Schon wieder ein Netzball - Philipp Hell - E-Book

Schon wieder ein Netzball E-Book

Philipp Hell

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Beschreibung

"Wie viele TTR-Punkte hast du eigentlich?" In der Tischtennis-Kreisliga verzweifelt jede Woche der taktikfreie Jugendliche am Rentner mit Antitop-Belag, trifft der beinahe überlastete Reservespieler auf den gelangweilten Turnierserien-Teilnehmer, streiten sich der hitzköpfige Ehrgeizling und der ignorante Teilzeitspieler, verbrüdern sich der sensible Heimduscher und der aufopferungsvolle Abteilungsleiter. Dieses Buch sammelt – wie schon sein erfolgreicher Vorgänger – all ihre kuriosen Anekdoten und erzählt mit einem Augenzwinkern von völlig verunglückten Begrüßungsreden, den immer kaputten Zählgeräten, unorganisierten Vereinsmeisterschaften, mikrowellenbehandelten Schlägern und dem immer gleichen Mief in den Umkleiden. Noch eine Pflichtlektüre für alle Störball-Neurotiker, Spin-Analphabeten, Schweißband-Fans, Fünfsatz-Spieler und sonstige Plastikball-Helden.

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Seitenzahl: 277

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Philipp Hell

Schon wieder ein Netzball

Lieber mit zwei Netzbällen gewinnen als per Kantenball verlieren!

© 2023 Philipp Hell

www.netzball-tischtenniskolumne.com

Covergestaltung: hollybookstore

Lektorat: wyder

Korrektorat: J. Hell & R. Hell

Verlag:

Philipp Hell

c/o Fakriro GmbH

Bodenfeldstr. 9

91438 Bad Windsheim

[email protected]

Druck:

epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-758424-75-5

Ausgabe 17.12.2024

Für Harry Haberl und „Bäda“ Haas,

die mir die Tischtennis-Grundlagen beibrachten.

Außerdem von Philipp Hell erschienen:Netzball – Lieber per Netzball gewinnen als mit einem Kantenball verlieren (2022), ISBN 978-3-754954-70-6.Auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-754955-55-0.

Philipp Hell, geboren 1984 in Wasserburg/Inn, spielte in der Tischtennis-Kreisliga mit überschaubarem Erfolg bisher für folgende Vereine:

1996-2012: TSV 1880 Wasserburg

2012-2013: SV Helios-Daglfing

2013-2014: TTC Isar 73 München

2014-2015: Stepney Green London

2015-2018: TTC Isar 73 München

Seit 2018: TSV 1860 Mühldorf

Seine größten sportlichen Siege:

1997: 3. Platz Mini-Kreisentscheid Rosenheim

1997: 3. Platz Mini-Bezirksentscheid Oberbayern

Er betreibt seit vielen Jahren den augenzwinkernden Tischtennis-Blog netzball-tischtenniskolumne.com und schreibt in regelmäßigen Abständen für Deutschlands größte Tischtennis-Seite mytischtennis.de als „Der Phasendrescher“.

Inhalt

Prolog: Der Saisonstart

Teil 1: Tischtennis-Schläger

#1 Das 0815-Modell

#2 Die überteuerte angebliche Wunderwaffe

#3 Der Penholder

#4 Der Prügel

#5 Der ständig kaputte Schläger

#6 Das Kaufhausmodell

#7 Die lange Noppe

#8 Der Anti

#9 Der sehr bunte Schläger

#10 Der Chinese

#11 Der Mikrowellen-behandelte Schläger

#12 Das Brett

#13 Der Frischgeklebte

#14 Der Dicke

#15 Das abgespielte und versiffte Modell aus den Achtzigern ..

#16 Die Legende

#Quicklist: Mögliche Ersatzspieler für die erste Mannschaft

Teil 2: Das zweite ultimative Lexikon der Tischtennis-Spielertypen

#1 Der Punktspielversager

#2 Der Vereinswechsler

#3 Der Teilzeitspieler

#4 Der Wiedereinsteiger

#5 Der Untalentierte

#6 Der Turnierspieler

#7 Der Hypochonder

#8 Der Turnierplaner

#9 Der Bastler

#10 Das Sensibelchen

#11 Der Ignorant

#12 Der Fünfsatzspieler

#13 Der Hektiker

#14 Der TTR-Süchtige

#15 Der Raucher

#16 Der Diskutierer

#17 Der Heimduscher

#18 Der Perfektionist

#19 Der Streithammel

#20 Der Angstpinkler

#21 Der Pessimist

#22 Der Optimist

#23 Der lautstarke Angeber

#Quicklist: Sportlernahrung nach dem Spiel

Teil 3: Tischtennis-Kneipen – Ein Gastroführer

#1 Das Vereinsheim

#2 Der Edel-Italiener

#3 Nachts beim Mäcki

#4 Die Selbstversorger in der Halle

#5 Die Eckkneipe

#6 Der Lieferdienst in die Halle

#7 Die Dönerbude

#8 Der indische Pizzaladen vom griechischen Serben

#9 Der Grieche

#Quicklist: Beliebte TTR-Veränderungen

Teil 4: Die Phasen einer Tischtennis-Funktionärskarriere

#1 Der Mannschaftsführer

#2 Der Medienwart

#3 Der Turnierorganisator

#4 Der Jugendtrainer

#5 Der Gerätewart

#6 Der Kassenwart

#7 Der Schriftführer

#8 Der Seniorenwart

#9 Der Schiedsrichter

#10 Der Spielgruppenleiter

#11 Der Abteilungsleiter

#12 Der Sportrichter

#13 Der Bezirksvorsitzende

#14 Der Verbandspräsident

#Quicklist: Schlechte Zeiten für Auswärtsspiele

Teil 5: Tischtennis-Floskeln und ihre Bedeutung

#Quicklist: Trainings-Teilnehmer im August

Teil 6: Tischtennis-Hallen

#1 Der Betonbunker

#2 Das ehemalige Büro

#3 Der feuchte Sechziger-Bau

#4 Das Gefängnis

#5 Der funktionale Neubau

#6 Der Gymnastikraum

#7 Der ständig gesperrte Veranstaltungssaal

#8 Der Keller

#9 Der Theaterraum

#10 Die riesige Mehrfachhalle

#11 Die unauffindbare Halle

#12 Der Kneipennebenraum

#Quicklist: Drohende Reformen

Teil 7: Tischtennis-Zubehör

#1 Platte oder Tisch?

