitte beschreibt.
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Seitenzahl: 462
Veröffentlichungsjahr: 2021
Urda Schleier
Sauerkraut im Wok
Für meine Familie, mit denen ich das Abenteuer
Shanghai erleben durfte
Zu diesem Buch:
Zunächst entstanden diese Zeilen nur als E-Mail für Freunde, um in Kontakt zu bleiben und zu erzählen, was wir hier als Familie so alles erleben.
Durch die positive Resonanz entstand dieses Buch daraus. Es ist aber nicht als Reiseführer oder gar als Ratgeber zu verstehen, sondern soll einen Einblick verschaffen, wie wir unseren Alltag erlebt haben.
Zu den Personen:
Markus, der Grund der Entsendung nach China, da dieser als Leiter für eine Forschungs- und Entwicklungsabteilung in einer Firma in Ninghai eingesetzt wurde.
Paula und Sophia, die Töchter der Familie, die ihre heimischen Schulen verlassen mussten und hier neu in einer deutschen Schule angefangen haben.
Urda, die Ehefrau von Markus, Mutter von Sophia und Paula, Studentin der Sozialen Arbeit und Praktikantin an der deutschen Schule.
Um Personen und Orte zu schützen, habe ich die Namen von Menschen und Umgebung geändert.
Shanghai, im Oktober 2021
© 2021 Urda Schleier
1. Auflage
Autor: Urda Schleier
Umschlaggestaltung, Illustration: Urda und Markus Schleier
Lektorat: Dieter Klein (1000 Dank!)
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN Paperback: 978-3-347-38285-5
ISBN Hardcover: 978-3-347-38286-2
ISBN e-Book: 978-3-347-38287-9
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Hallo!
Die ersten Tage in Shanghai sind wie im Flug vergangen und ich möchte die Zeit nutzen, um die ersten Eindrücke zu sammeln. Die Zeitverschiebung macht uns natürlich ein wenig zu schaffen, aber immerhin habe ich diesmal nicht das Gefühl, dass der Boden unter den Füßen schwankt.
Wir wohnen noch im Hotel, aber morgen werden wir hoffentlich in unser Haus und dann auch endlich mit dem Einrichten anfangen können. Gestern waren wir bei Ikea und es kamen sofort heimelige Gefühle auf. Der einzige Unterschied zu unserem Ikea ist, dass einfach mehr Menschen gleichzeitig einkaufen. Wenn man z.B. auf einem Sofa Probesitzen möchte, geht das meist nicht, da dort schon drei Chinesen drauf sitzen. Auch die Betten sind hier deutlich kleiner. Und ein Standardmaß von 2x1,80 Meter ist nicht unbedingt das, was wir uns wünschen. Es wird wohl darauf hinauslaufen, dass wir uns zwei Betten kaufen werden und Jeder mit einer Kingsize-Decke schlafen wird.
Hier ist vieles anders. Toilettenbürsten in Hotelzimmern und öffentlichen Toiletten sucht man hier vergebens. Auch gibt es kein Toilettenpapier auf öffentlichen Toiletten. Frau geht mit Taschentüchern. Dafür haben wir aber Toilettenbürsten im Supermarkt gesehen. Ein weiteres Highlight im Supermarkt sind Frottierbezüge für Toilettensitze. Bei Bedarf nehme ich Bestellungen gerne entgegen…
Die chinesische Werbung zeigt meist europäische Menschen, mit runden Augen und gerne blonden Haaren. Das scheint ein Schönheitsideal zu sein. Somit fallen die Kinder hier besonders auf und gerade von Sophia sind die Menschen entzückt. Eine ältere Dame hat uns in der U-Bahn gezeigt, wie man bis Zehn zählt und war offenbar ganz fasziniert von Paulas Haaren. Gerade die Frauen sind hier sehr modebewusst und tragen viel Luis Vuitton Taschen und Chanel. So werde ich natürlich sehr kritisch betrachtet, da ich ja einen sehr eigenwilligen Stil habe. Auf den T-Shirts sind oft englische Wörter oder ganze Sätze zu finden. Chinesische Schriftzeichen auf Kleidung hingegen aber nie. Ich werde das dumme Gefühl aber nicht los, dass die Menschen nicht unbedingt wissen, was auf dem T-Shirt steht. Am ersten Tag stöckelte eine hübsche Asiatin mit ihren high Heels in die Lobby. Natürlich mit teurer Tasche und hübsch geschminkt. Und sie war sich ihrer Wirkung mit Sicherheit bewusst. Am besten gefiel mir die Aufschrift aus ihrem T-Shirt. Da stand schwarz auf weiß: „beste Matratze Deutschlands! 12 Jahre Garantie“…
Ich kann nicht beurteilen, ob es erstrebenswert ist, als beste Matratze Deutschlands herumzulaufen. Wir zumindest hatten unseren Spaß. Und wer weiß, was sich hinter den modernen Tätowierungen mit chinesischen Schriftzeichen in Deutschland verbirgt. Es gibt bestimmt auch Menschen, die mit einer chinesischen Speisekarte auf dem Rücken herumlaufen. Wer weiß…
Die englische Sprache ist hier wenig verbreitet. Angeblich hat Jeder unter 50 Jahren Englisch in der Schule gehabt, ist aber zu schüchtern es zu sprechen oder zu verstehen. Meiner Meinung nach werden chinesische Schüler mehr zur Disziplin beim Lernen angehalten. Selbst hinter den Kassenbereichen im Supermarkt stehen Schreibtische für die Kinder, damit sie lernen können, während die Eltern einkaufen gehen. Aber warum sprechen die Menschen nicht Englisch? Unsere Mutmaßung ist, dass die Ausbildungsstände hier sehr unterschiedlich sind und die Menschen vieles aus der Schulzeit wieder vergessen haben, da sie es vielleicht nicht oft brauchen hier am Stadtrand. Aber selbst im Hotel/Restaurant oder im Apple Shop war eine Verständigung kaum möglich, was mich sehr gewundert hat.
Hier im Hotelkomplex ist alles sehr groß und mit blanken Fußböden. Es wirkt sehr unterkühlt und mächtig. Jeder versucht seine Arbeit perfekt zu machen. Es wird aber nicht kommuniziert. Das ist der Grund, warum vieles nicht funktioniert. Dazu aber später mehr. Es ist nicht einfach, die chinesische Denkweise zu verstehen…
Auch im botanischen Bereich gibt es Unterschiede. Wir haben Bäume gesehen, mit einer Infusion. Das sah fast aus, wie eine Blutkonserve nur halt für Bäume. Sie war am Stamm befestigt und hatte eine Art Venentropf mit Nadel, die in der Rinde verschwand. Vitamine? Gegen Ungeziefer? Wir wissen es nicht…
Ich muss für heute zum Ende kommen. Ich hoffe, dass es Euch gut geht und Ihr die Ferien genießen könnt. Leider fehlt mir die Zeit, um Jedem persönlich zu schreiben. Aber zumindest einen kleinen Einblick wollte ich gerne geben, da ich noch keine Zeit für einen Blog habe…
Herzliche Grüße,
Urda
Hallo Zusammen!
Zwei weitere Wochen sind vergangen und wir wohnen jetzt in unserem neuen Zuhause im Compound, was ca. 500 Häuser umfasst. Hier wohnen Deutsche, Österreicher, Franzosen und natürlich auch Chinesen. Das ganze Gebiet kann man nur mit einer Zulassung betreten oder befahren und es gibt einen Sicherheitsdienst. Wobei ich mich eigentlich auch sonst auf den Straßen sicher fühle. Vom Compound aus fahren verschiedene Schulbusse die jeweiligen Schulen an und es gibt auch einen Shuttlebus zur nächsten U-Bahn- Station, den man für zwei Yuan (25 Cent) nutzen kann. Es ist so ein großer Bulli, mit schwarzen Fenstern. Sieht ein bisschen wie Gefangenentransport aus. Weißes Auto mit schwarzen Fenstern wirkt ein wenig seltsam auf mich, aber Markus sagt, dass es mit der Verbindung wirklich gut funktioniert. Außerdem stehen hier ein Verwaltungsgebäude und das sogenannte Clubhaus. Dort findet man einen kleinen Supermarkt und einen verstaubten Fitnessbereich. Tatsächlich wird auch Ballettunterricht angeboten und Sophia kann diesen am Freitag mal ausprobieren. Viele haben mich nach den Kindern gefragt und auch zum Geburtstag gratuliert. Vielen Dank für die Glückwünsche. Paula und Sophia haben sich gut in der Schule eingewöhnt und auch schon erste Freundschaften geschlossen. Die sind hier schon richtig angekommen. Wir warten immer noch auf unsere Luftfracht und leben mit dem, was wir im Koffer hatten. Aber immerhin besser als Hotel. Im Hotel hat man doch auch wenig Privatsphäre. Irgendwie wollen die Chinesen immer auf einen aufpassen oder wollen ihren Job machen. Zwar gibt es im Hotel auch „Bitte nicht stören“- Schilder, die werden aber gekonnt ignoriert. Wer will schon mit Jet-lag schlafen?! Im Restaurant wird man auch beobachtet, ob man denn mit den Stäbchen zurechtkommt. Mittlerweile esse ich sogar Nudeln mit Stäbchen… reine Übungssache. Chinesen und Alkohol ist auch so ein Thema: Als ich mir in der Bar den zweiten Cocktail bestellt habe, wurde mir unaufgefordert ein Glas Wasser gebracht, mit der Bemerkung, dass ich ja großen Durst haben müsse, da ich ja so viel Alkohol trinken würde. Ich habe mir ernsthaft überlegt, ob ich die Bedienung nicht mit „Mutti“ ansprechen soll. Wobei ich erwähnen muss, dass meine Mutter mich nie in Punkto Alkohol ermahnt hat und das auch heute nicht machen würde.
