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»Mach dich rar« … »Sei vernünftig«… »Werd erwachsen« … In unserer Gesellschaft sind mehr Ratschläge im Umlauf als Koks in Berlin. Sie erfreuen sich aber nicht annähernd der gleichen Beliebtheit. Trotzdem bekommt man sie massenhaft um die Ohren geschleudert oder drückt sie anderen ungefragt aufs Auge – und das, obwohl einem bewusst ist, dass sich niemand an sie halten wird. Vor allem nicht man selbst. Daher ist es mehr als notwendig, diesem Übermaß an ultimativ nutzlosen Lebensweisheiten mal richtig tief in der Nase rum zu bohren. Nur so lässt sich herausfinden, ob sich all diese Ratschläge ihren Platz als moralische Wegweiser tatsächlich fair erkämpft, oder lediglich mit dubiosen Mitteln ergaunert haben und somit guten Gewissens ignoriert werden könnten. Denn wenn man den Forderungen nach fehlerloser Vorbildlichkeit irgendwann mit Gleichgültigkeit ins gestresste Gesicht blicken kann, realisiert man, wie viel einfacher das Leben sich auf einmal leben lässt.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2022
Pati Valpati
PATI VALPATI
RATGEBER GEGEN RATSCHLÄGE
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Verweise
1https://de.wikipedia.org/wiki/Vernunft (zuletzt aufgerufen: 08.06.2022)
2https://www.duden.de/rechtschreibung/Vernunft (zuletzt aufgerufen: 08.06.2022)
3https://de.wikipedia.org/wiki/Erwachsener (zuletzt aufgerufen: 08.06.2022)
Originalausgabe
5. Auflage 2023
© 2022 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München Tel.: 089 651285-0 Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Mirka Uhrmacher
Umschlaggestaltung: Marco dos Santos
Autorinnenabbildung S. 319: © Hendrik Gergen
Satz: Achim Münster, Overath
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-96775-014-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-96775-016-4
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96775-015-7
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de
Im Anfang war …
Sei ein*e gute*r Freund*in
Prüfe, wen du datest
Lass dir nicht das Herz brechen
Mach dich rar
Sei vernünftig
Werd erwachsen
Lass dich nicht von deinem Ego leiten
Sei selbstbewusst
Verfolge deine Träume
Sei offen für Neues
Bleib real
Hab ein gesundes Verhältnis zu Ernährung und Sport
Lass dich nicht von Social Media beeinflussen
Sei natürlich
Sei ein gutes Vorbild
Welcher Ratschlaggeber*innen-Typ bist du?
Danke
… die Erkenntnis. Und zwar die Erkenntnis darüber, dass ich mich mit rekordverdächtiger Konsequenz an die Ratschläge, die ich (meist ungebeten) an Leute in meinem Umfeld verteile, selbst niemals halten würde. Je länger ich darüber nachdachte, woran das liegen könnte, desto klarer kristallisierten sich folgende zwei Möglichkeiten heraus:
Ich bin eine menschliche Katastrophe
Meine Ratschläge sind inhaltliche Katastrophen
Dass ich selbst eine Katastrophe bin, war natürlich keine Option, also beschloss ich trotz noch fehlender Beweise, dass es Letzteres sein musste. Aber auch das stellte mich nicht wirklich zufrieden, weil das bedeutete, dass meine Ratschläge keine Daseinsberechtigung hatten. Und eine solche Schmach konnte ich ja schlecht auf mir sitzen lassen. Daher weitete ich meine Fragestellung aus. Was, wenn nicht nur meine, sondern Ratschläge grundsätzlich zu nichts zu gebrauchen waren? Da ich nicht die Einzige war, die sich nicht an sie hielt, sondern alle anderen es anscheinend auch nicht taten, lag das ja nahe.
Dankbar nahm ich diese Ausrede an und war bereit, sie mit Freude gnadenlos auszuschlachten, um mein mögliches Fehlverhalten auf irgendetwas zurückführen zu können, das definitiv nicht in meinen Verantwortungsbereich fällt. Die Ratschläge, mit denen man täglich wie mit Kackehäufchen von Schimpansen im Affenhaus beworfen wird, sind immerhin so zahlreich, dass sich daraus doch irgendetwas machen lassen musste, das mich entlasten würde.
Genau hieraus entwickelte sich das Konzept dieses Buches: Den alltäglichen Ratschlägen unserer Zeit mal so richtig tief in der Nase herumzupopeln und herauszufinden, mit welchem durdachten Hinterhalt ich sie erfolgreich in die »nicht allgemeingültig«-, oder in manchen Fällen sogar in die »einfach nur Scheiße«-Ecke drängen könnte. Ein Ratgeber gegen Ratschläge. Und es zeigte sich: Das ging tatsächlich. Denn immerhin habe ich es geschafft, dieses Thema über ganze fünfzehn Kapitel hinweg auszuweiden.
Natürlich konnte ich in diesem Buch nur eine exemplarische Auswahl an Ratschlägen betrachten. Da draußen treiben einfach zu viele ihr Unwesen, um alle angemessen und mit umstrittenen Methoden in einem spärlich beleuchteten Verhörraum zu vernehmen. Dafür habe ich aber versucht, eine möglichst breite Palette auszuwählen. Es werden Ratschläge inspiziert, die man im Freundeskreis gibt oder bekommt, solche, die einem eher von der eigenen Sippschaft entgegengefeuert werden, aber auch den abstrakten Forderungen der Gesellschaft wird ins von Zahnstein geplagte Maul geschaut. Es wird sich guten, gut gemeinten, aber auch richtig beschissenen Ratschlägen gewidmet, die ich jedoch in allen Fällen gleichermaßen auf ihre potenziell heimtückischen Absichten untersuchen werde. Gleichzeitig findet sich zu jedem Ratschlag die Erklärung, wieso es
manchmal gar nicht möglich ist, sich an ihn zu halten,
vielleicht gar nicht so schlecht ist, sich nicht an ihn zu halten,
absolut verständlich wäre, ihn und seinen Allgemeingültigkeitsanspruch in die Tonne zu treten.
