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Schön Alt. Leben im Alter, handelt von normalen Menschen mit außergewöhnlichen Lebensentwürfen, die nach ihrer beruflichen Laufbahn den Mut hatten, sich eine neue Beschäftigung zu suchen. Die ein Buch schreiben oder eine Lebensschule gründen. Sie malen, sammeln oder gründen einen Verein, sie reisen und helfen, studieren und wandern. Oder sie sind - einfach so - glücklich. Wir alle wollen gefordert und gebraucht sein und wir möchten unsere Erfahrungen in die Gesellschaft einbringen können. Wie man das macht, hat die Autorin ihre Gesprächspartner gefragt. Es erzählt von Älteren und von ihren Erfahrungen. Von dem, was sie sich erhoffen und was sie getan haben, um ihre Ziele zu erreichen. Und vor allem davon, wie sie es getan haben. Neben ihren Geschichten wird in Meditations-Anleitungen und in spielerischen Übungen für den Alltag beschrieben, wie wir Farbe und Freude in unser Leben bringen. Es geht um Selbstbewusstsein und Eigensinn und um den Mut, dem Spielerischen und Abenteuerlichen einen Ort im Alltäglichen zu geben. Mit Informationen über ViLE, das Netzwerk der älteren Generation, über das Internet und das Büro gegen Altersdiskriminierung. Mit Beiträgen von Dr. Ekkehard Krüger, Flensburg.
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Seitenzahl: 181
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Anna und Mimis Dimitriou Kouvatsidis, Dr. Knut Franck, Frieda K., Gertrud Kriener, Dr. Ekkehard Krüger, Christa und Peter Lorenzen, Jürgen Martensen, Christa Mehrgardt, Willi Riep, Marie S. und Gesche Tietjens.
"Schön Alt. Leben im Alter" handelt von normalen Menschen mit außergewöhnlichen Lebensentwürfen, die nach ihrer beruflichen Laufbahn den Mut hatten, sich eine neue Beschäftigung zu suchen. Die ein Buch schreiben oder eine Lebensschule gründen. Sie malen, sammeln oder gründen einen Verein, sie reisen und helfen, studieren und wandern. Oder sie sind – einfach so – glücklich.
Wir alle wollen gefordert und gebraucht sein, und wir möchten unsere Erfahrungen in die Gesellschaft einbringen können. Wie man das macht, hat die Autorin ihre Gesprächspartner gefragt. Das Buch erzählt von Älteren und von ihren Erfahrungen. Von dem, was sie sich erhoffen und was sie getan haben, um ihre Ziele zu erreichen. Und vor allem davon, wie sie es getan haben. Neben ihren Geschichten wird in Meditationsanleitungen und in spielerischen Übungen für den Alltag beschrieben, wie wir Farbe und Freude in unser Leben bringen.
Ein Buch, geschrieben für Leserinnen und Leser, die mehr vom Leben wollen, die sich weiterentwickeln und dabei mehr als nur eine trockene Präsentation lesen möchten. Menschen, die nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern die wissen wollen, wie man auch im Alter ein erfülltes Leben führt – und wie andere das machen.
In diesem Buch geht es um das Wie. Es geht um Selbstbewusstsein und Eigensinn und um den Mut, dem Spielerischen und Abenteuerlichen einen Ort im Alltäglichen zu geben. Mit Informationen über "ViLE", das Netzwerk der älteren Generation, über das Internet und das Büro gegen Altersdiskriminierung.
Mit Beiträgen von Dr. Ekkehard Krüger, Flensburg.
Eva-Maria Mehrgardt, geb. 1952, arbeitet seit ihrem Studium als freischaffende bildende Künstlerin und lebte lange in den Niederlanden und einige Jahre in Indien. Ihre Erfahrungen in Theorie und Praxis unterschiedlicher Meditationstechniken und Anleitungen zur Selbstheilung ermöglichen ihr einen offenen Umgang mit den besonderen Anforderungen der heutigen Zeit in einer Herangehensweise, in der ihre künstlerische Praxis ein wesentlicher Bestandteil ihrer Arbeit ist. Sie leitet seit über 30 Jahren Kurse in Kunst und Meditation und lebt und arbeitet heute in einem kleinen Dorf im Norden Deutschlands.
