Schneewittchen schlägt zurück - Kalynn Bayron - E-Book

Schneewittchen schlägt zurück E-Book

Kalynn Bayron

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Beschreibung

Prinzessin Eve wurde seit ihrer Kindheit darauf trainiert, eines Tages gegen den Ritter anzutreten, der das Reich ihrer Mutter, Königin Regina, seit Jahrhunderten terrorisiert. Der Ritter ist ein mächtiger Zauberer, der Wünsche erfüllt. Doch seine Magie hat immer einen Preis, wie Königin Regina nur allzu gut weiß. Eves eigene magische Fähigkeit macht sie zu einer würdigen Gegnerin. Doch kurz vor Eves siebzehnten Geburtstag, vor dem entscheidenden Kampf, verhält sich Regina zunehmend seltsam: Fast jede Nacht spricht sie mit einem magischen Spiegel. Dann taucht ein Bote des Ritters auf, der Eve eine Nachricht über ihre Herkunft überbringt, die alles auf den Kopf stellt, was sie zu wissen glaubt. Um ihr Königreich zu retten, muss Eve kämpfen – aber wird sie den Mut finden, sich der Vergangenheit zu stellen?
Spice-Level: 2 von 5

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 450

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Das Buch

Prinzessin Eve wurde seit ihrer Kindheit darauf trainiert, eines Tages gegen den Ritter anzutreten, der das Reich ihrer Mutter, Königin Regina, seit Jahrhunderten terrorisiert. Der Ritter ist ein mächtiger Zauberer, der Wünsche erfüllt. Doch seine Magie hat immer einen Preis, wie Königin Regina nur allzu gut weiß. Eves eigene magische Fähigkeit, aus dem Nichts Waffen herbeizurufen, macht sie zu einer würdigen Gegnerin. Doch kurz vor Eves siebzehntem Geburtstag, vor dem entscheidenden Kampf, verhält sich Regina zunehmend seltsam: Jede Nacht schließt sie sich in ihrer Kammer ein und spricht durch einen magischen Spiegel mit einem Boten des Ritters. Als Eve das herausfindet, ist sie umso entschlossener, den Kampf gegen den Ritter zu gewinnen. Doch je mehr sie über ihren Gegner herausfindet, desto deutlicher wird, dass alles, was sie zu wissen glaubte, eine Lüge ist …

Die Autorin

Kalynn Bayron ist ausgebildete Sängerin, und wenn sie nicht gerade schreibt, hört sie am liebsten Songs von Ella Fitzgerald, geht ins Theater, schaut gruselige Filme und verbringt Zeit mit ihren Kindern. Sie lebt derzeit mit ihrer Familie in San Antonio, Texas.

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Bettina Hengesbach

Titel der Originalausgabe:

SLEEP LIKE DEATH

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Deutsche Erstausgabe 12/2024

Redaktion: Melike Karamustafa

Copyright © 2024 by Kalynn Bayron

Copyright © 2024 dieser Ausgabe und der Übersetzungby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München,unter Verwendung des Originalmotivs von Fernanda Suarez

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-32331-8V001

Für Rolanda, Gwen, Pearl und Annette

1

Es ist einfacher, der Fährte eines Tieres – oder einer Person – zu folgen, wenn es blutet.

Rote Tropfen im Schnee sind leicht zu sehen. Blut auf herabgefallenen Herbstblättern oder dunkler Erde ist schwerer auszumachen, aber es ist immer noch einfacher, als sich ausschließlich auf Spuren zu verlassen. Die Methode funktioniert wie gesagt auch bei Menschen. Ein Pfeil in den Oberschenkel oder die Seite hinterlässt definitiv eine Fährte, der ich folgen kann.

Und Fährten zu folgen, ist eine Kunst. Huntress kann selbst aus der Ferne erkennen, wenn ein einziges Blatt ganz leicht gekrümmt ist. Sie kann das Gewicht und das Alter eines Bären, eines Wolfes oder eines Wildschweins schätzen, indem sie sich ganz tief zu den Spuren hinunterbeugt und die Abdrücke mit den Fingerspitzen nachfährt. Diese Taktik funktioniert nicht ganz so gut bei Menschen, weswegen ich kein Interesse daran habe, sie zu erlernen. Die Dinge, die mich interessieren, müssen zu meinem wahren Ziel führen. Wenn die Lektion den Abstand zwischen mir und meinem Feind nicht verringert, wo liegt dann der Sinn?

Huntress hat mir versichert, dass ich früher oder später lernen werde, die Jagd zu genießen. Meiner Meinung nach wird das nur passieren, wenn ich ihm auf die Schliche komme.

»Eve«, spricht mich Huntress an. »Du musst dich konzentrieren.«

Konzentrieren.

Das ist leichter gesagt als getan, wenn ich unter dem dunkler werdenden Himmel auf spitzen Felsen und feuchter Erde liege und versuche, mich so flach auf den Boden zu drücken, dass die Rehe auf der Lichtung weder mich noch den Pfeil sehen können, den ich auf sie gerichtet habe. Ich bevorzuge den Degen, aber Huntress besteht darauf, dass ich meine Fertigkeiten mit dem Bogen optimiere. Ein Teil von mir glaubt, es liegt daran, dass sie das Gefühl nicht mag, wenn ihre Klinge über die Knochen unter dem verwundeten Fleisch schabt. Ihr gefällt die Distanz, die der Bogen ermöglicht. Ich dagegen habe keine derartigen Vorbehalte.

Huntress ist froh, dass es mir gelungen ist, die Rehe bis zur Lichtung zu verfolgen, aber ich bin nicht ehrlich zu ihr gewesen. Ich hatte Unterstützung. Noch immer kann ich ihn hören, meinen sanftmütigen Helfer, während ich still daliege – der Klang ist nicht direkt eine Stimme, sondern vielmehr ein leises Summen, das sich an meinem Rücken hinaufschlängelt und in meinem Nacken festsetzt. Jede feine Intonation enthält eine Bedeutung – Furcht, Neugier, Fröhlichkeit –, und ich kenne sie alle. Ich lausche den Geräuschen des Waldes schon mein ganzes Leben.

Mein Helfer geht auf der anderen Seite der Wiese auf und ab, kurz hinter der Baumgrenze. Er hat mich hergeführt. Wir haben immer eine Vereinbarung, er und ich.

»Spann den Bogen und erlege ein Reh, das wir deiner Mutter mitbringen können«, flüstert Huntress. »Ich hab es satt, im Dreck zu liegen.«

Ich richte den Pfeil aus und spüre, wie sich die Muskeln an meinem Rücken spannen, als ich die Bogensehne zu meiner Schulter ziehe. Während ich einatme, lausche ich meinem eigenen Herzschlag. Mein Pfeil wird sein Ziel treffen, wenn ich ihn zwischen zwei Atemzügen, zwischen zwei Herzschlägen abfeuere.

Der schlanke Hals des Rehs ist ungeschützt. Es hat sich gerade ein kleines Stück von den anderen entfernt, aber das genügt.

Eins.

Zwei.

Drei.

Mein Pfeil trifft das Tier mit einem leisen schmatzenden Geräusch. Das Reh taumelt und fällt dann auf die Seite.

Ich erhebe mich, klopfe mir die feuchte Erde von der Kleidung und gehe zur Lichtung. Die anderen Rehe stieben auseinander und lassen ihre verletzte Gefährtin zurück. Ich knie mich neben das Tier und beende seine Qualen mit meinem frisch geschliffenen Degen.

»Gut«, lobt Huntress. »Wir dürfen sie nicht leiden lassen. Und wir nehmen uns nicht mehr, als wir brauchen.«

»Es gibt andere, die leiden sollten.«

Huntress streicht sich ein paar Strähnen ihres ergrauenden Haares aus dem Gesicht. »Diese Denkweise führt zu nichts.« Sie kommt auf mich zu und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Dein Kopf sollte frei sein. Rache, Verbitterung … Arroganz. All das wird dich zerfressen.«

Ich schiebe meinen Degen zurück in die Scheide und hänge mir den Bogen über die Schulter.

»Du glaubst, ich sei arrogant?«, frage ich.

Sie schnaubt und versetzt mir einen festen Schlag auf die Schulter. »Ich weiß, dass du es bist.«

Huntress holt eine Kordel aus ihrer Tasche und bindet die Beine des Rehs zusammen, damit wir es zurück nach Castle Veil bringen können.