Dieses Vorgehen ermöglicht es nicht nur, mich selbst zu entlasten, sondern es liefert darüber hinaus auch noch allen notorischen Ratschlagverweigerern und -verweigerinnen ein ganzes Arsenal an guten Begründungen für ihr angeblich wenig vorbildliches Verhalten. Und ein solcher Katalog an Gegenargumenten zu populären Ratschlägen ist in meinen Augen bitter nötig. Manchmal scheint es nämlich, als werde das Befolgen von Ratschlägen geradezu als Rückgrat einer funktionierenden Gesellschaft angesehen. Als gäbe es eine allgegenwärtige Instanz, die jeden Tag riesenkreuzwedelnd die Hamburger Mönckebergstraße herunterläuft und predigt, dass man vernünftig, grundsätzlich toll und vor allem ein gutes Vorbild zu sein hat. Für wen genau, das tut nichts zur Sache. Irgendwer findet sich immer. Selbst wenn man sich tatsächlich in der wünschenswerten Lage wiederfinden sollte, nicht andauernd vom eigenen Umfeld als Poster auf die Vorbildlichkeitswand geklebt zu werden, wird die Gesellschaft ihre Pflicht als Partycrasher wie immer ernst nehmen und ein Nachbarskind, den Hamster der kleinen Schwester oder ein paar fremde Menschen im Internet hervorzerren, denen man als Vorbild Modell stehen soll.
Ich, der schon vor Jahren klargemacht wurde, dass spätestens die Entscheidung, mir die Brüste machen zu lassen, der ultimative Ritterschlag zum schlechten Vorbild war, frage mich aber, ob es wirklich so schlimm sein kann, nicht konstant die vorbildliche Heldin spielen zu wollen und stattdessen ein bisschen mit dem Gedanken zu züngeln, auf der deutlich entspannteren Seite der Antiheld*innen herumzuhängen. Ist es wirklich so dramatisch, als Ratschlag-ignorierendes schlechtes Vorbild durch die Welt zu spazieren, wenn es, mal abgesehen von Partys unter der Woche und einer kostenlosen Lebensration abfälliger Blicke, auch noch so viele weitere Vorteile mit sich bringt?
Während sich Held*innen durch ihre Perfektion auszeichnen, sind es bei Antiheld*innen ihre moralischen Fehleistungen, die sie zu dem machen, was sie sind. Sie mögen vielleicht häufig zweifelhafte Motive an den Tag legen und okay, manchmal bauen sie auch wirklich problematische Scheiße, aber dafür können sie folgende Dinge vorweisen, die meiner Meinung nach viel wesentlicher sind als die Fähigkeit, perfekt zu sein:
Sie tragen
immer
die besseren Outfits
Sie haben
viel
coolere Namen (Lord Voldemort, Cruella de Vil, Deadpool, Darth Vader, Sauron, Bellatrix Lestrange, Der Hackfleisch hassende Zerhacker, Dr. Drakken)
Wenn sie fragwürdige Dinge tun, stehen sie wenigstens dazu
Ich glaube, diesen Teil müssen wir gar nicht ausdiskutieren. Jede*r, der oder die jemals einen Barbie-Film gesehen hat, wird nach der letzten warmen Hipp-Mahlzeit zugeben müssen, dass die Bösewicht-Colourways (Grün und Lila) einfach viel mehr Fashion sind als die ewigen Pastell-Kombos der Held*innen der Barbie-Filme.
Mal abgesehen davon, dass Antiheld*innen und Bösewichte ganz ohne Probleme das »Ich habe nur einen Vornamen wie Rihanna«-Ding durchziehen können, lassen sich bei ihnen auch außergewöhnlich viele Adels- und Akademikertitel finden. Nach deutscher Logik kann Letzteres ja nur für ihre edle Abstammung und ihre Intelligenz sprechen, woraus ich schlussfolgere, dass ein Bösewicht und somit ein schlechtes Vorbild zu sein sich als gar keine so dumme Entscheidung erweisen kann.
Während Superman wahrscheinlich niemals zugeben würde, dass er nach getanem Weltretten auch mal einen schönen Zigarillo schmökert, würde sich niemand wundern, wenn Sauron im Berliner Grill Royal eine Line Koks vom Nachtischtablett schnieft. Daraus lässt sich ableiten, dass:
auch gute Vorbilder nicht die Ausgeburt der Perfektion sind und sie ihren Held*innen-Status nur so lange behalten dürfen, wie sie ihre mittelmäßigen bis schlechten Entscheidungen geheim halten (Zigarillos) oder sie als gut verkaufen (niemand wirft Superman zum Beispiel vor, dass er bei seiner Schlacht mit [hier Bösewicht einfügen] die Häuser unschuldiger Zivilisten zerstört),
von schlechten Vorbildern eh nur Schlechtes erwartet wird und daher niemand von ihren schlechten Entscheidungen schockiert, dafür aber umso mehr von ihren guten Entscheidungen beeindruckt ist.
Da Punkt 2 für mich nicht nur machbarer klingt, sondern auch deutlich entspannter, habe ich mich dafür entschieden, den mir von fremden Menschen im Internet verliehenen Titel als »schlechtes Vorbild« vollständig anzunehmen und mit diesem Buch einen Wegweiser für alle zu verfassen, denen die Skepsis anderer ebenfalls besser schmeckt als durch vorgetäuschte Vorbildlichkeit erplünderte Akzeptanz.
Genau genommen ist das Ziel dieses Buches, ein paar weniger Ficks zu geben. Denn wenn man den Forderungen nach fehlerloser Vorbildlichkeit irgendwann mit Gleichgültigkeit ins gestresste Gesicht blicken kann, realisiert man, wie viel einfacher das Leben sich auf einmal leben lässt.
Das hier ist ein Buch, mit dem ich allen, vor allem mir selbst, nahelegen will, dass einen die ganzen kleinen oder großen Fehler, die man tagtäglich so macht, und diese ganzen vermeintlich sehr wichtigen Ratschläge, die man beizeiten (oder auch häufiger) ignoriert, nicht zu einer schlechten Person machen, sondern lediglich zu einem ziemlich normalen Sterblichen.
Wenn es neben dieser semioriginellen und pseudonoblen Intention in diesem Buch noch etwas zu finden gibt, dann ist es vor allem:
eine beachtliche Menge an Schimpfwörtern (meistens
Scheiße
oder Variationen davon),
eine stattliche Anzahl an Listen (die hauptsächlich dafür da sind, damit ich selbst den Überblick behalte),
der Beweis dafür, dass sich hinter jedem Ratschlag eine kleine, große oder mittelgroße Lüge oder zumindest ein zwielichtiges Motiv versteckt, was die Frage berechtigt macht, ob die meisten klassischen Ratschläge ihre Relevanz als gesellschaftliche Wegweiser nicht schon vor langer Zeit für zwei Tequila und eine Dose Spezi in einem lokalen Wettbüro verhökert haben.
Jetzt, wo meine Absichten hoffentlich etwas deutlicher geworden sind, möchte ich noch einige Worte oder eher einige Beschwerden über den Schreibprozess an sich verlieren.