Natürlich haben wir uns auch gefragt, was Chinesen als typisch Deutsch ansehen und haben ein deutsches Lokal besucht. „Himmelsbusch“ Da laufen chinesische Bedienungen im Dirndl rum, was ohne Oberweite irgendwie komisch aussieht. Das Lokal ist bayrisch eingerichtet und eine Wand ziert eine gemalte, alte Fabrik. Erinnert mich ein wenig an Arbeitslager. Aber arbeitende Deutsche gehört wohl irgendwie zusammen. Die Speisekarte war auch sehr vielseitig: natürlich Haxe und Würstchen mit Kraut standen ganz hoch im Kurs. Aber auch Fish & Chips, Spaghetti Carbonara und Paella konnte man bestellen. Ob jemand von denen jemals in Deutschland gewesen ist? Ich denke nicht. Als Markus sich einen Obstler bestellt hat, kam dieser auch. Auf Eis, ein halbes Wasserglas voll…
Hier ist überall Baustelle. Das Arbeitstempo der vielen Arbeiter ist beachtlich. In der Nacht wurde vor dem Hotel die Straße weggefräst, am nächsten Tag war sie schon asphaltiert. Bauabsperrung eher Fehlanzeige. Wenn sich ein armer Tropf mal in eine Baustelle verirrt und vielleicht drei Meter in die Tiefe stürzt?! Egal… Ein Menschen- oder Tierleben ist hier nicht viel wert. Einen Tag später haben Heerscharen von Gärtnern schon diverse Kübel mit Blumen bepflanzt. Es fahren Wagen mit Wasser herum, die die Kübel mit dem kostbaren Nass versorgen. Das Erscheinungsbild der Stadt ist den Shanghainesen extrem wichtig. Und auch der eigene Garten wird hier durch Gärtner täglich betreut. Sie kommen sehr früh am Morgen, befreien die Rasenflächen vom Laub mit einem Besen und gießen die Blumen. Unser Garten wird auch von einem Gärtner betreut, was mir immer noch Probleme bereitet. Es ist ein komisches Gefühl, wenn ständig fremde Leute ohne Vorankündigung auf dem Grundstück sind. Neulich wurden neue Außenlampen installiert und das Gartenhaus gestrichen und mit einem neuen Dach versehen. Ich muss gestehen, dass ich ein wenig genervt bin, was bei Anderen auf Unverständnis trifft. Ich solle mich doch freuen, dass mein Vermieter sich so toll kümmert. Ja, ich freue mich ja auch, aber die haben in den letzten Jahren am Haus auch nichts gemacht und ich finde jeden Tag neue Mängel, die beseitigt werden müssen. Alles dauert hier ewig lange, was mich doch auch immer sehr an das Haus bindet. Und irgendwie bin ich auch lieber allein zu Hause….überall laufen Menschen, die mit Besen die Straße kehren. Dann kommt ein schickes, fettes Auto und fährt durch den Laubhaufen wieder durch, der mühevoll zusammengetragen wurde. Das ist für mich nur schwer zu ertragen, dieser Unterschied zwischen reich und arm. Wobei das arrogante Verhalten meist bei reichen Chinesen zu beobachten ist. Ich wollte im Garten ein Kräuterbeet anlegen und habe todesmutig den Gärtner nach Petersilie und Schnittlauch gefragt. (Foto gezeigt) Kannte er nicht und hat es für Salat gehalten. Na, ich werde es auch ohne aushalten. Rosmarin und Minze wächst hier reichlich und eigentlich wollte ich ja auch eher in die chinesische Küche einsteigen. Das klappt aber auch nicht immer. So erachte ich es als Schicksal, wenn ich im Supermarkt ein Glas Kapern finde und Zuhause dann im Wok Königsberger Klopse in Kapernsoße schwimmen. So ganz kann auch ich meine Wurzeln nicht leugnen. Aber ich habe auch schon mit persönlicher chinesischer Anleitung „Jautze“ hergestellt. Das sind chinesische Teigtaschen, die mit Gemüse und oder Fleisch gefüllt werden. Meine sahen aus wie Ravioli- aber lecker. Auch beim Einkaufen ist man hier nie allein. Jede Abteilung wird von etlichen Verkäufern belagert, die aber nur für ihren Bereich zuständig sind. (Warum muss ich jetzt an Karstadt denken?) Auskünfte, wo ich andere Dinge finden kann - Fehlanzeige! Besonders spannend war die Waschmittelabteilung. Auf der Suche nach Colorwaschmittel haben dann fünf Verkäufer und ein Handy auf mich eingeredet und das angeblich beste Waschmittel wurde sogar in Richtung Himmel gehoben, weil es sooooo gut ist. In der Putzmittelabteilung habe ich dann alles von „Frosch“ gekauft, da ich das von Zuhause kenne und für den Tag wirklich genug hatte. Nächstes Mal aber dann chinesische Produkte. Die Strafe folgte auf dem Fuße: meine chinesische Putzfrau wollte mir einreden, dass die WC Ente für das Waschbecken ist. Auch erntete ich Unverständnis, dass ich getrennte Lappen für Küche, Bad und WC besitze. Wir haben diese jetzt in Chinesisch!!! mit Edding beschriftet. Sieht ein bisschen wie die PQ-Formel aus. Aber ich komme vom Thema ab. Einkaufen! Nachdem ich Waschmittel und Putzmittel erledigt hatte, habe ich einen großen Bogen um Damenhygieneartikel gemacht. Wer weiß, was da noch käme. In der Unterwäsche-Abteilung habe ich für Paula Unterwäsche in XL gekauft. Ich selbst muss wohl dann in der Zeltabteilung einkaufen. BHs gibt es nur bis Größe C. Sieht aber trotzdem extrem klein aus. Vielleicht muss Frau dann drei Mal A kaufen… Willst Du ein „A“ kaufen?… Natürlich haben wir Sesamstraße hier auch nicht.
Auf in die Lebensmittelabteilung: Hier werden viele interessante Obst und Gemüsesorten angeboten und mein Ziel ist es, alles auszuprobieren. Nebenan ist dann die Fischabteilung, die gleicht einer Zoohandlung. Große Karpfen werden hier lebendig in eine Tüte mit Wasser gesteckt und können in der heimischen Badewanne bis zum Verzehr weiter schwimmen… Krebse sind auch Standard, aber auch dicke Kröten. Die sitzen im Eimer und schauen groß. Was um Himmels Willen macht man damit? Froschschenkel? Suppe? Vor allem, wie kauft man die ein? Kommen die in eine Plastiktüte und hopsen dann im Einkaufswagen? Oder werden die „vor Ort“ erlegt? Kopf ab? Erhängt? Erschossen? Paula bekam als Vegetarierin eine Krise und ich scheuche sie in die nächste Abteilung, zu den losen Lebensmitteln… Kröten wollen wir nicht einkaufen. Aber auch die losen Lebensmittel haben ihre Tücken. Es riecht ein wenig wie bei „Fressnapf“ und auch getrocknete Schweinegesichter gibt es zu kaufen. Jeder Hund hätte seine Freude daran… - aber lose Chilischoten, Sternanis usw. gibt es natürlich auch. Jeder kann die Sachen berühren und draufhusten… Ich bin eigentlich gegen viel Verpackungen. Aber in diesem Fall wähle ich abgepackte Gewürze. Hat immer noch Jemand Lust, uns zu besuchen?