#2 Der Materialschrank

#3 Das Netz

#4 Der Ball

#5 Die Bande

#6 Das Zählgerät und der Schiedsrichtertisch

#7 Der Spielberichtsbogen

#8 Der Tischtennis-Roboter

#9 Die Sporttasche

#10 Das Trikot

#11 Der Trainingsanzug

#12 Der Belagreiniger

#13 Das Klebe-Set

#14 Die WhatsApp-Gruppe

#Quicklist: Warum man gerne beim Auswärtsspiel aushilft

Teil 8: Ping-Pong Leaks

#1 Timo Boll & Dimitrij Ovtcharov

#2 Jörg Rosskopf & Steffen Fetzner

#3 Patrick Franziska & Petrissa Solja

#4 Timo Boll & Peter D.

#5 Udo S. & Dieter J.

#6 Clickball-Ass Alexander Flemming & Timo Boll

#7 Xu Xin & Fan Zhendong

#8 Dimitrij Ovtcharov & Timo Boll

#9 Timo Boll & Til Schweiger

#10 Thomas Weikert & Michael Geiger

#11 Schon wieder Thomas Weikert & Michael Geiger

#12 Und noch einmal Thomas Weikert & Michael Geiger

#13 Tatsächlich nochmal Thomas Weikert & Michael Geiger

#14 Petra Sörling & Abdulaziz bin Turki Al Saud

#Quicklist: Gute Gründe, um nächste Saison nicht Mannschaftsführer sein zu müssen

Bonus: Twitter

#Quicklist: Die letzten Sätze des Kreisliga-Tischtennis-Spielers

Danksagung

Prolog

Der Saisonstart

Lange Wochen während der Sommerferien gehörten die Turnhallen allein den Holzwürmern, doch nun hört man endlich wieder dieses regelmäßige klack-klack, klack-klack (oder auch klack-deck, klack-deck falls ein Noppenspieler dabei ist) durch die Gänge des Schulhauses hallen: Die ersten Wahnsinnigen trainieren bereits wieder voller Eifer und sehnen den Auftakt der Punkterunde herbei. Schließlich konnte man sich doch in der spielfreien Zeit nur mit sogenannten Trainingslagern (wobei nie ganz klar ist, ob dort mehr die Rückhand oder die Leber trainiert wird), Freundschaftsspielen oder „Race“-Turnieren mental über Wasser halten, doch das Gefühl, irgendwie auf Entzug zu sein, wurden diese Spieler nie ganz los.

Ganz anders hingegen bei der zweiten Art von Aktiven, die, egal ob Saison oder Sommerpause, immer gleich viel trainieren – nämlich gar nicht. Damit halten einige Exemplare aber erstaunlicherweise ihr teils durchaus ansprechendes spielerisches Niveau – andere spielen in den hinteren Mannschaften.

Die dritte Sorte bilden diejenigen Spieler, die zwei Tage vor der ersten Partie plötzlich von ihrem schlechten Gewissen gepackt werden, hektisch ihre Tischtennissachen zusammenpacken, ihre Frau anpfeifen wo bitteschön das Trikot sei („Hab ich hinten in den Schrank zu den Wintersachen gepackt, dachte du brauchst es so schnell nicht wieder, Schatz!“) und in die Turnhalle rasen, nur um festzustellen, dass die Motivierten und die Jugendlichen seit geschätzten sieben Wochen bereits wieder trainieren und daher voll im Saft stehen – ganz im Gegenteil zu einem selbst.

Doch egal zu welcher Sorte man gehört, eins ist bei allen Spielern gleich: Der Vorsatz, dass dieses Jahr alles besser wird! Alles! Insbesondere natürlich die persönlichen Ergebnisse, sprich: der TTR-Wert. Und noch etwas ist für alle gleich: Man beginnt mit einer makellosen Bilanz, gehört noch zu den „Zu-Null-Spielern“ der Liga und malt sich in den schönsten Farben aus, was diese Spielzeit für eine tolle Bilanz drin ist: Die Pfeifen vom FC werden abgefieselt, gegen den TSV hat man noch nie ein Spiel verloren, so schlecht wie im letzten Jahr kann man gegen den ESV gar nicht mehr spielen und für den Noppenspieler vom SC hat man sich mit einigen Tipps von Mitspielern ausgestattet. Es kann also nur besser werden!

Und welche Freude dann, falls man tatsächlich im ersten Spiel kein Einzel verloren hat: Hinten steht immer noch die Null, vorne eine 1 oder eine 2 und unter den Topspielern seiner Liga findet man online den eigenen Namen ganz vorne dabei – da gehört er schließlich auch hin!

Doch wie wusste schon der passionierte Tischtennis-Spieler Wilhelm Busch: Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe! Die erste Pleite kommt bestimmt, und sei sie noch so unverdient und unglücklich. Und schon beginnt das Hirn zu rotieren, wie steht die Bilanz jetzt, wer ist nun besser als ich, was wenn auch das nächste Einzel verloren geht? Und schon ist er da, der Negativtrend, mit unfassbaren Niederlagen bei der vierten Mannschaft der TuS, der dritten von den Sportfreunden und sogar gegen die 23. Mannschaft vom Großverein aus der Landeshauptstadt.

