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Am Tag vor Weihnachten lässt Nora Schmidt ihren langjährigen Freund und Verlobten mit allen Geschenken unterm Weihnachtsbaum sitzen und fährt vom Ruhrpott zurück in Mutterns Schoss nach Berlin. Drei Tage später bricht sie mit einem anderen Kerl gen Barcelona auf, der ihr dort verkündet, von jetzt an nur noch sie und das ungemachte Kind zu lieben, dass er ihr in den folgenden Nächten versucht, in den Bauch zu schieben. Drei Wochen später stellt er fest, dass Nora doch nicht die Frau seiner Kinder werden kann, weil er sie einfach nicht doll genug liebt. Mit zweifach gebrochenem Herzen und dem festen Vorsatz, dreibuchstabige Männer nicht mal mehr auf Armlänge an sich heranzulassen, weil die nur Unheil bedeuten, verkriecht sich Nora auf der anderen Seite des Erdballs, nämlich in Südafrika, um dort erneut von einem Abenteuer in die nächste Katastrophe zu tapsen, manchmal blind vor Naivität, immer mit einer gehörigen Portion Mut und Gottvertrauen ausgestattet. Noras Leben und ihre Männergeschichten gleichen einem Stakkato, welches erst innehalten wird, wenn sie dem richtigen Mann gegenüber steht, der sie bändigen kann.
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Seitenzahl: 189
Veröffentlichungsjahr: 2013
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NurSchmidt
Schmidt happens
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Strammer Max
Christstollen-Jim
Rhabarberschorle Prelude
Rhabarberschorlen-Ole
Macho-Rodeo-Jür
Döner-Sul
Drum prüfe wer sich ewig bindet, ob er nicht einen Ösi findet
Sport ist Mord
Fast Fasten
Die Sache mit dem Argentinier
Neue Medien
Arschbacken
Epilog
Danksagung
Impressum
Kapitel 1
für Henry
schreiben
um zu leben
wärefastsoarg
wieleben
umzuschreiben
aberetwas
nochschreiben
umesdann
dirzeigen zukönnen
könnteeinem
fastdochnoch
lebenhelfen
Strammer Max
Der Duden sagt: Max, Strammer: ugs.: Spiegelei und Schinken auf Brot
Das Leben sagt: Max, Strammer (a la Schmidt): angekokelter Toast mit gesalzener Butter, Salami, Käse, viel davon, 2 Eier, das Weiße hart, das Gelbe flüssig, aber nicht zu flüssig, karzinomerregende Rosmarinchampignons, die leicht nach Sperma riechen, vermutlich sind die zu alt, waren auch schon ein wenig matschig.
Sechs Kilogramm schwerer als drei Jahre zuvor, immerhin 10 kg leichter als zwei Jahre zuvor. Dazwischen liegen viele Stramme Maxe, einige andere Ess- und ungleich mehr Unessbarkeiten. Als Beigabe viele Tränen, glücklicherweise jedoch mehr Gelächter als Tränen. Zum Nachtisch gönnte ich mir und die eine oder andere drei- oder mehrbuchstabige Schweinerei, gern auch in menschlicher, vorzugsweise in männlicher Form.
Ich kaue an meinem Toast rum, schaue gedankenverloren aus dem Fenster und denke darüber nach, was meine Freundin Melánie mir gestern geschrieben hat. Melánie legt viel Wert auf die Betonung auf dem „a“ in ihrem Namen, und ich wundere mich immer wieder. Wenn man nur ein „a“ im Namen hat, muss man das dann so betonen? Ich habe auch nur ein „a“. Ein einzelnes. Ich heiße Nora. Nora Schmidt. Mein „a“ ist klein und niedlich und wichtig. Sonst hieße ich „Nor“ und das ist eher ein bescheuerter Name. Klingt wie „Nur“ und das wäre dann sehr arabisch. Mit meinen blonden Locken und meinen ausladenden Hüften würde ich den arabischen Mädchen und Frauen den Garaus machen, den Herren aber den Kopf verdrehen. Wie viele Kamele bekommt man für so eine blonde Lockenhexe mit ausladenden Hüften? Das muss ich gleich mal googlen. Da ich nicht so viele Komplexe habe wie Melánie, muss ich mein „a“ nicht betonen. Nur lieb haben. Und das habe ich. Ich liebe mein „a“ und bin total glücklich damit.