Während sie beschäftigt ist, sehe ich, dass mein hilfsbereiter Freund aus dem Unterholz hervorkommt. Sein Fell glänzt und ist so schwarz wie der Abendhimmel, genauso wie seine neugierigen Augen. Die Spitzen seines Schwanzes und seiner vier Pfoten sind rot.

Ich atme tief ein, um mein hämmerndes Herz zu beruhigen.

Ich will dir nichts tun.

Der Fuchs legt die Ohren an und neigt den Kopf auf eine Art, dass es beinahe wirkt wie eine Verbeugung. Als ich mit der Sohle meines Stiefels auf die Erde tippe, huscht er davon.

Huntress sieht ihm hinterher und bedenkt mich dann mit einem Blick, in dem tiefe Enttäuschung liegt. »Bitte sag mir, dass das nicht wahr ist.« Sie seufzt und reibt sich die Schläfe. »Du hast dich von dem Fuchs hierherführen lassen? Hast du überhaupt versucht, selbst die Fährte der Rehe aufzunehmen?«

»Ja, hab ich. Das ist aber schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint.«

Huntress richtet sich auf und wendet sich mir mit gequälter Miene zu. »Du musst lernen, es ohne fremde Hilfe zu tun. Du kannst nicht jedes Mal schummeln, Eve.«

Ich verstehe nicht, warum. Schließlich kann ich die einzigartigen Laute jedes Tieres hören. Das Summen des Fuchses ist wie ein sanftes Zwicken in meinem Nacken. Vögel sind wie ein melodisches Pfeifen. Pferde sind tief und volltönend. Jedes Tier hat eine Stimme, die ich hören und verstehen kann. Ich betrachte meine Methode im Gegensatz zu Huntress nicht als schummeln. Wenn sie diese Fähigkeit hätte, würde sie sie gewiss auch einsetzen.

Ein Grollen dringt durch die Wolkendecke, und in der Ferne erklingt ein lautes Krachen. Die Luft um mich herum ist auf einmal zum Leben erwacht, Regen prasselt auf Blätter und Äste. Innerhalb weniger Momente öffnet sich der Himmel, und wir sind in einem Wolkenbruch gefangen.

»Immerhin haben wir das Reh erlegt, nicht wahr?«, merke ich an. »Das ist die Hauptsache.«

»Es ist nicht die Hauptsache«, entgegnet Huntress gepresst. »Ich bin beeindruckt von deiner Gabe, Eve, das weißt du, aber du kannst nicht einfach …«

Ein lauter Knall teilt den bewölkten Himmel über uns, und für einen kurzen Augenblick ist der Wald taghell, als ein Blitz das Blätterdach erleuchtet.

»Grandios«, murrt Huntress. Eilig schiebt sie ihren Gehstock zwischen die Beine des Rehs und bedeutet mir, das andere Ende zu packen, damit wir das Tier hochheben und nach Hause tragen können.

Gerade als ich nach dem Stock greifen will, vibriert etwas – ein intensives Grollen – bis in meine Knochen. Kein Donner, sondern der Ruf eines Tieres. Es ist erst das zweite Mal in meinem Leben, dass ich ihn höre. Ein Anflug von Angst durchfährt mich, aber ich vertreibe ihn und umklammere fest meinen Degen.

»Stell dich hinter mich«, sage ich.

»Was ist los?«, fragt Huntress mit panischer Stimme. Sie schaut sich um und tritt dann ohne ein weiteres Wort hinter meine rechte Schulter.

Nur ich kann die Stimme des Tieres hören. Sie hallt in meinem Kopf und wird mit jeder Sekunde lauter. Als ich es schließlich durch den strömenden Regen hindurch sehe, ist es zu spät, um wegzurennen oder uns zu verstecken, aber ich hätte ohnehin keines von beidem getan.

Huntress zieht scharf die Luft ein, als der Wolf vor uns auf die Lichtung tritt. Gewöhnliche Wölfe gehen so oft in Queen’s Bridge ein und aus, dass die Menschen wissen, wie sie sie meiden oder mit welchen Waffen sie sich auf Reisen durch den Wald vor ihnen schützen können. Ich kenne ihren Ruf, aber dieser ist anders. Dies ist kein gewöhnlicher Wolf. Es ist ein Schattenwolf. Ein Riese, der fast alles und jeden töten kann, der das Pech hat, seinen Weg zu kreuzen.

Seine Augen befinden sich auf der gleichen Höhe wie meine, als er sich uns auf der Lichtung nähert. Würde er sich auf die Hinterbeine stellen, wäre er doppelt so groß wie ich. Im Regen wirkt er wie ein wuchtiger, monströser Schatten mit gelben Augen und langen blitzenden Zähnen.

Wir sind in den Wald gekommen, um Rehe und Fasane zu jagen. Huntress und ich sind beide bewaffnet, aber nicht schwer genug, um uns gegen einen Wolf von dieser Größe zu verteidigen.

Als Huntress einen Schritt nach hinten macht, senkt das Tier den Kopf, legt die Ohren an und fletscht seine riesigen Reißzähne.

»Nicht bewegen«, flüstere ich.

Der Wolf knurrt so laut, dass er sogar den Regen übertönt. Dann nimmt er Witterung auf. Kaum dass ihm der Geruch von Blut in die Nase gestiegen ist, wird er den Rehkadaver als sein Eigentum betrachten, das er verteidigt. Er wendet sich mir zu, verlagert sein Gewicht auf die Hinterbeine und macht sich bereit, mich anzugreifen.

Mein Herz flattert wie ein Vogel im Käfig, als ich den Blick zum Himmel hochwandern lasse. Donner grollt in der Ferne. Ich strecke langsam den Arm über meinem Kopf nach oben aus.

Der Wolf knurrt erneut. Die riesige Kreatur stürzt sich in dem Moment auf mich, als ein weißer Blitz seinen Weg bis zu meiner ausgestreckten Hand findet. Wenn ich einen Blitz nutze, ist dies immer mit Schmerzen verbunden, aber ich habe gelernt, ihn zu genießen. Er erinnert mich daran, dass ich am Leben bin und von etwas Mächtigerem vereinnahmt werde als alles und jeder in Queen’s Bridge.

Ich ergreife den Blitz. Als er sich vom Himmel trennt, wird er zu einer Klinge aus Hitze und Licht. Ein beinahe schwereloses Schwert, heraufbeschworen aus dem Gewitter. Es ist eine Waffe, die sich von allen anderen unterscheidet, und sie wird nur für diesen einen Moment existieren. Ein Schauer durchfährt mich, auf meinem Körper bildet sich eine Gänsehaut.

Ich schwinge den Blitz durch die Luft, sodass der Wolf ein paar Schritte von mir entfernt auf den Boden prallt und seine Pfoten in die schlammige Erde gräbt, ehe er schlitternd zur Ruhe kommt. Der Klang seiner einzigartigen Stimme in meinem Kopf gerät ins Stocken. Wir schauen einander fest in die Augen. Er ist ein prachtvolles Geschöpf, aber ich muss nach Hause zu meiner Mutter zurückkehren. Ich bin alles, was ihr noch geblieben ist, und ich werde mich unter keinen Umständen von ihr trennen lassen.

Der Wolf macht sich erneut zum Angriff bereit, doch als sein Blick auf die glänzende Klinge fällt, zögert er. Er schnüffelt ein letztes Mal an dem Reh, ehe er sich ins Unterholz zurückzieht.

Ich bewege mich nicht, bis seine Stimme aus meinem Kopf verschwunden ist.

Als Huntress den Kopf auf meine Schulter legt, lockere ich den Todesgriff um das Schwert, worauf es sich mit einem leisen Zischen in schwarzen Rauch auflöst.

Es regnet noch immer in Strömen.

»Ich dachte schon, wir stecken in Schwierigkeiten«, sagt Huntress.

»Das haben wir auch getan.« Ich versuche, wieder zu Atem zu kommen. »Einen Wolf dieser Größe habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen und ganz gewiss nicht in dieser Gegend.«

»Es gibt einen, der sich in der Nähe von Rotterdam herumtreibt«, erwidert Huntress. »Ich habe Gerüchte gehört, dass er Jagd auf Menschen macht.«

»Das ist doch nur Gerede. Und jetzt lass uns das Reh nach Hause schaffen.«

Huntress nickt, und wir treten den langen Heimweg durch den westlichen Wald von Queen’s Bridge an.