Todesmutig verlasse ich den Supermarkt und gehe in die Apotheke. Unsere Hausapotheke ist noch in der Luftfracht… Hier gibt es nur freiverkäufliche Medikamente; wer etwas anderes sucht, muss ins Krankenhaus gehen, um dort unter ärztlicher Aufsicht seine Medikamente zu bekommen. Wir brauchen aber nur etwas gegen Mückenstiche. Mücken gibt es sogar im Herbst noch reichlich. Leider! Die sind klein, fies und viele! Uns fällt eine Packung mit einem Supermann auf. Wer traut sich, Medikamente einzunehmen, wo ein Supermann drauf ist? Was da wohl drin ist? Potenzmittel? Markus scannt den Schriftzug mit der App und der Apotheker rückt ihm auf die Pelle, damit er sich nicht so allein fühlt. Und was ist drin? Paracetamol… Wie langweilig! Aber vielleicht nur für Männer. Frauen ertragen Schmerzen auch so. Mein Bedarf an Einkaufserlebnis ist für heute gestillt, nachdem ich in der Joghurtabteilung nach dem Öffnen des Kühlschranks von einem Lautsprecher mit Verkaufsparolen angeschrien wurde. Wir verlassen den Supermarkt und werden fast von einem lautlosen Elektroroller umgefahren. Auf dem Roller ein Chinese, Kippe im Mund, das T-Shirt bis unter die Achseln hochgezogen, der Bauch ist frei. Hier eine gängige Methode. Ob ich das mal ausprobiere? Starren tun die Leute hier sowieso…
Markus erlebt in seiner Arbeitswelt natürlich auch interessante Dinge. Die muss er aber selbst darstellen. Es ist so verdächtig ruhig im Haus. Ich muss nun einmal schauen, was der Monteur treibt. Ich hoffe, dass es demnächst etwas ruhiger zugehen wird, da ich mich auf das Studium konzentrieren kann. Also, wenn die nächste Mail ein bisschen dauert, hat es geklappt. Natürlich möchte Niemand mit Mails zugeschüttet werden. Einige haben mir schon gesagt, dass sie unbedingt im Verteiler bleiben wollen. Ich werde also nur die anschreiben, die das gerne möchten. Da wäre ein Feedback gut. Andere möchten eine persönliche Mail, die natürlich etwas dauern wird. Also lasst es mich einfach wissen. Und: Wie ist es denn in Deutschland? Ich vermisse raschelndes Herbstlaub…
Herzliche Grüße aus Shanghai
Urda
Hallo Zusammen!
Der Wahnsinn geht also weiter und ist niedergeschrieben in der dritten Mail. Ich hatte ja schon angedeutet, dass ich mir ein wenig Zeit lassen werde, um mich meinem Studium widmen zu können. Das erste Skript habe ich so weit durchgearbeitet und alle online- Tests bestanden. Diese dienen aber nur dem Studenten, um zu sehen, ob er die Inhalte verstanden hat. Nun stehe ich vor meiner ersten Hausarbeit, die dann auch bewertet wird. Ich soll Strukturen und Zeitmanagementvorgaben in meinen Alltag einbauen. Eigentlich kann man alles strukturieren und in Kategorien einteilen. Von A (wichtig und dringend) bis D (unwichtig und nicht zeitkritisch) Ob die an der Fernuni einen Toilettengang wichtig finden? Na, ja: rein wissenschaftlich gesehen, kann ein Besuch des stillen Örtchens schnell von D zu A werden, wenn man Durchfall hat. Das ist dann sehr wichtig und überaus zeitkritisch. Oder nicht?
Einige würden mir jetzt vielleicht vorschlagen, mal in der Fachhochschule anzurufen und nachzufragen. Das letzte Telefonat mit dem Institut hat eine Stunde gedauert und mich 200 Euro gekostet. Nach Deutschland zu telefonieren ist sehr teuer, wie ich seit der ersten Telefonrechnung nun weiß. Also keiner braucht zu hoffen oder zu bangen, dass ich anrufe. Das wird nicht passieren. Fehler! Es handelte sich doch um eine Jahresgebühr… Puh, Glück gehabt.
Dabei wollte ich doch nur wissen, ob die schon mein Skript verschickt haben…. Lange Rede, kurzer Sinn: Das Skript war schon ewig unterwegs und konnte mir nicht zugestellt werden, da nicht die Schule, sondern die Druckerei einen Fehler in der Adresse gemacht hat. Es gab zwei Tracking Nummern auf der Mail, die die Uni (ich natürlich nicht) hatte und ich der freundlichen Mitarbeiterin entlocken musste. Am Ende hat sie mir einen Screenshot geschickt. Ich bin frohen Mutes zu „China Post“ gefahren, um mein Skript in die Arme zu schließen. Aber kein Skript. Wo es ist? Keine Ahnung… Aber hier bekommen Sie die Telefonnummer von der Hotline. Viel Spaß! Nachdem ich bei der Hausverwaltung unseres Wohngebietes um Hilfe gebettelt habe, hat ein Mitarbeiter dort angerufen, um nachzufragen. Nach drei weiteren Telefonaten von Mitarbeiter Mike hatte ich nun die Adresse und musste auch nur noch eine Stunde Auto fahren, um in einer dreckigen Garage aus einem Berg aus Post mein Skript zu angeln… Ich habe mir Studieren leichter vorgestellt. Und ich meine nicht das Fachliche.
Ich finde ab heute „China Post“ doof und will ein anderes Postunternehmen ausprobieren, was viel besser sein soll: UPS
Das Internet geht, ich habe eine Adresse gefunden und es sind auch nur 20 Minuten Fahrzeit. Ein Traum! Kaum ausgestiegen muss ich im Pförtnerhaus meinen Pass vorzeigen (habe nur einen Duldungszettel, Pass liegt beim Visa-Amt) und alle Daten von mir angeben. Hallo? Ich möchte ein Paket verschicken, kein Kind adoptieren… Ich werde abgeholt und in eine Halle geführt. Von welchem Unternehmen ich denn käme? „Na, ich bin Privat“, antworte ich. „Dann sind sie hier verkehrt. Hier nur für Firmen. Hier bekommen Sie die richtige Adresse und meine Telefonnummer, falls sie dienstlich mal etwas verschicken wollen.“ Nachdem ich dann mit dem Pförtner alle Papiere wieder geklärt habe, fahre ich weitere 45 Minuten und werde vom Fahrer vor einem Hochhaus abgesetzt. Hier soll das sein? Mein Fahrer setzt mich mit den zwei Paketen ab und… fährt davon. Es gibt eine Informationstafel auf Englisch! Juhu! Aber UPS steht nicht drauf. Showroom gibt`s. Aha. Toilet. Die wird noch wichtig werden… Ich finde einen Postschalter im Erdgeschoss und freue mich. Das ist ja einfach! Aber nix: Hier „China Post“ nix UPS. Die Damen zeigen mit dem Finger nach oben. Aber wo denn da? Dem Himmel so nah? Noch kann ich lachen, das wird mir noch vergehen. Ich suche weiter und frage. Kein Englisch, keine Ahnung. Ein Opa hat Mitleid und fragt mich auf Englisch, wie er helfen kann. Ich klage ihm mein Leid und schleppe meine zwei Pakete weiter in den achten Stock. Dort kurve ich weitere 25 Minuten und kann nichts finden. Ich frage wieder und werde zu einem Büro geführt, das verschlossen ist. UPS ist schon seit Monaten nicht mehr hier, heißt es. Wo? Unbekannt… Ich renne mit meinen Paketen nach unten, alle Aufzüge sind voll und ich muss dringend auf Toilette. Ich rufe den Fahrer an, der verwundert die Pakete in den Kofferraum stellt. Ich habe die Nase voll von Paketen und lasse mich zum Supermarkt fahren. Auf halbem Weg schreibe ich dem Menschen von UPS eine Nachricht, dass die Adresse falsch ist … und bekomme sofort die Antwort, dass die innerhalb des Hauses umgezogen sind. Ach, und übrigens, wenn sie Lebensmittel verschicken wollen, das geht bei UPS nicht. Ich denke an den selbstgebastelten Adventskalender und an den Tee und die Kekse. Und frage nach dem „Warum“? Zügig bekomme ich die Antwort: Die Bevölkerung Chinas ist groß und braucht seine Lebensmittel selber. Dahinter ein lachendes Gesicht. Ich überlege, ob mit dem Typen über Verhütungsmittel diskutieren möchte, lasse es aber, da es mit der Ein-Kind-Politik ein heikles Thema ist. Der Weg zum Supermarkt ist lang und ich brauche den Platz in dem viel zu kleinen Kofferraum für die Einkäufe. Die Pakete müssen weg! Trotz meiner Abneigung fahre ich mit Jimmy und den sehr gut verklebten Paketen zu „China Post“. Dort bietet mir jemand einen Platz an und will wieder meinen Ausweis usw. sehen. Zum Glück muss ich weder meine Schuhgröße noch Gewicht angeben. Was denn in dem Paket ist, will der Beamte wissen. „Ja, Süßigkeiten, Tee Kekse und eine Kette“, antworte ich. Der Mann holt ein Cuttermesser und trennt meine Pakete auf. Ich fange an zu schwitzen, als die Pakete des Adventskalenders zum Vorschein kommen. Zum Glück packt er diese nicht alle aus… Ich versuche gelangweilt zu gucken, was mir nicht gelingt. Der Typ starrt in meinen Ausschnitt, es reicht mir. Ich fixiere ihn mit meinen Augen und schaue ihm ins Gesicht, lange. Er kapiert immer noch nicht. Nun starre ich auf seine Hose. So langsam versteht er, wird verlegen und schaut nur noch auf die Tischplatte. Ich renne fast zum Auto und lasse mich nach Hause fahren… Zum Glück bin ich mit einem klugen Mann verheiratet und er fragt mich nicht, ob ich heute einen entspannten Tag in meinem Hausfrauenund Studentendasein hatte.
