Schaurige Orte am Bodensee - Silvia Götschi - E-Book

Schaurige Orte am Bodensee E-Book

Silvia Götschi

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Beschreibung

Zwölf schaurige Geschichten von zwölf Autorinnen und Autoren über zwölf reale Orte rund um den Bodensee, angelehnt an Legenden und Ereignisse von der Steinzeit bis in die Gegenwart: Wie die Pfahlbauten von Unteruhldingen einer Studentin zum Verhängnis werden. Welches unsägliche Leid einer Frau im Lindauer Malefizturm widerfuhr. Wie eine Stadtführerin von Meersburg einen Stalker entlarvt. Als die Insel Mainau zum Genesungsort für kranke französische Gefangene wurde. Wie Tod auf der Seebühne in Bregenz und Tod im wirklichen Leben ineinanderfließen.

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Seitenzahl: 295

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Lutz Kreutzer (Hrsg.)

Schaurige Orte am Bodensee

Unheimliche Geschichten

Zum Buch

Schauer und Grusel am Bodensee Zwölf schaurige Geschichten von zwölf Autorinnen und Autoren über zwölf reale Orte rund um den Bodensee, angelehnt an Legenden und Ereignisse von der Steinzeit bis in die Gegenwart: Wie die Pfahlbauten von Unteruhldingen einer Studentin zum Verhängnis werden. Warum eine Touristin durch den Schatz der Ritter von Radirai zur Kriminalistin wird. Weshalb das Gespenst von Gottlieben für Angst und Schrecken sorgt. Welche Geheimnisse in der Niederburg die Vergangenheit lebendig werden lassen. Auf welche Weise der Vogt von Rorschach einer Frau zum bösen Vorbild wird. Welches unsägliche Leid einer Frau im Lindauer Malefizturm widerfuhr. Wie eine Stadtführerin von Meersburg einen Stalker entlarvt. Warum der alte Bahnhof in Lustenau nie in Vergessenheit geraten wird. Als die Insel Mainau zum Genesungsort für kranke französische Gefangene wurde. Wie Tod auf der Seebühne in Bregenz und Tod im wirklichen Leben ineinanderfließen. Wie der Nebel vor Romanshorn eine Fähre bedroht. Warum eine Ziege für eine junge Frau eine zentrale Rolle spielt.

Lutz Kreutzer wurde 1959 in Stolberg geboren. Er schreibt Thriller, Kriminalromane, Sachbücher und gibt Kurzgeschichten-Bände heraus. Auf den großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig sowie auf Kongressen coacht er Autoren. Am Forschungsministerium in Wien hat der promovierte Naturwissenschaftler ein Büro für Öffentlichkeitsarbeit gegründet. Er war lange als Manager in der IT- und Hightech-Industrie in München tätig. Über seine Arbeit wurden im Hörfunk und TV zahlreiche Beiträge gesendet. Seine beruflichen Reisen und Abenteuer nimmt er zum Anlass, komplexe Sachverhalte in spannende Literatur zu verwandeln. Seine Arbeit wurde mit mehreren Stipendien gefördert. Heute lebt er in Freilassing nahe Salzburg.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Anja Kästle

Satz: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Klaus Steinert / stock.adobe.com

ISBN 978-3-7349-3572-5

Karte

Link zur Erstellung der Karte: https://lutzkreutzer.com/bodensee

1945 – Ein Sommer auf Mainau

von Angela Eßer

Die Blumeninsel Mainau hat ein mediterranes Flair, einen Park mit einem über 150 Jahre alten Baumbestand und eine barocke Schlossanlage. Als erste und somit älteste Gaststätte wurde 1937 die »Schwedenschenke« eröffnet. Ab April 1945 war die Insel französische Besatzungszone und es wurde dort ein Lazarett für die befreiten französischen Häftlinge aus dem KZ Dachau errichtet.

Arm rechts – Arm links – einatmen. Unter Wasser ausatmen.

Rechts – links – einatmen.

Im richtigen Rhythmus schwimmen und atmen. So wie sie es gelernt hat. Die Strecke vom Zeltplatz am Ufer bis nach Mainau und zurück in weniger als zwei Stunden schaffen, das war heute ihr Ziel. Hin zu der verlassenen Insel. Alle Nazis und deren Verbündete seien weg, hatten sie im Dorf erzählt.

Der See war ruhig. Kein Regen in Sicht. Im Gegenteil. Vier Stunden vor Sonnenuntergang noch strahlend blauer Himmel bei fast zwanzig Grad. Die besten Bedingungen, die sie sich vorstellen konnte. Das Krafttraining, das sie heimlich in den letzten Wochen absolviert hatte, musste sich gelohnt haben. Und heimlich nur am Ufer hin- und herzuschwimmen war wichtig, aber stumpfsinnig.

Mit jedem Atemzug und jeder Schwimmbewegung kam sie der Insel näher. Lore wusste nur zu genau, dass sie sich ihre Kräfte einteilen musste. Bei unter zehn Grad Wassertemperatur. Erst wenn sie auf Mainau war, durfte sie sich wieder erholen. Und vielleicht auch etwas essen. In der »Schwedenschenke« gab es bestimmt noch zurückgelassene Vorräte. Lastwagen für Lastwagen hatten sie Lebensmittel aus Italien und Frankreich dorthin gebracht. Und sogar Pakete aus Flugzeugen abgeworfen.

Jetzt standen das Schloss und die Baracken leer, seit dieser Franzmann erschossen wurde. Und die restlichen Anhänger hatten danach die Insel fluchtartig verlassen und sich versteckt. Wahrscheinlich waren die meisten in die Schweiz geflohen oder nach Österreich, nach Italien. Wohin auch immer. Auf sie wartete sonst der Strang.

Schuldig, sie waren alle schuldig.

Lore versuchte ihre Gedanken im Blau des Sees zu versenken, musste in ihrem Rhythmus bleiben. Wenn sie schwamm, fühlte sie sich frei.

