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Football-Taktik vom Feinsten – erklärt vom Top-Analytiker der NFL Football bei einer TV-Übertragung verstehen zu lernen ist absolut unmöglich, sagt der ehemalige Coach und NFL-Experte Pat Kirwan. Viel zu schnell erfolgen die komplexen Spielzüge, die außerdem oft jenseits des Balles stattfinden. Dieses Buch zeigt dir, wie viel an Bewegung, Athletik und taktischen Finessen du erkennen wirst, wenn du dich nicht mehr auf den Ball konzentrierst. Du lernst, was die Offense-Formation über den nächsten Spielzug verrät, warum ein Quarterback einen bereits angesagten Spielzug mit einem Audible ändert, was einen guten Chip Block ausmacht, und wer schuld ist, wenn der Quarterback einen Pass zur Seitenlinie wirft, der Wide Receiver aber nach innen läuft. Schon in der nächsten Fernsehnacht wirst du sehen, was wirklich auf dem Feld passiert, und Football noch mehr genießen können als bisher!
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Seitenzahl: 458
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Pat Kirwan mit David Seigerman
Pat Kirwan mit David Seigerman
American Football sehen wie ein Profi
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
5. Auflage 2022
© 2019 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Die amerikanische Originalausgabe erschien 2015 bei Triumph Books LLC unter dem Titel Take your Eye off the Ball 2.0. © 2010, 2011, 2015 by Pat Kirwan and David Seigerman.
All rights reserved.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Übersetzung: Ronit Jariv
Redaktion: Christoph Hellwig
Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer, München
Umschlagabbildung: Imago Images, shutterstock/Tickstylestock
Layout: abavo GmbH, Buchloe
Satz: abavo GmbH, Buchloe
Illustrationen im Innenteil: Paul Petrowsky
eBook: ePubMATIC.com
ISBN Print 978-3-7423-1003-3
ISBN E-Book (PDF) 978-3-7453-0638-5
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-7453-0639-2
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
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Vorwort
Vorbemerkungen
Einleitung
Die Rasenschachpartie ist eröffnet
Die 168-Stunden-Woche
Der härteste Job im Sport
Wie läuft’s denn so?
Ein guter Fang
Auf die Linie achten
Wer rastet, rostet
Warum 7 nicht gleich 7 ist
Rush Hour
Rückendeckung
Was ist das Besondere an Special Teams?
FBI: Football-Intelligenz
Organisation und Spielerakquise
Die Qual der Wahl
Mit Verletzungen umgehen
Schwierige Entscheidungen
Sagen Zahlen die Wahrheit?
Football ist eine eigene Sprache
So wirst du zum Experten
Dank
Über die Autoren
Ich hatte gerade bei den New York Jets angefangen, als ich Pat Kirwan kennenlernte. Das war um 1990 herum und er war damals noch Coach an der Hofstra University. Schon bei unserem allerersten Gespräch merkte ich, dass sein Football-Sachverstand NFL-Niveau hatte. Sein umfangreiches Fachwissen war so wertvoll, dass wir ihn sofort einstellen wollten.
Pat und ich verstanden uns von Anfang an gut. Wir unterhielten uns oft über Football-Konzepte und -Philosophien. Wir waren nicht immer einer Meinung, aber ich respektierte seine Ansichten und seine Fähigkeit, Spieler genau und fundiert zu analysieren und zu begutachten.
Als der Salary Cap eingeführt wurde, setzten Pat und ich uns zusammen, um gemeinsam die neuen Regularien durchzugehen und herauszufinden, was genau dahintersteckte. Wir wollten jedes Detail kennen, um uns gegenüber anderen Franchises einen Wettbewerbsvorsprung zu verschaffen. Pat ist ein absoluter Wettkampftyp – er ist sehr ehrgeizig und will immer gewinnen. Bei den Jets spielten wir oft Basketball zusammen. Er war der Mann in der Zone und Kippy Brown unser vielseitiger Spieler. Beide wussten, dass sie mir den Ball geben mussten (ich passe nur in der Football-saison). Man kann viel über Menschen lernen, wenn man gegen sie antritt, und es hat immer Spaß gemacht, gegen den Linkshänder Pat zu spielen, der seine spielerischen Schwächen durch Willensstärke kompensierte.
Als ich erst zu New England und später zum USC und dann zu Seattle wechselte, blieben Pat und ich in Kontakt, redeten über Football und tauschten Ideen aus. Er war schon immer eine absolute Koryphäe in Sachen NFL, jemand, dessen Wissen über Spieler, Trainer, Situationen und Trends für mich eine unschätzbare Quelle war und ist. Das gilt vor allem dann, wenn es darum geht, die wirklich wichtigen Eigenschaften eines Spielers einzuschätzen. Ich erinnere mich noch, dass Pat mich während des NFL-Drafts 1999, als ich in New England war, auf Sean Morey aufmerksam machte. Der Receiver von der Brown University hatte eine ganze Reihe von Ivy-League-Rekorden aufgestellt. Aber Pat hatte den Jungen ganz genau durchleuchtet und festgestellt, dass er auch vielseitig, zäh und ehrgeizig war. Pat ließ nicht locker – und schließlich nahmen wir Sean in der siebten Runde. Er schaffte es in den Practice Squad der Pats, wurde später Captain der Special Teams, gewann den Super Bowl mit Pittsburgh und ging 2008 als Special-Teams-Spieler zum Pro Bowl. Sean wäre wahrscheinlich nie gedraftet worden, wenn Pat sich nicht für ihn eingesetzt hätte. Pat war in der Lage, zu erkennen, was in einem Spieler steckt, und ich vertraute ihm so sehr, um den Pick schlussendlich zu machen.
Pat und ich haben das Gespräch über Football, das wir bei den Jets anfingen, eigentlich nie beendet. Wir sind Football-Seelenverwandte, Menschen, die einander blind verstehen und eine besondere Art der nonverbalen Kommunikation entwickelt haben. Dieses Buch hilft dir, ein Footballspiel durch die Augen eines wahren Experten zu sehen.
In den letzten zwölf Spielzeiten habe ich NFL-Spiele nicht mehr von der Seitenlinie, sondern von einem Fernsehstudio aus gesehen. Sobald wir nicht mehr auf Sendung sind, gehen meine Kollegen von NFL Today und ich – im Laufe der Jahre gehörten James Brown, Dan Marino, Shannon Sharpe, Boomer Esiason, Tony Gonzalez, Bart Scott und, als Fixpunkt, Pat Kirwan dazu – zum Green Room der CBS Studios in New York und schauen uns sämtliche Spiele des Nachmittags an.
Es ist toll, sich mit diesen Jungs auszutauschen und ihre Sichtweisen auf das Spielgeschehen mitzukriegen. Aber als einziger Coach unter lauter ehemaligen Spielern sehe ich die Dinge naturgemäß oft ganz anders.
Jedes Mal, wenn sie einen schlechten Spielzug sehen, schieben die Ex-Spieler dem Trainer die Schuld in die Schuhe. Ab und zu muss ich sie dann daran erinnern, dass Spieler ein Play auch richtig ausführen müssen. Sie fragen sich: Was war das denn für ein Call? und ich erkläre Ihnen, dass jedes Play potenziell gut ist.
Wir respektieren uns alle gegenseitig und verstehen uns sehr gut. Aber wie man sich vorstellen kann, geht es manchmal ziemlich kontrovers zu. Und während ich die Trainer der Liga verteidige, sitzt Pat immer neben mir, schüttelt den Kopf und lacht. Er versteht, in was für einer Zwickmühle ich mit diesen Jungs stecke.
Offiziell arbeitet Pat als »editorial contributor« (redaktioneller Mitarbeiter) bei NFL Today. Aber der Wert seines Footballwissens geht weit darüber hinaus.
Das wird niemanden überraschen, der ihn von seiner Sendung auf Sirius NFL Radio kennt oder seine Beiträge auf CBSSports.com oder die ursprüngliche Version von Take Your Eye Off the Ball gelesen hat. Pat hat einen einzigartigen Blick auf die NFL, denn er hat in der Liga als Trainer und im Management gearbeitet und kann sowohl mit Spielern als auch mit Besitzern kommunizieren. Er besitzt einen unglaublichen Einblick ins Geschehen und versteht, warum bestimmte Dinge passieren – ob auf dem Platz oder im Büro.
Viele Menschen sind Footballexperten. Es ist eine komplexe Welt und wir neigen alle dazu, sie zu überanalysieren und noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon ist. Aber Pat kann die Dinge so gut erklären, dass jeder Fan sie versteht.