Huntress und ich tragen das Reh zwischen uns, denn unsere Pferde haben wir im Stall gelassen. Es sollte lediglich eine kurze Jagd werden, eine Übung, wie man Fährten aufnimmt, bei der wir nur mit einer kleinen Beute belohnt würden. Mit einem Reh dieser Größe habe ich nicht gerechnet, weswegen wir zu dem Zeitpunkt, zu dem Castle Veil sichtbar wird, beide verschwitzt und erschöpft sind.

Es hat aufgehört zu regnen, und die Wolken ziehen weiter, sodass ein wenig blassgelbes Licht hindurchbricht.

»Lass es uns gleich in die Küche bringen«, schlägt Huntress vor. »Ich bin mir sicher, deine Mutter würde sich über Rehfleisch zum Abendessen freuen.«

Wir schleppen das Tier durch das Labyrinth aus Gängen, die sich durch das Schloss schlängeln, und lassen die Ausbeute unserer heutigen Jagd unserer Köchin Lady Anne vor die Füße fallen.

Angewidert betrachtet sie den Kadaver. »Na, was soll ich denn damit anfangen?«, fragt sie. Ihr rundes Gesicht glänzt von Schweiß, und eine dünne Mehlschicht bedeckt die Vorderseite ihrer Schürze. »Ihr habt es nicht mal ausgeweidet?«

»Ich dachte, das übernimmst du lieber selbst«, erwidere ich.

Ich kenne Lady Anne schon mein ganzes Leben, daher weiß ich ganz genau, dass sie kein Blut sehen kann und noch nie ein getötetes Reh gehäutet und die essbaren Teile herausgeschnitten hat.

»Entweder ihr kümmert euch darum, oder ich muss Mr. Finley rufen lassen, damit er es macht.« Ein Unterton schwingt in ihrer Stimme mit, als sie seinen Namen ausspricht. »Genau genommen …« Sie verstummt, als hätte sie sich auf einmal in ihren eigenen Gedanken verloren.

»Ich geh ihn holen«, verkündet Huntress. »Ich bin mir sicher, er tut es gern.«

»Du willst ihn jetzt holen?«, fragt Lady Anne, die schlagartig aus ihren Tagträumen zu erwachen scheint. Sie streicht sich ein paar Strähnen ihres gelockten schwarzen Haares unter das Kopftuch und wischt sich die Hände an der Schürze ab.

Huntress verdreht die Augen. »Von allen Leuten in Queen’s Bridge bist du ausgerechnet an Mr. Finley interessiert?«

Lady Anne sieht mich an. »Ist das schlimm?«

»Nein«, antworte ich. »Es ist nur, na ja … Er hat eine Glatze.«

Lady Anne seufzt, als würde sie sich ihn in diesem Augenblick vorstellen. »Er ist wunderschön.«

Ich muss mich zusammenreißen, um nicht zu lachen. Während ich es niedlich finde, sieht Huntress vollkommen angewidert aus.

Lady Anne scheucht sie aus der Küche. »Ach, hör schon auf. Und jetzt geh ihn holen.«

Huntress verlässt die Küche, wobei sie irgendetwas über Mr. Finley vor sich hin murmelt, während Lady Anne sich weiter herrichtet.

»Schenk ihr keine Beachtung«, rate ich ihr, während ich ihr dabei helfe, ihre Schürze abzuklopfen. »Sie ist nur sauer, weil sich niemand so sehr darüber freut, sie zu sehen, wie du dich freust, wenn du Mr. Finley siehst.«

»Ist sie jemals nicht sauer?«, fragt Lady Anne. »Die Frau lebt in einem Dauerzustand der Unglückseligkeit.«

Das ist vielleicht etwas übertrieben.

»So ist sie nun mal. Das weißt du doch.«

Lady Anne schüttelt den Kopf und probiert unterschiedliche Stehpositionen aus, während sie zur Tür schaut. »Deine Mutter hat dich vorhin gesucht. Zuletzt hat sie sich im Salon aufgehalten.«

Ich nicke und lege ihr eine Hand auf den Arm. »Ich bin mir sicher, Mr. Finley wird sich freuen, dich zu sehen.«

Lady Anne berührt mich sanft an der Wange, bevor sie auch mich aus der Küche scheucht.

Ich suche die privaten Gemächer meiner Mutter auf der obersten Etage auf. Als ich ihren Salon ansteuere, der sich direkt neben dem Treppenabsatz befindet, sehe ich, dass die Tür nur angelehnt ist, und erhasche einen Blick auf meine Mutter, die vor einem langen Tisch auf und ab geht. Als ich ins Zimmer husche, schenkt sie mir ein verkrampftes Lächeln.

Sie ist nicht allein. Captain Amaranth Mock, Anführer der königlichen Wache, ist bei ihr. Und auch Lady Harold, die sich ständig über alles Sorgen macht, ist zugegen. Sie ist die stellvertretende Beraterin meiner Mutter – stellvertretend, weil ich ihre erste Beraterin bin.

Nun beugen sie sich über den Tisch und betrachten mit finsteren Mienen eine Karte von Queen’s Bridge.

Ich gehe zum Fenster, wo ein goldener Käfig steht, und lausche der rotbraunen Nachtigall, die auf ihrer Stange flattert und lieblich zwitschert, während sich meine Mutter über irgendetwas den Kopf zerbricht.

»Ihre Ländereien sind überwuchert«, verkündet Captain Mock. »Die restlichen Feldfrüchte werden verdrängt. Es ist ein absolutes Desaster. Wir dürfen nicht zulassen, dass es so weitergeht.«

»Aber hat er seine Felder denn nicht abgeerntet?«, fragt Lady Harold mit deutlich verärgerter Stimme.

»Ich glaube schon«, antwortet Captain Mock. »Jedoch sind die Erträge nicht konkurrenzfähig. Der Gutachter hat mir mitgeteilt, dass die Überwucherungen den River Farris in weniger als einem Monat erreicht haben, wenn nichts unternommen wird.«

»Ganz Queen’s Bridge bezieht Wasser aus dem Fluss«, schalte ich mich ein und nähere mich dem Tisch.

Die wachsamen braunen Augen meiner Mutter sind so dunkel, dass sie fast schwarz wirken, als sie ein kleines Gewicht auf den Rand einer Farm in der Nähe des Flusses stellt. Ihre Haare sind zu Braids um ihren Kopf herumgeflochten; ihre Krone, ein Ring aus goldenen Ahornblättern, die mit grünen Smaragden verziert sind, sitzt inmitten der gewundenen Locken. Mit der Hand umfasst sie einen kleinen Smaragd in Form eines Sternes, der an einer silbernen Kette um ihren Hals hängt. Die glatte braune Haut ihres Handrückens ist makellos, abgesehen von einer gezackten Narbe, die von ihrem Daumen bis zum Handgelenk reicht.

»Die Wasserversorgung ist in der Tat gefährdet, wenn es so weitergeht«, erklärt Captain Mock. »Was sollen wir tun, meine Königin?«

Meine Mutter legt ihre schlanken Finger auf die Karte. »Sir Gregory hat die Ländereien stets gut verwaltet. Er ist aufmerksam, und es sieht ihm gar nicht ähnlich, so etwas zuzulassen.« Sie seufzt und lässt ihre Hand über den Tisch gleiten. Der Degen an ihrer Taille funkelt in der Nachmittagssonne, als sie mit dem Absatz ihres Reitstiefels auf den Steinboden tippt. Auf einmal dreht sie sich zu mir um und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Eve, ich weiß, dass du gerade erst von der Jagd zurückgekehrt bist, aber möchtest du mich begleiten? Ich würde gern persönlich mit Sir Gregory sprechen.«

Ich nicke. Sie weiß, dass die Frage unnötig war. Es gibt nichts, was ich nicht für meine Mutter tun würde.

»Dann lass uns aufbrechen«, sagt sie.

»Ist das notwendig, meine Königin?«, fragt Captain Mock. »Es ist besorgniserregend, ja, aber es erfordert gewiss keinen Besuch Ihrer Majestät.«

Ich wende mich ihm zu und verdrehe die Augen, damit ihm klar ist, für wie lächerlich ich ihn halte.

Captain Mock spannt den Kiefer an und weicht meinem Blick aus.

Der Captain hat stets andere Ansichten. Meine Mutter hält es für klug, Leute in ihrem Rat zu haben, die nicht davor zurückschrecken, ihre Meinung zu äußern, aber ich fand schon immer, dass der Captain es ein wenig zu sehr genießt.

