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Lindern Sie Ihre Schmerzen mit Yoga
Leiden Sie unter Kopfschmerzen oder schmerzhaften Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich? Zwickt es im Rücken, in der Hüfte oder im Knie? Dann kann therapeutischer Yoga Ihnen helfen. Yoga ist viel mehr als Entspannung und Bewegung. Wenn Sie Asanas und Atemachtsamkeit gezielt verbinden, können Sie Ihre Schmerzen in den Griff bekommen.
Das finden Sie im Buch:
Befreien Sie sich von Ihren Schmerzen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2021
Dr. med. Hedwig Gupta
1. Auflage 2022
150 Abbildungen
Yogatherapie ist heute in aller Munde. Als ich zusammen mit meinem Koautor, M. D. Jain, in den 1990er Jahren mein erstes Buch dazu veröffentlichte ▶ [1], war die Kombination der Worte »Yoga« und »Therapie« noch sehr ungewöhnlich.
Glücklicherweise ist das 25 Jahre später ganz anders. Dass Yoga therapeutisch wirksam ist, hat sich inzwischen herumgesprochen. Kaum eine Klinik, die ihren Schwerpunkt auf die Behandlung chronischer Erkrankungen – inklusive Schmerzerkrankungen – legt, bietet heute keine Yogatherapie an. Aus vielen verschiedenen Ländern der Welt kommen Studien, die die Wirksamkeit dieser Therapie untersuchen und bestätigt finden. Ausbildungen in Yogatherapie als Weiterbildung für Yogalehrerinnen und -lehrer werden zunehmend beliebter. Ja, es gibt heute einen eigenen Berufsverband, DeGYT (Deutsche Gesellschaft für Yogatherapie e. V.), der sich um die Eingliederung der Yogatherapie in unser Gesundheitssystem kümmert. Er bildet Yogatherapeuten in Fachkonferenzen weiter, vernetzt sie, fördert Forschung und bestimmt Ausbildungskriterien, um hohe Therapiestandards für Patienten zu sichern.
Das ist auch sehr gut so, denn mit zunehmender Bekanntheit der Yogatherapie gibt es auch immer mehr falsche Vorstellungen davon, wie eine solche Therapie aussieht. So wurde ich beispielsweise von einem Fernsehteam gebeten, kurz die »besten zehn Übungen für Rückenschmerzen« zu verraten. Manche Yogalehrer kommen in meine Ausbildungen und hoffen, dort wie Kochrezepte die besten asanas, d. h. Körperhaltungen, und deren Variationen für jede einzelne Erkrankung zu erlernen.
So einfach ist es jedoch mit dem therapeutischen Einsatz von Yoga nicht. Ein solches schematisches Vorgehen wäre ähnlich sinnvoll und effizient, als würde man jedem Menschen bei Bauchschmerzen das gleiche Medikament verschreiben, ganz egal, ob er an einem Magengeschwür oder einer akuten Blinddarmentzündung leidet.
Jede Yogatherapie verlangt von dem, der sie einsetzt, zumindest drei Dinge: ein differenziertes Verständnis der diagnostizierten Krankheit oder Störung, eine gute Kenntnis der Wirkungen der einzelnen Übungen der verschiedenen Glieder des Yoga – durchaus nicht nur der asanas! – und der veränderten Wirkungen durch eine Anpassung der ausgewählten Übungen sowie ein genaues Beobachten der Wirkungen im individuellen Falle.
Daher kann Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dieses Buch auch nicht eine Ärztin oder einen Heilpraktiker ersetzen, der oder die die Erkrankung untersucht und diagnostiziert, und auch nicht den Yogalehrer oder besser noch die Yogatherapeutin, die mit Ihnen die Übungen durchführt und die für Sie möglichen Variationen erarbeitet. Dieses Buch soll Ihnen vor allem Mut und Hoffnung machen: Man kann bei einem so belastenden Phänomen wie dem Schmerz mit einer so ungiftigen Methode wie dem Yoga effektiv vorankommen und die Schmerzen in ihrer Ursache zunehmend eigenständig behandeln! Ist das nicht eine phantastische Botschaft? Und genau das habe ich nicht nur am eigenen Leib erlebt, sondern finde es immer wieder bei meinen Patienten bestätigt.
