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An Hand von zwei Familiengeschichten und drei Selbsttötungen versuche ich herauszufinden, ob Suizid erblich ist. Ich habe versucht, die Geschichten so aufzuschreiben, wie ich sie mir erinnere. Die Aufzeichnung fand in einem halben Jahr statt. Im Prinzip geht es um eine Mutter und eine Tochter einerseits, und um eine Mutter und ihren Sohn andererseits. Das Buch bildet keine Fiktion, sondern ist autobiografisch.
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Christian Vosmer
Schottenkaro
Liebeserinnerungen
2018
⓪
Ich kann das machen. Ich also auch. Habe es in mir. Es kann geschehen, dass ich es tue, dass ich es tat, könnte passiert sein. Das bedeutet nicht, dass ich wirklich eine Wahl habe. Dass ich es mir überlege. Mir den Gedanken durch den Kopf gehen lasse und mit ihm spiele. Am Anfang widersetzte ich mich ihm sogar heftig. Jetzt lasse ich ihn gewähren.
Der Gedanke war plötzlich da. Es ist ein Sonntagmorgen, früh, kühl und trüb, es hat die ganze Nacht geregnet, aber nun ist es endlich trocken. Die Bäume triefen. Wir sind beim Gassi gehen und gehen langsam, weil die durchnässte Natur überall verschlüsselte Botschaften für Bello verbirgt, alle so viele Meter hält er ein, riecht, leckt und schmeckt die emporwachsenden Grashalme, es ist Ende April, Frühling. Ich denke an die vergangene Nacht, die erste, ohne Ellen, und lasse mich an der Leine führen. Wir verlassen den Park. Der Hund hält an der Straβenseite. Es gibt nur sehr wenig Verkehr. Langsam und lärmend rollt ein Laster heran. Halbbewusst fixiere ich die übergroβen Laufräder und vergesse die graugrüne Welt um mich herum. Ich konzentriere mich aufs Stehen bleiben, aufs mich nicht rühren, aufs warten, bis der LKW vorbeigerasselt ist, darauf, dass mir nichts zustoβen kann, wenn ich jetzt bloβ nichts mache. Ich schaue auf Bello, geduldig erwidert er meinen Blick, worauf wir weitergehen.
Zu Hause, in der Küche, wo ich mir mein Frühstück machen will, ist der Gedanke sofort wieder da, nun in einer anderen Form, er lenkt meinen Blick auf das Brotmesser, groβ und scharf blitzt es in der Schublade. Wieder gelingt es mir, nichts zu machen, stattdessen fasse ich, damit ich die Hände voll habe, nach Tasse und Teller, schlieβe die Schublade mit der Hüfte, gehe raus aus der Wohnung, setze mich auf den Balkon und frage mich, was mit mir los ist, was wohl in mir gefahren ist und unverzüglich geht es wieder los, ich befinde mich im fünften Stock, ich soll aufstehen und den Schritt nach vorne machen, bleibe jedoch widerwillig ruhig sitzen und kaue langsam das Brot.
In den ersten Wochen habe ich noch versucht, mich der Gedanke zu erwehren. Es gelang nicht. Er drängt sich in meinen Kopf rein, er ist jedes Mal in diesen Formen wieder da. Ich habe mich schlieβlich damit abgefunden. Es ist ja nur ein Gedanke. Meine Gefühle waren schon immer stärker. Ich muss es nicht tun. Noch nicht. Vorläufig nicht. Es gibt ja noch den Hund. Ursprünglich unser Hund. Das Tier litt mit. Nach drei Wochen war ihm wohl klargeworden, dass Frauchen nicht mehr kommen sollte, um ihn zu holen, um zu zweit in dem Wald spazieren zu gehen. Dann wollte er eine Weile zu Hause kaum noch essen, spielen oder gestreichelt werden. Danach wurde er rebellisch, lehnte sich gegen mich auf und rannte mir wochenlang drauβen ständig davon. Nach einigen Tagen kapierte ich, dass er jede Frau verfolgte, die in Hundenaugen Ellen glich. Von der Silhouette oder vom Gang her. Seit er das letztendlich ergebnislos aufgegeben hat, seit er verstand, dass unser ohnehin schon kleiner Rudel sich um ein unverzichtbares Mitglied verringert hat, folgt er mir mit seinen treuen Augen und lässt mich nicht mehr aus seinem Blickfeld.