Warum also war Melánie so gram mit mir? Ich hatte ihr ein Buch empfohlen, welches, als ich es las, noch ein Geheimtipp war. Mittlerweile ist es wohl laut namhafter Magazine ein Bestseller. Diese Magazine, das soll an dieser Stelle erwähnt sein, lese ich meistens heimlich, unter der Bettdecke, mit gezückter Taschenlampe. Warum all diese Heimlichkeit? Ich möchte mich nicht als klassische Zielgruppe für Modemagazine und Kosmetikprodukte, Klatsch und Tratsch über die Reichen und Schönen oder Reisetipps in die neuen In-Metropolen outen. Allerdings kann ich Ihnen, lieber Leser und liebe Leserin, ja so unter uns gestehen: ich bin ein Fan all dieser Magazine! Ich reise die verzauberten Routen der Toskana nach, ich lese die Geheimtipps der Redaktion, ich habe die neusten Kosmetikprodukte im Bad und in meinem Kühlschrank stehen neben allerlei probiotischen Joghurts auch die leckersten Säfte. Gekrönt wird das alles von Schokolade, denn auch die Konfiserie-Abteilung schläft nicht. Ich bin also die klassische Zielgruppe für GRAZIA, GALA und FREUNDIN. Das macht aber nichts, denn ich rauche nicht und gönne mir nur dieses eine Laster. Dann aber richtig; wenn schon lasterhaft, dann gleich drei Zeitungen auf einmal.
In einem dieser literarischen Geheimtipps jedenfalls geht es im Wesentlichen um eine Frau, die ein Jahr lang außer Fressen, Beten und Vögeln nichts weiter im Sinn hat. Ich für meinen Teil war hin und weg von dem Thema, der Schreibe und dem Inhalt des Buches. Melánie nicht.
Warum empfiehlt man ein Buch weiter? In meinem bzw. in Melánies Fall lag der Sachverhalt so: ich fand, sie müsse mal etwas ändern in ihrem Leben. Dieser entsagungsvolle Zug um ihren Mund, diese graue fahle Haut, dieses Nicht-Erkennen-Können wie alt sie ist (Gott, und wenn mich einer fragen würde: „wie alt ist denn eigentlich die Melánie“, dann könnte ich die Frage nicht einmal zufriedenstellend beantworten. Ich weiß es einfach nicht. Und man sieht es ihr ja auch nicht an. Ist das denn eigentlich so schlimm, wenn man nicht weiß, wie alt seine Freunde sind? Ich habe es auch mit den Geburtstagen nicht so genau, ich gratuliere gern mal ein paar Tage zu spät oder aber gern auch einen ganzen Monat zu früh, dennoch nicht weniger von Herzen.)
Melánie sah das offensichtlich anders. Sie fand sich toll, attraktiv und in ihrem Leben alles richtig. Nachdem sie 40 Seiten ausführlichster Darstellung über die italienische Sprache und das super leckere Essen über sich hatte ergehen lassen, schickte sie mir eine SMS: „Das war wohl nichts, Frau SchmiDT. Wo sind die Dialoge und das Gefummel?“
Eigentlich wollte sie mich damit treffen. Tut sie aber nicht.
Ich knabbere weiterhin an meinem Toast, schiebe mir gedankenverloren weitere drei Bissen in den Mund und stelle fest, dass diese blöden kleinen Körner, mit denen der gesunde Charakter des Brotes angezeigt werden soll, sich schon wieder in meiner Zahnlücke festgesetzt haben. Natürlich, wieder ganz hinten. Ein weiterer Bissen von den spermazoiden Pilzen und ich denke, dass Melánie vielleicht in ihrem Leben nur eines ändern sollte. Sie sollte ihre Freunde wechseln. Oder sich mal richtig durchbürsten lassen. Oder aufbrechenzu neuen Ufern. So wie ich es getan habe, damals, vor drei Jahren, als ich heulend unterm Weihnachtsbaum hockte...