Überleben. Einfach nur überleben.

Survivre à cette vie.

Und wie?

Ein Ich gibt es doch schon lange nicht mehr.

Alles Menschenwürdige ist verloren gegangen.

Gedanken an die Freiheit müssen immer und immer wieder ausgelöscht werden.

Als wenn das so einfach wäre. Das Schreiben muss helfen.

Keine Kraft mehr. Kann den Stift kaum halten.

Je suis mort de fatigue.

Sie verschluckte sich, atmete Wasser ein. Prustete. Etwas hatte ihre Beine gestreift. Etwas Schweres, Großes und Eiskaltes. Gänsehaut am ganzen Körper. Sie strampelte unkoordiniert auf der Stelle. Keuchte. Zwang sich tief einzuatmen und kurz unterzutauchen. Kam zurück an die Oberfläche, hustete wieder. Sie versuchte, langsam kleine Mengen Wasser aus dem See zu trinken. Der See barg keine Gefahren. Höchstens eine gefährliche Strömung. Und die war heute kaum vorhanden. Vielleicht ein Fisch, der ihr in die Quere gekommen war. Mehr nicht.

Es waren immer noch viel zu viele Gedanken in ihrem Kopf, obwohl sie wusste, dass nur die Konzentration auf das Tun zählte. Alles musste zusammenpassen.

Arm- und Beinbewegung, Atmung.

Nach ein paar Minuten wurde der Hustenreiz weniger und ihre Atmung regelmäßiger. Sie legte sich im Wasser auf den Rücken, paddelte mit den Beinen und blinzelte in die Sonne. Frieden.

Endlich hat dieser Wahnsinn ein Ende, das hatte Tante Marlies gesagt. Und was Tante Marlies sagte, stimmte immer. Auf dem Weg zum See hatten sie überall weiße Bettlaken aus den Fenstern hängen sehen.

Viel zu spät.

So viele, die gestorben waren.

So viele, die gelitten hatten. Sie hatte es gesehen.

Wenn sie aus den Lagern durch das Dorf liefen. Mit ihrer Schulklasse hatte sie am Straßenrand stehen müssen. Verbrecher, hatten die Bewacher gesagt. Aber die meisten im Dorf wussten, dass das nicht stimmte.

Jetzt war es vorbei.

Sicherlich würden bald wieder Wettbewerbe auf dem See stattfinden und sie wollte dabei sein. Beim großen Schwimmen von Friedrichshafen nach Romanshorn. Das war ihr Traum. Und irgendwann würde sie die Längsquerung schaffen. Bis dahin musste sie trainieren. Unendlich viel trainieren. Das wollte sie um jeden Preis, auch wenn der Vater es ihr strikt verboten hatte. Unweiblich, sagte er immer. Wie ein Kerl würde sie dann aussehen. Niemand würde sie so heiraten wollen.

Unsinn.

Rechts – links – einatmen. Unter Wasser ausatmen.

Rechts – links – einatmen.

Ein menschenleerer Ort wartete auf sie. Die ganze Insel für sich allein, das würde es mit Sicherheit so schnell nicht mehr geben.

In den Sandboden einzelne Buchstaben zeichnen. Verschnörkelt. So wie es manchmal die Mutter gemacht hat. Aus dem Nichts werden aus den Buchstaben kurze Wörter. Ist es wirklich aus dem Nichts? Tu ris, je vis, le vin. Die Augen sehen jedes einzelne Wort und es entstehen Bilder. Freunde, die lachen. Frauen, die mit bunten Röcken tanzen. Rotwein, der in einem Glas funkelt. Erinnern bedeutet, dass man noch lebt. Immerhin.

Signal zum Appell. Schnell die Zeichen mit den nackten Füßen verwischen. Träume, die zu Staub werden.

Ein Fremder macht seinen letzten Atemzug. Wir halten für einen Moment seine Hand. Und gehen.

Reposez en paix.

Kurz vor der Anlegestelle stieg sie aus dem Wasser und ging in Richtung »Schwedenschenke«. Sie kannte die Wege. War hier so oft in den Schulferien entlanggelaufen. Hatte Gemüse und Salatköpfe für all die Mahlzeiten, die in der Gaststätte ausgegeben wurden, von den Inselfeldern geholt.

Durch die »Kraft durch Freude«-Reisen waren so viele Besucher wie nie zuvor auf die Insel gekommen. Sie alle wollten sich auf der Terrasse erholen, die Aussicht und die Blumenpracht mit den anderen genießen. Immer wenn sie das Tuten der Schiffe gehört hatte, war sie stolz gewesen. Hatte sich gefreut, dass so viele Fremde kamen, um die Schönheit ihrer Insel zu bewundern.

Oft dachte sie an das Lachen ihrer Freundinnen von damals, spürte das liebevolle Knuffen am Arm von ihrer besten Freundin Gerti, wenn sie mit ihr die vollen Teller an die Tische unter den bunten Sonnenschirmen brachte. Wie schnell hatte sich diese unbeschwerte Zeit in eine düstere verwandelt. Sie schüttelte sich und rieb sich schnell über die Arme. Blieb kurz stehen und lauschte den Vögeln, von denen sie annahm, dass sie von all dem Grauen nichts mitbekommen hatten. Sie waren wie eh und je mit dem Nestbau und der Brut beschäftigt. Jahrein, jahraus. Sie hob die Nase und glaubte, all die wiedererwachten Blüten der Insel zu riechen. Ginster, Maiglöckchen, Hyazinthen. Auch die Bäume waren ungeachtet von allem weitergewachsen und hatten sich jetzt in das immer wiederkehrende Frühlingsgrün verwandelt. Durch die Blätter warf die Sonne ein funkelndes, sternengleiches Bild. So friedvoll. So als wäre nie etwas geschehen.