Zum Glück ist Wochenende. Eine Bekannte ist zu einer Hochzeit eingeladen und hat uns ihre Tochter vorbeigebracht. Wir wollen in den Zoo, sind bepackt mit Proviant und freuen uns auf die Pandabären. Der Zoo ist groß und ist parkähnlich aufgebaut; ich bin gleich verliebt in den Zoo, er erinnert mich an die Eilenriede, da er weitläufig ist. Wir sind fasziniert von den vielen Tieren und Pflanzen. Wir beobachten riesige Wasserschildkröten, die in einem Aquarium an uns vorbei schweben. Obwohl es Wochenende ist, ist für chinesische Verhältnisse der Zoo nicht voll. Aber auch hier spüre ich die Blicke im Nacken, da wir auffallen. Wir sind ja sooo anders. Die Leute beobachten nicht die Tiere, sie beobachten uns. Wir werden angestarrt und sogar gefilmt. Vielleicht sollten wir um ein eigenes Gehege im Zoo bitten. Auf dem Schild würde stehen: Deutsche. Lebensraum: Europa. Nahrung: Würstchen, Haxe, Kraut und Bier. Die weiblichen Tiere Prosecco. Kinder: 1,4 Paarungszeit: Ganzjährig, wenn die Kinder endlich im Bett sind… Verhalten: Pünktlich und mürrisch. Na, ja. Wir sind schon aufgefallen. Allein mit drei Kindern und dann auch mit NUR Mädchen. Die Chinesen bevorzugen eher einen Stammhalter. Da wird in der Schwangerschaft schon geschaut und dann entschieden, ob das Kind nun ausgetragen wird oder nicht. Natürlich nicht offiziell … Vielleicht denken die auch, dass unser Fernseher kaputt ist. Ist mir egal. Wir machen schließlich auch Witze über die Chinesen: Paula war auf Klassenfahrt „in den gelben Bergen“. „Hinter den gelben Bergen, bei den gelben Zwergen…“. Das hatte sich Markus dann mal ausgedacht. Ich trällerte gleich „Von den blauen Bergen kommen wir…. Unser Lehrer ist genauso blöd wie wir….“ Und: Unsere Kinder kannten das Lied gar nicht. Bevor ich nun behaupte, das sei deutsches Kulturgut, verstumme ich lieber und fühle mich schrecklich alt. Die Strafe folgt auf dem Fuße: Da das Internetradio hier ständig zusammenbricht und ich Radiohören aufgegeben habe, beschäftigt sich mein Kopf an diesem Tag nur noch mit der Melodie:“ Von den blauen Bergen kommen wir…“ Aber Strafe muss sein.
Markus pendelt ja ständig zwischen Shanghai und Ninghai. So langsam hatte er das Hotelleben satt und hat eine Wohnung in Ninghai bezogen in einem Hochhaus. 26.Stock, Küche, Bad, Wohn- und Essbereich, Hauswirtschaftsraum, Kinderzimmer und Schlafzimmer. Im Fahrstuhl dudelt „Für Elise“, aber nur die ersten paar Klänge, dann ist der Fahrstuhl am Ziel. Eine kleinere Wohnung zu bekommen, ist nicht möglich. Dies ist so der Standard für eine dreiköpfige Familie, die auch vorher in dieser möblierten Wohnung gewohnt hat und deutliche Spuren hinterlassen hat. Die Wände wurden mit einem Filzstift verschönert. Die Wohnung erinnert mich an die achtziger Jahre. Mahagoni ist hier sehr gefragt. MarmorFußboden und goldene Fugen. Ich ziehe meine Augenbrauen hoch und schaue meinen Mann fragend an. Dieser antwortet knapp, dass seine Mitarbeiterin die Wohnung organisiert hat und die anderen noch schlimmer waren. Nun gut. Mir muss es schließlich nicht gefallen und wir bleiben ja auch nur drei Nächte hier. In Shanghai ist der chinesische Präsident zu Besuch auf einer Messe und es wurden sämtliche Straßen um das ganze Messegelände abgesperrt und unsere Schule geschlossen. Also warum nicht mal Urlaub machen in Ninghai? Aber zurück zur Wohnung: Markus hatte mir schon angedeutet, dass die Matratze sehr hart sein würde. Und er hat ein wenig untertrieben: Die Matratze war eine mit Stoff bespannte Spanplatte. Wer soll denn bitte so schlafen können? Ich vermisse mein heimisches Wasserbett und lasse mich auf das knallharte Bett fallen. Markus pumpt derweilen wohlweißlich eine mitgebrachte Luftmatratze auf und mein Blick trifft auf die hässliche Schlafzimmerlampe: Die ist so hässlich, dass sie mir fast schon wieder gefällt. Ein Rechteck mit Kristall-blink-blink und geometrischem Muster. Der Designer wollte alt und neu mit Mathe kombinieren…. Da bekommt man Albträume. Ich mache das Licht an und die Lampe leuchtet das Schlafzimmer wenig schmeichelhaft grell aus. Ist das hier ein Operationssaal oder ein Schlafzimmer?! Ich versuche das Licht zu dimmen und betätige den zweiten Lichtschalter. Oh, Wunder! Das Licht verändert sich. Das Schlafzimmer ist ausgeleuchtet in einem satten Rot. Markus kommt mit der Luftmatratze ins Schlafzimmer und schaut mich irritiert an. Ich strahle ihn an und sage: „Schatz! Du denkst Dir immer so romantische Dinge aus!“ Wir fangen schallend an zu lachen und die Kinder kommen ins Schlafzimmer. Sophia bearbeitet den Lichtschalter. Da muss es doch noch anders Licht geben…Und tatsächlich: Das Licht verändert nun alle drei Sekunden seine Farbe! Leute, gute Nacht! Sophia ist begeistert und schreit: „Disco!“ Paula verdreht die Augen und geht…
Am nächsten Tag schicken wir Markus zur Arbeit und verbringen den Tag in einer riesigen Einkaufsmall. Der Arme muss sich ein Taxi rufen und will es unbedingt ohne Hilfe schaffen. Er soll sich an den Straßenrand stellen und winken. Gesagt, getan: Markus winkt mutig. Und: Es hält sogar ein Taxi an. Nur leider sitzt hinten schon ein anderer Fahrgast drin. Wohin er denn wolle, wird er freundlich gefragt. Nach erfolgreicher Kommunikation stellt der Fahrer fest, dass das Ziel nicht auf seinem Weg liegt und fährt davon. Das Prozedere wiederholt sich noch einige Male, bis endlich ein freies Taxi Markus ins Büro fährt. Wie sich wohl die Fahrgäste gefühlt haben müssen, als der Fahrer einfach angehalten hat, obwohl sie doch im Taxi saßen?