Das macht er in seiner Sendung ständig. Leute rufen an und wollen wissen, warum ihr Team dieses oder jenes macht oder nicht, und Pat bringt sie dazu, nachzudenken. Anstatt emotionale Reaktionen zu fördern, bringt er ihnen bei, genau hinzusehen und die Zusammenhänge zu erkennen.
Pat möchte, dass Fans das Spiel, das sie lieben, besser verstehen, um die Komplexität des Spiels noch mehr würdigen zu können. Je mehr man lernt, desto mehr will man wissen.
Und die Fans können nicht genug von der NFL kriegen. Inzwischen wird rund ums Jahr berichtet. Da gibt es die eigentliche Saison, gefolgt von allem, was mit dem Aufbau der Teams in der Offseason zu tun hat. Die Fans interessieren sich für alles. Pats Einzigartigkeit besteht darin, dass er fundiert über sämtliche Aspekte der heutigen NFL informieren kann.
Ich glaube, ein Buch wie dieses kann für Fans enorm hilfreich sein, und ich fühle mich geehrt, das Vorwort für jemanden zu schreiben, den ich so sehr respektiere.
Es gibt so viele Dinge, die man beobachten kann, bevor der Ball gesnapt wird, um das Spiel besser zu verstehen … wenn man weiß, worauf man achten soll. Dieses Buch erklärt, was in der Offseason im Huddle, während eines Spielzugs und im War Room während des Drafts passiert. Es bringt Licht in all die komplexen Vorgänge, die Football zum beliebtesten Sport Amerikas machen.
Für das ungeschulte Auge ist Football das reine Chaos – eine Ansammlung gut gepolsterter Männer, die in verschiedene Richtungen rennen und überall auf dem Spielfeld gegeneinander krachen. Jeder Snap ist der Startschuss für 22 Spieler, von denen jeder einzelne eine spezifische Aufgabe hat. Das Ganze spielt sich so schnell ab, dass die meisten Fans nur dem Ball folgen – vom Center zum Quarterback, dann weiter zum Receiver oder Runningback und schließlich zum untersten Glied eines zappelnden Menschenhaufens. Sie sehen, wie eine Handvoll Spieler ihren Job machen, während alles andere wie kopfloser Wahnsinn wirkt.
Um Football von einer ganz neuen Warte aus zu sehen, fordere ich dich in diesem Buch heraus, die eiserne Regel zu brechen, die jeder Trainer einem Kind, das zum ersten Mal einen Sportplatz betritt, einbläut. Ich will, dass du dich nicht mehr auf den Ball fokussierst.
Stattdessen möchte ich, dass du siehst, wie Offensive Linemen Blocks ausführen, die ebenso komplex wie intensiv sind. Dass du bemerkst, wie sich der Safety vor dem Snap in die Box schleicht und damit den Quarterback verwirrt, der versucht herauszukriegen, von wo der Druck kommen wird. Du sollst darauf achten, welche Spieler aktiv sind, und vorhersehen, was gleich passieren wird. Sobald du nicht mehr auf den Ball fixiert bist, wirst du erstaunt feststellen, wie viel an Bewegung, Athletik und Taktik du bisher verpasst hast.
Wenn du schon jetzt die Action und Spannung liebst, die American Football bietet, wirst du noch viel begeisterter sein, sobald du das Spiel in seiner ganzen Komplexität erfasst. Dabei ist es keineswegs die Schuld der Fans, dass sie das Beste gar nicht mitkriegen, denn sie wurden darauf programmiert, das Spiel auf eine bestimmte Art zu verfolgen.
Die meisten Fans erleben Football in Form von TV-Übertragungen. Doch so unterhaltsam und technisch ausgefeilt diese heute auch sind, lässt sich das Spiel dabei nur sehr begrenzt vermitteln, denn bei einer Live-Übertragung kann man einfach nicht alles wahrnehmen, was gleichzeitig auf dem Feld abläuft.
Und die Analysten können in den Pausen nicht jeden Spielzug in seiner ganzen Komplexität erklären – in 40 Sekunden kriegt man nicht besonders viel Lehrstoff unter. Nachdem ein Spielzug zu Ende ist, Reaktionen inklusive, bleibt einem Kommentator kaum Zeit, bevor die Offense wieder an der Line of Scrimmage steht und er sein Augenmerk auf das nächste Play richten muss.
Wenn zum Beispiel Eli Manning eine Interception wirft, haben die meisten Kommentatoren keine Zeit, detailliert aufzudröseln, was er an der Coverage der Defense falsch interpretiert hat. Oft müssen sie deshalb auf eine eher nichtsagende Erklärung wie »Das ist einfach Mannings Revolverheld-Mentalität« zurückgreifen – und dem Fan entgeht die Möglichkeit, wirklich etwas über das Spiel zu lernen.
Die Wahrheit ist: Football kann man nicht bei einer Live-Übertragung verstehen lernen. Glücklicherweise haben einige Anbieter wie ESPN, das NFL-Network und der inzwischen eingestellte Sender CNN/Sports Illustrated (wo ich zuerst die Chance bekam, über Blocking und Tackling, den Aufbau von Kadern, kreative Game Plans und all die anderen in diesem Buch behandelten Aspekte zu sprechen und schreiben) Programme entwickelt, mit denen man Spielstrategien und -abläufe genauer unter die Lupe nehmen kann. Das Fernsehen bietet uns zweifellos spannende Live-Übertragungen von Footballspielen, nur die detaillierte Analyse bleibt dabei meist auf der Strecke.
An einer solchen sind aber viele Footballfans interessiert. Hatten Manning und der von ihm anvisierte Receiver die Coverage unterschiedlich interpretiert? Zwang der Druck eines Pass Rushs Manning dazu, den Ball eine Sekunde früher loszulassen als geplant, oder hielt er ihn davon ab, die optimale Wurfposition einzunehmen? Hatte er den Blick zu früh auf sein Ziel gerichtet und damit dem Safety die Möglichkeit gegeben, den Wurf zu antizipieren? Außer bei gelegentlichen nachträglichen Spielanalysen mit Markierung im TV-Standbild sehen Fans meist nur das Ergebnis eines Plays, aber selten das, was dazu führte.
Der Mangel an tiefergehendem Footballverständnis hängt auch mit dem Boom von Fantasy Football zusammen. Ohne Zweifel hat das virtuelle Spiel dem Sport neue Anhänger beschert und dazu beigetragen, dass die NFL zur größten Show im Sport-Universum wurde. Fantasy Football erlaubt Fans, sich aktiv zu beteiligen. Aber er fördert auch eine weitere oberflächliche Seite des Sports – Statistiken. Während die Fans auf die Zahlen starren, die am Bildschirmrand entlanglaufen, verpassen sie das eigentliche Spiel. Sie sehen, dass Arian Foster 1 Yard an Raum gewann; was sie aber nicht bemerkten, war, dass der Defensive End seinen Helm kurz in Richtung der Außenschulter des Offensive Tackle bewegte, wohl wissend, dass Runningbacks darauf geeicht sind, auf solche Signale zu achten, und dass Foster daraufhin wahrscheinlich nach innen rennen würde, wo ein ungeblockter Verteidiger auf ihn wartete. Solche taktischen Finessen laufen praktisch bei jedem Play ab, meist aber unbemerkt von ungeschulten Zuschauern. Fantasy-Football-Manager sind leidenschaftliche Fans; ein Spiel zu sehen, würde ihnen bestimmt noch viel mehr Spaß machen, wenn sie mehr über die inneren Gesetzmäßigkeiten von echtem Football wüssten.
Meine jahrelange Radiosendung auf Sirius NFL Radio hat mich davon überzeugt, dass die Fans mehr über das Spiel wissen wollen, das sie lieben. Ich bekomme ständig Anrufe mit klugen Fragen über bestimmte Matchups, die die jeweiligen Teams beim nächsten Gegner erwarten. Je mehr Einblick die Fans bekommen, desto mehr wollen sie erfahren, von Personalentscheidungen bis hin zur 3-Technique. Um über Football zu reden, muss man weder zu sehr vereinfachen noch in unverständlichen Trainerjargon verfallen.