Sie näherte sich der Schenke von der rückwärtigen Seite und hielt inne, als sie ohne jede Vorwarnung Stimmen vernahm. Gebrabbel, Lachen, Rufe, die immer lauter wurden und auf sie zukamen.

Sofort rannte sie auf die Gaststätte zu, drückte sich an die Hauswand und hielt den Atem an. Sie hatten gesagt, dass niemand mehr hier sei. Der Krieg war zu Ende, zumindest hier. Die Nazis waren weg und auch ihr französisches Gefolge. Sie konnte sich nicht vorstellen, wer noch auf der Insel sein sollte. Schritt für Schritt mit dem Rücken an der Wand ging sie bis zur Hausecke.

Idiot – maintenant – los geht’s – rapidement!

Wortfetzen, die immer lauter wurden. Lore konnte auf der Lindenallee zwei Männer erkennen. Und hinter den beiden einen kleineren Mann, dem sie etwas zuriefen. In einer Sprache, die sie nicht verstand. Hörte das Lachen der Männer, sah, wie sie rauchten und Kisten auf den Schultern trugen. Kaum waren sie an der Gaststätte vorbei, rannte sie wieder zum Inselufer und schwamm zurück. Mit unaufhörlichem Herzrasen. Es war noch nicht vorbei. Sie musste im Rhythmus bleiben, musste durchhalten. Es würde niemand kommen, um sie zu retten.

Selbst Pfaffen werden eingesperrt, auch wenn es ihnen hier etwas besser geht. Manche hassen sie dafür. Ergibt das Sinn? Nichts ergibt Sinn.

Tüten kleben, Unkraut jäten, Gewürzpulver mahlen.

Zwölf oder mehr Stunden am Tag arbeiten.

Schläge. Tritte. Peitschenhiebe.

Die Rücken immer krummer. Geheilt wird hier niemand. Der Kräutergarten ist ein Todesgarten. Jeder Quadratmeter ist die Hölle. Von wegen »Arbeit macht frei« – wir sollen durch Arbeit vernichtet werden.

Tout le monde le sait.

Ohne die Huber Resi wären hier viel mehr Menschen gestorben. Oder soll ich sagen verreckt? Sie hat gewusst, was hier passiert. Jeden Tag. Anscheinend glaubt ihr niemand, wenn sie es erzählt. Hat sie es erzählt? Doch jedes heimlich zugesteckte Stückchen Brot von ihr, jeder noch so kleine Brief hat unser Leben verlängert. Aber auch das Leiden.

Un vie infernal sans espoir.

Am meisten hasste Lore die DDT-Puderduschen. Ohne sie kam man allerdings nicht auf die Insel. Als Krankenschwestern waren Gerti und sie den Franzosen im Lazarett auf Mainau zugeteilt. Sie hatte sich freiwillig gemeldet, wollte wieder auf ihrer Insel sein und den Menschen helfen. Während des Krieges hatte sie stundenlang schreienden Soldaten die Hand gehalten, den Ärzten beim Amputieren geholfen, blutige Böden aufgewischt. Jetzt bekam sie die Möglichkeit, den Menschen zur Seite zu stehen, denen man so viel Leid angetan hatte. Unerträgliches Leid. Doch was sie sah, konnte sie kaum in Worte fassen. Der Widerspruch zwischen diesen wunderschönen, von ihr so geliebten Gartenanlagen und den Kranken, die hierhergebracht wurden, hätte nicht größer sein können. Buntes und kraftvolles Wiedererwachen der Natur auf der einen und auf der anderen Seite eingeschrumpfte Mumien, in denen gerade noch ein Hauch von Leben steckte. Die kahlgeschorenen Kranken sahen nicht wie Menschen aus. Eher wie eine Unmenge von fremdartigen, abgezehrten Wesen, die in ihren Betten vor sich hinvegetierten. Die meisten sagten nach ihrer Ankunft nichts, erschraken, wenn man sie berührte oder wusch. Fragte man sie nach ihren Namen, antworteten einige nur mit einer Nummer.

34226, 80248, 46262.

Man hatte Menschen zu einer Zahl degradiert.

Den Schwerstkranken, deren Knochen nur mit Haut überspannt war, flößte sie alle zwei Stunden Essen ein. Fleischbrühe, Eier in Wasser verquirlt, ein bisschen Brei. Nur nicht zu viel. Es hätte ihren Tod bedeuten können. Sie beobachtete, wie einige Patienten Essen stahlen und schnell in sich hineinstopften. Geduldig überredete sie sie, es zu lassen. Sie hatten nicht verstanden, dass es gefährlich war. Dass ihr Körper sich erst langsam wieder an Nahrung gewöhnen musste. Und anderen Kranken redete sie unablässig gut zu, damit sie überhaupt die Flüssigkeiten schluckten.

Sie und die anderen Helferinnen bekamen das Essen in einem gesonderten Raum und sie schämte sich. Gabel für Gabel. Würgte. Vor allem aber kämpfte sie ständig mit der Müdigkeit.

Das hier war ein anderer Krieg. Einer, den sie mit allen Mitteln gewinnen wollte. Wie die Ärzte, die Schwestern.

Immer wieder fiel ihr Blick auf die eintätowierten Nummern an den Armen. Sie musste die Augen schließen, um das erlittene Grauen nicht vor sich zu sehen. Das Hungern, die Schläge, die Demütigungen. Und obwohl sich alle jegliche Mühe gaben, starben so viele in den ersten Wochen. Doch wenn ein Sarg an den Kranken vorbeigetragen wurde, blickten sie noch nicht einmal auf. Der Tod war für sie banal geworden.

An manchen Tagen begleiteten Gerti und sie einzelne Patienten nach draußen, zeigten ihnen Blumen, ließen sie an ihnen riechen. Gingen mit ihnen zu den Fliederbüschen, den Zitronen- und Orangenbäumen. Versuchten ihnen eine Zukunft zu geben.

