Schicksalsschlag - Annunziata von Hoensbroech - E-Book

Schicksalsschlag E-Book

Annunziata von Hoensbroech

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Beschreibung

Jeden kann es treffen. Plötzlich. "Von diesem Moment an, war nichts mehr wie es war" schreibt Annunziata Hoensbroech. Wenn man als Angehöriger aus heiterem Himmel vom Schicksal getroffen wird, überkommt einen unwillkürlich das Gefühl, man sei jetzt im falschen Film: Gleich wird man aufwachen und alles ist wie immer. Aber es ist der richtige Film, das echte Leben und da ist nichts berechenbar. Wie man das bewältigt, wie man Mut und Hoffnung bewahrt und wie man sich doch auf das Unerwartete vorbereiten kann, davon handelt dieses Buch einer couragierten Mutter. Packend von der ersten bis zur letzten Seite.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Annunziata Hoensbroech

Schicksalsschlag

Der Weg zurück ist kein Spaziergang

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2019

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Covergestaltung: Chiara Hoensbroech

Umschlaggestaltung: agentur IDee

Umschlagmotiv: © Rasica/iStock/GettyImages

Redaktion: Ekaterina Merten

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services, Leipzig

ISBN E-Book 978-3-451-81685-7

ISBN Print 978-3-451-60082-1

Inhalt

Impressum

Vorwort

Unfallbericht

Wenn nichts mehr ist, wie es war

Der Anruf

Reise nach Barcelona

»Tercera planta«

Familientreffen in Barcelona

»Heb-mich-zieh-Dich« – das Zwillingsprinzip

Die Entdeckung der Leere

Einzug ins Basislager

Arztgespräch

Der Barça-Rhythmus

Krise – Stimmen aus dem Off

Die 49. Stunde

Stimmen aus dem Off

Ritt auf der Parabel

Gute Absichten

Ist Gott schwerhörig?

Alle für Einen

Die Katze

Auf großem Fuß

Über Liebe

Über Mut

Ärzte unter sich

Das Privileg

ESADE

Wenn Leben sinnlos wird

Wunder geschehen nebenbei

Baum ohne Blätter

Zu zweit allein

Sonnenbrillenblickwinkel

Private Gym

Vier Sprossen auf der Leiter

Hinterhofleben

Reise mit kleinem Gepäck

Es geht weiter

Aufbruch

Letzter Tag

Abschied

Reise mit Hindernissen

Packen fürs Leben

Einen Moment zu Hause

Von guten Geistern

Von Poltergeistern

Die Kunst der aufrichtigen Rede

Wahrer Albtraum

Leben ist anstrengend

Fester Boden unter den Füßen

Reden ist Gold

Vor Jahr und Tag

Auf der Suche nach Ehrgeiz

Dienst nach Vorschrift

Die drei Tenöre

Warten auf Godot

Pilot und Geisterfahrer

Wie viele Teile sind ein Ganzes?

Der Adler ist gelandet

Orientierung

Gesundheit auf Bestellung

Das Caspar-Puzzle

Missverständnisse

Routine

Ausflüge

Götterdämmerung

Zeitlos

Ortswechsel

Der heiße Draht

Selbsterkenntnis

Das Geheimnis des Löffels

Der Welteroberer

Das Comeback

Caspars Geschichte

Jenseits der Geschichte

Danksagung

Abbildungsnachweis

Über die Autorin

Dieses Buch widme ich

meinen Kindern –

ihr seid das Geschenk meines Lebens

ihrem Vater, mit Dank für dieses Geschenk

meinen Geschwistern –

ihr seid echte Lebensbegleiter

und den besten aller Freundinnen

Vorwort

23 Grad, blauer Himmel, strahlender Sonnenschein: ein Ohne-Jacke-und-ohne-Sorgen-Tag. Ich habe eine herrliche Verabredung mit meiner Freundin Birgitt. Rund um eine schöne, alte Wasserburg nicht allzu weit weg von uns findet einmal im Jahr eine große, bunte Verkaufsausstellung in den Gärten und Scheunen des Anwesens statt. Man findet dort die schönsten Dinge, die man gar nicht gesucht hat oder gar braucht, sitzt in verschiedenen Lauben-Cafés, steht unter Bäumen an Weintheken, probiert hier Gemüsechips und dort Bio-Pralinen und lässt sich den ganzen Tag über treiben. Es ist nicht das erste Mal, dass Birgitt und ich dort gemeinsam hinfahren, und so wissen wir genau, was uns erwartet, und freuen uns darauf.

Daher ist gegen Mittag, während der ersten »Kaffeepause«, der Anruf meines ältesten Sohnes Caspar aus Barcelona eine eher unwillkommene Unterbrechung.