Viel zu lang war das Gucken eines Footballspiels wie der Besuch in einer fremden Stadt. Wenn du zum ersten Mal mitten in New York oder Tokio stehst, erkennst du zwar ein paar bekannte Sehenswürdigkeiten, fühlst dich aber von den ganzen Sinneseindrücken, die auf dich einprasseln, schnell überfordert. Erst wenn du ein bisschen die Sprache gelernt hast und bestimmte Ecken wiedererkennst, fängst du an, dich wohlzufühlen. Erst dann geht der Spaß so richtig los.
Deshalb liest du dieses Buch. Um zu lernen, wie man ein Footballspiel anschaut und was wirklich auf dem Feld passiert. Und um mehr darüber zu erfahren, was auch außerhalb der Saison während der Free Agency, des Drafts und im Trainingscamp abläuft, wie alles ineinandergreift und aufeinander aufbaut. Mein Ziel ist es, Fans fachkundiger zu machen, damit sie Football noch mehr genießen können als bisher.
Wenn du bereit bist, dich voll auf das Spiel einzulassen, dann lehn dich einfach zurück – aber schau nicht auf den Ball.
Bevor wir näher auf Strategien und Formationen sowie Entscheidungen jenseits des Spielfelds eingehen, fangen wir am besten mit einem ganz einfachen Schritt an. Wenn du ein Footballspiel wie ein Coach verfolgen willst, solltest du lernen, dir das Wichtigste zu notieren. Dadurch trägst du dieselben Daten zusammen, die auch den Coaches als Basis für ihr Playcalling dienen. Während des Spielverlaufs kannst du auf diese Weise auch bestimmte Trends erkennen. Du schreibst für jedes Play spezifische Informationen auf: Down, Distanz, Spieler auf dem Feld und Resultat. Dadurch erkennst du leichter, wie die jeweilige Konstellation die Aktion auf dem Platz diktiert, und kannst nachvollziehen, wie Coaches bestimmte Situationen angehen. Kurz gesagt: Du entwickelst ein Spielverständnis, das zu vielen Fans bisher vorenthalten war.
Im Football dreht sich alles um Voraussicht. Coaches bauen ihre kompletten Spielpläne auf Tendenzen auf – was sagt die Leistungsbilanz des Gegners darüber aus, wie dieser in bestimmten Situationen reagieren wird?
Um Spielzüge zu antizipieren, muss man zunächst die Spieleraufstellung verstehen. Es reicht nicht aus, zu wissen, dass auf jeder Seite des Balls elf Spieler stehen. Vielmehr gibt die jeweilige Zusammenstellung dieser elf Mann Hinweise darauf, was beim nächsten Play zu erwarten ist.
In der Offense gibt es bei jedem Spielzug fünf Linemen und einen Quarterback, bleiben also fünf variable offensive Positionen. Eine Aufstellung wird pro Spielzug immer durch die Aufstellung der Runningbacks und Tight Ends definiert, und zwar in dieser Reihenfolge. Wenn ein Team zwei Runningbacks und einen Tight End rausschickt, spricht man folglich von einem »21 personnel«. Wenn es einen Back und zwei Tight Ends aufs Feld schickt, handelt es sich um ein »12 personnel«. In beiden Fällen stehen zwei Receiver auf dem Feld. Eine Defense achtet als Erstes darauf, wen die Offense rausschickt. Und genau das solltest du auch tun.
Das Spielerpersonal lässt nämlich auf die Spielstrategie schließen. Wenn zum Beispiel eine 22er-Aufstellung auf dem Feld steht – zwei Runningbacks und zwei Tight Ends – heißt das, dass es nur einen Receiver gibt. Sofort liegt also die Vermutung nahe, dass der Coach einen Laufspielzug ansagen wird. Sobald du erkannt hast, wer aufgestellt wird, kannst du diese Prognose wagen, noch vor dem Ende des Huddles.
Falls du vor Ort im Stadion bist, dann versuch, direkt nach einem Spielzug an der Seitenlinie den Offensive Coordinator auszumachen. Wahrscheinlich steht eine Gruppe von Einwechselspielern neben ihm – der zweite Tight End, der Fullback und der dritte und vierte Receiver –, die alle wissen wollen, wer beim nächsten Play eingewechselt wird. Im Fernsehen ist das natürlich schwieriger, weil die Zeit zwischen den Spielzügen meist mit Zeitlupen-Wiederholungen, Schwenks auf Fans oder Werbung gefüllt wird. Doch sobald sich die Offense aufstellt, kannst du schnell feststellen, welche Positionsgruppen auf dem Platz stehen.
Bei jedem Spiel, das ich mir ansehe – und ich sehe mir jede Woche jedes einzelne Spiel an –, habe ich immer einen Stift und Notizblock zur Hand, um bei jedem Spielzug das eingesetzte Spielerpersonal zu notieren. Ich lege eine sehr simple Tabelle für beide Teams an, in der ich jede mögliche Personalvariante aufliste – von einem leeren Backfield mit fünf Receivern (00 personnel) bis hin zu einem massiven Lineup mit zwei Runningbacks und drei Tight Ends (23 personnel) – und markiere, wie oft jedes Team den Ball geworfen oder mit ihm gelaufen ist. Tab. 1
Personnel
Laufspiel
Passspiel
00
01
02
10
11
12
13
20
21
22
23
Schon in der Halbzeitpause kenne ich anhand der Aufstellung das Run-Pass-Verhältnis beider Teams und kann nun die Anpassungen der zweiten Halbzeit antizipieren, die die Coaches gerade – basierend auf ähnlichen Daten wie meinen – in der Kabine diskutieren.
Das Identifizieren der Spieleraufstellung ist ein guter Anfangspunkt, aber es gibt noch weitere Faktoren, auf die du achten musst. Down und Distanz (down and distance), zwei Faktoren, die immer Hand in Hand gehen, bestimmen vielleicht am stärksten, welchen Spielzug ein Coach ansagt (und welche Spieler er aufstellt). Ein Coach wird die Optionen für seinen Game Plan normalerweise nach Down und Distanz kategorisieren. So enthält sein Game Plan zum Beispiel vier oder fünf Spielzüge, die im Training gut funktioniert haben, die bei 2nd Downs zwischen 3 und 6 Yards eingesetzt werden können; vier oder fünf Plays, die für 2nd Downs zwischen 1 und 2 Yards geeignet sind, und vier oder fünf Plays für 2nd-and-7 oder länger. Und jeder Spielzug kann mit einer anderen Spieleraufstellung einhergehen.
Während du das Spiel auf diese Weise kategorisierst und dokumentierst, kristallisieren sich bestimmte Tendenzen heraus und der Game Plan erschließt sich dir allmählich. Die Rasenschachpartie ist eröffnet – und wenn du ganz oben in den Rängen schon sehen kannst, was gleich auf dem Spielfeld passiert, dann kann die Defense das erst recht. Der Offensive Coordinator weiß natürlich, dass die Defense ihre Entscheidungen anhand der offenbarten Tendenzen trifft, und muss nun seinerseits austüfteln, welches Play gegen die Defense, die er nun erwartet, am besten funktionieren wird.
Das alles kannst du mit einer einfachen Tabelle für jeden Spielzug festhalten. Es erfordert etwas mehr Arbeit als die Aufstellungstabelle, lässt dich aber tiefer ins Spielgeschehen einsteigen.
Schauen wir uns dazu einen Touchdown Drive der New England Patriots gegen die Cincinnati Bengals in Woche 5 der Saison 2014 an – der eröffnende Drive eines Spiels, das sie letztendlich gewinnen würden. Die Patriots hatten am Montagabend gegen Kansas City überraschenderweise verloren und wiesen nun eine Spielbilanz von 2–2 auf. So lief ihr erster Drive ab:
Team
Zeit
Down & Distance
Field Position
Personnel
Play
Patriots
15:00
1st-10
NE 20
21
LaFell 20-yd von Brady
1st-10
NE 40
21
Ridley 9-yd run
2nd-1
NE 49
12
Ridley 7-yd run
1st-10
CIN 44
12
Wright 30-yd von Brady
1st-10
CIN 14
11
Brady 6-yd run
2nd-4
CIN 8
12
Ridley 3-yd run
3rd-1
CIN 5
22
Develin 0-yd run
4th-1
CIN 5
22
Brady 4-yd run
1st-G
CIN 1
22
Brady 0-yd run
2nd-G
CIN 1
22
Ridley 1-yd run TD
Die Patriots erzielten einen Touchdown, der Drive war also erfolgreich. Es gibt hier aber viel mehr Informationen zu analysieren als nur das Ergebnis.