Sie entdeckte die Männer, die sie damals von der »Schwedenschenke« aus beobachtet hatte. Im ersten Augenblick stutzte sie, unterdrückte ihre aufkommende Angst und schlich ihnen vorsichtig hinterher. Schnell stellte sie fest, dass auch sie nur Kreaturen waren, die man ausgenutzt oder gefangen gehalten hatte. Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter, die man auf der Insel zurückgelassen hatte und die jetzt von den Franzosen beschäftigt wurden. Sie pflegten die Blumen- und Gemüsebeete.

Und bauten die Särge.

Irgendwann werden wir erzählen, dass wir alle nur einen wirren Traum hatten. Dass wir an einem Tag ein kleines altes Stück Brot in lauwarme Wassersuppe tunkten, um die nächste Stunde, den nächsten Tag zu erleben. Dass wir lebendig Begrabene waren, die in einem stinkenden, verlausten Bett einschliefen, um dann wie durch ein Wunder am nächsten Tag in einem Schloss aufzuwachen. Überall duftet es nach Seife. Die Betten sind weich wie Wolken, die Leintücher so strahlend weiß, dass sie fast meine Augen blenden. Ich bin nicht in einem Traum, sondern wieder zurück im Leben, würde ich nicht die brennenden Entzündungen an meinem Rücken und an meinen Beinen spüren und sich mein Magen nicht wie ein Stück Eisen anfühlen.

Neben mir liegt jemand, der mal lacht wie ein kleines Kind und in die Hände klatscht, dann herzzerreißend weint und nur zu beruhigen ist, wenn eine der Pflegerinnen ihn mit leisem Singen besänftigt. Noch kenne ich ihren Namen nicht, aber sie ist so geduldig.

Et elle est si belle.

Die halbe Welt kam auf die Insel. Journalisten, Generäle, Ärztedelegationen. Staatsoberhäupter aus fernen Ländern, die allen Überlebenden die Hand schütteln wollten. Natürlich wusste Lore, dass die Besuche wichtig waren und man der Welt zeigen musste, welche grauenvollen Verbrechen in dem Land passiert waren. Aber all die Musikgruppen, die die Kranken aufmuntern sollten, die bunten Varieté-Abende, die Ehrungen waren oftmals zu viel. Mainau glich einem großen Rummelplatz. Zwar freuten sich alle, und doch bemerkte Lore, dass es ihnen an einigen Tagen zu anstrengend wurde. Sie brauchten Ruhe und mussten erst langsam wieder Menschen werden. Zu viele Fremde, die sie musterten. Einige schämten sich, in ihrem Zustand den wohlgekleideten Besucherinnen, den Generälen in ihren sauberen Uniformen gegenüberzutreten. Lieber verkrochen sie sich hinter Büschen oder in einer der Baracken. Ertönte gleichzeitig von irgendwo her ein Kommando, und sei es nur, dass ein Transportwagen mit weiteren Patienten eingewiesen werden musste, standen sie – vor allem die Neuen – sofort stramm, in geduckter Haltung mit gesenktem Blick. Rissen ihre Mützen herunter und setzten sie nicht wieder auf. Sie waren in der Freiheit noch nicht angekommen. Waren auf einmal wieder im Lager.

Lore hatte erst gar nicht begonnen zu zählen, wie viele tagtäglich nach Mainau gebracht wurden und versorgt werden mussten. Ein ständiges Kommen und Gehen. Etliche blieben für Wochen. Doch trotz aller Bemühungen wurde für manche die Insel zur letzten Ruhestätte. Andere blieben nur eine kurze Zeit und wurden dann auf die Reichenau gebracht, um von dort aus die Heimreise nach Frankreich anzutreten. Wenn sie Zeit hatte, dann stand sie am Schlosseingang und winkte zum Abschied.

Am meisten freute sie, dass sie nach Schichtende im See schwimmen durfte. Das Gesehene und Gehörte im See von sich abwaschen, wohl wissend, dass sie in ein paar Stunden wieder im Schloss sein sollte. Nur für ein paar Minuten allein sein. Wie kostbar waren für sie diese Momente.

Einzig Gerti machte ihr Sorgen. Sie wurde immer stiller, selbst in der Freizeit war sie kaum aufzumuntern. Manchmal fand Lore sie im Keller der »Schwedenschenke« und versuchte mit ihr zu reden.

Sie konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie lange es gedauert hatte, bis Gerti endlich erzählte. Hoch und heilig musste sie ihr versprechen, nichts davon der Kommandantur zu melden.

Ein eigenes Zimmer mit einem bequemen Bett und eigenen Sachen. Eine Kiste, in der ich alles aufbewahren darf. Stifte, Hefte, Rasierzeug, Kamm. Dazu warmes Wasser.

Quel luxe …

Nirgendwo Zäune. Jeder kann hingehen, wohin er will.

Die Baracken sind nur noch für eine kurze Zeit mein Zuhause, dann geht es hoffentlich wieder zurück in die Heimat. Ich werde die Insel vermissen, die sich mir so rein, so unverbraucht zeigt. Vielleicht werde ich auch die Menschen, die ich hier kennengelernt habe, vermissen. Wie selbstverständlich versprechen wir uns, zu schreiben, zu besuchen. Doch tief in unserem Inneren wissen wir alle, dass wir nichts sehnlicher wünschen, als diese Leidensgenossen nie wieder zu sehen. Alte Wunden würden immer und immer wieder aufreißen. Wir aber wollen Heilung.

Wenn ich Lore anschaue, sehe ich meine Heilung. Aber warum muss sie ausgerechnet Lore heißen. Unendliche Male haben wir dieses elendige Lied auf dem Appellplatz singen müssen. Bei Schnee, Eisregen, bei unsäglicher Hitze. Ich habe dieses Lied so gehasst.