»Hey, Mami, ich wollte mich einmal melden und fragen, wie es dir geht.«

»Hey, mein lieber Caspar, jetzt ist es gerade ganz blöd zu telefonieren. Birgitt und ich sitzen bei einer Tasse Kaffee zusammen, kann ich dich später zurückrufen?«

»Eher nicht, ich gehe gleich mit Freunden zu einem ›Brunch Electronic‹ (Anmerkung: Ein Brunch Electronic ist ein spätes Frühstück mit Musik für alle, die mit dem Feiern nicht bis zum Abend warten wollen.)«, meint Caspar.

Die Aussicht, ihn dann nicht mehr zu erreichen, macht mich mürbe, und ich nehme mir die Zeit, kurz mit ihm zu sprechen. Birgitt hat das schon vorausgesehen und ist daher nicht überrascht. »Ich beeile mich«, flüstere ich ihr zu und gehe ein paar Schritte auf die Seite. Sie lächelt verständnisvoll. Sie kennt mich.

Abends geht mir Caspar nicht aus dem Kopf. Er klingt hochzufrieden und treibt in einem Schwarm netter Freunde durch seinen letzten Sommer als Student in Barcelona. Hier zu Hause vor seinem Zimmer steht die große Kiste mit den frisch gedruckten Büchern, die er und sein Zwillingsbruder Jacob über ihre große Motorradreise 2015 geschrieben haben. Es ist die neue Fassung, ergänzt mit vielen Fotos. Ich nehme mir ein Buch abends mit ins Bett und lese, bis ich einschlafe.

Unfallbericht

Datum: 8.5.2016 Uhrzeit: 22:50 Streife: XX-503

Beamte: XXXXX 23XX4 Nr.: 201XXXXX534

Ort: GRAN VIA DE LES CORTS CATALANES 291

BEGINN DER AMTSHANDLUNGEN:

Auf Befehl der Kommandozentrale begab sich die Einsatzstreife nach Gran Via de les Corts Catalanes Nr. 291, wo ein Verkehrsunfall mit einem Verletzten vorgefallen war. Es handelte sich um einen Taxiunfall mit Personenschaden. Der Fußgänger wurde im Inneren der Ambulanz des ärztlichen Notfalldienstes (SEM) mit Kennzeichen YM-012 behandelt, der sich bereits am Unfallort befand, und dann sofort in das Krankenhaus »Hospital Clínico« gefahren.

BESCHREIBUNG DES UNFALLORTES:

Der Unfall ereignete sich auf der zentralen Fahrbahn der Gran Via de les Corts Catalanes, gegenüber der Nr. 291, im Abschnitt zwischen der Straße Carrer de Sant Roc und der Straße Carrer del Farell. Die genannte Fahrbahn verfügt über zwei Fahrtrichtungen, vom Besós nach Llobregat und umgekehrt, die von Fahrbahnlängsmarkierungen abgegrenzt werden. In jeder Fahrtrichtung befinden sich ihrerseits drei mittels Fahrbahnmarkierungsstreifen voneinander getrennte Fahrspuren. Die erste Fahrspur in jeder Richtung ist dem Bus- und Taxiverkehr vorbehalten. Am Unfallort gibt es einen mit einer Ampel geregelten Fußgängerüberweg.

BERICHT DER STREIFE:

An derselben Haltestelle stieg auch der später überfahrene Fußgänger zu.

Als diesem bewusst wurde, dass er in die falsche Richtung fuhr, drängte er die Busfahrerin, ihn aussteigen zu lassen, diese jedoch erklärte ihm, dass sie das bis zur nächsten Haltestelle nicht konnte.

Bei Ankunft an der Haltestelle an der Gran Via de les Corts Catalanes Nr. 291 öffnete die Fahrerin die Türen, und der genannte Fahrgast stürzte an der vorderen Bustür hinaus.

Sie beobachtete, dass der Fahrgast ohne jede Vorsichtsmaßnahme auf die zentrale Fahrbahn der besagten Straße in Richtung Berg/Meer lief, die Straße vor dem Bus querte und vom Taxi, das in Richtung Besós de Llobregat unterwegs war, erfasst wurde.

Wenn nichts mehr ist, wie es war

Der Anruf

Mitten in der Nacht klingelt mein Telefon. Ich bin zu schlaftrunken, um mich zu ärgern, und versuche zu vermeiden, dass sowohl das ganze Haus als auch ich völlig wach werden. Immer wieder vergesse ich, das Telefon abends auszuschalten. Ich suche das Handy, kriege es zu fassen und drücke den Anruf weg. Alles ist still. Niemand sonst ist wach geworden. Das warme Bett ist so gemütlich, und ich dämmere zurück in den Schlaf.

