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Schüchterne Kinder tragen viele Gaben und Stärken in sich, die vielfach noch im Verborgenen schlummern. Wenn es Kindern und Eltern gelingt, diesen Schatz an unerkannten Potenzialen zu heben, kann sich das Kind frei entfalten und ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Eltern können ihr Kind auf dieser spannenden Entdeckungsreise maßgeblich stärken. Im ersten Teil dieses Buchs erhalten sie deshalb viele wertvolle Informationen zu kindlichen Temperamenten, zur Entstehung von Schüchternheit und zu sozialen Ängsten. Im zweiten Teil liefert die Autorin zahlreiche praktische Gedankenanstöße, wie Eltern ihre Kinder im Alltag wirkungsvoll unterstützen können, ihre Ängste zu überwinden und zu einer glücklichen und selbstsicheren Persönlichkeit heranzuwachsen. Darüber hinaus werden interessierte Leser mit vielen weiterführenden Fragen zur Selbstreflexion und zur intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Familiensituation eingeladen. Im letzten Teil stehen die Eltern mit ihren Sorgen im Vordergrund. Doris Schüler zeigt neue Wege auf, wie nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern auf eine persönliche Entdeckungsreise gehen können und dabei mehr Lebensfreude in ihren Alltag und den ihrer Familie bringen.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Vorwort
Kapitel 1 – Einleitung
Kapitel 2 – Die vielen Gesichter der Schüchternheit
2.1 Das breite Spektrum der Schüchternheit.
2.2 Wie Schüchternheit in der westlichen Kultur gesehen wird
2.3 Wie entsteht Schüchternheit?
2.4 Schüchternheit und Angst.
Kapitel 3 – Ein Blick in die Temperamentsforschung
3.1 Was ist mit Temperament gemeint?
3.2 Temperamentsmerkmale und Schüchternheit
3.3 Hochsensible Kinder
3.4 Extrovertierte und introvertierte Persönlichkeiten
Kapitel 4 – Die Erste Säule: Ein gesundes Selbstgefühl
4.1 Was ist mit Selbstgefühl gemeint?
4.2 Kinder wollen gesehen und anerkannt werden
4.3 Sich selbst und das Kind annehmen
4.4 Wie Zuneigung gezeigt werden kann
4.5 Angemessene Erwartungen der Eltern
4.6 Mitfreude statt Lob und Belohnung
4.7 Glücksmomente sammeln
4.8 Zeit für das Kind
4.9 Aktives Zuhören in der Familie einüben
4.10 Ich-Botschaften einsetzen
4.11 Eltern erzählen von sich
4.12 Den Blick auf das Positive richten
4.13 Ausdruck von Ärger und Wut
4.14 „Nein“ sagen
4.15 Kinder wollen nicht „schüchtern“ genannt werden
4.16 Entschuldigungen entlasten die Atmosphäre
4.17 Ein Klima der Toleranz
4.18 Wenn das Kind so sein will wie andere Gleichaltrige
4.19 Manche Kinder brauchen sehr viel Zeit
4.20 Die besonderen Eigenschaften hochsensibler Kinder
4.21 Vom Umgang mit elterlichen Ängsten
Kapitel 5 – Die Zweite Säule: Das Selbstvertrauen stärken
5.1 Das Kind seine Interessen wählen lassen
5.2 Erfolgserlebnisse und Mitverantwortung
5.3 Die besten Lösungen findet das Kind selbst
5.4 Altersgerechtes Mitspracherecht für das Kind
5.5 Mutiges Verhalten fördern
5.6 Freude an der eigenen Gesellschaft gewinnen
5.7 Bewegung tut gut
5.8 Laut- und Ausgelassen-Sein
Kapitel 6 – Die Dritte Säule: Selbstmanagement lernen
6.1 Vom Pessimisten zum Optimisten
6.2 Schnuller, Daumen und Schmusetuch
6.3 Misserfolge und Rückschläge
6.4 Stressabbau
6.5 Von Ritualen und einem gleichförmigen Tagesablauf
6.6 Vorplanen hilft bei Scheu vor neuen Situationen
6.7 Ziele setzen und kleine Schritte gehen
6.8 Mit der Angst umgehen lernen
6.9 Angst auslösende Filme und Nachrichten
6.10 Spiele, Übungen, Tanz und Theater
6.11 Phantasiereisen und Geschichten
6.12 Entspannungsübungen
6.13 Herausforderung Pubertät
Kapitel 7 – Die Vierte Säule: Soziale Fertigkeiten trainieren
7.1 Augenkontakt aufnehmen
7.2 Laut und deutlich sprechen
7.3 Wertschätzung zeigen
7.4 Andere Perspektiven einnehmen
7.5 Verschiedene Bezugspersonen erleben
7.6 Vom Umgang mit Hänseleien
7.7 Eine geeignete Umgebung
7.8 Training sozialer Fähigkeiten im Spiel zu Hause
7.9 Das Trainingsprogramm „Ich schaff´s“
Kapitel 8 – Die Fünfte Säule: Starke soziale Ängste überwinden
8.1 Wie äußern sich starke soziale Ängste?
8.2 Geht starke soziale Angst „von alleine“ wieder weg?
8.3 Besondere Ursprünge von sozialen Ängsten
8.4 Kompetente Beratung
8.5 Gruppentraining und Einzeltherapie
Kapitel 9 – Die Sechste Säule: Wie Eltern mit ihren Kindern wachsen
9.1 Probier’s mal anders!
9.2 Ohne Fehler geht es nicht
9.3 Wenn Eltern ein übermäßig schlechtes Gewissen plagt
9.4 Wo bleiben die Bedürfnisse der Eltern?
9.5 Rund um Mitleid, Sorgen und Überfürsorge
9.6 Das Verändern von negativen Gedanken und Gefühlen
9.7 Wie sich Familiensysteme ausbalancieren
9.8 Wenn Eltern unter Schüchternheit leiden
Kapitel 10 – Tipps zum Weiterlesen, Literatur und Referenzen
10.1 Tipps zum Weiterlesen
10.2 Verwendete Literatur und Referenzen
Dr. Doris Schüler, Jahrgang 1966, psychologische Beraterin, Elterncoach, promovierte Ingenieurin und Autorin, ist Mutter von zwei Kindern.
Eines ihrer Kinder war sehr stark schüchtern und hat diese Schüchternheit – und die damit verbundenen Ängste – erfolgreich überwunden.
Kontakt: www.facebook.com/autorenseite.doris.schueler
Liebe Eltern, liebe Leserinnen, liebe Leser!