»Im Wald im grünen Walde

Da steht ein Försterhaus

Da schauet jeden Morgen

So frisch und frei von Sorgen

des Försters Töchterlein heraus …

Lore, Lore, Lore, Lore …«

Die Stimmung in einer der Baracken veränderte sich. Sie hätte nicht sagen können, woran sie es merkte. Von einem auf den anderen Tag wurden einige der Kranken schweigsamer, spazierten oft stundenlang über die Insel, obwohl sie noch gar nicht die Kraft dazu hatten. Wenn die Ärzte Lore zur Suche aufforderten, fand sie manche auf einer Parkbank sitzen oder auf Rasenflächen liegen und Selbstgespräche führen. Unzusammenhängende Wörter aneinandergereiht. Mit Blicken, die leer waren. Wie aus einer Trance musste sie sie vorsichtig wieder in diese Welt zurückholen und in ihre Zimmer bringen. Versuchte sie aufzumuntern. Versprach ihnen, dass bald ihre Angehörigen zu Besuch kamen. Bis zum französischen Nationalfeiertag war es nicht mehr lang, und der sollte nur mit den Patienten und ihren Angehörigen gefeiert werden. Zusammen mit einem französischen Pfleger schrieb sie etliche Briefe oder bat ihn, Telegramme zu versenden.

Aber die Stimmung in der Baracke beschäftigte sie trotz alledem. Immer wieder ging sie die Listen der Kranken in dieser Baracke durch und konnte nichts Besonderes feststellen. Alle dort untergebrachten Patienten waren schon eine Weile auf der Insel und die meisten auf dem Weg der Besserung. Es gab keinen erkennbaren Grund. Zumindest nicht für Lore.

Der Feiertag rückte immer näher und sollte auch auf der Mainau gebührend gefeiert werden. Die Ärzte und das gesamte Personal machten sich Gedanken, wie man diese Feier begehen könnte. Das Essen für diejenigen, die es schon zu sich nehmen durften, wurde zusammengestellt. Gegrillter Fisch, Lammkeule, grüne Bohnen, verschiedene Gemüsesorten, Käse, Schokoladeneis, Obst und Kuchen. Die Tische wurden auf besondere Weise eingedeckt. Dazu fand sich genügend im Schloss. Lore hoffte, dass alles danach wieder ordnungsgemäß zurückgelegt werden würde. Damasttischdecken. Große versilberte Kerzenhalter. Edle Teller und Silberbesteck.

Auf dem Innenhof des Schlosses wurde ein großes »V« für Victoire errichtet und ein Kreuz, das Lore noch nie zuvor gesehen hatte. Sie nannten es das Lothringer Kreuz.

Verbundenheit in Sieg und Niederlage.

Fahnen hingen an den Fassaden und ein Banner wurde über dem Eingang gespannt, bei dem sie einen Stich in ihrem Herzen spürte.

»Tod den Tyrannen – Es lebe die Republik«

Dieser Höllenhund.Quel chien de l’enfer …

Er ist hier. Ich hatte gehofft, ihm nie wieder zu begegnen. Der Henkersknecht, der uns im Lager bis aufs Blut gequält hat. Der mit SS-Leuten am Tisch saß und sich mit ihnen über unsere Leiden freute. Der der Gestapo half. Seine eigenen Mitgefangenen ankettete und zugrunde richtete.

Es muss ein Irrtum sein. Eine Täuschung. Mitten am Tag erlebe ich einen Alptraum und sehe es auch in den Gesichtern von Pierre, Marc und Bernard. Wenn sie ihn von Weitem sehen, drehen sie sich weg, werden stumm. Verschwinden auf den Toiletten. Der Körper reagiert sofort.

Von den Patienten hatte sie nie einen Moment des Hasses erlebt, im Gegenteil. Manche Gesten fand sie fast schon übertrieben. Immer und immer wieder drückten sie ihre Hand, bedankten sich unentwegt und streichelten über ihre saubere Uniform. Manche gaben ihr sogar einen Kuss auf die Hand.

Und doch war sie eine Deutsche. Sie gehörte dem Volk an, das so viel Zerstörung, unendliches Leid verursacht hatte. Gräueltaten, die mit nichts wiedergutzumachen waren. Sie senkte jedes Mal, wenn sie an dem Banner vorbeikam, den Kopf. Sie fühlte sich mitschuldig. Vor allem seitdem sie wusste, dass Gertis Vater sich während des Krieges im Schloss bedient hatte. Und nicht nur er. Das halbe Dorf hatte hier ausgeräumt. Gerti hatte ihr alles erzählt. Gemälde, Truhen, Pelze. Lastwagenweise alles einfach aus dem Schloss geholt, wie ganz gemeine Diebe. Mit welchem Recht?

Wie immer es dieses Monster auch geschafft hat, hierherzukommen. Ich kann es nicht glauben. Aber erkenne seine Nummer. Die sich ausnahmslos jedem ins Gedächtnis gebrannt hat, der in diesem Lager war.

Alle haben sich unter ihrer Würde angebiedert. Bloß nicht anecken, nichts Falsches machen, die ungesagten Regeln befolgen. Warum? Aus Feigheit. Jeder hat nur versucht, sein Leben zu retten.

Doch er ist weitergegangen. Er wurde zu einem Unmenschen.

Seine dunklen Seiten hat er ausleben dürfen und wurde dafür gelobt.

Ich habe es nie vergessen. Darf es nicht vergessen.

Nicht nur die Lagerkommandanten waren Täter, sondern selbst die eigenen Leute.

So wie er.

Ihr tat es in der Seele weh, als sie sah, wie ein wunderschöner alter Tisch aus dem Schloss zu einer Tischtennisplatte umgebaut wurde. Letztendlich, sagte sie sich, war es eben doch nur ein Tisch. Wenn es den Patienten eine Freude machte und zu ihrer Heilung beitrug, dann war es unbezahlbar. Sie hoffte darauf, dass so viele wie möglich einigermaßen gesund wieder nach Frankreich fahren konnten. Jetzt hieß es aber erst einmal die letzten Vorbereitungen für den Feiertag zu treffen. Sie hatte am Abend frei und freute sich darauf, mit den Patienten gemeinsam zu essen. Leider konnte Paul nicht dabei sein. Sie hätte es sich so sehr gewünscht. Bei dem Gedanken an ihn merkte sie, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.