Christstollen-Jim
Lasst uns froh und munter sein, und uns recht von Herzen freu'n!
Kinderlied, gern zum Besten gegeben während der Vorweihnachtszeit
23. Dezember
Wikipedia.de sagt: Weihnachten, auch (heiliges) Christfest, Heilige(r) Christ oder Weihnacht genannt, ist das Fest der Geburt Jesu Christi.
Das Leben fragt: Was kann man schon erwarten von einem Fest, welches als zentrale Symbolfigur einen älteren, stark übergewichtigen, unrasierten Mann in einem knallrot-tuntigen Outfit mit weißer Pelzbordüre verherrlicht, der permanent mit kleinen Kindern auf dem Schoss herumsitzt? Auf jeden Fall nichts Gutes.
„Nora.“
„Hm.“
„Soll ich dir ein wenig Zeit geben? Brauchst du ein paar Stunden für dich?“
Jim schaute mich erwartungsvoll von der Seite an. Seit sechs Jahren teilten wir uns eine Wohnung, gemeinsame Vorstellungen, Lachen, Tränen, Freunde. Fünfeinhalb Jahren davon trafen wir uns auch mehr oder weniger regelmäßig in der Mitte des Betts. Was genau zwischen uns passiert war, dass erst der Sex aufhörte und dann die Liebe ging, kann ich gar nicht sagen.
Jim schaute mich noch immer an. Sein Atmen wurde lauter und zerriss die Stille des Wintertages, der draußen vor der Windschutzscheibe tanzte. Wollte ich das? Brauchte ich Zeit für mich? Ich brauchte. Und ich wollte. Aber ich wollte nicht nur ein paar Stunden.
Ich wollte mehr. Klassisches Kleine-Schwester-Syndrom. Kleine Schwestern geben sich nie mit dem zufrieden, was man ihnen anbietet, sondern wollen gleich mehr als das. Ich wollte auch mehr. Nur was? Nun, vielleicht sollte ich mit den kleinen Schritten beginnen und mal formulieren, was ich nicht wollte. Ich wollte diesen Mann nie wieder sehen, nie wieder mit ihm Tisch und Bett und Stuhl und Wohnung teilen.
„Jim, ich denke, ich brauche mehr als ein paar Stunden“, hörte ich mich sagen und Tränen rannen über mein Gesicht. Wir wussten beide, was das hieß.
Aus meinem Mund kamen Worte wie: ,,Aber es liegt nicht an dir, es liegt an mir" und ich musste Jim nicht anschauen, um zu wissen, dass er wusste, dass das gelogen war.
„Wenn du mir jetzt an den Kopf wirfst, dass wir auch Freunde bleiben können, dann schreie ich und schmeiße mich vors Auto.“ Jim starrte geradeaus, aber ich sah einen letzten Funken Humor bei ihm aufflammen. Galgenhumor?
Ich hatte Jim schon fluchen gehört, er drohte mir auch manchmal. Dass er mich verlässt zum Beispiel – oder meinen Anteil vom von mir über alles geliebten Rhabarberkuchen isst, wenn ich ihm nicht sofort die Fernbedienung gäbe. In diesem Moment jedoch wusste ich, dass er es ernst meinte. Ich schluckte also den Satz, den ich auf den Lippen trug, wieder die Kehle runter und starrte auf die Schneeflocken, die sich nach ihrem lustigen Tanz auf der Windschutzscheibe niederließen und dort zerflossen.
„Schau nur, wie schön!“, flüsterte ich und ich hoffte fast, dass er mich nicht gehört hatte. Jim konnte allerdings zuhören, wenn es darauf ankam und so drehte in Zeitlupengeschwindigkeit seinen Kopf weg von mir und Richtung Windschutzscheibe. Für einen kurzen Moment verband uns der Anblick dieses kleinen Glücks und wir waren wieder eins. Jedoch war dieser Moment so schnell vorbei, wie ein Wimpernschlag lang ist, und dauerte doch so lange, wie ein Schmetterling braucht, ehe er sich auf einer Blüte niederlässt.