"Ich habe den Wert von jedermanns Weisheit und die Tatsache, dass die Menschen dieselbe Weisheit auf vielen Straßen entdecken können, zu verstehen begonnen. Öffne deinen Geist, so dass du nicht mehr in Eigensucht gefangen bist, dann wirst du dich nicht mehr für das Zentrum der Welt halten, weil du so beschäftigt bist mit deinen Leiden, Schmerzen, Grenzen, Begierden und Ängsten, dass du blind bist für die Schönheit des Lebens. Du wirst sehen, das Leben ist ein solches Wunder, und wir verbringen soviel Zeit damit, herauszufinden, wo es uns unrecht tut."
Pema Chödrön
Vielen Dank für die guten Gespräche an Anna und Mimis Dimitriou Kouvatsidis, Knut Franck, Frieda K., Gertrud Kriener, Ekkehard Krüger, Christa und Peter Lorenzen, Jürgen Martensen Christa Mehrgardt, Willi Riep, Marie S. und Gesche Tietjens.
Vorwort
Ich mache eine Spritztour. Frieda K.
Die innere Freiheit muss man sich erkämpfen. Willi Riep
Mensch Anna, wir sind stolz auf dich! Anna und Mimis Dimitriou Kouvatsidis
Ich brauche eine sinnvolle Beschäftigung. Gertrud Kriener
Im Grunde bin ich ein fauler Hund. Knut Franck
Die Freiheit im Kopf. Gesche Tietjens
Die Kunst, glücklich und weise alt zu werden. Die Lebensschule. Christa und Peter Lorenzen
Ich entscheide selbst. Marie S.
Das Notwendige möglich machen. Ekkehard Krüger
Die Erinnerungen finden mich. Christa Mehrgardt
Man trägt sich selbst. Jürgen Martensen
Glück ist ein Parfüm
Meditation
Den Alltag üben
Gesundheit und Wachstum im Alter. Ekkehard Krüger
Erlaube diesem Moment zu sein wie er gerade ist
Farbe zeigen
Sich im Internet schlau machen
Abenteuer Alt – Geschichten aus dem Internet
Leitbild und Handlungsfelder für eine generationenfreundliche Stadt. Ekkehard Krüger
Wir brauchen eine Tat
Zukunftswerkstatt
Schön Alt
Verena traf ich während eines längeren Aufenthalts in den Bergen Indiens am Rande des Himalaya. Mit ihrer Lebensfreude und Abenteuerlust hat sie mich tief beeindruckt, und sie ist eines der Vorbilder, die mich zu diesem Buch inspiriert haben.
Von ihr habe ich gelernt, wie man auch als alter Mensch aus dem Vollen leben kann. Sie kam aus den Niederlanden und saß im Seminarraum der Tibetischen Bibliothek in Dharamsala. Eine zierliche Dame mit grauen Löckchen und über achtzig Jahre alt, die sich offensichtlich ausgezeichnet amüsierte.
Als ich Verena nach der Vorlesung fragte, ob sie in das Café nebenan mitkäme, antwortete sie mir, einen Tee hätte sie sehr gerne, aber den müsse ich bezahlen, denn sie habe kein Geld. Auf meine erstaunte Frage hin, wie sie ohne Geld herumreisen könne, antwortete sie, sie sei vor einigen Monaten ziemlich schnellentschlossen nach Nepal abgereist und habe dort bei ihrem ersten Bankbesuch zu ihrem Schrecken festgestellt, dass sie mit ihrer Scheckkarte in Ländern außerhalb Europas kein Geld abheben könne. Aber dann sei ein sehr netter Herr dazugekommen, und der habe ihr zur Überbrückung gleich zweihundert Dollar geschenkt. So fing es an.
