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Ein Leben in Idylle, Schein, liegt plötzlich in Trümmern. Eine verzweifelte Entscheidung ändert alles, für immer. Fünfzig Jahre nach dem Suizid der Eltern reflektiert die Autorin die Hintergründe und Auswirkungen. Schock, Verdrängung und Funktionsmodus prägten das familiäre Umfeld, damit auch die damals Achtjährige. Erst nach einem Burnout im Berufsleben findet sie bessere Methoden zur Bewältigung. Dieses Buch schildert einen veränderten Lebensverlauf sowie persönliche Erfahrungen mit verschiedenen Bewältigungsstrategien. Wenn es über die Eigentherapie hinaus auch anderen Betroffenen hilft, besser in ihr Leben zurückzufinden oder eine präventive Wirkung entfaltet, kann es inneren Frieden weitergeben. Suizid ist nach wie vor eine bedeutsame Todesursache, doch weiterhin ein Tabuthema. Und immer noch bleiben betroffene Angehörige und Freunde entsetzt mit Leid und Fragen zurück.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Ein Buch von einer Betroffenen für Betroffene.
Dieses Buch fand keinen Verlag, aber hoffentlich findet es den Weg zu den Zielgruppen.
Es ist ein Unikat hinsichtlich der verwendeten Schreibstile, einer Mischung aus Autobiografie, Roman und Sachbuch, mit kleinen Anteilen von Lyrik. Damit ist so ein Werk sehr schwer in ein Verlagsprogramm zu fassen.
Ferner schrieb dies kein Promi, keine Schauspielerin, Politikergattin oder bekannte Psychologin, sondern eine ganz alltägliche Frau, vielleicht ihre Arbeitskollegin oder Nachbarin?, die ein ganz ungewöhnliches Schicksal erfuhr.
Insbesondere ist das Thema Suizid weiterhin tabubelastet. Aus Gründen der Pietät, zum Schutz der Hinterbliebenen und zur Vermeidung von Nachahmungen. Und wer tut sich das schon freiwillig an, sich damit auseinanderzusetzen? Erst wenn eigene Betroffenheit uns ein Ausweichen und Wegblenden nicht mehr erlaubt, wird aus dem theoretisch Abstrakten etwas praktisch Konkretes. Doch immer noch zu schwer, um zu verstehen. Es besteht Aufklärungs- und Handlungsbedarf.
Das sind drei starke Gründe, den Weg über Selfpublishing zu wählen. Denn die Geschichte dahinter, insbesondere jedoch die hilfreichen Bewältigungsstrategien, sollen geschrieben und auffindbar sein.
Zeitungsausschnitt 1966
Vorwort
Wirtschaftsmodell Bauernhof
Hineingeboren und verloren?
Wie der Vater so der Sohn?
Bauernsöhne heiraten Bauerntöchter
Regeln und Erwartungen geben den Weg vor
Kinder fühlen sich auf einem Bauernhof wohl
Schuld tragen und verzeihen lernen
Verdrängung ist keine dauerhafte Rettung
Die Eisdecke trägt nicht mehr
Suizid als Rückkehr zum Frieden?
Niemand will der Unglücksbote sein
Vaters Tod verschlimmert die Not
Dunkles Familienerbe
Schwere Zeiten - schwere Entscheidungen
Omas Erziehungsmodell: Redewendungen
Zwischen den Stühlen
Was sollen denn die Leute sagen?
Kindliche Prägung verfolgt dich lange
Wenige Fotos und Erinnerungen sind geblieben
Killersprüche aus der Kindheit
Ohne Moos nix los
Glaubenssätze fürs Leben
Frühkindliche Priorisierungen
Fantasiewelten
Mobbing als zeitübergreifendes Phänomen
Die Energie der Gefühle
Der Esel geht aufs Eis
Überforderung am Arbeitsplatz
Minus und Plus gleicht sich (nicht) aus
Depression / Burn-out
Degradierung
My home is my castle
Killersprüche auf der Arbeit
Muss Genießen wieder erlernt werden?
Größe ist mehr als Hierarchie
Eigene Werte – eigene Prioritäten
Ich will gefragt werden
Verschlossene Türen
Monopoly des Lebens
Ungleichheit beginnt schon in der Familie
Mein Umgang mit Unvorstellbarem
Abschied von der Pflegemutter
Fünfzig Jahre Verdrängung
Traumata statt Lampenfieber
Das innere Kind
Traumatherapie
Die Woody-Allan-Nummer läuft nicht
Eine Marionette auf Eis
Wille und Wut gaben Kraft
Resilienz stärken
Familienaufstellung
Die Kraft der Imagination
Was ist Glück?
Wozu neigen die inneren Ratgeber?
Achtsamkeit ist nicht Egoismus
Bedürfnisse resultieren in Verhalten
Fehler zum Lernen und zum Wiederholen
Der richtige Partner
Liste der Entbehrungen
Ein arbeitsloser Mann erhöht den Druck, oder nicht?
Der richtige Blick auf Dankbarkeit
Was ich heute (nicht) will
Mut zur Selbstbestimmung
Groll ist ein dicker Brocken – in dir
Entrümpeln bringt Luft, Aufrüsten hilft Tragen
Welche Art Mutter wäre ich geworden?
Hätte, hätte, Fahrradkette
Freiheit, die ich meine
Im Flow angekommen
Warum bleiben Frauen?