So zeigte New England zum Beispiel vier verschiedene Aufstellungsvarianten. Sie liefen und passten mit 21er-Personnel. Sie liefen und passten mit 12er-Personnel mit unterschiedlichen Tight-End-Tandems (bei zwei Plays Rob Gronkowski und Michael Hoomanawanui, bei einem Gronkowski und Tim Wright). Tom Brady stand in Shotgun-Position mit 11er-Personnel und ergriff die Möglichkeit, selbst zu laufen. Und sobald sie an der 5-Yard-Line der Bengals waren, setzten sie Guard Jordan Devey als zweiten Tight End ein (mit Hoomanawanui) und liefen vier Mal mit 22er-Personnel. Das wird bei den Defensive Coaches der Bengals ziemliches Kopfzerbrechen ausgelöst haben.
Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Field Position. Fans sollten wissen, dass die Coaches das Spielfeld in fünf Zonen einteilen – die erste Zone läuft von der eigenen Endzone zur 10-Yard-Line; die zweite von der eigenen 11-Yard-Line zur eigenen 49-Yard-Line; die dritte vom Midfield bis zur 31-Yard-Line des Gegners; die vierte ist die Green Zone, die zwischen der 30- und der 20-Yard-Line des Gegners liegt und die letzte Gelegenheit ist, Seam Routes oder tiefe Bälle zu werfen; und die fünfte Zone ist die Red Zone, also die Zone zwischen der 20-Yard-Line und der Endzone. Coaches passen ihre Spielzüge der jeweiligen Position im Feld (field position) an.
Was natürlich auch in die Entscheidungen des Coaches einfließt, sind die verbleibende Spielzeit und der Spielstand. Doch diese zwei Faktoren bestimmen eigentlich nur, inwieweit sich das Play-Menü des Trainers reduziert. So wird ein Coach zum Beispiel auf kurze Distanz keine Plays mit 22er-Personnel ansagen, wenn er mit einem Touchdown zurückliegt und nur noch zwei Minuten auf der Uhr sind.
Ein Spiel auf diese Art aufzuzeichnen, lässt dich nicht nur aktiver daran teilhaben, sondern vermittelt dir auch, wie das Trainerteam ein Spiel sieht. Dein Bericht für jeden Spielzug erlaubt dir, einzuschätzen, was in bestimmten Szenarien funktioniert – genau derselbe Bewertungsprozess, den auch die Coaches während des gesamten Spiels abspulen. Ehrgeizige Fans müssen noch nicht mal bis zum Spieltag warten, um anzufangen, diese Informationen zu sammeln. Du kannst bei NFL.com oder auf Team-Websites das Play-by-Play, also die Beschreibung von jedem einzelnen Spielzug vergangener Spiele finden. Mit ein bisschen Arbeit weißt du damit schon im Vorfeld, was von dem Gegner, auf den dein Team am kommenden Spieltag trifft, zu erwarten ist.
Nehmen wir mal an, du bist ein Redskins-Fan und Washington trifft in Woche neun der Saison 2014 auf Minnesota. Du versuchst, ein Gefühl für die Spielweise der Vikings zu bekommen, deren offensive Identität noch in der Findungsphase steckt. Rookie Jerick McKinnon ist in Abwesenheit von Adrian Peterson der Starting Runningback und Rookie-Quarterback Teddy Bridgewater stand bisher nur vier Mal in der Startformation. Wenn du dir nun die drei Spiele der Vikings vor der Begegnung mit den Redskins genauer ansehen würdest – die, in denen Bridgewater und McKinnon in der Startformation standen –, würdest du ein Muster erkennen. In diesen drei Spielen hatte Minnesota ein nahezu ausgeglichenes Run-Pass-Verhältnis bei ihren feststehenden First Downs (also beim Beginn des Ballbesitzes): 18 Laufspiele, 19 Passspiele. Aber bei erspielten First Downs (Conversions während eines Drives) sah die Sache ganz anders aus: 16 Laufspiele, 31 Passspiele. Ein Redskins-Fan, der seine Hausaufgaben gemacht hatte, konnte also genau wissen, was von den Vikings zu erwarten war: ein ausgewogenes Spiel bei feststehenden First Downs (6 Laufspiele, 5 Passspiele), bei herausgespielten First Downs aber eine viel höhere Bereitschaft, Bridgewater einzusetzen (6 Laufspiele, 13 Passspiele).
Ein Footballspiel muss kein Mysterium sein, auf das man nur erstaunt reagieren kann. Die Informationen, die du brauchst, um es zu durchschauen, liegen direkt vor deiner Nase. Du musst nur wissen, wo du hingucken sollst.
Der General, der eine Schlacht gewinnt, stellt in seinem Tempel viele Berechnungen an, ehe die Schlacht geschlagen wird. Der General, der eine Schlacht verliert, stellt im Voraus nur wenige Berechnungen an.
Sun Tzu
Jeder hat einen Plan, bevor er eins in die Fresse kriegt.
Mike Tyson
Es war das erste Play des zweiten Quarters eines Sonntagabend-Spiels, Woche zwölf der NFL-Saison 2014. Die New York Giants führten 7–3 und hofften, bei einem First Down an der 43-Yard-Line der Dallas Cowboys ihre Führung weiter auszubauen.
Eli Manning nahm den Snap vom Center entgegen, täuschte die Ball-übergabe zu Rookie-Runningback Andre Williams an und ließ sich ins Midfield fallen. Sein Play-Action-Fake sollte die Defense von Dallas nur so lange erstarren lassen, bis sich ein Receiver freilaufen konnte. Und es funktionierte.
Giants-Receiver Odell Beckham Jr., ein weiterer Rookie, hatte sich weit auf der rechten Seite der Giants-Formation positioniert. Mit einem Stutter Step (drei schnelle Schritte) und einem angetäuschten Lauf hatte sich Beckham einen Schritt von Cowboys-Cornerback Brandon Carr gelöst und flog nun die rechte Seitenlinie entlang. Manning sah ihn sofort.
Manning blickte für einen Moment die Spielfeldmitte entlang, um den Safety innehalten zu lassen, und warf dann einen Pass, der zu einer der berühmtesten Completions in der Geschichte der NFL wurde.
Spektakulär daran war natürlich weniger der Wurf als der Catch – oder vielmehr »The Catch«, wie er sofort in den Sozialen Medien tituliert wurde. Beckham, der so offensichtlich von Carr behindert wurde, dass Flaggen von zwei Richtungen geflogen kamen, streckte seine rechte Hand soweit es nur ging nach oben und hinten – und erreichte gerade noch Mannings Pass. Es war noch nicht mal ein einhändiger Catch: Beckham benutzte nur den Daumen und zwei Finger, um den Ball festzumachen. Der Catch sorgte noch Tage später für Gesprächsstoff.
Ob dies nun der beste Catch aller Zeiten war oder nicht, mag Ansichtssache sein. Unstrittig ist jedoch, dass Beckhams Catch nur einer von vielen an diesem Football-Sonntag war. Beckham selber fing im Spiel zehn Bälle, in dem insgesamt 47 Catches zustande kamen. Dallas gewann das Spiel übrigens noch.
In Woche zwölf der NFL-Saison 2014 gab es 1938 Snaps. Ob man nun Beckhams Meisterfang hervorhebt oder den 9-Yard-Touchdown von Derek Carr zu James Jones, der Oakland den ersten Saisonsieg bescherte, oder den 3-Yard-Touchdown-Lauf von LeGarrette Blount bei seinem ersten Carry seit er wieder bei New England unter Vertrag stand: Jede dieser Aktionen ist nur ein einziges Element in der Play-by-Play-Welt der NFL.
Im Laufe eines NFL-Spiels werden rund 130 Plays gespielt, Special Teams nicht mitgerechnet. Und während die Fans schnell und gern das Playcalling kritisieren, wissen die wenigsten, wie viel Zeit und Detailbesessenheit hinter jeder Entscheidung steht, die ein Coach im Laufe eines Spiels trifft.
Das Playbook eines Trainers kann um die 1000 Spielzüge enthalten – so ziemlich alles, was er jemals in einem Spiel einsetzen würde. Jede Bomb, jeder Blitz, jedes Blocking steckt da irgendwo drin, zusammen mit jedem Trickspiel und jedem Goalline-Szenario. Jeder ausgerufene Spielzug entstammt dieser allumfassenden Bibel, die jeder Coach ständig ergänzt und überarbeitet und von Trainerjob zu Trainerjob mitnimmt.