Er liebt das Leben im Palast. So sehr, dass er häufig abschätzige Bemerkungen über die Bewohnerinnen und Bewohner von Queen’s Bridge macht. Meine Mutter weist ihn jedes Mal in seine Schranken, da sie der festen Überzeugung ist, dazu bestimmt zu sein, den Menschen zu dienen, und dass alle es verdient haben, dass man sie schützt und sich um sie sorgt. Captain Mock beugt sich am Ende stets ihrem Willen.

Nun bedenkt meine Mutter ihn mit einem Blick, der verrät, dass der Besuch stattfinden wird, selbst wenn er nicht nötig ist, und dass sie diesbezüglich keine weiteren Diskussionen führen wird.

Captain Mock neigt den Kopf und tritt einen Schritt zurück.

Ich folge meiner Mutter zu den Ställen, wo sie auf ihr Pferd steigt – eine nachtschwarze Stute mit einem silbern abgesetzten Sattel und einer Flagge an der Flanke, die mit dem Familienwappen bestickt ist.

Das Wappen besteht aus einem Rad vor smaragdgrünem Hintergrund, das für die Unaufhaltsamkeit der Zeit steht. Von beiden Seiten des Rades gehen goldene Bänder ab und laufen unten zu einer Krone zusammen. Es ist das Symbol meiner Familie, eine Linie von Millers, die so viele Generationen zurückreicht, dass unsere Geschichte zu den volkstümlichen Überlieferungen des Landes gehört. Aus der Zeit vor meiner Urgroßmutter hat nichts die Jahre überdauert, abgesehen von unserem Wappen, unserem Namen und unserer Verantwortung für diesen Ort und seine Leute. Mehr braucht es für meine Mutter nicht. Sie ist von Geburt an rechtmäßige Königin des Landes und – noch wichtiger – der Herzen der Menschen, und sie würde niemals zulassen, dass jemand diese Leute in Gefahr bringt.

Als sie auf dem Sattel herumrutscht, bis sie bequem sitzt, wiehert das Pferd und schüttelt den Kopf.

Meine Mutter sieht mich an.

Ich kann das leise Summen des Pferdes in meinem Kopf hören.

»Wie geht es ihr?«, fragt meine Mutter.

In den einzigartigen Stimmen der Tiere schwingen immer Informationen mit. Beim Schattenwolf habe ich Furcht wahrgenommen, bei dem Fuchs Neugier; nun konzentriere ich mich auf die Stute meiner Mutter.

»Es geht ihr gut«, antworte ich schließlich. »Ihre Hufe wurden gestern neu beschlagen, und ich glaube, sie kann es nicht erwarten, aus dem Stall zu gelangen.«

»Ah.« Meine Mutter tätschelt dem Pferd den Hals. »Dann bekommt sie heute, was sie will.«

Ich bin im Begriff, auf mein eigenes Pferd zu steigen, eine kleinere Stute mit dunkelbraunem Fell und dem gleichen Wappen an der Flanke. Sie ist älter, aber verlässlich, und ich kann in ihrer Stimme hören, dass sie ebenfalls ein bisschen frische Luft gebrauchen könnte. Ich schmiege mein Gesicht an ihren Hals und atme ihren Geruch nach Stroh und Wind ein. Dann lasse ich meine Finger durch ihre Mähne gleiten und kraule sie zwischen den Ohren. Das Summen, das soeben noch tief und volltönend war, wird nun höher und fast rasend. Sie freut sich auf den Ausritt.

»Dann mal los«, sage ich, ziehe mich in den Sattel und greife nach den Zügeln.

Ich folge meiner Mutter aus dem Stall in die Sonne, deren Strahlen mittlerweile vereinzelt durch die Wolkendecke brechen.

Queen’s Bridge sieht malerisch aus in diesem Licht. Kopfsteingepflasterte Straßen winden sich an kleinen Steinhäusern vorbei. Rauch steigt aus Kaminen auf und schlängelt sich gen Himmel, wo er sich mit den tief hängenden Wolken vermischt. Die vielen Grünflächen sind nun, im Spätherbst, nicht mehr sattgrün, doch die Menschen aus dem Ort tummeln sich immer noch auf ihnen. Die Erntezeit ist gekommen, daher werden an Ständen und offenen Karren alle möglichen Waren feilgeboten, während sich Queen’s Bridge auf den bevorstehenden Winter vorbereitet.

Als wir uns dem Zentrum des Ortes nähern, kommt eine Frau mit einem kleinen Kind im Arm aus ihrem Haus geeilt. Meine Mutter zieht die Zügel und steigt von ihrem Pferd ab. Die andere Frau macht Anstalten, in eine tiefe Verbeugung zu sinken, doch meine Mutter fasst sie am Ellbogen und zieht sie wieder hoch.

»Wir zwei kennen uns schon viel zu lange, als dass du riskieren solltest, dieses süße Kind für jemanden wie mich fallen zu lassen«, sagt meine Mutter und schließt dann sie und das Kind in ihre Arme.

Die Frau heißt Nina und kannte meine Mutter schon vor meiner Geburt.

Meine Mutter säuselt etwas an der Wange des Babys, und Nina lächelt sanft. »Prinzessin Eve«, spricht sie mich an. »Ihr seht so entschlossen aus wie eh und je.«

Ich steige ebenfalls ab und stelle mich neben meine Mutter. Nina ist eine Freundin, dennoch bin ich stets auf der Hut.

Auf einmal drückt mir meine Mutter das Baby an die Brust, doch ich trete einen Schritt zurück.

»Nein«, entgegne ich. »Ich will es nicht halten.«

»Es?«, fragt Mutter mit zusammengezogenen Brauen.

Nina schaut besorgt von mir zu ihrem Kind. Es ist kein Geheimnis, dass es in unserem Königinnenreich viele gibt, die mich fürchten, aber Nina sollte wissen, dass ich ihrem Sohn trotz meiner Aversion gegen den sabbernden Jungen nichts tun würde.

»Prinzessin, sein Name ist Aldis«, erklärt Nina mit sanfter Stimme. »Und er ist nicht aus Glas. Haltet ihn. Vielleicht wächst er euch ja doch noch ans Herz.«

Vielleicht lasse ich ihn auch fallen, aber das spreche ich nicht aus.

Meine Mutter drückt mir das Kind nun vehementer entgegen, sodass mir nichts anderes übrig bleibt, als es zu halten, jedoch mit einer Armeslänge Abstand. Ich bin ganz in Schwarz gekleidet und will nicht, dass er mich vollspuckt, so wie es Babys bekanntlich tun. Warum haben sie ständig Magenprobleme? Warum haben sie das Bedürfnis, ihren Magen oder ihren Darm zu den ungünstigsten Zeitpunkten zu entleeren?

Mutter und Nina gackern wie Hühner, während ich in Erwägung ziehe, Aldis einfach auf der Erde abzusetzen und ihn seinem Schicksal zu überlassen.

»Ich habe etwas auf der Gregory-Farm zu erledigen«, verkündet meine Mutter schließlich und nimmt mir das Baby ab, was mich ungeheuer erleichtert. Sie küsst es und übergibt es wieder an seine Mutter. »Macht es gut. Du weißt ja, wo du mich findest, solltest du irgendetwas brauchen.«

Meine Mutter behandelt Nina so, wie sie jede Bewohnerin und jeden Bewohner von Queen’s Bridge behandelt – mit Güte und Respekt.

Captain Mock hat zum Ausdruck gebracht, wie nervös ihn das macht. Er behauptet, es sei gefährlich, die Grenze zwischen Mitgliedern der königlichen Familie und dem einfachen Volk zu verwischen. Meine Mutter ist anderer Ansicht und hat ihn so scharf in seine Schranken gewiesen, dass er das Thema nur noch selten zur Sprache bringt.

Ich teile die Meinung meiner Mutter – die Leute von Queen’s Bridge sind die Lebensadern dieses Ortes; es ist unsere Pflicht, ihnen zu dienen und sie vor Feinden zu beschützen, ganz gleich, wie gefährlich sie sein mögen.

Als wir uns von Nina entfernen, wirft mir meine Mutter einen Blick zu. »Er ist einfach zu niedlich, nicht wahr? Baby Aldis, meine ich.«

»Ist er das? Ich glaub, ich hab schon niedlichere Kinder gesehen. Er hat einen ziemlich großen Kopf.«

Meine Mutter lacht schallend und hört nicht mehr auf, bis ihr Tränen in die Augen treten.

»Ich hoffe, das erwartest du nicht von mir«, merke ich mit einem Blick über die Schulter zu Ninas Haus an.