Noch ein Jahr
Lessons Learned
Ich schreib` ein Buch
Gesellschaft im Wandel – per Gesetz
Begriffserklärungen
Literaturempfehlungen
Internet Quellenangaben
Nachwort
Autorenvita
Eigene Baustellen
Diesen Zeitungsartikel habe ich erst vor wenigen Jahren von meiner Schwester bekommen, sie wusste ja nicht, dass ich ihn nicht kannte. Sofort tat mir mein Vater leid, so öffentlich angeprangert zu werden. Hatte ihn jemand aus der Familie denunziert? In unserem Dorf musste jeder gleich gewusst haben, wer gemeint war. Wie sollte er damit umgehen können?
Dieses Buch erzählt von mir und meiner Familie, jede und jeder Einzelne mit seinem eigenen Lebensrucksack beladen. Und fast alle haben wir die gleichen Steine im Laufgepäck behalten: Anpassung, Selbstverleumdung, Pflichterfüllung und Verdrängung.
Meine Eltern wussten sich vor über fünfzig Jahren nicht mehr zu helfen und wählten nacheinander den Suizid. Tabu – Tat wie Thema. Meine Familie schwieg auch und verdrängte. Sie musste schnell von Trauer und Schock in den Funktionsmodus wechseln und schwere Entscheidungen treffen. Wohin nur mit den vier unmündigen Kindern? Dabei hatte ich so viele Fragen.
Diese tragischen Todesfälle hatten nachhaltige Auswirkungen auf die Hinterbliebenen. Darum schreibe ich unsere Geschichte auf. Denn was verschwiegen wird, könnte sich wiederholen.
Was sich für mich als damals Achtjährige änderte, um mich herum und in mir, wie sich mein weiteres Leben ohne Eltern gestaltete, beschreibe ich als biografische Rückschau anhand von Erinnerungen und Reflexionen.
Erst Jahrzehnte später habe ich nach einem Burn-out meine familiären Hintergründe erforscht. Ich suchte hartnäckiger nach Antworten auf die vielen ungeklärten Fragen, die alle mit „Warum?“ begannen.
Meine Eltern hatten nichts hinterlassen, also waren alle von mir Befragten auf eigene Erinnerungen sowie Vermutungen angewiesen, die überwiegend nur sehr schwer formulierbar waren. Unsere Familienmitglieder hatten lange geschwiegen und verdrängt, um weiterleben zu können. Doch ich wollte endlich mehr erfahren, wollte verstehen können. Und sicherlich auch vermeiden, denselben Weg zu gehen.
Womit hatte das Untragbare angefangen? Was alles hatte zu diesem verzweifelten Ausweg beigetragen? Und welche empfindsamen Knöpfe wurden dadurch in mir angelegt?
Zu der Zeit las ich ein Buch von Hape Kerkeling und erlaubte mir zum ersten Mal, über wütende Gefühle in meiner Kindheit nach dem Elternsuizid nachzudenken. Ich war damals sicherlich schockiert, sehr traurig und ängstlich im Hinblick auf „Wer passt denn jetzt auf mich auf?“
Und ich glaube, ich habe eine mögliche Wutreaktion wie „Was fällt euch ein, mich hier alleine zurück zu lassen!“ unterdrückt. Ich hatte ja schließlich die Trauer um mich herum wahrgenommen, die Hilflosigkeit und Überforderung der Erwachsenen mit dieser Situation.
Da war kein Platz für meine Wut. Also runter damit, wegsperren. Nicht mehr daran denken, nur weiterlaufen, wie die Erwachsenen und funktionieren. Nur - das frisst Energie. Und noch gemeiner, es holt dich doch irgendwann ein, denn Gefühle wollen gefühlt und ernst genommen werden. So kommt es, dass die (unterdrückten) Gefühle in Situationen zu einem viel späteren Zeitpunkt auslösen (triggern), zu denen sie vom Kopf her betrachtet gar nicht passen.
Erst Jahrzehnte nach unserem Familiendrama habe ich psychologische Hilfe gesucht und bekommen, weil ich nicht mehr gut funktionierte und krank/depressiv wurde. Im Stil eines Ratgebers schildere ich meine erfahrenen Therapiemethoden und Erkenntnisse, die mich schließlich gestärkt haben. Die mir endlich ermöglichten, mehr inneren Frieden mit meiner familiären Situation und den daraus resultierenden Veränderungen zu machen.
Für Achtsamkeit und Selbstverantwortung ist es nie zu spät. Oft, sehr oft sogar, erschrecken uns diese Grundhaltungen schon im gedanklichen Ansatz, denn sie katapultieren uns aus unserer zwar unliebsamen aber immerhin gewohnten Komfortzone. Die Ideen im Kopf, etwas radikal zu verändern, können uns die Luft zum Atmen nehmen, den Schlaf rauben, nervös machen und resignierend dann doch lieber im Gewohnten verharren lassen. Die gefühlte Ausweglosigkeit und Abhängigkeit, der Verlust an Kraft, Sinn und Lebensfreude kann zu Depressionen führen oder schlimmstenfalls in den Suizid treiben. Viele Menschen schieben auf den nächsten Tag, drücken sich so vor der Entscheidung, ihrem konsequenten Handeln. Hoffen auf ein Wunder oder erklären die Rente zur eigentlichen Lebens- und Nachholzeit.
Von solchen Menschen handelt ein Buch einer Hospizangestellten, die viel liebevolle Zeit mit ihren Patienten verbrachte und erfuhr, was diese an der Schwelle zum Tode in ihrem Leben am meisten bedauerten. Es ging im Endeffekt um Unterlassenes mehr als um Geschehenes.