Dass Schreiben eine einsame Beschäftigung ist, ahnte ich, aber wovon ich keine Ahnung hatte, war, wie absolut undankbar es ist, jemanden nach Feedback zu einem eigenen Buch zu fragen. In dem Fall, in dem das lesende Gegenüber, von dem man sich hilfreiche Anmerkungen erhofft, physisch anwesend ist, sitzt man blöd daneben, während er oder sie schmökert, und hofft stirnrunzelnd und fingerknabbernd, so bald wie möglich irgendein Zeichen von Belustigung, beeindrucktem Erstaunen oder einem aus der nahen Zukunft zuwinkenden Pulitzer-Preis in seinem Gesicht erkennen zu können. Stattdessen besteht die Rückmeldung nur selten aus etwas Spektakulärerem als einem angedeuteten Mundwinkelzucken oder einem milde belustigten Schnauben.
Ist das lesende Gegenüber räumlich von einem selbst getrennt und macht sich ohne den warnenden Blick des Schreibenden im Nacken ein gemütliches Schäferstündchen mit dem Buchauszug, fällt die Resonanz grundsätzlich noch spärlicher aus. In 99 Prozent geilt sich die lesende Person so daran auf, einen Rechtschreibfehler oder ein fehlendes Komma gefunden zu haben, dass sie vergisst, dass ihre eigentliche Aufgabe darin besteht, ganz objektiv zu berichten, warum genau das gerade die geilste Scheiße war, die sie jemals lesen durfte.
Mal im Ernst: Wenn jemand einem einen selbst gebackenen Kuchen oder ein selbst gebasteltes Nudelgemälde zeigt, bekommt man ja wenigstens, je nach Qualität des Objekts, ein wohlwollendes »Wow, ist das lecker!« oder ein mitleidiges »Ich weiß, dass der Tod deines Vaters dich sehr mitgenommen hat, aber hast du schon mal darüber nachgedacht, dir deswegen Hilfe zu holen?« zugesteckt. Ich hingegen bekam nur ungebetene Kommentare zu Satzzeichen. Daher möchte ich hier noch mal sagen: Ihr wart mir alle keine Hilfe. Danke für nichts.
Aber das war nicht der einzige Punkt im Schreibprozess, der mich immer wieder abwägend am Rande einer Klippe hat stehen lassen. Die andere Schwierigkeit war der Fakt, dass es anscheinend unglaublich lange dauert, die eigenen relativ unspektakulären, aber dafür hoffentlich sehr nachvollziehbaren Lebenserfahrungen zu Papier zu bringen, wenn man mittelmäßig intelligent und überdurchschnittlich häufig traurig ist. Ich fände es an dieser Stelle toll, euch erklären zu können, dass mich nur harte Arbeit und Durchhaltevermögen an mein Ziel geführt haben, dieses Buch zu beenden, aber das wäre eine miese Lüge. Tatsächlich habe ich zwei Jahre für die vorliegenden zweihundertundeinbisschen Seiten gebraucht, weil ich ein inkonsequentes, leicht ablenkbares und labiles kleines Schweinchen bin.
Das Schlimmste daran, zugeben zu müssen, dass ich über zwei Jahre an diesem Buch geschrieben habe, ist, dass die Leute bestimmt glauben werden, dass es deswegen ein ganz besonders gutes Buch sein muss. Einfach zu verschweigen, wie lange ich mal mehr, mal weniger konsequent mein Gehirngut niedergetippt habe, ist aber auch keine Option, da ich mir ansonsten eine andere Ausrede für meine Sozialphobie der letzten 24 Monate überlegen müsste. Da lässt »Ich habe ein Buch geschrieben« es zumindest kurz so klingen, als wüsste ich, was ich mit meinem Leben anfange, und ist somit die wünschenswertere Alternative.
Als ich im April 2020 angefangen habe, dieses Buch zu schreiben, lebte ich tatsächlich in der Illusion, dass ich höchstens drei Monate brauchen würde, um es fertigzustellen. Spulen wir vor zum Frühjahr 2022, zu dem Zeitpunkt, an dem diese Worte mit letzter Kraft aus meinem Gehirn kriechen und ich immer noch auf demselben Sofa sitze, mit demselben Verlangen, doch endlich mal fertig zu werden, aber irgendwie auch hoffentlich nie fertig zu werden, weil ich voller Panik dem Tag entgegenblicke, an dem ich mir an einem Mittwochnachmittag irgendwo einen Aperol reinzische und mein Gewissen nicht von dem Gedanken belastet wird, dass ich gerade doch eigentlich mein Buch weiterschreiben müsste. Aber irgendwas muss ja in meinem Lebenslauf stehen, also habe ich den Bums hier doch widerwillig nörgelnd abgegeben. Und auch wenn es eine ganze Pandemie, mehrere Kriegsausbrüche, eine Kim-Kardashian-Scheidung und vierundachtzig »Keine Sau wird jemals dieses Buch lesen wollen«s gebraucht hat: Meine Mutter sitzt jetzt ziemlich sicher gerade in irgendeinem süßen veganen Café und drückt ihrer litauischen Freundin Birutė aufs Auge, was für ein tolles Buch ihre zweitliebste Tochter geschrieben hat (Birutė wird nie wirklich wissen, ob das Buch nicht doch bloß eine Sammlung der dümmsten Dinge ist, die ein Mensch jemals gedacht hat, weil sie kein Deutsch spricht). Und allein dafür war es das schon wert.
Nur wenige Dinge können einen so effektiv ins soziale Abseits katapultieren wie die Eigenschaft, eine schlechte Freundin oder ein schlechter Freund zu sein. Eine schlechte Schwester oder ein schlechter Bruder zu sein ist eine Sache. Geschwister hat man sich immerhin nicht selbst ausgesucht, man wird einfach eines Tages – ganz ohne Mitspracherecht – für immer dazu verdammt, sich mit ein paar zwielichtigen Kreaturen um den knusprigen Ofenkäserand und den Platz als Lieblingskind zu streiten. Da kann man auch mal zuschlagen. Verbal natürlich.
Freund*innen dagegen sucht man sich selbst aus. Man pflückt sie wie erlesene Erdbeeren vom Freundschaftsstrauch und entscheidet dann, dass man mit diesen Menschen den Rest des Lebens oder zumindest den Rest des momentanen Lebensabschnitts verbringen möchte. Man wählt höchstpersönlich aus, bei wem man sich ausheult, wenn man wieder erst drei Tage vor der Deadline mit der Uni-Hausarbeit angefangen hat, bei wem man zukünftig auf der Couch nächtigt, wenn man sich um fünf Uhr morgens aus der Wohnung ausgesperrt hat, und mit wem man sich die letzte Jägermeister-Cola-Mische teilt, weil man gemeinsam das ganze Geld für Avocado-Toasts und Soja-Lattes verbraten hat.