Die gute Bilanz ist dahin, der TTR-Wert im Eimer, es droht der Absturz in der Rangliste und nur noch eine Hoffnung gibt es, an die man sich klammern kann: Nächste Saison wird alles besser. Ganz bestimmt.

Teil 1: Tischtennis-Schläger

#1 Das 0815-Modell

Aus dem Kauf eines Tischtennis-Schlägers kann man natürlich eine Wissenschaft machen, muss man aber auch nicht. Daher, und weil es ihm einfach viel zu teuer ist, regelmäßig mehr als 50 Euro für einen neuen Schläger auszugeben, spielt Herbert seit Jahr und Tag ein 0815-Modell.

So geizig, dass er sich über Jahrzehnte keinen neuen Schläger oder wenigstens einen neuen Belag kauft, ist er jedoch auch wieder nicht. Da merkt er nach fünf oder sechs, spätestens aber nach sieben oder acht Jahren schon einen gewissen Abnutzungs-Effekt und ist daher gewillt, sich ein neues Exemplar zu leisten.

Dazu ist er allerdings nicht bereit, stundenlang Kataloge zu wälzen oder sich durch Websites zu scrollen. Auch einen mehrmaligen Besuch des Tischtennis-Fachhändlers seines Vertrauens um mehrere aktuelle Modelle präsentiert zu bekommen, findet Herbert völlig übertrieben. Und wenigstens zwei oder drei mögliche Kandidaten mit ins Training nehmen um dort ausführlich in Ruhe auszuprobieren? Nun ja, so oft ist er ja gar nicht im Training.

Stattdessen erwirbt sich Herbert einfach ein 0815-Modell, und das muss auch nicht jedes Mal das gleiche sein. Natürlich kauft er sich jetzt nicht das Freibad-Set im Baumarkt, inklusive 2-Sterne-Bällen und Plastikanhänger in Schlägerform, alles original „Made in China“. Doch mit einem Komplett-Schläger mit gutem Preis-Leistungsverhältnis kann man sicherlich nichts falsch machen. Zwar schlagen alle seine Mitspieler bei solchen Aussagen die Hände über den Köpfen zusammen, aber Herbert lässt sich da nicht beirren.

Schließlich ist er mit seinem unaufregenden Konterspiel wenig anfällig für unterschiedliche Materialien – ganz anders als all diese hochsensiblen Jugendspieler, die angeblich jeden Prozentpunkt mehr oder weniger „Kontrolle“ und „Effet“, die im Katalog angepriesen werden, sofort merken und bei falscher Punktzahl mit so einem Schläger kaum oder gleich gar nicht mehr spielen können.

Herberts Schläger hat nach eigener Aussage 100% Kontrolle – wenn er den Ball nur richtig trifft. Und er hat 100% Effet, wenn er sich nur richtig anstrengt. Das heißt, beides ist natürlich äußerst selten, kann aber durchaus vorkommen. Und das alles für 50 Euro – da kann man nicht meckern!

DIE DREI GROSSEN LÜGEN

des Zuspätkommers

Ich dachte, das Spiel beginnt erst in einer halben Stunde.

Nächstes Mal bin ich bestimmt pünktlich.

Ich bin ja auch ohne langes Einspielen super drauf.

#2 Die überteuerte angebliche Wunderwaffe

Für das Geld, das der junge Sandro regelmäßig für Tischtennis-Schläger ausgibt, müssen manche Mitspieler ganz schön lange arbeiten. Da trifft es sich gut, dass Sandro noch zu Hause wohnt und von Mama bekocht wird.

Da er außer Tischtennis sonst kaum Hobbys oder Freunde hat, kann er für seine aufstrebende Karriere sein ganzes Taschengeld in den Erwerb neuer Tischtennis-Schläger investieren. Gerne auch mal alle zwei Monate.

Natürlich muss es immer gleich die neueste Weiterentwicklung sein, die beste Qualität, der heißeste Scheiß. Schließlich übertreffen sich sämtliche Anbieter mit dem Anpreisen modernster Technik und Materialien, die zur Entwicklung einer neuen angeblichen Wunderwaffe geführt haben: Durch das innovative Blabla-Verfahren wird das völlig neuartige Laber-Rhabarber-Material nun in einer nie dagewesenen Art und Weise auf ein Stück Holz aufgedampft – wobei Letzteres selbstverständlich mit Carbon-Streifen versetzt ist und zu großen Teilen aus Glasfasern besteht. Es geht um Elastizität, Dämpfungslevel, feinporige Schwämme.

Ja gut, da kann so ein Schläger schon mal um die 200 Mäuse kosten – und das ohne Versiegelung, professionelle Schlägermontage sowie der wirklich hilfreichen Schläger-Versicherung falls das Ding mal beinahe unabsichtlich gegen die Tischkante geschlagen wird. Hinzu kommt das gleiche Modell noch einmal als Ersatzschläger, denn sicher ist sicher.

Die Eigenschaften des neuen Modells überzeugen Sandro vom ersten Schlag an: Der überragende Katapult-Effekt selbst aus der Halbdistanz, die wahnsinnige Ballkontrolle auch aus der Defensive, einfach unglaublich. Auf den Bewertungen der einschlägigen Fach-Publikationen bekommen sowohl Vorhand- als auch Rückhand-Belag unfassbare 108 Punkte – ging diese Skala nicht eigentlich mal nur bis 100? Ja, das muss wirklich eine wahnsinnige technische Weiterentwicklung sein, kaum zu glauben! Natürlich ist der Vorhand-Belag des neuen Schlägers auch nicht etwa rot sondern von einem leuchtenden Türkis.