Noch nach einem Vierteljahrhundert der Erfahrung mit Yogatherapie bin ich immer wieder begeistert, was eine klug ausgewählte und regelmäßig geübte Yogapraxis verändern kann und wie wirkungsvoll – auf allen Ebenen des Seins – dieses uralte System des Yoga in der Therapie ist.
Dieses Buch soll Ihnen aber nicht nur diese einfache gute Nachricht bringen, sondern Ihnen zudem Anregung geben, wie eine solche schmerzlindernde Yogapraxis konkret aussehen könnte. An verschiedenen Schmerzgebieten wird in diesem Buch aufgezeigt, wie Schmerzen in diesem Bereich häufig entstehen können, wie man diese aus der Sicht der konventionellen Schulmedizin und des Ayurveda verstehen und wie man ganz konkret ein Übungsprogramm erstellen kann. Es lenkt dabei Ihre Aufmerksamkeit auf Aspekte, die bei den Übungen besonders zu beachten sind, damit sich die therapeutische Wirkung gut entfaltet.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und Üben – und natürlich eine baldige Linderung Ihrer Beschwerden!
Ludwigsburg, im Juli 2021
Dr. med. Hedwig H. Gupta
Titelei
Liebe Leserinnen und Leser,
Wie Yoga Schmerzen lindern kann
Was ist eigentlich Schmerz?
Wir nehmen Schmerz unterschiedlich wahr
Schmerz – ein wichtiges Signal des Körpers
Was kann Schmerz verursachen?
Wie entsteht der physiologische Schmerz?
Schmerz wird sehr unterschiedlich interpretiert
Wenn die Beschwerden chronisch werden
Die Diagnose schmerzhafter Erkrankungen
Welche Therapien sind möglich?
Wirken schnell: Schmerzmittel
Weitere Methoden der Schmerztherapie
Yoga und Ayurveda
Yoga als klassisches Philosophiesystem
Was ist Yoga eigentlich genau?
Der achtgliedrige Yoga
1. yama
2. niyama
3. asana
4. pranayama
5. pratyahara
6. dharana
7. dhyana
8. samadhi
Hathayoga
Ayurveda – die traditionelle indische Medizin
Was Ayurveda mit Yoga verbindet
Ayurveda – eine kurze Einführung
panchamahabhutas – die fünf Elemente
Die drei doshas – vata, pitta und kapha
dhatus – die sieben Grundgewebearten
ojas – das Immunsystem
srotas – funktionelle Systeme von Biokanälen
agni und ama – Verdauungsfeuer und Schlacken
Schmerztherapie mit Ayurveda und Yoga
Schmerzursachen aus ayurvedischer Sicht
Chronischer Schmerz – eine vata-Erkrankung
Ein anderer Ansatz – andere Ziele
Die ayurvedische Schmerztherapie beruht auf mehreren Säulen
Yoga heute in der Schmerztherapie
Yogatherapie vor dem Hintergrund des Ayurveda
Schmerzfrei durch Yoga – die Übungen
Wie Sie das Buch sinnvoll einsetzen
Wichtige Grundregeln beim Yoga
Wie die Schmerzbereiche zusammenhängen
Schmerzen im Beckenbereich
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Iliosakralgelenksblockierung – wenn sich das Becken verhakt
Beckenverwringung – wenn sich das Becken verdreht
Folge verspannter Muskeln: das Piriformis-Syndrom
Die ayurvedische Sichtweise
Beckentanzen
Katzenhaltung
Ansatz zu Schulterbrücke und Schlüssellochhaltung
Übungen jenseits der Matte
Schmerzen im Lendenwirbelsäulenbereich
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Die ayurvedische Sichtweise
Vorbereitende Yogaübungen
Streckung und Vorbeugung
pranayama in Rückenlage: Tiefenentspannung und Bootshaltung
Wirbelkreiseln
Übungen jenseits der Matte
Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Verspannungen können körperliche oder psychische Ursachen haben
Die ayurvedische Sichtweise
Vorbereitende Yogaübungen
Kreisen im Bereich der oberen Extremitäten
Drehung
Meditative Übung
Übungen jenseits der Matte
Kopfschmerz
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Wird oft durch Stress ausgelöst: Spannungskopfschmerz
Mehr als nur Kopfschmerzen: Migräne
Tritt immer nur einseitig auf: Cluster-Kopfschmerz
Die ayurvedische Sichtweise
Vorbereitende Yogaübungen
Blicktechniken
Vorübung zum Kopfstand
Meditationsübung
Übungen jenseits der Matte
Schulterschmerzen