Es klingelt wieder. Das gibt es doch nicht. Wer macht denn sowas? Ich schaue diesmal die Nummer an, es scheint eine Nummer aus dem Ausland zu sein. Kein Name, niemand, den ich kenne und gespeichert habe. Ich merke, dass ich ärgerlich werde, aber ich will einfach nur weiterschlafen. Es ist schließlich erst halb sechs Uhr morgens! Wieder drücke ich den Anruf weg.

Das Telefon läutet abermals. Jetzt klingelt es Sturm. Nun bin ich wirklich wach und gehe leicht genervt dran. So was Hartnäckiges, wie kann man nur so früh anrufen! Was kann es schon geben, das nicht zwei Stunden warten kann! Das denke ich noch, als ich das Gespräch annehme.

»Bitte legen Sie nicht auf«, ruft jemand hastig in die Leitung, »sind Sie die Mutter von Caspar?«

Jetzt bin ich hellwach und sofort im Alarmmodus. »Ja, ich bin Caspars Mutter, was gibt es?«

»Mein Name ist auch Caspar, ich bin ein Freund Ihres Sohnes. Wir studieren gemeinsam an der ESADE. Ich bin in Barcelona im Krankenhaus. Caspar hat heute Nacht einen Unfall gehabt. Die Ärzte hier sagen, dass seine Eltern sofort kommen sollen …«

Ich sitze auf meinem Schreibtischstuhl, mit einem Stift in der Hand, und frage mich, ob ich alles richtig verstanden habe. Ich bitte diesen Caspar Zwo, mir noch mal langsam und ganz genau zu berichten, was er weiß.

Mein Caspar hatte in der Nacht wohl einen Autounfall. Er liegt im Krankenhaus. Die Ärzte geben keine Auskünfte, sondern bestehen darauf, dass die Eltern kommen. Caspar Zwo und ich verabreden eine Arbeitsteilung. Er bleibt im Krankenhaus und versucht, an Informationen zu kriegen, was ihm möglich ist. Ich komme hier mit allem Nötigen in die Gänge. Sobald sich die Lage dort oder hier verändert, rufen wir uns an.

Mir fällt auf, wie jung und nett diese Stimme ist – viel zu jung und zu nett für so eine Albtraum-Mission. Ich habe sofort den Eindruck, dass mein Caspar mit diesem Namensvetter einen wirklich guten Freund hat, und schreibe mir die Telefonnummer von Caspar Zwo auf.

Nach dem Gespräch bin ich sofort in einem unwirklich alltäglichen Montagmorgen, wenn auch recht früh. Alles ist eigentlich so wie immer. Alles, nur ich nicht. Ich sitze wie gelähmt auf meinem Stuhl und versuche, mir über die Situation klar zu werden. Ich fasse es nicht. Da fährt einer 22.000 km auf dem Motorrad, entlang des Schwarzen Meeres, durch den Iran, Turkmenistan, Usbekistan, durch genau die Länder, von denen ihm immer abgeraten wurde, um dann im sicheren Barcelona einen Unfall zu haben. Ich bleibe noch eine kurze Weile bewusst sitzen. Horche in das stille Haus hinein, verabschiede mich innerlich, denn ich habe das Gefühl, es sind die letzten fünf Minuten Ruhe für lange Zeit, es sind die letzten fünf Minuten meines alten Lebens!

Ich springe auf, um mich sofort anzuziehen. Nein, ich setze mich gleich wieder, denn ich muss sofort Michael, Caspars Vater, anrufen. Als Erstes. Die Situation wiederholt sich. Ich wecke ihn durch meinen Anruf auf und reiße ihn, ohne es zu wollen, in diesen Albtraum mit hinein. In dieser schier endlosen Minute, während sein Telefon klingelt, kommt mir der Gedanke: Solange er nicht an sein Telefon geht, verändert sich sein Leben nicht. Natürlich geht Michael an das Telefon, und auch bei ihm ist ab jetzt nichts mehr so, wie es war.

Im Zimmer neben mir schläft meine Tochter Chiara. Ich wecke sie, erzähle kurz, was ich weiß, und bitte sie, so schnell es geht für ihren Vater und mich Flüge nach Barcelona zu buchen. Düsseldorf, Köln und Frankfurt kommen als Abflugort infrage.

Ich mache mir einen Kaffee und springe unter die Dusche. Ich spule das volle Programm ab. Duschen, Haare waschen, föhnen, Wimperntusche etc. … und ahne es mehr, als dass ich es weiß, dass ich für eine lange Zeit von zu Hause weggehe.