„Mal wieder typisch du. Typisch SchmiDT. Wir trennen uns und du, du zeigst mir die Vergänglichkeit des Lebens, indem du mich auf eine Schneeflocke hinweist. Eine bescheuerte Schneeflocke.“ Er stieg aus dem Auto aus, knallte die Tür hinter sich zu und stapfte die Stufen zum Eingang unseres Hotels hoch. Dabei machte er diese bescheuerte Geste, die man bei Menschen sieht, die durch den Regen eilen. Er zog seinen Kopf zwischen die Schultern, als ob er dadurch durch den Regen (in diesem Fall Schnee) hindurch tauchen könnte. Leider konnte er nicht. Er war klitschnass, als er im Hotelzimmer ankam. Langsam und traurig schleppte ich mich hinterher. Stumm tauschten wir Blicke und packten unsere Taschen. All die Wäsche, die ich am Tag zuvor in diesem kleinen Drecksloch, welches andere Menschen Hotel nannten, irgendwo im Ruhrgebiet, auf dem Fußboden verteilt hatte. All die Geschenke, die für seine Familie gedacht waren. All die Hoffnung und die Träume, die auf jede Reise mit durften, wurden wieder zusammengepackt und in den Tiefen des Koffers verstaut.
Heulend fuhr mich Jim zum Bahnhof. Dass er durch den Tränenschleier überhaupt was sah, war ein kleines Wunder und imponierte mir in diesem kurzen Augenblick. So sehr hatte er nicht mal auf der Beerdigung seines Vaters Jahre zuvor geweint.
Die Schneeflocken fingen mit ihrem weißkalten Spiel wieder an und ich klammerte mich am Türgriff des Autos fest. Ich hatte Angst. Angst davor, dass Jim zerbrechen würde. Angst davor, dass er den Wagen nicht mehr unter Kontrolle halten könne. Angst vor dem, was kommen würde. Ich meine, morgen war Weihnachten – was ist nur mit mir los?
Jim liefen die Tränen über das Gesicht, aber er brachte kein Wort heraus. Ich starrte stumm nach vorn. Schweigen war immerhin besser als Beschuldigungen oder Schimpftiraden, denn ich musste nichts erwidern. Trotzdem schmerzte es, und ich konnte mich nicht entscheiden, ob diese Stille mehr schmerzte, als jede Anklage es geschafft hätte. Sein Schweigen ging mir zwar tief unter die Haut, es trieb mir aber keinen Stachel ins Herz, so wie es einige seiner Vorwürfe in vorhergehenden Auseinandersetzungen getan hatten.
Am Bahnhof gab er mir, weiterhin wortlos, meinen Koffer und drehte sich schnell um. Mit quietschenden Reifen drehte er den Wagen und fuhr davon. Aus meinem Blickfeld, aus meinem Leben.
Im Film setzt jetzt Musik ein, ein Streichorchester spielt auf, und die tragische Heldin sitzt auf ihrem Koffer und von irgendwo bekommt sie einen Kaffee gereicht, lächelnd versteht sich, und eine Taube gurrt zu ihren Füßen und sie weiß, alles wird gut.
Und ich? Keine Musik, kein Kaffee; kein Streichorchester, keine Tauben.
Ich setzte mich erst einmal auf meinen Koffer, starrte in das Schneetreiben und ließ die Flocken auf meiner Haut tanzen. Sie zerplatzen auf meinen Locken, auf meinen Wimpern, auf meiner Stirn. Sie drangen in meine Seele und ich atmete aus und ein, ein und aus, befreiend und beklemmend zugleich. Eine gefühlte Ewigkeit saß ich dort in der Kälte auf dem Bahnhofsvorplatz – und atmete – und lebte.
Irgendwann schaffte ich es, mich aufzuraffen, um mir meinen Kaffee selber zu holen – das Leben ist offensichtlich kein Spielfilm – suchte meine Zugverbindung nach Berlin heraus und begab mich zum Bahnsteig. Stumm und starr haftete mein Blick auf der gegenüberliegenden Wand. Die Werbung für Stützstrümpfe kann ich nach der langen Wartezeit noch heute von meinem inneren Auge abrufen und die Telefonnummer hatte ich für den Ernstfall natürlich ebenfalls gespeichert. Man weiß ja nie, wann man das noch mal braucht. Gibt es etwas Alberneres, als Werbung für Stützstrümpfe?