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Das Impingement-Syndrom kann zu Folgeerkrankungen führen
Die ayurvedische Sichtweise
Vorbereitende Yogaübungen
Streckung mit Anheben der Arme
Herzöffnen
Kuhgesicht
Übungen jenseits der Matte
Schmerzen in Ellenbogen und Händen
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Schmerzen durch dauerhafte Anspannung: Tennis- und Golferellenbogen
Folge von Überlastung: die Sehnenscheidenentzündung
Die ayurvedische Sichtweise
Vorbereitende Yogaübungen
Arme und Schultergürtel drehen
mudras
Mantrameditation
Übungen jenseits der Matte
Hüftschmerzen
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Häufige Hüftschmerzen: das Psoas-Syndrom
Der Trochanterschmerz
Der Hüftarthroseschmerz
Die ayurvedische Sichtweise
Vorbereitende Yogaübungen
Schmetterlingsübung
Kamelhaltung
Gehmeditation
Übungen jenseits der Matte
Knieschmerzen
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Der vordere Knieschmerz: das Femoropatellarsyndrom
Der innere Knieschmerz: das Pes-anserinus-Syndrom
Die ayurvedische Sichtweise
Knieübung
Heldenhaltung
Dreieckshaltung
Übungen jenseits der Matte
Fußschmerzen
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Der Knick-Senk-Spreiz-Fuß mit seinen Folgen
Fehlstellungen im Fuß beeinflussen die Statik des ganzen Körpers
Fehlende Selbstwahrnehmung im Fuß kann Unfälle provozieren
Die ayurvedische Sichtweise
Vorbereitende Yogaübungen
Fußübung 1
Fußübung 2
Stehmeditation
Herabschauender Hund
Übungen jenseits der Matte
Rheumatische Schmerzen
Ursachen und Krankheitsentwicklung
Rheumatische Schmerzen sind an speziellen Symptomen zu erkennen
Die ayurvedische Sichtweise
Vorbereitende Yogaübungen
Sonnengruß
Halber Drehsitz
Wechselatmung
Übungen jenseits der Matte
Nachwort
Die Heilung verläuft meist in Wellen
Anmerkungen und Quellenangaben
Autorenvorstellung
Sachverzeichnis
Impressum
Ob Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Kniebeschwerden – für viele von uns sind Schmerzen ein alltäglicher Begleiter. Gezielte Yogaübungen helfen auf sanfte Weise, den Schmerz zu überwinden.
Schmerzen sind für unser Überleben notwendig – sie können aber auf Dauer zu einer starken Belastung werden. Wie entstehen sie eigentlich und wie können wir uns von ihnen wieder befreien? Versuchen wir zunächst, dieses ungeliebte Phänomen etwas näher zu ergründen.
Schmerz ist etwas, das jeder von uns kennt. Etwas, von dem wir meinen, dass wir es nicht näher erklären müssen. Und doch beschäftigen sich die verschiedensten Fachgebiete mit dem Schmerz und versuchen, ihn genauer zu ergründen.
Es beginnt mit der Frage, was denn Schmerz genau ist. Nach dem griechischen Philosophen Aristoteles ist Schmerz eines der Leiden der Seele. Die »International Association for the Study of Pain« definiert den Schmerz 2020 als »ein unangenehmes Sinnes- oder Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder potentieller Gewebsschädigung einhergeht oder so erscheint als ob es damit verbunden wäre«. ▶ [2]
Bei aller Unterschiedlichkeit haben diese beiden Definitionen aus ganz verschiedenen Epochen eine Gemeinsamkeit: Sie erkennen an, dass der Schmerz eine subjektive Wahrnehmung ist, die man nicht immer an Strukturschäden erkennen kann. Unser Zentralnervensystem kann mithilfe bestimmter Filterprozesse dafür sorgen, dass eine körperliche Schädigung nicht zu Schmerz führt. Das erklärt z. B. die Schmerzfreiheit von Yogis trotz schwerer Erkrankungen oder die Abwesenheit von Schmerz bei akut Unfallverletzten etc. Andere Filterprozesse können dagegen bewirken, dass Schmerzen auch dann wahrgenommen werden, wenn keine objektive Ursache der Schmerzen festzustellen ist, wie beispielsweise beim Fibromyalgiesyndrom. Schmerz kann sogar von Organen ausgehend wahrgenommen werden, die nicht vorhanden sind, wie etwa beim Phantomschmerz.