Mit diesem neuen Zukunftsmodell bleibt Sandro die ersten beiden Trainingseinheiten ungeschlagen (gut, es ging nur gegen ein paar Senioren der vierten Mannschaft, gegen die er sich schon seit zwei Jahren kaum mehr anstrengen muss) und schlägt in seinem ersten Punktspiel gleich mal zwei bärenstarke Gegner (von denen der eine offenkundig verletzt war und der andere einfach keinen einzigen von Sandros Aufschlägen zurück spielen konnte). Sandro merkt den spielerischen Fortschritt trotzdem ganz eindeutig, von einem Placebo-Effekt, auf den sein Mannschaftsführer Reini immer mit einem Augenzwinkern hinweist, kann wirklich keine Rede sein. Und überhaupt, was weiß denn Reini schon? Der spielt seit dreißig Jahren mit dem gleichen Modell.

So hält die neue Wunderwaffe was sie verspricht über mindestens drei Wochen. Bis, ja bis Sandro gegen den gleichaltrigen Erik vom TSV, einen eigentlich schlagbaren Gegner, kläglich verliert. Beim anschließenden Fachgespräch stellt sich umgehend heraus, dass Erik klare Material-Vorteile hatte: Er hat nämlich vor zwei Tagen erst das brandaktuelle Modell aus China bekommen, eine absolut revolutionäre Technik, sowas hat man noch nie gesehen. Gleich morgen wird sich Sandro das Teil organisieren, so viel ist klar.

Schließlich muss man immer mit der Zeit gehen, auch und gerade wenn die sich praktisch ununterbrochen verändert. Und von Sensoren im Schlägergriff haben wir da noch gar nicht gesprochen.

#3 Der Penholder

Ab und zu trifft man im Ligaalltag auf einen Penholder-Spieler und fragt sich jedes Mal umgehend, wo der gute Mann eigentlich seinen Schläger herbekommt. Denn aktiv hat man so ein Ding noch in keinem Tischtennis-Laden oder -Katalog gesehen. Aber auch wenn die Penholder-Spieler in unseren Gefilden langsam aber sicher auszusterben scheinen, so müssen die verbliebenen ja doch irgendwie an neues Material kommen. Wobei es ja selbst im Profibereich noch ein paar junge Penholder gibt, nicht nur in China sondern auch in Deutschland.

Zwar scheint das Holz dank seiner speziellen Form und Fertigung etwas teurer zu sein als ein normaler Schläger. Doch der Sparfuchs erkennt natürlich sofort, dass man sich in den meisten Fällen wenigstens einen teuren Rückhand-Belag sparen kann – wenn man nicht gerade dem Wahnsinn anheimgefallen ist und versucht, mit einem Penholder Rückhand zu spielen, ohne sich dabei umgehend eine Zerrung zuzuziehen.

Beim Schlägerkauf eine richtig gute Beratung zu bekommen ist für einen Penholder-Spieler auch nicht gerade leicht, denn die Anzahl der fachkundigen Trainer oder Shop-Mitarbeiter in diesem Bereich ist doch sehr überschaubar. Und der immer mal wieder aufkommende Rat, es doch mit einem Shakehand-Griff zu probieren, ist zumeist auch nicht zielführend.

Ja, Penholder-Spieler sind oftmals schon ein bisschen Sonderlinge, eben genauso wie ihre Schläger. Spezielle Technik, interessante Taktik, ungewöhnliche Methoden – und an der Platte auch!

Da wundert es natürlich wenig, dass die breite Freibad-Hobby-Tischtennis-Masse diesen Sport nicht so recht versteht. Unterschnitt, Topspin? Noppen-Belag, Anti? Penholder!? Ja gut äh, beim Tennis sehen alle Schläger irgendwie gleich aus. Und beim Badminton. Und beim Squash. Vielleicht sollte man mal über einheitliche Regeln für das Spielmaterial nachdenken?

Gut, wobei nun schon eine Lanze gebrochen sei für den Penholder-Schläger. Der stört viel weniger als Noppen: Der will nämlich nur spielen, beißt aber nicht.

#4 Der Prügel

Wer je Erwins Schläger, im Verein liebevoll der Prügel genannt, in der Hand gehabt hat, der weiß: das Ding wiegt anderthalb bis zwei Kilo – mindestens. Doch während die jugendlichen Spieler neues und neuestes Material für Unsummen mit nur einem Klick im Internet ordern, ist Erwin das völlig gleichgültig. Er sagt: Diesen Schläger habe ich schon immer gespielt und das wird sich auch nicht mehr ändern.

Doch Erwins Prügel ist nicht nur ultra schwer, sondern auch ultra individuell. Allein seine Form ist irgendwie rechteckig und trotzdem schwer beschreibbar. Sicherlich am Rande der Legalität, wenn nicht sogar darüber hinaus. Laut Erwin alles Marke Eigenbau, irgendwann in den Siebzigern. Damals, als es noch nicht so viele Regeln gab und die dann auch nicht besonders genau kontrolliert wurden. „Und bisher hat sich bei mir auch noch keiner beschwert!“

Doch das liegt natürlich daran, dass Erwin über die dritte Kreisliga nie hinausgekommen ist. Und für ein weiterführendes Turnier hat er sich auch nicht qualifizieren können. Ob das etwa an seinem Schläger liegt?

Außerdem: Bei ihm selbst mag sich noch keiner beschwert haben, bei seinem Mannschaftsführer jedoch schon. Doch da Erwin für seine recht kurze Zündschnur bekannt und außerdem Hobby-Bodybuilder ist, wollte da bisher niemand auf direktem Weg seinen Ärger kundtun.