Chiara findet nur unbrauchbare Flüge nach Barcelona, was nicht an ihr, sondern an den absonderlichen Flugzeiten liegt. Zu spät oder zu früh, nicht zu erreichen oder noch zu lange hin. Frankfurt funktioniert. Dort gibt es um 11 Uhr einen Flug, das kann ich schaffen. Mit dem Taxi zum Bahnhof, in den ICE nach Frankfurt-Flughafen und von dort weiter mit dem Flugzeug nach Barcelona. Das ist der Plan.

Es ist 7 Uhr, in meinem Kopf rattern die Gedanken. Ich spreche kein Spanisch! Wie soll ich mich mit den Ärzten verständigen? Kenne ich irgendeine Seele in Barcelona?

Caspar Zwo ruft wieder an. Er ist gemeinsam mit einem weiteren guten Freund, Alex, im Krankenhaus. Beide werden so lange dortbleiben, bis ich vor Ort bin. Er hat noch keine weiteren Informationen darüber, was überhaupt passiert ist.

Immer wenn sich meine Gedanken drehen und mein Latein überschaubar wird, setzt dieser »Ruf Vile an«-Reflex ein. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich jetzt übertreibe, aber ich weiß auch, dass sie sich mit mir freut, wenn am Ende alles nur halb so schlimm ist. Natürlich wecke ich auch sie mit meinem Anruf aus heiterem Himmel.

»Vile, Entschuldigung, es tut mir wirklich leid, dich zu wecken, aber ich brauche irgendjemand in Barcelona, der Deutsch und Spanisch spricht und dolmetschen kann. Caspar hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus, ich werde gleich dorthin fliegen. Vielleicht fällt dir und Ferdinand irgendjemand ein.«

Ich raffe einige Sachen zusammen und schmeiße alles in meinen Koffer. Moment … es ist Mitte Mai, und ich fliege nach Barcelona. Warum nehme ich lauter Jeans und Pullover mit? Ich halte mich für geistesgegenwärtig und bin froh, dass mir das noch auffällt. Also raus mit den Pullovern; nun packe ich leichte Sommersachen, Ballerinas und T-Shirts ein.

Es ist 8 Uhr. Ich bin etwas nervös. Michael kommt nicht. Anscheinend steckt er im Stau auf dem Weg nach Köln fest. Um diese Zeit herrscht maximaler Berufsverkehr. Inzwischen hat Chiara sich dazu entschieden, ebenfalls mit nach Barcelona zu fliegen, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Ein kleines Hindernis ist, dass ihr Reisepass gerade verlängert wird und der Personalausweis abgelaufen ist. Manche Dinge ändern sich nie. Sie wird es einfach darauf ankommen lassen.

Reise nach Barcelona

Es ist 8.15 Uhr – Michael steht noch im Stau, und das Ende ist nicht abzusehen. Ich muss los. Entweder wir verpassen alle den Flug oder nur Michael. Chiara und ich beschließen, dass ich den 11-Uhr-Flug in Frankfurt nehmen werde. Chiara wird auf ihren Vater warten, ich werde in Frankfurt ihre beiden Flüge auf die 13-Uhr-Maschine umbuchen. Das müssten sie dann schaffen.

Durch den quälend zähen Stadtverkehr fahre ich zum Bahnhof. Es ist 9 Uhr. Caspar Zwo ruft an. Aus einem Gespräch, das ein Arzt versehentlich mit Alex und ihm geführt hat, weiß er Neuigkeiten über Caspar. Ich stehe am Bahnsteig und springe in den Zug. Im Speisewagen finde ich einen Sitzplatz und schreibe eine Nachricht in meine Geschwister-Familien-Chatgruppe:

Ihr Lieben, Caspar hatte heute Nacht einen Unfall. Ein Auto hat ihn angefahren. Er ist nicht in Lebensgefahr, aber auch nicht bei Bewusstsein. Er hat einen Beinbruch, Rippenbrüche und ein Schädel-Hirn-Trauma. Ich bin auf dem Weg nach Frankfurt, nehme um 11 Uhr den Flug nach Barcelona und gehe dann gleich in die Klinik. Ich brauche ein paar Stoßgebete und bekämpfe mein Kopfkino. Es muss ja nicht immer gleich das Schlimmste passiert sein. Drückt alle die Daumen, bitte nicht anrufen, ich melde mich.

Der Zug hat Verspätung, das Flugzeug auch. Irgendwie hat es auch etwas Beruhigendes an sich, am Gate zu sitzen und zu warten. Ich kann einfach nichts machen. Eine erzwungene Ruhepause, der ich mich dankbar hingebe. Die einzige Aktivität, der ich nachgehe, ist das Ausschalten meines Kopfkinos. Ich zügle meine Gedanken, wehre mich gegen Bilder, die ungefragt kommen. In Barcelona werde ich sehen, was mich erwartet, hier vor dem Flugsteig denke ich nicht daran. Wie ich erst später erfahre, verbreitete sich in der Nacht eine Nachricht auf Facebook, in der nach der Telefonnummer von Caspars Eltern gefragt wurde. Die Facebook-Welle rollt.