Mein Mann verbringt seinen Arbeitstag mit vielen Telefonaten und Konferenzen. Ständig mit der Sorge, etwas falsch zu machen. Wie soll man „nein“ sagen, ohne dass das Gegenüber sein Gesicht verliert? Es ist auch in der Geschäftswelt vieles anders. In der Produktion hängen Parolen: „Denke an Deine Pflicht“. „Denke nur an Deine Verantwortung“. Da der Betrieb modern und international sein möchte, nun auch auf Englisch. Ja, es denkt Jeder an seine Pflicht und nur an seine Verantwortung. Teamgeist gleich null. Das wird noch dauern. Weiterdenken ist auch ganz schwierig. Irgendwie finde ich „Die-Was-Passiert-Dann-Maschine“ aus der Sesamstraße sollte Pflichtprogramm sein. Da könnten einige Leute noch viel von lernen. Kürzlich habe ich eine Dame kennengelernt, die vor Jahren in Shanghai Chinesisch studiert hat, hier ewig wohnt und somit voll im Bilde ist. Shanghai ist so schnell gewachsen, sagt sie. Es ist wie ein Rausch. Immer höher, schneller, weiter. Das macht fast süchtig. Für den Präsidenten wurden hier sogar binnen zwei Tagen Häuser abgerissen und ein Parkplatz erbaut. Die Leute wollen modern sein. Kleiden sich auch so und sind es aber nicht. Die alten Strukturen sind tief verwurzelt. Das wird noch Generationen dauern. So langsam fange ich an zu verstehen. Beim Geschäftsessen mit Chinesen wird auch gerülpst und geschmatzt. Wenn Europäer am Tisch sitzen, vor denen man Respekt hat, aber nicht. Neulich war der Chef vom Chef zu Besuch. Da dieser aber eine Frau ist, wurde wieder geschmatzt. Schaut her. Ich kann es mir erlauben, keinen Respekt zu zeigen…. Auch auf der Straße wird laut gespuckt, um Respekt oder Aufmerksamkeit zu erlangen. Seht mich an…. Es ist ekelhaft. Auch bei einer Werksführung gibt es Machtspiele. Wer macht Platz, wer geht zuerst durch die Tür? Vielleicht sollte ich Sandschäufelchen kaufen. Die können sie sich dann gegenseitig auf den Kopf hauen, die Ingenieure….
Auch die Erziehungsmaßnahmen sind hier ganz andere. Auf einem Gelände stand eine ältere Dame mit ihrem Enkel. Der kleine Junge sollte Pipi machen, wollte oder konnte aber nicht. Die Chinesin fackelte nicht lange und hat ihn mit der flachen Hand auf den nackten Hintern geschlagen. Ich erstarrte und bleibe stehen und sehe die Frau fassungslos an. Diese motzt nun lautstark und gestikuliert mir, dass der Kleine ja nicht machen wolle…Was hätte ich tun sollen? In einer anderen Kultur, ohne Sprachkenntnisse. Ich merke, wie sich mein Hals zusammenschnürt. Ich habe Tränen in den Augen. Ein paar Meter weiter sitzen Männer auf den Stühlen und spielen lautstark Skat. Ich renne zum nächsten Mülleimer und übergebe mich, da ich schlagende Eltern und Großeltern zum Kotzen finde…
So langsam merke ich, wie die vielen Eindrücke abfärben. Längst halte ich Niemandem mehr die Tür auf oder warte, bis ich dran bin. Das funktioniert hier einfach nicht. Der Schritt muss schnell und laut sein, wenn man es eilig hat, dann lassen die Leute mich allein durch meine Größe schon durch. Es gefällt mir nicht, aber nur so funktioniert es hier. Dafür sind hier andere Dinge entspannter. Im Supermarkt liegt der Fleischermeister mit dem Kopf auf dem Tresen und schläft. Und das während der Arbeitszeit. Wer kann sich das in Deutschland herausnehmen? Auch das Essen ist hier wahnsinnig wichtig. Punkt 12 wird hier die Arbeit hingelegt. In den Geschäften, Banken, überall. Die Menschen sitzen im Laden zwischen ihren Waren und essen warmes Essen… Um die Mittagszeit ein Taxi zu bekommen? Unmöglich! Es wird gegessen! Da kann man sich nur wünschen, nicht als Notfall auf dem OP-Tisch zu liegen. Sonst fummelt der Chirurg nebenher noch im Mittagessen herum.
Als Essenshighlight kann ich von Hotpot berichten. Das funktioniert so ähnlich wie Fondue: man kann Sprossen, Gemüse, Fisch, Schinken, gekochte Wachteleier usw. in Brühe werfen. Nach der Garzeit kann man dann mit Dips variieren und Salat dazu essen. Die Brühe gibt es in scharf, mild und Pilzaroma. Der große Topf kann auch dreigeteilt sein, damit man jede Brühe probieren kann. Das war toll, da jeder essen kann, was er mag und es keine Überraschungen gibt. Beim Essen in einem Restaurant haben wir durch Zufall einen Geburtstagsbrauch mitbekommen. Eine Sänfte wurde mit einem singenden (plärrenden) Teller zum Geburtstagskind getragen. Alles in rot gehalten, da rot ja Glück bringen soll. Dann wurde Happy Birthday gesungen, natürlich mit chinesischem Text. Essen gehen ist hier auf gar keinen Fall eine ruhige und besinnliche Angelegenheit. Hier herrscht eine Lautstärke wie auf dem Schützenfest. Wer es etwas beschaulicher mag, der isst in einem abgetrennten Raum, mit eigenem Kellner… Und alle natürlich schön in Einheitsuniform. Das ist hier auch sehr wichtig und sieht gut aus. Selbst das Wachpersonal vom Parkhaus hat eine Uniform an. Ich dachte, es wäre ein Polizist und wurde erst einmal ausgelacht. Ich kann die noch nicht auseinanderhalten. Neulich wollte ich zum Geldautomaten. Der wurde aber gerade aufgefüllt und wurde von uniformierten und schwerbewaffneten Männern beaufsichtigt. Ich wollte gleich wieder umdrehen, wurde aber extrem freundlich und auf Englisch hereingebeten. So kann man erst abgeschreckt und doch freudig überrascht werden. Die waren echt nett. Hier gibt es wirklich viele freundliche Menschen, die extrem hilfsbereit sind. Unsere Putzfee reißt sich immer ein Bein aus, um mich zu verstehen und alles gut zu erledigen. Sophias neuwertigen Sportschuhe waren zu klein. Schuhgröße 35. Nun trägt sie unsere Putzfee und freut sich sehr. Ihr Kommentar: „I like!“
Ich komme zum Ende der Mail und möchte mich noch für viele schöne Antwortmails bedanken. Teilweise habe ich persönlich zurückgeschrieben, andere Mails habe ich einfach nicht geschafft zu beantworten. Gefreut habe ich mich über alle. Es wurden Fotos geschickt und herzerwärmende Zeilen geschrieben, andere haben mir aus ihrem Alltag (Praxis oder Schule) erzählt, wo auch ich ein Teil von war und mich freue, daran teilhaben zu dürfen.
Bleibt gesund und munter! Eine schöne Adventszeit wünsche ich Euch! Ich habe mich gleich für die Betreuung des Glühweinstands in der deutschen Schule einschreiben lassen. Qualitätskontrolle ist ja so wichtig, sagt Chef Markus und der muss es ja wissen… Beste Grüße, Urda
Hallo zusammen!
