Schmerzfrei leben mit der Egoscue-Methode - Pete Egoscue - E-Book

Schmerzfrei leben mit der Egoscue-Methode E-Book

Pete Egoscue

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Beschreibung

Niemand muss mit Schmerzen leben!

  • Schmerzen sind ein Warnsignal. Wer sie unterdrückt, wird ernsthaft krank.
  • Schmerzen lassen sich nur heilen, wenn man die Ursache beseitigt.
  • Schmerzen hören auf, wenn die Bewegungsmuster neu harmonisiert werden.


Die ganzheitlichen Übungsfolgen von Pete Egoscue geben dem Körper eine neue, schmerzfreie Balance.

Chronische Schmerzen zermürben, isolieren, machen arbeitsunfähig und lassen uns am Leben verzweifeln. Hunderttausende unterziehen sich jedes Jahr gefährlichen Operationen, um ihren Schmerzen zu entkommen - oft vergeblich. Provokativ sagt Pete Egoscue in diesem Buch:

»Niemand muss mit Schmerzen leben - einfache, ganzheitliche Übungen können die Schmerzen lindern und die Beschwerden heilen!«

Die bahnbrechende Egoscue-Methode bietet einen wirksamen Weg, zeitweilig und auch chronisch auftretende Schmerzen zu besiegen. Das von Pete Egoscue entwickelte System besteht aus genau abgestimmten, sanften Dehn- und Bewegungsübungen, die jeder ausführen kann und die den Körper zu seiner natürlichen - schmerzfreien - Haltung und Funktionsweise zurückleiten.

Ein Körper in Harmonie hat keine Schmerzen. Aber es sind die mangelhaften und eingeschränkten Bewegungsmuster, die zu Fehlfunktionen von Gelenken, Muskeln, Bändern und Sehnen führen - mit den bekannten schmerzhaften Folgen.

Dabei ist der Ort, an dem die Schmerzen auftreten, nicht unbedingt auch der Ort, an dem die Schmerzen entstehen.

Mit der Egoscue-Methode können Gelenkentzündungen, Kiefersperre, schwere Migräne, sogar Asthmaanfälle oder Tinnitus und stressbedingte Erkrankungen geheilt werden. Quälende Kopfschmerzen und Nackenversteifungen, Schulter-, Ellenbogen-, Handgelenk-, Hand-, Hüft-, Rücken-, Knie-, Knöchel- und Fußschmerzen werden verblüffend schnell beseitigt - ohne Nebenwirkungen, ohne Medikamente und Kosten. Eine Tatsache, die Tausende von begeisterten Patienten, darunter auch bekannte Spitzensportler, bestätigen.

»Was kann ich gegen die Schmerzen tun?, lautet die tägliche Frage in meiner Sprechstunde. Und auf diese Fragen gibt Pete Egoscue eindeutige Antworten, die funktionieren - und das ist entscheidend.«
Dr. med. Alois Englhard, ehemaliger Mannschaftsarzt eines Fußball-Bundesliga-Clubs

»Mit Pete Egoscues genial einfachem und wirksamem Übungsprogramm in Schmerzfrei leben sind Sie auf dem neuesten Stand der Bewegungstherapie. Ich kann dieses außergewöhnliche Buch jedem, der seine Gesundheit von Grund auf verbessern möchte, nur wärmstens empfehlen.«
Anthony Robbins

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2017

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1. Auflage Juli 2017 Copyright © 1998 by Pete Egoscue Copyright © 2017 by McBride Literary Agency Copyright © 2017 für die deutschsprachige Ausgabe bei Kopp Verlag, Bertha-Benz-Straße 10, D-72108 Rottenburg Titel der amerikanischen Originalausgabe: Pain free – A Revolutionary Method For Stopping Chronic Pain Alle Rechte vorbehalten Übersetzung: Dr. Ina Schicker, Claudia Magiera, Heino Nimritz, München Covergestaltung: Stefanie Huber Lektorat, Satz, Illustrationen und Layout: opus verum, München ISBN E-Book 978-3-86445-493-6 eBook-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

Gerne senden wir Ihnen unser Verlagsverzeichnis Kopp Verlag Bertha-Benz-Straße 10 D-72108 Rottenburg E-Mail: [email protected] Tel.: (07472) 98 06-0 Fax: (07472) 98 06-11Unser Buchprogramm finden Sie auch im Internet unter:www.kopp-verlag.de

Vorbemerkung

Es hat sich eingebürgert, in Büchern, die Heilmethoden und Gesundheitsfragen behandeln, einen rechtlichen Enthaftungshinweis anzubringen. Seit jeher habe ich mich gegen diese Art, die Verantwortung weiterzuschieben, gewandt und empfehle stattdessen dem Leser, dieses Buch zuzuklappen und ungelesen zu lassen, wenn er meint, den Schutz einer enthaftenden Erklärung zu benötigen.

Mein Arbeitsprinzip als Autor und Übungstherapeut ist, dass der Patient die wichtigste Konsultation mit sich selbst ausführen muss. Die eigene Gesundheit beginnt mit der persönlichen Verantwortung. Jeder Hinweis auf eine übergeordnete Instanz ist von schädlichem Einfluss.

Danksagung

Die Aufgabe, eine wirksame Therapie gegen Schmerzen des Muskel- und Knochenapparats zu entwickeln, und die, ein Buch darüber zu schreiben, gleichen sich in zumindest einer Hinsicht – beide erfordern Teamwork. Deshalb will ich an dieser Stelle einige Personen nennen, denen ich besonders danken möchte. Roger Gittines, dessen Name mit dem meinen auf dem Umschlag erscheint, ist auch ein guter Freund. Er musste sich ziemlich ins Zeug legen, um sicherzustellen, dass wir am Ende das zu Papier brachten, was ich sagen wollte.

Unser Lektor bei Bantam Books, Brian Tart, hielt uns auf dem richtigen Kurs. Brian Bradley, der Leiter der Egoscue-Klinik, und Erica Lusk, die Leiterin des Video-Service, erfüllten weit mehr als ihre Pflicht beim Zusammenstellen der Übungen. Auch die übrigen Mitglieder des Klinik-Teams gaben großzügig Hilfestellung.

Nicht zuletzt aber sei all denen gedankt, die den Mut hatten, ihrem eigenen Instinkt und ihren eigenen Körpern zu vertrauen.

Pete Egoscue, San Diego, im Februar 2000

www.egoscue.com

Einleitung

Dieses Buch ist ein Buch über Körper – Körper wie den Ihren und den meinen. Wir unterscheiden uns in Körpergröße, Gewicht und vielleicht Geschlecht. Gemeinsam aber haben wir eins: die Selbstheilungskraft des menschlichen Körpers im Bestreben, schmerzfrei zu leben. Der Titel dieses Buches soll ein Ausdruck meiner Freude darüber sein, dass wir das große Glück haben, diese Fähigkeit zu besitzen. Außerdem will ich hier ein Versprechen abgeben, von dem ich weiß, dass ich es halten kann.

Ein Leben ohne Schmerz erfordert Motivation, persönlichen Einsatz und konsequentes Handeln. Schmerzfreiheit wird nicht frei Haus geliefert. Sie kommt weder aus der Pillendose, noch verdanken wir sie dem Skalpell des Chirurgen, orthopädischen Hilfsmitteln, ergonomischen Matratzen oder Sitzmöbeln. Viele tausend Frauen und Männer, die alljährlich meine Spezialklinik im kalifornischen San Diego aufsuchen, wissen dies oder finden es schnell heraus, und ich kann beobachten, wie sie ihren Lebensstil verändern, wie sie wieder die Freude am Leben und an der Gesundheit entdecken, die sie schon fast verloren glaubten. Sind die Patienten fest entschlossen, sich von (auch langjährigen) chronischen Schmerzen und Beschwerden unterschiedlichster Art zu befreien, dann gelingt es ihnen beinahe ohne Ausnahme recht leicht.

Auf den folgenden Seiten zeige ich Ihnen, wie auch Sie es schaffen. Die Methode kommt ohne Hightech-Medizin und komplizierte physikalische Therapieformen aus. Sie müssen sich weder eine Spezialausrüstung zulegen noch Experten zu Rate ziehen. In den ersten drei Kapiteln erkläre ich, wie der menschliche Körper gebaut ist, damit er seine Gesundheit und Arbeitsleistung ein langes Leben lang erhalten kann. Schmerzphasen sind nämlich Anzeichen für falsche Anforderungen, und sie lassen sich leicht behandeln, wenn man dem Körper nur erlaubt, seine ihm zugedachte Arbeit zu verrichten. Leider jedoch kennen viele von uns nicht einmal die grundlegendsten Eigenschaften und Fähigkeiten dieser genialen »Maschine«.

Diesem Überblick folgen acht Kapitel, von denen jedes eine spezielle Art chronischer Schmerzen behandelt. Vielleicht haben Sie bereits das Inhaltsverzeichnis studiert. Ich stelle die übliche Reihenfolge auf den Kopf und beginne unten: Den Füßen folgen Sprunggelenke, Knie, Hüften, Rücken, Schultern, Ellenbogen, Handgelenke, Hände, Nacken und Kopf. Diese Kapitel sind so aufgebaut, dass sie Ihnen einen schnellen und gründlichen Überblick darüber geben, was im jeweiligen Teil des Körpers vor sich geht, wenn er chronisch wehtut. Nach jeder Übersicht stelle ich eine Reihe von Übungen vor, die sowohl die quälenden lokalen Schmerzen lindern als auch ihre Ursachen beseitigen; Freunde in meiner Klinik kamen darauf, sie kurz E-Übungen für »Egoscue-Übungen« zu nennen, und daran halte ich hier gern zuweilen fest. Diese Übungen sind in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet, leicht durchzuführen und außerordentlich wirksam. Die vielen Abbildungen und genauen Anweisungen sollen Ihnen das Mitmachen erleichtern.

Anschließend folgt ein Kapitel über hartnäckige Beschwerden, die häufig bei beliebten Sportarten und Freizeitaktivitäten auftreten. Das Abschlusskapitel enthält unter anderem eine Folge von Übungen zur Verbesserung des Allgemeinbefindens, die Sie ausführen können, wenn Ihre akuten Schmerzen nachgelassen haben.