Schmerz ist das, was die oder der Betroffene als solchen empfindet.
Eines können wir damit ganz klar sagen: Schmerz ist nicht vergleichbar und nicht objektivierbar. Keiner kann uns einreden, dass wir Schmerz hier oder dort empfinden oder auch nicht. Der Einzige, der den eigenen Schmerz wirklich kennen kann, ist die oder der Betroffene selbst.
Schmerz ist in seiner akuten Form ein wichtiges Warnzeichen des Körpers. Er kann aufzeigen, wo eine Schädigung vorliegt, oder warnen, dass es zu einer Schädigung kommen kann. In seiner chronischen Form ist Schmerz mehr als lästig. Er ist zermürbend. Das zeigt sich auch in der Begriffsherkunft: Das Wort »Schmerz« kommt wahrscheinlich von dem althochdeutschen »smerzo«, was sich aus dem Griechischen »smerdaleos« herleitet und »grässlich« bedeutet. Auch das etwas aus der Mode gekommene Wort »Pein« ebenso wie das englische »pain« haben eine wertende Bedeutung. Sie leiten sich von dem lateinischen Begriff »poena«, die »Sünde«, ab.
Medizinische Fachbegriffe für Schmerz und Leid sind »dolor« (lateinisch), »algos« und »pathos« (griechisch). Diese Begriffe finden sich oft in der medizinischen Bezeichnung von schmerzhaften Erkrankungen oder in verneinender Form in der Therapie, z. B. bei »Analgesie« (Schmerzlosigkeit).
Schmerzen fühlen sich immer so an, als ob etwas verletzt wäre. Verletzungen sind auch eine der bekanntesten Ursachen für den Schmerz. Dennoch gibt es verschiedene Arten von Schmerz, die jeweils unterschiedliche Ursachen haben:
Der Nozizeptorschmerz, auch physiologischer Schmerz genannt, wird von einer Gewebsverletzung verursacht. Diese kann durch die verschiedensten Arten von Einwirkungen hervorgerufen werden, z. B. durch mechanische Beanspruchung bei Fehlhaltung und Fehlbelastung, durch chemische Reize wie Infektionen oder durch Entzündungen, Stoffwechselstörungen und Sauerstoffmangel. Sie kann auch durch Temperatureinflüsse wie zu große Hitze oder Kälte ausgelöst werden.
Der physiologische Schmerz kann alle Gewebe betreffen, von der Haut über die Muskeln, die Bänder, die Gelenke, die Blutgefäße bis zu inneren Organen wie dem Herz oder dem Darm. Die Entstehung des Nozizeptorschmerzes und seine Weiterleitung im zentralen Nervensystem wird ▶ im Folgenden noch genauer beschrieben und ist recht gut erforscht.
Der neuropathische Schmerz wird ausgelöst, wenn das Nervensystem direkt geschädigt wird, etwa durch eine Nervenverletzung, durch Viruserkrankungen oder auch durch degenerative Veränderungen z. B. durch Alterungsprozesse. Die typischen Schmerzmittel wirken da häufig nicht.
Auch der Deafferenzierungsschmerz, der durch das Wegfallen von schmerzhemmenden Nervenfasern im zentralen Nervensystem verursacht wird, kann durch die klassischen entzündungshemmenden Schmerzmittel nicht gelindert werden.