Damals ging das Gerücht um, dass er eigentlich schon entlassen sei, sich aber fürchtete, heimzugehen und darum gebeten hatte, im Lager bleiben zu dürfen. Bevor sie die neuen Banner anbrachten, hing dort ein anderes.

»Deportierte aus Dachau – Frankreich, dem ihr so viel gegeben habt, erwartet euch.

Es braucht euch noch …«

Nein, dieses Ungeheuer braucht niemand! Nie wieder!

Lore, Lore, Lore … was soll ich tun?

Ein Musical sollte aufgeführt werden, Musikgruppen aufspielen. Auf der Insel war es wie früher. Überall standen Liegestühle auf den Rasenflächen, man hörte Lachen, sah Ehepaare, die sich unter Freudentränen in den Arm nahmen. Dazu blauer Himmel und endlich wieder die Schiffshörner, die ihr Anlegen ankündigten. Schiffe, die mit den Genesenden und ihren Angehörigen einen kleinen Ausflug über den See gemacht hatten. Lore fühlte, dass die Welt wieder langsam zurechtgerückt wurde, auch wenn noch vieles in Schutt und Asche lag.

Meine Wunden haben sich wieder entzündet, ich darf das Bett nicht verlassen. Der Arzt legt neue Verbände an, redet mir gut zu. Lore gebe ich zu verstehen, dass sie meine Freunde zu mir schicken soll. Dabei erzählt sie mir, dass sie später schwimmen gehen will, wenn die anderen feiern. Sie lächelt mich dabei an und legt den Zeigefinger auf ihren Mund.

Ich schaue sie an, lächle zurück. Beim nächsten Mal werde ich sie fragen, ob sie noch einen zweiten Namen hat.

Das Feuerwerk wollte sie sich vom See aus anschauen. Das Schwimmen in sternenklarer Nacht hatte etwas Besonderes. Sie hatte es schon früher heimlich gemacht. Nur Tante Marlies wusste davon. Sie hatte am Ufer gesessen und mit einer Lampe geleuchtet. Aber heute gab es ja das Feuerwerk und viele Lichter auf der Insel.

Viel zu reden gibt es nicht. Im Lager haben wir gelernt, ohne große Worte auszukommen. Es reichen Augenbewegungen, Zeichen mit der Hand, ein kurzes Nicken. Der Tag heute ist ideal.

Wenn nur meine Beine und Arme nicht so kalt wären …

Der See und sie, das war eins. Für Gerti war der See ein Abgrund mit grauenvollen Geheimnissen, die sie nicht kennenlernen wollte. Ihr reichte es, den See anzuschauen, am Ufer entlangzugehen und sich auf ein Stück Kuchen zu freuen.

Auf der Insel dürfen nur die begraben werden, die in Ehre gestorben sind. Niemals einer wie er. Das wissen auch die drei anderen. Sie werden das Richtige tun.

Ich schwitze und friere gleichzeitig. Das Feuerwerk ist in mir. Das Herz hämmert in meiner Brust, die Musik bringt meinen Kopf zum Tanzen.

»Lore, Lore, Lore, Lore …

Grüß mir die Lore noch einmal

ade, ade, ade …«

Lore spürte unendliche Freude, lehnte sich mit dem Rücken ins Wasser, streckte ihren Körper und bewegte nur ein wenig ihre Hände.

Toter Mann. So nannte es ihre Tante.

Für sie war es die Wasserwolke. Das Wasserwolkenbett. In dem sie sich einfach von den Wellen treiben lassen konnte.

Sie schaute zum Himmel und wartete darauf, dass das Spektakel begann. Spürte mit einem Mal etwas an ihren Beinen …

Ein Brunnen voller Geheimnisse

von Doris Röckle

Einst gab es in Raderach zwei Burgen, die Tannenburg und die Fichtenburg. Raubend zogen ihre Besitzer durch die Lande. Reich waren sie dabei geworden, die Ritter von Radirai, doch ihr Reichtum schürte auch Neid. Eines Tages überfiel der Herr der Fichtenburg seinen Kontrahenten und steckte ihn in den Kerker. Jeglichen Besitz verloren und den Tod vor Augen, glaubte der Gefangene, das Ende sei gekommen. Doch er hatte den Mut seiner Tochter unterschätzt. Rosa von Tannenburg vollbrachte ein Wunder, und ihr Vater kehrte zurück auf seine Burg. So besagt es die Legende.

Gefunden wurde der Schatz der Ritter von Radirai nie. Liegt er vielleicht im tiefen Brunnen der ehemaligen Fichtenburg? Oder vielleicht beim Heidenschlösschen, der ehemaligen Tannenburg, im tiefen, dunklen Wald?

Nebel, Nebel und nochmals Nebel. Wie knorrige Finger ragten die Äste der kahlen Bäume gen Himmel, tauchten sie mal inmitten der Nebelschwaden auf. Manche Menschen fanden diese Stimmung romantisch und inspirierend. Hans Dieter Lonsky gehörte zweifellos nicht zu ihnen. Für ihn waren Nebeltage nur dann schön, wenn er in seinem Lesestuhl saß, die automatische Rückenmassage aktiviert und ein gutes Buch auf den Knien hatte. Zwei Jahre hatte er diese Stille genossen, in der Sabine frühmorgens das Haus verließ und abends müde von der Arbeit heimkehrte. Doch seit seine Sabine ebenfalls pensioniert war, gehörten diese gemütlichen Stunden der Vergangenheit an. Sabine war der Meinung, dass man mit Erreichen des Pensionsalters neu aufblühte, dass man das Leben doppelt genießen sollte und dazu gehörten leider keine gemütlichen Lesestunden mit Rückenmassage. Jeden Sonntag schmiedete seine Sabine nun Pläne, wie man die kommende Woche sinnvoll nutzen konnte. Selbst Regen hielt sie nicht davon ab, eine Wander- oder Radtour zu unternehmen. Natürlich nicht alleine, denn schließlich hatte sie ja einen Mann, dem Bewegung ebenfalls guttat, so predigte sie ihm jeden Sonntag mit mahnendem Zeigefinger.