Eine kurze »Gebrauchsanleitung«

Sicher, vorschreiben kann ein Autor seinen Lesern nicht, wie sie sein Buch lesen sollen. Trotzdem will ich es riskieren. Denn ich vermute, dass Sie gerade Schmerzen haben oder erst kürzlich welche hatten. Und deswegen möchte ich Ihnen meine »Botschaft« möglichst schnell und leicht vermitteln. Also: Nehmen Sie sich bitte unbedingt Zeit für die ersten drei Kapitel. Sie geben Ihnen wertvolle Hintergrundinformationen darüber, wie durch Mangel an sinnvoller Bewegung chronische Schmerzen entstehen und wie leicht eine Besserung erzielt werden kann. Im Anschluss können Sie die restlichen Kapitel kurz überfliegen; beachten Sie dabei besonders die Kästen und hervorgehobenen Passagen, die in knapper Form die wichtigsten Aspekte zusammenfassen. Erst danach sollten Sie sich wieder dem Kapitel zuwenden, das Ihre persönliche Problemzone behandelt. Ich hoffe zwar, dass Sie mein Buch von A bis Z lesen, weiß aber auch, dass Ihnen zunächst daran liegt, sich von Ihren akuten Schmerzen zu befreien. Wenn ich ein weiteres »Pflichtkapitel« empfehlen darf, so das Kapitel 7: In diesem geht es um die Hüfte. Deren Befindlichkeit ist im Kampf gegen chronische Schmerzen von zentraler Bedeutung.

Ich will noch eine Bemerkung riskieren – als Autor und als Therapeut: Das Lesen dieses Buches allein wird Ihnen nicht viel bringen. Wissen ist gut, Handeln jedoch ungleich besser! Alle in diesem Buch beschriebenen Übungen haben sich zu 95 Prozent als erfolgreich erwiesen. Voraussetzung ist, dass die Patienten sie sowohl in meiner Klinik als auch zu Hause konsequent ausführen. Die Egoscue-Methode besiegt chronische Schmerzen nur deswegen, weil sie die Selbstheilungskräfte der Betroffenen aktiviert. Diese Fähigkeit seines Körpers muss jeder selbst stärken und für sich nutzen. Von den fünf Prozent, die nicht von meiner Methode profitieren, haben die meisten entweder keine Zeit oder keine Lust, selber aktiv zu werden. Sie machen die Übungen nur hin und wieder oder gar nicht.

Ich empfehle Ihnen deshalb sehr, die Übungen regelmäßig durchzuführen. Sie mögen simpel erscheinen, sind indes gezielt auf jene Funktionen des Bewegungsapparats abgestimmt, die durch verschiedenste Faktoren negativ beeinflusst werden. Die Abfolge der Übungen ist so aufgebaut, dass nacheinander jeder Einzelaspekt eines bestimmten chronischen Schmerzsymptoms angesprochen wird. Daher sollten Sie die angegebene sinnvolle Reihenfolge einhalten und nicht unterbrechen, indem Sie sich mehr oder minder beliebig Übungen herauspicken. Aus demselben Grund sollten Sie bei akuten Schmerzen auch nicht irgendwelche Übungen auswählen, von denen Sie sich Linderung versprechen. Halten Sie sich vielmehr genau an die Übungsanleitungen für den Teil des Körpers, der wehtut. Wird eine Übung für eine Körperseite beschrieben, sollten Sie sie stets auf der anderen wiederholen – und zwar auch dann, wenn sie Ihnen auf dieser anderen Seite schwerer fällt oder wenn, was oft der Fall ist, scheinbar kein direkter Zusammenhang mit den Schmerzen besteht.

Kernpunkte meiner Lebensphilosophie sind Planung und Zielsetzung. Hinsichtlich der Gesundheit bewahrheitet sich nur zu oft die alte Erkenntnis: »Wer nicht plant, plant sein Versagen.« Trotzdem treffen viele Menschen, die normalerweise nichts ohne klare Zielsetzungen und ausgeklügelte Strategien unternehmen, in Fragen der Gesundheit weitreichende Entscheidungen, ohne sich genau zu überlegen, was sie wollen, und ohne die Umsetzungsmöglichkeiten und die wahren Kosten zu bedenken.

Neue Patienten frage ich zunächst, was sie von der Behandlung erwarten. Geht es ihnen vorrangig um Schmerzerleichterung, um bessere sportliche Leistungen oder einen erholsamen Nachtschlaf? Die Erwartungen sind vielfältig und individuell. Im Gegenzug erkläre ich, was wir tun können, welche Kosten anfallen werden, wie lange die Behandlung voraussichtlich dauern wird – und welche Mitarbeit vom Patienten erwartet wird. Halte ich meinen Teil der Vereinbarung nicht ein, so erhält der Patient sein Geld zurück. Diese Garantie gilt, und zwar vom ersten Besuch an. Wenn der Patient weiterhin Schmerzen verspürt und sich nach der Behandlung nicht besser fühlt, kostet ihn der gesamte Klinikaufenthalt nichts.

Erinnert Sie dies an ein Verkaufsgespräch bei einem seriösen Fachhändler oder an Verhandlungen über einen wichtigen Geschäftsvertrag? Nun, nichts wäre mir lieber. Bei jedem Anbieter von – schulmedizinischen wie alternativen – Gesundheitsdienstleistungen, der seine Karten nicht offenlegen will, ist höchste Vorsicht geboten. Ärzte und Heilpraktiker dürfen sich nicht hinter Fachwissen und komplizierten wissenschaftlichen Erklärungen verstecken. Stellen Sie als Patient keine konkreten Fragen, so verzichten Sie auf Ihr gutes Recht als mündiger Verbraucher; lassen hingegen wir Mediziner Fragen unbeantwortet, dann arbeiten wir unseriös. Ausflüchte sollten Ihnen immer zu denken geben, egal ob es sich um einen Gebrauchtwagen mit stark abgefahrenen Reifen bei verdächtig niedriger Kilometerzahl oder eine von Fachchinesisch nur so strotzende Diagnose handelt. Je weniger Sie, der Konsument, über ein Produkt wissen, desto weniger dürfen Sie der versprochenen Qualität trauen. Bei Beschwerden des Bewegungsapparats erfüllen übliche Therapieformen vielfach nicht die in sie gesetzten Hoffnungen. Auch deshalb erhalten Patienten selten klare Antworten auf vermeintlich einfache Fragen wie: »Warum habe ich Schmerzen?« Lieber sichern die Gefragten sich mit »vermutlich«, »vielleicht« oder »es ist mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass …« ab. Und falls sie direkt antworten, beispielsweise auf die Frage nach der Ursache von Gelenkschmerzen, wie sie etwa bei Knorpelschwund auftreten, dann weichen sie aus, sobald der Patient nachhakt: »Warum fehlt der Knorpel nur auf der rechten, aber nicht auf der linken Seite?« Diese an sich vollkommen normale Frage nach der Funktionstüchtigkeit, wie man sie beim Kauf eines Geräts dem Verkäufer stellen würde, ist in Gesundheitsbelangen ein unverzichtbares Muss.

Serviceorientierung zum Nutzen des Patienten, darauf basiert meine Arbeit als Therapeut. Denn der »Kunde« weiß am besten, was er will. Da meine Methode Schmerzen rasch lindert, hält sie Patienten zugleich davon ab, etwas zu »kaufen«, was sie eigentlich gar nicht brauchen. Warum sollten Sie beispielsweise eine Operation erwägen oder Medikamente einnehmen, wenn Sie dank der Übungen keinen Schmerz mehr verspüren?

»Weil«, so wird man Ihnen wahrscheinlich sagen, »der Schmerz wiederkommen wird.« Das ist richtig. Er wird wiederkommen. Aber die wesentliche Frage lautet: Weshalb kommt er wieder? Die Antwort bildet die Kernbotschaft der Egoscue-Methode. Solange die Behandlung sich nicht auf die ursächlichen Störungen des Bewegungsapparats konzentriert, kann die Schmerzerleichterung nur vorübergehend sein.

Niemand will und soll einen Menschen leiden lassen, aber den Schmerz kurzzeitig abzuschalten, damit ist nur der erste Schritt getan. Verzichtet man auf den zweiten, dann werden die Muskeln den Knochen weiterhin Bewegungsmuster diktieren, die dem Körper langfristig schaden. Und deshalb wird der chronische Schmerz wiederkehren.

Es lohnt sich für jeden von uns, Zeit und Mühe in einen voll funktionstüchtigen Bewegungsapparat zu investieren. Dies ist kein überflüssiger Luxus, sondern die notwendige Voraussetzung für einen gesunden, kraftvollen Körper – wie jeder ihn haben kann.

Wie ein Golfchampion schmerzfrei wurde

Es ist schon Jahre her, da hatte ich in einer Luxusgolfanlage ein erstes Gespräch mit einem möglichen neuen Patienten. Dieser zählte zu den Teilnehmern des Turniers, das demnächst auf dem Platz ausgetragen werden sollte. Als ich die Stufen zu seinem Apartment hinaufging, öffnete sich die Wohnungstür, und ich sah einen Mann, der sich auf einen jungen Mann, seinen ältesten Sohn, stützte und offensichtlich sehr starke Schmerzen hatte. Er empfing mich mit den Worten: »Es tut mir leid, dass ich Sie den weiten Weg kommen lassen musste. Aber ich bin drauf und dran, meine Meldung zum Turnier zurückzuziehen. Mein Rücken bringt mich schier um.« Ich erwiderte, dass ich eine Absage nicht für nötig hielte, und überredete ihn, mit dieser Entscheidung zu warten, bis er meine Methode getestet habe. Er war zwar sehr skeptisch, aber trotz seiner Schmerzen ein Vorbild an Geduld und Höflichkeit. Am Arm seines Sohnes begab er sich zurück in sein Apartment.

1998 nahm Jack Nicklaus, inzwischen ein guter Freund, zum 42. Mal an den U. S. Open teil. Er ist der älteste Golfer, der sich je für dieses weltbekannte Turnier qualifizieren konnte. Jack ging aktiv gegen seine Schmerzen an, und er tut es noch heute täglich. Und genauso können auch Sie aktiv werden.

Kurz nach unserer ersten Begegnung wurde Jack Nicklaus auf einen Fan aufmerksam, der ihm zu großen Turnieren nachreiste. Der Mann fiel ihm durch starkes Hinken auf. Er schleppte seine Beine förmlich von Loch zu Loch, um den Spielverlauf aus der Nähe beobachten zu können. Jack sprach ihn an und gab ihm meine Telefonnummer.

Gary, so hieß der Mann, kam tatsächlich in meine Klinik. Er hatte vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten und das übliche Rehabilitationsprogramm absolviert. Bei uns in den USA umfasst dieses gewöhnlich eine gewisse Anzahl von krankengymnastischen Therapiestunden. Am Ende, meist nach sechs Wochen, prüft der Arzt die körperlichen und geistigen Fähigkeiten des Patienten, um den Grad der bleibenden Behinderung festzustellen.

Man geht also davon aus, dass der Patient den in seinem Fall möglichen Fortschritt schon zu diesem Zeitpunkt vollbracht hat. Dies klingt ziemlich hart und endgültig. Selbstverständlich ermutigen die Therapeuten ihre Patienten, weiter an sich zu arbeiten, aber sie selbst haben ihre Pflicht getan, und die Behandlung endet an diesem Punkt.