Der Prozess, dieses Playbook auf Game Plans für einzelne Spiele herunterzubrechen, setzt eigentlich ein, sobald die vorherige Saison endet. Coaching-Teams verbringen den größten Teil der Monate Januar (falls sie nicht in den Playoffs stehen) und Februar damit, kritische Selbstanalyse zu betreiben, zu evaluieren, was sie in der gerade abgelaufenen Saison gut und weniger gut gemacht haben, und zu entscheiden, was sie für die kommende Saison behalten oder ändern wollen.
Ich kenne einen Assistenztrainer, der in der Offseason 2015 einen Monat lang sechs Stunden täglich die Defense von Seattle studierte. Er tat dies teilweise, weil sein Team 2014 gegen die Seahawks spielte, aber auch, weil er wusste, dass es in der Liga Teams gab, die Aspekte der Seattle-Defense in ihre eigenen Pläne integrieren würden, denn die Cheftrainer von Jacksonville und Atlanta waren zu der Zeit ehemalige Defensive Coordinators der Seahawks. Dieser Coach wollte auf die Konzepte vorbereitet sein, die in Kürze vielleicht die NFL beherrschen würden.
Gleichzeitig müssen sich die Trainer in dieser Phase auf den Start der Free Agency und den Draft vorbereiten. Der Personalplan nimmt langsam Gestalt an, basierend auf dem, was sich der Coach für die nächste Saison vorgenommen hat. Er wird Spieler ins Visier nehmen, die zu seinem Konzept passen. Du kannst Gift darauf nehmen, dass sich das Playbook für 2012 von Offensive Coordinator Mike McCoy veränderte, als die Broncos Peyton Manning unter Vertrag nahmen. Diese frühen Entscheidungen bilden das Fundament des späteren übergeordneten Game Plans.
Während sich die Zusammenstellung der Mannschaft und ihre Persönlichkeit durch Free Agency und Draft verändert, wird der Game Plan ständig verfeinert. Im Verlauf von Organized Team Activities (OTAs) und Minicamps tüfteln die Coaches am Playbook und identifizieren die Spielzüge, die am besten zu dem Team passen, mit denen sie am Ende arbeiten müssen. Sie versuchen, die Stärken, die sich herauskristallisieren, zu maximieren, die offensichtlichen Baustellen zu eliminieren und die zukünftigen Matchups vorherzusehen. Der Coaching-Staff trifft sich jeden Tag nach dem Training, um das Für und Wider jedes vorstellbaren Spielzugs zu diskutieren. Die Ansammlung dieser Spielzüge wird schließlich zum Playbook für die anstehende Saison und geht vor dem 15. Juni zum Drucker, um daraus die physischen Bücher herzustellen. Der Coach ist nun für ein Jahr an seine Spielphilosophie gebunden.
Sobald das Playbook offiziell zu Papier gebracht wurde, muss es den Spielern eingetrichtert werden.
Ein Coach wird einen Summercamp-Trainingsplan erstellen und jedes einzelne Element aus dem Playbook mit seinem Team trainieren. Vieles davon wird von der vorherigen Saison übernommen worden sein (ein echter Vorteil für Teams mit nur minimaler Veränderung des Kaders), einiges hat man schon im Frühjahr trainiert und alles wird in der Preseason wiederholt. Aber in den etwa 55 Trainingseinheiten des Summercamps – von Schnelldurchgängen (Walkthroughs) bis hin zu Doppelsessions – wird jedes Play einstudiert. Was ein Team im Sommer einübt, bestimmt zum größten Teil, was es in der Spielsaison machen wird; danach lässt sich das Repertoire nicht mehr dramatisch verändern.
In der letzten Woche der Preseason ist es dann langsam an der Zeit, den Game Plan für das erste Spiel der regulären Spielzeit zu entwerfen. Der Coach schaut sich den Gegner an und stellt vielleicht fest, dass er auf eine 4-3-Defense treffen könnte. Also durchforstet er sein Playbook nach Spielzügen, die seiner Meinung nach gegen ein 4-3 funktionieren; plötzlich ist das Playbook um die Hälfte geschrumpft.
Danach schaut er sich seinen Kader an. Stellen wir uns vor, dass er zwei Rookies in der Startformation hat und drei erfahrene Free Agents, die aber noch immer sein System lernen. Daran angepasst grenzt er das Playbook noch weiter ein, auf etwa 100 Plays – nur kann er natürlich in der Woche vor dem Spiel nicht 100 Plays trainieren. Die Zeit reicht bei vier oder fünf Einheiten inklusive Walkthroughs und Einzelübungen nur für etwa 40 Plays. Mehr nicht. Und auf diesen 40 Spielzügen baut der Game Plan auf.
Einige Trainer widersprechen dieser Zahl vielleicht. Coaches, die eine West Coast Offense spielen lassen, werden dir sagen, dass sie jede Woche 250 Spielzüge in ihren Game Plan integrieren. Das stimmt, wenn man sämtliche Formationen mitzählt, von denen ein und dasselbe Play ausgeht. Wenn sie zum Beispiel ein bestimmtes Play aus einer I-Formation heraus, mit nur einem Back, einem Split oder sogar einem leeren Backfield spielen, zählen sie das als vier verschiedene Plays.
Als Nächstes setzt sich der Coach mit seinem Quarterback zusammen und bespricht mit ihm das ganze Spektrum möglicher Spielzüge. Der Quarterback gibt seinen Input – welche Plays ihm am meisten zusagen, welche er hasst und welche er seinen Teamkollegen noch nicht zutraut. Dieses Feedback eliminiert vielleicht ein Viertel der verbliebenen Spielzüge. Am Ende bleiben circa 30 oder 35 Plays übrig, aus denen der Game Plan für ein einzelnes Spiel besteht. Auf einem Blatt Papier, dem Play-Call-Sheet, werden diese nach Down und Distanz sortiert – circa fünf First-Down-Plays, sieben Plays für 2nd Downs zwischen 3 und 6 Yards usw. Die 60 bis 65 Spielzüge, die ein Team an einem Spieltag im Schnitt auf den Platz bringt, stehen alle auf diesem Play-Call-Sheet.
Die besten Trainer stutzen ihre Game Plans mehr zurecht, als die Fans gemeinhin vermuten, aber sie vermeiden dabei das Risiko, vorhersehbar zu sein. Ein Coach kann leicht von zu viel Informationen überwältigt werden – der klassische Fall von Paralyse durch Analyse. Wenn er nicht aufpasst, wird er sich ein bisschen auf alles vorbereiten, was nur irgendwie auf dem Platz passieren könnte, anstatt sich auf die wahrscheinlichen Tendenzen des Gegners zu konzentrieren und darauf, seine Stärken auszuhebeln. Wenn ein Coach von einem Gegner ein bestimmtes Verhalten in den letzten vier Spielen nicht gesehen hat, wird er in der Regel auch nicht speziell dafür trainieren.
Ich will damit nicht andeuten, dass ein Game Plan schlicht sein sollte. Vielmehr muss er clever sein und beim direkten Aufeinandertreffen von eigenen und gegnerischen Spielern Mann gegen Mann (matchups) fürs eigene Team Vorteile generieren. Matchups sind nämlich das, worauf es in der NFL ankommt.
Es ist sehr wichtig für einen Trainer, die Spielzüge zu identifizieren, die er am wahrscheinlichsten einsetzen wird, damit er keine kostbare Zeit damit verplempert, an etwas zu arbeiten, was sich im anstehenden Spiel nicht auszahlt (außerdem hassen Spieler es, Plays zu trainieren, die sie nie benutzen). Am Spieltag zählt nämlich nicht das, was der Coach weiß, sondern das, was die Spieler wissen. Oder, wie der ehemalige Spieler und Coach Marty Schottenheimer zu sagen pflegte: »Wenn du in Not bist, denk an die Spieler, nicht die Spielzüge.«
Der fertige Game Plan muss nun also bei den Akteuren eingeführt werden. Das geschieht während der Trainingswoche. Viele Fans wissen nicht, dass es in der NFL so etwas wie einen »typischen« Trainingstag nicht gibt. Jeder Tag hat einen anderen Schwerpunkt und andere Übungseinheiten.
Abgesehen von der Eröffnungswoche geht das Team montags den Game Plan der vorherigen Woche durch. Die Spieler sehen sich Videomaterial an und werden vom Ärzteteam behandelt. Die Coaches erhalten von den Ärzten erste Hinweise darauf, welche Spieler eingeschränkt sind und wer verletzungsbedingt ausfallen wird – alles Informationen, die den Game Plan beeinflussen.