Vile ruft zurück und vermittelt mir den Kontakt zu einem Mann, Raimund, Sohn der Freundin einer gemeinsamen Freundin, der wohl schon lange in Barcelona lebt und nicht nur Spanisch, sondern auch Katalanisch sprechen kann. Natürlich, in Barcelona sprechen die Leute Catalan! Daran habe ich überhaupt nicht gedacht, und es macht meine Situation auch nicht besser. Er wartet ab 15 Uhr im Krankenhaus auf mich. Lieber Gott, vielen Dank! Beinah habe ich ihm gegenüber schon jetzt ein schlechtes Gewissen. Eine andere Freundin hat für mich einen Transfer vom Flughafen direkt in das Krankenhaus »Hospital Clinìc« in der Innenstadt Barcelonas organisiert. Ich muss nur auf eine Frau achten, die ein Schild mit meinem Namen in der Hand hält.

Es geht los. Das Flugzeug startet eine halbe Stunde später als geplant. Der Pilot kann unsere Verspätung nicht wieder aufholen. Ich mache mir Sorgen, ob Raimund so viel Zeit hat, dass er auf mich warten kann. Irgendwie steht es mir ins Gesicht geschrieben, wo meine Gedanken sind, und ein Flugbegleiter spricht mich an. Er fragt, wie es mir geht und ob ich etwas bräuchte. Ich versuche, ihm meine Situation zu schildern. Er überlegt nicht lange und nimmt mich mit nach vorne in die Businessclass, gleich in die erste Reihe. »Hier müssen Sie nicht warten und kommen am schnellsten aus dem Flieger raus.« Ich bin so gerührt und freue mich sehr über diese brauchbare, spontane Hilfe. Beim Verlassen des Flugzeuges drückt er mir einen Spielplan der Fußball-EM in die Hand und meint, dass er im Moment nichts anderes für Caspar habe. »Sie werden sich freuen, wenn Ihr Sohn den Plan lesen kann, und ich werde für Sie beten.«

Ich haste durch den Flughafen und finde eine sympathische ältere Dame, die ein Pappschild mit meinem Namen hochhält. Wieder setze ich in Gedanken einen grünen Haken auf meine To-do-Liste. Wir radebrechen englisch miteinander, und ich folge ihr. Sie kennt den Weg. Wir bezahlen den Parkschein und gehen durch ein gigantisches Parkhaus zu ihrem Wagen. Da bleibt meine Begleiterin stehen, lächelt etwas verlegen und meint, dass sie vergessen habe, wo sie ihr Auto abgestellt hatte.

Ich möchte mich am liebsten sofort verabschieden und in ein Taxi springen, höre mich aber sagen, dass es sicher sinnvoll wäre, wenn wir beide das Parkdeck von den jeweils gegenüberliegenden Seiten her systematisch absuchen. Oder war es eventuell auch ein anderes Parkdeck …?

15 Uhr. Wir stehen im Stau in die Stadt hinein. Die ganze Welt scheint nur noch aus Staus und Berufsverkehr zu bestehen. Ich entschuldige mich und muss telefonieren. Caspar Zwo und Alex sitzen seit zwölf Stunden im Krankenhaus und warten auf mich. Auch Raimund wird da sein. Ich frage mich, wie ich sie denn alle erkennen soll, bin mir aber sicher, dass dies das kleinste Problem sein wird. Ich muss nur den richtigen Eingang erwischen.

Ich verabrede mit meiner netten Fahrerin, dass sie mich nur am Krankenhaus absetzen soll und nicht weiter zu warten braucht. Natürlich macht sie das nicht, sie wartet, bis ich noch mal zu ihr zurücklaufe und ihr sage, dass ich Raimund und die Jungs gefunden habe. Sie ist besonders liebenswürdig und nett – eine echte Dame.

15.30 Uhr. Raimund, Caspar, Alex und ich erkennen uns sofort. Die Jungs stehen am oberen Ende der Eingangstreppe, müde und blass. Seit 5 Uhr früh halten sie es hier aus, in Caspars Nähe, ohne Genaueres zu wissen, ohne dass jemand mit ihnen spricht, nur um Caspar nicht allein zu lassen. Ich finde sie beide großartig.

Etwas abseits steht Raimund. Er ist wohl so alt wie ich, und seine grauen, wirren Haare geben ihm etwas Professorales. Wir begrüßen uns und haben sofort einen Draht zueinander. Er weiß, wo Caspar liegt, und wir gehen und versuchen, Klarheit zu gewinnen.