Zurück zu Gary. Er wurde aus dieser Therapie »entlassen«, obwohl sein Gleichgewichtsgefühl noch sehr stark beeinträchtigt war und das Gehen sowie Armbewegungen ihm schwerfielen. Und diese Restfunktionen verschlechterten sich in den folgenden drei Jahren so sehr, dass sein Leben einem Sterben auf Raten glich. Beim ersten Treffen fragte ich Gary, ob er glaube, dass der Schlaganfall ihm einen Gehirnschaden zugefügt hätte. Er zögerte, denn das wäre eine plausible Erklärung für seine schlechte Verfassung gewesen. Ich ermutigte ihn, ehrlich zu antworten, und schließlich sagte er mit Nachdruck, dass er geistig auf der Höhe sei.

»Warum können Sie sich dann nicht bewegen?«, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern. Ich riet Gary, den Schlaganfall zu vergessen und sich auf das aktuelle Problem zu konzentrieren, nämlich die Wiederherstellung seiner Bewegungsfähigkeit. In der Klinik stellten wir für Gary ein Übungsprogramm zusammen: Rückenübungen, Kissenpressen mit den Knien, isoliertes Hüftbewegen – Sie werden all diesen Übungen im Buch begegnen. Garys Gang verbesserte sich rasch. Als ich am zweiten Tag mit Gary sprach, bemerkte ich seine krallenartig verkrampfte Hand, ein typisches Phänomen nach Schlaganfällen.

»Öffnen Sie Ihre Hand«, forderte ich ihn auf.

»Das kann ich schon seit drei Jahren nicht mehr.«

Ich ergriff sanft seinen Arm und führte ihn über den Kopf: »Öffnen Sie jetzt die Hand.« Und siehe da, er schaffte es.

Gary hatte noch viel Arbeit vor sich, aber er wurde aktiv und machte auf diese Weise die »bleibenden« Folgen des Schlaganfalls rückgängig.

Mit dieser Begebenheit und diesem Buch will ich Ihnen Mut machen und aufzeigen: Von vielen jener quälenden Beschwerden, mit denen wir uns »endlich abfinden« sollten, können wir uns befreien, wenn wir uns nicht von Alter, Unfällen und Krankheiten das natürliche Recht des Körpers auf Schmerzfreiheit aus der Hand nehmen lassen.

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Chronischer Schmerz: Die moderne Gefahr, eine alte Warnung zu überhören

Die Ärzte nahmen an, ich sei bewusstlos – nur allzu verständlich auf der Intensivstation eines amerikanischen Sanitätsschiffes voller neu eingelieferter, schwer verletzter Vietnam-Soldaten. Doch ich konnte sie hören bei ihrer Visite am Nachbarlager. Auf diesem lag ein Hauptmann der Armee im Todeskampf, den vor einigen Tagen ein Bauchschuss getroffen hatte. Er konnte nicht sprechen, aber auch nicht schlafen. Nie fand er Ruhe, und so vernahm ich neben mir das unablässige Stöhnen eines Menschen, der sich vor Schmerzen wand, und das Piepsen der Herzüberwachungsgeräte.

Die Ärzte blickten auf die Kartei mit den Krankendaten und untersuchten kurz die schwere Verletzung. Einer fragte: »Glauben Sie, er wird durchkommen?« Ich hörte, wie die Kartei zurück auf den Halter gesteckt wurde. Ich wollte meinen Kopf drehen, um zu erfahren, ob sie über mich sprachen, doch es gelang mir nicht. Da waren zu viele Schläuche, und ich hatte zu starke Schmerzen. Der Gefragte antwortete lapidar: »Entweder wird man gesund, oder man stirbt.«

Ein paar Tage später starb der junge Hauptmann. In den vergangenen drei Jahrzehnten habe ich oft an ihn und die Worte des Arztes gedacht. Die Bemerkung erschütterte mich, und sie erschüttert mich heute noch mit der Kraft einer philosophischen Erkenntnis. Der Arzt hatte erfasst, dass es einen Punkt gibt, an dem sich die moderne medizinische Technologie der inneren Logik des Körpers, seinen Mechanismen und seinem Willen beugen muss. Unabhängig von allem chirurgischen Geschick, allen Antibiotika und Schmerzmitteln heißt es an diesem Punkt: Entweder man wird gesund, oder man stirbt.

Diese Feststellung hat nichts mit Fatalismus zu tun. Vielmehr drückt sich in ihr die Achtung vor der Fähigkeit des menschlichen Körpers aus, sich sein Leben und seine Gesundheit zu erhalten – unabhängig von äußeren Eingriffen, die Technologie und medizinisches Wissen an die Stelle dieser unerschöpflichen Kraft setzen wollen. Beim Anblick des von Schmerzen gepeinigten Vietnam-Soldaten erkannte der Arzt klar seine Grenzen. Sollte ich überleben und vollständig genesen, so beschloss ich in jenem Moment, würde ich nach der Antwort auf die Frage suchen: Warum werden wir entweder gesund oder nicht? Die Selbstheilungskräfte des Organismus, über sie wollte ich so viel wie möglich erfahren. Nun, heute bin ich Physiotherapeut für Sportmedizin. Diesen Beruf wählte ich nicht zuletzt, weil ich ein langwieriges Rehabilitationsprogramm absolvieren musste, um wieder den aktiven Dienst als Marineoffizier antreten zu können. Meine persönliche und berufliche Erfahrung hat mich gelehrt, dass unser Körper nicht bloß das letzte Wort hat, wenn das Leben endgültig endet, sondern im gesamten Leben den Prozess des Gesundbleibens und Heilens steuert.

So wie chronische Schmerzen nach höchstem Stand der Schulmedizin heutzutage behandelt werden, wird diese grundlegende Erkenntnis jedoch häufig ausgeblendet. Eine ganze Industrie ist entstanden, die Hüft- und Kniegelenke ersetzt, Rücken in Stützkorsetts packt, Manschetten verschreibt und den Patienten zuredet, ihre Tabletten ein- und die Dinge leichtzunehmen. Eigentlich müsste die zitierte Bemerkung des Arztes lauten: »Entweder wir machen dich gesund, oder du stirbst.« Über der Allgegenwart der medizinischen Technologie gerät die Selbstheilungskraft des Körpers in Vergessenheit. Und das ist eine Tragödie. Denn letztlich sind Erhalt und Wiederherstellung der Gesundheit nicht möglich, wenn der entscheidende Beitrag des Körpers zu unserem Wohlbefinden ignoriert wird.

Wiederbesinnung auf den Körper

Grundlage dafür, dass der menschliche Körper diesen Beitrag zu leisten vermag, ist die gediegene Funktionalität und Stabilität seiner Bauweise. Das Fundament und den Rahmen bildet der Bewegungsapparat: Muskeln, Gelenke, Knochen und Nerven. Ich schließe die Nerven ein, denn das Nervensystem steht in engster Verbindung mit dem Bewegungsapparat. Das Wechselspiel zwischen all diesen Komponenten ist dermaßen durchdacht, so unendlich komplex und so perfekt zugeschnitten auf Zweck und Material, dass jeder auch noch so gut gemeinte Eingriff zunächst mit gesunder Skepsis betrachtet werden sollte. Trotzdem sind bei chronischen Schmerzen inzwischen auch radikale operative Behandlungsmethoden Standard. Diese Methoden begreifen den naturgegebenen Aufbau des Körpers als technische Herausforderung. Alles ist möglich, oder? Das redet man uns jedenfalls ein.

So wie wir uns dann selbst einreden, dass Gesundheit und Leben nichts damit zu tun haben, wie unser Herz schlägt und sich unsere Lungen mit Luft füllen, nichts damit, wie wir auf unseren beiden Füßen stehen, unsere Hände ausstrecken und unseren Kopf aufrecht tragen.

Wenn dem so ist, weshalb bieten rein technologisch orientierte Therapiemethoden dann keine Befreiung von chronischem Schmerz? Ich glaube, dass sich echte Schmerzfreiheit nur durch ein Rückbesinnen auf den Körper und nicht durch bloßes »Restaurieren« erreichen lässt. Wenn wir uns auf den Aufbau unseres Körpers besinnen und ihm die notwendigen Arbeitsbedingungen verschaffen, können wir etliche Beschwerden und Behinderungen rückgängig machen und vermeiden.

Zum Verständnis meiner Ausführungen in den folgenden Kapiteln will ich Ihnen die wichtigsten anatomischen Grundkenntnisse vermitteln. Dabei liegt mir an Verständlichkeit, angereichert durch in der Praxis gesammelte Erfahrungen. Daher dürfte der Exkurs (hoffentlich) nicht allzu kompliziert und trocken ausfallen.

Schmerzen signalisieren nicht nur, dass wir das Falsche tun. Sie sagen uns auch, dass wir das Richtige nicht tun.

Zunächst müssen wir uns fragen, weshalb der Körper manchmal – bei vielen Menschen auch öfter – Schmerzen einsetzt. Chronischer Schmerz des Bewegungsapparats warnt einem Alarmsignal gleich vor Gefahr. »Hier tut sich etwas«, morst er, »was gefährlich werden könnte!« Unsere Aufgabe ist es dann, dem Problem auf die Schliche zu kommen. Um den Schmerz zu beseitigen, müssen wir die Ursache auffinden.

Als Erstes kommen die Muskeln in Frage, die mit den Gelenken die Knochen in Bewegung setzen. Auf sie konzentriert sich dann die konventionelle Behandlung. Alles läuft darauf hinaus, bestimmte Bewegungen möglichst zu vermeiden oder ganz bewusst zu kontrollieren. Zu guter Letzt hören die Schmerzen auf. Sollten sie jedenfalls, tun sie aber leider oft nicht. Denn chronische Schmerzen sind nun einmal hartnäckig – sie kommen, sie gehen und kommen und gehen … Was sie uns mitteilen wollen, ist offensichtlich völlig verschieden von dem, was wir verstehen wollen.

Was uns fehlt, ist die richtige Art von Bewegung! Warum leben wir? Diese Sinnfrage wird sich die Menschheit immer aufs Neue stellen. Aus Sicht des Bewegungsapparats gibt es nur eine Antwort: Wir leben, um uns zu bewegen! Der Körper ist eine Bewegungsmaschine! Die kräftigen Knochen und starken Muskeln – sie machen 60 Prozent unseres Körpergewichts aus – belegen dies deutlich. Wir mögen hochfliegende Ziele haben, erreichen können wir sie nur durch körperliche Bewegung, indem wir eine Hand über die andere und einen Fuß vor den anderen setzen. Es ist daher höchst unwahrscheinlich, dass der Organismus uns signalisiert, uns weniger oder überhaupt nicht zu bewegen; bei Überlastung würde er uns schlichtweg durch Müdigkeit zur Ruhe auffordern. Warum sollten wir nach drei Millionen Jahren Menschheitsgeschichte mit einem Mal die Bewegungen unserer Knochen und Muskeln einschränken müssen?