Grundsätzlich sind diese Menschen, in Fachkreisen auch Freund*innen genannt, Leute, die man nicht unbedingt enttäuschen möchte und mit denen man es sich auch nicht unbedingt verkacken will. Man mag sie in der Regel ja recht gerne und gedenkt, sie für einen möglichst langen Zeitraum zu behalten.
Daher ist es auch naheliegend, dass sich der Ratschlag »Sei ein*e gute*r Freund*in« von einer stinknormalen Empfehlung zu einem ungeschriebenen Gesetz hochgeschlafen hat. Niemand muss ihn aktiv ins Ohr geraunt bekommen, um zu wissen, dass ein*e gute*r Freund*in zu sein tatsächlich eine grundsätzlich gute Lebensphilosophie ist.
Es gibt nur eine winzig kleine Schwierigkeit bei der Befolgung dieses Ratschlages: Woher weiß man eigentlich, was einen guten Freund oder eine gute Freundin im 21. Jahrhundert (angeblich) auszeichnet?
Um herauszufinden, welche Fehltritte eine Person (zu Recht) zur Abtrünnigen des Gartens der sozialen Kontakte machen, habe ich daher mal bei meinen auserwählten Freund*innen herumgefragt. Als Ergebnis ist diese nützliche Liste entstanden:
Die Fähigkeit, gut zuhören zu können
Das Vermögen, hilfreiche Ratschläge zu geben
Der Wille, das Gegenüber nicht zu kritisieren
Die Bereitschaft, immer ehrlich zu sein
Das hellseherische Talent, um zu merken, wenn es dem Gegenüber schlecht geht
Die Gabe, möglichst schnell auf Nachrichten zu antworten
Die Hilfsbereitschaft, dem Gegenüber beim Kotzen die Haare zu halten
Die Bereitwilligkeit, das Gegenüber so zu akzeptieren, wie es ist
Was erst mal wie die Anforderungen für ein Stipendiat an der Hebammenschule klingt, sind tatsächlich nur allgemein etablierte und auf den ersten Blick durchaus legitim wirkende Erwartungen an Freundschaften. (Als »legitim« gilt in diesem Zusammenhang natürlich alles, was ich persönlich legitim finde. Die Liste erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und zählt zudem eh nur die Punkte auf, die meiner Argumentation dienen. Mein Buch – meine Regeln.)
Wenn ich mir diese Liste aber gründlicher durchlese, macht sich in mir ein mulmiges Gefühl breit. Ich realisiere, dass nur wenige Punkte darauf zweifelsfrei mit meinen Fähigkeiten als guter Freundin übereinstimmen. Tatsächlich könnte diese Liste in meinem Fall nicht weniger zutreffend sein. Mir schießen sofort Dutzende von Situationen durch den Kopf, in denen ich laut dieser Aufzählung definitiv eine schlechte Freundin war:
Alle Situationen, in denen ich nicht gut zugehört habe
Alle Situationen, in denen ich Ratschläge gegeben habe, die wenig hilfreich waren
Alle Situationen, in denen ich mein Gegenüber kritisiert habe
Alle Situationen, in denen ich nicht ganz ehrlich war
Alle Situationen, in denen ich nicht auf wundersame Art und Weise
gemerkt
habe, dass es meinem Gegenüber schlecht ging
All die zahllosen Situationen, in denen ich nicht schnell auf Nachrichten geantwortet habe
Die Situation, in der ich zwar bereit war, meinem Gegenüber beim Kotzen die Haare zu halten, aber dann selbst kotzen musste, weil ich es so eklig fand
Bedeutet das nun, dass ich mich schon mal präventiv von der Vorstellung verabschieden kann, jemals den Ansprüchen meiner Freund*innen gerecht zu werden? Heißt das, dass alle meine Freundschaften, die mal waren, aber nicht mehr sind, keinem rein zufälligen »Es hat sich halt verlaufen« zum Opfer fielen, sondern eher von einem »Gott sei Dank bin ich dieser unproduktiven und wirklich armseligen Freundschaft noch knapp entkommen« beendet wurden? Bin ich, die ohne ihre Freund*innen nur ein Häufchen emotionaler Schutt wäre, diese eine Person, mit der man auf keinen Fall befreundet sein sollte, weil eine Freundschaft mit ihr ein sicheres Ticket für den Zug in Richtung Langzeittherapie ist?
Um diese Fragen beantworten zu können, ist erst einmal eine ausführliche Analyse meiner vermeintlichen Freundschaftsfehltritte nötig.
Generell würde ich behaupten, dass ich als recht gute Zuhörerin durchgehe. Ich habe kein Problem damit – oder im Idealfall sogar Spaß daran –, stundenlang mit einer Freundin zu analysieren, ob das fehlende zweite »e« im »Lieb dich« ihres Lebensabschnittsgefährten bedeutet, dass er bald Schluss machen wird, oder ob der Grund für seine digital-verbale Kälte ein spontan klemmendes »e« auf seiner Tastatur sein könnte. Auch wenn es um so spannende Themen wie das erste Treffen einer Freundin mit einem Tinder-Date geht, möchte ich wirklich jedes Detail wissen. Ich nehme wahrhaftig Anteil, höre zu und stelle die richtigen und wichtigen Fragen: »Wie, die Jeans, die er anhatte, war stonewashed? War die eher Troy-Bolton-in-High-School-Musical-mäßig oder Maluma 2015? Da waren Schlitze drin?! Dann probier es doch lieber noch mal mit dem Typen, der seinen Nachbarn die McDonalds-Gutscheine aus dem Briefkasten klaut.«
Wie man hier bereits erahnen kann, wird es beim zweiten Punkt auf der Anforderungsliste, nämlich »hilfreiche Ratschläge geben«, in meinem Fall vielleicht etwas kritisch. Aber dazu kommen wir gleich. Bleiben wir erst mal beim Zuhören, bevor wir zum Antworten kommen, denn hier liegt mein erstes Defizit: Egal, wie sehr ich versuche, meinen Freund*innen und ihren Problemen immer aufmerksam und produktiv zuzuhören, gab es leider mehr Situationen, als ich aufzählen kann, in denen die aufgebracht argumentierende Stimme meines Gegenübers vollständig von der »Crazy Frog«-Titelmelodie in meinem Kopf übertönt wurde. Weil ich abgelenkt war (Videos von kleinen Hunden mit schiefen Zähnen), weil ich mit meinen Gedanken bei Hector Bellerin war (er spielt [bestimmt] tollen Fußball und hat [definitiv] tolle Haare), weil die Katzen gerade irgendwas sehr Niedliches oder sehr Ekliges getan haben (sich erst das Arschloch und dann das Gesicht putzen) oder weil ich Hunger hatte. Das ist nicht besonders schmeichelhaft, aber selbst der empathischste, sensibelste, achtsamste und geduldigste Mensch der Welt (der ich keinesfalls zu sein behaupte) schaltet irgendwann ab, wenn sich das Gespräch zum dreiundzwanzigsten Mal darum dreht, dass ein Verflossener es gewagt hat, das Passwort des gemeinsamen Netflix-Accounts zu ändern. Zuhören ist nämlich nur halb so erfüllend, wenn die Kommunikation einseitig bleibt. Und spätestens wenn man das Gefühl hat, dass die eigenen Probleme, die auch etwas Zuhörerei gebrauchen könnten (»Wie bringe ich meine Katzen dazu, die Reihenfolge ihrer Putzrituale zu überdenken?«), konstant von den banalen Wehwehchen der anderen übertönt werden, entwickelt sich das Zuhören vom selbstverständlichen Freundschaftsbonus zur qualvollen Freundschaftspflicht.