Hans Dieter trat heftiger in die Pedale, denn mittlerweile war der Nebel so dicht geworden, dass er seine Sabine kaum noch sah. Er keuchte, sein Herz raste und er schwitzte unter dem Fahrradhelm trotz der Kälte. Eine Fahrradtour im November, rund um den Bodensee, darauf konnte auch nur seine Sabine kommen.

»Sabine, nicht so schnell«, rief er dem dunklen Schatten vor ihm zu, in welchem er Sabine zu erkennen glaubte.

Seit sie von Überlingen aufgebrochen waren, sauste Sabine mit Tour-de-France-Tempo vor ihm her. Sein hilfloses Rufen nach Verlangsamung hatte nur dazu geführt, dass Sabine auf den hirnrissigen Gedanken gekommen war, ihn nächste Woche auch noch zum Fitnesstraining anzumelden.

»Hans Dieter, deine Gesundheit lässt arg zu wünschen übrig, ein wahrliches Manko, kann ich nur sagen«, meinte Sabine mit skeptischem Blick, als er endlich zu ihr aufschloss.

»Manko?« Hans Dieter versuchte sein Keuchen zu unterdrücken. »Ich habe kein Manko. Andere in unserem Alter radeln auch nicht rund um den Bodensee, sondern liegen um diese Jahreszeit irgendwo an der Adria in der Sonne.«

»Andere, dass ich nicht lache.« Sabine sog die Luft hörbar durch ihre Nase. »Du meinst wohl deine Stammtischkollegen, die mit den dicken Bäuchen und den roten Nasen.«

»Jetzt bist du aber ungerecht, Sabine«, protestierte Hans Dieter. »Das sind alles gestandene Männer, die …«

»… die Bewegung vermeiden, wo es nur geht«, vollendete Sabine den Satz. »Du willst doch hoffentlich nicht so enden, mein lieber Hans Dieter.« Sabine musterte ihn mit strengem Blick, woraufhin er geschlagen mit den Schultern zuckte.

»Sehr gut, dann sind wir uns ja einig«, meinte sie triumphierend, »und jetzt verschärfen wir das Tempo. Denk dabei an deine Atmung, tief in die Lungen, so fährt es sich leichter.« Sabine beugte sich vor und flitzte davon. »Bald kommen wir nach Unteruhldingen. Ich glaube, man kann die Pfahlbauten bereits ein wenig sehen«, rief sie über ihre Schulter.

Wie durch ein Wunder lichtete sich der Nebel in diesem Augenblick und die Sonne ließ sich schemenhaft am Himmel erahnen.

»Unglaublich, welch kluge Köpfe es schon in der Steinzeit gab«, fuhr Sabine fort. »Hans Dieter, hast du gewusst, dass jährlich 300.000 Besucher hierherkommen, um diese Pfahlbauten zu bestaunen?«

»Erstaunlich.« Hans Dieter bemühte sich um eine Antwort, während er versuchte, ein Taschentuch in seiner hautengen Bikerjacke zu finden. Auch so eine Idee seiner Sabine. Enge Kleidung lasse den Wind besser vorbeizischen. Er fühlte sich darin eher wie eine Presswurst.

Der Sonnenlichtblick war so schnell vorbei, wie er gekommen war. Als der Weg eine scharfe Linkskurve machte, war Sabine bereits wieder im Nebel verschwunden. Hans Dieter radelte tapfer weiter. Plötzlich hörte er vor sich Bremsen quietschen. Breitbeinig stand Sabine da, die Hände auf den Lenker gestützt, Ratlosigkeit in den Augen.

»Wir hätten wohl eine Abzweigung nehmen müssen oder was denkst du?«

»Ich?«, fragte Hans Dieter hilflos. »Du bist doch der Tourguide. Ferientage ohne Handy und nach Gefühl fahren, das war doch dein Motto, soweit ich mich erinnere.«

»Der Verzicht auf das Handy hat durchaus seine Vorteile«, konterte Sabine scharf.

»Und die wären?« Hans Dieter lächelte schelmisch.

Sabine scheuchte seine Frage wie eine lästige Fliege beiseite, kniff die Augen zusammen und versuchte, inmitten der Nebelsuppe etwas zu erkennen.

»Mit Handy könnten wir jetzt Google Maps fragen, wo wir sind«, setzte Hans Dieter noch breiter grinsend nach.

Sabine schnaubte.

»Wir fahren weiter«, bestimmte sie. »Ich bin überzeugt, dass wir bald jemanden treffen, der uns weiterhelfen kann.«

»Bei diesem Wetter bleiben die Menschen zu Hause, Sabine, da radelt niemand um den Bodensee.«

»Ja, ja, oder sie liegen an der Adria in der Sonne, das hast du mir jetzt schon hundertmal erklärt und allmählich mag ich es nicht mehr hören.«

Sabine schwang sich wieder auf ihr Rad. Hans Dieter blieb nichts anderes übrig, als es ihr gleichzutun. Nach einer weiteren Stunde, in welcher sie Hügel rauf und Hügel runtergefahren waren, ohne jemanden zu treffen, erreichten sie das Ortsschild von Raderach. Sabine stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, denn mittlerweile war sie an ihre Grenzen gestoßen. Zugegeben hätte sie das natürlich nie, das wusste Hans Dieter, doch allein die Erschöpfung in ihren Augen zu sehen, löste ein Gefühl wohliger Genugtuung in ihm aus.