Psychosomatischer Schmerz Schmerz kann sogar ohne körperliche Verletzung entstehen. Angst, Stress, unterdrückte Wut und andere psychische Belastungen können zu einem psychosomatischen Schmerz führen. Dabei überträgt sich das emotionale Leiden ohne bewusstes Wissen des Betroffenen auf den Körper.
Was die Intensität und den Leidensdruck angeht, so steht dieser somatisierte, d. h. von der Psyche auf den Körper übertragene Schmerz den körperlich verursachten Schmerzformen in nichts nach.
Zunächst kommt es zur Verletzung von Gewebe. Dabei werden verschiedene Stoffe freigesetzt wie ATP (Adenosintriphosphat, der Energieüberträger in Zellen), Sauerstoffradikale und Kalium aus dem Zellinneren sowie Arachidonsäure und Kinine (das sind bestimmte Gewebshormone) aus der Zellwand. Durch diese Stoffe werden Entzündungszellen wie z. B. Mastzellen aktiviert und sogenannte Entzündungsmediatoren, d. h. entzündungseinleitende Stoffe, wie Prostaglandin E2, Bradykinin und Serotonin aufgebaut. Dadurch kommt es zur Blutgefäßerweiterung und zur erhöhten Durchlässigkeit der Blutgefäße, was eine lokale Schwellung hervorruft. Alle Entzündungsmediatoren erregen die Nozizeptoren, die Rezeptoren, die für die Schmerzfortleitung verantwortlich sind.
So entsteht Schmerz.
Im Rückenmark kommt es einerseits zu Reflexverschaltungen, die eine Fluchtbewegung auslösen. Das führt z. B. zum Zurückziehen der Hand, noch bevor die Herdplatte als heiß erkannt wurde. Andererseits gelangt die Information über den Vorderseitenstrang (Tractus spinothalamicus) zum Thalamus, dem Hauptteil des Zwischenhirns, und von dort weiter zur Großhirnrinde. In der Großhirnrinde wird der Schmerz bewusst wahrgenommen und im limbischen System, das unsere Gefühle steuert, emotional bewertet. Das bedeutet, dass der Schmerz, der in der Großhirnrinde als beispielsweise stechend, schneidend oder bohrend, heiß oder kalt, spitz oder stumpf eingeordnet wurde, durch das limbische System mit Begriffen wie bösartig, gemein, erdrückend, mörderisch etc. besetzt wird.
Die bewusste Schmerzwahrnehmung und genaue Lokalisation eines Schmerzes ist ein Lernprozess. In einem Bereich der Großhirnrinde, dem Gyrus postcentralis, gibt es für jedes Körpergebiet entsprechende Areale. Sie bilden den ganzen Menschen ab und werden »sensibler Homunculus« genannt. Durch Erfahrungen wird uns z. B. ein Stich in den kleinen linken Finger sofort als ein solcher bewusst. Je häufiger wir die Schmerzerfahrung machen, desto differenzierter und deutlicher ist die Schmerzwahrnehmung.
Das Schmerzempfinden hängt mit der Art und Intensität der Schädigung zusammen, aber auch mit unserer Interpretation des Schmerzes, also dem Schmerzverständnis. Dies kann sehr unterschiedlich sein: Schmerz wird z. B als Ausdruck der körperlichen Verletzung gesehen, aber auch als Leid, Gefahr, als Ausdruck einer (Gottes-)Strafe, als Warnzeichen, dass etwas geändert werden muss, und damit auch als Chance. Es ist leicht nachvollziehbar, dass uns die Prellung durch einen Sturz viel mehr schmerzt, wenn wir das für ein Zeichen der persönlichen Unfähigkeit im Leben ansehen, als es uns wehtun würde, wenn wir es einfach für ein kleines Missgeschick ansehen würden.