Meine Mutter streckt den Arm aus und tätschelt mein Bein. »Was ich von dir erwarte, ist das, was immer du für angemessen hältst. Ich möchte, dass du glücklich bist.« Ein nicht zu deutender Ausdruck huscht über ihre Züge und lässt ihr Gesicht so starr wie eine Maske wirken. Es fällt mir auf, aber ich sage nichts.

Sir Gregorys Farm befindet sich am Fuß der Berge in der Nähe des River Farris. Als meine Mutter und ich unsere Pferde in die entsprechende Richtung lenken, galoppieren sie schnell, mit rasenden Herzen und angespannten Muskeln. Ihre Stimmen harmonieren in meinem Kopf, und als wir ankommen, klingt es fast wie ein glückliches Lied.

Während wir uns der Farm nähern, wird mir klar, wo das Problem liegt und warum alle so besorgt wirken. Sir Gregory baut auf einer Fläche von knapp zwanzig Morgen Flachs an. Er verkauft regelmäßig auf dem Markt und ist bekannt für die tadellose Qualität seiner Erträge. Ich bin überrascht, dass der Flachs immer noch seine violetten Blüten trägt, aber noch überraschter, dass er mittlerweile über die Anbaufläche hinauswächst und bis über die Straße hinweg auf das Nachbarfeld reicht. Langsam scheint er sich seinen Weg bis zu einer breiten Stelle des River Farris zu bahnen.

Meine Mutter steigt ab, und ich tue es ihr gleich, ehe ich unsere Pferde an einem Zaunpfahl anbinde.

»Bleibt hier«, sage ich zu ihnen. Ich warte auf ihre Antwort und höre, dass beide einverstanden zu sein scheinen.

Dann folge ich meiner Mutter den überwachsenen Weg entlang zu Sir Gregorys Haus, wobei ich kurz stehen bleibe, um einen Stängel des Flachses abzubrechen und sein Innenleben zu untersuchen. Die Stängel sind gut geformt, die grüne Wurzel ist feucht. Die Pflanzen scheinen vollkommen gesund zu sein, daher kann ich mir keinen Reim darauf machen. Warum hat er sie nicht geerntet und im Ort verkauft?

Ich werfe den Stängel weg. Als er auf dem feuchten Boden landet, wächst aus einem Stiel eine lavendelfarbene Blüte.

Ich packe meine Mutter am Arm und deute auf den neuen Trieb. »Sieh nur! Sie … Sie wachsen. Gleich hier vor unseren Augen.«

Meine Mutter untersucht den Stängel, und als sie sich vorbeugt, um einen besseren Blick darauf zu werfen, wächst ein weiterer aus der Erde und erblüht. Sanft berührt sie die Blüten, woraufhin ihre soeben noch erstaunte Miene einen besorgten Ausdruck annimmt. Schließlich senken sich ihre Mundwinkel, und ein wenig der normalerweise wunderschönen vollen Umbrafarbe weicht ihr aus dem Gesicht.

»Mutter. Was für ein Zauber ist das?«

Sie richtet sich auf und legt ihre behandschuhten Finger auf den Degen an ihrer Hüfte. »Komm mit. Lass uns schauen, was Sir Gregory zu sagen hat.«

2

Ich klopfe an Sir Gregorys Tür, die er schon im nächsten Moment öffnet. Er ist ein älterer Mann mit lichter werdendem Haar, gütigen Augen und einem noch gütigeren Herzen. Er ist durch und durch liebenswürdig.

»Königin Regina.« Er neigt leicht den Kopf und wendet sich dann mir zu. »Prinzessin Eve.«

»Dürfen wir eintreten?«, fragt meine Mutter.

Sir Gregorys Augen werden groß, und seine Lippen teilen sich leicht, doch er fängt sich schnell wieder.

Angesichts seiner Nervosität regt sich etwas in mir. Ich habe meinen Degen, und meine Mutter hat ihren, obwohl ich weder Sir Gregory noch irgendjemand anderem die Chance geben werde, sie dazu zu bringen, ihn zu ziehen. Ich atme ein. In der kühlen Herbstluft liegt eine schwere Feuchtigkeit. Gut. Noch eine Sache, die ich mir zunutze machen kann, sollte es nötig sein.

»Gewiss, meine Königin«, sagt Sir Gregory schließlich. »Bitte kommt herein.«

Als er die Tür weit öffnet, treten meine Mutter und ich über die Schwelle – und hinein ins Chaos.

Sir Gregorys Kinder, von denen er, als ich zuletzt nachgefragt habe, acht hatte, rennen wild durcheinander und heben Bündel aus geerntetem Flachs auf, die sie mit einer Kordel zusammenbinden und in Körbe legen. Die Hintertür des Cottages wird schwungvoll geöffnet, woraufhin ein großer junger Mann mit einem Sack frisch geschnittenen Flachses hereintaumelt.

Sir Gregorys Frau eilt auf meine Mutter zu, und die beiden begrüßen einander warmherzig.

»Oh, Eure Majestät.« Lady Gregory seufzt. »Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr kommt, hätte ich ein wenig aufgeräumt.«

»Bitte.« Meine Mutter winkt ab, um Lady Gregorys Sorge zu zerstreuen. »Ein chaotisches Zuhause ist in der Regel ein glückliches.«

»Leider muss ich sagen, dass das im Moment nicht ganz zutrifft.«

»Katrice«, tadelt Sir Gregory seine Frau leicht verärgert, woraufhin ich ihn warnend anfunkele. Sofort wird sein Tonfall sanftmütiger. »Ihre Majestät und die Prinzessin wollen nichts von unseren Problemen hören.« Er kommt herüber und stellt sich zwischen meine Mutter und Lady Gregory. »Wie kann ich Euch behilflich sein, meine Königin?«

»Ehrlich gesagt bin ich gekommen, um Euch diese Frage zu stellen«, erwidert meine Mutter. »Eure Feldfrüchte wachsen unaufhörlich, sie reichen schon bis zum River Farris. Und wie Ihr sicherlich wisst, dient der Fluss als Hauptwasserversorgung für Queen’s Bridge. Wir können nicht zulassen, dass diese Versorgung unterbrochen wird; das wäre für alle Gegenden südlich von hier verheerend.«

»Meine Feldfrüchte sind nicht in der Nähe des Flusses, meine Königin«, entgegnet Sir Gregory.

»Doch, das sind sie«, meldet sich sein ältester Sohn zu Wort, der gerade ein Bündel Flachs auf den Tisch fallen lässt. »Sie haben schon fast das Ufer erreicht.«

»Bei den Göttern, Mekhi! Erzähl mir doch so was nicht!« Sir Gregory sieht aus, als würde er jeden Moment ohnmächtig werden. Er hält sich an der Tischkante fest, auf seiner wettergegerbten Stirn bilden sich Schweißperlen.

Mekhi hält seinen Vater am Arm fest, damit er die Balance wiederfindet. In die Stirn des Jungen haben sich tiefe Falten gegraben, die von Sorge um Sir Gregory zeugen.

Der legt seinem Sohn nun eine Hand auf die Schulter. »Wie schlimm ist es?«

Mekhi schüttelt mit gesenktem Blick den Kopf.

Ich studiere Sir Gregory eingehend. Seine Reaktion wirkt nicht gespielt, aber ich konnte bereits von der Straße aus sehen, dass sein Flachs bis zum Flussufer wächst. Wenn ihm das nicht bewusst ist und er nicht begreift, wie schlimm es ist, kann das nur bedeuten, dass er sich weigert hinzusehen. Was eine wichtige Frage aufwirft: Warum?

Sir Gregory lässt sich auf einen Stuhl am Tisch sinken und vergräbt sein Gesicht in den Händen.

Mekhi legt eine Hand auf den Rücken seines Vaters und schaut von mir zu meiner Mutter.

Auf einmal erklingen polternde schnelle Schritte aus dem hinteren Flur, und ein kleines Mädchen mit zwei Dutten links und rechts auf dem Kopf kommt hereingerannt. Sie steuert geradewegs auf mich zu und zupft an meiner Hose.

»Miri«, sagt Sir Gregory. »Begegne der Prinzessin mit Respekt.«

Das Mädchen macht einen unbeholfenen Knicks, zieht dann einen kleinen hölzernen Degen unter ihren Röcken hervor und tut so, als würde sie ihn mir ins Bein rammen.

»Miri, bitte!«, warnt Sir Gregory und versucht, seine Tochter wegzuscheuchen.

»Schon in Ordnung«, versichere ich. Dann hole ich meinen Degen hervor und halte ihn so, dass er in dem Sonnenlicht, das durch das Fenster hereinfällt, funkelt.