Das müssen wir keineswegs. Doch die panische Angst vor Schmerzen und die mangelnde Bereitschaft, auf leisere Botschaften des Körpers zu hören, haben dazu geführt, dass wir genau jene Schutzmechanismen unterdrücken, die uns gesund und schmerzfrei halten würden. Gelten Schäden an Muskeln, Knochen und Gelenken als Schmerzauslöser, so betrachtet man sie zugleich als Ursache der Beschwerden. Doch selbst wenn Körperteile tatsächlich Zeichen von Abnutzung und Verschleiß aufweisen: Die Ursachen der Schmerzen lassen sich nicht durch Gelenkoperationen, Medikamente und andere lokal begrenzte Therapieformen beseitigen. An der Bewegung führt kein Weg vorbei. Bewegung ist für die Funktionsfähigkeit des Körpers und unser allgemeines Wohlbefinden unverzichtbar.

Bewegung als notwendige Reaktion und freie Wahlmöglichkeit

Menschen gehören zu der Minderheit von Lebewesen, die nicht ausschließlich und unmittelbar von den Kräften der Natur fortbewegt werden. Für uns gibt es kein Treiben mit den Gezeiten, kein Gleiten auf Luftströmungen und kein kostenloses Mitreisen auf einem anderen Organismus. Entweder wir setzen uns aus eigener Kraft in Bewegung, oder wir gehen zugrunde. Folglich hat die Natur unseren Fortbewegungsapparat so unverwüstlich und robust gestaltet wie nur irgend möglich. Schildkröten sind mit einem harten Panzer ausgestattet, unter dem sie sich verstecken und geduldig ausharren können; wir besitzen leistungsfähige Muskeln, kräftige Knochen und bewegliche Gelenke, damit wir gehen, laufen, rennen, uns bewegen – und auf diese Weise überleben können. Allerdings machen die Knochen nur, was die Muskeln ihnen auftragen. Die Muskeln wiederum erhalten ihre Befehle über die Nervenverbindungen vom Gehirn. Diese Befehlskette versetzt uns in die Lage, den ersten Schritt hin zu den oben erwähnten höheren Zielen zu unternehmen. Zu Menschen macht uns nicht allein die Tatsache, dass wir uns aus freiem Willen fortbewegen können, und auch nicht der Umstand, dass unser Gehirn auf die Umwelt reagiert. Der Mensch wird nicht nur durch Instinkte gelenkt: Er schätzt ein, wägt ab und wählt aus. Unsere Reaktionen auf äußere Einflüsse machen unseren Körper aktiv und bewegungsfähig. Und je mehr wir uns bewegen, desto beweglicher werden wir.

Von dem Augenblick an, in dem ein menschlicher Embryo in der Gebärmutter zum ersten Mal zappelt, tritt und seine Lage verändert, reagiert er mit Bewegung auf seine Umgebung. Das wird er sein Leben lang tun, solange die Umwelt ihm Reize liefert. Das Gehirn muss also von außen stimuliert werden, wenn es die Muskeln in Bewegung setzen soll. Heute werden Kinder in eine Welt hineingeboren, die ihnen immer weniger Bewegung abverlangt. Der Mangel an Umweltreizen betrifft uns alle, ob jung oder alt. Anders als unsere Vorfahren haben wir die freie Wahl, ob wir uns bewegen wollen – oder eben nicht. Im modernen Leben wird körperliche Bewegung zur freiwilligen Aktivität. Bei Arbeit und Spiel benötigen wir nicht mehr alle zentralen Funktionen unseres Bewegungsapparats. Damit verkehrt sich das naturgegebene Muster in sein Gegenteil: Je weniger wir uns bewegen, desto unbeweglicher werden wir.

Frühwarnsystem: Schmerzlose Symptome erkennen

Schmerz erfüllt vor allem eine Funktion: uns vor Gefahr zu warnen. Chronischer Schmerz ist demnach kein Anzeichen für Gebrechlichkeit oder dafür, dass der Körper den Ansprüchen des Erdendaseins nicht mehr gewachsen ist. Vielmehr warnt er vor akutem Bewegungsmangel. In einer Umgebung, die uns immer weniger Bewegungsanreize liefert, gehen, laufen und benutzen wir insgesamt unseren Bewegungsapparat viel zu wenig. Die Systeme unseres Körpers sind funktionsgestört, denn sie werden nicht mehr durch Bewegung aktiviert.

Wie meine praktische Erfahrung mich gelehrt hat, kennt der Körper andere Mittel als den Schmerz, um uns zu mitzuteilen, dass wir ihn nicht richtig nutzen. Er weiß uns auch ohne Schmerz zu sagen, dass es ihm an Bewegung mangelt: Wir werden träge, steif und verletzungsanfällig. Unsere Knie und Füße drehen sich immer weiter nach außen, unsere Schultern werden rund und die Hüften schief.

Helena beispielsweise kam aus Kanada in meine Klinik. Sie war Rentnerin und litt häufig unter unerklärlichen Gleichgewichtsstörungen. Schon geringfügigste Hindernisse und plötzliche Richtungswechsel beim Gehen konnten sie zu Fall bringen. Immer wieder war sie, etwa beim Aufstehen vom Stuhl oder beim Treppensteigen, gestürzt. Zwar hatte sie bislang keine schweren Verletzungen, sondern nur ein paar blaue Flecken und Kratzer davongetragen, doch wollte sie der Sache auf den Grund gehen. War das Gleichgewichtsorgan des Innenohrs gestört? War das nachlassende Sehvermögen die Ursache? Oder einfach altersbedingte Gebrechlichkeit? Im Gespräch erzählte Helena mir, dass ihre Hobbys Lesen und Theaterbesuche waren, recht inaktive Formen des Zeitvertreibs also.

Auf diese Weise hatte Helena Tausende von Stunden sitzend in der Gesellschaft ihrer Lieblingsautoren und – schauspieler verbracht. Durch diese nahezu vollständige Bewegungsabstinenz waren die Muskeln, die für das Gleichgewicht benötigt werden, einfach nicht mehr stark genug für die ihnen zugedachte Aufgabe. Helena konnte nicht mehr ohne Probleme geradeaus gehen und war unbewusst dazu übergegangen, sich beim Gehen an Wänden und Möbeln abzustützen. Zudem tat ihr der Rücken weh. Bereits nach der ersten Therapiestunde in der Klinik, in der wir ihre Haltungs- und Gehmuskulatur durch gezielte Bewegung stimuliert hatten, konnte Helena wieder geradlinig gehen. Auch ihre Rückenschmerzen ließen nach.

Funktionsstörung, was ist das?

Lassen Sie mich den Begriff Funktionsstörung mithilfe eines Beispiels erklären: Zu den Aufgaben des Halses zählt es, Kopfdrehungen nach links und rechts im 180-Grad-Winkel zu ermöglichen. Sind Routinebewegungen wie diese nur eingeschränkt oder gar nicht möglich, spreche ich von Funktionsstörungen.

Die drei »W« der Egoscue-Methode

Wiederbesinnung auf den KörperWiederherstellung der FunktionenWiedergewinnung der Gesundheit

Durch Symptome macht der Körper uns nachhaltig auf Funktionsstörungen und Krankheiten aufmerksam, und wenn wir diese Zeichen verstehen, können wir auch Korrekturen vornehmen. Selbstbeobachtung ist die älteste Form der Gesundheitsvorsorge, denn vor drei Millionen Jahren gab es nun einmal noch keine ausgebildeten Ärzte.

Leider missachten wir allzu oft die Botschaften unseres Körpers. Wir übergehen sie mit Aufputsch- und Schmerzmitteln, mit Therapien und Operationen im Bestreben, den Körper an künstlich vom Menschen geschaffene Handlungsabläufe anzupassen.

Ich war 22 Jahre jung, als ich erstmals schweren Schmerzen ausgeliefert war. Topfit war ich gewesen, hatte in den Sommerferien als Landarbeiter gejobbt, an der Uni Football gespielt und ein Marine-Kampftraining absolviert. Urplötzlich, nachdem ein Fremder den Abzug gedrückt hatte, war ich kein junger Mann in Bestform mehr, sondern ein von unablässigen Schmerzen geplagter, behinderter Mensch. Ich war nicht mehr derselbe, das sah und spürte ich deutlich. Beim Blick in den Spiegel erinnerte ich mich daran, wie ich noch vor Kurzem gegangen war, aufrecht gestanden und andere ganz banale Tätigkeiten ausgeführt hatte. Nun gab ich schon bei den Versuchen, wie etwa die Schnürsenkel zu binden, ein sonderbares Bild ab. Nichts lief wie früher. Mein Körper bewegte sich anders, als hätte er sein Programm verändert. Doch in meinem Kopf waren die alten Bewegungsmuster noch lebhaft gegenwärtig, und ich steckte mir ihre volle Aktivierung zum Ziel. Während ich diesem Schritt für Schritt näherkam, begriff ich, dass der Körper nach einem Standardschema gestaltet ist und dass Abweichungen von diesem Schema die Ursache von Schmerzen und Bewegungseinschränkungen sind.

Diese Erkenntnis fand ich zunächst bei anderen verletzten Marinesoldaten bestätigt und nun seit Jahren bei den schmerzgeplagten Menschen, die enttäuscht von Medikamenten und Operationen meine Klinik aufsuchen. Für all diese Betroffenen und auch für Sie besteht der erste Schritt zur Schmerzfreiheit darin, sich wieder auf die natürlichen Bewegungsmuster zu besinnen.

Perfektes Design: Die menschliche Wirbelsäule

Muskeln, Gelenke, Knochen und Nerven – sie sind die Hauptbestandteile des Bewegungsapparats. Hinzu kommen harte und weiche Gewebestrukturen sowie – wie bei Knorpel, Sehnen und Bändern – Material, das sowohl weich als auch hart, porös und doch widerstandsfähig, nachgiebig wie fest ist. Bis zu diesem Punkt könnte meine Beschreibung auch auf einen Fisch, einen Vogel oder irgendein anderes Wirbeltier zutreffen.

Was den menschlichen Körper auszeichnet, ergibt sich aus der speziellen Anordnung der Muskeln, Gelenke, Knochen und Nerven. Wie unsere Verwandten unter den Wirbeltieren sind wir Menschen mit einer zentralen Wirbelsäule ausgestattet. Allerdings hat diese, und darin unterscheiden wir uns (mit den großen Affen) vom Rest der Familie, die Form eines langgestreckten S. Diese Besonderheit ermöglicht uns, aufrecht auf zwei Füßen zu stehen und die Wirbelsäule in der Bewegung mitzuführen. Ob wir uns nach vorn oder hinten beugen, nach links oder rechts drehen, uns recken, strecken, schlendern oder tanzen, die elegante S-Form ist an all diesen Bewegungen in alle denkbaren Richtungen beteiligt.