»Tercera planta«

16 Uhr. »Tercera planta« – der metallene Tonfall der Aufzugansage des dritten Stockwerks geht mir schon, als ich ihn das erste Mal höre, nicht mehr aus dem Kopf. Wir verlassen den Aufzug. Caspar Zwo und Alex ziehen sich zurück auf die Bank, auf der sie seit heute früh ausharren. Raimund und ich klingeln an einer Schiebetüre aus Milchglas, und mir wird erschreckend klar, dass es sich bei dieser Station um die Intensivstation handelt.

Ohne Weiteres werden wir hineingelassen und in ein winzig kleines Büro gesetzt. Ich bin enorm dankbar für Raimunds Begleitung, denn schon jetzt ist klar: Mit Englisch komme ich hier nicht viel weiter.

Raimund und ich sitzen einer Ärztin gegenüber, die mit ihren balkenartig melierten grau-schwarzen Haaren eine verblüffende Ähnlichkeit mit Cruella de Vil besitzt. Sie redet und redet ohne Pause und vergisst, dass Raimund eigentlich übersetzen soll. Ich verstehe gar nichts und bitte darum, ob wir nicht doch versuchen könnten, Englisch miteinander zu reden. Ich bitte um Stift und Papier, reiße meine Konzentration zusammen und weiß, dass ich jetzt nichts überhören darf. Wie eine Einkaufsliste schreibe ich mit, was sie von ihrem Blatt abliest:

ein Oberarmbruch rechts,

ein Oberschenkelbruch links,

Rippenbrüche,

»Wie viele Rippenbrüche?«, frage ich. – »Alle acht Rippen auf der rechten Seite.« Ich versuche, mich zu konzentrieren, habe den Eindruck, hier etwas geliefert zu bekommen, das ich nicht haben will, und höre in Gedanken die Lieferantin fragen: … Darf’s noch etwas mehr sein …

»… und eine Rippe auf der linken Seite«, ergänzt die Ärztin. Ich höre und schreibe und bin doch wie versteinert. Nein, ich bin ein Stein, und meine versteinerte Hand kratzt weiter auf dem Papier:

Schädelbruch,

Jochbein- und Kieferbruch,

ein Bruch im Bereich der Halswirbelsäule,

Beckenbruch,

Der Stein fängt beinahe an zu weinen, Tränen kämpfen sich in die Augen. Noch bricht der Damm nicht. Ich ringe um meine Fassung. Nein, jetzt nicht weinen, sonst kann ich nicht mehr schreiben. Die Fassade hält. Eine unabhängige Instanz in mir drückt auf den »Funktionieren-Knopf« – und ich funktioniere und führe die Liste fort:

Sprunggelenk des rechten Fußes gebrochen,

linker Lungenflügel zusammengefallen,

Caspar atmet nicht selbstständig.

Schwerstes Schädel-Hirn-Trauma.

Raimund hält meine Hand und legt seinen Arm um mich. »Aber er ist nicht in akuter Lebensgefahr?«, frage ich naiv. Ich habe keine Ahnung von Medizin. Keiner der Ärzte will antworten. Ich ringe mich zu einem »Wird er den Unfall überleben?« durch. Keine Antwort. Schließlich sagt die Ärztin, dass jede Stunde, die vergeht, Caspar auf die sichere Seite bringt. Wenn er die nächsten 48 Stunden übersteht, ist viel gewonnen.

Ich weiß nicht, wo ich meine Blicke lassen soll. Ich will auch nicht mehr zuhören, ich will nur raus aus diesem scheißkleinen Büro! Zuletzt bitte ich um einen schriftlichen ärztlichen Bericht, denn ich weiß, dass ich alle ärztlichen Befunde irgendwie sofort nach Deutschland weiterleiten muss. Und ich weiß auch, an wen. Mein Bruder hat einen Freund, der Neurologe ist und viel Erfahrung besitzt mit Jugendlichen, die ein Schädel-Hirn-Traum erlitten haben. Ich rufe Philipp an und hoffe inständig, dass er mich hört. Er hört mich und hebt ab.

»Philipp, du musst mir zuhören, bitte, es ist sehr ernst.«

»Ich weiß es schon. Ich bin heute um 22 Uhr in Barcelona bei dir. Maresi kommt mit, und auch Jacob und Titus sind dabei. Ruf du Dr. Sieger an. Ich schicke dir seine Telefonnummer. Du kannst dir alle Befunde in Spanisch geben lassen. Dr. Sieger hat einen spanischen Arzt als Mitarbeiter, der wird die Befunde übersetzen. Gib ihm alles, was du hast.«

Ich habe nichts, außer einer Horror-Liste.