Also Bello, jetzt nur noch mein Hund. Als er noch fast ein Welpe war und ein Kampfhund, hellbraun und den Rücken voller Narben, unangeleint auf mich zu kam, dessen Herrchen fünf Meter fluchend dahinter, sprang er dazwischen, fletschte die Zähne und fing so mächtig zu bellen an, dass das Untier verunsichert innehielt, soviel verbale Gewalt hatte er wohl nicht aus einem so kleinen Artgenossen erwartet. Einige Sekunden nur dauerte das Patt, dann fasste der Angreifer sich und als er nun statt meiner auf meinen Verteidiger losgehen wollte, der die bevorstehende Auseinandersetzung aussichtslos verlieren, ja wohl überhaupt nicht überleben würde, das Maul zum zubeiβen und zerreiβen geöffnet, griff sein Besitzer ihn laut schimpfend beim Genick, schleppte die nun jaulende Bestie davon und verprügelte sie rücksichtslos. Bello hatte sich währenddessen nach getaner Arbeit auf meine Schuhe gesetzt, ich ging in die Knie, hielt ihn und versprach ihm, auch immer für ihn da zu sein, brav so.
Viel ist es nicht. Vielleicht ist es genug.
Aber der Gedanke hat, trotz seiner abgründigen Grauen, jedes Mal, wenn er schwindet, auch etwas Beruhigendes, denn ich kann offenbar zu jeder Zeit beschlieβen, dass ich nicht weiterlese, ich kann jedes Kapitel, das mir zu arg wurde, das letzte sein lassen, das Buch schlieβen und bevor ich es endgültig weglege, meine Hand über den Buchdeckel gleiten lassen, ich war der Lesende, der entschied, an welcher Stelle es reichte, wo genau Schluss war, Ende stand.
①
Ihre Mutter kannte ich eigentlich nur aus den Geschichten, die Ellen mir nachts über ihre eigene Jugend erzählte, denn getroffen habe ich sie vielleicht fünfmal und etwas mehr als nur mit ihr geplaudert nur bei einer einzelnen Gelegenheit. Sie, Ende zwanzig, hübsch und ihrer Tochter ähnlich auf den Schwarzweiβfotographien, die ich von Ellen habe, wohlerzogen, aus einem guten Nest, aber damals schon krank, heiratete ihn, um einige Jahre jünger und ihre erste und einzige groβe Liebe, das Gegenteil in allem, einen Lebensgenieβer, angeblich bar jeden Verantwortungsgefühls, zimperlich war ihre Mutter Ellen gegenüber nicht mit ihren Verleumdungen. Die Ehe, ihre Verwandte waren von Anfang an vehement dagegen gewesen, hielt vier Jahre, bald wurde eine Tochter geboren und als ihr Geld, der einzige Grund weshalb er sie überhaupt geheiratet habe, verscherbelt war, verschwand er von der Bildfläche und sollte nie wieder etwas von sich hören lassen. Ellen wurde dann so gut es eben ging von ihrer Mutter alleine erzogen, denn seit ihrem sechzehnten, als ihr Vater plötzlich starb, litt die nämlich stark unter einer manisch-depressiven Psychose. Dreimal war sie nicht fähig, sich um ihre Tochter zu kümmern, dreimal landete Ellen als kleines Mädchen in eine Pflegefamilie, zuerst bei den Eltern ihres Vaters, dann bei einem befreundeten Ehepaar ihrer Mutter und zuletzt beim Bruder der Mutter und dessen Frau. Das erste Mal war kurz nach der Geburt, Ellen war zu jung, um es sich erinnern zu können, ihre Mutter hatte es ihr verschwiegen, ich erfuhr es vor kurzem von einer Schwester des Vaters. Der Grund, dass Ellen dreimal von der Mutter getrennt wurde, war stets der gleiche, nämlich, dass die Mutter sich selbst etwas hatte antun wollen und in eine Nervenanstalt aufgenommen werden musste. Beim letzten Mal, Ellen spielte auf der Galerie, hatte sich die Mutter auf der anderen Seite der Wohnung vom Balkon im dritten Stock geworfen, brach sich dabei den Rücken aber überlebte im Dickicht. Man hatte bereits seit ihrem ersten Versuch auf die Mutter eingeredet, so etwas könne man dem Kinde doch nicht antun, aber sie wollte ihre Tochter nie, niemals aufgeben, jetzt reiche es ihnen aber und da sie