Dieser S-Bogen bildet das Kernstück einer ausgeklügelten Konstruktion, die auf parallel angeordneten, vertikalen und horizontalen Linien basiert. Die Linien schneiden sich rechtwinklig an acht Gelenken, die ich als gewichtstragende Gelenke bezeichne.

An jeder Seite des Körpers besitzen wir vier von diesen Gelenken: Schulter, Hüfte, Knie und Knöchel.

Versuchen Sie, sich ein Skelett mit einem integrierten Gerüst aus senk- und waagerechten Verstrebungen vorzustellen. Arme, Brustkorb, Beckengürtel und Beine sind an dieser perfekt ausbalancierten Grundstruktur befestigt, die, wenn man sie seitlich aus einem leichten Winkel betrachtet, ein dreidimensionales Koordinatengitter mit der S-Kurve im Zentrum darstellt (siehe Abb. rechts).

Dieses stabile Skelettgerüst könnte auch ein äußerst fachkundiger Monteur aufgestellt haben. Nur eine kleine Veränderung, und das Werk würde aus dem Gleichgewicht geraten und einstürzen. Ohne parallele Zwischenebenen wäre die Konstruktion höchst wackelig und ein Schutzhelm vonnöten. Der Monteur benutzt Klammern, um die Verbindungsteile so zu befestigen, dass die rechten Winkel eingehalten werden. Bei unserem Körper sind es die Bänder oder Ligamente, starke Bindegewebestränge, die über die Gelenke hinweg Knochen miteinander verbinden. Aber im Unterschied zum Gerüst reicht es nicht, den Körper aufzustellen; er muss sich auch geschmeidig vorwärts, rückwärts, diagonal und seitwärts bewegen können – und dies aus allen möglichen Positionen und Bewegungsabläufen heraus.

Bewegung hält gesund: Die Muskulatur

An dieser Stelle treten die Muskeln auf den Plan. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Knochen in Bewegung zu versetzen. Bestimmte Muskeln bewegen bestimmte Knochen, indem sie sich entweder zusammenziehen oder entspannen. Diese Aufgabe erfüllen sie im Rahmen des auf parallelen Linien und rechten Winkeln beruhenden Aufbaus unseres Knochengerüsts, und zwar in Reaktion auf äußere Anreize. Das Nervensystem nimmt die Reize auf, verarbeitet sie und leitet sie weiter. Wenn Sie beispielsweise auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen guten Freund entdecken, heben Sie unverzüglich die Hand und winken. Hier löst ein Reiz die entsprechende Reaktion aus: Würden Sie den Freund nicht sehen, würden Sie nicht winken. Und würden Sie gar allein auf einer einsamen Insel stranden, dann würden Sie diese Geste wohl nie wieder ausführen. Genau wie die dafür benötigten Muskeln würde am Ende sogar Ihre Erinnerung an sie schwinden.

Die Funktionen unseres Bewegungsapparats lassen sich nur durch ständigen Einsatz erhalten. Also: Wer rastet, der rostet!

Die Bedeutung der äußeren Anreize für den Bewegungsapparat und auch die anderen Systeme unseres Körpers können wir gar nicht hoch genug einschätzen. Die Nerven treiben die Muskeln nämlich nur dann dazu an, die Knochen zu bewegen, wenn es einen triftigen Grund dafür gibt. Einer der ältesten Gründe – und dennoch aktuell wie Ihre letzte Mahlzeit – ist ein knurrender Magen. Verspürten die Steinzeitmenschen Hunger, begaben sie sich auf Nahrungssuche. Dabei mussten sie Hügel auf und ab laufen, vor Raubtieren fliehen und auf Bäume klettern, um Früchte zu pflücken. In Erwiderung auf den andauernden äußeren Anreiz, das Stillen des Hungers, entwickelte ihr Bewegungsapparat eine Reihe notwendiger Fähigkeiten. Um Beute schneller nachsetzen zu können, lernten die Menschen spurten, um Obst zu ernten, auf Bäume klettern.

»Der Mensch ist, was er isst«, sagt ein altes Sprichwort. Besser müsste es heißen: »Der Mensch ist, was er tut, um zu essen.«

Stand Säbelzahntiger auf dem Speisezettel, mussten die Steinzeitmenschen sich heimlich anpirschen, listig, schnell und stark sein. Von Urzeiten an bis ins 20. Jahrhundert hinein fand sich der Mensch in einer Umgebung, die ihn intensiv zur Bewegung anregte. Die Welt war gespickt mit Hindernissen, mit wilden Tieren, Waldbränden, sich auftürmenden Bergen, blutrünstigen Feinden, weglosen Wüsten und tiefen Gewässern. Angesichts dessen entwickelten unsere Vorfahren eine Vielzahl verschiedener biomechanischer (und biochemischer) Reaktionen, die sie an die folgenden Generationen weitergaben. Der Bewegungsapparat des heutigen Menschen ist ein Ergebnis der unaufhörlichen Stimulierung einer herausfordernden Umwelt. Dieser verdanken wir unsere (voll funktionstüchtige) äußere Erscheinung, den Aufbau unserer Muskeln und Knochen. Wir leben mit einem »alten« Körper in einer völlig veränderten Welt, doch deswegen ist unser Bewegungsapparat keineswegs morsch oder überflüssig. Im Gegenteil, er hat einen drei Millionen Jahre dauernden Härtetest heil überstanden.

Gleichwohl sehe ich überall Menschen mit einem mehr oder minder funktionsgestörten Bewegungsapparat. Sind dessen Achsen nicht parallel ausgerichtet, gerät das oben beschriebene Skelettgerüst aus dem Lot. Es ist nicht mehr tragfähig und sackt in sich zusammen. Dann sind Kopf, Schultern, Hüften, Knie und Knöchel, die sich eigentlich in ausgewogenem Zusammenspiel auf jeweils gleicher Ebene bewegen sollten, nach vorn geneigt, verdreht, links oder rechts hochgezogen, haben einen Drall zur Seite oder in die verkehrte Richtung (siehe Abb. unten).

Während Muskeln und Knochen so vergebens gegen die Schwerkraft ankämpfen, wird die natürliche S-Form der Wirbelsäule verdreht, verzogen und gestaucht, bis sie eher einem I, einem auf den Kopf gestellten J oder einem C ähnelt, denen die natürliche Krümmung im Lenden-, Brust- und Halsbereich fehlt. Diese Verformungen sind das Problem, nach dem wir in meiner Klinik suchen – und wir werden immer fündig.

Eine Krankheit namens Zivilisation

In den USA leiden ungefähr 35 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen des Bewegungsapparats, und zwei von drei Erwachsenen waren mindestens einmal von starken Rückenschmerzen befallen. In anderen Industrienationen ist die Situation nicht weniger alarmierend.

Der menschliche Körper ist erstaunlich anpassungsfähig. Um als Art zu überleben, hat der Homo sapiens sich körperlich mit Erfolg seiner Umwelt angepasst. Unter welchen Bedingungen die Entwicklung zum Menschen vor sich gegangen ist, darüber diskutieren Wissenschaftler noch heute. Lassen Sie mich eines meiner – zugegeben unwissenschaftlichen – Lieblingsbeweisstücke anführen: Michelangelos in Florenz zu bewundernder David. In dieser berühmten Statue aus reinweißem Marmor manifestieren sich Jahrtausende der Bewegung. Wenn die Körperformen und Muskeln der Skulptur lebenden Modellen des Künstlers ähneln, dann erlauben sie Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen, denen der Mensch in der langen Ära vor dem 15. Jahrhundert ausgesetzt war. Die raue Umwelt von David und seinen Vorfahren hatte den Körper des Jünglings zu einer Waffe geformt, die den Riesen Goliath zu töten vermochte. Die Figur erscheint nahezu göttlich und stellt doch »nur« ein menschliches Abbild dar.

Unterscheiden sichKompensationsmuskeln von anderen Muskeln?

Nein, es besteht kein physiologischer Unterschied. Der Ersatzmuskel hat zwar eine eigene Bestimmung, wird aber für einen anderen Zweck benutzt, selbst wenn er für diesen nicht geschaffen ist. Sekundäre und periphere Nachbarmuskeln sind die üblichen Ersatzkandidaten, wennHauptmuskeln wegen Inaktivität ausscheiden.

Mit dem geschwungenen Rücken, den kraftvollen Schultern, Hüften und Oberschenkeln hat das Renaissancegenie Michelangelo das Überlebensrezept unserer Spezies festgehalten: Der Mensch ist anpassungsfähig. Durch Bewegung werden wir stark, geschickt und klug.

Davids Bizeps spiegelt das Ergebnis der Anpassung an eine Umwelt wider, in der Hirtenjungen in der Lage sein mussten, zum Schutz der Herde Steine mit tödlicher Kraft und Genauigkeit nach Raubtieren zu werfen. Und somit sind auch die Funktionsstörungen des Bewegungsapparats, unter denen wir heute leiden, eine Folge der Anpassung an unsere Lebensumstände. Weil uns die Umwelt gewisse biomechanische Reaktionen nicht mehr abverlangt, werden im »Programm« des Bewegungsapparats die betreffenden Funktionen gelöscht und durch andere ersetzt.

Wie der Mikrobiologe Rene Dubos in dem 1968 erschienenen Buch So Human an Animal ausführt, sind derartige Anpassungsprozesse nicht immer und dauerhaft von Vorteil. Vielmehr zeitigen sie häufig pathologische Spätfolgen und erweisen sich so im Verlauf eines Menschenlebens als Fehlschlag. Kriminalität, Gewalt, Stress und viele andere »Zivilisationkrankheiten«, so Dubos weiter, seien Auswirkungen der Anpassung an Umweltfaktoren. Schon vor fünfzig Jahren verwies Dubos damit auf das gestörte Zusammenspiel zwischen der Menschheit und den sie formenden Kräften der Natur. Anscheinend gut angepasst an seine moderne Umgebung, sieht sich der Mensch mit schwerwiegenden schädlichen Folgewirkungen konfrontiert.

Im Fall des Bewegungsapparats vollzieht sich der Übergang vom gesunden zum krankhaften Zustand in zwei Phasen. Zunächst legt der Körper Funktionen still, die nicht mehr gefordert werden. In den Jahrmillionen ihrer Entwicklung hat die Menschheit immer wieder Zeiten der Not und des Mangels erlebt und überlebt, indem sie sozusagen Ballast abwarf. Überflüssiges, gleich welcher Art, bedeutete eine Bedrohung für das Überleben, eine unnötige Verschwendung wertvoller Ressourcen. Aus diesem Grunde verlieren Muskeln, die nicht regelmäßig aktiviert werden, an Masse, bis sie wieder zum Einsatz kommen.