Erst als ich im Zug saß, flennte ich drauflos. Ich versuchte mich abzulenken und in die Zimmer der vorbeirauschenden Wohnungen zu schielen. Leider gewann der Zug an Fahrt und alles, was ich wahrnahm, waren die beleuchteten Balkone. Hin und wieder gewann ein Detail meine Aufmerksamkeit, ein Schlitten auf dem Gehweg, von behandschuhter Kinderhand geführt. Eine Frau, die das Geschenk ihres Liebsten auspackt. Ein studentischer Weihnachtsmann, der sich auf den Weg zur Bescherung macht. Eigentlich war mir all das egal, denn ich fühlte mich leer und grausam. Dieses Weihnachtsgedusel kotzte mich an, all die fröhlichen Gesichter, die Erwartungen, die Wünsche, die eh nicht erfüllt werden würden. All meine Vorurteile über Weihnachten zogen Hand in Hand mit meiner Beziehung zu Jim an mir vorüber.
Ich dachte an all die schönen Momente: wie wir uns kennenlernten, tanzend auf einem Volksfest, wir tanzten den Schmuseblues und uns war der Takt egal, Hauptsache Wange an Wange. Ich dachte daran, wie attraktiv ich ihn fand, einige Jahre älter und im Leben stehend, ich war am Anfang meiner beruflichen Laufbahn und Jim schon mittendrin. Sein Humor steckte an und wir haben Abende lachend auf dem Boden verbracht. Ich mochte diese keckernden, manchmal fast schadenfrohen Laute, die er von sich gab und mit denen er oft genug andere Menschen zum Mitlachen animierte. Im Laufe der Jahre merkte ich aber, dass sein Lachen oft leider nur über seine Unsicherheit hinweg täuschte.
Mir kamen unsere gemeinsamen Urlaube und die Leichtigkeit, mit der wir die Tage verbrachten, in den Sinn. Ich dachte an die Selbstsicherheit, die von ihm ausging, wenn er keinen Druck verspürte und einfach nur in den Tag leben durfte. An seine Großzügigkeit, wenn er keinen Erwartungen ausgesetzt war außer der, dass er das Essen bezahlen würde.
Wenn all das so schön und leicht und herrlich war, warum brauchte ich dann Zeit für mich, auf einmal, nach sechs Jahren Beziehung?
All diese tollen, liebenswerten Eigenschaften versteckten sich im Alltagsgrau unterm Küchenschrank. Ich bekam sie selten bis nie zu Gesicht und da ich mich (blöd, wie ich damals war und dabei noch dachte, das Richtige zu tun) an- und ausschalten ließ wie die Sportschau und nie laut wurde, um Jim daran zu erinnern, dass es mich in seinem Leben gab, befasste er sich lieber mit der Fernbedienung oder mit dem Joystick seiner PlayStation als mit mir.
Nach einem heftigen Start in die Beziehung waren Tage und Nächte gleich, es gab kein Hell und kein Dunkel, kein Kalt und kein Heiß. In der gemeinsam eingerichteten lauwarmen Blase fühlten wir uns gut. Aber eben nie mehr als das. Die Leidenschaft ist nie mit eingezogen und so litt ich darunter, dass mir seine Liebe nicht unter die Haut ging. Trotz all der der Wärme und Sicherheit, berührten seine Worte meine Seele nicht und ich hatte die Gewissheit, dass der Zeitpunkt gekommen war, jemand zu finden, der mich tief im Inneren berührte.
Ich fand mich zu jung für Heirat und Kinder. Vor allem aber fand ich mich zu jung für ein emotional unerfülltes Leben. Man munkelt, dass bei den meisten Ehepaaren, die länger als 10 Jahre verheiratet sind, der Weihnachtsmann öfter kommt als sie selber. So wollte und durfte ich nicht enden. Ich hatte das Gefühl, dass ich, Nora SchmiDT mit „DT“ mit meinen 28 Jahren zu etwas Höherem berufen war, als einer lauwarmen Beziehung. Dass es mehr geben musste, als vor mich hin zu leben und darauf zu warten, dass etwas Besseres geschieht. Ich hatte das Gefühl, ich musste dieses „Besser“ leben, erleben und in meinem Leben erlauben.