Ich frage mich, was mein Bruder weiß, was ihn veranlasst, hierherzukommen. Meine älteste Schwester begleitet ihn, und sie haben Jacob und Titus, Caspars Brüder, bei sich. Sie kommen im Bewusstsein, dass Caspar einen Genickbruch erlitten hat und sein Sterben wahrscheinlicher als sein Überleben ist. Mich hat diese Nachricht nicht erreicht. Sie haben sie mir wohlweislich erspart. Hier lassen die Ärzte die Fakten für sich sprechen, aber ich merke: Alle ziehen das Schlimmste in Betracht.

Familientreffen in Barcelona

Caspar liegt in einem gläsernen Raum, vollkommen bedeckt von einem weißen Laken. Die linke Gesichtshälfte ist unter einem Mullverband verschwunden. Er wird beatmet und wirkt fremd.

Hinter ihm, am Kopfende des Bettes, sind in einem Halbkreis Dutzende Maschinen und Monitore aufgebaut. Dieses Bild, dieser Mensch und diese Situation erscheinen so unwirklich, dass ich beinahe glaube, diese Szene auf einer 3-D-Leinwand von meinem Kinosessel aus zu betrachten.

Ich taste mich langsam – beinahe ehrfürchtig – zu seinem Bett vor. Caspar liegt ruhig da, seine Haut ist leicht gebräunt. Ich berühre seine Schulter, seine rechte Wange, versuche, ihm einen Kuss zu geben, und nehme seinen typischen Geruch wahr. In diesen Geruch, der Caspar so präsent macht, tauche ich ein und habe sofort eine Verbindung zu ihm. Jetzt ist es real und ich bin angekommen. Er ist mir vollkommen vertraut, und es gibt keinerlei Berührungsängste. Von einem Moment zum nächsten ist er wieder mein Kind, mit dem ich alles aushalten werde. Die Aufgabe ist klar. Ich werde hier nichts weiter tun, als auf die nächste Stunde zu warten. Darin liegt alle Zukunft. Es gilt nur, die jeweils nächste Stunde zu erreichen. Ich werde mit Caspar von Stunde zu Stunde gehen, bis er auf der sicheren Seite ist.

Mir fällt ein Nachmittag in den Bergen ein: Caspar war fünf oder sechs Jahre alt. Michael und ich liefen mit ihm und Jacob Ski. Nebel zog binnen Minuten auf, als wir noch nicht einmal die Mitte der Talabfahrt erreicht hatten. Wir waren umgeben von einer weißen Wand. Kein Baum, keine Hütte bot dem Blick Halt. Der Nebel raubte uns zur Gänze die Orientierung. Es wehte und stürmte so sehr, dass Michael und ich es für das Beste hielten, uns zu trennen, damit jeder mit einem Kind die Abfahrt machen konnte. Ich erinnere mich, wie ich vorneweg fuhr und Caspar nur Zentimeter hinter mir in meiner Spur folgte. Caspar, du musst nur dicht bei mir bleiben. Ich lotse dich hier raus. Ich geh voraus, du musst nur bei mir bleiben!

18 Uhr. Michael und Chiara treffen ein. Ich mache mir Sorgen. Ich weiß, in welche Situation sie gerade hineinlaufen, und versuche, sie etwas vorzubereiten. Ich bin froh, dass sie nun da sind, denn ich glaube, Caspar braucht jetzt seine ganze Familie um sich. Raimund lässt uns allein, um ein Quartier für eine sich nähernde Familienhorde zu organisieren. Unsere Taschen und Koffer stapeln sich vor Caspars Zimmer. Maresi und Philipp, Jacob und Titus haben sich in München getroffen und warten auf den Abflug. Caspar Zwo und Alex sitzen immer noch vor der Intensivstation auf der Bank, mittlerweile seit fast vierzehn Stunden. Ich setze mich zu ihnen und erzähle, was ich weiß. Sie sind beide tief getroffen. Ich merke, es sind wirklich enge Freundschaften, die da, in einer verhältnismäßig kurzen Zeit, gewachsen sind. Für Alex ist es besonders schlimm: Mein Caspar war auf dem Weg zu einem Treffen mit ihm, als der Unfall passierte.