Am Abend wird sich der Advance Scout (der die Gegner analysiert) mit dem Staff der Offensive und der Defensive treffen und ihnen seine Sicht auf den kommenden Gegner darlegen. Der Scout wird die Tendenzen des Gegners – basierend auf dessen letzten vier Spielen – aufzeigen. Ich war sowohl für die Tampa Bay Buccaneers als auch für die New York Jets zwei Jahre lang als Advance Scout tätig, und das Erste, was ich in meinem wöchentlichen Bericht immer aufschlüsseln musste, waren die Aufstellungen. Ich briefte die Coaches hinsichtlich der Tendenzen, die mir aufgefallen waren. Zum Beispiel: Wenn der Gegner zwei Backs im Backfield hat, laufen sie zu 80 Prozent mit dem Ball; wenn sie drei Receiver haben, werfen sie zu 80 Prozent. Dadurch bekommen die Coaches ein grobes Bild davon, welche Spielweise der Gegner bevorzugt.
Dann analysiert der Advance Scout die Audibles des gegnerischen Quarterbacks. Zum Beispiel: Von den 100 Audibles, die er in den letzten vier Spielen angesagt hat, waren 80 Passspiele. Das verrät dem Coach, dass der Gegner im Huddle ein Laufspiel ansagt und dieses an der Line of Scrimmage in einen Pass ändert, sobald der Quarterback in deiner Defense etwas sieht, das ihm nicht gefällt. Diese Information bringt deinen Defensive Coordinator vielleicht auf die Idee, eine Coverage so zu tarnen, dass diese den gegnerischen Quarterback dazu bringt, an der Line den Spielzug zu einem Pass zu ändern, für den deine Defense dann bereit ist. Oder vielleicht will er, dass die gegnerische Offense beim Laufspiel bleibt. Dann sorgt er dafür, dass seine zwei Safetys hoch oben im Feld stehen bleiben. In jedem Fall ist die Defense nun besser auf das, was kommt, vorbereitet.
Ein guter Advance Scout wird Formations-Tendenzen aufdecken. Vielleicht stellt der Gegner seine Receiver kompakt auf. Der Scouting-Bericht wird sehr spezifisch aufführen, dass das gegnerische Team in einer bestimmten Down-and-Distance-Situation, mit einer bestimmten Aufstellung in einer bestimmten Feldposition den Ball zu 90 Prozent zu dem kleinsten Receiver im Pulk warf.
Solche Tipps sind entscheidend, um einen auf einen spezifischen Gegner maßgeschneiderten Game Plan zu entwerfen. Als Pete Carroll noch Cheftrainer der Jets war, sagte er immer zu mir: »Okay, ich gehe jetzt die Secondary coachen. Ich muss ihnen sagen können, was hier abläuft.« Also suchte ich nach den relevantesten Informationen, die er den Defensive Backs geben konnte. Vielleicht fand ich zum Beispiel heraus, dass in 90 Prozent aller Fälle der erste Read des Quarterbacks vom Runningback wegführte – was bedeutet: Wenn ein versetzter Runningback (offset back) im Spiel war, wollte der Quarterback meist zuerst auf die dem Runningback entgegengesetzte Spielfeldseite werfen. Der Cornerback auf der Seite, wo der Runningback nicht steht, weiß dann, dass er wahrscheinlich den bevorzugten Receiver covert, und der Safety auf dieser Feldhälfte kann sich darauf konzentrieren, vorherzusehen, wo der Pass hingehen könnte.
Genauso wichtig wie das Herausarbeiten von Tendenzen des Gegners ist es, die eigenen zu erkennen. Denn diese wird der Gegner natürlich auch analysieren, und ein Coach muss sicherstellen, dass sein Game Plan nicht vorhersehbar wird.
Montags lassen die Trainer ihre eigenen Tendenzen aus den letzten drei Spielen Revue passieren. Ein Coach fragt dann vielleicht: »Liegen wir 50-50 in Run-Pass bei First Downs?« Falls er feststellt, dass sie öfter gelaufen sind, wenn sie sich mit zwei Runningbacks aufgestellt hatten, wird er das vielleicht ändern. Basierend auf dieser Montags-Evaluation werden die First-Down-Calls am Sonntag um mehr Ausgeglichenheit bemüht sein.
Coaches müssen natürlich auch wissen, wie sie die ganzen Informationen über Tendenzen, die sie erhalten, richtig auswerten. Eine Analyse der letzten drei Spiele eines Teams ergibt vielleicht, dass dieses im Schnitt beim First Down respektable 4,0 Yards per Carry an Boden gewonnen hat. Doch wie kam es zu diesem Durchschnittswert? Hat der Back bei jedem Carry um die 4 Yards gemacht, was für seine Konstanz spricht? Oder hat er in einer Woche gegen einen schwachen Gegner 6 Yards per Carry erzielt, in der zweiten Woche aber nur 4 Yards und im letzten Spiel gegen eine starke Defense lediglich 2 Yards?
Am Montagabend fangen die Trainer an, sich Cut-ups anzusehen – Filmausschnitte über ihren Gegner, geordnet nach Faktoren wie Personalaufstellung, Down and Distance und anderen Spielsituationen – und diese Sessions gehen meist bis in die frühen Morgenstunden des Folgetages.
Die Trainerteams der Offense und Defense treffen sich am Dienstagmorgen getrennt, und die Assistant Coaches briefen den Rest des Staffs darüber, welche Erkenntnisse sie bei der Filmanalyse gewonnen haben. So könnte ein Coach zum Beispiel sagen: »Wenn Nr. 43 an der Line of Scrimmage steht, blitzt er in 90 Prozent aller Fälle.« Der Offensive Coordinator wird sich diesen Hinweis notieren und später an seinen Quarterback weitergeben.
Als Nächstes hat der Line Coach das Wort. Ihm ist vielleicht aufgefallen, dass der Nose Tackle näher am Tight End steht, wenn er einen Lauf zur stärker besetzten Seite (strong side) erwartet. Wieder verändert der Coordinator den Game Plan entsprechend: Wenn der angesagte Spielzug »16 Boss« zur starken Seite ist und sich der Nose in diese Richtung orientiert, wird der Quarterback den Ball an den Runningback auf der schwachen Seite (weak side) geben.
Am Dienstag haben die Spieler »frei«, das heißt, sie sind nicht auf dem Platz oder in Meetings. Aber viele kommen trotzdem aufs Gelände, um sich entweder behandeln zu lassen oder zusätzliche Videos anzusehen.
Währenddessen legen die Coaches endgültig fest, welche circa 35 Spielzüge sie am Spieltag in ihren Plan integrieren. Das bestimmt dann den Trainingsplan für den Rest der Woche.
Das Mittwochstraining legt den Schwerpunkt auf alle Spielzüge, die sich der Coach für First und Second Downs zurechtgelegt hat. Diese werden mit allen erdenklichen Aufstellungs-Varianten trainiert und gegen alle Formationen, die vom Gegner zu erwarten sind.
Neben den Hauptspielzügen beinhaltet der Game Plan auch eine Liste von Audibles, die der Quarterback einsetzen kann, wenn er an der Linie steht und sieht, dass der im Huddle angesagte Spielzug von der gegnerischen Defense gut verteidigt zu sein scheint. Diese Liste ist erheblich kürzer als die mit den regulären Plays. Einigen Quarterbacks – zum Beispiel Tom Brady oder früher auch Peyton Manning, um nur zwei zu nennen – steht an der Line of Scrimmage die gesamte Offense zur Verfügung, aber die meisten Coaches begrenzen die Anzahl der Audibles, die der Quarterback ansagen darf. Als Coach Bill Parcells bei den Jets Quarterback Vinny Testaverde trainierte, hatte er meistens gar kein Audible-System implementiert. Er wusste, dass Vinny einen starken Arm hatte und meistens eine Pass-Antwort auf jede Defense an der Linie fand (beim Audible-System geht es hauptsächlich darum, Laufspiele in Pässe zu ändern). Vinny reichte den Ball also entweder an Curtis Martin weiter oder ließ sich zurückfallen und warf, wenn Bill es ihm sagte.
Heutzutage können Teams in der NFL angesichts der vielen Möglichkeiten einer Defense nicht ohne ein Audible-System auskommen. Und auch diese Plays werden im Laufe der Woche trainiert.
Q: Wer ist eher für den übergeordneten Game Plan verantwortlich, der Head Coach oder die Koordinatoren?