Final traf ich zwei wichtige Beschlüsse für mich:
1. Ich will nicht bedauern, was ich hätte ändern können.
Da ich nicht wissen konnte, wieviel Sandkörnchen in der Lebensuhr für mich noch vorgesehen sind, hielt ich innerlich meine Zeit an und besann mich. Würde mich jetzt, noch gesund und energievoll, dieselbe Hospizangestellte fragen „Was bedauern Sie am meisten?“, käme sofort „Hätte ich doch den Mut gehabt, um …!“
Ich hatte ihn dann auch. Ich habe mein Arbeitsverhältnis gekündigt. Künftig will ich selber über mein Leben bestimmen. Ich will mehr Kann als Muss, mehr Kür als Pflicht und raus aus dem Funktionsmodus.
2. Ich möchte Suizide verhindern und heilen helfen.
So entstand die Idee im Kopf und im Herzen, unsere Geschichte als mahnendes Beispiel aufzuschreiben. Den schmerzenden Auswirkungen dieser aufgegebenen Leben irgendeinen Sinn, irgendetwas Gutes abgewinnen zu können. Denn wer diesen verzweifelten Schritt gehen möchte, braucht Hilfe. Er/Sie kann nicht alle Optionen für sich oder die Konsequenzen für Hinterbliebene überblicken. „Das habe ich nicht gewollt.“, gilt nicht. Wer sich in dieser Art aus dem Leben macht, sündigt nicht nur gegen sich selbst. Er/Sie hinterlässt viel Schock und Schaden bei Unschuldigen. Wenn dies nur eine Person mit Suizidgedanken liest und sich frühzeitig Hilfe holt.
Wenn nur ein betroffener Angehöriger schneller in sein Leben zurückfindet.
Wenn nur eine verletzte (Kinder)seele Wege zur Heilung erkennt.
Es gibt ein Leben DANACH! Auch ein gutes, erfülltes Leben mit Glücksempfinden und Gelassenheit. Und je eher eine verletzte Seele therapiert wird, je eher kann dieses neue Leben beginnen.
Meine Eltern stammten beide aus einer langen Ahnenreihe von Landwirten – Bauern also. Traditionell bleiben die Großeltern bis zu ihrem Tode auf dem Familienhof, der stets an den ältesten Sohn übergeben wird. Dieser wächst schon sehr früh und für alle erkennbar in seine angedachte Rolle hinein. Und sehr früh schon erkennt er seine Chancen: `ich muss nicht weggehen, ich darf als Einziger zu Hause bleiben, vor allem werde ich mein eigener Herr sein`. Ein ehrenvoller Beruf mit Entwicklungspotenzial, Selbstbestimmung, Arbeiten an der frischen Luft und im Einklang mit den jahreszeitlichen Erfordernissen in der Natur. Vorsitzender der Familienangehörigen, Herr über die Dienerschaft, Meister über eine unterschiedliche Artenvielzahl an Hoftieren plus Eigentümer von Grund, Haus, Gehöfte, Feld, Wald sowie aller technischen Investitionen.
Learning bei doing von Kindesbeinen an. Wissen der Eltern wird an den Jungen übergeben. Natürlich macht dieser später eine landwirtschaftliche Ausbildung, sammelt Erfahrungen in einem anderen Betrieb und kehrt als potenzieller Hoferbe zurück.
Irgendwann übergibt dann der Altbauer an den Jungbauern den Hof samt Verantwortung, Handlungsbefugnis und „Sagen-Haben“. Meistens bei dessen Hochzeit oder bei seiner eigenen Familiengründung. Dann zieht sich der Alte aus dem Management zurück, steht aber weiterhin beratend und betreuend zur Verfügung. Seine Gattin, also die Oma der kommenden Generation, wird dann Helferin statt Herrin des Haushaltes, berät und unterstützt die zugezogene Schwiegertochter nach besten Kräften, kocht weiterhin ein, kümmert sich um den Garten und hütet die Enkel. Kurz, sie macht sich in jeder noch möglichen Weise nützlich, sie wird noch gebraucht.
Kommt diese Schwiegertochter aus einem anderen Ort, wird sie in manchen Regionen eine „Reingeschmeckte“ genannt. Ihr Leben lang. Und ihr Leben lang ehelicht eine eingeheiratete Ehefrau auch die Schwiegereltern. Bald und oft werden die Alten „Großeltern“ genannt werden und verbringen ihr Altenteil in der Familie des Sohnes auf dem Hof, auch wenn sie längst schon datterig, dement, pflegebedürftig, grantig oder sonst was sind. Die Schwiegertochter wird sie dann erwartungsgemäß natürlich liebevoll versorgen und pflegen, denn der Familienzusammenhalt geht bis in den Tod.
Der älteste Sohn ist schon immer eine Art Rentenversicherung für die Alten gewesen. Auch viele Kinder zu zeugen, erhöhte die Chancen auf ein gutes Auskommen im Rentenalter.
Dank ihrer gesunden Lebensweise haben Großeltern auf einem Bauernhof aber eine eher überdurchschnittliche Lebenserwartung und bleiben agil.
Auf der Seite der Risikobetrachtung des Hoferben finden sich die natürlichen Unwägbarkeiten einer launenhaften, sich ändernden Natur, der Politik und des Marktes: Dürren oder Dauerregen, Borkenkäfer und Pilzbefall, die Tiere könnten von Seuchen befallen werden, administrative Hürden oder Auflagen, Rechtsänderungen und einen Markt, der weitgehend die Preise vorgibt.
SWOT-Analyse nennen es Firmen, die für eine neue Strategie oder ein neues Produkt die Chancen (opportunities) gegen die einschätzbaren Risiken (threads) abwägen.
Solche Prozesse laufen bei Bauern seit Generationen überwiegend im Autopiloten, denn sie kennen ihr Geschäft gut. Sie kennen ihr Stück Land und Wald, die jeweilige Bodenqualität ihrer Anbauflächen, nennen ihr Vieh oftmals beim Namen, wissen, was wann wie gesät, geerntet und versorgt werden muss.