Die Augen des Mädchens werden groß. »Darf ich ihn mal halten?«

Ich bemühe mich, mir meine Belustigung nicht anmerken zu lassen.

»Miri«, spricht Mekhi sie sanft an. »Du kannst ihn nicht halten …«

»Warum nicht?«, frage ich und betrachte Miri eingehend. Sie ist ein kräftiges, rundliches Mädchen, das mit Sicherheit überaus gut darin wäre, einen Degen zu schwingen.

»Sie weiß nicht, wie man ihn benutzt«, gibt Mekhi zu bedenken. »Ich bringe es ihr zwar bei, aber sie ist noch nicht so weit.«

Miri holt aus und bohrt mir erneut die Spitze der Holzwaffe ins Bein. Ich habe Glück, dass es keine echte Klinge ist, denn ungeachtet Mekhis Einschätzung ihrer Fertigkeiten hätte sie mir den Degen mühelos ins Fleisch gerammt. Nun dreht sie ihr Handgelenk, eine Technik, die dafür sorgen würde, dass sich die Wunde – gäbe es denn eine – nicht schließen würde.

Ich tue so, als wäre ich schwer verletzt, woraufhin sich sofort Sorge auf ihrem Gesicht abzeichnet. Ihre Augen füllen sich mit Tränen, während sie mein Bein tätschelt.

Eilig straffe ich die Schultern und lächele sie an.

Sie stößt scharf die Luft aus und wirkt erleichtert. Wenigstens ist sie im Gegensatz zu dem sabbernden Aldis darauf vorbereitet, sich zu verteidigen.

»Du weißt, was du tust, aber du weißt nicht, was du fühlen wirst«, sage ich leise und schiebe meinen echten Degen zurück in die Scheide. »Keine Tränen für die Bösen, süßes Mädchen.« Ich wische ihr mit meinem Hemdsärmel das Gesicht ab.

»Eve«, meldet sich meine Mutter streng zu Wort. »Lass dem Mädchen seinen Spaß.«

»Tut mir leid, Prinzessin«, entschuldigt sich Sir Gregory, und Lady Gregory scheucht die Kinder, auch ihre Tochter mit dem kleinen Degen, zur Hintertür hinaus, damit wir uns ungestört unterhalten können.

Meine Mutter tritt neben einen der vielen Berge aus Flachs, nimmt Platz, zieht sich den mit Pelz gefütterten Umhang enger um ihren Körper und faltet die Hände vor sich.

Ich ziehe einen kleinen Hocker heran und setze mich neben sie.

»Meinen Landvermessern ist Dürre in einigen der Anbaugebieten westlich von Queen’s Bridge aufgefallen«, erklärt meine Mutter mit leiser, ernster Stimme. »Selbst in Gegenden, wo es nicht allzu extrem ist, gibt es einen Zustrom von Insekten, Ungeziefer und Pflanzenkrankheiten. Die Leute haben Probleme, ihre Feldfrüchte zu schützen.« Sie schaut sich im Raum um. »Wie es scheint, habt Ihr keine derartigen Probleme.«

»Wir hatten hier auch Dürreperioden«, erwidert Sir Gregory eilig. »Und Fäulnis. In den Wurzeln.«

»Aber es beeinträchtigt den Flachs nicht?« Mutter zieht die Augenbrauen hoch, lehnt sich vor und schaut Sir Gregory eindringlich an, so wie sie es immer tut, wenn sie eine Frage gestellt hat, deren Antwort sie längst kennt.

In dem Moment wird mir bewusst, dass sie irgendeine Information zurückhält. Sie weiß etwas, gibt Sir Gregory jedoch die Chance, ihr aus freien Stücken die Wahrheit zu offenbaren. Ich hoffe um seinetwillen, dass er sie ergreift, denn meine Mutter ist nicht dort hingelangt, wo sie heute ist, indem sie Menschen Lügen hat durchgehen lassen.

Sir Gregory trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. »Ich werde alt. Die Farm zu unterhalten, bedeutet eine Menge Arbeit, und nur einige der Kinder sind alt genug, um zu helfen. Ich musste zusätzliche Arbeit annehmen.« Er deutet zu einem hohen Schrank in der gegenüberliegenden Ecke des Zimmers, der mit Holzfiguren mit schlanken Beinen und Armen gefüllt ist. Aufgemalte Gesichter blicken uns entgegen. »Marionetten«, erklärt er. »Ich bin ziemlich gut im Schnitzen geworden.«

»Ich kann Euch Unterstützung für die Feldarbeit suchen«, biete ich an. »Es gibt immer Leute, die bereit sind, zu helfen. Wir können sie entlohnen und für ihre Mahlzeiten aufkommen.«

Meine Mutter nickt, schweigt jedoch.

»Ich will keine Hilfe«, erwidert Sir Gregory gepresst, als sei er wütend, doch ich kann mir immer noch keinen Reim darauf machen. »Es ist nicht nötig, das versichere ich Euch.«

Meine Mutter hebt eine Hand, woraufhin er seinen Blick auf den Tisch senkt und die Schultern hängen lässt. Er zittert.

»Ihr wollt keine Hilfe.« Meine Mutter klingt beherrscht. »Was wollt Ihr dann? Oder sollte ich besser fragen, was Ihr Euch wünscht, Sir Gregory?«

Im ersten Moment registriere ich nicht, was sie mit diesen Worten andeuten will, aber als Sir Gregory sie erschrocken ansieht, begreife ich endlich.

»Nein«, sage ich laut, nicht in der Lage, meinen Unglauben zu verbergen. »Sir Gregory, bitte sagt mir, dass Ihr nicht so unbesonnen wart.«

Seine gequälte Miene ist Antwort genug.

Eine Welle der Wut überkommt mich, und das kleine Feuer im Kamin flackert. Eine dünne Flamme, orange wie die untergehende Sonne, lehnt sich leicht in meine Richtung.

»Eve«, warnt meine Mutter. »Nicht jetzt.«

Ich atme tief durch, sodass die Flammen in ihren vorherigen Zustand zurückkehren.

Meine Mutter schüttelt den Kopf und reibt sich den Mund. »Ihr habt Euch etwas gewünscht, nicht wahr?«

Ich starre Sir Gregory an, der an dem Versuch scheitert, seine Angst zu verbergen. Er ist ein guter Mann mit einem großen Herzen, daher hätte ich ihm niemals zugetraut, dass er Wünsche ausspricht.

Nun schnaubt er und bemüht sich, gelassen zu wirken, doch als er mit den Schultern zuckt, wirkt die Geste steif. »Es war ganz einfach. Ich schwöre es. Nichts, was Euch Sorgen bereiten müsste, Hoheit. Keineswegs.«

»Mit ihm ist nichts jemals ganz einfach. Das wisst Ihr. Das wissen alle in Queen’s Bridge. Warum solltet Ihr ein solches Risiko eingehen?« Sie schaut zur Hintertür, auf deren anderer Seite sich Sir Gregorys Kinder befinden. Alle wissen, dass sie für ihn das Wichtigste im Leben sind. »Eure Familie ist nun nicht mehr vor ihm geschützt. Wir konntet Ihr so leichtsinnig sein?«

»Leichtsinnig?« Seine ungerührte Fassade löst sich in Luft auf. »Ich habe lange darüber nachgedacht. Und zwar gründlich.«

»Offenbar nicht.«

»Ich wollte die doppelten Erträge in der Hälfte der Zeit, damit ich früher abernten und mich auf den Winter vorbereiten kann.« Er fährt sich mit einer Hand über den Kopf. »Ich werde älter und will so viel Zeit mit meinen Kindern und meiner Frau verbringen, wie ich kann, und …«

Meine Mutter lehnt sich seufzend auf ihrem Stuhl zurück. »Wurde der Wunsch gegen eine Bezahlung oder gegen Bedingungen erfüllt?«

»Bedingungen«, antwortet er eilig, als würde das die Sache besser machen. »Denn ich besitze nichts, was ihn sonderlich interessiert. Ich weiß, dass es nicht schlau war, aber …«

»Wie genau lautete Euer Wunsch?«, unterbricht ihn meine Mutter.

Ich wappne mich für Sir Gregorys Antwort. Jedes Wort wird wichtig sein, jede potenzielle Doppelbedeutung muss analysiert werden.

