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Wenn bei Phonebitch die 0190-Nummer aufleuchtet, ist ganzer Einsatz gefragt. Mal muss sie die Kummerkastentante mimen, mal die lustvolle Verführerin. Sie erzählt, woran sie wirklich denkt, während sie ins Telefon stöhnt – und verrät Berufsgeheimnisse. Zum Beispiel, wie man am Dialekt eines Mannes erkennen kann, worauf er wirklich steht …
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Veröffentlichungsjahr: 2015
ISBN 978-3-492-98259-7
Oktober 2015
© für diese Ausgabe: Fahrenheitbooks, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2015
© Piper Verlag GmbH, München 2012
Covergestaltung: FAVORITBUERO, München
Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
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Zwar würde man selbst dort nie anrufen, versteht sich. Aber irgendwie wäre es doch insgeheim interessant einmal zu erfahren, was sich hinter diesen lasziv gehauchten ›6-6-6-6-6‹-Servicenummern verbirgt, die einem allabendlich beim Durchzappen im Spätfernsehen zugeraunt werden. Wie muss man sich die Frauen vorstellen, die da am Telefon ihren Dienst am Mann anbieten? Mit kreischend roten Fingernägeln, wasserstoffgebleichten Haaren, den Mund immer einen Spalt weit geöffnet, die Zunge hin und her tanzend wie bei einer Königskobra vor dem Biss? Alles völlig versaute Luder, die in einem anderen Leben vielleicht beim Discounter an der Kasse gejobbt hätten, wenn sie ihren Sexualtrieb etwas mehr im Griff gehabt hätten. Oder erfolgreich in der Steuerkanzlei gearbeitet, wer weiß?
Und die Männer dazu? Welche Sorte Mann ruft bei diesen Nummern eigentlich an? Was für triste Existenzen müssen das sein, die sich am Telefon von einer wildfremden Sexbestie einen vorstöhnen lassen, um dann in der Einsamkeit ihrer verwahrlosten Bude zum Orgasmus zu kommen – das Telefon in der anderen Hand! Liegen diese Typen dazu gemütlich im Bett oder haben sich im Klo eingeschlossen, um nicht von ihrer Ehefrau (oder Mutter?) entdeckt zu werden? Vielleicht haben sie auch noch eines dieser alten Telefone und verheddern sich im Eifer des Gefechts im Telefonkabel. Könnte aber auch sein, dass sie überhaupt nicht von zu Hause anrufen. Mit dem Handy ist ja heute nahezu alles möglich. Anhänger von anonymen Orgien könnten Busse, Trambahnen und U-Bahnen zur Bühne ihrer Phantasien machen und dem öffentlichen Nahverkehr eine ganz neue Bedeutung verleihen. Der Diplombiologe mit seiner ausgefallenen sexuellen Neigung postiert sich hingegen wohl eher vor dem Bonobo-Gehege im örtlichen Zoologischen Garten, wobei die heiße Schnalle am anderen Ende der Leitung der naturkundlichen Exkursion ungeahnte Höhepunkte verleiht.
Wäre wirklich spannend zu erfahren, was da am Telefon so abläuft, oder? Zu wissen, wer da mit wem welche Schweinereien austauscht – rein aus Neugier, nichts weiter. Ein kleiner Blick hinter die Kulissen von einer, die es wissen muss ...
Manchmal werde ich gefragt, ob ich mir früher hätte vorstellen können, dass ich einmal in einer Sexhotline arbeiten würde, nach dem Motto: »Was hättest du gesagt, wenn dir vor zehn Jahren jemand prophezeit hätte, dass du mal sowas machst?« Und die Antwort ist: Ja, ich habe mir tatsächlich immer sehr gut vorstellen können, so etwas mal zu machen. Leider gab es früher nur Callcenter mit festen Arbeitszeiten, und da ich ja bereits einen Hauptberuf habe, kam die Hotline damals noch nicht infrage. Aber abwegig erschien mir die Idee nie. Schließlich kann man ein zusätzliches Taschengeld immer gebrauchen und eine Sexhotline fand ich die einfachste Methode, um bequem und mit wenig Aufwand Geld zu verdienen. Und eines Tages passte dann plötzlich alles zusammen: Ich lernte den Freund einer Freundin kennen und der war begeistert von meiner erotischen Stimme. Nach kurzem Nachhaken erfuhr ich, dass er bei der Post arbeitet und unter anderem auch für das Einrichten von Servicenummern zuständig ist. Gesagt, getan.