Um ein weiteres Mal in die Begriffswelt der Industrie zu wechseln: ein win-win-deal für alle Beteiligten – du gibst etwas – du bekommst etwas zurück. Oder, wer es lieber aus der Ideologie der eleganten Musketiere sehen möchte: „einer für alle, alle für einen.“
Diese Philosophie wird quasi schon mit der Muttermilch eingesogen.
So läuft generationsübergreifend zumindest in der Theorie das Modell: alle sind sich wohlgesonnen, kennen und akzeptieren ihre Rollen, arbeiten gemeinsam an den Zielen, sich selbst versorgen zu können und den Bauernhof in seiner Wirtschaftssubstanz für die Folgegeneration mindestens zu erhalten.
Nachhaltigkeit wird hier also seit Anbeginn praktiziert, auch wenn es noch niemand so nannte.
Neulich, in einem Theater, ließ sich der Darsteller auf der Bühne über sein Schicksal als Lehrerkind aus. Vater Lehrer, Mutter Lehrerin, Opa, Onkel – überall Lehrer um ihn herum. Er habe arg darunter gelitten und sich deshalb für einen ganz anderen, eigenen Beruf entschieden.
Auf einem Bauernhof stehen alle Kinder bis auf den ältesten Sohn vor einer derartigen Entscheidung: was soll ich bloß einmal werden, was macht mir Spaß, was kann ich gut, womit will ich für die nächsten 45 Jahre mein Geld verdienen und möglicherweise eine Familie ernähren?
Dummerweise wollte ausgerechnet mein Opa gerne Lehrer werden. Durfte er aber nicht, denn er musste den elterlichen Hof übernehmen. Und er hat sich – mit welchen inneren Kämpfen und Gefühlen auch immer - in diese Rollenerwartung gefügt. Ideale Startbedingungen? Lehrer sein zu wollen, bringt bereits eine völlig andere Grundmentalität mit sich. Ein Landwirt fühlt, denkt und agiert völlig anders.
Lehrer sind zum Beispiel eher vergeistigt, lesen viel, dozieren gerne, haben stets saubere Fingernägel und ansprechend gepflegte Kleidung. Lehrer kommen in den Genuss geregelter Arbeitszeiten, langer und häufiger Ferien, beziehen ein festes Gehalt und nach dem Berufsleben eine Pension. Sie arbeiten in angenehm temperierten Räumen mit regelmäßigen Pausenzeiten. Die Anzahl der Herausforderungen ist überschaubar – ihr Unterrichtsthema steht, das Material wird gestellt und die Kinder ihrer Klassen bleiben für einige Jahre planbare Größen. Wenn ein Lehrer nach Hause kommt, ist Feierabend. Zeit für Familie, Hobbies, Sport, Ausruhen, Lesen.
Wie anders sich sein Leben als Bauer gestalten würde, war meinem Opa mit Sicherheit allzu bewusst, denn das Landleben kannte er ja von früh auf aus seinem Elternhaus. Dennoch hatte er sich den Erwartungen der Familie gebeugt, dem höheren gemeinsamen Ziel folgend. Er hatte seinen persönlichen Wunsch zurückgestellt und verdrängt, vielleicht sogar eines Tages vergessen? Mein Opa erfüllte also seine Pflicht. Er brachte das Opfer, das von ihm erwartet wurde, widerwillig, einsichtig, kampflos, feige, mutlos? Egal, er tat es. Gefühle spielten nach außen hin zur damaligen Zeit bestimmt noch keine so große Rolle. Und doch waren sie da, wollten gehört und verstanden werden.
Entsprechend gut gestimmt hat dieser Mann seinen unerwünschten Weg eingeschlagen, der kein Zurück kennen würde.
Und wie überraschend, dass er die Opfer, die er selber leisten musste, nun auch völlig selbstverständlich und empathielos von anderen erwartete.
Suchte ich ein Beispiel für die Volksweisheit „Frustration erzeugt Aggression“, fiele mir sogleich mein Opa ein.
Er wurde zunehmend launischer, er war egoistisch und herrisch, wollte dominieren, das „Sagen“ haben, dozieren und kontrollieren. Charakter, Umfeld und dieser geforderte Verzicht auf seine Selbstverwirklichung haben ihn geformt und seinen privaten Rucksack gefüllt.
Den Einfluss der Kriegshandlungen zu seiner Zeit lasse ich außen vor. Da ist mein Opa noch relativ glimpflich davongekommen, denn er durfte auf dem Hof bleiben, um die wichtige Grundversorgung mit Lebensmitteln sicher zu stellen.
Ideale Startbedingungen wiederum für meinen Vater? Seinem einzigen Sohn neben fünf Töchtern. Damit sah das Familiensystem von vornherein für ihn keine Wahlmöglichkeit vor.
Auf Opa’s Hof, über dessen Eingangstür groß das Jahr der Errichtung „1850“ steht, wurde mein Vater 1928 geboren. Der erste Junge nach drei Mädchen, und damit endlich der ersehnte potenzielle Hoferbe. Seine Position wurde durch die nachfolgenden Geburten von zwei weiteren Schwestern nicht nur gesichert, sie wurde zementiert.
Zum Glück gefielen meinem Vater der vorgesehene Beruf und die Aussichten, im Ort der Großbauer zu werden.
Damit ist er fröhlicher in seinen Lebensentwurf gestartet. Äußerlich wie charakterlich unterschied er sich vom Opa deutlich: er wurde ein hochgewachsener, attraktiver und gutmütiger Mensch. In den Augen des Großvaters war er zu labil.