Der ersten folgt zwangsläufig die zweite, rein adaptive Phase: Ab und zu müssen selbst die bewegungsfaulsten Männer, Frauen und Kinder laufen, Treppen steigen, sich bücken oder einen schweren Gegenstand heben. Da er um die Aufgabe nicht umhinkommt, die dafür vorgesehenen Muskeln jedoch untauglich geworden sind, »leiht« sich der Körper Muskeln, die normalerweise nur peripher an dieser Bewegung beteiligt sind. Um unausweichlichen Anforderungen genügen und überleben zu können, greift er zu Methoden der Anpassung und Improvisation. Es sind also drei Faktoren, die einander folgenschwer beeinflussen:

1 Reiz

2 Anpassung

3 Improvisation

Müssen sogenannte periphere Muskeln als Leiharbeiter herhalten und die Aufgabe der eigentlich zuständigen Muskeln verrichten, dann gerät der natürliche Funktionsablauf aus den Fugen und die auf horizontalen und vertikalen Richtachsen beruhende Statik des Körpers aus dem Lot.

Periphere Muskeln sind nicht in der Lage, außer den eigenen, dauerhaft die Arbeiten der Hauptmuskeln auszuführen. Vielmehr tragen sie im Lauf der Zeit Schaden davon und werden in ihren eigenen Funktionen beeinträchtigt. Auf diese Weise bewirken Funktionsstörungen weitere Funktionsstörungen. Um die betroffenen Knochen irgendwie zu bewegen, versucht der Körper immer neue »Kompensationsmuskeln« zu finden und zu kombinieren.

Ich habe viele Patienten erlebt, die sich mithilfe der oberen Rückenmuskulatur bücken und zum Gehen die Bauchmuskulatur einsetzen. Sie möchten wissen, wie das möglich ist? Carla, eine zierliche junge Frau, konnte es. Als ich sie bat, einmal tief einzuatmen, bewegte sich ihr Oberbauch so gut wie nicht. Ihre Bauchmuskeln waren völlig verkrampft, und beim Gehen schwang ihr linker Arm kaum mit. Dies sind zwei typische Anzeichen für Funktionsstörungen im Hüft- und oberen Rückenbereich. Bauchmuskeln dienen als Stabilisatoren der Wirbelsäule, seitliche Rumpf-, Dreh- und sekundäre Haltungsmuskeln. Carla aber mussten sie Hilfestellung beim Anheben und Schwingen der Beine leisten. Um die Schwäche der fehlbeanspruchten Bauch- und Hüftmuskulatur auszugleichen, zogen sich die Muskeln des oberen Rückens zusammen.

Es ist wie bei einem Haus: Gerät das Fundament ins Wanken, versuchen die oberen Stockwerke einander abzustützen. Wenn Sie einmal darauf achten, werden Sie bemerken, dass Carlas Bewegungsmuster für Menschen mit einem verspannten oberen Rücken kennzeichnend ist: Beim Gehen und Laufen schwingt ein Arm kaum oder gar nicht mit. Beim Bücken wiederum verrichtet der obere Rücken den Großteil der Arbeit. Die funktionsgestörten Hüften und der untere Rücken machen die Vor- und Abwärtsbewegung nur begrenzt mit. Carla glich dies aus, indem sie das obere Rumpfdrittel vorwärts knickte. Ihre Knie waren vom Tragen des Körpergewichts gebeugt.

Sie sehen also, dass man sich sehr wohl mithilfe eines Rundrückens bücken und mittels der Bauchmuskeln laufen kann. Ich denke, der Körper toleriert es in Notfällen und Ausnahmesituationen. Und er nimmt es auch hin, dass wichtige Partien der Skelettmuskulatur aus Gründen wie Verletzungen, Krankheit und Ruhigstellung schwinden. Allerdings sollten solche Umstände nicht von Dauer sein, und die Umgebung sollte zu abwechslungsreicher körperlicher Bewegung motivieren. Denn Funktionsstörungen können ein Leben lang zu Schmerzen und Behinderungen führen.

Über die beidseitige Symmetrie unseres Körpers

Wie wir gesehen haben, sind durch moderne Lebensumstände bedingte Funktionsstörungen kein Indiz für Mängel des Körperbaus und naturgegebenen Verschleiß. Schmerzen und Funktionsstörungen sind nicht der Preis, den wir schicksalsergeben für das Älterwerden zahlen müssen oder dafür, dass wir joggen, den Golfschläger schwingen und diesen oder jenen Beruf ausüben. Nein, unser Körper folgt lediglich streng der Logik seiner genetisch festgelegten Bewegungsmuster. Und gegen diese Logik verstoßen wir, indem wir im Alltag die natürlichen Grundanforderungen des Körpers missachten, um später an ihm herumdoktern zu lassen.

Ein natürlicher Gesetzeskodex regelt das Zusammenspiel unseres Bewegungsapparats, aller Organe, Knochen und Muskeln. Wir können diese Gesetze nicht bestimmen, sondern nur versuchen, sie zu verstehen und zu befolgen. Diese Aussage mag simpel anmuten, erweist sich jedoch als radikal gegenüber der Ansicht, die moderne Medizin könne unserem Bewegungsapparat seine Funktionsweise vorschreiben. Wir brauchen keinen verbesserten, neuen Bewegungsapparat. Unser guter, alter Körper würde bestens funktionieren – wenn man ihn nur ließe!

Menschen haben zwei Beine, Fahrräder zwei Räder. Warum? Wegen der Balance!

Die Konstruktion des menschlichen Bewegungsapparats ist tadellos. Angeborene und erbliche Defekte kommen viel zu selten vor, um als Ursache dafür herzuhalten, dass das Leiden an chronischen Schmerzen geradezu epidemische Ausmaße angenommen hat. »Das habe ich von Geburt an«, »So bin ich nun einmal beschaffen«, wer das sagt, könnte mit wenigen Ausnahmen genauso gut behaupten: »Mein Körper braucht keinen Sauerstoff«, oder »Die Schwerkraft hat auf mich keinen Einfluss.« Unser Körper verlangt nach umfassender Stimulation und Reaktion unter Beachtung seiner parallelen Grundausrichtung an der senk- und waagerechten Achse. Nur auf eigene Gefahr können wir diese Voraussetzung für eine optimale Körperfunktion ebenso wie die auf Symmetrie und Harmonie bedachte Natur unseres Körpers missachten.

Die bereits erwähnten acht gewichtstragenden Gelenke sind in vier Paaren symmetrisch auf die linke und rechte Körperseite verteilt. Beide Seiten sind in gleichem Maße und auf dieselbe Weise am Tragen des Körpergewichts sowie dem Ausüben von Bein-, Schulter-, Armbewegungen und weiteren Funktionen beteiligt. Spielen die acht gewichtstragenden Gelenke nicht richtig zusammen, so kann man dies nicht kurzerhand als angeborenen Haltungsschaden abtun. Vielmehr haben Kompensationsmuskeln die betreffenden Knochen und Gelenke aus ihrer korrekten Position gebracht. Selbst wenn dies keine Schmerzen verursacht, zeugt es von Funktionsstörungen, die das natürliche Bewegungsmuster des Körpers hemmen. Das funktionsgestörte Gelenk beeinträchtigt den gesamten Bewegungsapparat. Sich in eine aufrechte Position zu bringen und diese beizubehalten, das ist eine schwierige Aufgabe, die den Körper vom Scheitel bis zur Sohle beansprucht. Deshalb kann der abgetretene Absatz Ihres rechten Schuhs, während der des linken noch wie neu aussieht, mit Ihrem steifen Nacken genauso viel zu tun haben wie mit Ihren schmerzenden Füßen. Der Zustand des Schuhs ist ebenso ein Symptom wie der Schmerz.

Schiefe Haltung? Chronischer Schmerz!

Eine hochgezogene rechte Schulter, eine verdrehte linke Hüfte bedeuten eineFunktionsstörung – schon allein deswegen, weil die rechte genauso aussehen und sich genauso bewegen sollte wie die linke Schulter. Schließlich tun beide dasselbe. Gleiches gilt für Hüften, Knie und Knöchel. Alle Körperteile bewegen sich einträchtig, ob nach oben und unten oder nach links und rechts.

Das ist eine gute Nachricht, denn ein abgelaufener Absatz ist ungleich leichter zu ersetzen als eine abgenutzte Bandscheibe. Wir können also Abhilfe schaffen, bevor der Schmerz uns Hilfe suchen lässt bei konventionellen und teuren Therapien, die letztendlich der Ursache nicht beikommen. Dieses Buch steckt voller guter Nachrichten. Die beste davon: Ihr Körper selbst verhilft Ihnen zu Ihrem natürlichen Recht auf Schmerzfreiheit.

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Unser Körper: Erstklassiges Design, drittklassige Behandlung

Die mit Abstand meisten Fallbeispiele dieses Buches handeln von Menschen, die ihr Recht auf ein schmerzfreies Leben haben einklagen können. Alexander hatte dieses Glück nicht. Seine Krankengeschichte ist eine Geschichte des Leidens. Sie begann damit, dass ihm lediglich das Handgelenk wehtat. Ich ziehe es vor, sie Ihnen zu erzählen, statt mich seitenlang darüber auszulassen, weshalb manche Entwicklung des modernen Lebens unsere Gesundheit ernsthaft gefährden kann.

Therapien können krank machen

Alexander hat sich nach einer erfolgreichen Football-Karriere vom Profisport zurückgezogen, um sich seiner Familie zu widmen und ein Geschäft aufzubauen. Schon als aktiver Sportler hatte er gelegentlich unser Zentrum wegen geringfügiger Verletzungen und zum Konditionstraining aufgesucht. Ich hatte ihn ein paar Jahre nicht gesehen, da tauchte eines Tages sein Name auf meiner Patientenliste auf. Ich ging nicht von einem ernsten Anlass aus, sondern nahm an, dass Alexander mir mal wieder einen Besuch abstatten wollte. Als Alexander – inzwischen Anfang fünfzig und ein genauso gewiefter Geschäftsmann wie Footballspieler – mit einem großen Umschlag unter dem Arm mein Sprechzimmer betrat, witzelte ich: »Wie ich Sie kenne, wollen Sie mir etwas verkaufen.«

Alexander schüttelte den Kopf: »Nein, ich will nichts verkaufen.« Er ließ den Umschlag auf meinen Schreibtisch fallen. Dabei bemerkte ich, dass sein rechtes Handgelenk fest bandagiert und geschient war. »Würde es Ihnen etwas ausmachen, sich einmal diese Röntgenaufnahmen anzusehen?«, fragte er. »Ich möchte gern Ihre Meinung hören.«

Ich öffnete das Kuvert und hielt das erste Röntgenbild gegen das Licht. Nanu? Ungläubig schloss ich die Augen und riss sie sogleich wieder auf, bemüht, meinen Blick zu schärfen. Erstaunt wandte ich mich zu Alexander: »Was ist mit Ihrer Elle? Da fehlen gut fünf Zentimeter!«

Alexander nickte und erzählte. Es begann damit, dass sein rechtes Handgelenk leicht schmerzte und etwas steif wurde, aber das war nicht weiter schlimm. Eines Tages dann, Anfang Dezember des Vorjahres, spielte er Golf. Die Runde lief gut, bis er den Ball in einen Sandbunker setzte. Als Alexander den Ball mit dem Sand-Wedge herausschlagen wollte, verspürte er einen unerträglichen Schmerz im rechten Handgelenk. Er ging unverzüglich zum Arzt. Nach einer Reihe von Untersuchungen sagte man ihm, dass die Elle, der kleinere der beiden vom Ellbogen zum Handgelenk führenden Unterarmknochen, geschädigt und eine operative Korrektur nötig sei.