Selbstverständlich passt der Prügel auch nicht in eine gewöhnliche Schlägerhülle. Daher verwendet Erwin auch hier ein Modell Marke Eigenbau, bei dem allerdings Gattin Erika mit Hand angelegt und die letzten Nähte an der heimischen Nähmaschine gesetzt hat.

Optisch ist auch diese Hülle ganz klar in den frühen Siebzigern zu verorten. Doch wer Erwins Sportmode kennt, den kann das natürlich nicht überraschen. Der Mann ist in jeder Hinsicht in den Siebzigern stehen geblieben. Sogar die Turnschuhe sehen so aus …

Dass die untere Hälfte des roten Schläger-Belages inzwischen recht abgespielt sowie die komplette schwarze Seite schon sehr verblichen ist und allgemein dringend mal neue Beläge benötigt würden, ficht Erwin nicht an. Für ihn gehört das Ganze zu einem Gesamtkonstrukt, bei dem man nicht einfach einzelne Komponenten austauschen kann.

Schließlich ist Tischtennis für Erwin nur ein nettes Hobby und nicht der Versuch, sich mit – notfalls bei einem Versandhandel teuer erkauften – sportlichen Erfolgen zu profilieren. Die Zeit nach dem Spiel, auch genannt die dritte Halbzeit, ist ihm viel wichtiger. Und da stellt er eins immer mal wieder fest: so eine Maß Bier hebt sich viel leichter als sein Prügel. Passt doch – Prost!

#5 Der ständig kaputte Schläger

Auch das Modell von Horst sieht aus wie so viele Tischtennis-Schläger: uralt, abgespielt, vollgeschwitzt, keine moderne Technik, dringend mal ersetzungswürdig. Folglich ist es auch nicht verwunderlich, dass Horsts Schläger ständig kaputt ist.

Dass sich der Belag auf der Rückhandseite wellt oder auf der Vorhandseite abrollt, dass der Griff wackelt oder mal wieder das Band ersetzt werden muss. Irgendetwas ist immer, aber natürlich weiß sich Horst zu helfen. In seiner Heimwerkstatt hat er sämtliche Materialien zur Verfügung, die das Tischtennis-Spielerherz begehrt: besondere Rollen, diverse Kleber, ultrascharfe Cutter-Messer und alle möglichen weiteren Werkzeuge.

Sein ganzer Stolz ist aber eine selbstgebaute Vorrichtung, in die er den Schläger beidseitig einspannen kann, so dass er ihm nach einem frisch aufgeklebten Belag eine längere Ruhepause gönnen kann. Dann rollt sich hoffentlich der Belag nicht bereits wieder nach wenigen Tagen nach oben ab. Diese Vorrichtung hätte durchaus das Potenzial für ein offizielles Patent, welches man in den Tischtennisläden der Republik sicherlich dutzendfach verhökern könnte. Doch Horst kümmert sich am liebsten eben nur um seinen eigenen Schläger.

Dass Horst seinen Schläger vielleicht eines – hoffentlich noch fernen – Tages gänzlich ersetzen müsste, kommt für ihn überhaupt nicht in Frage, denn: „Ich kann nur mit diesem einen Modell spielen.“ So hat er seit Jahr und Tag gespielt und will sich auf seine alten Tage jetzt auch nicht mehr umgewöhnen. Das wäre ja noch schöner, wo kämen wir denn da hin!?

Dass er mindestens zweimal pro Spiel einen Fehler produziert, weil er den Ball an einer Stelle mit teilweise bereits abgelöstem Belag trifft, stört ihn nicht – wenn er es denn überhaupt mitbekommt. Alle anderen Spieler bekommen das aber natürlich schon mit und weisen ihn immer mal wieder darauf hin, doch davon lässt sich Horst nicht beirren. „Ach komm, das bisschen Wackeln, der Griff geht bestimmt noch zehn Jahre, da muss nur ein bisschen Leim dran.“

#6 Das Kaufhausmodell

Wer mit einem Kaufhausmodell im Training aufschlägt und dann auch noch den sogenannten „Zug“ des Schlägerbelages dadurch prüft, dass er sich mit eben diesem Belag über die Haare fährt wie damals im Pausenhof üblich, der hat sich direkt als Freibadspieler geoutet und damit umgehend als ernstzunehmender Spieler disqualifiziert.

Das Kaufhausmodell wird eigentlich nur akzeptiert bei Kindern, die erstmals im Training auftauchen. Dafür ist so ein Schläger allemal gut genug! Mit ihm hatten die Jungs (und das eine Mädchen) zusammen mit den Nachbarskindern zu Hause an der Outdoor-Platte bereits mit Papa geübt, bis sie alle zusammen für das offizielle Tischtennistraining angemeldet wurden. Bevor semi-professionelle Schläger im Internet bestellt werden, sollen die Kleinen erstmal zeigen, ob sie wenigstens ein gewisses Grundtalent für Ballsport besitzen und ein Durchhaltevermögen, welches über die üblichen drei Monate hinausgeht. Wer dann noch dabei ist, dem legt der Trainer selbstverständlich sofort einen neuen Schläger ans Herz.

Denn mit einem Kaufhausmodell eventuell sogar bei einem Punktspiel anzutreten ist zwar nicht offiziell verboten, jedoch allseits verpönt und bringt daher große Schande über Spieler, Mannschaft, Jugendtrainer und den ganzen Verein.

Schließlich haben viele Kaufhausmodelle Noppen außen – und das will man nun wirklich keinem Neunjährigen antun. Klar also, dass nur mit einem Schläger, der mehr bringt als das Kaufhausmodell, das Erlernen der verschiedenen Spin-Varianten überhaupt möglich ist. Auch wenn den Kids die Existenz von verschiedenen Spin-Varianten in den kommenden Jahren mehr als rätselhaft bleiben wird.