Mit 28 Jahren holte er sich eine Gattin auf das Gut, unsere Mutter. Seine Familienplanung mit dieser Freundin seiner jüngeren Schwester war schon unschicklich weit fortgeschritten. Doch unsere Mutter war eine fleißige Bauerntochter aus dem Ort und wurde daher gerne aufgenommen.
Ab und an ging Vater nach getaner Arbeit ein Bierchen trinken, manchmal auch mehr, wenn die guten Kumpel aus der Dorfgemeinschaft oder vom Schützenverein ihn nicht gehen lassen wollten.
Das hat unserem strengen Opa nicht gefallen. Daher wollte er seinem Sohn den Hof noch nicht übertragen. Vielleicht war das auch nur ein Vorwand, um die Rechte des Eigentümers und Bestimmers noch länger selber behalten zu können. Derselbe Opa, der den Hof samt Verantwortung zunächst nicht haben wollte, konnte nun nicht loslassen.
Vater war inzwischen 35 Jahre alt, hatte bereits vier Kinder und lebte immer noch im Status eines künftigen Großbauern. Er war gefühlt nur der Erfüllungsgehilfe seines Vaters, er konnte bei Banken nur mit Opas Hilfe oder Vollmacht Darlehen aufnehmen. Und wenn Oma gerne und oft seinen Geschwistern, die allesamt „in der Stadt“ lebten, Selbsteingemachtes, Schlachtfleisch, Gemüse oder Kartoffeln vom Hof mitgab, sah niemand seine Arbeit dahinter. Die großzügige Oma bekam den ganzen Dank.
So wurde mein Vater nach und nach unzufriedener und frustrierter. Jahr für Jahr und fast Kind für Kind hatte er vergebens gehofft, Opa trete nun endlich zurück und gebe – nicht nur juristisch, aber doch als wesentliche Grundvoraussetzung - Zepter und Status an ihn weiter.
Fast wie ein Leben in der Warteschleife.
Opa hatte also mit dem Hof ein Druckmittel und damit Vater weitgehend in der Hand.
Auch für die Leute im Dorf war er vermutlich nicht der richtige Bauer. Seine Frustration steigerte zunächst nur seinen Alkoholkonsum. Und das wiederum veranlasste den Großvater, den Hof noch überzeugter selber behalten zu wollen. Ein Teufelskreislauf entstand. Manchmal, meist in der Nacht nach einem Kneipenbesuch, erschallten im Haus nicht mehr ganz so entspannte Diskussionen zwischen den beiden.
Davon berichtete mir zumindest viel später mein Bruder, ich selber habe die Anspannungen und Auseinandersetzungen zwischen Vater und Sohn nicht mitbekommen. Für mich war ´mein Papa´ ein gutmütiger Mensch, meistens irgendwo draußen auf dem Feld, bei allen Mahlzeiten jedoch bei uns, wenn wir ihm nicht etwas zum Essen hinausbrachten. Gerne bin ich bei ihm auf dem Traktor mitgefahren, am liebsten hinaus in die Stadt, um z. B. ein Schwein zum Schlachthof oder Äpfel zur Mosterei zu bringen. Ich kenne ihn nicht schimpfend oder tobend.
Hätte Vater frühzeitig gehen können? Seine Frau und Kinder nehmen und sich woanders Arbeit suchen? Hätte er einfach nur mehr Geduld haben müssen? War ihm der Status und damit die Anerkennung seiner Leistung, die Wertbestätigung zu wichtig?
Aber die dramatische Wende in unserer Familie wurde, zunächst nicht erkennbar, durch den Unfalltod eines Kindes ausgelöst.
Diese Gemeinsamkeit haben Lehrer und Bauern dann doch: sie bleiben gerne unter sich. Lehrer heiraten gerne Lehrerinnen und Bauernsöhne suchen nach einer tüchtigen Bäuerin.
So eine wie meine Mutter, geboren 1931. Ihr Elternhof lag nur etwa drei Kilometer vom Vater entfernt. Natürlich kennt man sich da schon von verschiedenen Begebenheiten wie Sonntagskirche, Schützenfesten, Weihnachtsmärkten, Dorfschule oder lokalen Tanzveranstaltungen.
Und irgendwann wurde es Liebe. Meine Mutter hat meinen Vater angehimmelt, habe ich später erfahren.
„Christa, lass uns heiraten, willst du? Ich möchte nicht länger ohne dich auf dem Hof leben. Ich brauche dich. Komm ganz zu mir.“
Uups - meine Mutter war bei ihrer Hochzeit bereits schwanger. Das war zu der Zeit ein echter Skandal. In einer katholischen Familie, auf einem Dorf. Deshalb musste schnell geheiratet werden, bevor es alle sehen konnten. Doch ihre Bestrafung folgte, denn die beiden mussten ohne Mutters Eltern Hochzeit feiern, weil diese nicht kommen wollten. Denn diese Schwangerschaft war eine Sünde. Auf Mutters Elternhof galten sehr strenge Sitten und Regeln, nicht nur religiöse.
Unsere Mutter wusste ebenfalls bereits von ihrer Mutter und Großmutter, was von ihr erwartet wurde. Bauerntöchter heiraten weg. Oder enden als Magd auf dem Hof ihres ältesten Bruders, dem vorbestimmten Erben. Sie hatte vorbereitend auf ihren Beruf und Lebensinhalt zunächst eine hauswirtschaftliche Ausbildung absolviert. Das eben, was eine Frau im späteren Leben gebrauchen wird.
In einen Bauernhof einzuheiraten bedeutete außerdem: viele Kinder, viel Arbeit an sieben Tagen in der Woche, leben mit den Schwiegereltern, keine Urlaubsreisen, keine Boutique-Kleidung. Sie nahm das alles gerne auf sich.