Seitdem reise sie auf Pump, es seien einfach immer Leute dagewesen, die für sie gezahlt hätten. Es sei ihrer Bank aus ihr unverständlichen Gründen auch nicht möglich gewesen, ihr eine neue Scheckkarte auszustellen. Und sie wollte nur deswegen nicht sofort nach Hause zurückfliegen. Also blieb sie und vertraute auf ihr Glück. Sie erzählte aufregende Geschichten von ihrer Exkursion in das Hochgebirge Nepals und von dem großen schönen Tibeter, der sie über die Flussfurten getragen habe. Von den herrlichen Orten, die sie gesehen, und den netten Menschen, die sie auf ihrer bisherigen Reise getroffen habe. Überall sei sie eingeladen und auf Händen getragen worden! Inzwischen war es schon eine Ehre, wenn Verena eine Einladung annahm. Alle wollten mit ihr lachen und von ihren Abenteuern hören.
Ihr Optimismus war einfach umwerfend. So zart und zerbrechlich sie aussah, war sie doch schon drei Monate in Indien und Nepal unterwegs, dabei vollkommen auf die Güte und die Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen vertrauend.
Denn das war Verenas große Kraft. Sie war charmant und witzig, und wenn man sie erzählen hörte, wurde man einfach guten Mutes und glaubte an die unbedingte Schönheit der Welt.
Ich habe so viele außergewöhnliche Menschen mit ausgefallenen Geschichten getroffen. Da gab es die alte Dame, neben der ich auf einer Bank am Flughafen saß und die sich zumEntsetzen ihrer Kinder nach dem Tod ihres Mannes auf die Beine gemacht hatte, um alleine durch Asien zu reisen. Da war der Mann, der sich einen Motorroller kaufte und damit durch Indien kutschierte und dabei wie ein indischer Rikschafahrer auf seinem Motorroller nächtigte. Der strahlende Mönch, der auf seinen abgelatschten Flipflops nach Ladakh gelaufen war.
Und dann war da Mira, eine sechzigjährige Hausfrau aus England. Sie hatte Mann und Sohn mit deren Einverständnis verlassen und war nach Indien in ein Meditationszentrum gezogen. Bis sie plötzlich verschwunden war. Es gab Gerüchte, sie hätte sich auf eine Pilgerreise um einen heiligen Fluss begeben. Niemand wusste etwas Genaues. Dann, nach drei Jahren, tauchte eine völlig veränderte Mira wieder auf. Sie war irgendwie gewachsen, ihr fehlten ein paar Vorderzähne und ihre Füße waren geschwollen, die Fußsohlen dick und geborsten wie altes Leder. Ja, sie wäre drei Jahre um einen heiligen Fluss gewandert, sei aber gleich zu Beginn der Reise bestohlen worden. Alles war weg, ihr Geld, Schecks, alle ihre Papiere und die Kleider zum Wechseln. Als ihre Schuhe kaputtgingen, sei sie barfuß weitergegangen und zu essen hätte sie, wie alle Pilger, von der Bevölkerung in den Dörfern und Städten am Fluss bekommen. Sie sei sehr krank gewesen und beinahe gestorben und von einer Familie in einer kleinen Hütte gepflegt worden. Kurz nach diesem Gespräch ist sie in die Hütte am Fluss zurückgekehrt, um dort den Rest ihres Lebens zu verbringen. Ihre Adresse hat sie nicht verraten wollen. –
Jetzt reise ich nicht mehr so viel, also habe ich mich aufgemacht und nach Menschen mit besonderen Geschichten gesucht. Und sehr viele gefunden. Von einigen will ich hier erzählen.
Frieda ist 95 Jahre alt und wohnt in einem Altersheim in einer Kleinstadt an der Ostsee. Ursprünglich kommt sie aus Ostpreußen und hat 1944/45 die große Flucht in den Westen miterlebt. Vierzehn Millionen Menschen flohen damals aus den ehemaligen deutschen Gebieten Ostpreußen, Pommern, Brandenburg und Schlesien vor der sowjetischen Armee in den Westen.
"Am 8. März 1944 geht die Flucht los." Das Datum hat sich ihr eingebrannt. Ohne Lebensmittel, zu Fuß und mit Handwagen oder Pferdefuhrwerken, geraten sie zwischen die Fronten, denn die Kraftfahrzeuge sind dem sich zurückziehenden Militär vorbehalten und die Züge fahren nicht mehr.
Warum Frieda schon im Frühjahr 1944 flieht, kann oder will sie nicht erzählen. Tatsache ist, dass die deutschstämmigen Umsiedler aus dem nordosteuropäischen Raum 1944/45 in den alle in Osteuropa lebende Deutsche erfassenden Prozess von Flucht und Vertreibung gerieten.