Bevor man sich also selbst in die Schlechte*r-Freund*in-Box steckt, weil man nicht zu jeder Tages- und Nachtzeit Spaß daran finden kann, den endlosen Monologen der engsten Vertrauten voller Spannung zu lauschen, sollte man sich zwei Fragen stellen:
Ob ein Ungleichgewicht herrscht und man selbst ständig nur den zuhörenden Part übernehmen muss, dem selten zugehört wird, denn dann ist eher die andere Partei im Rückstand, was Punkte auf der Freundschaftsskala angeht.
Ist das nicht der Fall, dann greift:
Ob es nicht völlig
normal
ist, ein Problem nicht mit derselben Intensität zu empfinden wie die Person, die es tatsächlich betrifft, und ob es nicht ebenso normal ist, mit den eigenen Gedanken mal nicht bei »Lieb dich« vs. »Liebe dich« zu sein, sondern bei spanischen Fußballspielern mit tollen Haaren. Andersrum ist es schließlich genauso. Denn ich bin mir sicher, dass meine Vortragsreihe zum Thema »Weißt du, was er diesmal gemacht hat?!« bei meinen Freund*innen auch nicht immer auf brennende Neugier stößt.
Wenn es um meine eigene Freundschaftsqualität in Sachen Zuhören geht, würde ich mir daher eine nicht ganz rühmliche, aber ehrliche Wertung von 7/10 Punkten geben. Trotzdem glaube ich, dass mein Bestes zu geben und regelmäßig und bei wichtigen Themen (wie Tinder-Dates) gut zuzuhören mich zwar nicht als perfekte, aber zumindest als durchschnittlich gute Freundin qualifiziert, die man auch mal anruft, wenn es um banale Blödsinnsprobleme geht, weil man weiß, dass sie – wenn auch manchmal halbherzig – ohne Vorurteile zuhört.
Nach langem Zuhören antworte ich liebend gerne mit Ratschlägen. Manchmal sogar auf Nachfrage, oft genug aber aus Eigeninitiative heraus. Ich gebe einfach von Natur aus gerne meinen Senf dazu. Wahrscheinlich verteile ich sogar deutlich lieber Ratschläge, als dass ich zuhöre, immerhin kann ich mich dann selbst reden hören.
Bei meiner intensiven und wissenschaftlich fundierten Recherche zu diesem Punkt (aka Freund*innen bei WhatsApp fragen) fiel mir jedoch auf: Obwohl ich immer wieder enthusiastisch meinen sperrigen »Tipps & Tricks«-Koffer hervorkrame und freimütig Weisheiten daraus verteile, werden meine Ratschläge selten in einem solchen Ausmaß befolgt, dass ich nach vollbrachter Tat ein selbstgefälliges »Gut, dass du auf mich gehört hast« herausposaunen könnte. Ganz im Gegenteil sogar.
Der Glaube an den Wert meiner eigenen Ratschläge sank während meiner Recherche schneller als mein dickes 5-jähriges Ich in einem litauischen Wasserpark. Niedergeschlagen fing ich an, mir wesentliche Fragen zu stellen: Sind meine Ratschläge wirklich so scheiße? Bin ich eine nutzlose und somit schlechte Freundin? Schenken sich meine Liebsten in der Adventszeit meine Ratschläge heimlich kichernd zum Schrottwichteln?!
Um diese quälenden Gedanken nicht nur mit mir selbst austragen zu müssen, fragte ich noch mal genauer nach. Es kam heraus, dass meine Ratschläge nicht zum Schrottwichteln verschenkt werden. Angeblich. Und dass ich wohl keine so schlechte Freundin bin. Jedoch wurde vorsichtig formuliert, dass meine Ratschläge recht »radikal« seien. Auch die Worte »völlig überzogen« fielen. Ein wörtliches Zitat bezüglich meiner Beziehungs- und Dating-Tipps lautete: »Manchmal hör ich mir das an und denk mir: ›Ja, mach ich eh nicht.‹«
Diese Offenbarung machte mir schwer zu schaffen. Wenn von einer Bezugsperson erwartet wird, hilfreiche Ratschläge zu geben, meine aber allesamt scheiße sind und ignoriert werden – werde ich dann früher oder später für meine grausamen Ratschlagqualitäten in den Abgrund der sozial Unfähigen geschubst werden?
Andererseits: Wer hat das Recht, definieren zu dürfen, was schlechte Ratschläge sind? Die Feedbackschleifen, die ich von meinem Umfeld so zu hören bekomme, sind auch nicht gerade pures Gold: »Musst du wissen«, »Ex, ex, ex, ex!« und »Ein Tequila geht noch!« sind ebenfalls nicht gerade die Crème de la Crème der Ratschläge.
Ich bekam das Gefühl, einem paradoxen Kreislauf auf der Spur zu sein, also warf ich einen noch kritischeren Blick auf meine Ratschläge. Waren sie wirklich so »radikal« und »völlig überzogen«? Waren sie tatsächlich so nutzlos wie Höflichkeitsfloskeln in Berlin? Und wären meine Freund*innen ohne sie (und mich) vielleicht besser dran?
In meinen Augen ein klares Jein. Einige meiner Ratschläge waren ehrlicherweise absolut im-Klo-runterspül-würdig. Andere hingegen stufte ich, auch nach kritischer Beäugung, als durchaus angebracht ein. Als so richtig »hilfreich« konnte ich sie aber in keinem Fall durchmogeln, und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Wenn ich ganz ehrlich zu mir war, würde ich mich selbst niemals an auch nur einen einzigen meiner Ratschläge halten.
Man kann also zusammenfassen, dass wir alle anscheinend gerne hilfreiche Ratschläge bekommen, sie aber je nach Lust und Laune auch gerne mal ignorieren. Ebenfalls geben wir gerne Ratschläge, obwohl wir sie selbst nie ernst nehmen würden, und weinen uns dann schluchzend in den Schlaf, wenn andere es auch nicht tun. Wie effizient.