Denn ein Leben auf einem Bauernhof hat auch viele Vorzüge. Die Familie einschließlich Ehemann wäre in der Nähe, damit geht auch Entlastung bei der Kinderbetreuung einher, Betreuungspersonal steht ja zur Verfügung, Öffnungszeiten der heimischen KiTa nach eigenem Bedarf, null Wegezeiten, keine Parkprobleme, nie Gebührenerhöhung, nie Schließung wegen Urlaub oder Krankheit. Ein Haushalt mit viel Platz und immer genug zu Essen in Haus oder Garten, keine Stechuhr, der Boss ist der Mann an deiner Seite.
Mit viel Idealismus hatte Mutter das Haushaltsbudget gestreckt und vieles für uns Kinder selber gemacht.
Es zeigte sich schnell, dass sie sehr geschickt und kreativ bei der Handarbeit war. Sogar unsere Puppen bekamen das gleiche niedliche Trachtenkleidchen wie meine kleine Schwester und ich. Erst als Erwachsene sehe ich das Besondere dahinter. Kam jemals ein Dank für all das, was sie für die Familie geschafft hat? Alle Kinder wurden mit originellen Karnevalskostümen ausgestattet. Auch hier war das Meiste selbst gemacht. Mein roter Funkenmariechen-Rock aus Krepp, der Prinzenumhang vom großen Bruder aus einem Frotteehandtuch gezaubert, der Kleine mit einer Kordel-Perücke zum Piraten erklärt. So sind wir dann in unserer Straße losgezogen, um uns Süßes zu erobern.
Ab und an kam Mutter abends, mein älterer Bruder und ich teilten uns ein Zimmer und lagen schon im Bett, mit selbstgemachtem Eis zu uns hoch. Dann durften wir noch heimlich naschen. „Sagt das ja nicht dem Opa“. Denn unser Opa war vom alten Schlag. Kinder werden nicht verhätschelt, die brauchen ab und an eine Tracht Prügel, helfen daheim mit und sitzen still bei Tisch. Er führte auch ein konsequentes Regiment auf dem Hof, auf dem sich alles nach seinen Wünschen und seiner Gemütsverfassung richtete. Letztere war meistens sehr streng und konsequent. Manchmal auch lautstark. Dann haben wir alle, Omas Vorbild folgend, das Donnerwetter stumm über uns ergehen lassen. Oma hatte im Laufe der vielen Ehejahre gelernt, ihn zu nehmen, wie er ist.
Und Mutter war verschwiegen, sie fraß jeglichen Kummer in sich hinein.
Wie liebevoll haben unsere Eltern das Weihnachtsfest arrangiert. Jahrzehnte noch habe ich mich danach gesehnt. Jahrzehntelang war dieser Tag für mich gleichbedeutend mit Zuhause. Ein besonderes Highlight mit der ganzen Familie. Bereits Wochen vorher roch unser Haus nach Weihnachtsplätzchen, die die Oma zusammen mit unserer Mutter gebacken hatte. Ganze Milchkannen voll an leckerem Gebäck sammelten sich nach und nach an. Urgemütlich warm und voller verlockender Düfte war dann unsere Küche. Es roch nach Zimt, Anis, Lebkuchen, Vanille und nach ganz viel Vorfreude und Frieden. Manchmal durften wir mithelfen, unsere eigenen Kekse ausstechen, selbst wenn das deutlich länger gebraucht hat als ohne uns.
Wir hatte stets eine echte Tanne mit natürlich echten Wachskerzen. Der Baum wurde mit Silberkugeln, Lametta und unseren selbst gebastelten Strohsternen geschmückt. Die haben wir mit Mutter zusammen und filigranem Geschick und Eifer den Eisblumen am Fenster gleich angefertigt. Der Halm wurde dafür mit einem Messerchen sorgsam der Länge nach aufgeschlitzt, mit der heißen Spitze des Bügeleisens geglättet, anschließend in unterschiedlich lange und breite Streifen geschnitten. Manche bekamen Einkerbungen an den Enden. Diese feinen Streifen haben wir voller emsiger Konzentration mit einem dünnen Faden zu Kristallgebilden geformt und vorsichtig zur Befestigung umwickelt. Und stolz war ich, wenn mein Stern eine besonders gute Stelle am Weihnachtsbaum bekam.
Immer das gleiche, liebevoll-spannende Ritual. Die Wohnstube war den ganzen Tag für uns gesperrt, damit Vater und Mutter ungestört alle Vorbereitungen treffen konnten. Manchmal durften wir zwei größeren Geschwister beim Dekorieren mithelfen. Doch am Abend, wir hockten gespannt alle zusammen in der Essküche nebenan, ging nur Vater in den Raum, um das Fenster für das Christkindchen zu öffnen. Ab und zu, wenn wir uns unbeobachtet fühlten, hielten wir ein Auge an das Schlüsselloch, um einen Blick auf das Verbotene zu erhaschen. Leichtes Rascheln von innen, etwas Glitzern durch das winzige Guckloch, war da eine Stimme? Und endlich der Ruf des Glöckchens, Christkind war da, hatte uns allen Geschenke mitgebracht und leckere Süßigkeiten. Unsere Wangen fieberten vor Aufregung und von der Wärme in der Küche. Ganz feierlich ist dann Mutter mit uns in das angrenzende Zimmer gegangen.
„Oh Kinder, habt ihr das gehört. Das Christkindchen war da. Kommt, lasst uns mal schauen, was es euch Schönes mitgebracht hat.“ Sie war eine richtig gute Zeremonienmeisterin.