Das Kaufhausmodell hat allerdings auch einige unschlagbare Vorteile: Sei es, dass es nur 9,99 Euro kostet oder dass es zusammen mit zwei orangenen Ein-Sterne Bällen im Set erworben wird. Doch wie immer im Leben gilt: Wer zu geizig ist, den bestraft das Leben, denn wer günstig kauft, kauft zweimal.

Das weiß nun auch der Papa vom durchaus begabten Finn, denn nach zwei Kaufhausmodellen (das erste hatte er selbst vor Wut im Eifer des Gefechtes gegen die Kante der heimischen Outdoor-Platte geschlagen) und einem Selbstversuch im Internet (über den der Trainer nur den Kopf schütteln konnte) muss Finns Papa nun wohl oder übel den vom Trainer vorgeschlagenen und auch gleich bestellten Schläger bezahlen. Und dass da für weniger als einen „Fuffi“ gar nichts zu holen ist, war dem Papa bei Finns Anmeldung zum Tischtennis-Training alles andere als klar. Augen auf bei der Sportwahl!

#7 Die lange Noppe

Mit seiner langen Noppe verbreitet der alte Fritz immer noch Angst und Schrecken im Tischtennis-Kreis. Zumindest bei den jungen Leuten, die ihn noch nicht so lange kennen. Wer nämlich seit über 30 Jahren gegen Fritz spielt, der weiß, dass man ihm mit einem ganz einfachen Mittel beikommen kann: langer Rollaufschlag in die Rückhand, Klatsch, langer Rollaufschlag in die Rückhand, wieder Klatsch. Dafür muss man halt aber auch zwei Dinge beherrschen: Einen langen Rollaufschlag und das anschließende Klatschen.

Doch die jungen Spieler verzweifeln natürlich an ihm. Besser gesagt an seinem Schläger – oder genauer gesagt an dem, was er mit seinem Schläger so produziert. Das sind nämlich oftmals Bälle, deren Flugbahnen allenfalls quantenphysikalisch erklärt werden können. Insbesondere dieser Schlag, wenn er mit seiner langen Noppe von schräg oben nach links unten hackt, was den Ball zunächst eine Links- und dann eine Rechtskurve vollführen lässt, bevor er auf der Tisch-Seite des Gegner aufkommt und einfach direkt weiter rollt. Falls man also glücklich war, den Verlauf des Balles mit den Augen verfolgen zu können, so ist es anschließend trotzdem unmöglich den Ball irgendwie zurückzuspielen.

Und wenn man jetzt eben als ambitionierter und durchtrainierter 19-Jähriger gegen den ehrgeizlosen und übergewichtigen 75-jährigen Fritz antritt, der – ausgestattet mit dicker Brille, einer Armbandage und künstlichen Knien – noch dazu nur zwei verschiedene Bewegungen mit seinem Arm auszuführen scheint, ist es hinterher umso frustrierender wenn man – vor den Augen der extra angereisten ersten Freundin sowie einiger cooler Kumpels – sang- und klanglos untergeht. Und dabei auch noch so aussieht, als wüsste man überhaupt nicht, wie sich der Ball eigentlich bewegt.

Fritz nimmt es einem zum Glück überhaupt nicht übel, dass man alle seine Erfolge nur auf seinen Schläger schiebt. Da ist er Realist – und weiß außerdem, was jahrelange Haarlack-Behandlung und das regelmäßige Erwärmen des Schlägers in der Mikrowelle gebracht haben.

Den einen oder anderen Jugendspieler wird der alte Fritz – oder genauer gesagt: sein Schläger – damit höchstwahrscheinlich auf dem Gewissen haben. Aber auch das sieht Fritz ganz realistisch, da trennt sich eben die Spreu vom Weizen und wer mit Fritz‘ altem Schläger schon nicht zurechtkommt, der hat auch später in der Bezirksliga nichts zu melden.

Letzteres galt übrigens auch für den alten Fritz, der, als er noch ein junger Fritz war, auch mal ein Jahr Bezirksliga spielen durfte. Dort hatte vor seinem quantenphysikalisch fragwürdigen Schläger jedoch keiner Angst. Dass Fritz in dieser Saison damals überhaupt zwei Einzel gewonnen hat, lag an den im letzten belanglosen Saisonspiel vom Gegner aufgestellten jugendlichen Ersatzspielern.

#8 Der Anti

Kaum hat der Jugendspieler verstanden, dass es einen Noppen-Belag gibt, was dieser mit dem Ball und dessen Rotation macht und was man – zumindest theoretisch – dagegen tun könnte, schon trifft er auf einen Gegner mit Anti. Also, korrekterweise natürlich „Antitop-Belag“, aber das klingt schon so nach Verbandsvorschriften aus den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts – und wird auch meistens von ebensolchen Funktionären gespielt.

Das hilft dem jugendlichen Mats nun jedoch nicht weiter. Gerade hat er sich den schönsten Vorhand-Topspin beibringen lassen und liefert sich im Training spektakuläre Topspin-Topspin-Rallyes mit seinem Coach und den anderen Jungs. Und nun muss er, nach dem Desaster vergangene Woche gegen diesen greisen Noppenspieler, heute auch noch ein drohendes Fiasko gegen einen Anti-Spieler verhindern.

Dabei behilflich will ihm sein routinierter Mitspieler sein, der ihm ausführlich erklärt, dass eine kurze und eine lange Noppe sehr unterschiedlich sind, ein Anti jedoch wiederum, jaja, und dann gibt es natürlich noch mittellange Noppen, aber das merkt man ja gleich, das kriegst du ganz schnell raus.