"Frieda hat Glück gehabt", sagt sie. Denn auf dem Kreuzfahrtschiff, der "Wilhelm Gustloff", das zur Evakuierung von Militär und Zivilisten eingesetzt und am 30. Januar 1945 von sowjetischen Torpedos getroffen wird und sinkt, findet sie keinen Platz mehr. 9.300 Menschen sterben, nur 1.239 Passagiere werden gerettet.
Ende Januar 1945 wird Ostpreußen von der sowjetischen Armee eingekreist, und den Menschen bleibt nur die Flucht über das gefrorene Haff. Die Armee überrollt die Flüchtlingstrecks, wer eingeholt wird, dem droht Vergewaltigung und Ermordung. Das Haff taut, viele brechen ein, Kinder und Alte, die Schwachen, die nicht mehr weiterkönnen, bleiben zurück. Panzer und Tiefflieger beschießen die Wagen und die Flüchtenden.
Frieda erzählt, wie sie das Eis aufhackte und für die Kinder mit den Händen auftaute, weil es nichts mehr zu Trinken gab. Die beiden anderen Dienstmädchen, mit denen sie auf einem Bauernhof in Heilsberg von Oktober 1944 bis Januar 1945 – schon auf der Flucht – treu zusammengehalten hat, hat sie irgendwie aus den Augen verloren. "Wo die abgeblieben sind, weiß ich nicht." Sie überlebt die Flucht zu Fuß über das Haff und kommt, erst im Güterwagen – "eingepfercht wie das Vieh", erzählt sie –, später mit der Kleinbahn, schließlich im Norden Schleswig-Holsteins an. Dort findet sie wieder Arbeit als Magd auf einem Bauernhof in Angeln.
"Die freuten sich, dass ich da für sie arbeiten kam. Gearbeitet habe ich immer. Vierzig Jahre lang. Auch in Ostpreußen war ich Dienstmädchen auf einem Bauernhof. – Morgens früh um sechs die Kühe melken, den Stall ausmisten und die Schweine füttern, danach Garten- und Feldarbeit, Kartoffeln pflanzen und ernten, und das alles für'n Appel und 'n Ei." Ihren breiten Händen sieht man die schwere Arbeit immer noch an.
Alle kennen Frieda. "Frieda tourt immer irgendwo herum", sagen sie mir im Altersheim. "Wer kennt mich nicht?" fragt sie und strahlt. Sie ist viel mit ihrem Rollator unterwegs. In dem Supermarkt-Café, in dem wir sitzen, begrüßt sie fast jeden, der hereinkommt. Sie winkt und schüttelt Hände. "Ich mache eine Spritztour", antwortet sie auf die Fragen und weist auf ihren Gehwagen. Den hat sie geschenkt bekommen, erzählt sie: "Ein ganz neues Modell, eins, das die Kurven wirklich prima nimmt. Super!" Ihr schelmisches Lachen ist einfach bezaubernd, sie hält ihren Daumen hoch und strahlt über das ganze Gesicht, man muss sich einfach mitfreuen. Mit ihrem Temperament hält sie das ganze Café auf Trab. Da, wo normalerweise ein paar Leute still zusammensitzen, ist plötzlich richtig was los.
"Ich bin froh, dass ich so noch gehen kann. Für mich hole ich jetzt alles nach. Ich hab' Strapazen genug durchgemacht. Mit 95 lasse ich mich noch nicht unterkriegen. Ich bin so zufrieden, dass ich noch so klar bin im Kopf. Die Schönheit ist doch nichts. Warum sollte ich traurig sein? Ich brauche keine Dauerwelle. Ich bin immer fröhlich und mittendrin."
"Das Altersheim ist Spitze", sagt sie und hält wieder den Daumen in die Luft. "Der Staat bezahlt alles, und ich bekomme jeden Monat hundertfünfzig Euro Taschengeld. Damit gehe ich dann ins Sekretariat und spare sogar noch was auf meinem Konto. Die haben alle für mich gestempelt, aber trotzdem hat es nicht ganz gereicht. Dabei hab ich immer geschuftet, aber wie!"