Er faltet seine zitternden Hände vor sich und stützt die Ellbogen auf den Tisch. »Mein Wunsch lautete, dass ich die Erträge des Flachses in der Hälfte der gewöhnlichen Zeit verdoppeln will. Ich habe um einen Überfluss an Flachs gebeten.«

Meine Mutter presst ihre Hände so fest auf die Tischplatte, dass das Holz ächzt. »Nein.« Ihre Stimme klingt entschlossen. »Verratet mir Eure exakten Worte.«

Sir Gregory sinkt resigniert in sich zusammen. »Ich … Ich hab gesagt: ›Ich wünsche mir für den Rest der Jahreszeit einen Überfluss an Flachs. Pflanzen, die so robust sind, dass weder Krankheit noch Dürre sie vom Sprießen abhalten.‹«

Meine Mutter schiebt ihren Stuhl zurück und steht auf. »Wann habt Ihr jemals erlebt, dass ein Abkommen mit ihm so ausgeht wie beabsichtigt? Ihr hättet es besser wissen müssen.«

»Wie habt Ihr ihn überhaupt gefunden?«, frage ich.

Meine Mutter presst die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen, und ich habe Angst, dass ich mich damit verraten habe.

»Ich war mit Mekhi in Hastwich Pass auf Elchjagd. Östlich des River Farris. Ich habe sein Schloss zufällig auf seinem Weg durch die Berge gesehen. Obwohl ich nicht nach ihm gesucht habe, war er auf einmal da.« Sir Gregory schüttelt den Kopf. »Also habe ich meinen Sohn mit unserer Beute nach Hause geschickt und bin allein weitergezogen.«

»Ihr hattet vor, ihn um einen Wunsch zu bitten, und auf einmal taucht er einfach auf, sodass Ihr ihm folgen könnt«, stellt meine Mutter fest. »Das war kein Zufall.«

»Nein, wahrscheinlich nicht.« Sir Gregory öffnet seine Hände, ballt sie dann zu Fäusten. Schließlich seufzt er. »Die Dürre, von der Ihr spracht – sie betraf mich sehr wohl. Ich hatte Mariengras und gutes, robustes Getreide, aber alles ist innerhalb von einem Monat eingegangen. Wir konnten keine Körbe flechten. Wir hatten kaum etwas zu essen, abgesehen von dem Wild, das wir jagten, also bin ich auf Flachs umgestiegen. Flachs ist Nahrung, Ballaststoff und Brennstoff in einem. Ich dachte, ich könnte das, was wir verloren hatten, wettmachen, aber es dauert unfassbar lange, bis Flachs reif ist. Hundertzwanzig Tage konnte ich nicht warten. Ich war verzweifelt.« Er sinkt noch weiter in sich zusammen, als würde er darauf hoffen, dass der Stuhl ihn einfach verschluckt.

»Das sind alle, die einen Handel mit ihm eingehen«, merke ich an.

Als er mich aus schmalen Augen anschaut, strecke ich meine Hand in Richtung Feuer aus. Es flammt auf, züngelt an den Backsteinen des Kamins hinauf und formt eine kleine Säule. Ich bringe es nicht dazu, meine Hand zu berühren, sondern erlaube der Flamme, wieder ein wenig herabzusinken.

Sir Gregory verspannt sich auf seinem Stuhl.

»Und Ihr konntet Euch nicht an Eure Nachbarn wenden?«, fragt meine Mutter. »Oder an mich?«

»Und Euch erzählen, dass ich meine eigenen Kinder nicht ernähren kann?« Er schüttelt den Kopf. »Nein. Das konnte ich nicht.« Sein Blick wirkt umwölkt, als würde er an etwas zurückdenken, das er lange verdrängt hatte und nie wieder an die Oberfläche zurückholen wollte. »Es war ganz anders, als die Leute immer behaupten«, sinniert er mit leiser Stimme. »Es ist weniger ein Schloss als vielmehr ein großes, wuchtiges Ungeheuer aus Metall und Nieten und Dampf und Dunkelheit – wie ein lebendiger, atmender, sich fortbewegender Schatten.«

Ein Schauer durchfährt mich.

»Wie viele Menschen haben seine Wohnstätte schon aktiv gesucht und sind nie wieder nach Hause zurückgekehrt?«, fragt meine Mutter. »Ihr habt eine Familie. Wie soll sie ohne Euch durchkommen? Habt Ihr Euch darüber Gedanken gemacht?«

»Das ist mir bewusst.« Er lässt den Kopf hängen. »Aber ich habe es für sie getan. Ich habe mich einfach so sehr nach ein wenig Ruhe gesehnt und wollte mehr Zeit mit ihr verbringen.«

Die Miene meiner Mutter wird etwas weicher. Sie legt ihm eine Hand auf die Schulter. »Ich werde ein paar Leute schicken, die Euch dabei helfen, den Flachs niederzuhacken, damit er bis zum Ende der Saison vom Fluss fernbleibt.« Sie zieht ihre Hand zurück und sieht ihn aus verengten Augen an. »Ich vertraue darauf, dass Ihr diesen Fehler nicht noch einmal begeht. Mir ist bewusst, dass Ihr ein stolzer Mann seid, aber lasst Euch dadurch nicht davon abhalten, vertrauenswürdige Menschen um Hilfe zu bitten.«

Sir Gregory wischt sich über die feuchten Augen, als meine Mutter mir bedeutet, ihr zur Haustür zu folgen. Die Pferde grasen am Flachs, und ich könnte schwören, dass weitere Pflanzen auf dem Weg aus der Erde gesprossen sind, während wir im Haus waren.

»Ich kann nicht glauben, dass er sich auf einen Handel mit ihm eingelassen hat«, platze ich heraus, als ich mein Pferd losbinde und mich in den Sattel schwinge.

Meine Mutter steigt ebenfalls auf ihr Pferd und seufzt, das Gesicht zum Himmel gewandt. »Ich schon. Ein erfüllter Wunsch ist äußerst verführerisch, Eve. Das ist seine Macht.«

Trotz all der Dinge, die meine aufmerksame Mutter den Menschen von Queen’s Bridge bietet, gibt es auch solche, die nicht in unserer Macht stehen. Was Sir Gregory wollte, konnte ihm eine Königin nicht geben – aber der Ritter ist keine Königin oder irgendein anderes Mitglied der Adelsfamilie. Er ist nicht einmal ein Mensch.

Er ist ein wahr gewordener Mythos.

Ein Monster.

3

Meine Mutter sitzt an der langen Tafel in ihrem Salon, die Finger unter dem Kinn zusammengelegt, das Gesicht vor Sorge angespannt. Die Maserung des aus Walnussholz gefertigten Tisches ist so dunkel, dass es aussieht, als säße sie am Ende eines großen schwarzen Schattens. Sie betrachtet die Karte von Queen’s Bridge, die vor ihr liegt und deren Ecken von soliden Messingkerzenhaltern beschwert werden.

Ich leiste ihr schweigend Gesellschaft, denn ich weiß, dass sie sprechen wird, sobald sie bereit dazu ist. Bis dahin habe ich ein paar eigene Sorgen, die ich zur Sprache bringen möchte.

»Warum hat Sir Gregory es riskiert, dem Ritter zu folgen?«, frage ich. »Sein Schloss ist nur schwer zu finden, ganz egal, wo es gerade steht.« Das wandelnde Schloss des Ritters ist den Menschen von Queen’s Bridge ein großes Rätsel. Obwohl es schon oft gesichtet wurde, weiß niemand genau, von welcher Magie es angetrieben wird. »Die Reise dorthin ist ungeachtet seines Standortes gefährlich.«

»Es sei denn, er will, dass man es findet«, erwidert meine Mutter leise, den Blick immer noch auf die Karte gerichtet. »Wenn er will, dass man zu ihm gelangt, ist der Pfad frei.«

»Du glaubst, der Ritter hat Sir Gregory zu sich gelockt?«

Sie legt den Kopf schief. »Das spielt keine Rolle. Was geschehen ist, ist geschehen. Der Wunsch wurde ausgesprochen. Die Bedingungen des Ritters sind unverbrüchlich. Sir Gregorys Wunsch war so simpel, wie ein Wunsch nur sein kann, dennoch ist er ihm zum Verhängnis geworden, weil der Ritter dafür gesorgt hat.« Sie schüttelt seufzend den Kopf, ehe sie sich erhebt und zum goldenen Käfig am Fenster geht. Nachdem sie die kleine Tür geöffnet hat, steckt sie ihre Hand hinein, woraufhin die Nachtigall von der Stange hüpft und sich auf ihre ausgestreckten Finger setzt.