»Mein Arzt meinte, man könne die Sache schnell in Ordnung bringen«, berichtete Alexander. »Schlimmstenfalls«, sagte er, »müsste ein Stückchen Knochen entfernt werden.« Doch schon beim Erwachen aus der Narkose schwante Alexander Böses. Bei der ersten Visite erfuhr er, dass der Knochen weit stärker geschädigt gewesen sei als angenommen und man deshalb ein beträchtliches Stück habe herausschneiden müssen.

Ich sah mir das Röntgenbild noch einmal an. Etwa fünf Zentimeter oberhalb der Stelle, wo sie mit der Speiche zusammenlaufen sollte, endete die Elle. Alle Sehnen, die ihm bei der Operation in die Quere kamen, hatte der Chirurg anderswo befestigt. Und damit die verstümmelte Elle, die sich normalerweise einträchtig mit der Speiche bewegt, nicht abgleiten konnte, hatte er sie mit verpflanzten Bändern an der Speiche fixiert.

Die beiden Kondylen oder Gelenkhöcker (die der beweglichen Verbindung dienenden knubbeligen Enden der Knochen) von Speiche und Elle bilden zusammen den oberen Part des Handgelenks; der untere Teil besteht aus den acht Handwurzelknochen, die ein komplizierter Verbund von Sehnen und Bändern zusammenhält.

Durch das Entfernen des Gelenkhöckers der Elle war Alexanders Handgelenk um etwa ein Drittel seiner Substanz beraubt worden und an der Außenseite dauerhaft destabilisiert. Wie sich diese Verstümmelung auf die Handwurzelknochen auswirken würde, das wussten die Götter. Und den Hindernisparcours eben dieser Handwurzelknochen mussten die wiederbefestigten Sehnen meistern, wollten sie Daumen und Finger mit Muskelkraft versorgen. Würden sie sich je auf den Funktionswechsel von Muskelanspannung und – entspannung einstellen können?

»Was genau hat man eigentlich bei Ihnen diagnostiziert?«, fragte ich vorsichtig. Bislang hatte ich keine Hinweise auf eine bösartige Krankheit und eine entsprechende Nachbehandlung erkennen können.

»Irgendeine Knochenkrankheit«, antwortete Alexander mit deprimiertem Schulterzucken, aber auch einer Prise Sarkasmus.

Plötzlich entdeckte ich die »Krankheit«: Es war Alexanders rechte Schulter! Die Verdrehung der Schulter nach vorn und unten verlagerte den Ellbogen nach hinten und beeinträchtigte damit die Handgelenksfunktionen. Offenkundiges Opfer von Alexanders Fehlhaltung war die rechte Elle. Hätte man die Schulter durch gezieltes Training korrekt ausgerichtet, hätte man sicherlich den Knochen entlasten und den Schmerz vertreiben können. Ich verordnete Alexander ein Übungsprogramm, das binnen kurzem die Schwellung und die postoperativen Schmerzen beseitigte. Ich glaube, dass Alexander einen großen Teil seiner Handgelenksfunktionen zurückerlangen kann. Aber dafür muss er viel tun. Andernfalls wird sein Handgelenk vorrangig als dekoratives Verbindungsstück von Hand und Unterarm dienen.

Alexanders Beispiel belegt, was Hightech-Schmerztherapie anrichten kann. Man hat eine chirurgische Methode angewendet, die für extreme Fälle traumatischer Gelenk- und Knochenverletzungen entwickelt wurde, also beispielsweise für Unfallopfer mit schweren Muskel- und Knochenquetschungen. Alexander hatte aber bloß einen Golfball geschlagen und nicht sein Handgelenk unter einer Dampfwalze zerquetscht. Dass ein Arzt einem Patienten, der lediglich unter akuten Schmerzen des Handgelenks leidet, mir nichts, dir nichts das Gelenk völlig neu zusammenbaut, zeigt deutlich das Dilemma der modernen Heilkunst. Wie sehr haben wir uns doch von den modernen technischen Möglichkeiten und Verfahren beeindrucken lassen, dass wir dermaßen leichtfertig die robustesten und wichtigsten Körpermechanismen aufs Spiel setzen.

Medizinische Techniken, die früher als riskant und experimentell galten, sind zur Routine geworden, weil wir zu oft unseren Anspruch auf bestmögliche Behandlung geltend machen. Uns stehen immer mehr Verfahren zur Wahl, die man noch vor wenigen Jahren nur sehr zurückhaltend und nur in den schlimmsten Fällen angewendet hätte. Wie bei einem außer Kontrolle geratenen Wettrüsten werden immer schwerere Geschütze auf das Schlachtfeld gerollt, um immer läppischere Scharmützel zu gewinnen.

Mit unserem Technologiewahn, unserem Übermaß an Bequemlichkeit und unserem kurzsichtigen Gesundheitsverständnis, das dem Unterdrücken von Schmerz höchste Priorität einräumt, haben wir uns in eine heikle Krisensituation manövriert. Eine der stärksten Wirbeltierspezies läuft Gefahr, zu einer der schwächsten zu werden. Vielen schädlichen Einflüssen ausgesetzt, ist der menschliche Körper in seiner Überlebensfähigkeit stark bedroht.

Schmerz: Die Alarmanlage des Körpers

Stellen Sie sich Schmerz als Alarmanlage des Körpers vor. Macht man sich an Knie, Schulter, Handgelenk oder anderen Körperpartien unsanft zu schaffen, schrillt sie heulend los. Das ist in der Tat eine wirksame Methode, die Ihre Gelenke sowie die zugehörigen Muskeln und Nerven vor weiterem Schaden bewahren hilft. Der Schmerz ist nicht nur Wächter, sondern auch Terminator. Er befiehlt uns, alles liegen und stehen zu lassen, um das Problem zu beheben – und zwar sofort!

Wo aber eine Alarmanlage den Besitzer zur Verteidigung seines wertvollen Eigentums herbeieilen lässt, hat die moderne Medizin sich darauf kapriziert, die Warnrufe, die Schmerzreaktion, zu unterdrücken. Derweil geht der Dieb ungehört weiter seinem Werk nach. Im Fall unseres Bewegungsapparats besteht seine Beute aus Kraft, Beweglichkeit, Gewandtheit, Selbstvertrauen und Lebensfreude. Da also der heimliche Diebstahl nicht wehtut, wen kümmert er? Und außerdem: An Knieschmerzen ist noch niemand gestorben, oder? Falsch! Der Tod kommt, wenngleich nicht auf der Stelle. Das »schlimme« Knie macht sich sukzessive bemerkbar, macht Schritt für Schritt unbeweglicher und zeitigt schwerwiegende körperliche Folgen, die auf Alter, Geschlecht, Gene oder irgendeine Krankheit geschoben werden. Weil die eigentliche Ursache der schließlich heftigen Beschwerden nicht mehr klar erkennbar ist, beschränkt sich die Behandlung wiederum darauf, den Schmerz im Knie auszuschalten.

Auf die Plätze, fertig los!

Sobald der Körper den Befehl zum Loslaufen erhält, führt er sich mehr Sauerstoff zu. Dabei geschieht Folgendes: Das Zwerchfell – der unterhalb der Lungen zwischen Brust- und Bauchhöhle quer verlaufende und im erschlafften Zustand kuppelförmig gewölbte Muskel – zieht sich zusammen und bewegt sich abwärts, wobei der Druck in der Lunge absinkt. Dadurch wird ähnlich einem Blasebalg Luft in die Lungen gesogen.

Wenn sich das Zwerchfell wieder entspannt und in seine Ausgangsposition zurückkehrt, wird Kohlendioxid (beim Erwachsenen im Schnitt zwanzig bis vierzig Liter pro Stunde) ausgeatmet. Unterdessen beschleunigt das Herz die Schlagfrequenz; diese Reaktion steht in Zusammenhang mit dem durch die Muskelarbeit bewirkten Druckabfall in der Brusthöhle und der veränderten Blutzusammensetzung (Anstieg der Kohlensäuremoleküle).

Durch die erhöhte Pumpleistung kann das frisch mit Sauerstoff angereicherte Blut schnell zu den schwer arbeitenden Muskeln zirkulieren.

Die unvermeidlichen Konsequenzen, nämlich dauerhafte Einschränkung der Gelenkfunktion, gravierende Körperbehinderung oder gar Tod, treten wahrscheinlich erst Jahre später ein und werden daher bei der aktuellen Therapie nicht berücksichtigt. Diese Einstellung rührt zum großen Teil daher, dass man Gelenke für simple oder doch zumindest weniger komplizierte Gebilde hält als die wichtigen inneren Organe. Vielen Komponenten des Bewegungsapparats begegnen wir im Alltag in Form von banalen Scharnieren, Kugellagern, Hebeln und Flaschenzügen. Deshalb scheint es nur recht und billig, dass man an ihnen herumbastelt. Das tut der Mechaniker in der Autowerkstatt um die Ecke schließlich auch. Dies wäre eine absolut vernünftige Sichtweise – wenn der menschliche Körper vom Montageband käme. Da dem aber nicht so ist, müssen wir schleunigst aufhören, den Bewegungsapparat wie einen Patienten dritter Klasse zu behandeln.

Gelenke sind genauso kompliziert und genauso einfach konstruiert wie eine Niere.

Der Konstruktion eines jeden Gelenks samt der zugehörigen Muskulatur liegt eine spezielle Logik und Zielsetzung zugrunde. Die moderne Medizin ist findig, gewiss. Doch sie ist nicht findig genug, um den etwa 3,2 Millionen Jahre alten menschlichen Bewegungsapparat durch ein Modell des 21. Jahrhunderts ersetzen zu können. Gleichwohl versuchen intelligente Männer und Frauen in Anbetracht der täuschend einfachen Struktur von Schulter, Hüfte, Knie und Knöchel zu operieren, was keiner Operation bedarf. Durch solche Eingriffe bewirkte Funktionsminderungen werden hingenommen als Preis, den Schmerzfreiheit nun einmal kostet.