Dass sie hierher in den Norden gekommen ist, hat sie nie bereut. In dem Dorf, in dem sie gearbeitet hat, veranstalten sie jedes Jahr ein Frühlingsfest. Vorgestern war sie da und hat Schneewalzer getanzt. "Schneewalzer! Die holen mich ab, ohne Frieda geht's nicht, ohne Friedas fröhliches Gesicht. Ich hab getanzt. Die haben mich gefragt: 'Frühlingswalzer oder Schneewalzer?' 'Dann mal lieber Schneewalzer', hab ich gesagt, aber so schön, so schön! Und zum Schluss gibt's dann immer einen kleinen Schnaps: 'Bis zum nächsten Mal!' Ja, ich will die fünf Jahre bis zur Hundert noch voll haben." Und mit einer weit ausholenden Bewegung: "Ich hole alles nach, ob das nun links ist oder rechts ... alles, alles, alles."
Sie klatscht in die Hände und ruft einer Vorübergehenden ein Tschüss hinterher. "Das ist auch so eine liebe Seele." Die Brotverkäuferin kommt für einen kleinen Schnack, und die Gäste vom Nachbartisch kennt sie auch. "Super!" sagt sie.
"Ich hab doch so 'nen kleinen Wellensittich, verwöhnt bis dort-hinaus. 'Kleine Biene' heißt er – wunderbar, wuuuunnderbar." Er fliegt frei im Zimmer herum, einsperren will sie ihn nicht. "Jetzt kann ich das alles so genießen. Mein Zimmer ist so schön, und jeden Morgen werde ich geweckt, ein bisschen waschen und dann das Frühstück, soooo schön! Und immer was los, ich bin immer unter den Menschen. Und abends, halb zehn ist meine Uhrzeit, dann leg ich mich fein hin und schlafe durch bis morgens um sechs."
Nachwort: Inzwischen sieht man Frieda nicht mehr so oft, sie zieht sich zurück und sagt mir, sie wolle ihre Ruhe haben. Ein Foto von ihr durfte ich nicht mehr machen, und ihren Namen möchte sie nicht veröffentlicht sehen. Die Pflegerin erzählt, sie sei auch ein wenig vergesslicher geworden.
Es scheint, als nehme sie langsam Abschied, doch sehe ich sie noch manchmal in der Eisdiele recht vergnügt ihr Eis löffeln, und so ab und zu macht sie wohl auch noch eine kleine Spritztour.
*Name geändert.
Willi sammelt Wissen. Wer ihn in seinem Haus besucht, der sieht sofort, dass dies ein Ort intensivster Beschäftigung ist. An allen Wänden hängen Bilder, und mitten im Wohnzimmer stapeln sich die Bücher, die keinen Platz mehr in den bis zur Decke reichenden Regalen gefunden haben. Der Boden ist mit Zeitungen und Nachschlagewerken bedeckt, auf dem Schreibtisch findet der Computer gerade noch seinen Platz zwischen all den Notizen, Fotos und ausgeschnittenen Artikeln.
Ein Kellerraum tut Dienst als Archiv, hier finden sich die Schubladenschränke mit seiner Druckgrafiksammlung und ein großer Schrank mit nach Jahreszahlen geordneten Zeitungsausschnitten. Und auch hier sieht man überall Bücher.
Er wurde 1924 in Flensburg geboren, sein Vater war Graveur und seine Mutter Hausfrau. Nach vier Jahren Grundschule besuchte er fünf weitere Jahre die Volksschule. Die Mittelschule kostete damals acht und eine halbe Reichsmark Schulgeld im Monat, das Gymnasium zwanzig Reichsmark. Das war für die sechsköpfige Familie unerschwinglich. Willi rechnet vor: Acht Reichsmark und fünfzig Pfennig, das war soviel wie das Schwarzbrotgeld für die ganze Familie für einen Monat.
Nach der Schulzeit war ein Handwerk für ihn ausgeschlossen, da seine Gesundheit das nicht erlaubte. Es ergab sich eine Lehrstelle als Vermessungstechniker beim Kulturamt Flensburg. Das Kulturamt war damals eine Landesbehörde zur Beförderung der Landeskultur, deren Arbeitsgebiet das ländliche Siedlungswesen und die Landgewinnung beziehungsweise die Ödlandkultivierung war. 1939, mit 15 Jahren, trat der junge Willi seine Lehre an.