Hoffentlich seid Ihr alle gut ins neue Jahr gekommen und seid nicht böse mit mir, dass ich mich erst jetzt bei Euch melde. Hier im Land des horizontalen Lächelns ist so allerhand los gewesen und irgendwie verging die Zeit wie im Flug. Erst einmal möchte ich mich bei denen bedanken, die mir fleißig Mails und Pakete geschickt haben. Es tut so gut, wenn Ihr mich an Eurem Leben teilhaben lasst und mir auch über Eure kleinen und leider manchmal auch größeren Sorgen berichtet. Ich werde versuchen, Eure vielen Fragen in dieser Mail zu beantworten. Die Vorweihnachtszeit haben wir hier gut verlebt. Im angrenzenden Supermarkt gab es sogar Schokoladenadventskalender und so konnte Markus seinen Kollegen auch ein Stück deutsche Kultur näherbringen. Die fanden den Gedanken niedlich, sich die Wartezeit auf den Weihnachtsmann mit Schokolade zu versüßen. Mancher hat aber nicht zugehört und den Inhalt des Kalenders fröhlich an die ganze Abteilung verteilt. Weihnachtsartikel gibt es hier also auch ein wenig zu kaufen und es gibt auf dem „Flower-markt“ ganze Ausstellungen mit Adventsgestecken und Weihnachtsbäumen. Die Tannenbäume werden schon reichlich früh gefällt und dann natürlich OHNE Wurzeln in einen Topf mit Erde gesteckt. So sind sie dann pünktlich zu Weihnachten völlig vertrocknet und stehen ziemlich schief im Topf. (siehe bei Facebook. Dank VPN bin ich wieder dabei.) Zumindest gab es eine „direkt nach Haus“ Lieferung. Das ist überhaupt hier der Trend. Der moderne Chinese bestellt einfach alles über das Internet und verfolgt dann über die App, wo sich der Fahrer mit dem Artikel befindet. Auch bezahlen tut hier kaum jemand mit Bargeld. Es läuft alles über WeChat. Das ist vergleichbar mit Whats-App, hat aber auch eine Bezahlfunktion. Nach dem Einkauf scannt man einen Code ein und schon ist die Bezahlung abgeschlossen. Ich finde es fast ein wenig unheimlich. Aber wir haben nun auch ein chinesisches Konto und wissen mittlerweile auch, wie man seinen Kontostand abfragen kann. Sollte man ja ab und zu mal machen, oder? Weihnachten an sich wird hier aber nicht weiter Beachtung geschenkt. Es ist ein Arbeitstag wie jeder andere auch. Aber die Kinder hatten drei Wochen schulfrei und auch Markus musste nicht zur Arbeit. Die meisten Deutschen sind Weihnachten nach Hause geflogen oder nach Australien, Thailand oder Japan. Wir hatten uns aber bewusst dafür entschieden, Weihnachten in Shanghai zu verbringen. Da die Kinder so lange Ferien hatten, sind wir wieder nach Ninghai gefahren, weil Markus noch arbeiten musste. Außerdem stand immer noch Markus` Einstandsessen mit den Kollegen aus, das er unbedingt mit uns zusammen zelebrieren wollte. Schon Tage vorher hatte er denen angedroht, dass es deutsches Essen geben würde! Also haben wir das Auto mit unserem halben Hausstand vollgepackt, um alles gemeinsam vorzubereiten. Es sollte Frikadellen, Würstchen und Kartoffelsalat geben. Aber auch Brezeln, Bahlsen Kekse Stollen und ein Fass Bier hatten wir im Gepäck. Markus hatte sogar einen Kräuterschnaps auf Wodkabasis kreiert, den er anbieten wollte. Dazu hatten wir einen Raum in einem Hotel gemietet, wo uns Tische, Stühle, Geschirr und sogar Besteck zur Verfügung gestellt wurde. Da das Hotel nicht weit entfernt von Markus` Apartment lag, mussten wir das ganze Essen inklusive Getränke durch die Gegend schleppen. Im Supermarkt hatten wir sämtliche Kartoffeln aufgekauft, da es ja für über 20 Personen reichen sollte. Die Hotelangestellten fanden unser Vorhaben auch hochinteressant. Fünf Personen standen im Halbkreis, um zuzusehen, wie ich ein Gurkenglas öffne oder ob ich es denn nun schaffen würde. Letztendlich haben wir alles noch rechtzeitig fertigbekommen und fast alle Kollegen sind der Einladung gefolgt. Paula und Sophia fanden es sehr lustig, dass erwachsene Menschen nicht unbedingt mit Besteck essen können. Ich konnte Sophia nur schwer davon abhalten, Essenstipps abzugeben, wie etwa „MesseR rechts und GabeL links…“ Da Chinesen höfliche Menschen sind (und Markus von den Meisten der Chef ist), haben sie alles probiert. Da wurde erst einmal vorsichtig an einer Frikadelle gerochen und diskutiert, ob die nun besser mit Senf wird oder nicht. Um überhaupt etwas in den Mund zu bekommen, wurde der Teller mit dem Kartoffelsalat (es gab die nord- und süddeutsche Variante), direkt an das Gesicht geführt, um dann mit der Gabel den Salat in den Mund zu schieben. Mancher versuchte auch Kekse mit Messer und Gabel zu bezwingen. Die Kinder waren schwer beeindruckt. Aber so ein bisschen Strafe muss sein, da die Kollegen Markus auch mit in die heruntergekommensten Lokale schleppen und sich tierisch freuen, wenn er sich sein Hemd vollkleckert, da ihm etwas von den Stäbchen gefallen ist. Aber Frikadellen fanden sie richtig gut und auch der Stollen wurde restlos aufgegessen. Wir haben ihnen dann auch noch gezeigt, dass man Cola und Fanta mischen kann und dass das dann „Spezi“ heißt. Also „Spezi“ konnten sie dann gar nicht aussprechen. „Xie“???? „Zxie“??? Mineralwasser mit Kohlensäure finden sie auch komisch. Aber auch Markus‘ Fusel wurde probiert. Ich muss erwähnen, dass es in dem Hotel keine Schnapsgläser gibt. Also wurde der edle Tropfen in Wassergläser geschüttet. Das ging dann auch. Ich habe dann mal nachgefragt, ob Jemand „Lüttje Lagen“ kennt. Kannte natürlich Keiner und ich musste versprechen, so ein Gläserset zu besorgen. (Für alle Nicht-Hannoveraner: Bei „Lüttje Lagen“ handelt es sich um ein Trinkspiel. Man hat ein kleines Bierglas und ein Schnapsglas in einer Hand und muss versuchen, Bier und Schnaps gleichzeitig zu trinken, OHNE etwas zu verschütten) Kann sein, dass die Kollegen nun denken, dass wir jeden Abend so trinken, aber immerhin wurde ich zu der nächsten Betriebsfeier von Markus‘ Chef eingeladen, da würde es auch lustige Trinkspiele geben… Die Betriebsfeier ist nächsten Freitag und ich kann leider nicht dabei sein. Habe aber von Bekannten gehört, dass je nach Hierarchie Chefs ihre Mitarbeiten zum Trinken animieren. Jetzt am Mittwoch soll Markus sein Kostüm anprobieren. Der freut sich. Wo er sich doch so gerne verkleidet… Fast tut er mir leid. Aber wie sagt Paulas Klassenlehrer immer: „Wir sind hier nicht bei Wünsch dir was sondern bei So ist es!!!“ Da es in China sehr unhöflich ist, alles aufzuessen (das Essen hat nicht gereicht), waren unsere Gäste sehr verhalten. Da ist uns zum Glück der Spruch von unserem Opa eingefallen: Denn wenn man nicht aufisst, scheint morgen nicht die Sonne! Als wir diesen Spruch zum Besten gaben, haben sich tatsächlich alle noch einmal ihren Teller gefüllt. Keine Ahnung, ob sie tatsächlich an solchen Unsinn nun glauben, aber Chinesen sind im Allgemeinen doch sehr folgsam und fragen selten nach dem Sinn. Nun hätte ich eigentlich noch Oma Elses Zitat „Eingeladen macht nicht dick“ einwerfen können, hab mich aber noch beherrschen können.