Doch trotz der Tatsache, dass dieses ganze Konstrukt hinten und vorne nicht aufgeht, scheinen zumindest meine Freund*innen und ich uns nicht gerade daran zu stören. Und obwohl ich offenkundig Ratschläge gebe, an die nicht nur ich mich selbst nicht halten würde, sondern die Empfänger*innen meiner Weisheiten ebenso wenig, würden meine Freund*innen (wahrscheinlich) bestätigen, dass sie mich ganz gut leiden können (und dass sie ohne meine schlechten Ratschläge und mich nicht besser dran wären).
Wenn aber für mein glückliches und soziales Fortbestehen gar nicht relevant ist, ob ich Ratschlägen folge oder andere meine Lebensweisheiten beherzigen, bedeutet das dann nicht im Umkehrschluss, dass die meisten Ratschläge sowieso besser auf irgendeiner Müllinsel im Indischen Ozean aufgehoben wären? Wenn es ganz egal ist, ob sich irgendwer an sie hält oder nicht, können gute Ratschläge dann überhaupt von Bedeutung für eine gute Freundschaft sein? Und falls ihre inhaltliche Qualität gar nicht entscheidend ist, warum fragen wir dann trotzdem nach ihnen, als könnten wir nicht genug von ihnen kriegen? Und warum können wir das Bedürfnis danach, sie selbst durch die Gegend zu schmeißen wie nasses Klopapier in der Schulumkleide, nicht abstellen?
Wenn ich versuche, meine eigenen Intentionen dahingehend zu ergründen, komme ich schnell zu dem Schluss, dass ich einen sehr ausgeprägten Beschützerinstinkt in mir zu tragen scheine, auch wenn ich mit Sicherheit nicht als die Mutterfigur unserer Freundschaftsgruppe eingestuft werden würde (ich entspreche wahrscheinlich eher den Charakteristiken eines sprunghaften Vaters, der sich nur alle paar Monate, wenn er mal nüchtern ist, an die Verpflichtungen erinnert, die er gegenüber seinen Kindern hat). Und dieser Beschützerinstinkt äußert sich bei mir eben nur allzu gern in Form von Tipps, insbesondere Dating-Tipps, die ich – wenig überraschend – selbst niemals beherzigen würde. Während meine Intention also offensichtlich darin besteht, helfen zu wollen, kann ich nachvollziehen, dass nach jahrelangem Ratschlag-Geben meinerseits und jahrelangem Eigene-Ratschläge-Ignorieren auch meinerseits die Legitimität und Autorität meiner Ratschläge infrage gestellt wird, denn ähnlich wie Bildungsreisen nach Malle fallen meine Ratschläge eher oft als selten in die Kategorie »Gut gemeint, aber nutzlos«.
Trotz diesem eklatanten Mangel an hilfreichen Ratschlägen haben mich meine Freund*innen aber bisher nicht aus sämtlichen WhatsApp-Gruppen gekickt und sich auch bis heute noch nicht all meiner selbst gebastelten Fotocollagen entledigt. Ich muss also davon ausgehen, dass die Qualität meiner Ratschläge nicht der einzig entscheidende Faktor sein kann, weswegen meine Freund*innen sich überhaupt dafür entscheiden, Zeit mit mir zu verbringen. Entweder sind es meine vielen anderen, hier offensichtlich nur aus Platzgründen nicht aufgelisteten Freundschaftsqualitäten, die sie davon überzeugen, mich als Teil ihres sozialen Lebens beizubehalten – oder aber es reicht für den Punkt »hilfreiche Ratschläge geben« vielleicht schon vollkommen aus, es aufrichtig gut zu meinen.
Die nächsten zwei Punkte auf unserer kontroversen Liste widersprechen sich in meinen Augen mehr als meine Eltern damals kurz vor ihrer Trennung. Wer Ehrlichkeit verlangt, jedoch Kritik kreischend und mit flammendem Holzkreuz in den Händen von sich weist, sucht vielleicht keine Freundschaft, sondern eher eine*n Arschkriecher*in. Ehrlichkeit und Kritik gehören zusammen wie Vodka und Red Bull, IKEA und Hotdogs, Pati Valpati und Vaterkomplexe.
Wenn du möchtest, dass ich dir meine ehrliche Meinung zu dem toxischen Verhalten deines festen Freundes sage, dann solltest du auch damit klarkommen können, wenn ich dich dafür kritisiere, dass du dich von ihm rumschubsen lässt wie eine Olive zur Erntesaison. Nicht weil ich auf Victim Blaming stehe oder dich verletzen möchte, sondern weil ich finde, dass du es anderen um deiner selbst willen nicht erlauben solltest, dich schlecht zu behandeln. Und wenn du meine ehrliche Meinung zu deinem Outfit hören möchtest, musst du damit leben können, wenn ich dir kritisch darlege, warum deine Latexhosen-Birkenstock-Kombo dich aussehen lässt wie Greta Thunberg auf Crack. Nicht weil ich dich (oder Greta Thunberg) ärgern möchte, sondern weil ich nicht will, dass du dich auf meine Verantwortung hin Jahre später in Grund und Boden schämst, weil du den Dresscode »Casual Chic« bei diesem einen besonders wichtigen Event komplett missverstanden hast.
Wenn du möchtest, dass meine ehrliche Meinung immer exakt mit deiner übereinstimmt, dann bist du gerade auf der linken Spur nach Heuchler-City, und dort habe ich, wie der Zufall es so will, Einreiseverbot.
»Das Gegenüber nicht zu kritisieren« und »ehrlich zu sein« schließen sich also in einem hohen Prozentsatz der Fälle gegenseitig aus. Eine Ausnahme würde ich allerdings machen: Wenn die beste Freundin gerade die Schrumpfkopf-Sammlung ihrer Oma für ein teures, aber kompromisslos hässliches Hochzeitskleid verschachert hat und dich über beide Backen strahlend nach deiner Meinung zu der rüschigen Scheußlichkeit fragt, dann bist du an der Reihe, so überzeugend wie möglich zu erklären, dass Kate Middleton bei ihrer Trauung neben ihr ausgesehen hätte wie ein mittelloses Bauernkind aus »Oliver Twist«. Denn gerade, wenn es um subjektive Themen wie Modegeschmack (lasst mein »Greta Thunberg auf Crack«-Beispiel hier raus) geht, ist der richtige Weg, um ein*e gute*r Freund*in zu bleiben, manchmal
Empathie zu zeigen,
hemmungslos zu lügen oder
einfach mal die Fresse zu halten.