Ein Schmerz gilt als chronisch, wenn er länger als drei bzw. sechs Monate anhält und seine ursprüngliche Warnfunktion verloren hat. Man hat anhand von statistischen Untersuchungen herausgefunden, dass es Faktoren gibt, die eine Chronifizierung von Schmerz begünstigen. Diese nennt man auch Yellow Flags. Dazu gehören v. a. die Schmerzintensität, ein höheres Lebensalter, Schlafstörungen und eine Muskeldysfunktion. Auch nicht körperliche Aspekte erhöhen das Risiko, dass ein akuter Schmerz chronisch wird, z. B. eine schwächere sozioökonomische Stellung oder Migration. Das bedeutet, dass ein akuter Schmerz bei einem Menschen, der gerade seinen Job verloren hat und auch nicht weiß, wie er wieder in Lohn und Brot kommt, mit größerer Wahrscheinlichkeit chronisch wird als bei einem Menschen, der keine solchen Sorgen hat. Selbst rein psychische Faktoren wie Angst, Sorgen, depressive Verstimmungen, Überforderung, starker Stress und ein negatives Selbstbild erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass der Schmerz chronisch wird.
Schmerz hat oft typische Ausprägungen, je nachdem, wodurch er verursacht wurde. Beispielsweise tritt der Arthroseschmerz meist dann auf, wenn das Gelenk belastet wird (Belastungsschmerz), Arthritis, also die entzündliche Veränderung im Gelenk, wird dagegen am stärksten im Ruhezustand wahrgenommen (Ruheschmerz).
Um den Schmerz genauer zu differenzieren, ist es wichtig, einige Fragen zu betrachten:
Wann und womit hat der Schmerz angefangen?
Wo genau sitzt der Schmerz?
Was verstärkt und was lindert den Schmerz?
Wie kann der Schmerz genauer beschrieben werden?
Wie stark ist er?
Bei der Frage nach der Schmerzintensität kann eine visuelle Analogskala hilfreich sein. Dabei wird ein 10 cm langer Strich als Skala genommen, dessen Anfang für 0, also kein Schmerz, steht und dessen Ende den maximal denkbaren Schmerz definiert. Dieser wird dann mit der Zahl 10 festgesetzt. Der oder die Betroffene kann jeden Tag und zu verschiedenen Tageszeiten diese Analogskala frisch bewerten, um einen Eindruck vom Verlauf des Schmerzes zu gewinnen.
Visuelle Analogskala (VAS) zur Messung des subjektiven Schmerzempfindens
Ebenso wichtig ist es, den Grad der Einschränkung durch den Schmerz bei verschiedenen Tätigkeiten festzuhalten, z. B. im Alltag, bei sportlichen Aktivitäten oder im Ruhezustand nachts sowie die Bedeutung des Schmerzes für den Betroffenen zu notieren.
Wichtige Instrumente zur Dokumentation und Erfassung von Schmerzerkrankungen sind standardisierte Schmerzfragebögen (z. B. der Deutsche Schmerzfragebogen oder der Heidelberger Kurzfragebogen Rückenschmerz). Diese stellen Fragen zur subjektiven Wahrnehmung der Schmerzen, deren Intensität und Charakter und ermöglichen damit neben der Diagnostik und Dokumentation auch erste Aussagen darüber, ob die Gefahr besteht, dass der Schmerz chronisch wird. Zusätzlich sollen die PatientInnen Verlaufsfragebögen und Tagesprotokolle der Schmerzen ausfüllen, um die Intensität der Schmerzen zu den verschiedenen Tageszeiten sowie im Verlauf der Behandlung festzuhalten. Dadurch kann der behandelnde Arzt gezielter therapeutisch vorgehen.
Der Schmerz sollte durch den Arzt oder die Therapeutin weiter in einer gründlichen körperlichen Untersuchung analysiert werden. Häufig reicht sie aus, um den Schmerz diagnostisch klar einzuordnen. In manchen Fällen sind aber medizinisch-technische Untersuchungen wie bildgebende Verfahren (Röntgenaufnahmen, Magnetresonanztomografie o. Ä.) oder Labortests notwendig, um eine eindeutige Diagnose stellen zu können.
Schmerzzustände sind für den Körper erlernbar. Wiederholt auftretende Schmerzen führen zu intensiverem und längerem Schmerzempfinden, weil dabei die Schmerzschwelle herabgesetzt wird. Um dies zu verhindern, ist eine frühzeitige und ausreichende Schmerztherapie wichtig.
Schmerzmittel sind oft die ersten »Retter« in der Schmerztherapie, da sie ohne größeren Aufwand wirken und zu einer schnellen Linderung führen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat ein Stufenschema der medikamentösen Behandlung von Schmerzen entwickelt. Darin gibt es vier Stufen von verschieden starken Schmerzmitteln, die nacheinander bei zunehmend starken Schmerzen angewandt werden können.