Wer mit dieser Philosophie an Organe wie Herz und Leber herangeht, kommt weder als Mediziner noch als Patient recht weit. Im Fall des Bewegungsapparats jedoch geht man davon aus, dass die Funktionen (Gehen, Dehnen, Drehen, Neigen) für den allgemeinen Gesundheitszustand von sekundärer Bedeutung sind und sich durch vergleichsweise einfache Reparaturen fast gänzlich wiederherstellen lassen.

Doch »fast« ist nicht genug. Denn es steht zu viel auf dem Spiel. Stark vereinfacht betrachtet, arbeitet der Bewegungsapparat wie ein Blasebalg. Diese Ähnlichkeit wird beim Laufen besonders offensichtlich. Um den ersten Schritt zu tun, streckt sich das vordere, ausgreifende Bein. Bereits dieser nahezu unbewusste Akt stellt mehr dar als eine isolierte, auf Hüfte, Knie und Fuß beschränkte Leistung der Muskulatur: Dutzende von Muskeln, quergestreifte (dem Willen unterliegende) wie glatte (nicht dem Willen unterworfene), sind an der biomechanischen und biochemischen Meisterleistung des Laufens beteiligt. Überzeugen Sie sich selbst, und machen Sie ein paar schnelle Laufschritte. Fast unverzüglich atmen Sie schneller, und Ihre Lungen füllen sich mit Luft. Was haben die Schenkel mit den Lungen zu tun? Viel, wenn es um die Fortbewegung geht.

Jedes System unseres Körpers kommt in Schwung – durch Bewegung!

Dieser Bewegungsablauf beginnt mit irgendeinem Ansporn, der Ihnen Beine macht, und setzt sich in einer langen Folge zusammenhängender Reaktionen fort, zu denen Änderungen der Kontraktionsfrequenz der größeren Muskelgruppen, der Dicke der Gelenkknorpel, der Hauttemperatur und Drüsenaktivität zählen. Das heißt, ein Reiz leitet die Bewegung ein, die wiederum eine Kaskade von Folgereaktionen auslöst. Auf diese Weise beeinflusst Bewegung sogar solche Körpersysteme, die nicht unmittelbar am Transport von Punkt A nach Punkt B teilnehmen. Somit ist an jedem einzelnen Laufschritt der gesamte Organismus beteiligt.

Schädliche Drehungen

Die meisten Gelenke arbeiten wie Hebel oder Scharniere. Sie öffnen und schließen, indem sie zwei Knochen aufeinander zu oder voneinander fort bewegen. Dabei kommt es stets auch zu einer leichten Drehung. Die einzelnen Komponenten des Gelenks bewegen sich gegeneinander und ermöglichen damit Wachstum und Flexibilität (nach oben und unten, vor und zurück, von Seite zu Seite). Nimmt die Drehbewegung überhand, nimmt das Gelenk ernsthaft Schaden.

Wer dem Bewegungsapparat lediglich die Aufgabe der Körperhaltung und Fortbewegung zuschreibt, erkennt seine wichtige Bedeutung für Atmung, Kreislauf und Stoffwechsel nicht an. Sagt ein Mann mittleren Alters: »Ich erledige immer weniger zu Fuß, weil mir die Knie wehtun«, wird er meist mit dem Rat abgespeist, auf seine schlanke Linie zu achten.

Doch Diät genügt nicht. Bei zu wenig Bewegung schalten Teile des Organismus auf Sparflamme, was auch die inneren Systeme und Organe zusehends beeinträchtigt und schwächt. Der Gesundheitszustand des Mannes wird sich allmählich verschlechtern. Den Schmerzen im Knie werden Appetitlosigkeit, Magenschmerzen und Schlaflosigkeit folgen, ebenso wieSchwindel, Bluthochdruck und so weiter. Diese Beschwerden sind alle Auswirkungen eines schweren Bewegungsmangels!

Gesundheit beginnt von innen

Kevin, von Beruf Immobilienmakler, hat die meiste Zeit seines Lebens im Sitzen verbracht: anfangs im Klassenzimmer, später am Schreibtisch im Büro, in weichen Autositzen und im gemütlichen Lehnsessel vor dem Fernseher. Kein Wunder, dass seine für das Gehen entwickelte Hauptmuskulatur an Leistungsfähigkeit verloren hat. Nachdem diese Muskeln oft stundenlang bewegungslos verharren mussten, haben sie sich zu einem großen Teil abgebaut, während der Körper seine Energie auf andere Bereiche verlagert hat.

Vollkommen kann Kevin Bewegung allerdings nicht vermeiden, denn gelegentlich muss er Besprechungszimmer anderer Abteilungen und mittags die Kantine aufsuchen. Diese kurzen täglichen Gänge genügen den Bedürfnissen seines Bewegungsapparats natürlich bei weitem nicht. Vom Bewegungsmangel ist insbesondere Kevins Quadrizeps betroffen, die große Muskelgruppe an der Vorderseite des Oberschenkels.

Normalerweise würde der starke Quadrizeps das Knie stabilisieren, dessen Funktionswinkel von 90 Grad garantieren sowie die Hüfte positionieren. Nun aber wird seine Schwäche dem Kniegelenk dadurch zum Verhängnis, dass es zur Außenrotation kommt.

Das Knie driftet mit jeder Belastung etwas weiter aus der natürlichen Gerade von Hüfte und Knöchel ab. Als Folge dieser Fehlhaltung wird Kevin irgendwann unter chronischen Knieschmerzen leiden. Wahrscheinlich wird er die Schuld auf das Joggen schieben, das er in jungen Jahren betrieben hat. Doch nicht dies ist die Ursache, sondern Bewegungsmangel.

Ziemlich sicher wird Kevin später auch über Schwindelanfälle klagen. Denn Unterforderung lässt nicht nur die wichtigen Haltungsmuskeln verkümmern: Sie mindert die Leistungsfähigkeit aller Muskeln und organischen Gewebe. Somit beeinträchtigt lebenslanges Sitzen außer den Funktionen des Bewegungsapparats sogar die Atmung.

Durch ungenügende äußere Bewegungsanreize büßt das Zwerchfell – der kuppelförmige, quer zwischen Brust- und Bauchhöhle verlaufende Muskel – allmählich Flexibilität und Muskelkraft ein, ja verliert irgendwann sogar die Erinnerung an ursprüngliche Funktionsweisen. Die Kraftlosigkeit des Zwerchfells steht in direktem Verhältnis zu jener des Quadrizeps. Andere (darunter für Bewegung von Armen, Kopf und Wirbelsäule zuständige) Muskeln des Rumpfes müssen, obwohl dafür schlecht geeignet, die Aufgabe des Zwerchfells übernehmen und Sauerstoff in die Lungen pumpen.

Verkürzen sichunterbeanspruchte Muskeln?

Muskeln behalten immer ihre Gesamtlänge bei. Ihre Fasern können sich zwar zusammenziehen und entspannen, die Muskeln sich jedoch nicht selbstständig dehnen und schrumpfen. Bei Unterbeanspruchung werden allmählich immer mehr Muskelfasern von der Arbeit ausgeschlossen. Dieser Prozess beginnt meist an den äußersten Muskelenden und setzt sich zur Mitte hin fort, was schließlich den Eindruck einer Muskelverkürzung erweckt.

Bewegung und Gesundheit

Die in den folgenden Kapiteln vorgestellten Übungen zielen darauf, das richtige natürlicheBewegungsmuster chronisch schmerzender Gelenke wiederherzustellen. Das allgemeine Konditionsprogramm in Kapitel 13 aktiviert den gesamten Körper und bringt ihn so in Hochform, dass Schmerz keine Chance hat.

Vom Sauerstoff, den der Körper aufnimmt, sind etwa 40 Prozent dem Gehirn vorbehalten. Kevins Gehirn lechzt infolge der verminderten Zufuhr regelrecht nach Sauerstoff. Wegen der zentralen Bedeutung des Gehirns zweigt der Körper Sauerstoff nun von weniger wichtigen Organen ab. Dabei durchforstet er jeden Winkel, von der Muskulatur bis zur Produktionsstätte der weißen Blutkörperchen im Knochenmark, vom Nervensystem bis hin zum Verdauungstrakt. Währenddessen macht sich chronischer Schmerz bemerkbar. Bei Sauerstoffmangel können Muskeln, Gelenke und alle anderen Körpersysteme nicht richtig funktionieren, mag man sie auch noch so sehr mit Medikamenten und chirurgischen Eingriffen traktieren.

20 Minuten für die Gesundheit

Sie werden sich inzwischen gefragt haben, wie viel Bewegung notwendig ist, um gesund zu bleiben. Dies ist natürlich von Mensch zu Mensch verschieden und abhängig vom individuellen Gesundheitszustand. Normalerweise ergibt sich der Bedarf aus der beruflichen Tätigkeit und den anderen körperlichen Aktivitäten, denen man regelmäßig nachgeht. Effizient wie unser Körper arbeitet, muss überraschend wenig Zeit investiert werden: Bei einem gesunden, durchschnittlich aktiven Erwachsenen genügen täglich 20 Minuten ausgewogenes Training, um den Bewegungsapparat dauerhaft gesund und bei Kräften zu halten. Extrem bewegungsarme Stubenhocker müssten eine Stunde oder länger trainieren, doch dies ist eine hypothetische Aussage, denn ohne eine geänderte Lebensführung mit zumindest mäßiger körperlicher Tätigkeit lässt sich die Leistungskraft nicht wiedergewinnen.

Wer sich an das Übungsprogramm macht, wird merken, dass mit Rückkehr der gesunden Funktionen von Muskeln und Skelett das Verlangen nach Aktivität zunimmt. Wir müssen unsere Klinikpatienten anfangs stets etwas in Zaum halten, damit sie sich nicht überfordern. Die Freude darüber, wieder fast vergessene Bewegungen ausführen zu können, lässt sie ein Selbstvertrauen und eine Energie entwickeln, die sie sehr motivieren. Schon nach drei Monaten kurzen täglichen Trainings stabilisieren sich die meisten Patienten so weit, dass ein körperlich aktiverer Lebensstil möglich wird.

Macht hartes Training Sinn?

Weder Bodybuilding an Kraftmaschinen noch schweißtreibendes Konditionstraining können verlorene Funktionsmuster wiederbringen. Diese Einsicht zählt zu den wichtigsten, die wir unseren Klinikpatienten vermitteln. Es würde dem langjährigen Stubenhocker Kevin wenig nützen, alle Treppen der Welt zu besteigen. Denn sein unterbeschäftigter