Viele von Euch haben gefragt, ob die Kinder sich denn schon gut eingelebt haben. Nun, was soll ich sagen?! Paula muss in Latein zehn Lektionen nachlernen. Da gab es verständlicherweise schon bittere Tränen. Aber der Lehrer ist super! Er hat alle Vokabeln für Paula rausgeschrieben und sogar eine Nachhilfe organisiert. Die aktuellen Tests schreibt sie alle gut und in der letzten Klausur hat er ihr sogar die Vokabeln an den Rand geschrieben, die sie noch nicht wissen kann. Somit bekam sie sogar eine gute Note. Sophia empfindet die Schule eher als lästig. Aber immerhin sieht sie ihre Freunde und das Essen in der Mensa sei auch ganz passabel. Paula hat nun auch eine gute Freundin gefunden, die Chinesin ist. Das freut uns natürlich sehr, da dann Themen wie Heimweh nicht zum Hauptthema werden. Der Vater der neuen Freundin hat selbst in Heidelberg Germanistik studiert und möchte, dass seine Tochter nun auch die Sprache lernt. Manling spricht perfekt Deutsch, kann dafür aber die chinesische Schrift nicht lesen. Natürlich ist das für die Eltern ein hoher Preis. Zwar gibt es in der Schule Chinesisch-Kurse, die Teilnahme ist aber freiwillig und das Niveau nicht unbedingt das, was sich Manlings Eltern vorstellen. Die haben wir auch schon kennenlernen dürfen und das sind ganz liebe Leute. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen chinesischen und europäischen Familienansichten. Hier in China leben die Familien oft mit den Großeltern zusammen. Das hat den großen Vorteil, dass die Eltern dann Beide vollzeitberufstätig sein können. Die Erziehung von meist nur einem Kind, liegt dann in der Hand der Großeltern. So läuft es über Generationen, dass immer die Großeltern erziehen. Manche Eltern arbeiten auch in der Stadt. Das Kind wächst dann bei Opa und Oma auf dem Land auf. Das ist auch der Grund, warum sich die meisten Familien einen Jungen wünschen. Der Junge bleibt bei den Eltern wohnen, die Mädchen verlassen das Haus, wenn sie heiraten, und leben dann in der Familie des Mannes. Die Großeltern haben das Sagen. Oft auch, was das Kind studieren soll und wo. Als Einzelkind unterliegt man einem unheimlichen Druck. Chinesische Schüler haben oft Unterricht bis 17 Uhr. Danach haben sie meist Nachhilfeunterricht bis teilweise 23 Uhr. Zeit zum Spielen oder gar für Freunde bleiben somit völlig auf der Strecke. Das ist auch der Grund, weswegen viele Chinesen ins Ausland wollen. Dort hätte das Kind dann auch eine Kindheit, die nicht nur aus Lernen besteht. Der Druck auf die Wunschuniversität ist selbstverständlich noch größer. Da werden monatelang Probeklausuren geschrieben und ganze Passagen auswendig gelernt, um sich auf den EINEN Test vorzubereiten. Wenn eine Frage falsch beantwortet wurde, ist es vorbei mit dem Traum von der gewünschten Universität. Da es so viele Schüler und Studenten gibt, können die Universitäten sich das durchaus aussuchen. Wenn überhaupt das Geld der Familie für solch eine Ausbildung ausreicht und der Druck nicht zu groß wird. Man sieht ungelogen keine spielenden Kinder auf den Straßen und ich habe mir sagen lassen, dass die Selbstmordrate bei chinesischen Schülern sehr hoch ist. Es ist erschreckend. Auch erschreckend der hohe Anteil an unverheirateten Männern. Da sich alle einen Sohn in der Ein-Kind-Politik gewünscht haben, wird das wirklich zum Problem. Markus` Kollege erzählte, dass er erst eine Wohnung und ein Auto kaufen musste, bevor er eine Frau bekam. Aber auch den neuen Schwiegereltern muss eine nicht unerhebliche Summe gezahlt werden, um die Erlaubnis für die Hochzeit zu bekommen. Einfach unfassbar. Dabei ist der Kollege von Markus sehr intelligent, nett und sieht auch gut aus. Markus‘ Chef selber hat übrigens zwei Kinder. Und das noch zu Zeiten, wo es die Ein-Kind-Politik noch gab. Es gibt aber einen Trick. Seine Frau brachte das zweite Kind in Hongkong zur Welt und schon muss man keine Strafe zahlen. Die Strafen sind nicht unerheblich. Sie liegen zwischen 600- 35 000 Euro, je nach Region. Wer ein zweites Kind bekommt und die Strafe nicht zahlen kann, bekommt keine Papiere für das Kind. Das hat fatale Folgen: Kein Schulbesuch, keine Heirat, nicht einmal eine Fahrkarte kann man ohne Ausweis kaufen, wie wir schon feststellen mussten. Diese Kinder leben meist versteckt zuhause und werden „Schattenkinder“ genannt. Daher pilgerten die Frauen, die konnten, nach Hongkong zur Entbindung. Allerdings hat das Ganze auch einen Nachteil: Die HongKong-Kinder haben keinen chinesischen Pass. Also leben die Familien meist dicht im Grenzgebiet, da die Kids ja nicht in China zur Schule gehen können, ohne Papiere. Markus ‘Chef hat eine andere Lösung: Sein zweites Kind geht auf eine internationale Privatschule. Ich fühl mich wie im Auslandsjournal. Und das, wo ich gerade ausgiebig studiere, was soziale Gerechtigkeit ist. Des Weiteren gab es wohl auf dem Land alle drei Monate eine Pflichtultraschalluntersuchung für alle Frauen im gebärfähigen Alter. Wer aber einen landwirtschaftlichen Betrieb hat, darf mehrere Kinder haben, bis ein Sohn geboren wird. Das habe ich aber aus dem Internet und es nicht selbst erlebt. So ist es aber mit der Diktatur. Seltsamerweise empfindet das kein Chinese als unfair oder nicht richtig. Alles ist geregelt und Jeder versucht seinen Pflichten nachzukommen. Nur nicht auffallen…
Was man von mir eher nicht behaupten kann. Kürzlich habe ich einen Chinesen verwechselt (die sehen für mich alle gleich aus…) und freundlich gegrüßt. Dieser blieb wie vom Blitz getroffen stehen und schaute mich mit offenem Mund an. Dann gestikulierte er mit seinen Armen, wie groß ich doch sei. Ja, ich bin ein Riese! Er sollte doch besser aufpassen, dass ich nicht auf ihn drauftrete mit meinen riesigen Füßen! So etwas kann schnell passieren! Mit den Füßen habe ich schon Waldbrände ausgetreten! Dass wir alle in unserer Familie groß sind, wird mir hier besonders bewusst. Selbst Sophia trägt Jeans aus der Damenabteilung. Meine eigenen Hosen habe ich kurzerhand heiliggesprochen. Die will unsere Ay-i (chinesisch: Tante) immer in den Trockner stecken. Sie hat mich ausgelacht… Heilige Hosen… Es gibt aber einen Ort, wo man sich Kleidung und Schuhe maßschneidern kann. Dort habe ich kürzlich meine ausgelatschten Lieblingsschuhe hingebracht mit der Bitte, diese doch nachzubauen. Wenn man davon absieht, dass für meine riesigen Füße mindestens drei Rinder sterben mussten, hat der Schuhmacher gute Arbeit geleistet. Kopieren können die Chinesen! Das steht außer Frage! Und mehr als ein paar Schuhe bei Zalando kosten meine neuen Treter auch nicht. Als ich meine Kinder befragte, wie ihnen denn meine neuen Schuhe gefallen würden, gab es betretendes Schweigen. Als Auswahl stellte ich dann „Oma“ oder „Öko“ zur Wahl. Es wurde dann Öko-Oma. Was soll‘s.
Chinesen sind unglaublich hilfsbereit. Neulich war ich unterwegs in einem anderen Wohngebiet. „Riverside“. Also ein Wohngebiet am See. Ist ja schön! Wer kann denn bitte ahnen, dass der See und somit das Gebiet so groß ist, wie in Hannover ein ganzer Stadtteil? Als ich dem Pförtner erklärte, wo ich hinwollte, hatte dieser Mitleid mit mir. Wir hatten norddeutsches Schietwetter mit Regen und viel Laub auf den Straßen. Da ich nun mal nicht aus Zucker bin und einen Schirm dabeihatte, machte ich mich frohen Mutes auf den Weg. Eine halbe Stunde später hielt neben mir ein junger Chinese auf einem Elektroroller und fragte mich, wo ich denn hinwolle. Ohne zu zögern, zeigte er freundlich auf seinen fahrbaren Untersatz. Da stand ich erst einmal da mit offenem Mund! „ICH SOLL AUF DAS KLEINE DING???“ Ich muss dazusagen, dass das Motorrad ungefähr so groß wie ein Bobbycar war. Todesmutig bin ich aber aufgestiegen und hatte das Gefühl auf einem Rasenmäher zu sitzen. Es regnete immer noch und es lag Laub auf dem unebenen Pflaster. Der nette Junge fuhr ganz langsam und behutsam mich durch den Riverside, zur Belustigung einiger Gärtner, die das Laub zusammenfegten. Dass wir nicht zusammengebrochen sind, grenzt an ein Wunder. Ich sah mit meiner grünen Jacke und Leggins bestimmt wie Hulk auf dem Roller aus. Ich konnte mich gerade noch zusammenreißen, um nicht „born to be wild“ herauszukreischen. Dabei klammerte ich mich fest an meinen kleinen Chinesen, um nicht herunterzufallen. Zwischendurch bekam ich Zweifel: So Körperkontakt ist ja doch ziemlich unsittlich aus chinesischer Sicht. Wenn ich mit meinem Mann Hand in Hand spazieren gehe, wird das fast schon so gewertet, als ob ich ihm in aller Öffentlichkeit die Kleider vom Leib reiße…. Also fühle ich mich jetzt ganz unsittlich, da ich den Rücken von einem fremden Mann im Arm hatte. Pfui, Urda! Aber auch die wildeste Fahrt hat auch mal ein Ende und ich kam dann doch noch sicher ans Ziel.