Zu jener Zeit waren die landwirtschaftlichen Erträge viel geringer als heutzutage. Beim Pflügen arbeitete man noch in fast allen Bereichen mit dem Pferd, dem Schleswiger Kaltblut. Bessere Düngung, bessere Maschinen, bessere Bodenbearbeitung und besser ausgebildete Menschen waren das Gebot der Stunde. Willi begriff das schneller als mancher andere. – Schon 1938, noch während seiner Schulzeit, nahm er Privatunterricht in Englisch.
Das Geld dafür verdiente er sich in einem Kaufladen auf einem sogenannten Gewerbeplatz. Eine Reichsmark und fünfzig Pfennig verdiente er da in der Woche. Die Lehrerin, Frau Oderich, nahm für den Unterricht eine Mark und neunzig Pfennig die Stunde. – Die Lehrzeit beim Kulturamt betrug drei Jahre, danach folgte eine weitere Ausbildung von zwei Jahren bei derselben Behörde.
Aber dann kam ihm der Krieg dazwischen. 1943, als Neunzehnjähriger, wurde er eingezogen und kehrte erst im Juni 1948 aus der Kriegsgefangenschaft in Frankreich nach Hause zurück.
"Nach meiner Entlassung musste erst geprüft werden, ob mein Arbeitsverhältnis noch Bestand hatte, und als das geklärt war, konnte ich im November 1948 meinen Dienst wieder antreten. Ich benutze diese älteren Ausdrücke wie Dienst mit Absicht, weil sie auf die damaligen Verhältnisse hinweisen, und die will ich möglichst genau beschreiben", sagt er.
"Die weitere Ausbildung bis zur zweiten sogenannten behördlichen Prüfung musste ich dann im Sommer 1949 selbstverständlich nachholen." Mit fünfundzwanzig Jahren hat er seinen Abschluss. Aber bei der praktischen Arbeit stellt sich schnell heraus, dass er immer neue dienstliche Anforderungen bewältigen muss: "In den 1950er Jahren erfolgte mein Einsatz als Vermessungsingenieur. Weil es damals zu wenig Ingenieure gab, bin ich gewissermaßen automatisch in diese Arbeit hineingewachsen.
Immer wieder musste ich neue und andere Aufgaben übernehmen. Zum Ausgleich der Bildungslücken habe ich Volkshochschulkurse besucht. Und in einer von mir selbst organisierten Abendschule studierte ich zusätzlich Mathematik und Kartenkunde, bei der man die mathematischen Grundlagen lernte." Er erklärt: "Eine Karte ist die verkleinerte und verebnete Abbildung von Teilen der Erdoberfläche. Das heißt, die Kugelgestalt der Erde musste auf ebenes Papier übertragen werden."
Über sein Leben weiß er viel und gerne zu erzählen: "Ich besuchte nicht nur die Kurse in der Volkshochschule, sondern ich lernte, wo immer ich nur konnte. Nicht nur fachbezogene Themen, sondern zum Beispiel auch Kunstgeschichte bei Ludwig Rohling, dem Autor von 'Kunstdenkmäler der Stadt Flensburg'. Ich musste flexibel sein und mit den Menschen mitdenken. Die meisten Menschen sind wohl nicht so anpassungsfähig und umgänglich wie ich, aber das darf ich eigentlich nicht sagen."
Seine Kollegen kannten seinen Eifer und sein Talent, sich neue und andere Wege zu suchen. "Er hatte mehr so'n Schiet, aber auch 'nen Duden", sagt er schmunzelnd über sich selbst. "Ich musste flexibel und gleichzeitig sehr genau sein. Wie das geht? Wenn ich zum Beispiel zwei Kostüme zur Auswahl habe, ein rotes und ein grünes, kann ich in der Wahl des Kostüms flexibel sein, aber bei der Wahl der passenden Accessoires muss ich dann sehr genau sein."
1952 heiratet Willi seine Frau Marie, sie bekommen "hintereinanderweg" vier Jungen. Vierzig Jahre sind sie verheiratet, als seine Frau 1992 stirbt.