Der Weihnachtsbaum erhellte das abgedunkelte Zimmer mit heimeliger Wärme. Das Silberlametta und die Kugeln reflektierten geheimnisvoll das Kerzenlicht. Unter dem harzig duftendem Baum lagen viele bunte Würfel und Päckchen, alle unterschiedlich mit Papier und Schleifen eingepackt. Herzöffner, eins wie das andere.
Wir haben stets erst zusammen ganz andächtig vor der großen Tanne Weihnachtslieder gesungen. „Stihille Nacht, heilige Nacht…, Ihr Kinderlein, kommet…“ Mutter strahlte, wirkte dabei so zufrieden. Auch Vater stand lächelnd am Fenster, das er rechtzeitig vor unseren Blicken wieder geschlossen hatte. Wir durften ja nicht sehen, wie das Christkind durch die Lüfte weiter flog. Und die, die das Geheimnis durchschauten, machten weiterhin für die Kleinen mit.
Irgendwann hatten wir keine Lust mehr zu singen. Zu sehr lockten die Geschenke. Doch wie ein Hund auf das Zeichen seines Herren wartet, bevor er fressen darf, warteten wir auf Mutters Zeichen. Auf einen erlösenden Satz: „So Kinder, jetzt haben wir genug gesungen und dem Christkind damit gedankt. Jetzt dürft ihr auspacken.“
Währenddessen standen unsere Eltern Arm im Arm neben dem Baum und schauten uns zu. Ihre Augen glänzten mit unseren um die Wette. Oma und Opa saßen entspannt in den großen Ohrensesseln. Dadurch steht Weihnachten für mich für Zuhause wie Feuerwerk für Sylvester steht.
Auch die Vorbereitungen auf das Osterfest wurden zu einem liebevollen Ritual. Unmengen an Eiern haben wir zusammen mit Mutter in der Küche eingefärbt und gestaltet. Es entstand oft ein spannender Wettbewerb. Wer hat das schönste Ei geschaffen? Das war das Ei, das am wenigsten gerne zum Verzehr hergegeben wurde. Bei den ausgeblasenen Eiern mussten wir besonders vorsichtig arbeiten, damit die Schale nicht unterdessen platzte. Diese Kunstwerke wurden später an die Zweige vom Obstbaum oder von einer Weide in der großen Vase im Hausflur aufgehängt.
Einmal, nach vielem Betteln, durfte ich meiner Mutter beim Melken der Kühe helfen. Ich bekam einen eigenen Eimer, den Milchschemel um die Hüfte geschnallt und habe mich eifrig ans Werk gemacht. Schließlich hatte ich oft genug gesehen, wie das geht. Den letzten Kniff hatte sie mir noch verraten, mich eine Weile dabei beobachtet und dann durfte ich alleine weitermachen. Der Kuh war es egal, ganz ruhig stand sie im Stall und hat ihr Stroh gefressen. Mich hatte der Ehrgeiz gepackt. Das Euter war so prall, der Eimer noch so leer. Ich wollte ihr einen randvollen Eimer mit frischer Kuhmilch übergeben. Zeigen, dass ich das auch schon kann. Dummerweise hatte ich kein Gefühl für Zeit und korrelierend dazu mit der Geduld einer Kuh.
Als ich weiterhin noch das letzte Tröpfchen aus meiner Kuh herausholen wollte, kam von ihr ein Tritt gegen den Eimer und die kostbare Milch floss zu Boden in das Stroh. Erschrocken bin ich hochgesprungen, hab mir schnell den Eimer geschnappt, um zu retten, was ich mühsam seit geraumer Zeit abgemolken hatte. Oh weh, der Rest erschien mir für diese lange Mühsal kümmerlich und schlagartig schlug mein Eifer um in Traurigkeit. Meine Mutter bemerkte natürlich das Malheur und kam zu mir. „Komm lass es gut sein, ich mach jetzt weiter. Das sagen wir beide nicht dem Opa, der würde mit uns schimpfen.“ Sie hatte nicht geschimpft, sie sah meine Traurigkeit und nahm mich kurz in den Arm.
Schöne Erinnerungen habe ich an gemütliche Lesestunden in der mollig warmen Essküche. Nebenan saßen die Großeltern in der Stube vor dem Radio mit dem Holzgehäuse. Fernseher? Fehlanzeige, gab es ja noch nicht, jedenfalls nicht bei uns daheim. Haben wir aber nicht vermisst. Ich saß auf Mutters Schoß, mein älterer Bruder daneben, vor uns auf dem Tisch lag das große Märchenbuch. Die Kinderbibel mit den vielen schönen, bunten Bildern, und sie las uns daraus vor dem Zubettgehen eine Geschichte vor. Ich fühlte mich so geborgen, hatte ihre Wärme gespürt und den Duft ihrer Haare in der Nase. Kamille, manchmal auch Heu.
Ihre Hände waren rau und schwielig. Wen störte das? Dabei war sie gerade etwas über dreißig Jahre alt.
Eine glückliche, behütete Kindheit habe ich in Erinnerung. Eine heile Welt aus Kinderaugen betrachtet. Wir hatten viele Freiheiten, konnten prima drinnen wie draußen, meistens draußen, spielen, rennen und verstecken spielen. Oder mit den Hunden Schabernack treiben. Hatte sich jemand von uns Kindern verletzt, war das nicht tragisch, denn Mutter war ja da, um zu trösten und zu heilen. Wir durften uns schmutzig machen und mit den Stiefeln rein- und rausflitzen.