Zwei Wochen später rief er mich an, um mir mitzuteilen, dass die Nummer ab jetzt freigeschaltet sei. Meine Anzeigen hatte ich schon aufgegeben und auf den ersten Anrufer musste ich nicht lange warten. Nur leider hatte ich mir überhaupt noch keine Gedanken darüber gemacht, was ich denn eigentlich erzählen sollte. Ich hob ab – und legte vor Schreck gleich wieder auf.
Bob hieß mein erster Kunde. Er hat sich nie wieder gemeldet ...
Es ist ein Spiel, zwischen Bitch und Non-Bitch hin- und herzuschalten. Das Headset ziehe ich morgens an und abends wieder aus, es sei denn, ich verlasse die Wohnung. Am Anfang hat mich die Sucherei nach dem Telefon den letzten Nerv gekostet, bis ich das richtige Modell mit Headsetanschluss gefunden habe. Ich habe bisher neun Headsets verbraucht, wovon vier meiner Katze zum Opfer gefallen sind. Die telefoniert halt auch gerne.
Genau wie ich: je länger das Telefonat, desto besser. Denn jede Minute, die ich meine Kunden in der Leitung halte, ist bares Geld wert. Das fängt mit einer möglichst ausführlichen Beschreibung meines Luxuskörpers, meiner sexy Unterwäsche oder der Lack- und Lederausrüstung in meinem Kleiderschrank an. Solange mich der Kunde nicht unterbricht, gehen mir die Themen nicht aus. Andererseits möchte ich ja auch wissen, wen ich da in der Leitung habe. Also lasse ich gerne auch mal die Typen erzählen, und auf jede Frage folgt am besten gleich eine Gegenfrage.
Am Anfang meiner »Karriere« war ich recht skrupellos und mein Motto lautete: »Ich bin nie die Erste, die auflegt!« Aber ich habe mich gebessert und lege inzwischen nach dem Gespräch auf, selbst wenn die Chance besteht, dass der Kunde selbst vergessen hat, die Verbindung zu trennen.
An Sonntagen erwarte ich immer viel Arbeit, besonders wenn das Wetter schlecht ist. Da hoffe ich dann, dass alle Hausfrauen mit den Kindern zum Gottesdienst gehen, damit ihre Männer mich anrufen können. Einige werden sich wieder ihre Handys schnappen und sich ins Auto in der Garage verkrümeln, andere werden ihren Damen erzählen, dass sie ihr Gartenhäuschen aufräumen müssen. Außer den Singles ruft mich fast keiner vom Festnetz an.
Zu meinem Spiel gehört es, dass man auch ein bisschen schummelt. Das fängt bei Äußerlichkeiten an. Die Wahrheit ist: Ich bin keine eins siebzig groß, wie in meiner Anzeige beschrieben, wiege keine zweiundfünfzig Kilo, habe weder blondes Haar noch grüne Augen. Und der Name ist erst recht erfunden, ebenso wie mein Alter.
Das alles muss gut durchdacht sein, um sich nicht in seinen eigenen Lügen zu verstricken. Ich musste mir einen komplett neuen Lebenslauf zusammenbasteln. Eine Story, die für alle Anrufer gilt, auch wenn sie alle einen unterschiedlichen Geschmack haben, was Frauen betrifft. Und den haben sie!