Denn nicht du musst in diesem (grausamen) Kleid glücklich werden, sondern sie.
Grundsätzlich glaube ich, dass der Widerspruch zwischen einem Kritik-Ver- und Ehrlichkeits-Gebot einen recht nachvollziehbaren Ursprung hat. Wenn ich nämlich vergleiche, wie freimütig (aka frech) ich auf der einen Seite ehrliches Feedback und Kritik verteile und wie toll (aka absolut beschissen) ich auf der anderen Seite mit ehrlichem Feedback und Kritik umgehe, dann verstehe ich, dass man von guten Freund*innen am liebsten ausschließlich hören würde, wie super man das Leben so meistert. Denn besonders wenn jemand mir Nahestehendes etwas an meinem Verhalten auszusetzen und damit auch noch recht hat, bekleckere ich mich nicht gerade mit Einsichtigkeit. Damit ist hier also nichts anders als bei den hilfreichen Ratschlägen. Man wünscht sich zwar die ehrliche (im Idealfall positive und ausschließlich bestärkende) Meinung der anderen, weist aber Kritik von sich wie ein*e deutsche*r Politiker*in im Wahlkampf.
Da das Leben allerdings kein Ponyhof ist und man sich seine Freund*innen nicht in einem Build-a-Bear-Workshop zusammenbasteln kann, muss man sich wohl damit abfinden, dass die Ehrlichkeit, die man von guten Freund*innen verlangt, auch bedeutet, dass sie einen hin und wieder darauf aufmerksam machen, wenn man mal was Dummes macht, sagt oder denkt.
Diesen Punkt habe ich ganz bewusst nur in meine Liste aufgenommen, um ihn jetzt kritisieren zu können. Denn wenn dieser Punkt für dich bei der Wahl deines sozialen Umfelds relevant ist, dann suchst du vielleicht keine Freund*innen, sondern eine*n Mentalist*in. Wenn du nicht gerade erst anfängst zu zahnen (falls doch, dann Entschuldigung und Respekt dafür, dass du schon lesen kannst), gibt es keinen Grund, warum deine Kommunikationsfähigkeiten es nicht zulassen sollten, deinen Freund*innen deinen emotionalen Missstand einfach mitzuteilen.
Solltest du dich gerade unangenehm angesprochen fühlen, frag dich einfach Folgendes: »Sind meine Freund*innen wirklich ignorant (und somit schlechte Freund*innen) oder reichen ihre telepathischen Kräfte nur einfach nicht aus, um durch bloßes Zeigefinger-an-die-Schläfe-Drücken erraten zu können, dass ich gerade fünfhundert Kilometer entfernt einen Nervenzusammenbruch habe?«
Die meisten von uns kennen wahrscheinlich diese Situation:
»Ist irgendwas los?«
»Nein.«
»Sag doch!«
»Es ist nichts!«
»Okay.«
*Tiefes Luftholen* »Ichfindeesnurkomisch,dassduletztensgesagthast,dass …«
Und die meisten von uns denken sich in solchen Fällen wahrscheinlich nur: »Digga, warum hast du das nicht gleich gesagt?« Woher zur toxischen Freundschaft kommt die Annahme, dass dein Gegenüber einfach riechen können muss, wenn es dir mal schlecht geht? Und das, wo wir heutzutage doch alles daransetzen, nicht nur auf Social Media, sondern auch im realen Leben unsere fröhliche Maske 24/7 durch (metaphorisches) Bananenbrot-in-die-Kamera-Halten zu wahren. Wie egoistisch ist es, vom eigenen Umfeld zu erwarten, dass es nichts Besseres zu tun hat, als nach winzigen Anzeichen dafür zu suchen, dass in deinem Leben gerade etwas bergab geht?
Natürlich ist es völlig okay, der netten Kassiererin im Lidl auf die Frage nach deinem Wohlergehen mit einer höflichen – und gelogenen – Floskel zu antworten, statt ihr die herzzerreißende Geschichte aufs Auge zu drücken, wie deine Katze heute Morgen deinen Lieblingspullover vollgekackt hat. Sie wird es dir sogar danken. Aber deine Freund*innen sind (im Idealfall) deine Verbündeten, und wenn du ihnen nicht steckst, dass ein gewisses fliederfarbenes Oberteil gerade in Mr Wuschelhöschens Hinterlassenschaften ertrinkt, dann können sie weder dich aus deiner emotionalen Misere noch deinen Rollkragenpulli aus der Katzenkacke retten.
Versteht mich nicht falsch, behandelt eure Freund*innen bitte nicht wie emotionale Mülleimer, in die ihr achtlos euren Gefühlsabfall abladen könnt. Ich schlage stattdessen lieber die Versinnbildlichung einer psychischen Tankstelle vor. Man fährt mit mehr oder weniger präzisen Absichten hin, holt sich so viele Liter Tankfüllung (aka beruhigende Worte oder Tipps zum Waschen von Kaschmirpullis) wie nötig ab und lässt das freundliche Tankstellenpersonal an der Kasse außerdem wissen, was man gern von der Snackbar hätte, anstatt gleich herumzuschreien, weil niemand von alleine darauf gekommen ist. Anschließend bedankt man sich (in Form von harmonischem, gegenseitigem emotionalem Support), ehe man mit neu gefundener Energie wieder aufbricht.
Denn wenn die Tankstelle nicht zum Propheten kommt, dann muss der Prophet eben zur Tankstelle gehen.
Ähnlich kritische Gedanken habe ich bei dem Punkt, dass ein*e gute*r Freund*in die Fähigkeit haben sollte, möglichst schnell auf Nachrichten zu antworten. Vielleicht triggert mich diese Anforderung aber auch nur, weil ich ab und an auch mal sieben bis zehn Werktage brauche, um auf eine Sprachnotiz zu reagieren. Manchmal möchte ich mir die Memo einfach nur »später in Ruhe« anhören, vergesse sie dann aber, und ehe man sichs versieht, ist ein neues Jahrzehnt hereingebrochen, Thigh Gaps sind wieder in, und Alessio ist Bundeskanzler.
Noch unangenehmer ist es, wenn man sich nach Wochen zufällig wieder in den entsprechenden Chatverlauf verirrt und die ungehörten Sprachnotizen einen angewidert und in giftigem Grün von oben bis unten mustern, so als wollten sie sagen: »Schön, dass du dich auch mal wieder hier blicken lässt, du Judas einer Freundin!« Ich behaupte nicht, dass es ideal ist, wenn man zum Beantworten einer Nachricht auch mal länger als eine Zara-Lieferung braucht. Aber bedeutet das wirklich, dass ich eine schlechte Freundin bin?