In den Ferien waren oft Stadtkinder bei uns. Ferien auf dem Bauernhof nannte man das noch nicht. Es waren Kinder der Geschwister unserer Eltern, die nur in einer kleinen Stadtwohnung lebten. Die Armen. Sie kamen gerne zu uns und wurden gerne aufgenommen. Mutter hat nie eine Gegenleistung für ihre Mehrarbeit erwartet. Blass kamen die Verwandten an und gebräunt gaben wir sie zurück. Ein selbstverständliches und einseitiges Arrangement wurde das. Uns Kindern war es recht, denn wir hatten mehr Gesellschaft zum Spielen.
Urlaub? Das kannten wir alle ebenfalls nicht. Ich habe es nicht vermisst, und meine Eltern? Sie waren alleine schon durch die Tiere sieben Tage die Woche ans Haus gebunden. Zu festen Zeiten wurde zweimal täglich gefüttert und gemolken. Wollte Mutter mal heraus und konnte nicht?
Ab und zu mussten wir Kinder natürlich auch mithelfen. Beim Ernten der Kartoffeln auf dem Feld, beim Döppen der Erbsen oder Bohnen, beim Einkochen oder Saftmachen. Dabei haben wir uns Geschichten erzählt. Und hinterher gab es für uns wie für die Großen Kaffee und selbstgebackenes Hefebrot. Kinderkaffee wurde es genannt, Caro Kaffee mit dem Gefühl, schon etwas erwachsener zu sein und dazu zu gehören.
Auch das war Zuhause: dazugehören, sich gegenseitig helfen, nicht alleine sein und immer leckeres, selbst gekochtes Essen mit eigenerzeugten Zutaten. Als Kind nahm ich das alles für selbstverständlich. Die viele Arbeit dahinter registrierte ich kaum. Erst als ich später selber kochen musste, bemerkte ich den Zeitaufwand und die Qualitätsabweichungen.
Der Tag, der alles veränderte, kam so unschuldig. Der Vierjährige war zum Vater auf den Traktor aufgestiegen. Wie soft oft, wie wir es alle gerne machten. Er wollte hinten auf der Ackerschiene mitgenommen werden, auf dem Weg an der Haustür vorbei bis zum Gattertor. Das haben die Kinder auf anderen Höfen ebenfalls gerne gemacht, auch wenn es verboten war. Es ist ja nie etwas passiert. Es war ja stets gutgegangen.
Dieses eine Mal jedoch nicht. Das Kind wurde vom Reifenprofil mit der Kleidung unter den Kotflügel gezogen. Es ging alles so schnell. Zu schnell für Vater, noch irgendwie reagieren zu können, außer zu bremsen.
Panisches Hämmern an der Haustür: „Christa, Christa, du musst kommen, schnell, Hilfe!“ Ein fassungsloser Vater rief nach der Kindesmutter, der Traktor mit dem eingeklemmten Kind stand direkt hinter ihm auf dem Weg. Der größere Bruder und ein Cousin bleich und stumm etwas abseits. Auch sie konnten weder verhindern noch helfen.
In meiner Erinnerung gibt es Bildsegmente, wie ich hinter Mutter herlaufe, einer Blutspur ins Haus folgend. Sie trug den kleinen Bruder auf den Armen, an der Oma vorbei, die weinend in der weit geöffneten Tür stand. Da wusste ich, es ist etwas Schlimmes passiert, weil die Oma sonst nie weinte.
Erst sehr viel später habe ich begriffen, dass hier der Anfang vom Ende lag. Hier schon schlug im Nachhinein betrachtet die Schicksalskeule gnadenlos zu und Gewesenes entzwei.
Dieser Schmerz über den Verlust des Kindes, über den leichtsinnigen Unfall war nicht zu verkraften. Dazu kamen Schuldgefühle beim Vater und bei der Mutter. „Ich hätte besser aufpassen müssen. Ich habe mein Kind nicht genug beschützt. Ich hätte das nicht zulassen dürfen.“
Der Hof, die Feldarbeiten, die Kühe, Schweine, Hühner, Hunde und ein Pferd, die übrigen Kinder, die noch nicht verstanden, ließen jedoch keinen Raum für ihre Trauer. Beide mussten weiter funktionieren und ihre Pflichten erfüllen. Verdrängung war Rettung und Damoklesschwert in einem.
Lässt sich das verzeihen, fragte ich mich etliche Jahre später – ihm und sich selbst? Kann man diesen Mann noch anhimmeln? Ihn weiterhin lieben? Unvorstellbar, wie es zwischen den Eltern als Eheleute wieder werden sollte wie vorher. So ganz ohne Hilfe, auf sich allein gestellt.
Konnten sich meine Eltern gegenseitig trösten? Konnte Mutter sich vom Vater in den Arm nehmen lassen, an seiner Schulter die Qual ausweinen? Und er, wie fand er Trost? Für sich und die anderen war er doch schuld. Auch er hatte ein Kind, seinen jüngsten Sohn, verloren. „Nein Werner, lass mich. Ich kann jetzt nicht.“ Viele gemeinsame einsame Nächte im Ehebett mögen ihnen das Leben zusätzlich erschwert haben.
Verzweiflung, die tagsüber kaschiert werden musste. Für uns Kinder war Mutter weiterhin liebevoll, fürsorglich und fröhlich. Und Vater ging der gewohnten Arbeit nach. Doch zunächst war er nach diesem Unfall für einige Wochen im Urlaub, wurde uns zumindest erzählt. Jahre später erst erfuhr ich die Wahrheit dahinter, er wurde zunächst in Untersuchungshaft genommen. Wie doppelt tragisch muss das gewesen sein?
In seiner Not wandte sich unser Vater stärker dem Alkohol zu. Für ein paar Stunden ließ er ihn vergessen. Ein falscher Freund war das, denn er hat ihn verändert, hat den Schaden noch vergrößert. Das erkannte Vater zu spät.