nun, schwer verletzt, weit weg rekonvaleszieren musste und sich nicht wehren konnte, nahm man ihr die elterliche Gewalt, Ellen sollte ab nun endgültig beim Onkel aufwachsen, in einer soliden Familie, zwei Töchter im gleichen Alter gab es, materiell war alles vorhanden, Winterferien in Österreich, Reitstunden und andere Sachen, die sich die Mutter nicht hatte leisten, aber weiter gab es dort in der Villa nichts, was Ellen hätte trösten können. Untröstlich auch die Mutter, ihr Schuldgefühl erfüllte sie nun mit Kampfgeist, sie setzte alles auf ihre körperliche und psychische Heilung und saβ ein Jahr später in ihrem Rollstuhl im Gerichtssaal, beteuerte, es gehe ihr wieder gut, die Ärzte bestätigten es ja, es gebe keinen Grund, sie jetzt nicht mit Ellen nach Hause zurückkehren zu lassen, Mutter und Kind gehören ja zusammen, gegenüber ihr, der Richter, nickend, neben ihr, der Bruder, schweigend, und hinter ihr, Ellen, in den Armen ihrer Oma, seelisch - so stelle ich mir den Rechtsgang vor, die Realität ist, dass ich ihn mir unfundiert gedanklich konstruiere und nur weiβ, dass die Mutter vor Gericht musste, um die Entscheidung rückgängig machen zu lassen, dass sie es ihrem Bruder nie verziehen hat, das ganze veranlasst und ihr die Tochter weggenommen zu haben und dass Ellen bei ihrer Oma Halt suchte, wenn ihre Mutter nicht für sie da sein konnte.
Auch über das nächste Jahrzehnt ihres Lebens weiβ ich nur sehr wenig. Scheinbar hatte die Mutter ihre Krankheit weitgehend unter Kontrolle und rehabilierte weiter zu Hause. Sie zogen zweimal um, Ellen half bei der Verpflegung, freundete sich für den Rest ihres Lebens mit den Frauen, die ihre Mutter betreuten oder für den Haushalt da waren, an, überhaupt machte sie leicht neue Freunde, und hatte endlich eine fast normale, stabile und glückliche Kindheit, Schule, Adoleszenz, alles klappte, ab und zu hatte die Mutter einen neuen Liebhaber, aber keinen, der für Ellen den Platz ihres Vaters hätte einnehmen können.
Als Ellen zwanzig war, erkrankte ihre Mutter, diesmal aufs Schlimmste. Ich erinnere mich, wir schliefen bei mir und unterhielten uns nachts noch lange, dass Ellen behauptete, ich weiβ nichts mehr wie wir auf das Thema kamen, wahrscheinlich der Mücken wegen, Schmerzen seien dem Jucken vorzuziehen, und weil ich fragte, wieso das denn, erzählte sie mir, dass ihre Mutter ihr sagte, dass unter ihrer Kleidung eine weiβe Substanz aus ihrer Haut hervorquölle, es jücke schrecklich, es sei nicht auszuhalten, sie könne es niemandem zeigen aber es war überall, sie habe noch lieber jene Tortur in der Nervenanstalt damals, wobei sie in einem groβen Rad hing und alle so viel Stunden gedreht wurde, um den Rücken heilen zu lassen.
Zu dieser Zeit sah ich Ellen noch nicht sehr häufig. Ich wollte schon, sie aber nicht, mit mir Ausgehen mochte sie nicht mehr, sie gab ihre Telefonnummer nicht her, im Telefonbuch war nur ihre Mutter verzeichnet, die ihren mir unbekannte Mädchenname beibehalten hatte, eine Adresse hatte ich nicht, und aufsuchen konnte ich Ellen nur in der Tankstelle, wo ich sie kennengelernt hatte, kannte aber ihre Schichten nicht, versuchte es wochenlang immer wieder, ging hin um etwas kleines zu kaufen, stets war nicht sie sondern ein Kollege an der Arbeit, mir sagen, wann sie denn wieder da sei, konnten sie nicht, und als ich sie endlich wieder öfters dort traf, sagte ihre ganze Körpersprache mir, dass ich fehl am Platz war, sie stellte mich kalt, indem sie sich den Kunden widmete oder sich mit einem anderen zufälligen Besucher unterhielt. Ich lieβ nicht locker, denn sie ging mir schon damals nicht aus dem Sinn, und nach einem Monat wirkte sie entspannter und wollte mich nach der Arbeit bei mir treffen.