Von meinem Studium kann ich berichten, dass ich gut nachgearbeitet habe. Zwei Hausarbeiten habe ich geschrieben, wofür ich unbedingt Literatur brauchte. Also auf in die Schulbibliothek! Aber über wissenschaftliches Arbeiten konnten die mir so gar nichts anbieten. Dort gibt es: Reiseführer, Geschichtsund Biologiebücher, die deutschen Klassiker, ein bisschen Philosophie und Ratgeber, wie man sein Kind erzieht oder durchs Abitur kommt. Titel wie: „Abitur leicht gemacht“, „Lernen wie im Schlaf“ und „Jedes Kind kann schlafen lernen“. So, so! Mir fällt noch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in die Hände und es überkommt mich, dieses Buch, was ich früher verschlungen habe, mitten in die Erziehungsratgeber zu stellen. Find ich irgendwie schlüssig. Wenn „das Kind“ nun nicht schlafen lernt, kann es schnell zum Bahnhof Zoo kommen, nicht? Ich bin bitter enttäuscht von meiner Ausbeute, bekomme aber gute Tipps zur Online-Recherche. Ich wurde gefragt, ob ich weitere Erfahrungen im Postwesen gemacht habe. Nun, weitere Skripts für mein Studium sind unterwegs, daher kann ich noch nicht sagen, ob es diesmal klappen wird. Weitere Pakete und Briefe habe ich schon verschickt und bis auf wenige Ausnahmen ist alles angekommen. Die Post hat übrigens eine schöne Waage, wo sich regelmäßig Menschen draufstellen, um ihr Gewicht zu überprüfen und dann die Post wieder verlassen. Da unsere Personenwaage aber in Hannover steht, habe ich gefragt, ob ich da auch drauf darf. Ich durfte! Nur hat dieses unverschämte Gerät mir 10 Kilo mehr angezeigt! Mein lautes „Waaaas“?! haben auch sämtliche Personen in der Poststube verstanden und sich köstlich amüsiert. Obwohl ich der Waage nicht traue, bin ich wieder sehr motiviert, joggen zu gehen. Dies freut auch das Wachpersonal an der Schranke im Wohngebiet. Kürzlich wurde mir sogar per Gestik angedeutet, ich könne mich doch unter der Schranke per Limbo durchwuchten. Da habe ich dem Spaßvogel doch glatt den Vortritt gelassen! Das wollte er dann aber auch nicht. Spaßbremse! Jetzt kommentiert er nur noch auf Chinesisch, wenn er einen Jogger sieht: eins, zwei, eins, zwei… Dem scheint sehr langweilig zu sein.
Ich habe einen Geheimtipp bekommen, wo ich gut ausländische Produkte einkaufen kann. Es soll in der Nähe der deutschen Schule einen inoffiziellen Laden geben. Da war vorher eine Tierhandlung drin und der Laden sieht verschlossen aus. Wenn man aber die Klingel betätigt, würde einem schon jemand aufmachen und es würde immerhin gute Produkte geben. Trau ich mich das? Sicher doch! Todesmutig klingle ich und mit einem Ruck geht die morsche Tür einen Spalt auf. Ich werde beobachtet und dann am Ärmel in den dunklen Laden hineingezogen. Es riecht übrigens nach Tierhandlung. Katzenklo? Wenn ich hier nicht mehr rauskomme, findet mich keine Sau…. Keine Panik! Wie hätte ich denn sonst diese Mail schreiben können?! Eben! Die Verkäuferin spricht englisch. Do you want buy cheap? I cheap! Cheap shop! Das glaube ich ungesehen. Endlich macht sie das Licht an. Es gibt saure Gurken, Milch, Käse, Bier, Mineralwasser und Prosecco! Bingo! Ich erfahre, dass sie auch nach Hause liefert. Lose Dinge kann oder besser will ich hier nicht kaufen. Aber Mineralwasser, Milch, Bier und Prosecco gehen, da sie verpackt sind. Da stört auch der Katzengeruch nicht. Wobei an Katze sollten wir uns so langsam gewöhnen: China hat ein echtes Katzenproblem! Die Leute haben gerne Haustiere, wenn sie noch klein und niedlich sind. Wenn sie aber größer werden, werden diese armen Geschöpfe einfach vor die Tür gesetzt. So traf ich einen kleinen Kater, der eines Tages bei uns vor der Tür stand und mauzte. Da habe ich den Fehler gemacht, ihm eine Scheibe Wurst zu geben, was er uns mit Vollstrullern der Haustür dankte. Ihr werdet nicht glauben, wer am nächsten Tag wieder vor der Tür stand. Ich habe natürlich versucht, herauszufinden, zu wem er wohl gehören könnte. Hier im Wohngebiet gibt es eine Dame, die sich um solche Fälle kümmert. Die kennt auch alle Tiere. Also hat sie ihn erst einmal begutachtet. Der Kater ist neu und unkastriert. Er soll zum Tierarzt für eine Wurmkur, Floh-Kur, Impfung und Kastration. Ich bin verdutzt. Wenn er nun doch Jemanden gehört, wäre es Sachbeschädigung, das Tier kastrieren zu lassen. Ich bin verunsichert, die Dame ist angefressen. Letztendlich übernehmen wir alle Kosten, aber nicht die Kastration. Das ist dann ihre Verantwortung. Am nächsten Tag zur Mittagszeit schickt sie mir ein Foto. Von dem Kater, auf dem Rücken liegend, neben ihm die abgeschnittenen Hoden. Und das zum Mittagessen. Ich überlege noch, ob ich das Foto an Markus weiterleite, lasse es aber, der kann kein Blut sehen. Abends kommt die Nachricht, dass der Kater wach ist und aus der Tierpraxis raus muss. Draußen ist es saukalt und ob er nicht bei uns schlafen kann. Er darf ins Gäste-WC und verkriecht sich gleich unter dem Schrank. Am nächsten Tag baue ich ihm eine Styroporbox, die ich mit weichen Handtüchern auskleide. Fressnapf und Wasser hat er sowieso schon. Nur einen Namen hat er nicht. Mein Mann ist immer so praktisch: „Das Vieh ist ein Kater?! Auf Englisch heißt Kater Tomcat… Oder hangover“ Also dann eben Tom. Tom wohnt nun vor unserer Tür und wird täglich bespielt, gefüttert und gestreichelt. Aber er wird in China bleiben, auch wenn es schwerfällt. Denn eine so lange Flugstrecke in einer Box wäre nicht das Richtige für unseren Freigänger. Es ist übrigens bildschön…und frisst am liebsten Thunfisch. Als ich neulich Putenreste für ihn hatte, hat er mich angeschaut, als ob ich ihn vergiften wollte…
Ansonsten herrscht hier, wie in jeder anderen Familie auch, der Alltagswahnsinn. Ich räume meiner Familie die Wäsche hinterher und ermahne die Kinder, sich die Zähne zu putzen, bekomme fast immer einen halben Herzinfarkt, wenn eine E-Mail von der Schule auftaucht, wo mir von Kopfläusen berichtet wird. Da hilft auch kein Spruch von Markus, ob die Läuse nun Schlitzaugen haben oder nicht… Ich will die Dinger nicht Zuhause haben, da es hier in China keine richtigen Medikamente dagegen gibt. Ich rege mich über unseren Fahrer auf, da er mit seinen 32 Jahren einen furchtbaren Musikgeschmack hat. Ich kann von Klassik bis Hardrock mit allem leben. Aber NICHT mit einem chinesisch singenden Heintje, der „MAMA!!!????!!!“plärrt. So schnell konnte Jimmy gar nicht schauen, wie blitzartig ich mit der Faust auf das Radio eindresche! Es hätte nicht viel gefehlt, da hätte ich ins Lenkrad gebissen. Er wechselt sofort den Sender! Jetzt hören wir Chris de Burgh, mit „Lady in red“ Ich wünsche mir einen Hörsturz! Mann, Jimmy! Du bist 32 Jahre alt und nicht 82!!! Womöglich denkt er, dass dies mein Geschmack ist…Hilfe! Den zwölfjährigen Rotwein von Markus‘ Chef habe ich dank eines Zuckerhutes meiner Schwiegermutter zu Feuerzangenbowle verwurstet! Wenn den niemand seit zwölf Jahren trinken will, ich will ihn auch nicht. Ihr fragt mich, was ich am meisten vermisse?! Mein Wasserbett, mein Auto, mein Fahrrad, meine Lieblingszahnpasta und meinen Radiosender! Aber am meisten natürlich Euch!!!!! Ich könnte sicherlich noch weitere fünf Seiten schreiben. Aber wie mein Lehrer immer so schön sagte: „Frau Schleier, Sie müssen die Sache mal auf den Punkt bringen.“ Wie sehr ich doch meine Schule vermisse… Aber gut, mache ich. Viele Grüße, Punkt!
Ihr Lieben!