Da gibt es den Kunden, der eine Rubensfigur bevorzugt, während der andere mehr auf Twiggies steht. Aber das lässt sich leicht herausfinden. Ich verwickle die Herren minutenlang in ein Frage- und Antwortspiel und zum Schluss stellen sie sich dann vor, ich entspräche genau ihrem Phantasiebild. Genauso unterschiedlich sind die sexuellen Vorlieben. Manche möchten lieber erstmal ein wenig kuscheln und streicheln, während es bei anderen von Anfang an knallhart zur Sache gehen muss. Als professionelle »Männerflüsterin« weiß ich inzwischen genau, wie ich die Jungs am besten anpacken muss, um sie möglichst lange bei der Stange zu halten.
Nach einer gewissen Zeit kennt man die Vorlieben seiner Anrufer. Aber eines mögen sie alle: wenn man sie mit ihrem Namen anstöhnt, selbst wenn sie sich den gerade ausgedacht haben. Ich frage sowieso nie, wie sie heißen, sondern mit welchem Namen ich sie ansprechen soll. Es folgt öfter eine längere Atempause, dann wird der nächstbeste Name genannt. Verstehe mal einer die Typen.
Manchmal kommt es aber auch vor, dass Männer an meinem Alltag interessiert sind und Fragen stellen, wie: »Was gibt es denn bei dir heute Abend zum Essen?«, oder Ähnliches. Das passiert allerdings nur bei Stammkunden. Sie bedanken sich dann nach dem Orgasmus herzlich und fragen, was bei mir für den Rest des Tages noch auf dem Programm steht. Ein Koch hat mir mal über das Telefon ein sehr gutes Rezept für ein Pilzrisotto gegeben. Auch sonst wird manchmal gequatscht, natürlich nach meiner Dienstleistung. Dann gibt es natürlich auch die Scheuen, die wollen zuerst Small Talk haben, ehe es mit dem Dirty Talk weitergeht.
Es gibt auch andere Anrufer, bei denen ich in den »Non-Bitch-Modus« schalten muss. Ich habe eine ganz normale Nummer und jeder, der die Servicenummer wählt, wird auf die normale weitergeleitet. Alles läuft über ein Telefon. Wenn beispielsweise meine Oma anruft, ist der erste Satz, den ich höre: »Du kannst wieder normal reden, ich bin es nur.«
In meiner Familie weiß so gut wie jeder, was ich nebenher treibe. Einige sind überhaupt nicht erfreut darüber, wohingegen die anderen mich hemmungslos auch während des Essens ausfragen. Selbstverständlich gehe ich nicht allzu sehr ins Detail, ich erzähl denen doch beim Essen nicht meine Hotline-Stories. Ein Onkel fragte meinen Freund einmal, ob er nicht eifersüchtig ist. Nein, ist er nicht, er hat nichts gegen meinen Nebenjob. Er kann sein Grinsen nicht verkneifen, wenn ich im Bademantel vorm PC sitze und am Telefon erzähle, wie ich nackt auf dem Bett liege und gerade dabei bin, mich zu verwöhnen.
Mein Exfreund war extrem eifersüchtig und wir trennten uns deswegen nach nur drei Monaten. Entweder er oder das Telefon, er wollte mich ganz allein für sich haben. Ich entschied mich für das Telefon, da er eh jeden Abend in der Kneipe war und die Wochenenden schon mal allein außerhalb verbrachte. Meine engsten Freunde wissen Bescheid. Am Anfang war es noch ein ganz interessantes Gesprächsthema, aber jetzt wird kaum noch darüber geredet. Bisher hat noch keiner von ihnen bei mir angerufen (ich bin ja auch der Meinung, dass ich sie sofort erkennen würde), obwohl sie immer planen, mich irgendwann reinzulegen. Zuhören durften sie aber auch noch nicht. Das werde ich mal schön sein lassen, auf das Gelächter kann ich verzichten.