An der Wand in der Veranda ein mit kleinen Vasen voll gestelltes Regal: "Das bleibt so wie es ist, die staube ich selber ab." Denn Marie hat Vasen gesammelt, und die Vitrinen mit ihrer Sammlung erinnern ihn an sie.
Was denkt er über Sammeln und Ordnung, wie schafft es seine Haushälterin, ihm nichts durcheinanderzubringen?
"Frau V. weiß das alles, und an meinen Schreibtisch braucht sie nicht ran. Und in die Ecken vom Wohnzimmer kommt doch sowieso keiner. Leute, die Ordnung halten, haben ein schlechtes Gedächtnis. Trotzdem, ich genieße es sehr, in einen ordentlichen Haushalt zu kommen – herrlich! In meinem Haus stapelt sich alles. Mein Sohn hat gesagt: 'Vater, du kannst nicht in ein Altersheim, du hast zu viele Bücher.' Mal abgesehen von den Mappen mit der Grafik, die sich hier im Laufe der letzten sechzig Jahre angesammelt haben. Aber bei mir hat das alles seine Ordnung, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: Botanik steht bei Botanik, Kunstgeschichte bei Kunstgeschichte."
"In der beruflichen Arbeit habe ich mich immer auf andere Menschen einstellen, auf andere achten müssen. Wünsche, Forderungen und Beschwerden bearbeiten, darin musste ich anpassungsfähig sein. Bei Verhandlungen mit Bauern musste ich denken wie ein Bauer. Beim Gespräch mit dem Bürgermeister muss man an die Gemeinde denken und beim Gespräch mit dem Straßenbauer muss man für den Verkehr denken. Darum musste ich mich laufend weiterbilden.
Ich habe Zeichnen gelernt und Sprachkurse belegt. Aber der Kollege nebenan musste das natürlich auch tun. Wissbegierde und die Fähigkeit, sich auf etwas einzustellen, gehörten dazu. Meine berufliche Stellung hatte zwangsläufig eine Querschnittsfunktion. In den späteren Jahren erlangte der Naturschutz eine immer größere Bedeutung für mich, nicht nur in der praktischen Arbeit, sondern auch in der Begegnung mit den Betroffenen und in der Beschäftigung mit den sich allmählich verändernden gesetzlichen Bestimmungen."
Die Anpassung daran erforderte immer wieder neues Lernen. Er musste wissen, was Moore und Sümpfe und was Brüche sind, was Dünen, Heide und Trockenrasen auszeichnet.
"Alles ökologische Begriffe. 'Das hatte er noch nicht im Sinn, also rennt er zur Volkshochschule hin.' Das hat einer meiner Kollegen über mich in der Betriebszeitung gedichtet", lacht er.
Es gab noch viel mehr zu lernen, also absolvierte er an der Universität Tübingen ein Fernstudium in Naturschutz und Landschaftspflege. Und eine Zeitlang war er sogar Vogelwart auf der Geltinger Birk, einem Naturschutzgebiet in Angeln. Und Mitglied der geobotanischen Arbeitsgemeinschaft in Kiel ist er immer noch.
"Die Pflicht, mich mit der Natur zu beschäftigen, hatte inmeinem Hobbybereich ihre Entsprechung. Ich sammelte Pflanzenbilder und Pflanzenbücher, aber auch neue Bücher zumThema Botanik, Naturschutz und natürlich auch der Vogelkunde."
Ob die Pflanzenbilder zum Sammeln von Grafik geführt hätten? "Ich habe schon immer eine Vorliebe für die alten Kupferdrucke aus Botanikbüchern gehabt. Ich finde sie einfach schön und technisch sind sie hervorragend gearbeitet."
Der Computer steht auf dem vollgepackten Schreibtisch, rundherum Regale mit Lexika. Ansonsten Kunst und Geschichte, Pflanzen, Karten und Grundrisse, Wildrosen und Knickvegetation, von der Flurbereinigung in Emmelsbüll bis hin zu moderner Grafik. Im Wohnzimmer ist gerade noch Platz für einem gemütlichen Lesesessel mit anmontierter Leselampe.