Mit jedem Kilometer, den dieser Zug also zwischen das Ruhrgebiet und mich brachte, fühlte ich mich leichter und sicherer und wusste, ich betrete unbekanntes, aber neues, aufregendes Land. Ein neues Leben tat sich vor mir auf und jede Träne, die ich trotz allem weinte, verabschiedete mein altes Leben und hieß das neue willkommen.
Ich war Nora Schmidt. Ich war 28. Ich hatte die beste Zeit meines Lebens vor mir. Hoffte ich...
Rhabarberschorle Prelude
No more champagne
And the fireworks are through
Here we are, me and you
Feeling lost and feeling blue
It's the end of the party
And the morning seems so grey
So unlike yesterday
Now is the time for us to say...
Abba "Happy New Year''', 1979
Irgendwo im Allgäu.
Schnee fällt.
Eine Kirchenglocke läutet das neue Jahr ein. Es ist still und doch summt die Luft.
Keine Raketen, nur die Wunderkerzen, mit denen wir unseren Namen in die sternenklare Nacht schreiben, knistern leise ihr vergängliches Lied.
Ich stehe im Schnee in zu dünnen Schuhen, hinter mir Menschen, die ich noch nie gesehen habe und auch nicht kennenlernen möchte.
Ich friere.
Rhabarberschorlen-Ole
He was my North, my South, my East, my West,
My working week and my Sunday rest.
My noon, my midnight, my talk, my song,
I thought love would last forever: I was wrong.
W. H. Auden "Funeral Blues"
Wikipedia.de sagt: [...] Sex erfüllt zahlreiche Funktionen: Er befriedigt die Libido, dient in Form des Geschlechtsverkehrs der Fortpflanzung und drückt in der Regel als wichtige Form der sozialen Interaktion Gefühle der Zärtlichkeit, Zuneigung und Liebe aus. Besonders in Liebesbeziehungen kann das Sexualleben eine zentrale Rolle als Ausdruck der Verbundenheit der Partner spielen. Er ist jedoch nicht ausschließlich an Liebesbeziehungen bzw. Partnerverbundenheit gekoppelt.
Emma.de sagt: [...] Das nie verwirklichte Hippie-Ideal "Make love not war" wird im Garten Eden zwischen dem Kongo-Strom und den Flüssen Lomami und Kasaif... völlig selbstverständlich in die Tat umgesetzt – allerdings nicht von Menschen, sondern von Menschenaffen: den Bonobos, bei denen die Frauen den Ton angeben. (Ausgaben „März/ ApriI 2009/ Bonobo-Affen“)
Nach dem Abschied von Jim falle ich in mein Kleine-Schwester-Syndrom zurück.
Ich.
Will.
Mehr.
Ich bin hungrig. Ich bin hungere nach allem. Ich bin hungrig auf gutes Essen in durchgeknallt teuren Restaurants. Es lüstet mich nach wilden Exzessen, nach durchgemachten Nächten und durchtanzten Schuhen. Ich bin durstig auf das Leben, das da vor mir liegt. Ich verzehre mich nach Überfluss, ich sehne mich nach allem, was ich in den letzten Jahren nicht hatte.
Ich bin hungrig auf MEINS. Eigene Wohnung, eigener Job, in dem ich mich definieren kann, eigenes Geld, eigenes Bankkonto. Die kleinen Dinge im Leben eben.
Ich freue mich auf alles, was jetzt vor mir liegt – Kultur, Liebe, Sex, Essen, Arbeiten. Ich bin hungrig nach Dingen, die ich noch nie gemacht habe und zu denen ich bisher auch nie die Möglichkeit oder das Geld oder die Freiheit hatte, sie zu tun. Darüber hinaus lüstet es mich nach Männern. Gerade in diesem Zusammenhang bin ich hungrig nach Dingen, von denen andere Menschen glauben, „das geht doch nicht, das kann die nicht machen!“. Eines dieser Dinge ist, Sex zu haben wie ein Mann.
Aber Irrtum. Das geht. Auch Frauen können Sex haben wie ein Mann.