A: Normalerweise hat sich ein Head Coach auf der einen oder anderen Seite des Balls hochgearbeitet. Tom Coughlin kam von der Offense, Pete Carroll von der Defense. Oft stellen die Cheftrainer den Game Plan für die Seite auf, die ihnen am meisten liegt und bei der sie sich am besten auskennen, und überlassen den Koordinatoren den Game Plan für die andere Seite. Natürlich präsentieren diese dem Head Coach alle ihre Ideen im Detail, bevor sie übernommen werden.
Einige Head Coaches entwerfen den Game Plan und sind auch gleichzeitig die Playcaller. Sean Peyton gewann auf diese Weise den Super Bowl XLIV. Er erstellte den Game Plan, und der Koordinator war dafür verantwortlich, dass die Spieler ihn einübten.
Nach dem Training trifft sich der Coaching Staff, um alles durchzugehen, was während des Trainings passiert ist, und anzusprechen, was sie bisher noch nicht bedacht hatten: Warum haben wir Probleme, ihren Zone Blitz zu blocken? Warum kümmert sich keiner um den Safety, wenn er in der Box ist?
Es werden Korrekturen an den First- und Second-Down-Varianten vorgenommen und dann geht es an die Vorbereitung der Spielzüge für Third Downs.
Am Mittwoch sollten außerdem Fantasy-Football-Manager anfangen, sich die Verletzungsmeldungen anzusehen und zu prüfen, wer nicht mittrainiert hat. Wenn ein junger Spieler am Mittwoch nicht trainiert, könnte sich das auf seinen Einsatz bei First und Second Downs auswirken. Außer bei sehr erfahrenen Spielern – die ihre Aufgaben kennen, auch wenn sie diese in der Woche nicht trainieren konnten – ziehen Trainer lieber mit Jungs in die Schlacht, mit denen sie in der Woche arbeiten konnten.
Ab 9 Uhr sitzen die Spieler in Besprechungen und gehen die Trainingseinheiten vom vorherigen Tag mit ihren Position Coaches durch. Sie sehen sich Videos vom Mittwochstraining an und nehmen, zuerst im Besprechungsraum und später auf dem Platz, Korrekturen vor.
Danach werden die Third Down Plays eingeübt. Bis zur Mittagspause am Donnerstag werden die Spieler dann die Spielzüge trainiert haben, die wahrscheinlich 90 Prozent des Game Plans ausmachen.
Für die Coaches geht es nach dem Training genauso weiter wie am Mittwoch – sie sehen sich die Videos vom Training an und bewerten alles, was sie bisher gemacht haben. Die meisten Trainerteams stellen sich dieselben Fragen: Auf was für Probleme stoßen wir? Haben wir genug Optionen für den Third Down oder brauchen wir noch ein paar zusätzliche Plays?
Danach müssen sie das Training für die Situationen vorbereiten, die am Freitag eingeübt werden – Goalline- und Kurzdistanz- (short yardage) Situationen sowie die Two-Minute Offense.
Der Tag beginnt, wie schon der Donnerstag, um 9 Uhr mit einer Auswertung des Vortagestrainings und dem Korrigieren und Justieren der Third-Down-Spielzüge.
Dann geht es raus auf den Platz, um noch einige spezielle Spielzüge zu trainieren. Die Trainingseinheiten am Freitag sind kürzer als die 90-minütigen Sessions am Mittwoch und Donnerstag. Außerdem tragen die Spieler freitags keine Pads.
Was am Freitag eingeübt wird, überschneidet sich möglicherweise zum Teil mit Spielzügen, die am Third-Down-Donnerstag trainiert wurden. Coaches bereiten für den Two-Minute Drill sechs oder sieben Spielzüge vor – vielleicht auch weniger, wenn der Quarterback jung, unerfahren oder neu im Team ist. Diese Plays sind oft Ableger der einstudierten Audibles und eine Mischung aus Lauf- und Passspiel.
Ich habe oft gesagt, dass Two-Minute Drills so wichtig sind, dass sie jeden Tag trainiert werden sollten. Egal ob ein Team gerade in der Offensive oder der Defensive ist: Die letzten zwei Minuten beider Spielhälften sind oft die entscheidenden des ganzen Spiels. Aber oft wird kostbare Trainingszeit damit verschwendet, Lösungen für jedes mögliche Szenario einzuüben.
Zunehmend klagen Coaches über zu wenig Trainingszeit. Je komplexer das Spiel wird, desto mehr muss man einstudieren – und das dank des Collective Bargaining Agreements von 2011 in weniger Zeit als je zuvor. Die Anzahl der Trainingseinheiten mit Pads ist zudem in der gesamten regulären Saison auf 14 begrenzt. Es gibt heutzutage einfach weniger Zeit, den Spielern etwas beizubringen, als früher. So reicht die Zeit kaum aus, um einen Quarterback, der aus einer Spread Offense im College kommt, zu einem Pocket Passer in der NFL zu machen. Und auch andere Positionen sind betroffen. Man sehe sich nur die ganzen 110 Kilo schweren Edge Rusher an, die im College Spielmacher waren, sich in der NFL aber schwertun. Das liegt daran, dass viele von ihnen im College nur eine Sache gut konnten – sie waren Speed Rusher, die nie einen zweiten oder dritten Pass Rush Move entwickeln mussten. Dee Ford hatte zum Beispiel in seiner letzten Saison in Auburn 10,5 Sacks und war der MVP des Senior Bowl 2014. Aber als Rookie bei den Chiefs gelangen ihm nur 1,5 Sacks in 16 Spielen. Es fehlt die Zeit, diese anderen zusätzlichen Moves zu unterrichten und langsam zu entwickeln.
Auch deshalb ist das Sommertraining so wichtig. Dort werden manche Dinge eingeübt, die vielleicht in der ganzen Saison nie wieder auf dem Trainingsplan stehen. Sobald ein Spielzug einmal im Training implementiert wurde, müssen die Spieler ihn im Grunde draufhaben. So könnten die Coaches zum Beispiel im Laufe des Sommers zehn Trickspielzüge trainieren. In Woche 14 der regulären Saison beschließen sie dann vielleicht, den Halfback-option-Pass einzusetzen. Wenn die Zeit nicht reicht, diesen in der Woche vor dem Spiel nochmal zu trainieren, zeigt der Coach vielleicht ein Video der ein oder zwei Durchgänge, die man davon im Sommer gemacht hat, und das muss dann als Vorbereitung reichen.
Neben dem ganzen Training vor Ort sollte sich eigentlich auch jeder Spieler während der ganzen Woche zu Hause vorbereiten. Tim Ryan, ehemaliger Offensive Lineman und mein alter Partner bei Movin’ the Chains von Sirius NFL Radio, sagte immer, dass er, wenn er heute noch spielen würde, den Defensive Line Coach um Filmausschnitte von jedem Laufspiel des Gegners aus der gesamten Saison sowie jedem Sack seines direkten Gegenübers bitten würde. Jeder Spieler kann seinen eigenen Scouting Report erstellen und sich überlegen, wie er seinen individuellen Matchup gewinnen kann. Aber, wie T-Rock beklagt, nutzen nicht genug Spieler die Vorteile der modernen Technologie; stattdessen spielen sie zu Hause Madden.
Q: Was sind die Hauptaufgaben eines Position Coaches?
A: In der Regel wird der Koordinator der Defense oder Offense den Game Plan im Team-Meeting vorstellen und dann ist es Sache des Position Coaches, seinen sieben oder acht Jungs zu vermitteln, was der Game Plan von ihnen verlangt.
Darüber hinaus sind die Position Coaches auch an den Anpassungen beteiligt, die während des Spiels an der Seitenlinie vorgenommen werden. Wenn zum Beispiel der Defensive Coordinator beschließt, den Strong Side Linebacker auf einen Blitz zu schicken, argumentiert der Position Coach für Linebacker vielleicht, dass das zwar theoretisch der richtige Plan sei, der Linebacker aber in der vergangenen Woche zwei Blitz Calls verpasst habe und deshalb momentan dazu nicht in der Lage sei. Dieser Input ist extrem wertvoll.
Und schließlich müssen Position Coaches beim Draft Experten für ihre Positionsgruppe sein. Der Linebacker-Coach weiß, in welche Richtung das Team steuern will, und wird alle Linebacker eines Draft-Jahrgangs ausfindig machen, die das können, was das Team gerade braucht.