Meine Besuchszeit ist vorbei. Es ist 9 Uhr abends, und ich muss die Intensivstation verlassen.Von irgendwoher kommt die Nachricht, dass Philipp ein Hotel für uns alle gebucht hat, die erste Nacht ist geregelt. Der Trupp aus München kommt so spät, dass sie heute nicht mehr zu Caspar dürfen. Sie sind sichtlich niedergeschlagen, aber es ist nicht zu ändern. Wir treffen uns gegen 22 Uhr in einem der kleinen Restaurants, von denen es in der direkten Umgebung des Krankenhauses nur so wimmelt. Es wird ein Abendessen, auf das keiner Lust hat. Ich merke, wie verrückt es sich für uns alle anfühlt, hier gemeinsam zu sitzen. Heute Morgen hätte keiner von uns damit gerechnet. Ich bin erleichtert, Jacob und Titus hier zu haben. Philipp und Maresi sind wie ein Fels in der Brandung, ein Bollwerk gegen alles, was da auf uns einstürzen mag. Lustlos machen wir uns auf, um die Hotelzimmer zu beziehen. Ein kurzer Gang durch die Nacht tut allen gut.

Ich habe mein Telefon dicht bei mir. Es ist geladen und hat Netzempfang. Ich muss es hören. Überall auf der Station habe ich Michaels und meine Telefonnummer hinterlassen. Das Hotel liegt in Laufweite des Krankenhauses. Wir sind jederzeit sofort dort, ich darf nur nicht den Anruf verpassen.

Ich finde es beängstigend, wie rücksichtslos und chaotisch der Verkehr hier über die Straßen donnert. Vespas und Rollerschwärme sirren wie aggressive Insekten an uns vorbei. Autos hupen die Menschen von den Fußgängerüberwegen.

Spätabends liege ich im Bett. Ich bin müde, kann aber nicht einschlafen. Ich merke, dass mein Mantra nicht mehr funktioniert. Es ist meine Angewohnheit, gerade wenn das Leben turbulent ist, mir vor dem Einschlafen zu vergegenwärtigen, dass alles Essenzielle gut ist. »Wir haben alle ein Dach über dem Kopf, wir sind gesund, die Kinder sind gesund, und der Kühlschrank ist voll. Alles andere ist nicht so schlimm …« Dieser Gedanke leitet mich zuverlässig zu einer großen Dankbarkeit. Mit diesem Gedanken fasse ich jedes Mal aufs Neue tiefes Vertrauen, und er schenkt mir die Zuversicht, den nächsten Tag zu meistern.

Jetzt liege ich im Bett und habe Angst.

»Heb-mich-zieh-Dich« – das Zwillingsprinzip

Casparjacob« – ist das einer, oder sind das zwei? Gerne spart sich ihre Umgebung schon einmal das klärende »und«, weil es sich so schneller rufen lässt, weil man glaubt, die Katastrophe doch noch in der allerletzten Sekunde verhindern zu können. Rumms … da liegt die Deckenlampe schon im Kinderzimmer auf dem Boden, und bevor ich etwas sagen kann, stürzt sich ein fünf Jahre alter Junge auf mich und ruft in höchster Erregung: »Ich heiße Jacob … und ich war es nicht!« Caspar und Jacob, blonde Zwillingsbuben, blitzschnell, wortkarg, ein Blick, ein Gedanke. Handelnder und Zeuge in einer Person.

»Casparjacob« – zwei Piraten, ein Gedanke. Karneval 1995

Als »Sorgeberechtigte« dieser unmittelbaren Naturgewalt bleibt mir nichts anderes übrig, als den jeweils aktuellen Schaden zu begrenzen und fest daran zu glauben, dass sich meine Zwillinge eine wunderbare Zukunft erobern werden. Erobern ist das richtige Wort. Warum in ein Haus hineingehen, wenn man es auch erstürmen kann, wieso in die Zukunft gehen, wenn es viel mehr Spaß macht, sie sich zu erringen? Haben Zäune, Bäume oder Hochsitze noch einen anderen Sinn als den, darüberzuklettern oder untendurch zu kriechen?

»Ihre Jungs sitzen auf dem Baum und wollen nicht wieder herunterkommen« ist einige Jahre der tägliche Hilferuf des Kindergartens an mich gewesen. Caspar hebt Jacob hoch, bis er den Ast zu fassen kriegt und sich auf den Baum hangeln kann. Dann zieht Jacob Caspar auf den Baum hinauf. Das ist das »Heb-mich-zieh-Dich«-Prinzip, und es funktioniert immer!

Hole ich die beiden mittags vom Kindergarten ab, erklären sie mir konspirativ flüsternd draußen auf dem Flur das Geheimnis ihres glücklichen Vormittags. Es ist das Lego-Auto. Sie haben es selbst gebaut, eine rechteckige Platte mit vier Rädern und einer zwei Vierersteine hohen Umrandung. »Mami, drinnen in der Gruppe sagen wir, es ist eine Apfelkiste auf Rädern. Aber in echt, Mami, ist es ein Panzer!« Friedenserziehung liegt eindeutig im Auge des Betrachters!