»Und was machen wir in Raderach? Viel scheint hier nicht los zu sein.« Hans Dieter radelte jetzt neben seiner Sabine.

»Das täuscht, mein Lieber.« Sabine lächelte. »Hier soll es einen Gasthof geben, in dem man nicht nur gut isst, sondern der auch ein Geheimnis birgt.«

»Ein Geheimnis?«, echote Hans Dieter, wobei er die Augen verdrehte.

Das war eine weitere Marotte seiner Sabine. Überall witterte sie Geheimnisse oder Übernatürliches. Sie könne so etwas fühlen, sie sei halt sensibel. Er hütete sich stets davor, ihr dies auszureden, zumal Sabine ohnehin nicht auf ihn hörte.

»Im Gasthof Krone gibt es offenbar einen Brunnen aus dem Mittelalter, so jedenfalls habe ich es im Internet gelesen, und in der Tiefe soll ein Schatz schlummern.« Sabine sog die kühle Abendluft tief in ihre Lungen.

»Meinst du nicht, sollte da wirklich ein Schatz verborgen sein, dass man ihn längst gefunden hätte?«

»Das geht eben nicht. Der Brunnen ist zu tief. Offenbar haben es schon Taucher versucht und auch welche mit einer Sonde, aber alles hat nichts gebracht.«

»Und du glaubst, mit reinem Hinabstarren in die Tiefe findest ausgerechnet du den Schatz?« Hans Dieter versuchte erst gar nicht, seinen Sarkasmus zu verbergen, denn dazu war er einfach zu erschöpft.

»Alles zu seiner Zeit. Erst werden wir etwas Gutes essen. Der Kronentopf nach Art des Hauses soll sehr zu empfehlen sein, wie man mir in Überlingen sagte. Zudem werden wir eine Nacht hier verbringen, das gefällt dir doch sicher, mein Lieber.« Sabine überging die Spöttelei ihres Gatten geflissentlich.

Sie schoben die Fahrräder den steilen Hang hinauf, da der Gasthof Krone auf dem höchsten Punkt von Raderach lag. Offenbar war die Gaststätte sehr beliebt, wie der volle Parkplatz bezeugte.

»Schau mal, Sabine. Hier könnte man sogar E-Bikes aufladen, wenn man eines hätte«, keuchte Hans Dieter und stellte das Fahrrad in den Ständer.

»E-Bikes nützen der Gesundheit nicht viel, zudem sind sie zu gefährlich. Immer wieder liest man in den Zeitungen von Unfällen. Da bleiben wir lieber bei unseren alten Fahrrädern, die sind zudem besser für die Beinmuskulatur.«

Hans Dieter zog den Fahrradhelm aus und fuhr sich mit der Hand durch die nassen Haare. Dann löste er die Radtaschen und warf sie sich über die Schultern. Sabine war wie üblich einen Tick schneller und stieg bereits die Treppe zum Eingang hoch.

»Guten Tag. Wir haben ein Doppelzimmer auf den Namen Lonsky reserviert«, wandte sie sich mit einem Lächeln an den jungen Mann hinter dem Tresen, der allerdings alles andere als erfreut schien, dass er nebst dem Bierzapfen noch die Buchung bearbeiten sollte.

Nervös winkte er der Kellnerin zu, die ihn jedoch keines Blickes würdigte.

»Lonsky, sagten Sie«, brummelte er vor sich hin, während er Sabine den Meldeschein zuschob. »Bitte ausfüllen«, setzte er nach.

Sabine erledigte rasch die Formalitäten und räusperte sich. »Hier soll es einen Brunnen aus dem Mittelalter geben, habe ich gelesen.«

»Im Keller, ja.« Peter, wie der junge Mann hieß, angelte sich einen der Zimmerschlüssel vom Haken und hielt ihn Sabine hin. »Allerdings kann man da nicht allein hin, und wie Sie sehen, fehlt mir heute Abend die Zeit, Ihnen den Brunnen zu zeigen. Meine Mutter hat sich heute Morgen den Fuß gebrochen, und jetzt ist hier die Hölle los.«

»Der Brunnen läuft uns ja nicht weg«, mischte sich nun Hans Dieter in die Unterhaltung. »Bestimmt ergibt sich morgen eine Gelegenheit für eine Besichtigung.«

Peter nickte ihm dankbar zu, griff nach den Bierkrügen und eilte einem der Tische entgegen.

»Sie sind wohl wegen der Legende um die Rosa von Tannenburg hier.« Einer der Stammgäste winkte Sabine zu sich. »Da könnte ich Ihnen einiges darüber erzählen.«

Der Bärtige zwinkerte Sabine etwas zu frivol zu, wie Hans Dieter fand. Breitbeinig stellte er sich hinter seine Frau. Doch alle Müh war vergebens, Sabine hatte bereits angebissen. Sie setzte sich neben den Bärtigen und schaute auffordernd in die Runde.

»Der Brunnen ist über 90 Meter tief und birgt so manches Geheimnis«, fuhr der Bärtige grinsend fort. »Nicht nur Gold und Silber liegen dort unten.«

»Was denn noch?«, fragte Sabine mit großen Augen.

»Warum hat man wohl ein Gitter angebracht?« Der Bärtige tätschelte jetzt sogar Sabines Hand, was Hans Dieters Blutdruck rasant in die Höhe schnellen ließ. Er wollte gerade einschreiten, als seine Frau zur nächsten Frage ansetzte.

»Damit niemand hinunterfällt?« Sabine schluckte hart. »Ist das schon vorgekommen?«, setzte sie nach.

Die Männer am Stammtisch zuckten allesamt mit den Schultern, während sie einander verschwörerische Blicke zuwarfen.

»In 90 Meter Tiefe hat vieles Platz, auch das, was dort nicht hingehört.« Der Bärtige zog die Luft geräuschvoll durch die Nase. »Raderach ist ein Ort voller Geheimnisse.«