Ja, na ja, vielleicht ein bisschen. Das ist ein gemeiner Punkt, aus dem ich mich nicht so leicht rausreden kann. Trotzdem habe ich ihn angesprochen, weil ich hier ja auch ein bisschen selbstkritisch vorgehen will (aber wirklich nur ein kleines bisschen). Ich wäre allerdings nicht Autorin dieses wundervollen Buches, wenn ich nicht auch für diese Verfehlung eine sehr klug klingende Erklärung parat hätte, die mich nicht ganz so mies dastehen lässt.
Zum einen mache ich das mit dem »nicht besonders schnell auf Nachrichten antworten« nicht mit Absicht. Zumindest nicht immer. In den Fällen, wo ich es mit Absicht mache, weil ich hoffe, dass die andere Person irgendwann einfach aufgibt und mich in Ruhe lässt, ohne dass ich ihr das sagen muss, komme ich damit klar, keine gute Freundin zu sein – denn das will ich ja auch gar nicht. (Tut jetzt bitte nicht so entsetzt, wir alle haben das schon mal gemacht, es sind nicht immer nur die anderen die Arschlöcher. Aber das diskutieren wir später noch ausführlich.)
In den Fällen, wo ich es nicht mit Absicht mache, was meistens der Fall ist, kann ich nur auf die Gnade und Akzeptanz meiner Freund*innen hoffen – und natürlich auf den vorherigen Punkt verweisen: Kommunikation. Es soll nämlich vorgekommen sein, dass Einigungen und Arrangements sogar mit einer unbelehrbaren Wiederholungstäterin wie mir gelungen sind. Mir wurde das Unbehagen über meine langen Schweigeintervalle mitgeteilt und ich habe dies (nach gebührender Leugnung irgendeines persönlichen Fehlverhaltens) eingesehen. Es wurden Lösungen gefunden, die beinhalten, dass mir ein Reminder geschickt wird, wenn ich das Antworten wieder unabsichtlich auf das übernächste Weihnachtsfest verlegt habe. Dieser Kompromiss ist natürlich nicht genauso gut wie die Alternative, meine zugegebenermaßen belastende Angewohnheit komplett abzulegen, hatte aber tatsächlich ein Absinken meiner Totalausfallfrequenz zur Folge und verhinderte das Absinken meiner Freund*innenanzahl.
Die nächste Forderung auf der Liste, die besagt, dass ein*e gute*r Freund*in die Bereitschaft mitbringen sollte, dem Gegenüber beim Kotzen die Haare zu halten, empfinde ich als berechtigt, aber nicht lückenlos.
Nehmen wir zum Beispiel folgende – natürlich vollkommen frei erfundene – Situation, in der meine beste Freundin sich nach erfolgreicher Beendigung eines Bier-Pong-Turniers die Seele aus dem Leib kübelt. Ich halte ihr selbstverständlich die Haare aus dem Gesicht, obwohl ich selbst voller bin als McDonald’s in einer kalten Samstagnacht. Je nach Koordinationsfähigkeit und Pegel halte ich ihr die Haare vielleicht auch mal eher ins Gesicht, aber das merkt sie eh nicht.
Was aber, wenn ihre dinosaurierartigen Brechgeräusche rein hypothetisch einen Herdeninstinkt in mir auslösen und sich auch mein Körper dazu entschließt, sich meine Essens- und Getränkewahl noch einmal geräuschvoll durch den Kopf gehen zu lassen? Muss sie mir dann die Haare halten, während sie weiterkotzt? Oder hat sie den Kotz-Alphastatus inne und darf mein Zopfgummi nehmen? Oder müssen wir uns gegenseitig die Haare halten? Wer ist hier jetzt die schlechte Freundin, wer die gute? Und was tun bei einer Kurzhaarfrisur? Ein moralisches Dilemma.
Wichtig ist, glaube ich, festzuhalten, dass niemand den anderen bewusstlos an seinem eigenen Erbrochenen ersticken lassen sollte. Das wäre kein guter Freundschaftsdienst – und unterlassene Hilfeleistung und damit strafbar. Alles, was im Zusammenhang mit eruptiv hervorwallenden Körperflüssigkeiten sonst noch so anfallen kann, ist nicht so leicht zu pauschalisieren und damit situationsabhängig. Um eine gute oder schlechte Freundschaft zu definieren, reicht dieses Kriterium daher nicht aus.
Der letzte Punkt auf unserer Liste ist der wahrscheinlich einzige, der es auf ehrliche Weise in diese Aufzählung geschafft hat, während sich die anderen mit falschen Versprechungen und Putschmitteln hineingeschummelt haben. Denn auch wenn ich die Latexhosen-Birkenstock-Kombo meiner Freundin kritisiere, akzeptiere ich ihre Entscheidung, so feiern zu gehen, trotzdem. Vielleicht gibt uns ja jemand dank Party-Gretas Promistatus eine Runde Tequila aus. Und wenn sie den Holzkopf, der sich seine Boxershorts immer noch von seiner Mutter waschen lässt, weiterhin daten möchte, dann muss ich auch das zähneknirschend (und mit der Waschmaschinenbedienungsanleitung wedelnd) akzeptieren. Denn auch wenn meine Ratschläge beschissen sind und ich nur jedes dritte Schaltjahr meine Sprachmemos abhöre, noch dazu keine telepathischen Fähigkeiten habe und öfter kotze als ein Baby mit Attitude-Problem, akzeptieren mich meine Freund*innen ja auch mit all meinen anstrengenden, nervigen, peinlichen, belastenden und irritierenden Macken.
Genau aus diesem Grund habe ich das Thema Akzeptanz bis zum Schluss aufgehoben. Alles, was vorher gesagt wurde, verliert neben ihr nämlich an Relevanz. Nicht einzelne Aspekte entscheiden über die Qualität einer Freundschaft, sondern allein die Frage, was in einer Gruppe von sich mögenden Menschen akzeptiert wird. Und das kann komplett unterschiedlich sein. Vielleicht ist das Geheimnis also, sich Freund*innen zu suchen, die auf dem Papier genauso »schlecht« sind wie man selbst, sich aber in der Realität ganz wunderbar gegenseitig ausbalancieren.
Drum weine nicht, wenn du das Gefühl hast, als Vorzeigefreund*in versagt zu haben. Solange die radikalen Ratschläge und die fragwürdige Kritik aus einer guten Intention heraus kommen und die fehlenden telepathischen Kräfte sowie die absenten Sprachmemo-abhör-Skills durch allumfassende, liebevolle Akzeptanz kompensiert werden, hast du dir meiner Meinung nach das Recht, im Diddl-Freundebuch deiner selbst gepflückten Atzen eine Seite deiner Wahl ausfüllen zu dürfen, fair erkämpft.