Erwartungsfrei und voller Spaß, die Lüsternheit im Blick, nicht an Morgen denken. Einfach alles vergessen, was man je gehört hat über Frauen und Männer und die Bienen und die Blumen. Wenn man vorher ein wenig getrunken hat, geht es noch viel einfacher. Vor allem das mit den Erwartungen, denn man kommt nicht mehr zum Nachdenken.
Lass mich klarstellen, geneigte/r LeserIn: Männer vögeln.
Bei ihnen ist es fleischliche Lust, die nicht emotionslastig ist. Der Schwanz denkt, der Schwanz lenkt und der dazugehörige Kerl läuft seinem besten Freund hinterher. Die Befehlszentrale verlagert sich in den Genitalbereich und zieht ca. 15 Sekunden nach dem Abspritzen wieder in den Kopf, denn dann wird entweder Bier gewünscht oder die Sportschau oder die Alte aus dem Bett. Gern auch alles drei gemeinsam.
Frauen machen Liebe.
Frauen kuscheln, die wollen Sekt und Kerzen und wilde Verrücktheiten ins Ohr geflüstert bekommen, gern auch in italienischer Sprache. Muskeln, die durch ein sauberes (!) Schiesser-Feinrippunterhemd und einen Dreitagebart unterstrichen werden. Das Aftershave dezent und nur bei direktem Hautkontakt der weiblichen Nase am männlichen Hals wahrnehmbar. In der kommenden Zeitspanne, die gern zwischen zehn Minuten und zwei Stunden liegen kann und die zwischen Erfolg und Misserfolg entscheidet, muss der Mann ganz tapfer sein. Er muss Geduld beweisen und ganz viel Fingerspitzengefühl an den Tag (oder den Venushügel) legen. Ein falsches Wort, ein falscher Blick und schon ist die Schlacht verloren. Führen die italienischen Vokabeln und die Fingerspiele jedoch zum Ziel und die Frau öffnet ihre Lotusblüte, dann will sie lange, intensive Bewegungen. Diese, verbunden mit Schwüren der ewigen Liebe (am Besten nicht auf Schwäbisch oder ähnlich unattraktiven Dialekten vorgetragen), führen auf direktem Weg in die Zielgerade. Sollte sich der Mann nach dem Liebesspiel zu einer innigen Umarmung und sogar einem Kuss mit Zunge hinreißen lassen, ist ihm ein Wiedersehen und eine Fortsetzung gewiss.
Bleibt die Frage: wie vögelt denn nun also eine Frau?
Nun ja, an einem Freitagabend mit einer langen Woche hinter mir, stellt sich das in etwa so dar:
RlNG, RlNG.
RING, RlNG.
RlNG, RlNG.
Warum ich mein Telefon ausgerechnet auf den Ritt der Walküre eingestellt habe, weiß ich immer noch nicht so recht. Hektisch in meiner Tasche kramend, finde ich irgendwann das nervige Handy.
„Links unten“, sagt meine Mutter immer. Häh? „Na ja, wenn du etwas in einer Damenhandtasche suchst, dann findest du es im Normalfall links unten.“
Und siehe da, in der Tat, links unten lag mein pinkes Klappmonster.
Ich fahre nicht oft U-Bahn, aber an diesem Tag hatte ich einfach keine Lust die Scheiben meines Autos frei zu kratzen. Berlin im Winter ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Aus diesem Grund bekommt nun halb Berlin auf dem Weg zwischen Charlottenburg und Prenzlauer Berg mein in den Hörer gesungenes „Nora Schmidt hier“ mit.
„Hallo?“
„Hallo?“, versuche ich es noch einmal, diesmal etwas lauter. Immerhin sitze ich in der U-Bahn, kann ja sein, dass der Anrufer nicht versteht, dass ich bereits am Apparat bin.
„Hallo, wer ist denn da?“, ermuntere ich den Anrufer, sich nun endlich mit mir zu unterhalten. Immerhin muss er oder sie ja etwas auf dem Herzen haben, sonst hätte er oder sie ja nicht angerufen.
Ich höre Stimmen.
„Ich kann Sie leider nicht verstehen?!“