Wer noch nie einen ein Fragezeichen gewordenen Menschen gesehen hat, sollte sich nun mal Mats ansehen. Ein großes Rätsel steht ihm ins Gesicht geschrieben. Da hat man ihn ausgelacht als er vor ein paar Jahren mit seinem kein bisschen griffigen Belag des Kaufhausschlägers das erste Mal im Training auftauchte, hat ihm über Jahre verschiedene Spin-Arten und Schnitt-Varianten beigebracht und ihm ein offensives Spielsystem eingebläut. Aber heute muss er sich mit mittelrüstigen Senioren herumschlagen, die ganz offenkundig nicht mit der gleichen Ausrüstung unterwegs sind wie er selbst. Und das auch noch sehr erfolgreich. Also, die Senioren.

Der Anti-Spieler selbst bekommt von all diesen Überlegungen und Ratschlägen, Sorgen und Nöten natürlich nichts mit. Für ihn ist sein Schläger ein ganz normaler Schläger (mit dem hat er schließlich schon immer gespielt) und auch der den Tränen nahe Jugendliche auf der anderen Seites des Tisches ist für ihn kein neues Phänomen. Doch da müssen sie einfach durch, die Jungens, klar, das Tischtennis-Leben ist kein Ponyhof.

Mit so einem Anti in der Hand ist man als Gegner auch nur schwer einzuschätzen. Da kann man durchaus mal den ein oder anderen höher eingeschätzten Gegner mehr als nur ärgern. Andererseits gibt es aber immer wieder sehr überraschende Pleiten gegen spielerisch eigentlich arg limitierte Gegner, die sich allerdings – vermutlich auf Grund ihrer Limitiertheit – gar keinen Kopf weiter machen über den Schläger des Gegenübers.

Anders als in grauer Tischtennis-Urzeit, entscheidet sich heutzutage ja kaum mehr jemand aktiv dafür, sich einen Anti-Belag auf den Schläger zu kleben. Außer Liam, dieser besonders verzweifelte Jugendspieler, der gegen sämtliche „Material-Spieler“ kaum Punkte erzielen konnte und dann beschloss, diese mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Tja, es blieb beim Versuch, denn nun verlor der arme Liam eben nicht mehr nur gegen „Material-Spieler“, die mit eben diesem Material einfach besser umgehen konnten. Nein, nun verlor der arme Liam gegen alle Spieler, denn mit seiner doch etwas naiven Anti-Spielweise war er für halbwegs talentierte Gegner natürlich ein gefundenes Fressen. Und bald hat Liam dann auch ganz aufgehört mit dem Tischtennis-Sport.

Jaja, wie erinnert uns der alte Adam (Vorhand Anti, Rückhand lange Noppen) seit Jahr und Tag: „Mein Schläger spielt sich auch nicht von alleine, Material hin oder her.“ Schon wahr. Aber halt trotzdem unglaublich nervig.

DIE DREI GROSSEN LÜGEN

bei der Hauptversammlung

Schön, dass ihr so zahlreich erschienen seid.

Es dauert heute auch bestimmt nicht allzu lange.

Es gibt viele spannende Themen zu besprechen.

#9 Der sehr bunte Schläger

Glücklicherweise lassen sich die Funktionäre vom Tischtennis-Weltverband öfters mal etwas Neues einfallen. Daher dürfen seit Oktober 2021 bunte Beläge gespielt werden – ein weiterer Schritt in die glorreiche Zukunft des Tischtennis, ganz klar.

Seitdem kann man in den Umkleiden der Jugend-Mannschaften öfters eine neue Art des Fachsimpelns mithören. Ging es früher auf die Frage „Was spielst du für einen neuen Belag?“ gerne mal darum, welches nach einem Raubtier benannte Modell man sich zuletzt aus dem Katalog ausgesucht hatte („Raptor R4“, „Alligator Fullspeed“, „Tiger Topspin“, „Lion Quattro“), hört man heute immer häufiger eine farbige Antwort wie „einen blauen“ oder auch „einen pinken“. Eindeutig ein Fortschritt.

Ansonsten haben diese neuen bunten Dinger keinerlei Effekt, noch nicht einmal einen Placebo-Effekt, also eine eingebildete Verbesserung der eigenen Spielstärke. Höchstens einen, ebenfalls in der Medizin bekannten, Nocebo-Effekt: Wenn sich der Gegner vom grell leuchtenden grünen Vorhand-Belag des Gegners noch mehr gestört fühlt als von dessen ständig aufblinkender Smartwatch, dem um den Hals baumelnden und das Sonnenlicht spiegelnde Kreuz oder dem nervig klimpernden Armkettchen.

Wer schon nicht spielerisch auffällt, dem bietet sich wenigstens eine auffällige Schlägerfarbe an. Denn an vergilbte Schweißbänder, versiffte Tennisarm-Bandagen und neon-farbige Kinesio-Tapes am Oberarm hat sich der durchschnittliche Kreisliga-Spieler längst gewöhnt. Und pinke Trikots aus den Neunzigern trägt schließlich ohnehin jeder zweite Tischtennis-Spieler.

Hat der sehr bunte Schläger sonst noch irgendeine hervorstechende Eigenschaft? Also, außer dass er 20% teurer ist als das Modell in Rot und Schwarz? Wohl kaum. Grüße an die Marketing-Lobby um den Schwiegersohn des Schläger-Verbandsauschuss-Vorsitzenden. Oder wer hat das damals sonst noch entschieden?