»Sanaa, meine Liebe«, säuselt meine Mutter. »Wir wissen besser als die meisten anderen, wie ein Handel mit dem Ritter abläuft, nicht wahr?« Sie streichelt das weiche Gefieder des Vogels und lässt ihn wieder auf seine Stange hüpfen, ohne den Käfig hinter ihm zu schließen. »Ich möchte nicht, dass sie sich fühlt, als könne sie nicht so frei sein, wie es ihr beliebt.«

Ich trete neben meine Mutter und lege meine Arme um sie, woraufhin sie das Gesicht an meiner Schulter vergräbt.

»Es gibt keinen fairen Handel mit ihm.« Sie löst sich von mir und sieht mich an. »Er wird weiterhin diejenigen in Versuchung führen, die sich nach mehr sehnen. Er weiß ganz genau, wie er sich ihre tiefsten Sehnsüchte zunutze machen kann.«

»Also muss er gewusst haben, wie sehr sich Sir Gregory gewünscht hat, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen.«

Meine Mutter nickt. »So war es schon immer. Wir leben ständig im Schatten der Verwüstungen, die er anrichtet.« Sie schaut zu einem Gemälde meiner anderen Mutter, Königin Sanaa, hoch, das sie so zeigt, wie sie war, bevor alles schiefgelaufen ist. Eine bodenlose Grube der Trauer droht mich zu verschlingen, wenn ich zu nahe an den Abgrund trete, also wende ich meinen Blick von dem Porträt ab und richte ihn auf den Käfig, in dem Königin Sanaa nun wohnt.

Es ist der Betrug des Ritters an ihr, der den Zorn meiner Mutter auf Sir Gregory schürt.

Königin Sanaas Schicksal ist auch ein Teil von mir. Es bindet uns an den Ritter wie eine Fußfessel. Die Geschichte hat sich in meine Erinnerung eingebrannt, eine mahnende Erzählung, die ich immer wieder höre, seitdem sich das Ereignis zugetragen hat. In meinem Kopf hallt sie mit der Stimme meiner Mutter wider, die sie mir vor vielen Jahren berichtet hat.

Es hat nie einen Wunsch gegeben, der mit einer solchen Deutlichkeit laut ausgesprochen wurde, dass er nicht in irgendeiner Form anders ausgelegt werden konnte. Ihr Wunsch jedoch war simpel. Nichts Vages, das missverstanden oder falsch gedeutet werden konnte. Er konnte sie nicht betrügen, wenn sie sich präzise ausdrückte. Vor dem Spiegel hatte sie geübt, bis sie die Worte auswendig konnte.

Dann zog sie in die Berge und fand sein Schloss im Schein des Vollmondes. Es stand inmitten von Gesteinsbrocken in der Nähe einer steilen Schlucht, obwohl es nie lange an einem Ort blieb. Hatte er gewollt, dass sie ihn so mühelos fand? Vielleicht, aber das bedeutete, er musste gewusst haben, dass sie kommen würde, und das bedeutete wiederum, dass er ihr bereits einen Schritt voraus war. Dennoch trotzte sie der eisigen Kälte und legte die gefährliche Strecke zurück, um zu ihm zu gelangen.

Die Tore des Schlosses öffneten sich von allein; ein schmaler Gang führte ins Innere. Sie durchquerte ihn und entdeckte schließlich den Ritter in einem Raum, in dem er ein Feuer entzündete, das heiß genug war, um ihre nasse Kleidung innerhalb kürzester Zeit zu trocknen.

»Ich muss gestehen, dass ich nicht mit dir gerechnet habe«, begrüßte er sie, seine Stimme wie ein Echo in einer Höhle.

»Ich möchte mir etwas wünschen«, verkündete sie.

Er drehte sich um und starrte sie an, obwohl sie seine Augen durch die schmalen Schlitze des schwarzen Helmes nicht sehen konnte. Kein lebendiger Mensch hatte ihn jemals ohne den Helm gesehen.

»Bedingung oder Bezahlung?«

»Bedingung.«

Er legte den Kopf schief. »So soll es sein.«

Sie wusste, was sie zu sagen hatte, nun musste sie die Worte nur noch laut aussprechen.

»Ich bin krank«, begann sie.

»Und du wünschst dir, von der Krankheit geheilt zu werden?«, fragte der Ritter.

»Nein«, antwortete Königin Sanaa. »Die Krankheit hat mir etwas geraubt, das mir sehr wichtig war und das ich nun gern zurückhätte.« Sie atmete tief durch und berührte die weiche Haut ihres Halses. Die Krankheit hatte ihr die Fähigkeit genommen zu singen – ein Talent, das sie geschult hatte, seit sie ein kleines Mädchen gewesen war. Sie hielt inne und sprach dann ihren Wunsch aus. »Ich wünsche mir, dass meine Singstimme die lieblichste des ganzen Landes ist.«

Simpel. Direkt. Kein Raum für Fehlinterpretationen.

Der Ritter blieb so lange reglos und stumm, dass sie sich bereits fragte, ob er vergessen hatte, dass sie noch da war.

»In drei Tagen«, verkündete er schließlich.

Sie wandte sich ab. Sobald sie durch die Tore gegangen war, hörte sie ein lautes Grollen hinter sich, und das Schloss, eine Masse aus gebogenem schwarzem Metall, stieg in die Lüfte auf und entfernte sich langsam von ihr wie ein Monster aus einem Albtraum.

Sie glaubte, es geschafft zu haben, denn sie hatte die Worte genauso aufgesagt, wie sie es geübt hatte. Ihre Gemahlin würde zufrieden sein. Ihr wiedergewonnenes Talent würde sie dazu nutzen, ihr Liebeslieder vorzutragen, so wie sie es getan hatte, als sie begonnen hatte, sie zu umwerben, und um ihre winzige Tochter in den Schlaf zu singen.

Am dritten Tag war von ihr selbst nichts mehr übrig, außer eines gehetzt wirkenden Augenpaares über einem schwarzen Schnabel und braun gesprenkelter Federn, während das kleine Mädchen schrie und Königin Regina schluchzte. In den letzten Momenten, bevor die Verwandlung vollendet war, erzählte sie ihrer großen Liebe von den schrecklichen Umständen, die dazu geführt hatten.

»Kämpfe gegen ihn! Mit allem, was du hast«, bat sie.

»Das werde ich«, versprach Königin Regina. »Ich schwöre es.«

Die Königin war vollkommen niedergeschlagen, doch ihre kleine Tochter konnte ihr mit ihrem Lächeln aus der Trauer heraushelfen. Ihr Lachen ersetzte das endlose Schluchzen.

Das Mädchen war alles, was zählte.

Ich stehe neben dem Käfig und betrachte die Nachtigall in ihrem goldenen Käfig. Königin Sanaa hat sich gewünscht, die lieblichste Stimme des Landes zu haben, um meiner Mutter vorsingen zu können und mich in den Schlaf zu wiegen, doch der Ritter hat ihr diesen Wunsch im wortwörtlichsten Sinne erfüllt. Nun hat sie die wunderschöne Stimme, die sie wollte, doch muss sie den Rest ihrer Tage in Gestalt eines Vogels verbringen. Ihr Gesang klingt hell und melodisch, doch ihre Rufe sind ängstlich und voller Verzweiflung.

Die Frage, wie der Ritter diese schreckliche Macht gewonnen hat und es schafft, sie ohne Konsequenzen auszuüben, hält meine Mutter nachts wach und lässt sie in ihren Gemächern auf und ab gehen. Der Ritter reiste schon lange vor ihrer Krönung durch dieses Land und terrorisierte Generationen von Königinnen des Hauses Miller. Kommt er weiterhin damit durch, wird er auch noch hier sein, wenn wir alle tot sind. Er war schon immer eine Gestalt, vor der man sich fürchten muss. Dennoch glauben die Leute, seine gefährlichen Abkommen könnten ihnen Vorteile verschaffen, weil sie meinen, etwas Besonderes zu sein – doch sie irren sich.

»Meine Hoffnung ist, dass wir ihn eines Tages ein für alle Mal erledigen«, verkündet meine Mutter, als Königin Sanaa auf ihre Schulter flattert. Trotz ihrer Hoffnung schwingt Verzweiflung in jeder Silbe mit. »Ich werde nicht ruhen, ehe er zur Rechenschaft gezogen wurde. Die Leute dieses Landes haben Gerechtigkeit verdient. Und Frieden.«

»Genauso wie du«, füge ich hinzu.