Damals liebten wir uns noch nicht. Ich war nur ein Freund, bei dem sie manchmal schlief, wann sie es nachts nicht alleine aushielt und dem sie ziemlich viel anvertraute. Wir hatten beide getrunken, es war spät, wir saβen uns auf dem Teppich bei Kerzenlicht gegenüber, hörten uns Musik an und sie erzählte, wie ihre Mutter lange auf sie eingeredet hatte, sie umzubringen, und wie sie ihr, auf der Couch liegend, das Kissen fest ins Gesicht drückte, während ein Freund, ein schwuler Zuhälter, Ende vierzig, den Ellen während der Nachtschicht hatte kennen lernen und der einen sehr jungen Freund hatte, der anfangs für ihn arbeitete, jetzt aber sein Liebchen war und nun auch kaum achtzehnjährige Klassenkameraden, alles legal, fürs Geschäft warb, anschaffen gingen sie, es waren die Neunziger, für Luxuskonsumgüter, ihr an den Handgelenken festhielt, bis Ellen, schon nach wenigen Sekunden, sagte, ich kann’s nicht.
Ich erinnere mich die beiden Frauen eine Weile danach, sitzend auf der breiten Holzbank neben dem Aufzug im alten, ehemaligen katholischen Krankenhaus. Ellen hatte mich gebeten, mitzukommen, ihre Mutter hatte sich auf ihr Drängen in die örtliche psychiatrische Abteilung aufnehmen lassen. Ich hatte mich kurz davor entfernt, damit die beiden sich unterhalten konnten, es war Besuchsstunde, ich lief eine Runde durch das Krankenhaus, vermischte mich mit den körperlich Kranken, weil ich mich unter ihnen heimlicher fühlte und als ich die beiden nach einer Weile wieder aufsuchen wollte, sah ich sie aus der Ferne und hielt inne, sie lachten, eine Tochter, die ihre kranke Mutter besucht, ich wollte nicht stören.
Als ich Ellen einige Wochen nachher, so ungefähr war jetzt die unregelmäβige Frequenz unserer Begegnungen, wieder sprach, war sie gerade zu Hause ausgezogen. Ihre Mutter hatte es so gewollt. Sie erzählte, ich kann nicht genau sagen, wie ihr zumute war, wo sie jetzt wohnte, ich kannte die Straβe, es war drei Minuten von mir entfernt. Es sei besser so, sagte sie mehr sich als mir, sie habe sich abends und morgens immer gefürchtet, als sie auf dem Heimweg die Strecke über das Industrieviertel die Eisenbahn entlang radelte, jetzt brauche sie nur den Parkplatz zu überqueren und schon sei sie da. Eine Freundin ihrer Mutter hatte ermittelt und ein gutes Wort für sie eingelegt, daher konnte sie so schnell einziehen. Die meisten Möbel, kein Krempel wie bei mir, in ihrer neuen Wohnung hatte sie von ihrer Mutter mitnehmen dürfen, denn auch sie wollte demnächst ausziehen. Sie hatte eine kleinere Wohnung in der Innenstadt gefunden und keinen Platz mehr dafür.
In ihrer neuen Wohnung habe ich die Mutter einmal alleine besucht. Ich weiβ nicht mehr, wie ich reingekommen bin, ob sie mir aufgeschlossen hat oder ob Ellen mir die Schlüssel mitgegeben hat, ich erinnere mich nur, dass Ellen etwas vorbeibringen sollte und mich bat, es zu erledigen, dass die Mutter im Bett saβ und ich mich, weil es sonst kein Sitzmöbel im Schlafzimmer gab, auf den Fuβboden setzte und dass wir uns vielleicht eine halbe Stunde unterhielten. Meine künftige Schwiegermutter war freundlich, stellte mich Fragen über meine persönlichen Umstände, wirkte nicht abnormal und war mir nicht abhold.
Ich kann die Intervalle nicht so richtig einschätzen, es wird einige Monate nachher gewesen sein. Es war morgens. Das Telefon klingelte nur einmal. Ich arbeitete konzentriert am Schreibtisch und wollte nicht die Botschaft für eine der beiden Studentinnen, für die oft angerufen wurde und die ebenso oft raus waren, annehmen, hörte oben Musik spielen und wusste daher, dass mein Hausgenosse da war, lieβ