Eine weit verbreitete fälschliche Ansicht ist die Vorstellung, dass Position Coaches die Position, die sie trainieren, auch selbst mal gespielt haben müssen – und zwar auf hohem Niveau. Clyde Christensen hat zwar North Carolina Mitte der 1970er als Quarterback zum Peach and Liberty Bowl geführt, aber das ist nicht entscheidend, um Andrew Lucks Position Coach zu sein. Matt Patricia ist ungefähr 1,70 Meter groß und wiegt 80 Kilogramm, hat einen Abschluss in Luftfahrttechnik vom Rennsselaer Polytechnic Institute und arbeitete als Assistant Offensive Line Coach, bevor er bei den Patriots der Linebacker-Coach wurde. Den Spielern ist egal, dass Patricia ihre Position nie selbst gespielt hat (tatsächlich spielte er im College Center und Guard). Sie wollen von ihrem Coach nur nützliche Tipps wie diesen: Wenn ein Gegner seinen Guard-Center-Split öffnet, folgt immer ein Draw-Play. Patricia machte seinen Job so gut, dass er nach fünf Spielzeiten als Linebackers Coach und einer als Safetys Coach in New England zum Defensive Coordinator befördert wurde.
Die Spieler sind bereits um 8 Uhr morgens auf dem Teamgelände, um das Freitagstraining Revue passieren zu lassen und Korrekturen vorzunehmen. Falls Zeit dafür ist, wird der Coach vielleicht einen besonderen Spielzug durchlaufen lassen, den er aus der Mottenkiste gezogen hat, aber es ist keine intensive Trainingseinheit. Sie dauert etwa 45 Minuten, die Spieler tragen Jogginghosen, Familienangehörige sind anwesend und es herrscht generell ziemlich viel Trubel.
Wenn ein Auswärtsspiel ansteht, gehen die Spieler nach dem Training unter die Dusche und steigen dann in den Bus, der sie zum Flughafen fährt. Bei einem Heimspiel gehen die Spieler nach Hause und finden sich bis 20 Uhr im Mannschaftshotel ein.
Das Team trifft sich Samstagabend wieder; eine der letzten Gelegenheiten für den Head Coach, den Spielern nocheinmal bestimmte Dinge einzubläuen oder eine motivierende Ansprache zu halten. Danach steht das Personal der Special Teams im Fokus – ein Bereich, in den der Head Coach wahrscheinlich in der Woche nicht involvert war.
In Anwesenheit aller wird der Special Teams Coach eine bestimmte Einheit aufrufen – zum Beispiel das Punt Coverage Team. Jeder Starter dieser Gruppe steht auf, und der Special Teams Captain zählt durch, um sicherzustellen, dass elf Männer stehen. Dann lässt der Coach einen Spieler sich setzen und dessen Ersatzspieler muss aufstehen. Diese Übung dient dazu, die spontanen Auswechslungen zu simulieren, die im Laufe eines Spiels vorkommen. Du würdest nicht glauben, wie viele Jungs das nicht hinkriegen.
Nehmen wir an, Johnson ist der Backup für sowohl Jones als auch Smith in den Special Teams. Jones verletzt sich, also muss Johnson seinen Platz einnehmen. Das bedeutet, dass jemand anderes auf der Depth Chart (der Spielerliste) nun bereit sein muss, Smiths Platz einzunehmen, falls dieser sich verletzen sollte. Jones setzt sich, Johnson steht auf. Smith setzt sich … und der nächste Spieler in der Reihe sollte jetzt wissen, dass er aufs Feld muss. Trainer nutzten den Samstagabend, um potenziellen Ersatzspielern klarzumachen, wen sie zu ersetzen haben. Und trotzdem: Wie oft sieht man jede Woche, dass ein Coach ein Timeout verbraten muss, weil er eine Special Teams Unit rausschickt und plötzlich nur zehn Mann auf dem Platz stehen?
Danach ziehen sich Offense und Defense in separate Räume zurück, wo sie sich irgendwelche Videos ansehen. Diese können inspirierend sein (zum Beispiel die zehn besten Spielzüge aus der laufenden Saison – die natürlich Teil des aktuellen Game Plans sind) oder funktional, also eine weitere Unterrichtseinheit zur Auffrischung des Trainings der zurückliegenden Woche.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Spieler die Gelegenheit, einen bestimmten Spielzug im Unterrichtsraum zu besprechen, ihn beim Training ein oder zwei Mal tatsächlich zu spielen, das Training Revue passieren zu lassen und anschließend vielleicht noch ein oder zwei Mal durchzusprechen. Mehr nicht. Wenn aber am Samstagabend ein Spieler aufgefordert wird zu erklären, was er zu tun hat, wenn der Nose Tackle näher an der Strong Side steht, dann hat er besser die richtige Antwort parat. Mehr Zeit sich vorzubereiten gibt es einfach nicht.
Q: Wie haben sich Coaches auf Donnerstagabend-Spiele eingestellt?
A: Seit es in der NFL Donnerstagabend-Spiele gibt, müssen die Trainer damit leben, dass ihre Arbeitswoche deutlich verkürzt ist, wenn ihr Team an einem Donnerstag spielt. Sie müssen mit den Spielern am Montag und Dienstag den Game Plan durchgehen und am Mittwoch den Goalline-Walkthrough machen. Vor Auswärtsspielen, zu denen die Teams fliegen müssen, gibt es nur zwei Walkthroughs.
Die Trainer haben erkannt, dass ihr Game Plan für das Donnerstagsspiel zu umfangreich war. Viele haben ihn daraufhin vereinfacht, anstatt die Arbeit einer vollen Woche in drei Tage zu quetschen.
Am Spieltag wird der Plan in die Tat umgesetzt – durch die Strategie des Playcalling. Und wie du dir vielleicht vorstellen kannst, ändert sich der Game Plan im Verlauf eines Spiels ständig.
Fans ist vielleicht gar nicht klar, dass die erste Entscheidung eines Spiels im Münzwurf besteht. Bis zur Saison 2008 galt es als logisch, dass das Team, das den Münzwurf gewann, sich für Ballbesitz entschied (es sei denn, es hatte eine herausragende Defense). Doch als die NFL beschloss, dass Coaches diese Entscheidung auf die zweite Halbzeit verschieben (defer) durften, eröffnete sich eine weitere Möglichkeit für taktische Überlegungen.
Ein Coach muss sich folgende Fragen stellen: Spielen wir auswärts? Ist mein Quarterback unerfahren? Falls ja, vertagt der Coach seine Entscheidung vielleicht auf die zweite Hälfte. Dahinter steckt die Logik, dass jedes Team in der ersten Spielhälfte etwa sechs Angriffsserien haben wird. Im Laufe dieser Serien wird der defensive Game Plan des Tages aufgedeckt. Eine Mannschaft hat möglicherweise ein paar Vorteile, wenn sie in der ersten Spielhälfte erst einmal so viele Informationen wie möglich sammelt und die Coaches in der Halbzeitpause darauf reagieren und entsprechende Anpassungen vornehmen. Zur zweiten Halbzeit ist sie also besser vorbereitet als in den Anfangsserien eines Spiels.
Wenn dein Team endlich auf dem Platz steht, wird es anfangen, den Plan umzusetzen. Trainer, die eine West Coast Offense bevorzugen, arbeiten die ersten 15 Spielzüge gern schriftlich aus, so wie Bill Walsh in den glorreichen Tagen der San Francisco 49ers. Die Spieler wissen, was kommt, sie kennen die Plays und werden diese 15 Spielzüge auf Teufel komm raus abspulen.
Ziel ist es, in den ersten ein oder zwei Serien so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Die Coaches schicken ständig andere Personalvarianten aufs Feld, weil sie sehen wollen, wie sich die Defense gegen jede davon aufstellt. Nachdem sie 15 verschiedene Matchups gesehen haben, suchen sie etwa fünf aus, die ihnen am vorteilhaftesten erscheinen, und bringen diese Spielzüge vier oder fünf Mal im Laufe des Spiels an. Am Ende des ersten Quarters ist der Game Plan für den Rest des Spiels dann angepasst und spezifischer auf die tatsächlichen Matchups ausgerichtet.
Während des Spiels sitzen einige Coaches in Aussichtskabinen (booths). Diese Booth oder Quality Control Coaches sind dafür zuständig, zu bewerten, was funktioniert, aufzuzeichnen, welche Möglichkeiten sich bieten, und zu bewerten, ob das Playcalling den Game Plan widerspiegelt. Anfang der 1990er-Jahre füllte ich vier Saisons lang diese Rolle bei den Jets aus.