Stufe 1 – leichte Schmerzmittel Hierzu gehören z. B. Paracetamol oder Acetylsalicylsäure. Sie sind meist relativ gut verträglich. Dennoch sollten sie nicht über einen längeren Zeitraum eigenständig und gar in höherer Dosierung eingenommen werden.
Stufe 2 – mittelstarke Schmerzmittel Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR/NSAIDs). Zu dieser Gruppe gehören die klassischen Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac, Indomethacin, aber auch Coxibe (Cox-2-Hemmer). Diese Medikamente unterbrechen die Schmerzentstehung an der betroffenen Stelle und verringern die lokale Entzündung. Daher werden sie auch Antiphlogistika (Entzündungshemmer) genannt. Mittelstarke Schmerzmittel sollten ohne Konsultation einer Ärztin oder eines Arztes nur über wenige Tage eingenommen werden, weil sie vor allem bei längerer Einnahme schwerwiegende unerwünschte Nebenwirkungen haben können wie etwa Blutungen im Magen-Darm-Trakt, die Bildung von Ödemen (Schwellungen) und Kopfschmerzen.
Stufe 3 – starke Schmerzmittel Leichte Morphinderivate (auch Opioide genannt): Morphinderivate sind Substanzen, die morphinartig wirken, z. B. Tramadol, Tilidin, Valoron. Sie wirken durch eine Veränderung der zentralen Schmerzverarbeitung über spezielle Morphinrezeptoren. Diese starken Schmerzmittel sollen nur vom Arzt verordnet und engmaschig kontrolliert eingenommen werden. Morphine können zu Schwindel, Verstopfung und Atemdepression (vermindertem Atemimpuls) führen. Sie haben ein hohes Abhängigkeitspotenzial und verändern die Aufmerksamkeit.
Stufe 4 – stärkste Schmerzmittel Das sind starke Morphinderivate, die zu den Opioiden gehören. Sehr beunruhigend ist, dass der Verbrauch von Opioiden in den letzten Jahrzehnten dramatisch zugenommen hat. Immer mehr Menschen nehmen über längere Zeit diese Schmerzmittel ein. Das könnte bedeuten, dass andere Möglichkeiten der Schmerztherapie nicht hinreichend genutzt werden. Auf jeden Fall nimmt durch die vermehrte und längerfristige Einnahme dieser Schmerzmittel die Häufigkeit und Schwere der Nebenwirkungen zu.
Schmerzmittel können auch lokal verabreicht werden, z. B. über schmerzstillende Injektionen an der betreffenden Stelle und/oder Kortisonpräparate.
Schmerzmittel scheinen oft die schnelle Lösung zu sein. Aber sie sind bei Weitem nicht die beste. Die amerikanische Ärztegesellschaft empfiehlt bei akuten und chronischen Schmerzen, zunächst bevorzugt nicht pharmakologische Methoden einzusetzen ▶ [3]. Das sind z. B. Physiotherapie, Manuelle Therapie, Massage und Thermotherapie (bei akuten Schmerzen meist Kälte, bei chronischen eher Wärme), aber auch Akupunktur, Entspannungsverfahren, Atem- und Bewegungstherapie. Diese nebenwirkungsfreien Methoden haben sich in Studien als durchaus effektiv in der Schmerzbehandlung erwiesen. Gerade bei chronischem Schmerz sind, unabhängig von der ursprünglichen Schmerzursache, auch Psychotherapie sowie die Therapie der schmerzbegleitenden Symptome wie Depression oder Schlafstörung wirksam.
In diesem Zusammenhang werden zunehmend die sogenannten »Body-Mind-Verfahren« wie Yoga und Qigong erfolgreich in der Schmerztherapie eingesetzt.
Wie wirkt Yoga gegen Schmerzen? Um dies in Ansätzen zu verstehen, sollten wir uns zunächst mit den Grundlagen der zwei Systeme aus dem indischen Kulturraum beschäftigen: Yoga und Ayurveda. Zwischen beiden existiert eine starke Verbindung.