#10 Der Chinese

Wem die kiloschweren Papierkataloge oder seitenlangen Internet-Angebote für Schlägerhölzer und -beläge nicht reichen, wer immer noch ein spezielleres Spezialmodell sucht, wer eventuell gar mit semi-legalem Material liebäugelt, der bestellt seinen Schläger in China. Allerdings läuft das nicht über offizielle Kanäle oder gedruckte Kataloge. Zwar kann man sich natürlich über Amazon Schläger aus China bestellen, doch dann kann man auch gleich ins nächste Kaufhaus gehen und sich dort in der Sportabteilung umgucken.

Nein, für „echte“ chinesische Schläger braucht man Beziehungen. Da muss man beispielsweise den Kai kennen, denn dessen Bruder hat einen Schwager (oder war es sein Schwiegervater?), der regelmäßig nach China fliegt. Beruflich, angeblich, jedenfalls spielt der Mann selbst auch Tischtennis, hat früher schon einige Zeit in China gelebt und ist dort somit in die geheimen Material-Gepflogenheiten der Chinesen eingeweiht worden. Denn wer glaubt, dass die jahrzehntelange Tischtennis-Übermacht des Reiches der Mitte nur vom vielen Training und einer gesunden Ernährung kommt, der glaubt auch noch an den Osterhasen, ganz klar.

Auf jeden Fall kann man bei diesem entfernten Bekannten nun Spezialbestellungen aufgeben. Da wünscht man sich also etwas sehr Offensives oder etwas Griffiges, etwas sehr Hartes oder einfach etwas Gemeines. Am besten schickt man dem guten Mann ein kurzes Trainingsvideo, damit der sich die Spielweise des potentiellen Schlägerkäufers in Ruhe ansehen kann. Und dann findet der Typ einfach immer das richtige Material, wie von Zauberhand.

Der Schläger selbst ist in China sehr günstig, dafür muss man aber offenkundig skandalös hohe Zollgebühren berappen und angeblich galt es in China auch noch irgendeinen Offiziellen zu schmieren. Für insgesamt zwar etwas schmerzhafte aber doch verkraftbare 275 Euro hat man dann einen Schläger in der Hand, den, erstens, sonst keiner hat und von dem man, zweitens, schon beim ersten Anfassen merkt, dass es sich einfach um eine ganz andere Qualität handelt als das Standard-Zeugs in den deutschen Online-Shops.

Bereits im ersten Training bläst man die Spieler der dritten Mannschaft locker von der Platte, im zweiten Training werden einige Mitglieder der zweiten Mannschaft besiegt und beim dritten Mal muss sogar die Nummer zwei der „Ersten“ kämpfen, um am Ende doch noch knapp einen Sieg davonzutragen.

Ja, der chinesische Schläger ist wirklich eine Wunderwaffe. Zwar riecht das Holz sehr stark nach Chemie, man kann den Aufdruck der Vorhandseite nicht lesen (chinesische Schriftzeichen) und der Rückhand-Belag hat erst gar keine Kennzeichnung – aber mit so Kleinigkeiten will man sich nun wirklich nicht abgeben, jetzt, da der große spielerische Durchbruch praktisch unmittelbar bevorsteht.

Nach einer anständigen Vorrunde und einer leider sehr durchwachsenen Rückrunde fragt man sich am Saisonende dann jedoch schon, warum der erhoffte Effekt auf den eigenen TTR-Wert größtenteils ausgefallen ist. Kurze Zeit später beginnt sich der Vorhand-Belag am oberen Ende leicht vom Holz zu lösen. Während man noch auf den von den Chinesen verwendeten offenkundig billigen Kleber schimpft, zieht man den Belag ab um ihn anschließend neu aufzukleben. Und siehe da: Auf der Rückseite prangt groß und breit das Logo eines bekannten deutschen Herstellers, eine deutsche Belag-Bezeichnung und sogar ein Preis (19,99 Euro, UVP). Hat sich der entfernte Bekannte da etwa übers Ohr hauen lassen? Handelt es sich vielleicht gar nicht um die viel erhoffte chinesische Wunderwaffe?

Nun ja, ein bisschen Recherche im Internet enthüllt, dass der gute Mann internationaler Einkaufsleiter für die genannte deutsche Schläger-Marke ist und sich anscheinend bei jeder Chinareise von gutgläubigen heimischen Tischtennis-Spielern aus dem erweiterten Bekanntenkreis ein hübsches kleines Nebeneinkommen verdient.

#11 Der Mikrowellen-behandelte Schläger

Klar, angeblich sind das alles nur böswillige Unterstellungen und an den Haaren herbeigezogene Behauptungen, die jeder Grundlage entbehren. Und gleichzeitig ist es ein offenes Geheimnis im ganzen Tischtennis-Kreis, dass der alte Ewald seinen Schläger in der Mikrowelle behandelt.

Ewald selbst gibt sich natürlich immer bewusst ahnungs- und leidenschaftslos: Den Schläger habe er schon ewig, damals in den Siebzigern konnte man den ganz legal im Laden kaufen, klar, etwas abgespielt sei er jetzt schon, gut, ab und zu habe er einige physikalisch tatsächlich etwas seltsame Eigenschaften, nun ja, einem Jugendlichen würde er das gleiche Modell jetzt nicht empfehlen, und ja, als er sich mal für die Senioren-Verbandsmeisterschaft qualifiziert hatte, wo die Schläger von offiziellen Schiedsrichtern kontrolliert werden sollten, da hatte er leider ganz kurzfristig keine Zeit.

Doch von einer Behandlung in der Mikrowelle wisse er nichts. Was, der Schläger rieche offenkundig nach Haarspray? Ne, ne, das kann gar nicht sein, das ist bestimmt bloß Ewalds etwas antiquarisches Aftershave. Behauptet Ewald. Nun gut, wo kein Kläger, da kein Richter – solange der gute Ewald nicht in die Bezirksliga aufsteigt, wird sich da kaum jemand übertrieben aufregen.