Jedes Kind ist anders und einzigartig. Dennoch erhalten Eltern immer wieder pauschale Ratschläge zur Kindererziehung, die die unterschiedlichen kindlichen Temperamente nicht berücksichtigen. Für ein sensibles, vorsichtiges oder zurückgezogenes Kind sind viele dieser Empfehlungen alles andere als hilfreich.
Jedes Kind bringt eine eigene Persönlichkeit mit, die sich im Wechselspiel mit der Umgebung immer wieder verändert und weiter entwickelt. Eine liebevolle Begleitung des Kindes bedeutet darum, das Kind und seine Bedürfnisse immer wieder aufs Neue zu erforschen und ihm soweit als möglich einen Rahmen zu schaffen, in dem es sich mit seinem Temperament gut zurecht finden und auf seine eigene Weise entwickeln kann. Eltern stärken ihr Kind sehr, wenn sie ihm soweit entgegen kommen, dass es den Halt, die Geborgenheit und die Herausforderungen erhält, die eine gesunde Entwicklung ermöglichen. Oft haben dabei schon kleine Veränderungen große Wirkungen.
Das Buch möchte Ihnen Anregungen geben, diese kleinen Veränderungsmöglichkeiten herauszufinden, die Ihrem zurückhaltenden Kind und Ihnen selbst gut tun. Das Ziel dieses Buches ist es nicht, Patentrezepte weiter zugeben. Das Ziel ist vielmehr, zum Nachdenken anzuregen - zur Auseinander setzung mit Ihrem Kind und mit sich selbst. Denn Sie kennen Ihr Kind so gut wie kein anderer Mensch und werden sicher bereits gute Wege gefunden haben und weiterhin finden, um Ihr Kind hilfreich zu begleiten.
Auf der Suche nach diesen Wegen möchte ich Ihnen Mut machen und viele Anregungen zur Entdeckung der vielen – möglicherweise noch verborgenen – Potentiale Ihres zurückhaltenden Kindes geben. Dies gilt umso mehr, wenn Ihr Kind unter seinen zurückhaltenden Verhaltenweisen leidet. Denn viele Kinder, die unter ihrer Schüchternheit und Ängstlichkeit gelitten haben, haben es gemeinsam mit ihren Eltern erfolgreich geschafft, diese Ängste abzulegen und sich zu glücklichen und selbstbewussten Persönlichkeiten zu entwickeln. Mit Ihrer Unterstützung wird auch Ihr Kind diesen Weg gehen.
Ich wünsche Ihnen auf der Entdeckungsreise mit Ihrem Kind viel Freude!
Doris Schüler, im November 2020
Jedes Kind hat seine besonderen Stärken und sein eigenes Temperament und demzufolge auch ganz eigene Bedürfnisse. Somit können keine allgemein gültigen Erziehungsrezepte gegeben werden, wie ein schüchternes Kind idealerweise begleitet werden sollte. Es gibt schüchterne Kinder, die unter ihrer Schüchternheit leiden und deshalb von ihren Eltern „gestärkt“ werden sollten. Ebenso gibt es jedoch auch schüchterne Kinder, die zufrieden mit sich und ihrem Leben sind. Wenn sie in einer Umgebung aufwachsen, die ihr zurückhaltendes Temperament akzeptiert, können sie sich wunderbar entfalten.
Vor diesem Hintergrund beschäftigen sich die folgenden zwei Kapitel zunächst mit den vielfältigen Ausprägungen und Ursachen von Schüchternheit sowie mit dem aktuellen Stand der Temperamentsforschung. Die Kapitel zeigen, wie unterschiedlich und facettenreich die Temperamentsmerkmale von Kindern sind und welche spezifischen Gaben, Talente und Stärken insbesondere bei zurückhaltenden Kindern häufig vorhanden sind.
Nach diesen Hintergrundinformationen werden Sie zahlreiche Anregungen und Gedankenanstöße zur Stärkung von zurückhaltenden Kindern kennen lernen. Diese sind in sechs große Themenblöcke gegliedert und werden in diesem Buch als „Sechs Säulen“ bezeichnet:
Die Erste Säule beschäftigt sich mit dem kindlichen Selbstgefühl. Damit ist das grundlegende Lebensgefühl gemeint, das – wenn es gesund und lebendig ist – die eigene Existenz rundum bejaht. Das Kind spürt, dass es wertvoll und in Ordnung ist, so wie es ist, ohne dafür etwas tun oder leisten zu müssen. Das Selbstgefühl betrifft unmittelbar den Kern der menschlichen Existenz und ist deshalb von großer Bedeutung für die kindliche Entwicklung. Die Anregungen im vorliegenden Buch zeigen viele Möglichkeiten auf, wie das Selbstgefühl von zurückhaltenden Kindern nachhaltig gestärkt werden kann.
Die Zweite Säule widmet sich dem kindlichen Selbstvertrauen. Das Thema hier ist, wie das Kind Vertrauen in seine eigene Kraft, seine Kreativität und sein Können aufbaut. Auch hier können Eltern ihr zurückhaltendes Kind stark fördern. Zugleich können sie es jedoch auch stark behindern, wenn sie ihm zu wenig zutrauen oder ihm zu viel abnehmen.
Bei der Dritten Säule geht es um das Selbstmanagement des Kindes. Im Laufe ihrer Entwicklung lernen Kinder nach und nach, wie sie mit ihren Gefühlen und Gedanken umgehen können und wie sie ihr Leben strukturieren und gestalten. Es gelingt ihnen zunehmend, mit ihrer Angst umzugehen und Misserfolge zu überwinden. In der Kleinkindphase brauchen sie in diesem Punkt noch die direkte Unterstützung der Eltern, während bei älteren Kindern die Eltern immer weiter zurücktreten und das Kind das Selbstmanagement zunehmend erlernt. Die Eltern können ihrem Kind auf diesem Gebiet die benötigten Fertigkeiten vermitteln und als Vorbild dienen. In dieser Säule werden viele Wege aufgezeigt, wie insbesondere zurückhaltende und ängstliche Kinder darin gefördert werden können, mit ihren unterschiedlichen Gefühlen und Gedanken zurechtzukommen und ihr Leben mit Freude selbst in die Hand zu nehmen.
Die Vierte Säule beschäftigt sich mit sozialen Fertigkeiten. Manche zurückhaltenden Kinder haben Schwierigkeiten in ihrem Umfeld, weil sie bestimmte soziale Fähigkeiten noch nicht besitzen. Mit konkreten Denkanstößen werden in diesem Kapitel Wege aufgezeigt, wie Kinder bestimmte noch nicht ausgebildete soziale Verhaltensweisen erlernen und einüben können.
Die Fünfte Säule richtet sich an Eltern von sehr schüchternen Kindern, die zugleich starke soziale Ängste haben. Hier werden Informationen zur Entstehung und zur Über windung von ausgeprägten sozialen Ängsten gegeben. Viele Kinder und Erwachsene haben es geschafft, diese sozialen Ängste wieder abzubauen. Auf diesem Weg gibt es viele professionelle und bewährte Unterstützungsmöglichkeiten, die in der Fünften Säule übersichtlich vorgestellt werden.
Die Sechste Säule beschäftigt sich mit dem Wachstum und den Veränderungen der Eltern selbst. Das Zusammenleben mit Kindern kann wie eine gemeinsame große Reise betrachtet werden, die alle Familien mitglieder verändert. Die Kinder wandeln sich am deutlichsten. Aus kleinen Babys werden in wenigen Jahren neugierige Grundschulkinder, später entwickeln sie sich zu Jugendlichen und schließlich zu Erwachsenen. Auch Eltern können einige Verwandlungen durchlaufen, an den besonderen Schwierigkeiten und Erfolgen ihrer Kinder mitwachsen und eine sehr wohltuende Persönlichkeitsentwicklung im Zuge dieser Reise erfahren. Wenn Eltern diese Entwicklungspotenziale bewusst erleben und reflektieren, haben sie viele Möglichkeiten, ihr eigenes Leben zu bereichern und positive Veränderungen zu erfahren. Zugleich wirken sich diese positiven Veränderungen auf das gesamte Familiensystem aus. Das Ziel der Sechsten Säule ist es deshalb, Anstöße und Ermutigungen zum Aufbruch in diese unbekannten Welten zu geben.
Die Gliederung der Anregungen der einzelnen Kapitel in das System der Sechs Säulen dient der schnellen Orientierung und gibt einen Überblick über die vielen Facetten des umfangreichen Themas „Schüchterne Kinder stärken“ Denn die Inhalte der Säulen betreffen jedes Kind auf unterschiedliche Art und Weise. Während ein Kind eine besondere Stärkung beim Aufbau eines gesunden Selbstgefühls (Erste Säule) braucht, erfährt ein anderes Kind vielleicht einige wohltuende Veränderungen durch das Training von bestimmten sozialen Fertigkeiten (Vierte Säule).
Trotz dieser Aufteilung stellen die Sechs Säulen keine statischen und streng getrennten Bereiche dar, sondern gehen fließend ineinander über. Es darf nicht übersehen werden, dass alle Handlungen und Maßnahmen letztlich den ganzen Menschen und das gesamte Familiensystem betreffen. Positive Änderungen an einer Stelle können zahlreiche Veränderungen in anderen Bereichen nach sich ziehen.
In diesem Sinne ist das Buch so angelegt, dass es nicht von vorne bis hinten gelesen werden muss. Sie können ebenso gut bei den Kapiteln anfangen, die Sie am meisten interessieren und erst später die grundlegenden Informationskapitel lesen. Alle Kapitel der Sechs Säulen haben zudem eine Textbox „Auf den Punkt gebracht“. Hier werden in wenigen Sätzen wichtige Aspekte des jeweiligen Kapitels zusammengefasst.
Für die vertiefte Auseinandersetzung mit einzelnen Themen enthält jedes Unterkapitel der Sechs Säulen darüber hinaus eine Zusammenstellung weiterführender Fragen. Diese Fragen sind als Einladung zu verstehen, sich intensiver mit dem Thema und seiner Bedeutung für die eigene Familie zu beschäftigen.
In den einzelnen Kapiteln dieses Buches befinden sich zudem zahlreiche Fallbeispiele. Die Namen der handelnden Personen in diesen Beispielen sind zufällig gewählt. Denn es geht vorrangig um die anschauliche Darstellung einer Familiensituation und den konkreten Bezug zum Alltag.
Es ist ein wichtiges Anliegen der Autorin, ein gut lesbares Buch vorzulegen, das Freude beim Lesen gibt. Aus diesem Grund wurde eine Sprache gewählt, die nicht in jedem Fall sowohl die weibliche als auch die männliche grammatikalische Form verwendet. Selbstverständlich sind bei Formulierungen wie „die Leser“ oder „die Lehrer“ ausdrücklich beide - Frauen und Männer - angesprochen.
Ähnliches gilt für den Leserkreis. Im Buch ist durchgängig die Rede von den „Eltern“. Mit dieser Formulierung sind jedoch nicht nur die Mutter und der Vater, sondern auch die Großeltern und andere wichtige Bezugspersonen der Kinder gemeint.
Was ist Schüchternheit? Ist jemand bereits schüchtern, weil er lieber zu Hause ein Buch liest anstatt auf eine Party zu gehen? Oder ist nur derjenige schüchtern, der im Beisammensein mit anderen ängstlich und unsicher wirkt? Es gibt keine einheitliche Definition von Schüchternheit. Stattdessen wird der Begriff „schüchtern“ für eine weite Bandbreite von Verhaltensweisen verwendet. Das Spektrum reicht von leicht zurückhaltendem Verhalten bis hin zu starker Angst bei der Begegnung mit anderen Menschen. Dementsprechend werden im Duden unter dem Begriff „schüchtern“ das Adjektiv „zurückhaltend“ aufgeführt, aber auch Begriffe wie „gehemmt“, „schamhaft“ und „voller Scheu“.
Rund 80 % der Menschen geben an, zeitweise schüchtern zu sein [1]. Diese zeitlich begrenzte Schüchternheit äußert sich beispielsweise als Lampen fi eber vor einem Auftritt, als Aufgeregtheit bei einem Vorstellungsgespräch oder als Nervosität beim Vortrag vor der Schulklasse. Diese Art der Schüchternheit oder Angst gehört zu Situationen, die die meisten Menschen gelegentlich erleben, und gibt keinerlei Anlass zur Besorgnis. Im Gegenteil – zeitweise Aufregung kann die Aufmerksamkeit und Leistung sogar steigern.
Rund 40 % der Menschen bezeichnen sich als generell schüchtern [1]. Damit meinen sie, dass sie im Allgemeinen eher zurückhaltend und vorsichtig sind und in sozialen Situationen zu Unsicherheit neigen. Viele Menschen leben mit dieser Ausprägung der Schüchternheit ein zufriedenes Leben. Sie fühlen sich zwar tendenziell unwohl in Gesellschaft mit zu vielen Menschen und sind in Gruppen eher zurückhaltend. Dafür haben sie aber meistens einige gute Freunde und genießen das Zusammensein in kleinerem Kreis. Solange Kinder und Jugendliche mit dieser Ausprägung der Schüchternheit selbstsicher und erfolgreich sind, ist alles bestens. Problematisch wird es nur dann, wenn die Eltern oder das Umfeld das ruhige und zurückhaltende Temperament des Kindes nicht akzeptieren wollen und dem Kind zu verstehen geben, dass sie sich ein forscheres oder extrovertierteres Kind wünschen.
Rund 10 % aller Kinder und Jugendlichen sind sehr stark schüchtern [1] und in der Begegnung mit anderen Menschen äußerst ängstlich. Sie leiden unter dieser ausgeprägten Schüchternheit sehr. Diese starke Schüchternheit, die von großer Angst begleitet wird, wird auch als soziale Angst bezeichnet. Ein Anzeichen der großen sozialen Angst ist, dass die betroffenen Kinder die sozialen Situationen, die diese Ängste auslösen, intensiv zu vermeiden versuchen. Glücklicherweise gibt es viele Möglichkeiten, diese Kinder dabei zu unterstützen, dass sie diese Ängste wieder ablegen.
Ein sehr schüchternes Verhalten zeigen auch fast alle Babys bzw. Kleinkinder in der Phase des sogenannten „Fremdelns“ im ersten und zweiten Lebensjahr. Da das Fremdeln nur eine vorübergehende Entwicklungsphase, die alle Kleinkinder durchlaufen und die relativ kurz ist, wird sie hier nicht näher betrachtet.
In diesem Buch werden vielmehr viele Fallbeispiele und Gedankenanstöße zur Begleitung von Kindern gegeben, die über einen längeren Zeitraum schüchternes Verhalten zeigen. Die meisten Anregungen gelten für alle diese Kinder, egal ob sie nur leicht oder sehr stark schüchtern sind. Denn die grundlegenden Bedürfnisse der zurückhaltenden Kinder sind sehr ähnlich, und ihre Schwierigkeiten unterscheiden sich oft nur in dem Grad der Ausprägung. Darüber hinaus finden sich in dem Buch einige Abschnitte, die sich speziell mit der Überwindung von starker Schüchternheit und großen sozialen Ängsten befassen.
Ein wichtiger Aspekt für unseren Umgang mit Schüchternheit ist die Bewertung von Schüchternheit. In der westlichen Kultur wird Schüchternheit überwiegend negativ gesehen und oft als ein Defizit betrachtet. Das spiegelt sich in Bemerkungen wider wie: „Ich wünschte, meine Tochter wäre offener und aufgeschlossener.“ Oder „Mein Sohn soll mehr aus sich herausgehen, damit er erfolgreich wird.“
Die Schätze, die schüchterne Kinder in sich tragen, werden dabei leicht übersehen. Viele schüchterne Kinder haben ein sehr reiches Innenleben mit einem ausgeprägten Sinn für Tiefe und Schönheit. Oft sind sie einfühlsam, feinfühlig, diszipliniert, zuverlässig und gerechtigkeits liebend. Viele zurückhaltende Kinder haben darüber hinaus eine gute Beobachtungsgabe und sind tiefsinnige Denker. In China werden diese Eigenschaften deutlich stärker geschätzt als in der westlichen Kultur. So verglich eine Studie, welche Eigenschaften dazu führen, dass Schüler in China bzw. Schüler in Kanada bei ihren Klassenkameraden beliebt sind [2]. In der chinesischen Gruppe waren die zurückhaltenden und sensiblen Kinder sehr angesehen. In Kanada wiederum zählten diese zu den am wenigsten beliebten. Das zeigt, dass die vermeintlichen Probleme oft gar nicht in der Schüchternheit der Kinder begründet sind, sondern dass der Kern dieser Probleme in der westlichen Kultur meist ganz woanders liegt: bei der Ablehnung von Schüchternheit durch Erwachsene und Kinder. Es ist für schüchterne Kinder nicht leicht, ihrem zurückhaltenden Temperament gemäß zu leben, wenn sie spüren, dass die Eltern und das Umfeld sie lieber ganz anders hätten.
Ebenso wie die Ausprägung der Schüchternheit eine weite Bandbreite umfasst, gibt es viele unterschiedliche Faktoren, die das Auftreten von Schüchternheit und die Verfestigung von schüchternen Verhaltenszügen beeinflussen. Meistens sind es verschiedene Aspekte, die zusammen kommen und sich gegenseitig verstärken. Interessant ist dabei, dass es zum einen Faktoren gibt, die eine grundsätzliche Neigung zu Schüchternheit fördern, z.B. biologisch bedingte Reaktionen auf Außenreize. Zum anderen können besondere Schlüsselerlebnisse die bereits angelegte Schüchternheit dann konkret auslösen.
Im Folgenden wird der derzeitige Wissensstand zur Entstehung von Schüchternheit kurz dargestellt [3,4]. Hierbei ist zu beachten, dass es sich bei allen Erklärungsversuchen letztlich um von einzelnen Menschen entworfene Erklärungsmodelle handelt. Wie alle Modelle werden sie der komplexen Wirklichkeit nie vollständig gerecht. Es ist nicht möglich, bis ins Letzte zu ergründen, warum ein Kind stark schüchtern ist, während ein anderes Kind sich sehr aufgeschlossen zeigt. Die Erklärungsmodelle können uns dennoch hilfreiche Ideen vermitteln, woher eine ausgeprägte Schüchternheit möglicherweise kommt und wie sie überwunden werden kann.
Faktoren, die eine Neigung zur Schüchternheit fördern
Die verschiedenen Einflüsse, die eine grundsätzliche Neigung zur Schüchternheit fördern, können folgendermaßen untergliedert werden:
, Biologische Ursachen und angeborenes Temperament
, Psychische Faktoren
, Körperliche Faktoren
, Erziehungsstil und Elternhaus
Nachfolgend werden diese vier Einflussbereiche kurz beschrieben. Zu beachten ist hierbei, dass ein Kind, auf das einige dieser Kriterien zutreffen, deshalb noch lange nicht schüchtern werden muss. Denn es gibt Kinder, die diesen Einflussfaktoren ausgesetzt sind und dennoch keine Schüchternheit zeigen. Umgekehrt gibt es auch Menschen, die nur wenige der genannten Faktoren in sich vereinen, die aber stark schüchtern sind.
Biologische Faktoren und Persönlichkeitsmerkmale
Amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt, dass etwa 20% einer Untersuchungsgruppe gesunder Babys auf für sie fremde und unbekannte Reize Furchtreaktionen zeigen. Dieses Verhalten wird auch als „Verhaltenshemmung“ bezeichnet („Behavioral Inhibition“). Es wird davon ausgegangen, dass diese Babys eine niedrigere Erregungsschwelle haben und der Körper dadurch empfindlicher auf Außenreize reagiert. Dies führt dazu, dass in unbekannten bzw. unvorhergesehenen Situationen der Körper mit Stressreaktionen wie schnellerer Herzschlag, Muskelanspannung und einer erhöhten Ausschüttung der „Stresshormone“ Cortisol und Noradrenalin reagiert. Diese komplexen körperlichen Reaktionen können zu einer anhaltenden Ängstlichkeit und zu Verhaltensblockaden führen. Die Wissen schaftler gehen davon aus, dass die niedrige Erregungsschwelle entweder genetisch bedingt ist oder während der Schwangerschaft bzw. der Geburt erworben wurde und meistens bis in das Jugend- und Erwachsenenalter niedrig bleibt.
Der Begriff der „Verhaltenshemmung“ ist bei den meisten Menschen negativ besetzt. Die amerikanische Psychologin Aron benennt diesen Wesenszug positiver: Sie geht davon aus, dass rund 15 – 20 % der Menschen eine erhöhte Sensibilität als Wesenszug in sich tragen und bezeichnet diese Menschen als „hochsensibel“. Andere Psychologen beschreiben diese Persönlichkeitsmerkmale mit weiteren Kategorien wie „Rückzug in neuen Situationen“ und „langsame Anpassungsfähigkeit an neue Situationen und Stimmungslagen“.
Psychische Faktoren
Kinder mit einem niedrigen Selbstwertgefühl neigen eher dazu, schüchternes Verhalten zu entwickeln als Kinder mit einem hohen Selbstwertgefühl. Ebenso wird die Neigung zur Schüchternheit bei Kindern mit Entwicklungsstörungen oder psychischen Störungen sowie bei Kindern, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, erhöht. Eine Rolle spielt auch, wie Kinder sich und die Umwelt sehen. Wenn sie tendenziell davon ausgehen, dass die Umwelt ihnen nicht gut gesonnen ist oder dass andere Menschen sie ablehnen, wird schüchternes Verhalten stark begünstigt.
Körperliche und mentale Einschränkungen
Hierzu zählen Einschränkungen unterschiedlichster Art. Zu nennen sind körperliche Erkrankungen oder Behinderungen, die dazu führen, dass das Kind „anders“ ist, auffällt und ungewollt die Aufmerksamkeit der Umgebung auf sich zieht.
Sprachliche Probleme machen es dem Kind schwerer, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Das wiederum kann zu Missverständnissen und negativen Erfahrungen führen, die schüchternes Verhalten begünstigen.
Kinder mit Konzentrationsstörungen oder Lernbehinderungen neigen ebenfalls verstärkt zu schüchternem Verhalten. Gleiches gilt für Kinder mit Seh- und Hörbehinderungen, wie in Kapitel 8.3 näher dargestellt.
Erziehungsstil und Elternhaus
Wenn die Eltern schüchtern sind, kann sich deren Schüchternheit auf das Kind übertragen. Denn Kinder lernen durch das Beobachten ihrer Eltern und ahmen deren Verhalten nach. Darüber hinaus sind es bei Kleinkindern die Eltern, die die regelmäßigen Kontakte mit anderen Erwachsenen und Kindern pflegen oder aber eher vermeiden. Bei älteren Kindern ist es hingegen mehr von Bedeutung, ob das Kind beim Eingehen von Freundschaften von den Eltern ermutigt oder aber eingeschränkt wird.
Eine Rolle spielt auch, welche Sicht die Eltern auf die Welt haben. Wenn sie eher pessimistische Erwartungen haben und in ihrem Denken negative Einschätzungen überwiegen, überträgt sich diese Weltsicht möglicherweise auf das Kind. Es neigt dann verstärkt zu Depressionen, Ängstlichkeit oder Schüchternheit.
Der Erziehungsstil ist ebenfalls von Bedeutung. Wenn die Eltern sehr autoritär, streng und urteilend auftreten, neigen die Kinder verstärkt zu schüchternem Verhalten. Gleiches gilt für den gegenteiligen Erziehungsstil. Wenn Eltern die Kinder weitestgehend gewähren lassen und ihnen keinen festen Rahmen geben, entwickeln Kinder ein geringeres Sicherheitsgefühl, was dann ebenfalls Schüchternheit begünstigen kann. Wenn das Erziehungsverhalten der Eltern zudem wechselhaft ist und die Kinder oft nicht wissen, was sie von den Eltern zu erwarten haben und welche Regeln gelten, führt dies zu einer verstärkten Unsicherheit, die wiederum schüchternes Verhalten fördert.
Auslöser von schüchternem Verhalten
Wenn das Kind zu Schüchternheit neigt, kann diese zunächst kaum sichtbare Neigung durch sogenannte Auslöser zu deutlich wahrnehmbaren schüchternen Verhaltensweisen führen.
Die Auslöser sind sehr unterschiedlich und können von Kind zu Kind ganz andere sein. Es gibt Kinder, bei denen konkrete Erlebnisse die Auslöser waren, bei anderen Kindern hat sich die Schüchternheit allmählich manifestiert. Ebenso gibt es Kinder, die schon seit der Geburt schüchterne Verhaltensweisen gezeigt haben und bei denen die Schüchternheit von Anfang an ein bestimmender Teil ihres Temperaments zu sein scheint. Häufige Auslöser sind u.a.:
, Veränderungen der Lebensumstände
, Angstauslösende Situationen
, Stress
, Schambesetzte Ereignisse
Auch wenn diese Auslöser bei anderen Kindern Schüchternheit initiiert haben, heißt das nicht, dass genau einer dieser Auslöser im Leben Ihres schüchternen Kindes eine bedeutende Rolle spielt oder gespielt hat. Jedes Kind wird in seinem Leben öfters Situationen erleben, die hier als Auslöser für Zurückhaltung genannt werden. Viele Kinder werden deswegen noch lange nicht schüchtern. Die Kinder, die durch die Auslöser initiierte schüchterne Verhaltensweisen zeigen, sind zum Zeitpunkt des Auslösens vermutlich besonders empfänglich für die Entwicklung eines zurückhaltenden Verhaltensstils.
Veränderungen der Lebensumstände
Veränderungen der Lebensumstände müssen für das Kind nicht gleich traumatisch sein, um eine Wirkung zu haben. Manchmal genügt als Auslöser die Einschulung, ein Schulwechsel oder ein Umzug. Es können aber auch negativ erlebte Veränderungen und Verluste sein - wie das Ende einer Freundschaft, der Tod von jemand Nahestehendem, eine Veränderung der Familiensituation, ein Klassen- oder Lehrerwechsel oder ein Streit.
Angst auslösende Situationen
Es gibt viele Angst fördernde Situationen, die latent vorhandene Schüchternheit aktivieren können. Da sind zum einen stark verunsichernde Ereignisse wie schwere Erkrankungen, Kranken hausaufenthalte, traumatische Erlebnisse, Mobbing, Bedrohung oder das Erleben von Gewalt. Manchmal sind es stattdessen viele kleine Ereignisse, die in ihrer Häufung schließlich zum Auslöser werden. Ebenso können kurze, aber intensiv erlebte Geschehnisse, wie z.B. das Verlieren der Eltern in einer Menschenansammlung, zum Auslöser werden.
Stress
Allgemeiner Stress - z.B. Leistungsdruck in der Schule, Streit in der Familie oder ein hektischer Alltag - kann auch eine Ursache für das Auftreten von Schüchternheit sein. Bei hohen Belastungen durch Stress kann das Kind möglicherweise Situationen, mit denen es normalerweise umgehen kann, nicht bewältigen. Allgemeiner Stress kann auch mitverantwortlich für Rückschläge beim Abbau von Sozialangst sein.
Schambesetzte Ereignisse
Ereignisse, die das betroffene Kind als beschämend erlebt, können ebenfalls zum Auslöser von Schüchternheit werden. Dazu zählen, je nach der Persönlichkeit des Kindes, das Erfahren von Ablehnung oder Ausgegrenzt-Sein. Beispielhafte Situationen sind, dass ein Kind nicht zu einer Feier eingeladen wird oder sich als Außenseiter fühlt. Leistungsbezogene Misserfolge im Beisein Dritter wie beispielsweise ein schulisches Versagen vor der Klasse oder eine Niederlage im Sportwettkampf können ebenso als beschämend empfunden werden und Schüchternheit auslösen.
In den vorangegangen Kapiteln wurde dargestellt, dass der Begriff der Schüchternheit ein weites Spektrum von Verhaltensweisen umfasst. Ebenso verhält es sich mit der sogenannten „sozialen Angst“, die schüchterne Menschen in sehr unterschiedlichem Maße erfahren.
Ein gewisses Maß an sozialer Angst – auch „Sozialangst“ genannt – erlebt jeder Mensch regelmäßig. Wir haben beispielsweise Angst vor abwertenden Blicken, wenn wir uns in der Öffentlichkeit sehr auffällig benehmen; und die meisten Menschen sind sehr aufgeregt, wenn sie eine Rede halten sollen. Diese Sozialängste sind ein normaler Bestandteil des Lebens und zeitlich eng begrenzt. Wenn die Ängste jedoch größer werden, mehrere Lebens bereiche umfassen und zu einem Leidensdruck führen, wird die Lebens qualität deutlich beeinträchtigt.
Die soziale Angst hat bei näherer Betrachtung zwei Aspekte. Sie umfasst zum einen Angst und Unbehagen beim Zusammensein mit anderen Menschen, zum anderen beinhaltet sie das Bemühen, soziale Situationen zu vermeiden. Soziale Angst bedeutet dabei nicht, dass Betroffene grundsätzlich und permanent im Beisammensein mit Menschen Unbehagen empfinden und allen Menschen aus dem Weg gehen. Es geht vielmehr darum, dass sie manche soziale Situationen als Angst auslösend erleben und sie zu vermeiden versuchen. Ein Kind mit sozialen Ängsten kann sich beispielsweise in der Familie und im engen Freundeskreis gerne aufhalten, sich jedoch in der Schule oder im Sportverein stark gehemmt verhalten und sehr unwohl fühlen.
Viele Eltern wünschen sich, dass ihren Kindern die sozialen Ängste und auch die vielen anderen Ängste erspart bleiben, die sie selber als Kind erfahren haben: z.B. Angst vor Dunkelheit, Angst vor Gespenstern, Angst vor einem Referat in der Schule, Angst beim ersten Besuch im neuen Sportverein, die Angst, ausgelacht zu werden oder die Angst beim Alleinsein. Das angstfreie Leben ist jedoch eine Illusion. Es ist vielmehr so, dass Ängste ein unverzichtbarer Bestandteil der kindlichen Entwicklung sind. Die Psychologin Ahrens-Eipper formuliert es folgendermaßen [5]: „Ängste gehören zur Entwicklung des Kindes. Es ist wichtig, dass die Kinder diese Ängste erleben, durchleben und schließlich innerhalb der Altersstufe bewältigen“. Wenn es Kindern gelingt, die jeweiligen alterstypischen Ängste zu über winden, schöpfen sie daraus Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen [6].
Eine Erziehung, die versucht, diese notwendigen Ängste von dem Kind fernzuhalten, schränkt das Kind dabei ein, sich zu einer unabhängigen und fest im Leben stehenden Persönlichkeit zu entwickeln. Eltern, die ihr Kind überbehüten, meinen es zwar gut mit dem Kind, in Wirklichkeit behindern sie es jedoch in seiner gesunden Entwicklung.
Die folgende Zusammenstellung gibt einen Überblick über alterstypische Ängste, die zur kindlichen Entwicklung dazugehören und kein Grund zur Besorgnis sind, sofern das Kind in der Lage ist, sie schrittweise zu bewältigen.
Alterstypische Ängste [5,29]
Alter
Quellen und Gegenstand typischer Ängste
0 – 1
Laute Geräusche Verlust von Zuwendung intensive sensorische Reize (Kälte, Hitze, Schmerzen)
0-3
fremde Menschen Trennung
2-5
Fantasiegestalten, Gespenster, Monster Einbrecher laute Geräusche Alleinsein Dunkelheit
5-7
Naturkatastrophen, Feuer Verletzungen Tiere Medienbasierte Ängste (durch Fernsehen, Radio, Zeitung)
Alter
Quellen und Gegenstand typischer Ängste
7-11
schlechte schulische oder sportliche Leistung Krankheiten Versagensängste
12-18
Ablehnung durch Gleichaltrige körperliche Veränderungen Erwachsenwerden
Die meisten der in der Tabelle aufgeführten alterstypischen Ängste durchleben und bewältigen die Kinder im Zuge einer gesunden Entwicklung. Die Erwachsenen können die Kinder bei der Angstbewältigung begleiten und unterstützen, indem sie den Kindern zeigen, wie sie mit diesen Ängsten und den tatsächlich vorhandenen Risiken umgehen können. In diesem Zusammenhang ist es alles andere als hilfreich, reale Gefahren zu leugnen. Stattdessen sollten Kinder und Eltern offen über mögliche Gefahren situationen reden und gemeinsam nach geeigneten Lösungswegen suchen.
Neben diesen alterstypischen „normalen“ Ängsten, die das Kind bewältigen kann, gibt es krankmachende Ängste. Solche Ängste sind so stark, dass sie anfangen, das Leben der Kinder zu beherrschen. Die betroffenen Kinder beginnen damit, Dinge zu vermeiden, an denen sie üblicherweise Freude haben. Wenn sie der Angst auslösenden Situation jedoch nicht ausweichen können, löst das in ihnen großes Unbehagen, intensive Angst und Reaktionen wie heftiges Weinen, Wut, Erstarren oder Anklammern an die Eltern aus. Kinder mit großer Sozialangst sind durch ihre Angst oft so gehemmt und abgelenkt, dass ihr Selbstvertrauen stark sinkt und sie keine oder kaum Freunde haben. Oft sind auch die Schulleistungen beeinträchtigt. Spätestens wenn diese ausgeprägte Angst mehrere Monate anhält und die gesunde Entwicklung des Kindes beeinträchtigt, sollte das Kind fachkundige Unterstützung erhalten. Das Ziel ist es, dass das Kind die Ängste wieder „verlernt“, denn schließlich hat das Kind die Ängste bei vielen kleinen und großen Erlebnissen erlernt und ist in der Lage, diese auch wieder zu verlernen [6].
Auf Kinder mit großen sozialen Ängsten wird in der Fünften Säule näher eingegangen. Darüber hinaus geben die anderen Säulen verschiedene Anregungen zum Umgang mit den vielen kleinen und großen Ängsten, die jedes Kind notwendigerweise im Rahmen seiner Entwicklung durchleben und bewältigen muss.
Fallbeispiel
Der vorsichtige John betrachtet die Schlittschuhfahrer mit großen Vorbehalten. Erst beim zweiten Besuch in der Eissporthalle wagt er es, Schlittschuhe anzuziehen und erste Schritt zu gleiten. Hingegen stürmt die aufgeschlossene und aktive Martha bereits beim ersten Mal auf das Eis und steht trotz vielen Stürzen immer wieder auf und übt unverdrossen weiter, bis sie zunehmend sicher und stolz über die Eisfläche gleitet. Der leicht zu frustrierende Ben weint gleich nach dem ersten Sturz heftig und verlässt die Eisfläche. Erst bei den nächsten Besuchen der Eissporthalle, die mit vielen Frustrationen verbunden sind, erlernt er langsam das Schlittschuh Fahren.
Das Fallbeispiel zeigt anschaulich, dass Kinder auf die gleiche Situation ganz unterschiedlich reagieren können. Diese voneinander abweichenden Herangehensweisen und Reaktionen beruhen auf verschiedenen Temperamenten. Denn das Temperament umfasst die unterschiedliche Art und Weise, wie Menschen ihre Umwelt und andere Menschen erleben und wie sie darauf reagieren. Die meisten Temperamentsforscher gehen davon aus, dass diese grundlegenden Erlebens- und Verhaltensstile angeboren sind, im Laufe des Lebens relativ stabil bleiben und weitestgehend biologische Ursachen haben [7].
Höchstwahrscheinlich lernen alle drei im Fallbeispiel dargestellten Kinder letztlich das Schlittschuh Fahren. Sie greifen dabei jedoch auf ganz unterschiedliche Verhaltensstile zurück. Das Verhalten eines Kindes ist damit keineswegs auf andere Kinder übertragbar. Das bedeutet zugleich, dass es kein „normales“ Verhalten gibt, sondern stattdessen eine ungeheuer große Bandbreite möglicher Verhaltensmuster.
Für die Erziehung und die Begleitung von Kindern bedeutet die Kenntnis ihrer jeweiligen Temperamente, dass die gleichen „Erziehungs methoden“ bei verschiedenen Kindern unterschiedlich wirken. Viele Eltern von Geschwisterkindern erfahren dies alltäglich, wenn jedes ihrer Kinder anders auf das gleiche elterliche Verhalten reagiert. Die Kunst des Erziehens und Begleitens von Kindern besteht damit maßgeblich darin, das Temperament des Kindes zu kennen und das elterliche Verhalten darauf abzustimmen. Das kindliche Wesen ist mit einer schönen, kostbaren Pflanze vergleichbar. Die eine Pflanze liebt die Sonne, während eine andere Pflanze an einem schattigen Standort gut gedeiht. Welcher Gärtner käme auf die Idee, dass sich die Schatten liebende Pflanze an die Sonne gewöhnen sollte? Es ist selbstverständlich für jedermann, dass jede Pflanze an den für sie idealen Standort gesetzt werden sollte. Bei Kindern hingegen scheinen viele Menschen deutlich weniger bemüht zu sein, jedes Kind in seiner Eigenart bedingungslos zu akzeptieren und zu fördern. Ein Wissen über die Bedeutung der Temperamente kann Eltern helfen, einen ganz besonderen Blick auf die Einzigartigkeit ihres Kindes zu werfen und dem Kind die „Nahrung“ zu geben, die es braucht.
Ähnliches meint der Familienberater Jan-Uwe Rogge, wenn er sich dazu äußert, warum Eltern sich mit dem Temperament ihres Kindes auseinandersetzen sollten [6]: „Die Einsicht in anlagebedingtes Verhalten kann Eltern dazu bringen, sich intensiver und vorbehaltloser auf die Seite ihrer Kinder zu schlagen, ihnen Begleitung und Unterstützung zu geben, anstatt manchmal unbewusst gegen sie zu arbeiten.“
Die New Yorker Psychologen Stella Chess und Alexander Thomas befassten sich in den 50er und 60er Jahren mit der Frage, warum sie in ihrer Berufspraxis immer wieder mit verhaltensauffälligen Kindern zu tun hatten, die aus einer behüteten Umgebung und aufmerksamen und verantwortungsvollen Elternhäusern kamen, während es zugleich viele Kinder gibt, die keine psychischen Auffälligkeiten zeigen, obwohl sie aus schwierigen Verhältnissen stammten. Chess und Thomas kamen zu dem Schluss, dass es angeborene Eigenschaften geben muss, die den Menschen in großem Ausmaß bestimmen und neben den Einflüssen der Eltern und der Umgebung eine große Rolle für das Verhalten spielen. Als Wegbereiter der modernen Temperamentsforschung identifi zierten die beiden Psychologen neun Temperamentsmerkmale, die auch heute noch eine Rolle in der psychologischen Praxis und in der Elternberatung spielen [7]. Diese Temperamentsmerkmale beschreiben Aspekte wie motorische Aktivität, sensorische Reizempfindlichkeit, Rhythmizität, Intensität, Anpassungs verhalten, Annäherungsverhalten und Ausdauer. Hierbei gibt es keine Wertung und kein „gut“ und „schlecht“. Es geht vielmehr darum, zu erkennen, welche grundlegenden Ausprägungen ein Mensch entwickelt hat und wie die individuelle Kombination dieser Ausprägungen aussieht. Denn das menschliche Verhalten wird stark durch das Zusammenspiel der verschiedenen Temperaments merkmale bestimmt.
Im Folgenden werden einige dieser zentralen Merkmale beschrieben [7,8]. Wenn Sie möchten, können Sie gleich beim Lesen überlegen, wie Sie das Temperament Ihres Kindes einschätzen.
Das Temperamentsmerkmal Aktivität beschreibt das Niveau der motorischen Aktivität.
Sehr aktive Kinder sind ständig in Bewegung, sogar im Schlaf. Als Kleinkinder wollen sie nicht angeschnallt im Autositz sitzen. Später bewegen sie sich viel und reden schnell. Sie entwickeln gute grobmotorische Fähigkeiten und streben früh Unabhängigkeit an.
Weniger aktive Kinder bevorzugen ruhige Spiele, bewegen sich langsamer und entwickeln häufig eine gute Feinmotorik. Oft entfalten sich ihre motorischen Fähigkeiten langsamer, und sie bleiben länger im Umkreis der Eltern.
Die Sensibilität beschreibt die nötige Stärke eines Reizes, damit das Kind auf diesen reagiert. Es ist ein Maß für die Empfi ndsamkeit bezüglich verschiedener Reize wie Berührung, Geruch, Lautstärke oder Temperatur.
Hochsensible Kinder bemerken kleinste Reize wie ein zarter Duft, ein kratzendes Kleidungsstück, ein veränderter Geschmack oder leise Geräusche. Oft sind sie auch sehr schmerzempfi ndlich. Durch ihre hohe Aufmerksamkeit sind sie schnell überreizt, wenn zu viele Informationen und Reize gleichzeitig auf sie einstürzen. Meistens haben sie auch eine sehr feine Antenne für die Gefühle von anderen.
Wenig sensible Kinder können als Babys auf Partys schlafen und stecken kratzende Pullover und kleine Verletzungen leicht weg. Generell sind sie sehr tolerant gegenüber Schmerzen und Unannehmlichkeiten. Durch ihre geringere Aufmerksamkeit übersehen sie öfters die Stimmungslagen anderer.
Die Intensität beschreibt, wie intensiv das Kind seine Emotionen und seine Reaktionen ausdrückt:
Dramatische und laute Kinder zeigen ihre Gefühle offen und deutlich. Emotionale Höhen sind ausgeprägter als bei anderen, und Tiefschläge werden intensiver negativ erlebt.
Ausdrucksschwächere Kinder sind ruhiger und drücken ihre Emotionen moderater aus. Bei Anlässen zur Freude lächeln sie manchmal nur, und bei Anlässen für Wut runzeln sie manchmal lediglich die Stirn. Für Eltern ist das undramatische Verhalten zunächst einfacher. Jedoch kann es passieren, dass Eltern nicht bemerken, was in ihrem Kind tatsächlich vorgeht.
Die Rhythmizität, die auch als Regelmäßigkeit der biologischen Funktionen bezeichnet wird, bestimmt die zeitliche Vorhersagbarkeit von Körper funktionen wie Appetit, Schlaf-/Wach-Rhythmus und Stuhlgang.
Kinder mit regelmäßigem Rhythmus verfügen über eine innere Uhr, so dass sie täglich zu den gleichen Zeiten müde werden oder Appetit bekommen. Das macht einen geregelten Tagesablauf einfach. Abweichungen vom üblichen Tagesverlauf sind hingegen schwierig zu bewerkstelligen. Häufig sind diese Kinder ordentlich und organisiert.
Kinder mit unregelmäßigem Rhythmus sind nicht berechenbar hinsichtlich ihres Schlafbedarfs oder ihrer bevorzugten Essenszeit. Mal sind sie abends müde, mal ganz munter. Mal essen sie oft und viel, mal essen sie nur sehr wenig. Oft sind sie auch weniger ordentlich und weniger organisiert, weil sie wenig feste Abläufe haben.
Die Anpassungsfähigkeit beschreibt, wie leicht ein Kind mit Veränderungen und Übergängen zurecht kommt:
Flexible Kinder haben keine Schwierigkeiten mit den üblichen Wechseln im Tagesverlauf, neuen Situationen oder Grenzen. Für Eltern ist das zunächst sehr einfach. Es kann jedoch passieren, dass die Bedürfnisse dieser Kinder wegen ihrer hohen Anpassungsfähigkeit übersehen werden, oder dass sie von anderen Kindern dominiert werden.
Kinder, die sich nur langsam anpassen, haben immer wieder Schwierigkeiten mit Veränderungen und den vielfältigen Übergängen im Tagesablauf. Sie möchten wissen, was sie wann und wo erwartet. Mit schnellen Veränderungen kommen sie nicht gut zurecht. Auch tun sie sich schwer mit Aufforderungen und Befehlen, weil sie das Bedürfnis haben, die Abläufe selbst zu kontrollieren. Mit Spielkameraden haben sie öfters Streit. Hilfreich für diese Kinder sind Routinen und Strukturen.
Das Merkmal Annäherung/Rückzug beschreibt die spontane Reaktion des Kindes auf Unbekanntes wie z.B. unvorhergesehene Situationen, unge wohnte Orte oder fremde Menschen.
Zurückhaltende Kinder