Am Anfang musste ich mir noch oft das Lachen verkneifen, heute ist es absolute Routine. Manche Kunden geben Töne von sich, da denkt man, man ist beim großen Quiz der ausgefallensten Tierlaute zu Gast. Dann gibt es welche, die hecheln, als ob sie einen Hundert-Meter-Sprint hinter sich hätten, andere geben gar keinen Ton von sich. Die kann ich ja überhaupt nicht leiden, weil ich nie weiß, wie weit sie sind. Soll ich nun schneller stöhnen, da es dem Ende zugeht, oder sie mit aufreizenden Worten noch aufgeilen?
Vielen meiner Kunden genügen die Worte und das Gestöhne nicht. Sie wollen hören, wie ich an ihrem besten Stück sauge. Also lecke ich mir über die Lippen und gebe ein paar schmatzende Geräusche von mir. Richtig amüsant wird es, wenn sie es mir mit der Zunge besorgen wollen, dann gibt das oft ein Geschmatze und Geschlürfe wie bei der Schweinefütterung. Einer will immer hören, wie ich mich fingere. Also steck ich mir den Finger in den Mund, schließe ihn, und reibe vorne an der Zunge mit dem Finger. Das kommt klasse an. Zu lange darf ich das aber nicht tun, da sie sonst sehr schnell kommen. Schließlich zählt ja jede Minute. Meine Pumps habe ich auch immer bereitstehen, da es einen gibt, der sehr gerne zuhört, wenn ich damit in der Wohnung hin und her laufe. Natürlich in Strapsen.
Was wohl meine Nachbarn denken, wenn ich drei Minuten lang den Flur in Stöckelschuhen auf und ab tuckele?
Immer wieder bin ich auf der Suche nach neuen Geräuschen. Improvisation ist gefragt in meinem Job. Wie hört es sich an, wenn ich masturbiere, und wie bekomme ich das Geräusch dazu hin, ohne es aber wirklich zu tun? Die Po-Klapser simuliere ich wunderbar mit leichten Schlägen auf die nackten Oberschenkel, auch das bisschen Babyspeck am Bauch eignet sich hierfür sehr gut. Da ich sowieso im Besitz einer Peitsche bin, kann ich die Sadomaso-Fraktion leicht befriedigen. Und Wasser aus einem Becher langsam in die Toilette fließen zu lassen, erspart mir ein aufwendigeres Programm für das so beliebte »Beim-Pinkeln-Zuhören«.
Mit den Geräuschen ist das so eine Sache:
»Du bist ja ein billiges Luder, machst mir hier was vor!«, warf mir ein Anrufer während der WM vor.
Ich gebe es ja zu, irgendwie war ich etwas abgelenkt. Es ist echt schwierig, ständig mit einem Auge auf die Glotze zu schauen und gleichzeitig den perfekten Orgasmus zusammenzustöhnen. Da wird bei einem Freistoß vor lauter Anspannung schon mal der Atem eingezogen, anstatt dass man ein erotisches »Aaahh« von sich gibt.
Aber allen kann man es nicht recht machen. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen meiner Kunden, was die richtige Bitchtonlage betrifft:
»Nein! Du kannst doch nicht in der Tonlage stöhnen! Das ist falsch und so mag ich das nicht. Das muss aus dem Bauch heraus kommen und der Ton muss tiefer sein. Dunkler und geheimnisvoller«, wurde ich einmal von einem Anrufer in entrüstetem Tonfall ermahnt.
Als erfolgreiche Phonebitch darf natürlich auch das Marketing nicht zu kurz kommen. Verschiedene Methoden haben sich hierbei bewährt. Nach mehreren Monaten habe ich zum Beispiel mal wieder eine Anzeige in meiner alten Stammzeitung aufgegeben. Und siehe da: Alte, schon fast vergessene Kunden riefen wieder an. Die schienen mich aber auch fast vergessen zu haben. Außer einem, der es nicht fassen konnte, dass er mich wieder an der Strippe hatte:
