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Carl Cato, studierter Wirtschaftspädagoge und erfahrener Zyniker, ist fix und fertig. BWL-Lehrer am Heinz-Erhardt-Berufskolleg hätte sein Traumberuf werden können, wären da nicht seine bescheuerten Schüler, bösartige Eltern sowie unqualifizierte Kollegen. In seiner Verzweiflung wendet sich Carl an einen Psychotherapeuten und versucht, Antworten auf drängende Fragen seines überschaubaren Universums zu finden: Warum hat das Doofheits-Gen seiner Schüler so einen starken Überlebenswillen? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Lehrerinnen und Unattraktivität? Worin besteht der wahre Grund dafür, dass Schulen auch als Anstalten bezeichnet werden? Carl lässt auf seiner therapeutischen Reise keine Bosheiten aus. Nichts und niemand ist vor seinem beißenden Spott sicher. Schonungslos offenbart er die Schwächen von Schülern, Eltern, Kollegen, Vorgesetzten und nicht zuletzt auch seine eigenen. Der Leser erfährt, was sich in Wirklichkeit im Lehrerzimmer, bei Klassen- und Lehrerkonferenzen, während des Unterrichts oder an einem Pädagogischen Tag abspielt. Wird Carl seinen unkündbaren Beamtenstatus mit Traumgehalt aufgeben? Oder gelingt es ihm durch die Therapie, seinen Zynismus zu überwinden und bis zu seiner Pensionierung an der pädagogischen Front noch einmal durchzustarten?
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Seitenzahl: 161
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Lan Solo
Schülerdämmerung
Ein fauler Sack packt aus
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Danksagung
Impressum neobooks
Der ganz normale Wahnsinn
Montagmorgen, kurz vor acht Uhr. Die Tür öffnete sich und Dr. Dümmer, Oberstudiendirektor und Schulleiter des Heinz-Erhardt-Berufskollegs (HEB) in Bonn-Dingens, sorgte zum Wochenbeginn für Unruhe, indem er durch das Lehrerzimmer hetzte und uns ermahnte, pünktlich in den Klassenzimmern zu sein.
„Die Schüler haben ein Anrecht darauf, dass der Unterricht pünktlich beginnt. Schließlich erwarten wir auch Pünktlichkeit von unseren Schülern. Und Sie kennen ja mein Credo: Wir sind Dienstleister an der Gesellschaft.“
Nach diesen markigen Worten zum Wochenbeginn wurden von unserem Oberdienstleister kurz noch ein paar ohnehin schon verängstigte Junglehrer aufgescheucht. Danach ließ sich Dr. Dümmer von seiner persönlichen Chefsekretärin Karla Kapriziös einen Kaffee servieren. Er verbarrikadierte sich in seinem Büro und surfte den restlichen Vormittag in einem bekannten virtuellen Auktionshaus: 3...2...1...seins!
Viele Kollegen guckten jetzt erst recht verstört, da sie Credo für ein Deodorant hielten und sich ganz sicher waren, dass Dr. Dümmer eine andere Duftnote hinterlassen hatte.
Ich hasse Montage, Bon jour Tristesse!
Als wenn ich nicht schon genug Stress am Wochenende gehabt hätte. Meine Lebensgefährtin Uschi und ich hatten Freitag eine ziemlich heftige Auseinandersetzung. Zunächst hatten wir uns in einer Fünf-Minuten-Pause in unserem ´Tempel der Lust´, dem Luftschutzkeller des Schulgebäudes, der hemmungslosen Leidenschaft hingegeben. So viel Zeit muss man sich nehmen!
Danach hatte ich den Fehler begangen und Uschi nach ihren Gefühlen für mich gefragt. Auf diese Frage reagierte sie wie immer mit Schweigen. Und das machte mich allmählich wütend! Ich weiß, normalerweise sind es ja die Frauen, wo man nach dem Sex den Abstellknopf für´s Reden sucht. Aber bei Uschi und mir war es genau umgekehrt. Ich wollte reden, Uschi war die große Schweigerin. Ein wirklicher toller Einstieg in das Wochenende!
Dann musste ich den ganzen Samstag die Tests der Klasse WHY 0815 des Wirtschaftsgymnasiums korrigieren. Diese aufgeblasenen Neunmalklugen, die denken, sie wären zu Höherem berufen, nur weil sie ein halbes Jahr bei irgend so einem Realschullehrerfutzi einen Sowi-Kurs belegt haben und jetzt meinen, sie hätten die wirtschaftswissenschaftliche Weisheit mit Löffeln gefressen.
Sowi heißt übrigens Sozialwissenschaften und ist ein Unterrichtsfach, das von Labertaschen gewählt und von einer Labertasche unterrichtet wird!
Diese Blödmänner hatten mein ganzes Wochenende versaut.
Warum hatte ich in dem Test nur nach den Namen internationaler Aktienindizes gefragt? Mehr als die Hälfte dieser Vollpfosten glaubte, es gäbe den ´Don John Index´.
Hätten sie wenigstens ´Long Dong John Index´ geschrieben. Dann hätte ich ihnen Sonderpunkte für Kreativität geben können, denn dieser Name erinnerte mich an eine namhafte ´Größe´ aus der Pornoindustrie. Ist aber alles schon ziemlich lange her, 1970-iger Jahre, glaub ich. Da schwammen meine Schüler sowieso noch im großen Teich.
Aber so war da nichts zu machen, eben Pech!
Diese Deppen sind so blöde, die halten ´Roy Black´ für ein Kartenspiel und ´Rex Gildo´ für einen Polizeihund.
Genau diese Sorte von Schüler brauchen wir.
Der Gedanke an die zukünftige Elite Deutschlands gibt mir nicht unbedingt die nötige Gelassenheit, wenn ich an meine Pensionierung denke.
Wer nicht jammert, darf sich nicht beklagen
(Italienisches Sprichwort)
Hallo! Ich heiße Carl.
Ich weiß, dass für eine erfolgreiche Therapie eine emotionale Distanz zwischen Therapeut und Patient erforderlich ist. Wir beide stehen jetzt am Anfang und kennen uns noch gar nicht.
Darf ich trotzdem ´Du´ sagen?
Wenn ich Dich auf diese unglaubliche Reise in mein tiefstes Inneres mitnehme, brauche ich das persönliche Verhältnis zu Dir. Nur so kann ich mich vollkommen öffnen.
Danke, dass ich so schnell einen Termin bekommen habe. Endlich bin ich dran und kann meine Sicht der Dinge darstellen.
Die Welt da draußen ist so gemein!
Aber nur ich kenne die Wahrheit. Die anderen nicht.
Und weil ich die Wahrheit kenne, weiß ich, wie es wirklich ist. Darüber müssen wir reden.
Ich hab nämlich Recht.
Ich hab immer Recht!
Jetzt pack ich aus!
Manchmal bin ich so unendlich traurig und weiß nicht, warum.
Selbst der hellste Tag erhellt nicht mein Gemüt, und der wärmste Tag wärmt nicht meine Seele.
Ich fühle mich schwach und ohne Antrieb, wie ausgebrannt.
Nachts wache ich schweiß gebadet auf in einem Ozean voller Tränen, die ich im Traum vergossen habe.
Ich sitze stundenlang in meinem Zimmer und starre die Wände an.
Pflücke auf einer Sommerwiese im wärmenden Abendlicht für meine Seelenverwandte Uschi Blumen, doch mein Herz ist kalt und still.
Dieser unendliche Schmerz, der mich wie eine dunkle Wolke umhüllt.
Ich leide Seelenqualen!
Ich habe mich bewusst für Dich entschieden. Man sagt, Du wärst eine echte Koryphäe auf Deinem Gebiet. Balsam für meine Seele!
Zweifellos wird Dich das, was ich zu sagen habe, schockieren. Lass es einfach geschehen. Für Deine Bereitschaft bin ich Dir sehr dankbar.
Ich bin kein Psychopath! Du brauchst Dich nicht zu sorgen. Bestimmt hattest Du schon härtere Fälle. Dennoch muss ich gestehen, dass ich ein düsteres Geheimnis in mir berge:
Ich bin ein Lehrer!
Achte genau auf meine Worte! Dann machst Du schon mehr als meine Schüler. Und bitte unterbrich mich nicht. Du weißt bestimmt, dass wir Lehrer das nicht so gerne haben!
Vielleicht können wir auch aus den 60-Minuten-Sitzungen 45 Minuten machen? Nach einer dreiviertel Stunde habe ich nämlich immer das dringende Bedürfnis, den Raum verlassen zu müssen, weil ich mich sonst übergeben muss. Wäre ja doof hier bei Dir, oder?
OK! Ich leg mich dann mal aufs Sofa und direkt los. Sicherlich willst Du, dass ich mit etwas Positivem beginne. Schließlich ist das erste Mal ja immer etwas ganz Besonderes.
Hat mein bester Freund Sören auch einmal zu mir gesagt. Und Sören muss es wissen, schließlich ist er Facharzt für Gynäkologie.
Also bloß keine Jammerei!
Tief in meinem Inneren - also ganz tief - noch tiefer - im Prinzip ganz hinten links - bin ich der absolute Optimist.
„Du strahlst so eine positive Grundfreude aus“, sagen mir oft meine Freunde und Bekannte. Wenn über mich die Rede ist, fallen ständig solche Charakterisierungen wie ´Herzlichkeit´, ´Natürlichkeit´, ´Verständnis´, ´Güte´ oder auch ´Gelassenheit´. In meinem Freundeskreis bin ich auch als der ´Menschenflüsterer´ bekannt.
Sogar meine Osteopathin, die mich zurzeit energetisch behandelt, findet, ich hätte ein tolles 2. Chakra. Was immer das auch bedeuten mag.
Außerdem meint sie, dass ihre Moxa-Therapie zur Beseitigung meines Yang-Mangels mittlerweile angeschlagen hat.
Und seitdem ich die von ihr verschriebene Erzengel-Essenz ´Gabriel´ regelmäßig in meinen Kaffee tröpfle, bin ich auch deutlich ruhiger und habe weniger Halluzinationen.
Du siehst, ich bin aktiv und lasse nichts unversucht.
Trotzdem läuft irgendetwas schief.
Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um zu jammern. Aber erst, wenn Du erfährst, wie bescheuert Schüler, Eltern und Kollegen sind, wirst Du ermessen können, wie bescheuert ich eigentlich bin!
Hat sich so einiges angesammelt in den letzten Jahren. Und wo findet man als Lehrer schon Gehör außer im inneren Dialog oder bei Dir gegen Honorar?
Erinnerst Du Dich noch an diesen „Gib mir mal ne Pulle Bier“-Kanzler? Dieser ehemalige Gerhard Fritz Kurt Bundesschröder hat irgendwann in seiner unbedeutenden Laufbahn behauptet, alle Lehrer seien faule Säcke. Und damit hat er bereits damals zum Ausdruck gebracht, was heute alle Welt sowieso denkt.
Find ich gar nicht nett. Und da nutzt es auch nichts, wenn Ranga für uns Lehrer bei Quarks & Co eine Lanze bricht.
Übrigens nimmt mich mein Dienstherr – also mein Arbeitgeber – auch nicht so richtig für voll. Das ist Zeitgeist!
Kann ich übrigens bei einer Reihe von Kolleginnen und Kollegen gut verstehen, aber nicht bei mir.
Mein Nachbar grinst mich dämlich an, wenn ich mittags nach Hause komme, und gibt mir zu verstehen, dass es sich bei meinem Beruf doch nur um einen voll bezahlten Teilzeitjob handeln kann. Ab 13:00 Uhr heißt es dann Biergarten, Baumarkt, Skandinavisches Möbelhaus.
Ich frage mich allerdings, warum mein Nachbar schon um 13:00 Uhr in seinem Vorgarten steht und die Rosen schneidet!
Irgendwie meint jeder, er könnte mitreden, schließlich hat ja auch jeder einmal die Schulbank gedrückt und weiß ganz genau, was ein Lehrer so tut bzw. nicht tut.
Ich persönlich glaube ja, dass diese Penner, die so übel über meinen Berufsstand reden, in Wirklichkeit nur vergeblich versuchen, ihr persönliches Trauma aus der eigenen Schulzeit zu verarbeiten!
Als Schüler selber nix auf die Reihe gekriegt, und jetzt schön über die Lehrer wettern. Dämliche Spackos!
Nennt man so etwas nicht das eigene Versagen auf andere projizieren?
Mensch, Du bist doch schließlich der Experte!
Wenn hier jemand über die Lehrerschaft meckern darf, dann doch wohl ich.
Schließlich bin ich selbst so eine arme Leuchte!
Während ich zu meiner Schulzeit gar nicht wusste, dass man gegen Noten einen Widerspruch einlegen kann, greifen die Eltern von heute wie selbstverständlich zu diesem probaten Mittel.
Als wäre es ein neuer Volkssport, wird wegen jedem geringfügigen Darmwind ein Widerspruch bei der Bezirksregierung eingelegt. Hauptsache, es hilft meinem Kind bei seinem persönlichen, ungerechtfertigten Fortkommen.
Heutzutage haben Eltern eine sehr ausgeprägte ´Streitkultur´, da kommt ihnen jedes juristische Mittel gelegen. Die Rechtschutzversicherung wird es schon richten.
Vielleicht hätte ich Versicherungsvertreter werden sollen. Aber die haben ja ein noch beschisseneres Image als wir Pauker!
Schule wäre viel angenehmer, wenn übermotivierte Eltern sich nicht am Ende des Schuljahres so viel einmischen würden. Schließlich haben sie sich ein ganzes Jahr lang nicht gekümmert.
Warum die Dinge nicht einfach weiter laufen lassen? Das tun viele doch auch bei der Erziehung ihrer Kinder.
Bleibt so wie immer!
Und zu allem Übel bläst mein Chef, Schulleiter Dr. Dümmer, von dem ich noch ausführlich berichten werde, in dasselbe Horn.
Weißt du, was er neulich allen Ernstes behauptet hat?
„Frauen sind die besseren Lehrer!“
Von wegen Mutterinstinkt und so. Volle Breitseite innerhalb der geschützten Schulmauern. Das muss man sich einmal vorstellen.
Ich weiß wirklich nicht, in welcher pädagogisch-feministischen Fachzeitschrift er diesen Artikel gefunden hat, als er im Nagelstudio auf seinen Pediküretermin wartete. Aber insgeheim war mir schon lange klar, dass sich bei Dr. Dümmer in seiner pubertären Phase Fehlverbindungen in seinen Synapsen gebildet haben mussten. Ist wahrscheinlich als Kind mal beim Streckentauchen gegen den Beckenrand gedonnert.
Anders kann ich mir seinen Dachschaden nicht erklären.
Früher war alles besser!
Den Spruch hast Du bestimmt schon oft gehört. Aber er stimmt wirklich!
Vor wenigen Generationen besaß der Beruf des Lehrers noch ein hohes Ansehen. Lehrer waren die Gralshüter der Kultur. Man konnte einem nervenden Schüler auch mal zum spontanen Frustrationsabbau eins auf die Nase hauen oder ihn an den Ohren durch das Klassenzimmer schleifen, ob nun pädagogisch gerechtfertigt oder nicht. Jedenfalls zog es keine strafrechtlichen Konsequenzen nach sich.
Aber selbst das ist inzwischen verboten.
Ade, glorreiches Zeitalter!
Heute ist die herrschende Auffassung, dass Lehrer menschenähnliche Wesen sind, die sich vor der wirklichen Welt drücken. Lebensuntaugliche Versager. In der eigenen Biographie gibt es nur Schule, danach Uni und dann wieder zurück zur Schule. Kann ja nichts Vernünftiges bei herauskommen!
Zugegeben, viele meiner Kollegen sollte man tatsächlich unter Artenschutz stellen. Einige Exemplare wirst Du noch näher kennen lernen.
Und was ist mit den Schülern?
Um es auf den Punkt zu bringen: Schüler sind das Hauptübel meiner Pein!
Ohne Schüler wäre Schule echt besser, glaub es mir!
Hast Du auch mitbekommen, dass zurzeit deutsche Unternehmen die Abschaffung der ´Präsenzkultur´ diskutieren? Das heißt, es gäbe keine Anwesenheitspflichten mehr im Büro und würde keine Rolle spielen, wo die Leistung erbracht wird.
Ich finde, das könnte meine Bezirksregierung 1:1 auf das Klassenzimmer übertragen. Ob die Schüler nun in der Schule nichts tun oder zu Hause, kommt doch auf das Gleiche hinaus.
Mit dieser ´Schule der Zukunft´ katapultieren wir uns im europäischen Vergleich ganz nach vorne und zeigen PISA, wo der Hammer hängt!
Im Übrigen haben führende Wissenschaftler herausgefunden, dass die intelligente Form des Schülertypus in Deutschland schon vor Jahren ausgestorben ist. Und dieses Aussterben bedrohter Menschenarten ist, wie so oft in der Natur, unumgänglich. Was bleibt, sind die total Bekloppten. Die bleiben aus mir unerfindlichen Gründen von der Selbstdezimierung verschont. Als wenn das Doofheits-Gen einen stärkeren Überlebenswillen in sich trägt.
Wer ernsthaft glaubt, mit der ´Generation Doof´ sei der Zenit des intellektuellen Vakuums erreicht, der irrt sich gewaltig. Seit Jahren sinkt wieder der durchschnittliche Intelligenzquotient in Deutschland. Meine Schüler sind der lebende Beweis für diese rasante Talfahrt, denn bei den meisten liegt der individuelle IQ bei einer halben Scheibe Knäckebrot!
Und dann lese ich zu allem Überdruss noch diesen Quark mit Soße einer Professorin über die so genannte ´Generation Y´. Das sind angeblich die Jahrgänge 1980 bis 1993. Diese Generation sei ja so waaahnsinnig technikaffin, so waaahnsinnig selbstbewusst und so waaahnsinnig virtuell vernetzt. Und das sei ja alles so waaahnsinnig super. Außerdem strebe diese Generation nach dem Ausgleich von Freizeit und Arbeit. Das nennt man in einschlägigen Fachkreisen ´work-life-balance´.
Ist ja waaaaahnsinnig!
Entschuldigung, aber reden wir von denselben Jahrgängen, die ich in den letzten Jahren auch zwangsbeschulen musste?
Dem falsch verstandenen Selbstbewusstsein dieser Generation habe ich es zu verdanken, dass sie dummdreist gute Noten für nicht erbrachte Leistungen fordern.
Ihre Affinität zur Technik macht sich darin bemerkbar, dass sie jeden Tag etwas blöder werden, weil sie entweder bei Ballerspielen am Computer herumlungern oder in einem der zahlreichen sozialen Netzwerke chatten und Fotos ins Netz einstellen, auf denen sie halb nackt und voll besoffen mit einem Eimer Sangria im Arm auf Mallorca herumgrölen.
Außerdem fummeln diese Nervensägen ständig technikaffin an ihren Handys, sobald sie das Klassenzimmer verlassen haben. Man muss immer und überall erreichbar sein. Könnte ja sein, dass Mami den 17-Jährigen anruft, um zu fragen, ob er zum Mittagessen lieber Nudeln oder Pasta haben möchte.
Und apropos ´work-life-balance´: Welcher Idiot hat sich eigentlich diesen Begriff einfallen lassen? Heißt Balance von Arbeit und Leben, dass ich nicht lebe, wenn ich arbeiten muss? Dann wäre ich aber Zweidrittel meines Lebens tot, oder?
Sowieso steht bei meinen Schülern die ´life-balance´ im Vordergrund. Nicht leben, um zu arbeiten, sondern gerade so viel Arbeit, wie man zum Leben braucht. Zu dieser Erkenntnis reicht auch der IQ einer halben Scheibe Knäckebrot.
Eine waaahnsinnig vorbildliche ´Generation Y´, Frau Professor Meskalin!
Die ´Generation Y´ und deren Nachkommen sind es jedenfalls, die mich dazu bewogen haben, auf einer der nächsten Konferenzen an meiner Schule einen jährlichen Projekttag zu beantragen:
Herzlich Willkommen beim ´D-Day´!
Dieser historisch belegte Begriff bekommt bei mir eine neue Bedeutung, denn ich proklamiere ihn heimlich als den ´Tag der Deppen´.
An diesem Projekttag können wir tolle Workshops veranstalten, zum Beispiel für die Jungs ´Gegenseitiges Angrunzen für Anfänger´ oder ´Gegenseitiges Angrunzen für Fortgeschrittene´. Für die Mädels gibt es dann ´Wie lackiere ich meine Fußnägel im Unterricht, ohne dass der Lehrer etwas merkt? ´ oder ´Wie rum trage ich einen String eigentlich richtig? ´. Letzterer Workshop ist ausdrücklich für alle Haarfarben offen.
Wenn wir allen Ernstes den Schüler von heute als blöd bezeichnen, wird ihm das einfach nicht gerecht, denn das ist schwer untertrieben.
Viele Schüler sind schlicht und ergreifend extrem beknackt, und zwar ´super size´.
Sobald ich morgens den Klassenraum betrete und die Schüler mit ´guten Morgen, ihr Primaten´ begrüße, halten sie dies für ein süßes Kosewort.
Als ich neulich auf meinem sechswöchigen Sommerurlaub in der Südsee – auch Lehrer brauchen ihre Auszeiten – nach meinem Beruf gefragt wurde, habe ich ´Primatologe´ angegeben und bewundernde Blicke von den Miturlaubern geerntet.
Das ist nicht zu verwechseln mit dem Proktologen. Der macht was ganz anderes.
Nicht, dass Du denkst, es ginge mir einzig und allein um die Schüler. Da sind ja auch noch die Eltern, die einem mächtig auf den Zeiger gehen können. Und zu allem Übel noch andere bizarre Gestalten, die ich im weitesten Sinne als Kollegen bezeichne.
All das lastet so sehr auf mir wie eine All-Season-Depression. Es wird allmählich Zeit, den Ballast über Bord zu werfen.
Natürlich werde ich in unseren Sitzungen verallgemeinern und alle über einen Kamm scheren, wenn ich vom Leder ziehe. Mach ich bei der Notengebung doch auch so.
Das Leben ist eben kein Ponyhof! Das hat schon mein Reitlehrer damals gesagt, als ich mit fünf Jahren therapeutisches Reiten machen musste, weil ich ständig meinen Kopf gegen den Türrahmen gerammt habe.
Und Schule ist auch kein Wunschkonzert!
Zugegeben, manchmal gibt es auch nette Schüler, Eltern und Kollegen. Aber wie sagt man so schön:
„Die kann ich an einer Hand mit zehn Fingern ablesen.“
Der Wahnsinn geht weiter
Nachdem die Junglehrer in ihre Klassenzimmer gehetzt waren, machte ich mich gemächlich auf den Weg. Jetzt stand erst einmal eine Doppelstunde BWL in der Klasse HO 4711, Höhere Handelsschule, an.
In die Höhere Handelsschule, die wir auch kurz HaHa, pardon HöHa, nennen, kommen Schüler mit mittlerer Reife. Heute heißt mittlere Reife übrigens Fachoberschulreife. Meint zwar dasselbe, aber so ein Begriffsupgrading hat schon seine Bedeutung. Und wenn sie darin besteht, dass man mit dem neuen Begriff nichts mehr anfangen kann.
Mittlere Reife hat doch was, das ist griffig. Da bekommt der Satz „Jetzt bist Du aber reif“ eine völlig neue Dimension! Die abgebende Schule zertifiziert dem Absolventen einen angeblichen Reifegrad mittlerer Güte. Mittlere Reife, da weiß man, was man hat. Wie bei Persil. Aber was, bitteschön, soll denn Fachoberschulreife bedeuten? Das versteht kein Hirni mehr, auch wenn es sich eleganter anhört.
Da saßen sie nun, meine Schüler, die durch bloßes Nichtstun in der 10. Klasse ihren mittleren Bildungsabschluss erhielten und sich mit geschönten Noten an unserem Berufskolleg beworben hatten. Wie jeden Montag war die Klasse, sagen wir einmal, sehr lebhaft. Ich ging davon aus, dass sie es kaum erwarten konnten, an meinem reichhaltigen Wissen der Betriebswirtschaftslehre zu partizipieren. Tatsächlich tauschten sie ihre Wochenenderlebnisse aus.
Kritiker behaupten ja, die BWL sei keine richtige Geisteswissenschaft, sondern eine Pseudowissenschaft, die sich bei den wirklichen Wissenschaften bedient und sich den essentiellen Fragen unserer Gesellschaft gar nicht stellt. Den BWLern wird vorgeworfen, sie hielten sich für unfehlbar, so wie unser Papst in Rom. Diesen Kritikern kann ich nur entschieden entgegnen:
„Stimmt, Ihr habt absolut Recht. Trotzdem könnt Ihr mich alle mal kreuzweise!“
Ich liebe die Betriebswirtschaftslehre in all ihren Facetten!
Für die heutige Stunde hatte ich mir vorgenommen, der Klasse etwas über Kosten, Erlöse und Gewinn zu erzählen. Das gehört zum Handwerkszeug eines jeden Wirtschaftsschülers. Kann aber auch zur wahren Folter werden! Wenn ich von den Erlösen die Kosten abziehe, erhalte ich den Gewinn oder den Verlust, je nachdem. Ist eigentlich relativ simpel. Das versteht auch mein Labrador, wenn ich einen hätte.
Nach etwa einer dreiviertel Stunde hatte ich sie bereits soweit, sie hingen ausdruckslos an meinen Lippen. Ich entwickelte gerade eines meiner genialen Tafelbilder, wobei ich darauf achtete, meine Klamotten im Sinne meines unverehrten Fachleiters Oskar Oede nicht zu sehr mit Kreide zu besudeln.
„Bei linearem Verlauf hat die Gesamtkostenfunktion die identische Steigung wie die variablen Kosten.“
Kai befingerte in meinem heiligen Unterricht ungeniert die Steigungen von Daniela.
„Kai und Daniela, könnt Ihr Eure nonverbale Kurvendiskussion bitte in die Nachmittagsstunden verlegen? Dann habt Ihr sicherlich genügend Zeit, Euch zu berühren. Hausaufgaben sind ja ein Fremdwort für Euch.“
Danielas Blick vermittelte den Zorn Gottes. Ich fuhr in meinen begnadeten Ausführungen fort.
„Die Erlösfunktion beginnt, wie ihr ja alle wisst, im Ursprung.“
